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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 62
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XX.

»Über das Wesen der Freiheit im Gegensatz zum Staatssozialismus« lautete das Thema, über das Thomas Truck in Kellers Festsälen sprechen wollte.

Eine ungeheure Menschenmenge füllte das Lokal. Thomas hatte in den letzten Zeiten überall Wanderversammlungen abgehalten. Er war weiten Kreisen bekannt geworden. Er verfügte über ein volles, tönendes Organ und sprach eindringlich und mit Bewegung. Er stand kerzengerade da und mied alle Gesten. Aber die Art seines Sprechens war tiefernst und milde.

Man lauschte ihm. Man hatte das Gefühl, hier stand kein fanatischer Parteimann, hier stand einer, der nach Wahrheit und Erkenntnis rang.

Männer und Frauen hatten sich eingefunden.

Die Brose verteilte, bevor die Versammlung eröffnet wurde, unauffällig mit anderen die eben erschienene Nummer des »Festsaals«.

Und nun wurde es ganz still. Er sah einen Augenblick ruhig über die vielen Anwesenden, ehe er begann: »Man hat Ihnen einen Glauben eingeimpft von dem großen Zukunftsstaate, und in Ihrer Armseligkeit und in Ihrem Elend haben Sie sich diesen Glauben aufreden lassen ... Ihre Apostel haben Ihnen ein Bild ausgemalt, das Ihnen den Himmel auf die Erde trägt. Man hat Sie damit trunken gemacht und Ihnen den Rest Ihres Denkens genommen ... Es mag ja ein Vergnügen gewähren, sich mit Branntwein den Kopf zu benebeln, um über all ihren Jammer hinwegzukommen. Aber schön ist das Erwachen nicht, das einem solchen Rausche folgt! In einen ähnlichen Zustand haben Ihre Führer Sie versetzt ... Was aber wollen die Herrschaften in Wahrheit?! Das Volk soll versklaven im Namen des Volkes ... Man will Sie in dem neuen Staate wie Hunde an der Leine führen und jedes freie, selbständige Denken im Keime zerstören ... Der jetzige Zustand bedeutet dagegen Freiheit! ... Die Herren sagen: wer arbeitet, bekommt zu trinken und zu essen, so viel er nur mag. Der Boden, die Maschinen, alles soll von nun an dem Volke gehören. Die Herren haben das Netz gut gelegt. Es gibt einen reichen Fang – und nun schnüren sie es zu, und das arme, verlorene Volk zappelt darin und schnappt nach Luft. Denn, meine Herrschaften, nun kommt der Witz. Sie werden gefüttert. Man hat es Ihnen hoch und heilig versprochen – und man hält sein Wort. Aber niemals stand das Futter in solchem Preise! Es kostet nicht mehr und nicht weniger als Ihre Freiheit.

Die große Versklavung im Namen des Volkes beginnt. Die neuen Herren haben hinter sich ein ungeheures Beamtenheer. In ihren Händen ist die gesamte Organisation. Sie machen die öffentliche Meinung. Sie verfügen über die Presse. Sie stellen einen Schrank mit unzähligen, kleinen Fächern auf, aber zu jedem Fache haben sie den Schlüssel. Den sperren sie in dieses Loch, den anderen in jenes, und nun mag er in seinem Kasten nach Luft und Atem japsen. Hinter jedem steht der Aufseher mit der Knute, Spion und Denunziant in einer Person: Sie werden gefüttert und zahlen als Entgelt Demut und knechtischen Gehorsam. Wehe Ihnen, wenn Sie sich erheben und das Joch von sich schütteln wollen. Die neuen Arbeitgeber haben alles so klug zentralisiert und organisiert, daß jeder Widerstand an Wahnsinn grenzen würde.«

Er hielt inne, dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: »Im Namen des Volkes sollen unsere Kinder im zartesten Alter gebeugt und gebrochen werden – das nennen sie – Volkserziehung! Was für eine Clique von Demagogen und Stellenjägern muß dieses Staatssystem erzeugen! Eine widerwärtige Jagd nach Macht, Amt und Würden beginnt. Diese Streber werden in der Sucht, immer neue Befugnisse an sich zu raffen, die allgemeine Korruption zur Blüte bringen! Das, meine Herrschaften, sind nur ein paar Züge aus dem neuen Staatsgebilde, das dies Gesindel dem Volke aufzwingen möchte. Das ist nur ein schwaches Echo der Heilsrufe von der Freiheit, die Ihnen blüht!

Wir aber sind gegen den Staat in jeder Form. Wir halten den Staat nach einem bekannten Worte für nichts anderes als eine organisierte Räuberbande, die sich in schamloser Weise zum Herrn des Volkes gemacht hat. Es liegt in der Entwickelung des Staates, der auf Kosten der Schwachen entstanden ist, daß er die Privilegien der Starken schützt, daß er eine Sache macht mit denen, die gewalttätig und von Hause aus Wegelagerer sind. Er spielt nur seine historisch festgelegte Rolle weiter, wenn er immer von neuem mit seiner Macht diejenigen niederwirft, knebelt – und wenn es sein muß – ans Kreuz schlägt, die an seinen Grundpfeilern rütteln. Es ist seine Aufgabe, das Volk in Dummheit und Abhängigkeit zu erhalten. Auch Ihr sozialistischer Staat sieht darin die infamste Ketzerei, daß der freidenkende Mensch jeden Zwang abschüttelt, daß er es dem Staat als Größenwahn auslegt, wenn er ihn erhöhen – oder – richten will.«

»Das ist allens Blödsinn!« rief jemand.

