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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 69
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXVII.

Draußen vor dem Hause war ein kleines Schild angebracht, auf dem stand: Thomas Truck, prakt. Arzt.

Den Doktor hatte er nicht gemacht. Er haßte den Titel. Außerdem hätte es dazu auch nicht gereicht. Man konnte das Geld besser brauchen.

Sie hatte sich darüber geärgert. »Frau Doktor« klang so gut.

Er hatte sie nur ausgelacht. »Frau Thomas Truck« muß klingen, darauf kommt es an!

Seinem Wesen war Eitelkeit im Innersten fremd.

Das Schild hing an dem Hause; aber die Kranken ließen sich nicht blicken. Was mußte das für ein« sonderbarer Medikus sein, der im vierten Stock in einem engen Zimmer, das Wohn-, Schlaf-, Eßgemach und Arbeitsraum darstellte, auf Patienten wartete!

Für die Sprechstunde hatte ihm allerdings die Wirtin das »Bettina-Zimmer« zur Verfügung gestellt. –

Er kam mit den Freunden jetzt seltener zusammen. Nun alles vorüber war, fühlte er eine Todesmattigkeit. Er kam sich so zerbrochen, so müde vor. Manchmal fielen ihm die Augen zu mitten bei der Arbeit. Das Leben war so schwer und für ihn jetzt so neu und anders.

Er lebte in Sorgen um sie. Ruhe wollte er ihr geben und reines Denken. Unter seinen Händen sollte sie neugeboren werden. Freilich war ihm die Ehe etwas, an das er sich langsam und nur schwer gewöhnen konnte. Wenn sie längst schlief und er noch mit offenen Augen dalag, beschlichen ihn Ängste und Zweifel.

Darüber konnte er sich nicht täuschen, daß ihre Naturen von Grund aus verschieden waren. Und dennoch durfte er ihr nicht zeigen, daß ihre wilde Art ihn abstieß. Alle Probleme lagen für ihn im Geistigen. Er fühlte, daß er sinnenfroh war und schämte sich dessen nicht. Aber durch sein ganzes Wesen ging ein tiefer Zug nach Meisterung und Veredelung, ein nie zu stillender Drang nach Bergeshöhen.

Hierin begriff sie ihn nicht. Sie verstand überhaupt sein Schaffen nicht. Was sollten denn diese nutzlosen Schreibereien, bei denen er sein ganzes Geld zugesetzt hatte? Sie trugen nichts ein und gefährdeten nur die Existenz. Sie begann an ihm zu bohren. Den ganzen Krempel sollte er fahren lassen.

»Das sind ja alles Hungerleider«, murrte sie ärgerlich, »von denen mußt du dich losmachen. Du mußt dich richtig niederlassen, sonst wird es nichts mit einem regelrechten Einkommen.«

Er blickte sie groß und verwundert an. Er setzte ihr auseinander, daß das gar nicht seine Absicht sei, daß er nur, um einen letzten Halt zu haben, seine Studien beendet hätte, daß sein ganzes Leben dem freiheitlichen Ideal gelte.

Sie hörte ihm ruhig zu. Als er aber zu Ende war, entgegnete sie trocken: »Nimm mir's nicht übel, das ist überspannter Unsinn!«

Das Wort traf ihn wie ein Peitschenhieb. Er konnte es lange nicht vergessen.

Er suchte sie mit Güte zu überzeugen. Er versuchte alles Erzieherische beiseite zu lassen. Sie sollte aus sich selbst heraus zu den Dingen und Erkenntnissen kommen, die er ihr wünschte.

Sie rührte sich nicht. Sie war erbost, daß er nicht auf sie hören wollte.

Er wurde gegen sich selbst widerborstig, wenn sein Mut sinken wollte. Wie konnte er das von ihr verlangen! Und immer wieder trieb er sich an, nachsichtig, nein, nicht nachsichtig, sondern geduldig und verständnisvoll zu sein. Sie mußte wie ein Pflänzchen behandelt werden, das schon dem Eingehen nahe war, und das der Gärtner unermüdlich, auch wenn es zuerst allen seinen Bemühungen trotzt, hegt und pflegt.

Er merkte nicht ihren schlecht verhehlten Ärger.

Anstatt daß sie es endlich auch einmal so gut bekommen hätte wie die anderen, war sie in Armseligkeit und Entbehrung hineingeraten. Die Schuld maß sie seinem Eigensinn bei. Er brauchte nur zu wollen, und es würde anders werden. Sie beschimpfte ihn in ihrem Innern. Er kam ihr überhaupt so komisch vor. Immer verglich sie ihn mit dem anderen, der sie mit seinen breiten Bauernhänden einfach gerüttelt hatte, wenn sie ihn quälen wollte. Der hat ja gar keine Knochen, dachte sie voll Hohn. Und manchmal zerbrach sie sich über sein wunderliches Wesen den Kopf und blinzelte verstohlen zu ihm hinüber, um ihn zu ergründen.

