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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 63
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXI.

In der folgenden Redaktionssitzung des »Festsaals« gerieten die Köpfe hart aneinander.

Es wurde Thomas von Fründel der unverblümte Vorwurf gemacht, er neige zu Kompromissen, er verwische das »Ziel«, er führe einen zu zahmen, sanftmütigen Ton, und er kokettiere mit Geistesrichtungen, die bekämpft werden müßten. Lobpreisungen der Bestrebungen des Herrn von Egidy im »Festsaal« seien nicht nur weichselig, sondern unwürdig.

Fründel hatte es Thomas nicht vergessen, daß er damals die Aufnahme seines Artikels verweigert hatte. Seiner Anklage stimmte nicht nur der Volksschullehrer bei, dem das Tempo viel zu langsam ging, sondern auch Lissauer, der nach seinem ersten öffentlichen Erfolge in Kraftgefühlen schwelgte.

Nur die Brose hielt fest zu Thomas. Sie war über diese Angriffe empört und gab ihrem Unwillen in starken Worten Ausdruck. Auch der kleine Blinsky und Liers unterstützten Thomas, wenigstens nahmen sie nicht teil an den Angriffen gegen ihn.

Es kam zu einem Auftritt von leidenschaftlicher Heftigkeit.

»Ihr wollt frei sein!« rief Thomas, und der Zorn schüttelte seinen ganzen Körper, »aber die Freiheit des anderen wollt ihr nicht gelten lassen!« Und als man ihn unterbrechen wollte, stampfte er mit den Füßen auf. Die ganze ungestüme Art seiner Jugend, über die er längst hinausgewachsen zu sein glaubte, brach brausend durch.

Es hatte nur eines Anstoßes bedurft. Die ewigen Geldsorgen und Ängste der letzten Wochen hatten ihn ohnedies aufgerieben.

»Ihr seid Kindsköpfe!« schrie er, »und Dogmatiker gerade so wie die anderen! Wer nicht in allem und jedem eurer Meinung ist, den möchtet ihr am liebsten zum alten Eisen werfen. Mir kommt das kleinlich, kindisch und dumm vor! Ich lasse mich von euch nicht biegen! Ich bin ich, ich bin mein Eigener!«

Und dröhnend schlug er mit der Faust auf den wackeligen Redaktionstisch, und ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er sie alle verblüfft zurück und stürmte ins Freie.

»Was ist denn dem in die Krone gefahren?« fragte Heinsius etwas sarkastisch.

»Euer Hochmut«, antwortete die Brose ernst und traurig.

Als Thomas auf der Straße war, eilte er hastig eine Weile dahin. Alles war in ihm unruhig und erregt.

Es ist gut, daß ich's ihnen deutlich gesagt habe, dann lächelte er eigentümlich vor sich hin. So eine Gesellschaft ... so eine Gesellschaft, murmelte er. Ach Gott, das sind ja alles Dummheiten, furchtbare Dummheiten. Wozu zankt man sich eigentlich? Es ist zu kindisch. Wozu machen wir uns das Leben sauer? Wir wollen ja alle das Gleiche ...

Er wollte wieder umkehren, aber er besann sich eines anderen.

Ich tue es nicht! Es ist gut so, daß sie es wissen! Es ist gut so!

Er blickte auf. Was war denn das? Er stand vor einem Hause, an dem ein Riesentransparent angebracht war. Auf blauem Grunde mit weißen Lettern stand: Heilsarmee.

Er sah auf die Uhr. Es war achteinhalb. Ihn reizte es hineinzugehen.

»Kaufen Sie doch den Kriegsruf!«

Er hörte es im Geiste. Er sah plötzlich eines dieser entsetzlich uniformierten Frauenzimmer, die demütig auf den Straßen den Kriegsruf des Generals Booth feilboten.

Über einen engen Hof schritt er. Eine schmale Stiege führte zu dem Versammlungssaal. In einem Vorraum empfing ihn ein angestellter, glattrasierter Beamter und wies ihn zurecht.