»Schweigen!« schrien andere. »Ausreden lassen!« ...

Thomas blickte über die Versammlung, in der es unruhig zu werden begann. Diese Menschen wollen mich ja gar nicht hören, dachte er einen Augenblick, und seine Züge verdüsterten sich. Kann man das Volk überhaupt erziehen? ... Oder ist das nur ein Narreneinfall? ...

»Ruhe! ... Ruhe! ...« tönte es von allen Seiten.

Tiefe Stille trat ein.

Ein Leidenszug ging über seine Miene. Wer an das Volk nicht glaubt, hat es in selbiger Stunde schon verraten, murmelte er vor sich hin.

Tränen traten in seine Augen. Ich – ich – glaube an das Volk!

» Weiter sprechen!« ...

Er richtete sich hoch auf ... Wo war er stehen geblieben? ... Ah, er wußte schon. Er warf den Kopf zurück, preßte die Arme fest an den Körper, und in einer plötzlichen Erinnerung an Herrn von Egidy rief er mit erhobener Stimme: »Männer und Frauen, man konnte nichts Raffinierteres ersinnen als diesen Staatskommunismus mit seinem polizeilichen Arbeitszwang und seinem staatskommunistischen Pflichtgefühl, wenn man alles Unreine und Niedrige mit Andacht und Fleiß züchten und aus den Menschen herausholen wollte.

Ich zitiere hier die Kritik eines Denkers, eines blinden Sehers, der vor mehr als fünfundzwanzig Jahren mit beiden Fäusten in dies Wespennest griff. Der ganze Schwarm stürzte in wildem Surren auf ihn los und suchte ihn niederzustechen. Was sagte der Mann? Hören Sie: Er nennt das Ideal dieses Staatsdespotismus das völlige Gegenstück einer freien Gesellschaft, die willkürliche Konfiszierung jeder individuellen Bewegung, die Zerfahrenheit loser Brigandage. In diesem halt- und regellosen Getriebe gibt es seiner Ansicht nach nur Polizisten, Zensoren und Priester – in leiblicher und geistiger Hinsicht nur kommunistische Staatsknechte, oder, um den antiken Ausdruck zu gebrauchen, öffentliche Sklaven! Wie die Herde dieses Kommunistenstalles in ihren einzelnen Stücken mit einander zu verkehren hätte, und wie über ihre Futterbezüge, Trogrationen, Schellen, Ketten, Hand-, Spann- und Zugdienste allerhöchst staatsspielerisch zu verfügen und Buch zu führen wäre, das ist ein Geheimnis, welches bis nach dem Jubeljahre verborgen bleibt. Sie wissen ja, meine Herrschaften, daß Ihnen dieses Jubeljahr schon einige Male verheißen worden ist. Zuletzt sollte es nach allerhöchstem Erlaß des Herrn Engels anno domini 1898 von statten gehen.«

Nach den letzten Sätzen entstand ein tobendes Geschrei.

»Maul halten! ... runter mit der Quasselstrippe! ... Schluß!« drang es zu Thomas' Ohren. Ein muskulöser Mann mit schwarzem Knebelbart und fanatischen Augen stand plötzlich neben dem Sprecher. Es war der Metallarbeiter Drewitz. »Lassen Sie ihn ruhig ausreden!« schrie er mit durchdringender Stimme in den Saal. »Man ruhig ausreden lassen!« wiederholte er kreischend. »Das übrige find't sich nachher!« Wieder wurde alles still.

Thomas stand jetzt unbeweglich da. Sein Gesicht hatte sich ein wenig gerötet, aber sein Auge blickte klar, fest und ruhig über die Menge. Mit einem bitteren Lächeln sprach er weiter: »Wenn man einem Kinde Näschereien wegnimmt, so schreit es, und sagt man ihm: Du wirst dir den Magen verderben, so schreit es noch lauter. Es begreift diese Wahrheit nicht. Solch einem Kinde gleicht das Volk, es will nicht die Wahrheit hören. Es haßt zeitweilig diejenigen, die ihm mit so bitterem Kraut ins Gehege kommen. Nun denn, das kümmert uns nicht! Wir nehmen den Haß ruhig auf uns! Vor fünfundzwanzig Jahren haben Ihre Führer und Ihre Presse den Mann, dessen Erkenntnisse Sie soeben gehört, einfach niedergetobt und niedergebrüllt. In dem Lärm, den dieser Klüngel von sich gab, ging seine Stimme unter. Aber seine Worte gingen nicht unter. Sie leben, weil sie wahr sind!«

»Von wem fabeln Sie denn eigentlich?« schrie einer.

»Wer ist es denn? Man endlich raus mit der Sprache!« ...

»Wer es ist?« entgegnete Thomas, und wieder lächelte er: »Der Mann heißt: Eugen Dühring.«

»So'n fauler Kopp!« schallte es ihm entgegen.