Die Leute vom »Festsaal« haßte sie aus ganzem Herzen. Sie war außer sich, wenn Thomas zu den Redaktionssitzungen ging, die seit seiner Verheiratung bei der Brose stattfanden.

Als er eines Abends nach Hause kam, fand er sie nicht.

Er wartete und wartete, um mit ihr das spärliche Abendbrot zu essen.

Er wartete – und sie kam nicht.

Es wurde immer später und später.

Er begann furchtsam zu werden.

Er zündete keine Lampe an und gab sich ganz seinen einsamen Gedanken hin. Es war ihm so schwer zumute, das Kämpfen wurde immer härter und dazu all die kläglichen Sorgen um das bißchen Brot. Er selbst konnte ja hungern, ihm machte das nichts. Für ihn gab es anderes, das tiefer herabdrückte – aber die Verantwortlichkeit für sie!

Nur durch die Liers hatte er Praxis. Wo sie konnte, zog sie ihn hinzu. Und nach arbeitssauren Tagen stellten sich dann noch die Nächte ein, die er gemeinsam mit der Hebamme durchwachte.

Meistenteils waren es nur arme Leute, bei denen er sich schämte, auch nur einen Groschen zu verlangen, trotz der Vorwürfe der Liers, die sich doch selbst auf das Geschäft nicht verstand.

Stundenlang saß er stumm mit ihr am Bette.

Die Liers stierte dann traurig vor sich hin und achtete sein Schweigen. Diese dicke Person hätte sich eher die Zunge abgebissen, als daß sie eine Frage an ihn gerichtet hätte.

Einmal sagte er zu ihr aus dumpfen Brüten heraus: »Liers, was ist das für ein Verbrechen, Kinder in die Welt zu setzen! Woher nehmen die Menschen den Mut dazu?« Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Ich begreife es nicht!«

Die Liers verstand die Kunst des Zuhörens. Sie erwiderte nichts.

Er wußte, daß sein wortkarges und einsilbiges Wesen allen aufgefallen war. Und in dieser Stunde des vereinsamten Grübelns gestand er es sich selbst ein, daß er vor den Freunden sich verschloß.

Er lauschte auf.

Er glaubte Schritte gehört zu haben ... nein, es war Täuschung gewesen ...

Wieder versank er in Nachdenken.

Es klopfte zitterig an seine Tür.

»Herein!«

Die Wirtin blieb mit einer kleinen Lampe am Eingang stehen. »Soll ich Ihnen etwas zum Abend machen, Herr Doktor? Nämlich«, setzte sie hinzu, »die Frau hat gesagt, sie käme vielleicht später.«

Er hörte kaum hin. »Ich danke«, antwortete er freundlich.

Wieder wurde es dunkel um ihn. Und in dem Dunkel tauchte ein Bild auf, das ihn peinigte.

Er schrie verwundet auf.

Er warf sich auf das Sofa und wollte schlafen, aber kein Schlaf kam über ihn.

Es wurde tiefe, tiefe Nacht ... Am Ende ist ihr etwas zugestoßen ...

Und plötzlich warf er sich den Mantel um, setzte den Hut auf und stürzte hinunter ...

Vor dem Hause machte er ratlos Halt. Wo sollte er sie denn suchen, wo denn? Das war ja Torheit! ...

Wenn ihr wirklich etwas zugestoßen war? Nein ... nein ... nein, entgegnete er sich gequält.

Da zuckte er auf einmal empor.

Er sah etwas auf sich zuschreiten ... Eine Gestalt, die hin und her schwankte ... Das konnte sie doch nicht sein?

Er ging mit großen Schritten auf sie zu ... Ein entsetzlicher Geruch drang ihm entgegen ...

Das sind Halluzinationen ... ich halluziniere, sagte er zu sich selbst. Geruchshalluzinationen! ...

»Bist du es?« stammelte er.

Sie hängte sich schwer an seinen Arm. Er mußte sie förmlich vorwärts schleppen. Der furchtbare Geruch verließ ihn nicht mehr.

Sie gab nur lallende Antworten.

Da hörte er auf zu fragen. Er selbst bewegte sich nur mühsam. Er war wie betäubt. Als ob ihn jemand zu Boden geworfen, und als ob er das Bewußtsein verloren hätte. Er zerrte sie die Treppen hinauf und kam keuchend oben mit ihr an. Die Fenster öffnete er weit.

Er brachte sie zu Bett und stöhnte in sich hinein.

Dann verließ er das Haus und jagte durch die Finsternis.

Und diese ganze Nacht irrte er obdachlos umher ...

Erst als der Morgen graute, trat er zerschlagen den Heimweg an.

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