Es war ein mittelgroßes Zimmer, in das er trat. Die kahlen Wände waren nur von knallroten Bibelsprüchen durchbrochen. Das ganze Möblement bestand aus Bänken. Am äußersten Ende war eine Kanzel errichtet.

In einem Winkel des Saales saß ein Pferdebahnkutscher zusammengeduckt. Er war eingeschlafen, sah und hörte nichts.

Im ganzen waren etwa dreißig Menschen jeder Altersstufe versammelt. Die meisten hatten erloschene Gesichter. Sie stierten wie magnetisiert auf die drei Frauenspersonen, die die Kanzel besetzt hielten.

Als Thomas in dem Zimmer erschien, hatte das Frauenzimmer in der Mitte, die den sogenannten Rang eines Kapitäns bekleidete, den Vers eines Chorals nach einer weltlichen Melodie vorgesungen.

Nun hielt sie eine Sekunde inne, und gleich darauf sang die ganze Versammlung, während sie mit beiden Händen dazu Takt schlug, den Vers nach.

Es dünkte Thomas, als ob die Menschen in einer dumpfen, sinnlosen Hingebung die Worte plärrten.

Als man zu Ende war, sprach die Kapitänin, aus deren pockennarbigem Gesicht fanatische Eifereraugen glühten, mit einer sich überhastenden und überstürzenden Beredsamkeit heilige Dinge, in denen immer wieder als Refrain die Worte: »Jesus ... Sünde ... und Erlösung« wiederkehrten. Und dabei erzählte sie beständig, was sie Jesus alles zu danken habe. Mitten in der Rede wandte sie sich an die Person zu ihrer Rechten und forderte sie auf, auch eine Geschichte aus ihrem Leben mitzuteilen.

Und nun begann diese genau in der gleichen, fließenden, förmlich eingelernten Art, die um kein Wort und keinen Ausdruck verlegen war, ihren Vortrag.

»Ich habe am Rande des Verderbens gestanden«, begann sie, »Jesus hat mich befreit! Nun bin ich selig ... selig ... selig! Geht zu Jesus, auf daß er euch selig macht, solange es noch Zeit ist. Zu Jesus, meinem Seelenbräutigam!«

Jetzt sang die junge Frauensperson links wieder nach einer weltlichen Melodie einen Choralvers, und wieder setzte die Versammlung ein, während das Mädchen mit beiden Händen taktierte.

Und immer müder und verschlafener wurden die Gesichter der Anwesenden. Aber sie sahen starr auf die Kapitänin, die beständig mit dem Kopfe nickte.

Das sind ja die reinen Zwangsübungen, dachte Thomas und erhob sich schwerfällig.

Er wollte den Raum verlassen, aber er stockte plötzlich ... Er begegnete zwei, wie ihm zuerst schien, boshaften, dunkelbraunen Augen, die auf ihn gerichtet waren. Sie gehörten einem schlanken Mädchen mit zigeunerbraunem Teint. Um den Kopf hatte sie ein rotes Tuch geschlungen.

Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, betrachtete er sie genau. Er fand, daß ihre Züge etwas Verbittertes und Vergrämtes hatten, etwas, das ihn festhielt.

Langsam wandte er ihr den Rücken und verließ die Gebetstube. Langsam schritt er auf der Straße vorwärts. Ein ihm bisher fremdes Gefühl beherrschte ihn. Diese Augen verfolgten ihn und ließen ihn nicht mehr los. Sie hüpften gleichsam auf dem Pflaster vor ihm her. Einmal waren sie niederträchtig, dann weinten sie schmerzhaft, dann wieder hatten sie etwas furchtbar Anklagendes.

Das sind ja alles Einbildungen, sagte er vor sich und blickte über das Menschengewimmel. Der Kopf tat ihm weh ... Er stieß einen kurzen Schrei aus. Sie stand unvermutet neben ihm.

»Ja, was ist denn das?« stammelte er verwirrt.

»Ich bin es«, entgegnete sie ruhig und nagte mit den breiten Oberzähnen an ihrer Lippe.