Thomas hörte diese Worte nicht. Er vergaß, wo er war. Unzählige Erinnerungsbilder stürmten auf ihn ein. Er stand mit trotzig geschlossenen Lippen vor seinem Lehrer ... Er sah mit blitzenden, feindseligen Augen seinen Vater an ... er legte schluchzend den Kopf in den Schoß der Tamara ...

Mit einer Geschwindigkeit, die ihn verängstete, huschten die Gestalten der Vergangenheit an ihm vorüber. Um Gottes willen sagte er zu sich, ich verliere meinen Faden. Er wollte weitersprechen ... Aber da auf einmal tauchte der Garten vor ihm auf, den die Finsternis in ein dunkles gespensterhaftes Gewand gehüllt hatte. Nachtvögel rumorten ... Die Bettina drückte sich frierend und zitternd an ihn ... und aus dem Hause gellte die Stimme der Frau, die den Kindern Furcht und Schrecken einflößte.

»Ausreden lassen, ausreden lassen!« schrie jetzt von neuem der Metallarbeiter.

Diese Stimme riß ihn aus seinen Träumen. Es kam ihm vor, als ob er für eine Ewigkeit verstummt gewesen wäre, obwohl sein Schweigen nur wenige Sekunden gewährt hatte.

»Ja, lassen Sie mich ausreden!« rief auch er. Und wieder brachte sein leuchtendes Auge die Tobenden zum Schweigen. »Sie werden fragen, was wir wollen! Wir wollen eine freie Gesellschaft, eine freie Gemeinschaft. Wir wollen die Freiheit des einzelnen! Für uns ist das Wort Freiheit nicht Schall und nicht Rauch! Für uns stellt es den tiefsten und innersten Kern unserer Welt- und Lebensanschauung dar. Für uns ist der des Menschen Sohn, der seines Menschtums sich bewußt geworden ist und jeden Zwang abgeschüttelt hat. Die Erziehung des Menschengeschlechts bedeutet für uns die Erziehung zur Freiheit, zur freien Persönlichkeit. Wir wollen keine geduckten Rücken, keinen Zwang von links und rechts, kein erbärmliches und armseliges Prügeln um einen Bissen Brotes! Des Menschen Sohn soll sich umdenken, umkneten, umformen. Abschütteln soll er, die ihn erdkriechend machen wollen – zu stumpfen Werkzeugen brutaler Gewalten! Gerade das scheidet ihn von denen, die sich dunklem Zwange fügen. Er selbst formt und gestaltet sein Leben. Fürchte, Ängste, armselige Zweifel wirft er von sich! Wir wollen Sie wieder aufwecken zur Freiheit und zur Güte!

Denn, ihr armen Menschen, laßt es euch sagen: Erst das höchstentwickelte Freiheitsgefühl des einzelnen wird und kann zum höchsten Gemeinsamkeits- und Gerechtigkeitsempfinden führen! Von der Freiheit des einzelnen führt über den großen Lebensstrom die Brücke zur Gemeinsamkeit! Wer frei, schlicht, gerade und einfach denkt, der muß mit innerer Notwendigkeit seinem Bruder Ehrfurcht entgegenbringen. Und daraus entspringt die beglückende, gemeinsame Arbeit.

Sie haben gehört von einem Manne namens Faust. Zu dem kommt der Teufel und verspricht ihm alle Herrlichkeiten der Welt. Als Lohn verlangt er, daß Faust ihm seine Seele verschreibt. Es ist eine uralte Geschichte! Auch zu Christus kommt der Satan und versucht ihn ... In genau der gleichen Lage ist das Volk; denn die Freiheit ist die Seele des Volkes. Man will sie ihm abschachern und bietet ihm als Preis nicht die Herrlichkeiten der Welt, sondern einen erbärmlichen Laib Brotes! Mit Zirkus und Brot hat man schon im alten Rom das Volk geködert. Was sind sie anderes als eine Zuchtrute für Sklaven, wenn es die Unabhängigkeit und Freiheit gilt?!«

Er hielt eine Sekunde inne, dann erhob er seine Stimme, die jetzt einen brausenden, orgelartigen Klang bekam, und rief: »Der Gott, der Menschen schuf, der wollte keine Knechte! Wir tragen auf einem großen Scheiterhaufen all die erbärmlichen Vorurteile, die den Menschen zur Knechtseligkeit verdammen. Und auf diesem Scheiterhaufen soll der Wust und Unrat versunkener Jahrhunderte in Flammen aufgehen! In dem Tiegel der Freiheit schmelzen wir die elende und abgegriffene Münze ein. Wir setzen sie außer Kurs! Wir werten und prägen sie um, nicht im Sinne einer Herren-, sondern einer Menschenmoral! Denn für uns, meine Brüder und Schwestern, handelt es sich nicht um eine Futter-, sondern um eine Geistesfrage! Uns ist um die Fütterung nicht bange in der Stunde, wo wir das heilige Fest von der Auferstehung des Geistes feiern!«

Die letzten Worte hatte er ganz leise sprechen können.

Es war totenstill im Saale geworden.

Aller Blicke hingen an dem großen, blassen Menschen, dessen Augen weit geöffnet waren. Sie hatten etwas Durchsichtiges und Visionäres.

