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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 67
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XXV.

Am Abend des folgenden Tages teilte Thomas den Freunden mit, daß er sein Examen als praktischer Arzt bestanden habe. Es war für alle eine völlige Überraschung, die mit warmem Anteil und ehrlichem Respekt aufgenommen wurde. Aber ihre Freude wurde um ein Erkleckliches gedämpft, als sie gleichzeitig erfuhren, daß er bereits in den nächsten Wochen die Katharina Dirckens für immer an sich ketten wollte.

Die Brose machte ein entsetztes Gesicht. Und obwohl sie fühlte, wie sie ihn verletzte, vermochte sie doch nicht, sich Zwang aufzuerlegen.

Eine ätzende, schmerzhafte Bitterkeit ging durch seinen ganzen Körper. Er war abgespannt und erschöpft von dem, was er in diesen Wochen geleistet und innerlich durchlebt hatte. Er sehnte sich nach einem spärlichen Ausruhen, er sehnte sich nach Stille, Güte und Frieden. Und nun kamen diese Menschen, an deren Seite er stritt und litt, und gossen über seine warme Freude eisig kalte Wasserstrahlen. Das war also Kameradschaftlichkeit, die Treue, mit der man zusammenhielt! Er pfiff darauf. Alles war Trug und Wahn gewesen. Man stand allein ... für sich allein ...

Am meisten grämte ihn das Verhalten der Brose.

Sie mochte ahnen, was in ihm vorging. »Ich weiß«, sagte sie und holte schwer Atem, »daß uns diese Stunde vielleicht für immer auseinanderbringt. Ich weiß es, und doch muß ich sprechen.« Und während auf ihr strenges, nachdenkliches Gesicht ein bettelnder, hoffnungsloser Ausdruck trat, fuhr sie mühsam fort: »Wenn es noch nicht zu spät ist, so hören Sie dieses eine Mal auf mich. Machen Sie sich los, machen Sie sich um alles in der Welt von der Frau los!«

Sie sah, wie sein Gesicht vor Zorn entstellt wurde. Ohne sich dadurch beirren zu lassen, sprach sie weiter: »Ich sehe Sie rennen in Ihr Unglück, mit sehenden, nein, mit blinden Augen rennen Sie in Ihr Unglück.«

»Ja, was ist denn das!« schrie Thomas, und sein ganzer Unwille brach gewaltsam durch. »Was wollen Sie denn eigentlich? Kennen Sie dieses Mädchen?«

»Ich kenne sie genügend, um zu wissen, daß es Ihr Unglück ist«, entgegnete die Brose, indem sie zitternd seinen Blick ertrug.

»Sie kennen sie?« fragte er verblüfft.

Die Brose nickte.

»Sie haben hinter mir herspioniert!«

Sie schüttelte stumm und traurig den Kopf.

Er begriff diese Frauensperson nicht mehr. »Was können Sie ihr denn zum Vorwurf machen? Daß sie unglücklich ist?«

Die Brose biß sich einen Augenblick auf die Unterlippe und richtete sich ein wenig auf. »Ich würde mit ihr Mitleid haben, wenn – wenn sie nicht Ihren Weg gekreuzt hätte.« Und hastig, als fürchtete sie, er könnte sie unterbrechen, setzte sie hinzu: »Dieses Mädchen ist verbraucht vom Leben ... sie ... sie ...« krampfhaft suchte sie nach einem passenden Ausdruck, »sie ist fleckig geworden. Sie wird für Sie eine Last sein, die Sie zu Boden schleifen wird. Ich sehe es ... ich sehe es ganz deutlich. Ich dachte an etwas Reines, Schönes und Edles, wenn ich mir die Frau vorstellte, die ...« – sie hielt plötzlich inne, dann schloß sie kaum hörbar: »Ich dachte an ein Mädchen, das wir durch Sie erst kennen lernten.«

Sie blickte jäh zur Seite.

