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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 64
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XXII.

Es blieb nach dem letzten heftigen Streite unter den Freunden ein beträchtlicher Rest von Verstimmung zurück.

Thomas hatte wohl gesagt: »Kinder, es ist Unsinn, wenn wir uns das Leben sauer machen! Das, was uns trennt, ist verhältnismäßig gering und sogar notwendig, wenn wir uns gegenseitig fördern sollen. Das, was uns zusammenhält, muß andererseits stark genug sein, um Mißstimmungen dauernd zu bannen!«

Man gab ihm hierin wohl recht, aber man blieb dabei, daß seine Taktik falsch sei und das Emporkommen des »Festsaals« hemme.

Er nahm es ruhig hin, ohne von seiner Festigkeit auch nur einen Deut aufzugeben. Er war jetzt von zu vielen Dingen in Anspruch genommen. Ganz im stillen neben seiner Redaktions- und schriftstellerischen Arbeit legte er die Stationen seines Examens zurück. Niemand wußte davon. Die Notwendigkeit eines abgeschlossenen Berufes war ihm selbst in seinen Sorgen klar geblieben. Die Einnahmen aus dem »Festsaal« waren kläglich. Er begann mit dem Pfennige zu rechnen. Seine Kleidung war armselig und dürftig. Er trug nur noch Wollwäsche, weil er die Kosten für die Reinigung von Kragen, Manschetten und Vorhemden nicht mehr aufzubringen vermochte. So oft er den Weg zum Examen antrat – und dies geschah immer in Zwischenräumen von mehreren Wochen – lieh er sich einen Frackanzug, den er gleich in dem betreffenden Geschäfte anzog, damit sein Tun verborgen bliebe.

Am meisten Sorge machten ihm die Examenkosten. Er schämte sich um dieser Ausgabe willen vor den Freunden. Er kam sich beinahe wie ein Dieb an dem gemeinsamen Vermögen vor. Dazu kam noch die Angst um Heinsius, der immer mehr kränkelte und abfiel, ohne daß er sich zu einer vernünftigen Lebensweise bewegen ließ.

Er hatte eines Tages unwirsch und brummig seine sieben Sachen gepackt, um sein Quartier zu wechseln.

Thomas hatte ihm zuerst erstaunt zugesehen. Als er ihn dann fragte, was das alles zu bedeuten habe, antwortete ihm der Volksschullehrer kurz und grob: »Sie kontrollieren mich zu sehr! Sie sind Medizinmann, und das Gelichter kann ich nicht vertragen!«

In Wahrheit verließ er die gemeinsame Mansarde, weil er seinen körperlichen Verfall ganz deutlich wahrnahm und für Thomas die Gefahr der Ansteckung fürchtete. Er hatte mit der Brose zuerst darüber gesprochen, und sie hatte ihn in seinem Vorhaben bestärkt.

»Ich will niemandem dankbar sein«, murrte er, um jeden Verdacht zu zerstreuen, als ob ihn ein Gefühl von Güte leite.

Trotz aller auf ihn einstürmenden Nöte und Kümmernisse ging Thomas aufrecht und gerade. Er speiste seit einiger Zeit zur Verwunderung und Betrübnis der Brose und Maria Werfts allein.

Einen Tag nach jener Begegnung in der Heilsarmee hatte er von dem Mädchen ein paar Zeilen erhalten, denen zwanzig Zehnpfennigmarken beigelegt waren. Sie wohnte draußen dicht am Kreuzberg in der Hornstraße 11 in einer Kammer des vierten Stockes. Ihr Name war Katharina Dirckens.

Zuerst hatte er die Geschichte als ein flüchtiges Erlebnis betrachten wollen. Aber bald wurde es ihm klar, daß es sich hier für ihn um etwas handelte, das von seinem ganzen Menschen Besitz genommen hatte. Er hatte während dieser Tage nicht arbeiten können. Ihr Schatten folgte ihm auf Schritt und Tritt. Auch sie stellte für ihn einen Teil des Volksgrames dar, ein Stück vom Leiden des gequälten Volkes.

Es ist nicht allein das Mitleiden, sagte er zu sich selbst, betrüge dich doch nicht! Ich fühle ihre Augen – ich empfinde ihre schmalen Hände! Und in all seinen Sorgen erfüllte es ihn mit fremder Freude, wenn er sich daran erinnerte, daß ihr Atem ihn getroffen, und daß sie ihn flüchtig berührt hatte.

Und so eine nennen sie verloren ... eine Stimme in ihm rief laut: das ist eine, an der die anderen schuldig sind. –

Dann hatte er sie eines Abends abgeholt, und von nun an speisten sie gemeinsam in einem vegetarischen Restaurant in der Nähe der Dorotheenstraße. Dort nämlich arbeitete sie.

Das Mädchen begann auf ihn immer stärker zu wirken. Sie stieß ihn ab, wenn sie Gott und die Welt lästerte; aber sie zog ihn um so fester an, wenn er sie in ihrem zerstörten und bis auf die Wurzel bitteren Empfinden betrachtete.