Und in die tiefe Stille, die seine Worte schufen, mischte sich kein Murren und kein Beifall. Mit zwieträchtigen Empfindungen hatten sie auf seine Worte gehorcht, die in ihre dunkle Unbewußtheit einen dürftigen Schimmer Lichtes, in ihre verkümmerten und zerrissenen Seelen mißtrauisches Hoffen trugen. Obwohl sie ihm nicht mit dem Verstände folgen konnten, fühlten sie sich doch erleuchtet. Sie begriffen auf einmal, daß das, was er den Staat nannte, ihr Verhängnis war, gegen das sie sich trotz ihrer zerbrochenen Körper mit ihrem letzten Lebensdrang gewehrt hatten. Allen ihren unklaren Vorstellungen und mystischen Empfindungen hatte er durch den Begriff des Staates, den er ihnen zu etwas Greifbarem, etwas Körperlichem gemacht hatte plötzlich eine Grundlage geschaffen. Das also war es, wogegen sie dumpf und ohnmächtig angekämpft hatten. Dieser Koloß verbrauchte ohne Erbarmen sie, ihre Kinder und Kindeskinder. Auf einmal war es ihnen aufgegangen: der Staat glich einer ungeheuren Maschine, die unersättlich war und mit ihren Kräften gespeist wurde. Sie kam mit dumpfem Getöse, zischend, prustend und schnaubend auf sie zu, die blaß und verkümmert dastanden, in vergrämtem Zorn, zitternd und mit gekrümmten, finsteren Brauen, die sich nicht von der Stelle rühren durften, obwohl sie wußten, daß dies Ungetüm ohne Mitleiden über sie hinweggehen, sie mit entsetzlicher Leichtigkeit zerstampfen würde. Sie glaubten den Sinn seiner Worte erfaßt zu haben. An allen ihren Leiden war der Staat schuldig, dessen Gewalt ohnegleichen war, der immer stärker, kräftiger, dräuender wurde und sie in seinen Krallen hielt. Er war ein Übel für die Ewigkeit. Es ging über ihre Kraft. Ihr Zorn, der sich gegen den einzelnen richtete, war jämmerlich. Er war das große Hemmnis, über das sie hinweg mußten, wenn es auch für sie Licht, Luft und Wärme geben sollte.

Hoch aufgerichtet verließ Thomas die Tribüne, obwohl der Kopf ihm schwer und benommen war. Einen Moment fürchtete er umzufallen. Dieser Gedanke peinigte ihn dermaßen, daß unvermittelt ein Schüttelfrost ihn überfiel. Erst das Geräusch der aufeinander klappernden Zähne gab ihm seine Willenskraft zurück. Ich will nicht, sagte er zu sich und ballte die Hände. Ein dürftiges Lächeln erhellte dabei flüchtig seine Züge.

»War ja ganz nett«, meinte Fründel zu Heinsius, »aber viel zu phantastisch. Der Mensch schwärmt!«

Heinsius schüttelte den Kopf, und Lissauer, der hinzugetreten, meinte mit einem festen Blick auf Fründel: »Es war nicht nur ganz nett, sondern es war klar, tief und schön!«

Aber die Brose blickte starr und finster vor sich hin. Niemand sollte sehen, was in ihr vorging.

In einem andern Winkel stand Maria Werft und schluchzte.

»Ihr Gewinsel ist albern«, sagte Kandidat Bechert.

Sie sah mit verweinten Augen zu ihm auf.

»Wissen Sie, wo er endet?« Er weidete sich eine kleine Weile an ihrer Furcht. »Im Zuchthaus oder in der Gosse«, stieß er heiser hervor.

Ein Arbeiter meinte zu einem anderen: »Der Mensch hat wat, Aujust, der is nicht von Pappe, det laß ick mir nich nehmen!«

»Mach dir man nich dämlich!« antwortete der andere. »Faule Fische, nischt weiter als faule Fische! Wenn de dir fragst, wat er eijentlich geredt hat, denn stehste da wie Nulpe! Ick kenne die Brüder, die dreschen leeres Stroh ... Stroh, herste!«

»Aujust, det jlob ick dir nich! Det mit die Freiheit hat wat!«

»Sei stille, jetzt redt Drewitz. Drewitz läßt sich keen Honig ums Maul schmieren.«

»Jenossen und Jenossinnen! Lassen Sie sich nicht durch das, was Sie eben gehört haben, flau machen. Das gibt's bei uns nicht. Da könnte jeder kommen und allgemeine Redensarten von Freiheit machen. Für so'n Qualm sind wir nicht zu haben. Wir halten uns an Tatsachen, Tatsachen, Jenossen! Und Tatsache ist, daß wir uns endlich zu einer Partei zusammengefunden haben, die heute schon ausschlaggebend ist! Man muß mit uns rechnen. Das Proletariat ist ein Faktor geworden, der ausschlaggebend ist! Es ist der reine Salm, daß wir uns von unseren Führern leimen lassen! Die Zeiten sind vorüber! Wir sind helle geworden! Und daran denkt auch niemand! Wir machen keine Redensarten, wir stützen uns aufs Wissen.