Darauf erwiderte er nichts. Es kam ihm alles traumhaft und seltsam vor.

Sie schritten beide dicht nebeneinander.

»Ich kenne Sie«, begann sie wieder und zupfte sich ihr Kopftuch zurecht.

»Mich?«

»Ja, ich habe Sie neulich reden hören!«

»Ah so«, machte er und schielte von der Seite hinüber. Ihm war es, als ob ihr warmer Atem ihn träfe. »Sie besuchen wohl alle Versammlungen?«

»Nicht alle! Keineswegs alle! Sie meinen von wegen da oben?« Sie lachte kurz auf. »Meine Wirtin hatte mich da mit hinaufgezerrt.« Und nach einer kleinen Pause fügte sie in einem Tone der Selbstverspottung hinzu: »Sie wollte mich retten!« Sie blieb stehen, und indem sie ihren eigenen Gedankengang unterbrach, fragte sie: »Glauben Sie denn an alles das, was Sie so reden?«

»Ich glaube daran!«

»Hm«, machte sie, und um ihren vollen, breiten Mund zuckte es merkwürdig.

»Hat man Sie denn nun heute abend gerettet?« fragte Thomas plötzlich ganz ernst.

»Mich – mich ...?« ihre Züge verzerrten sich, »mich kann niemand retten!«

Es leuchtete wie tiefer, unsagbarer Haß über ihre Miene.

Sie gingen jetzt schneller und schwiegen. Aber auf einmal machte sie vor einer Stehbierhalle Halt. Sie sah gierig in das Schaufenster, in dem vertrocknete belegte Brötchen auf Schüsseln lagen.

»Entschuldigen Sie, ich habe furchtbaren Hunger!« Und gleichsam entschuldigend setzte sie hinzu: »Ich habe heute noch so gut wie nichts gegessen!«

Er hatte schon die Türklinke erfaßt. Es waren nur ärmliche Leute, die hier verkehrten. Sie blickten verwundert auf die Eintretenden.

Das Mädchen beobachtete es nicht; sie schritt ruhig voran. Auf eine hölzerne Bank im äußersten Winkel ließ sie sich nieder. Thomas erkannte jetzt, daß sie elend und erschöpft war.

Eine schmutzige, magere Frauensperson mit einer Schürze, die von den Schultern bis zu den Füßen reichte, fragte nach ihren Wünschen.

»Bringen Sie uns etwas zu essen«, bestellte Thomas, und sich an das Mädchen wendend: »Was wollen Sie trinken?«

»Ich bitte um Bier!«

»Also ein Bier und eine Selters!«

Die Frau brachte im Nu das Bestellte.

Das Mädchen stürzte das Bier hinunter und verschlang das ausgetrocknete Brot. Sie schien wie ausgehungert.

Unterdessen betrachtete Thomas sie. Ihr Gesicht war schmal und gut geformt. Ihre Stirn war niedrig, aber ausdrucksvoll. Wie Seide waren die Wimpern ihrer Augen. Obwohl ihre Nase ein wenig höckerig war, hatte sie doch etwas Feines. Selbst ihr breiter, voller Mund mit den roten, begehrlichen Lippen erschien ihm nicht unschön. Ihr Hals war weich und geschmeidig. Nun, wo sie ihr Kopftuch abgenommen, sah er auch ihr reiches, dunkles Haar, das sie vorn gescheitelt, hinten in einem schweren, griechischen Knoten trug. Sie war ganz altmodisch frisiert, aber gerade das gab ihr etwas Apartes.

Endlich schien sie gesättigt, und nun stützte sie beide Ellenbogen auf den Tisch und legte in die Handflächen ihr elendes, vergrämtes Gesicht.

Ihn erfüllte ein tiefes Mitleid.

Sie starrte jetzt vor sich hin und achtete seiner kaum. Sie schien in ihrer Erschöpfung über irgend etwas nachzugrübeln.

»Wissen Sie, was ich noch möchte?« sagte sie unvermittelt und blinzelte zu dem Büffet hinüber.