Einmal sagte sie heftig zu ihm: »Sie haben gut reden! Was ist Ihnen denn im Leben Arges zugestoßen? Sehen Sie mir an!«

Nie hatte ihn ihr falsches Sprechen so beunruhigt und verletzt wie in dem Augenblicke, wo sie sich über ihr Schicksal beklagte. Aber gleich darauf schalt er sich: das ist ja geistiger Hochmut, fuhr er sich an. Was liegt denn wirklich daran, ob einer »mir« oder »mich« richtig anwendet! Das flachste Geschöpf kriegt ja das in seinen Schädel.

Unmittelbar darauf zuckte er zusammen, als sie das Messer zum Munde führte und ableckte. Er wollte sie darauf aufmerksam machen, unterdrückte es jedoch.

So ein polierter Kulturmensch bin ich! ... Ist sie darum weniger?

Er kam zu dem Schlüsse, daß die ganze Erziehung, alle besseren Gewöhnungen nur zu unverschämten und anmaßenden Urteilen führten. Dennoch konnte er nicht ganz Herr über sich werden. Zuweilen brauchte sie starke und gemeine Ausdrücke, und dies geschah besonders häufig, wenn sie von dem Vater ihres Geliebten, oder von ihren eigenen Eltern sprach. Dann trat überhaupt auf ihr Gesicht ein roher, tierischer Ausdruck. Ihre Sprache wurde zischend: »Die Hunde, die Sippe!« brachte sie grimmig hervor, unfähig, sich zu beherrschen.

Es verstimmte ihn wohl – aber aus allem fühlte er doch nur ihr Leid heraus.

Mit einem schlauen Fraueninstinkt merkte sie rasch, wodurch sie ihn sich entfremdete. Sie sagte dann zu ihrer Entschuldigung: »Ich kann nichts dafür; so wie ich bin, haben mich die anderen gemacht!« Und in Trotz und Härte blickte sie ihn dabei an.

In dieser Zeit bewahrte sie völlig ihre Unabhängigkeit. Niemals durfte er für sie bezahlen. Auch suchte sie sich vor ihm zu bezähmen und in Schranken zu halten.

Oft sprach sie kein Wort. Sie nahm nur seine Hand und streichelte sie wie am Abend ihrer ersten Begegnung. Am Fortgang seines Examens nahm sie ein auffallendes Interesse, nicht selten frappierte sie ihn durch ihre kundigen Fragen.

»Nehmen Sie sich nur vor Virchow in acht! Das ist ein sauberer Herr, der läßt die meisten durchfallen!«

Dazu lächelte er nur. Ein fremdes Rauschempfinden durchdrang ihn. Ich liebe sie gewiß nicht in dem Sinne, was man Liebe nennt, wähnte er. Dennoch fühlte er sich in ihrer Nähe glücklich.

Sie hatte eine merkwürdige Art, ihn an sich zu locken. Sie ahnte es gleichsam, daß ihr Kummer ihn drückte, daß er freudig wurde, wenn ihre Miene sich einmal flüchtig aufhellte. Sie merkte, daß er verwirrt und unsicher wurde, wenn sie ihn mit ihren dunklen Augen verlangend anblickte. Sie fühlte ganz deutlich, daß er einsam war wie sie und nach Wärme sich sehnte. Und sie fühlte, daß von ihr Wärme zu ihm drang ...

Sie begannen, sich aneinander zu gewöhnen.

In ihm stieg ein Wunsch auf, der langsam von ihm Besitz nahm. Was müßte das für eine Seligkeit sein, wenn man diesem zerbrochenen, armen Wesen die Ruhe, den Frieden, die Güte, das Glück wiedergeben könnte ...

Und der Gedanke verließ ihn nicht mehr. Er wuchs und wuchs bei Tag und bei Nacht. Er ergriff jede Faser von ihm, er reifte in dem dunklen, unergründlichen, fruchtverlangenden Erdreich seines Herzens. Ich tue es ja nur um meiner selbst willen, sagte er, als wollte er sich rechtfertigen und freisprechen, wenn ich sie loslöse aus schwerer Vergangenheit! Was gibt es denn Reicheres und Besseres, als wenn man einen Menschen hat, dem man alles sagen kann, in dessen Nähe alle Last und Bürde für Stunden wenigstens von einem fallen. Darnach habe ich gehungert und gedürstet all die Jahre.

Und er empfand deutlich, wie einsam er immer gewesen war, glücklos bei seinen Arbeiten. Die einzige Erfüllung besteht ja nur darin, daß man einen anderen befreit. Das ist der tiefste Sinn des Lebens und der Liebe. – –

Und diese Tage ihres Beisammenseins fand er doppelt schön, weil keine Seele darum wußte.

Eines Nachts brachte er sie spät heim.

Schweigend hatten sie den Weg zurückgelegt. Mit schweren Händen schloß er das Haustor auf ... sein ganzer Körper war in Aufruhr ... und plötzlich flirrte es ihm vor den Augen ... er beugte sich zu ihr und küßte sie sanft auf ihren weichen, geschmeidigen, braunen Hals.

Als er aufsah, trafen sich ihre Blicke.

Sie stand zitternd und leuchtend vor ihm. An diesem Abend schieden sie wortlos.

Unterwegs flüsterte er mit heißen Lippen beständig vor sich hin: Katharina Dirckens ... Katharina Dirckens ...

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