Jeder gebildete Arbeiter weiß heute, was die materialistische Geschichtsauffassung bewiesen hat. Es ist kein purer Zufall, es ist ein Gesetz, daß die bürgerliche Gesellschaft sich in die sozialistische umwandeln muß. Aus der kapitalistischen Produktionsweise wird die gesellschaftliche. Wieso? Das hat Marx klar bewiesen! Wir werden ausgeraubt und ausgepowert, bis der Karren festsitzt! Schließlich gibt es nur noch ein paar Riesenausbeuter und lauter Proletarier. Das ist das Gesetz von der kapitalistischen Produktionsweise!

Dann aber ist auch das Exempel fertig, Jenossen, und die neue Rechnung beginnt! Dann kommen wir an die Reihe! Erst wenn wir ganz im Dreck sind, hat die Geschichte ein Ende! Nu setzen wir die an die Luft, die uns ausgeräubert und ausgeplündert haben! Das, Jenossen, ist der wissenschaftliche Sozialismus! Das ist das Ende vom Proletariat! Es gehört zuletzt alles der Gesellschaft von Rechts wegen! Bis dahin müssen wir aufs äußerste kämpfen, alle wie ein Mann! Wir müssen uns mit unserem Elend abfinden! Wir müssen abwarten, bis die anderen an ihrem eigenen Fett zugrunde gehen! Denn dafür gibt's keen Marienbad und keene Entfettungskur, det ist dann Essig, Jenossen! Alles andere ist Dunst, ist Quark, ist Blech! Pures Blech!

Der geehrte Vorredner ist, wenn ich ihn recht verstanden habe, auch gegen den Parlamentarismus. Er hat es nicht direkt gesagt, aber es war der Sinn seiner Worte! Jenossen, wir brauchen die politische Macht, darüber ist heute kein Wort mehr zu verlieren! Das ist klar wie Kloßbrühe! Wir brauchen die politische Macht, damit wir die Gesetze machen, die uns passen! Jenossen, ich sage ganz aufrichtig, ich halte den Vorredner für'n anständigen Menschen. Das ist er, daran ist jar nicht zu tippen! Aber, meine Herrschaften, es kann einer 'n anständiger Mensch und doch 'n schlechter Musikant sein! Von Politik versteht der Mann nichts!

Wissen Sie, wie mir während der ganzen Rede zumute war? ... Ich wer's Ihnen sagen: Wie wenn mein Junge mir zu Hause die Ohren volldudelt mit das schöne Lied: Freiheit die ich meine, die mein Herz erfüllt. Die ganze Rede war 'n einziger Choral! Von der Freiheit werden wir nicht satt! Damit locken Se heute keinen Sperling mehr vom Dach.

Wir wollen endlich mal was Warmes in'n Magen kriegen, 'n richtige, warme Mahlzeit, so ist es! Von der Auferstehung des Geistes – Jenossen, det sind Redensarten! 'n Schluck uff'n hohlen Zahn ist mir da noch lieber! Wir wollen die Auferstehung des Fleisches! Mit 'n Jenseits und ähnlichen Scherzen kann man jetzt zu den Zulukaffern gehn! Bei uns zieht das nicht mehr! Das Proletariat läßt sich nicht mehr mit Redensarten füttern. Und Redensarten, nichts weiter als Redensarten hat der Vorredner gemacht! Praktische Vorschläge – nicht die Bohne! Bange machen gilt nicht! Wir sind keine Kinder mehr, die sich gruseln. Wir sind ziel- und klassenbewußte Arbeiter! Wir lassen uns nicht verwirren und durch noch so schöne Reden aus dem Text bringen. Das wäre eine saubere Geschichte. Und darum sage ich: Hoch die Sozialdemokratie, hoch die zielbewußte Arbeiterpartei!«

Alles johlte und brüllte Beifall.

Der Metallarbeiter hatte eine Art zu sprechen, die auf die Menge wirkte. Er hantierte bei besonders kräftigen Sätzen mit Händen und Fäusten. Er stieß die Worte scharf akzentuiert hervor. Er hatte ein Organ, das bis in den äußersten Winkel verständlich war. Seine derbe, volkstümliche Ausdrucksweise schlug ein. Die kühle und überlegene Methode, mit der er die Schlagwörter wie: »der wissenschaftliche Sozialismus« oder »die materialistische Geschichtsauffassung« dazwischen warf, imponierte. Er redete in den Versammlungen von Marx wie von der Bibel. Man hatte Respekt vor ihm. Selbst die Führer nahmen ihn ernst. Und dazu kam noch sein Selbstbewußtsein und sein Fanatismus, durch die er seine Umgebung einzuschüchtern verstand.

»Um Gott im Himmel«, sagte die Lissauerin, »du wirst doch nicht –« sie suchte den kleinen, buckligen Mann am Rockschoß festzuhalten.

Er riß sich los. »Was fällt dir ein?« sagte er wütend.

»Lissauer, bist du nicht recht bei Sinnen!« schrie sie.

Aber vor seinem zornigen Blick verstummte sie.

Er ging mit hastigen Schritten auf das Rednerpult zu. Er glühte.

Die Lissauerin wandte sich an Blinsky. »Um Gottes willen, ist er denn verrückt geworden?«

»Regen Sie sich doch nicht so auf«, beruhigte er die Frau. Er selbst zitterte.