Bevor er noch geantwortet, ging sie zur Wirtin und bat sich einen Kognak aus. Dann kam sie zurück, und während ihre dunklen Augen wie belebt aufglänzten, meinte sie: »Wenn Sie wüßten, wie mir das gut getan hat! Mir war ganz schwach im Körper!«

Sie setzte sich wieder und berührte vertraulich, ganz sanft seine Hand. Wie ein Junge wurde er bei dieser Berührung rot.

Sofort zog sie, gleichsam scheu, ihre Hand wieder zurück.

Die Wirtin sah hinter dem Schanktisch zu ihnen hinüber.

»Was die für katzige Bewegungen hat«, raunte sie ihrem Manne zu, der in Hemdärmeln neben ihr stand.

Obwohl diese Worte kaum hörbar gesprochen waren, schien das Mädchen ihren Sinn aufgefangen zu haben.

»Kommen Sie, wir wollen gehen«, sagte sie rasch und verärgert.

Er erhob sich auf der Stelle.

Sie nahm einen kleinen schmutzigen Beutel vor und suchte mühsam ihre Pfennige zusammen.

»Es reicht nicht«, brachte sie erschreckt hervor.

»Aber, mein Gott«, antwortete er verlegen, »wollen Sie denn nicht mein Gast sein?«

Sie warf den Kopf zurück und lächelte argwöhnisch und fremd.

»Ich bin niemandes Gast!«

Und unwillkürlich sah sie dabei auf ihre Hände, die schlank und schön waren. Nur die Fingerspitzen waren zerstochen.

»Wollen Sie mir auf mein Gesicht hin fünfzig Pfennig borgen?« fragte sie, während sie gleichzeitig einen schmalen, goldenen Reifen vom Mittelfinger der linken Hand zog.

Er nickte schweigend, und jeder beglich seine Zeche für sich.

»Haben Sie etwas bemerkt, wie frech diese Person mich angesehen hat?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich aber habe es gesehen. Bande«, setzte sie hinzu und knirschte mit den Zähnen.

»Aber Fräulein!«

»Nee, nee, die Leute kenn ich, die woll'n man bloß ein' ausspionieren! Übrigens, was die Person für einen scheußlichen Kropf hatte«, schloß sie boshaft.

»Sie trauen wohl den Menschen nur Böses zu?«

Sie stieß eine unangenehme Lache aus. Und wieder blieb sie stehen.

»Na, Sie sind aber ein Heiliger! Nicht soviel traue ich den Menschen.« Und dabei knipste sie Zeigefinger und Daumen zusammen.

Ihre Züge verzogen sich jetzt schmerzhaft. »Oh, oh«, machte sie, und es schien ihm, als ob sie fröre.

Sie standen vor einem kleinen Café am Belle-Allianceplatz.

»Kommen Sie, wir wollen hier noch einen Kaffee trinken.«

»Kann ich denn hier hineingehen?« Sie deutete verlegen auf ihr armseliges Fähnchen und ihr rotes Kopftuch.

»Sie können es!«

Ihr Gesicht verdunkelte sich; sie zauderte noch einen Augenblick. Dann lächelte sie trotzig und folgte ihm. –

Drinnen saß eine ganze Gesellschaft von Chinesen in blau- und gelbseidenen Überröcken und schwarzseidenen Hosen. Sie trugen elegante Stulpenstiefel. Die langen, schwarzen Zöpfe hatten sie im Überwurf verborgen. Die älteren von ihnen blickten mit ihren geschlitzten Augen aus Brillengläsern. Ihre gelben Gesichter sahen ernst und nachdenklich aus. Sie nahmen nur wenig an der allgemeinen Unterhaltung teil. Sie sannen vor sich hin und grübelten. Die Mienen der jüngeren dagegen waren lebhaft und aufgeregt. In ihrer Gesellschaft befanden sich etwa vier oder fünf kleine Ladenfräuleins, die sich geschmacklos herausgeputzt hatten und von den Himmelssöhnen bewirten ließen.