Sie wußte, daß sie ihm nichts Schmerzhafteres hatte sagen können, und sie wollte jetzt nicht sehen, was auf seinem Antlitz vorging.

Er brachte keinen Laut hervor. Alles in ihm war wund. Sie hatte ihn an der Stelle getroffen, an die er nicht zu rühren gewagt hatte. In dem Augenblicke glaubte er, daß er sie haßte und verachtete, und wieder sprach er zu sich: Gibt es etwas Schlimmeres als Menschen untereinander? Alles rühren sie in einem auf. Nur in sich selbst fand man einen Anker, nur in seiner Einsamkeit einen Hafen. Alles andere war verlogen von Grund aus. Alles andere?

Eine beklemmende Verzweiflung ergriff ihn ... alles andere? ...

Und noch schlimmer erging es ihm bei Heinsius, den er bat, einer seiner Trauzeugen zu sein. –

»Sie wollen mich wohl zum besten haben?« erwiderte er brüsk, und seine erweiterten, großen Augen, aus denen der Tod leuchtete, funkelten tief auf. »Ich soll mich an Ihrer Riesendummheit mit meiner Person beteiligen? Nein, mein Lieber, dazu bringen Sie mich nicht! Selbst wenn man ein Übermensch ist, begeht man solche Verbrechen nicht im Angesicht des Todes.«

Diese Worte brachten Thomas um den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung. Er kaute beständig an seiner Lippe ... Er rang mit sich selbst. Er wollte sprechen, aber die Laute blieben ihm in der Kehle stecken, als ob sie auf unüberwindliche Hemmnisse stießen.

Die anderen bekamen Furcht und atmeten erleichtert auf, als es endlich bei ihm zum Ausbruch kam: »Seid ihr denn toll geworden? Bin ich denn ein Kind, das ihr bevormundet? Wollt ihr freien Menschen mich binden?« Er sah sich hilflos im Kreise um. »Wenn ich nur wüßte, was ihr euch dabei denkt«, brachte er mühsam hervor und klammerte sich an die Lehne des Stuhles. Ihm war es, als müßte er umfallen. Und als er keine Antwort erhielt, entrang es sich ihm in einem Ton, der fast weinerlich und schluchzend klang: »Traut ihr mir denn nicht die Verantwortung für mein eigenes Handeln zu? Ist das die ganze Achtung, die ihr für mich übrig habt?«

Heinsius sah ihn mitleidig an. »Sie sind im Fieber, Sie wollen sich durchaus eine Suppe einbrocken, die giftig ist!«

Er kam sich in diesem Kreise, wo alles von ihm abfiel, hundertfach verraten und verkauft vor. Ihm wurde auch nicht leichter und froher, als er endlich eine Hilfe bekam, da, wo er sie am wenigsten erwartet hatte.

»Ich finde euch alle unverantwortlich und blödsinnig«, sagte der Mechaniker. »Man kann und darf niemanden hindern, in sein Unglück zu gehen! Was geht euch das an? Außerdem sehe ich gar nicht ein, daß ihr recht behalten müßt. Und schließlich«, setzte er mystisch hinzu – niemand begriff mehr diese letzten Worte –, »konnte ihm vielleicht kein größeres Glück begegnen als dieses, sein Unglück.«

Thomas hatte ihm mit verzweifelter Aufmerksamkeit zugehört. Was meint er mit dem Schluß, fragte er sich. Aber gleich darauf fuhr er langsam mit der Hand über seine schwere Stirn. Er sah sie alle, wie das in seiner Gewohnheit lag, erst eine volle Minute ruhig an, während seine Mundwinkel schlaff und vergrämt wurden.

Er machte mehrere Ansätze zum Sprechen und verschluckte immer wieder die Worte. Auf einmal lächelte er, zog die Brauen ein wenig empor und sagte, Silbe für Silbe betonend: »Habt Dank für euern Glückwunsch.«

Dann griff er rasch nach seinem Hut und entfernte sich.

Dieses war die Verlobung des Thomas Track.

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