Lissauer stand bereits oben. Er begann mit auffallender Sicherheit. Die Rede floß ihm nur so.

»Wirr sind Herrn Drewitz dankbar«, fing er an, »daß er wenigstens die anständige Gesinnung unseres Genossen Thomas Truck anerkannt hat. Der Hauptvorwurf, der uns gemacht wurde, war, daß wirr den Parlamentarismus bekämpfen, und daß wirr ferner kein festes und rundes Programm zu bieten haben. Was das erste anlangt, so sehen wirr ja gerade im Parlamentarismus eine öde und vernunftwidrige Einrichtung. Wer Gesetze konstruieren will, geht ja von vornherein von dem Grundsatz aus, daß er den anderen einengen, biegen, bevormunden will. Das gerade bekämpfen wirr. Wirr brauchen keine Bevorrmundung, auch nicht von Volks wegen! Wirr wollen das freie Selbsterfüllungs- und Selbstverfiegungsrecht des einzelnen. Daß wirr nicht ein fix und fertiges Programm haben, liegt aber in unseren ganzen Bestrebungen begrindet. Wirr maßen uns nicht an, die Entwickelung der Dinge a priori, zu deitsch von vornherein, festnageln zu können. Wirr glauben an einen Sozialismus, der von keiner Theorie abhängig ist. Den sogenannten wissenschaftlichen Beweis für den Sozialismus halten wirr fier ein Grundiebel; aber wir kämpfen fier die Erfillung des Sozialismus mit unserer ganzen Energie und Erkenntnis. Wirr wollen keine Partei! Partei bedeutet fier uns Herrschaft! ...

Wie stellen wirr uns nun die Sache vorr? Wirr sagen: nicht Staatshilfe! die knechtet. Wirr sagen: Selbsthilfe! die befreit. Wirr sehen gar keinen Grund ein, warum sich nicht unzählige kleine Gruppen zusammentun sollten, die unter sich die Arbeitsteilung vornehmen. Jedem soll das Erträgnis seiner Arbeit geheeren. Freilich, anders als heite! Wer einer Gruppe beitritt, soll die freie und unentgeltliche Benutzung des Bodens, der Maschinen, der Wohnstätten haben! Mit anderen Worten: Nicht die Freiheit des Wettbetriebes, sondern die Ungleichheit der Bedingungen soll ausgemerzt werrden! ...«

Er brach ab und machte eine kleine Kunstpause. Der Ton seiner eigenen Stimme, die etwas Pfeifendes hatte und zuweilen Laute hervorschmetterte, die denen einer zerlöcherten Trompete ähnelten, berauschte ihn.

In dieser Stunde hatte er sich entdeckt. Sein Selbstgefühl schwoll an. Alle zionistischen Schwärmereien waren versunken. Von nun an stand und fiel er mit der Weltanschauung des individualistischen Menschen, die er sich mühsam errungen hatte.

»Sie fragen«, fuhr er fort, »warum wirr solches Gewicht auf ungezählte, selbständige Gruppen legen? Die Antwort ist serr klar und serr deitlich! Dorch diese Dezentralisation erreichen wirr es, daß wirr keine Bierokratie von Despoten und Ausbeitern bekommen. Denn derr Leiter jeder dieser kleinen Gruppen – vielleicht brauchte man iberhaupt keinen Leiter – wirrde nur ganz geringe Befugnisse haben. Das gerade Gegenteil erleben Sie im Zukunftsstaat! ... Sehen Sie sich doch nur daraufhin schon die heitige große sozialdemokratische Partei an! Was haben Sie da nicht alles? ... Parteipäpste, Kardinäle, Stellenjäger, eitle Trepfe, die eine Rolle spielen wollen, dummdreiste Demagogen, die Stroh dreschen. Eine Horde ungebildeter Schreiberseelen, die ihre abgewirtschafteten Phrasen auftischen! ... Und hinter diesem Stabe torkelt das große Volk, benebelt und berauscht! Die Schlaumeier haben es verwirrt gemacht durch eine Taktik, die auf die empeerten Herzen und hungrigen Magen spekuliert ... Man gaukelt diesen armen, mirrben Teifeln ein Paradies vor! ...

Was tun diese Schaumschläger in Wahrheit? ... Sie setzen an die Stelle des kirchlichen Dogmas ein weltliches! Und das Volk schwert darauf! Das Volk, das nicht zu Ende denken kann, wenn es sich den langen Tag ieber miede und wund gearbeitet hat! Wirr haben das Vertrauen zurr Vernunft freier Menschen! Wirr sind davon iberzeigt, daß der Austausch und Wechselverkerr durch die Gemeinsamkeit der Interessen und den Selbsterhaltungstrieb sich von selbst klar und einfach regeln wird! ...

Sehen Sie sich doch heite nurr die einzelnen Staatenverbände an, die bei aller Selbständigkeit in bezug auf Post- und Telegraphenwesen, Eisenbahnverkerr und andere nationale Dinge sich leicht verständigen ... Warum sollte dasselbe nicht geschehen in bezug auf den Austausch der Arbeitsprodukte? ... Es gibt keine Bevormundung mehr durch ein Beamtenheer! ... Es gibt aber auch keine Ausbeitung, denn die Gruppe, die die andere betriegen wollte, wirrde sofort boykottiert werden ...