An einem Nebentische schlürften ein paar junge Däninnen neben ihren Courmachern Eiskaffee. Ihre zierlichen Gestalten, ihr apartes Wesen, ihre fremdländische Aussprache mußten jedem, der eintrat, sofort auffallen.

Das ganze Interieur bekam durch diese beiden Gruppen etwas Internationales und Eigentümliches.

Und als Thomas und das fremde Mädchen jetzt an einem kleinen Marmortische Platz nahmen, da schien es fast, als ob sie beide durchaus hierher gehörten.

Der Kellner kam tänzelnd heran. »Wünschen?« fragte er etwas hochnäsig und von oben herab.

Zwei Tassen Kaffee wollte Thomas bestellen, aber das Mädchen sah ihn bittend und demütig an.

»Darf ich«, fragte sie und wurde rot dabei, »lieber ein Glas Punsch trinken? Mir ist nämlich so kalt!«

»Gewiß, gewiß«, stotterte er.

»Also eine Schale Braun und einen Punsch?«

»Ja!«

Der Garcon verschwand.

»Wie die komisch aussehen«, meinte sie ablenkend und schielte zu den Chinesen hinüber. »Sehen Sie nur, wie die Seide leuchtet!«

Er antwortete nicht.

»Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich Ihnen nachgelaufen bin. Nämlich das hat seinen Grund. Als ich Sie das erstemal sprechen hörte, wollte ich schon zu Ihnen. Und nachher erst recht. Ich wollte wissen, ob Sie wirklich so sind, wie Sie redeten, ich wollte das wissen«, setzte sie fest hinzu. »Und da waren Sie auf einmal in der Heilsarmee, wo ich Sie nie erwartet hätte. Ich war ganz erschreckt ... zuerst glaubte ich in all dem Singsang zu träumen ... darum bin ich Ihnen nachgelaufen Herr!«

»Es mußte vielleicht so kommen!« Seine Augen erweiterten sich.

Und in diesem Augenblick hielt er in Wahrheit sein Zusammentreffen mit ihr für etwas Gesetzmäßiges. Vorherbestimmtes.

Der Kellner brachte die bestellten Dinge. Der Punsch stand in einem silbernen Untergestell. Das Mädchen nahm das Glas heraus und umschloß es mit beiden Händen, als ob sie sich wärmen wollte.

»Sie werden sich verbrennen!«

»0 nein!«

Sie blickte in das heiße Getränk und sog erst den Duft ein, bevor sie trank. Dann nahm sie einen kleinen Schluck zu sich und schnalzte ein wenig mit der Zunge. Sie guckte verschämt zu ihm auf. Ein kindliches Lächeln verschönte sie.

»Das tut mir so gut!«

Und nun trank sie mit wahrem Behagen, immer nur einen kleinen Schluck. Ihre Züge belebten sich. Sie fing seinen Blick auf, der, wie sie wähnte, prüfend über ihre ganze Gestalt flog. Der Ausdruck ihres Gesichts wurde bitter.

»Wie mager ich bin, nicht wahr?« sagte sie, beinahe gegen sich verächtlich. »Oh, was war ich früher voll und schön! Was hatte ich für volle, schöne Arme ... wie sah ich damals aus!«

Und in der Erinnerung an ihre frühere Schönheit wurde sie tieftraurig und blickte verstimmt und ängstlich vor sich hin.

Und stolz fügte sie hinzu: »Sie hätten mich sehen sollen, was ich damals für ein Mädchen war! Ja, damals! Ach was«, schloß sie, und in der ihr eigenen Art warf sie wieder den Nacken zurück.

Und als wollte sie unnütze und trübe Gedanken verscheuchen, nahm sie ihr Glas und trank es aus. Als sie es niedersetzte, zuckte sie zusammen, als wenn es ihr noch immer kalt wäre.

»Ich muß es in den Gliedern haben, am Ende kriege ich Influenza. Das fehlte noch! Am liebsten tränke ich noch etwas von dem Zeug, ich glaube, das hilft.«

»Ich fürchte nur, daß es Ihnen schlecht bekommt!«

Sie wurde ganz lebendig.