Und wiederum ist es ein Gebot der Freiheit und Gerechtigkeit, daß unter gleichen Arbeitsbedingungen jedem der Ertrag seiner Arbeit geheert! Niemand kann mirr verrbieten, merr zu arbeiten als ein anderer, aberr niemand kann mirr auch den Ertrag meiner Mehrarbeit nehmen wollen! ... Wenn der sozialistische Staat den Ertrag meinerr Arbeit in die gemeinsame Kasse steckt und mich dafierr satt fittert, so bestiehlt err mich einfach! ... Das geheert auch zurr Gefärrlichkeit des famosen Staatssozialismus! Arrbeite ich merr, so verdiene ich merr! Will ich weniger arrbeiten, ist das ebenfalls meine Sache! Das kann jeder nach seinen Bedirfnisse und Winschen regeln!

Unter derr Gleichheit der Bedingungen ist derr Ungerechtigkeit ein Riegel vorgeschoben! ... Sie werrden mirr vielleicht einwenden, daß die, die merr verdienen, wieder Kapitalien aufhelfen und zu Ausbeitern werrden kennen! ... Das ist aberr grundfalsch! Derr Boden und die Maschinen sollen ja allen zurr gleichen Verfiegung stehen. Ohne den Boden und die Maschinen kann man nicht ausbeiten! Jederr, derr noch einen Funken von freiheitlichem Gefiehl in sich hat, muß sich gegen den Staatssozialismus auflehnen, derr die Privatsklaven derr Großindustrie zu effentlichen Sklaven des neien Staates macht! Nurr ein Narr opferrt fier eine bessere Fitterung seine Freiheit.

Wissen Sie, was die Herren wollen? Sie wollen einen großen zoologischen Garten etablieren mit teiren Eintrittspreisen! Jederr von Ihnen soll in einem Käfig gefittert werrden! ... Das sind die scheenen Aussichten, die Ihnen winken! ... Wir danken dafierr! ... Wir wollen wie freie, stolze Menschen einherrrgehen! ... Wenn Sie durchaus ein Programm wollen, so haben Sie es hier! Es trägt die Iberschrift: Selbsthilfe und Freiheit! Die Denker, denen wirr folgen, haben sich aber schwer gehietet, bis auf jeden einzelnen kleinen Punkt sich festzunageln! Niet- und nagelfest sind fier uns die Dinge noch nicht! Wirr liegen Ihnen nichts vor, so genau kennen wirr die Welt von ibermorgen noch nicht! Fier uns ist das auch nicht das Wesentliche. Wirr sagen« – er hielt einen Moment inne – und fast in fistelndem Ton schrie er: »Wirr sagen: Das Wesentliche ist die Erziehung zurr Freiheit! ...«

Der kleine, bucklige Mann hatte sich zuerst nur schwer Gehör verschafft. Seine groteske Figur, seine gebrochene Aussprache, seine komische Beweglichkeit – er sprach mit Händen und Füßen – hatten anfangs Spott und Gelächter hervorgerufen. Aber bald begann man ihm zu lauschen.

Seine Rede hatte so etwas Spitzes, Scharfes, Mathematisches.

Er wandte sich nicht an das Gefühl, er wandte sich an den Verstand seiner Hörer.

Er wußte, daß diese abgearbeiteten Menschen, die in später Abendstunde sich in den Berliner Volksversammlungen einfinden, einen rührenden Bildungs- und Wissenstrieb haben. Er wußte, daß sie mit ihrem müden Hirn nach Offenbarung hungern, über die Kraft hinaus ganze Weltanschauungen durchdringen möchten.

Mit einem treffsicheren Instinkt hatte er sich gesagt: Diese Leute kommen zu uns, wenn der Schweiß der Arbeit noch an ihren Röcken klebt, wenn ihnen vor Abspannung die Augen halb zufallen. Sie schleppen sich hierher, um bei Tabaksqualm und schalem Bier wissend zu werden. Ergo kann man ihnen keinen eindringlicheren Beweis der Achtung und Ehrfurcht geben, als daß man sie ernst nimmt, ihren Gram dadurch lindert, daß man ihr Erkenntnisvermögen, ihre geistigen Fähigkeiten weckt.

Er hatte sich in seiner Berechnung nicht getäuscht. Das bewies der Beifall, der auf seine Worte folgte.

Als er von der Tribüne trat, da stand es fest, daß sein erstes öffentliches Auftreten ein Riesenerfolg gewesen war.

Die Freunde erkannten das neidlos an. Lissauers Rede war eine große Überraschung gewesen.

Blinsky zumal war überwältigt von dem Triumph seines Glaubensgenossen. Er war nicht niedergeschrien worden, man hatte ihm im Gegenteil aufmerksam zugehört. Das war ein Resultat, das alle Erwartungen überstieg.

Ein sozialistischer Redakteur suchte sich jetzt Gehör zu verschaffen. Seine Backenknochen brannten. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar und schrie heiser: »Genossen! Was Sie soeben gehört haben, ist nichts weiter als Verrat, niederträchtiger Verrat an der Sache des Volkes! Lassen Sie sich nicht blöffen, Genossen! Das sind Schwadroneure gefährlichster Art. Man muß deutlich werden!« schrie er wütend. »Wer uns den Parlamentarismus verdächtigt, wer uns unser einziges und bestes Recht madig machen will, der ist entweder ein Volksverräter oder ein Schwachmatikus, der hinter Schloß und Riegel einer Irrenzelle gehört! ... Der Parlamentarismus ist die wirksamste und schärfste Waffe im Kampfe des Proletariats! ... Der Parlamentarismus ist es, dem wir unsere Erfolge danken! Und nun kommen diese Herren und wollen uns den Parlamentarismus verdächtigen! ... Das genügt, Genossen!«

Und indem er nun einen prahlerischen und großsprecherischen Ton annahm und sich triumphierend umblickte, rief er verächtlich: »Bevor diese jungen Herren in öffentlichen Versammlungen zum Volke reden, sollten sie sich ein wenig besser bei Marx umtun. Sie sollten im ›Kapital‹ die Kritik der kapitalistischen Gesellschaft studieren. Besonders empfehle ich ihnen die Abschnitte, wo Marx über den Mehrwert, die Verelendungs-, die Konzentrations-, die Expropriations-Theorie redet!«

Jedes dieser Worte gab er in gespreiztem Ton von sich, als enthielte es eine mystische Offenbarung.

»Hui, der macht uns gruselig!« schrie Heinsius.

»Also hübsch fleißig Bibel lesen«, schloß der Redakteur höhnisch.

Mit ein paar Sätzen stand Fründel neben ihm. »Glauben Sie an Gott?« fragte er mit schallender, durchdringender Stimme.

Die kurz hervorgestoßene Frage Fründels, die affenartige Geschwindigkeit, mit der er sich im Nu Gehör verschafft hatte, waren von frappanter Wirkung.

»Det is am Ende 'n Theologe«, sagte ein Arbeiter, »nu kann's jut werden, det jiebt 'n Höllenspaß; übrigens der vom ›Vorwärts‹ war jut, der Mann hat Bildung, det merkt man jleich!«

Der Redakteur war betroffen vor Fründel zurückgewichen. Das ist ein Verrückter, glaubte er im ersten Augenblick.

Der Mechaniker war wie ein Stößer auf ihn zugeschossen.

Aber im Nu faßte er sich. »Ich bin Atheist«, antwortete er ruhig und überlegen.

Fründel stieß eine gellende Lache aus.

»Er glaubt nicht an Gott, dafür glaubt er an Marx«, schrie er höhnisch. »So sind diese Leute. An was müssen sie immer glauben, wenn nicht an Gott, dann wenigstens an Marx! ... Lassen Sie sich doch kein X für'n U vormachen, lassen Sie sich doch nicht von neuem anschmieren! ... In dem Buche von Herrn Marx steht ja so viel kapitaler Unsinn! ... Wer nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, weiß das heute! ... Nur die Redakteure der sozialdemokratischen Zeitungen wissen es nicht ... Sie haben Marx niemals gelesen, aber seine Schlagwörter kennen sie! ... Wer garantiert Ihnen übrigens, daß, wenn die ›Bewegungsgesetze‹ des Herrn Marx sich erfüllt haben, wenn nur noch ein paar Riesenkapitalisten und wir Ausgepowerten übrig sind ... daß wir dann wirklich noch die Kraft zum Rausschmeißen haben? ... Ich für mein Teil bezweifle das! Im übrigen aber stimmt die ganze Verelendungstheorie des Herrn Marx nicht, darüber ist man sich längst einig! ... Nur Ihnen tischt man noch den Quatsch auf! ...

Wenn ich Ihnen einen Rat geben kann, so sage ich: Sehen Sie sich die Brüder genau an! ... Von eigenen Gedanken auch nicht die Spur, dafür Bibelstellen aus ›Marx‹. Wenn ihre Weisheit ohne Anfang und Ende ist, dann heißt es: Kapitel soundso, Vers soundso! Und nun will ich Ihnen zum Schlusse etwas verraten. In der Heiligen Schrift steht geschrieben: Selig sind, die geistig arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer! Wenn das Wort eine Brücke ist, dann bringt Ihnen die Sozialdemokratie das Himmelreich, denn geistig arm ist sie. Daran ist nicht zu tippen!«

Die letzten Worte hatte er so pointiert hervorgestoßen, den Witz so drastisch hervorgebracht, daß ein lautes Gelächter ausbrach.

Nach dem vielen, schweren Zeug war man in eine Art Ulkstimmung geraten.

Die Stimme des Redakteurs, der antworten wollte, ging in dem allgemeinen Lärm unter.

Alles drängte dem Ausgang zu.

»Nun«, sagte Blinsky zur Lissauerin, »was sagen Sie jetzt?«

Die Lissauerin sah ihn mit schimmernden Augen an. »Ich weiß nicht, ob ich mich freien, oder traurig sein soll. Es war serr scheen, und ich hätte es mirr nicht treimen lassen! ... Aberr –« sie brach ab und sah halb glücklich, halb furchtsam auf ihren Mann, der eben an sie herantrat.

Sie drückte ihm nur die Hand und sah ruhig zu ihm empor.

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