»Wenn ich wirklich Influenza habe«, meinte sie redselig, »so könnte ich es nur so unterdrücken. Ich weiß, daß man mit den Spirituosen die Influenza ersticken kann.«

Er winkte dem Kellner.

»Noch ein Glas Punsch!«

»Was kostet es?« fragte sie schnell.

»Fünfundsiebzig Pfennig.«

»Hu!« machte sie erschreckt. Sie zog ein kleines Notizbüchelchen aus der Tasche und notierte: Zwei Glas Punsch – eine Mark fünfzig; Stehbierhalle – fünfzig Pfennig. »Jetzt bin ich Ihnen zwei Mark schuldig. Trauen Sie mir auf soviel?«

»Ich traue Ihnen!«

»Was das ins Geld geht! So viel verdiene ich kaum an einem Tage. Ich arbeite nämlich Jacketts«, setzte sie erklärend hinzu, und gleichzeitig zeigte sie ihm ihre zerstochenen Finger. Dann nahm sie auf einmal seine Hand und streichelte sie vorsichtig. Aber im Nu sagte sie mehr für sich: »Nee – nee!« und rückte ein wenig erschreckt ihren Stuhl von ihm fort.

Diese flüchtige Berührung trieb ihm das Blut bis in die Schläfen und beseligte ihn einen Augenblick.

Am Chinesentische wurde jetzt laut aufgelacht.

»Wie die mit den Köpfen wackeln«, sagte sie. »Genau, als wie man sie nachgebildet in den Schaufenstern sieht!« Sie betrachtete die Mädchen. »Ich könnte mit so einem nicht zusammen sitzen – nee, das könnte ich nicht! ... ah, der Punsch!« Wieder trank sie. »Es kann auch Hunger und Durst sein – nämlich, es reichte heute nicht zum Essen – von wegen dem Ersten! 0, mein Haar!«

Sie schob es sich zurecht und stürzte das Getränk in sich hinein. Es stieg ihr zu Kopf, aber es machte sie nicht müde. Sie sprach jetzt eine lange Weile gar nichts, sondern starrte nur vor sich hin.

»Was haben Sie denn?«

»Nichts, nichts«, gab sie zurück. Aber dann setzte sie hinzu: »Wenn Sie das wüßten ... wenn Sie das wüßten ...« Und sie betrachtete ihn nun auf das hin, was er nicht wissen durfte, rätselhaft und neugierig.

»Darf ich es wissen?«

»Dann würden Sie am Ende mit mir nicht an einem Tische sitzen. Sie würden mich schön verachten!«

»Ich würde Sie nicht verachten.«

»Das meinen Sie jetzt!« Ihre Miene bekam etwas Zweifelndes, Suchendes, Forschendes.

»Nein, da irren Sie bestimmt. Wie habe ich denn das Recht, jemanden zu verachten?«

Das begriff sie offenbar nicht. In ihrem Gesicht jedoch begann es zu arbeiten. Der Arrak hatte ihre Zunge gelöst. Sie hatte einen unwiderstehlichen Drang, sich mitzuteilen.

»Wofür halten Sie mich?«

»Für unglücklich!«

Sein Ton traf sie.

»Das bin ich auch«, und bekräftigend fügte sie hinzu: »Oh, das bin ich auch!«

Dann sagte sie plötzlich, indem sie wieder dicht an ihn heranrückte und ihren Oberkörper in die Höhe richtete: »Wenn Sie wollen, erzähle ich's Ihnen!«

»Nur, wenn es Sie nicht erregt!«

»Es wird mir nicht sauer, nein, es wird mir nicht sauer!«

Am Chinesentische brach man jetzt auf.

»Wir wollen lieber auch gehen!« Ihre Stirn war glühend heiß.

»Gut! Zahlen!«

Als er seinen Hut genommen hatte, bat sie: »Fassen Sie nur einmal meine Stirn an!«

Er tat es, und wieder beschlich ihn ein eigentümliches, sonderbares Gefühl. Draußen hängte sie sich schwer an seinen Arm. Aber ihre Last machte ihn froh und glücklich.

Er lächelte sanft. Und dieses sanfte Lächeln, das ihr seine ganze Gutherzigkeit verriet, nahm ihr den letzten Rest von Scheu, machte sie mutig und gesprächig.

»Studieren Sie auch?« fragte sie und zog die feingezeichneten Brauen empor.

»Ich stehe gerade im Examen.«

»Was sind Sie denn?«

»Ich bin Mediziner!«

Sie ließ ruckartig seinen Arm fallen.

»Das ist aber merkwürdig!«

Und auf einmal schien er für sie ein ganz anderer geworden zu sein.

»So, so«, stieß sie kurz hervor. Aber gleich darauf: »Geben Sie mir, bitte, wieder Ihren Arm, ich bin müde! Nämlich ... er war auch Mediziner. Ich will es kurz machen ... Ich bin nicht von hier, ich bin vom Lande, aus Westfalen. Was war ich für ein wildes Mädchen! ... Hoch auf die Bäume bin ich geklettert ... Nester habe ich geplündert ... oh, niemand, niemand konnte mich zwingen ... den ganzen Tag saß ich auf den Bäumen bis in die späte Nacht! ... Dann bin ich hierher gekommen! ... Es war mir zu eng daheim. Na, und da hab' ich ihn kennen gelernt. Er studierte Medizin. Er stammte ebenfalls nicht von hier. Sein Vater war Landarzt – in Pommern. Auf Schritt und Tritt ist er mir gefolgt, bis er mich so weit hatte. Und schließlich hab' ich ihn auch gern gehabt ... furchtbar gern! ... Wie hat mich der Mann behandelt, wie gut, Sie glauben es gar nicht! ... Wenn ich krank war, ist er nicht von meinem Bette gegangen. Ich sage Ihnen, das ist keine Übertreibung: der Mensch hat mich auf Händen getragen, als wollte er alles an mir wieder gutmachen. Die Schuhe hat er mir aufgeknöpft, die Strümpfe ausgezogen.«

Sie lächelte wie verträumt in sich hinein.

»Oh ... oh ... oh ...«, sagte sie leise, und in seligem Erinnern tat sie ihre freie Hand vor die Augen. »Na, und dann kam das Ende. Er wurde krank, im Kopfe krank ... er stand, gerade wie Sie, im Examen ... bei Virchow fiel er durch.« Und auf seinen erstaunten Blick hin: »Ich weiß Bescheid! ... Und nun kam sein Vater an und fand ihn bei mir! ... Was hat der Mann getobt! ... Er wollte ihn sofort mitnehmen! ... Aber da hätten Sie Meinen sehen sollen. Ohne mich ginge er nicht mit, und dabei blieb er. Der Alte mochte schreien, soviel er wollte. Und schließlich fuhren wir alle drei in sein Dorf. Er war schwerkrank und besinnungslos, als wir ankamen, aber meine Hand hielt er immer fest. Ich sage Ihnen, der Alte hat ihn so krank gemacht, nur der Alte! Sie können sich vorstellen, wie ich da ankam! Wie seine Mutter und seine Schwestern mich angeglotzt haben! ... wie so'n Meerwunder haben sie mich angeglotzt! ... Sie waren aber nicht schlecht zu mir, das kann ich nicht behaupten, denn sobald er zur Besinnung kam, sagte er nur: ›Ihr müßt sie gut behandeln, hört Ihr?‹ ... Nur der Alte«, sie zuckte bei diesen Worten heftig in seinem Arm, und ihr Gesicht wurde rachsüchtig und verzerrt, »wie ist dieser Schubiack gegen mich gewesen! ... Ein verdorbenes, schlechtes Frauenzimmer hat er mich genannt ... Ich ... ich ... hätte seinen Sohn ruiniert ... gezetert und geschrien hat er ... und Meiner lag da, fieberte und konnte kein Glied rühren. Die Frauen hatten ihre Not, daß er sich nicht an mir vergriff ... daß er mich nicht prügelte ... ich durfte nicht mit ihm an einem Tische sitzen. Wie ein Hund bekam ich extra meinen Napf!«

In der Erinnerung an den ihr angetanen Schimpf glühte ihr Gesicht vor Zorn und Haß.

»Na, ich will Sie mit dem ganzen Quark nicht zu lange behelligen. Schließlich, begann Meiner zu toben, und der Alte erklärte, er sei geisteskrank und müßte in eine Anstalt ... Punktum, sela! ... Sie haben ihn denn auch eingesperrt ... und mich haben sie wie einen räudigen Hund aus dem Hause geprügelt. Ich setzte mich auf die Bahn und fuhr nach Hause. Wie die mich aufgenommen haben!« Sie lachte wild und höhnisch in sich hinein ... »Wie die mich in meinem Zustand aufgenommen haben! Geprügelt haben sie mich, Vater und Mutter! Mit den Fäusten und dem Knieriemen ist er auf mich losgegangen ... Und meine Schwestern! – Wenn damals einer für mich 'n gutes Wort gehabt hätte ... 'n einziges, gutes Wort! ... Na, ich bin wieder nach Berlin gefahren und habe mich hier eingemietet.«

Sie machte eine kleine Pause und holte tief Atem. »Die Finger habe ich mir blutig und wund gearbeitet, bis das Kind kam.« Wieder stockte sie – und nun wimmerte sie: »Was war das für ein süßes, kleines Kind! ... Was hatte das für Ärmchen und Händchen! ... Was hatte das für runde Engelsbeinchen.«

Sie stöhnte in sich hinein. Dann hob sie die Achseln ein wenig empor. »Du lieber Gott, wo sollte ich mit dem Kinde bleiben? Ich mußte ja den ganzen Tag aus dem Hause und arbeiten. Ich brachte es zu einer Frau, die es mir –«, und jetzt schluchzte sie wirklich auf, »... die es mir zu Tode gepflegt hat ... Und nun kommt das Ende. Sie wollen wissen, was aus ihm geworden ist! ... Die Aasbande hatte ihn direkt nach Amerika geschafft. Das bekam ich heraus ... Wie sie's angestellt haben, ist mir heute noch ein Rätsel; denn der Mensch hat an mir gehangen, Sie dürfen es mir glauben, Herr! ... Und nun schrieb ich einen Brief nach dem andern an das deutsche Konsulat! ... Kennen Sie die Hedwigskirche? Ganze Nächte habe ich da draußen auf den Fliesen gelegen, und vor der Mutter Maria habe ich gebetet und geheult den ganzen lieben Tag und die ganze lange Nacht, daß ich von drüben eine gute Antwort bekäme. Ich bin nämlich eine Katholische. Für irrsinnig haben mich die Menschen gehalten. Einmal in der Nacht hat mich 'n Schutzmann draußen vor der Kirche aufgegabelt und auf die Wache gebracht ... Am andern Abend fand er mich wieder ... Na, schließlich kam die Antwort: Gestorben! ... Hören Sie? Ist er denn nun wirklich gestorben?«

Sie ließ Thomas' Arm los und lehnte sich an die Mauer eines Hauses.

Das gelbliche Mondlicht fiel auf ihr zerstörtes und vergrämtes Gesicht.

Thomas stand zitternd vor ihr und brachte keinen Laut hervor. Dieser Jammer zerschnitt ihn und machte ihn wortlos.

Als sie sich endlich gefaßt hatte, irrte ein Lächeln um ihren breiten Mund, das ihn geradezu erschütterte.

»Sehen Sie«, sagte sie, »das war das Ende! ... Seitdem habe ich keinen Glauben mehr, an nichts, an niemanden! Und nun, gute Nacht!« Sie reichte ihm ihre schmale Hand. »Wo wohnen Sie, Herr?«

Er nannte seine Adresse, und bevor er noch etwas hinzufügen konnte, war sie davongejagt ...

Dieser Abend sollte für das ganze Leben des Thomas Truck verhängnisvoll werden.

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