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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 57
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XV.

In dieser Zeit speiste Thomas Truck mit der Brose, Heinsius und der Maria Werft in einem vegetarischen Speisehaus zwischen der Potsdamer- und der Lützowstraße.

Eine kleine Treppe führte direkt von der Straße in das Lokal, in dem man sonderbare Gestalten treffen konnte, einzelne Frauen, Mädchen und Männer der verschiedensten Altersstufen.

Es ging während des Mittagsmahles ganz still zu. Fast alle, die hier verkehrten, schienen notbelastet und vom Leben gedrückt zu sein. Ihre Gesichter waren blaß und von Leiden durchfurcht, oder sie waren in einem gewissen Trotz und fanatischen Willen beherrscht, oder aber auch müde und erloschen.

Die verschiedensten Berufsstände waren vertreten. Hier ein Student, dort ein Ladenmädchen, da ein kleiner Kaufmann.

Man fühlte sich in dieser Mittagsgesellschaft wohl. Jeder einzelne rief mit seinem Leidensgesicht einem zu: Haltet aus, bleibt stark, ihr kämpft für uns!

Für die beiden Frauen – die Maria Werft hatte sich unterwürfig und in Demut ganz an die Brose angeschlossen – war die Mahlzeit die Feststunde des Tages. Sie hielten zu Thomas. Sie fühlten seine Reinheit. Auch war er während der Essenszeit aufgeräumt, froh und heiter. Sein Gesicht, auf dem man die inneren Qualen, die er durchlebt hatte, deutlich lesen konnte, war schmaler geworden. Seitdem schien es den beiden Frauen noch adliger, und wenn er lächelte, so hingen sie an seinen Zügen. Aber sie taten es so vorsichtig und zurückhaltend, daß er davon nicht verletzt werden konnte.

Die Maria Werft hatte allmählich erkannt, daß ihm nichts mehr Pein schuf als ihre zur Schau getragene Bewunderung.

Man aß nur wenig. Man schränkte seine Lebensbedürfnisse aufs äußerste ein. Man hatte nicht das Recht, sich zu mästen, während Ungezählte darbten. Nur bei Heinsius drang man auf eine bessere Ernährung.

Er lachte sie nur aus. Ja, er konnte zornig werden, wenn man ihm damit zusetzte. Er sprach von seinen zerlöcherten Lungen mit einem stoischen Gleichmut. Der Gedanke an das Sterben hatte für ihn nichts Schreckhaftes. Dennoch liebte er das Leben, seitdem der »Festsaal« erschien. Oft verfiel er von einer Stimmung in die andere. Eben noch gesprächig, wurde er einsilbig und stumm, eben noch gütig, wurde er herausfordernd und zynisch.

Einmal sagte er bei Tische: »Ich will die Spanne Zeit, die mir noch bleibt, auskosten. Ich will sehen, bis auf den Grund sehen! Ihr mögt mir über das Maul fahren, wenn ich ausfallend und unbequem werde – ändern werdet ihr mich nicht!« Er hielt einen Augenblick inne. »Wenn ihr wüßtet«, fuhr er fort, »was für eine Neugier in mir erwacht ist ... eine unheimliche Neugier! ... Das ist es eigentlich, was mich am Leben hält. Ich möchte wissen, was aus euch wird. Ich möchte in euch hineinkriechen können, nämlich, offen gesagt, ich traue euch allen nicht.«

Und mit einem boshaften Gesichtsausdruck wiederholte er: »Ich traue euch wirklich nicht. Ich bin euer nicht sicher, vielleicht seid ihr alle nur von einem schwachen Rausch erfüllt. Sehen Sie mich doch nicht so einfältig an«, unterbrach er seine Rede, indem er sich grob an Thomas wandte. »Das liegt doch alles im Bereich der Möglichkeiten!« Er beugte sich über seinen Teller und stopfte einen angehäuften Löffel mit Bohnen in sich hinein. Dann schüttelte er sich: »Das Zeug schmeckt ja scheußlich!«

»Sind Sie denn Ihrer selbst so sicher?« fragte die Brose.

Er kniff die Augen ein wenig zusammen. »Die sich dem Tode nahe wissen, sind sich zuweilen klar«, erwiderte er und blinzelte dabei. »Wäre es denn so merkwürdig, wenn Sie umfielen?« setzte er mit höhnischer Miene hinzu. »Ich finde, es wäre das Natürliche! Das Gegenteil würde das Merkwürdige und Seltsame sein. Man kann sich doch in irgendeine Geschichte hineinlügen; wer ist sich denn über sich selbst so klar, daß er von seiner Wahrheit seine Schauspielerei zu unterscheiden vermag. Das meiste ist doch Schauspielerei! Man spielt sich gerade die Komödie vor, die einem behagt! Wer will es entscheiden, wo das Wahrhaftige beginnt.«

»Und wie wollen Sie die Frage bei sich selbst lösen?«

»Das ist ein ganz richtiger Einwand, aber, mein Lieber damit habe ich mich, und damit allein, möchte ich sagen, habe ich mich all die letzten Jahre beschäftigt, und schließlich glaube ich meiner selbst sicher geworden zu sein. Ich weiß doch ganz genau, es hat für mich keinen Zweck mehr, mir faule Flausen vorzumachen. Sehen Sie, hätte ich ein Leben, Aussichten und Hoffnungen vor mir, so würde ich meiner Sache nicht gewiß sein, ich könnte mir dieses einreden oder jenes! So aber sehe ich vernünftigerweise keinen Grund ein, weshalb ich noch mit mir selbst Versteck spielen sollte. Das ist der Witz, mein Lieber!«

»Und weshalb zweifeln Sie an mir?«

»Weil vor Ihnen das ganze Leben liegt, weil Sie einen Überschuß von Temperament haben. Und dann, Verehrtester, die Eitelkeit! Es hat doch etwas so Verführerisches, eine neue Rolle zu kreieren. Die Einsamen und Alleinstehenden, die ein bißchen abseits denken, kommen sich so originell, so bedeutend im Gegensatz zu dem großen Haufen vor. Glauben Sie mir, das hat etwas! Die Einsamen sind nämlich oft eitle Narren, Toren ihrer selbst – Spitzbuben. Sie hecken sich irgendeinen Kram aus, auf den sie sich festlegen. Zuletzt: alles ist Schwindel ...!«

Thomas hatte angestrengt zugehört. Ihn fror innerlich. Er hatte das Gefühl, als ob ihm jemand langsam und sicher das Blut abschröpfte. Heinsius sah es, und gerade das spornte ihn an, immer beißender und niederträchtiger zu werden.

»Sie schlagen Volten, Heinsius«, entgegnete Thomas, während er mit seinen Fingern nervös auf die Tischplatte klopfte. »Sie sind ein Skeptiker von Grund aus! Wäre ich wie Sie – ich müßte mich auf und davon machen. Ich hätte keine Stunde mehr vor mir. Ein Stück festen Grund und Boden« – und bei diesen Worten zitterte er leise – »brauche ich unter meinen beiden Füßen. Ich glaube fest daran, daß ein wahrhaftiger Mensch zu dem Punkte kommt, wo er sich nichts mehr vormacht. Wenn alles Lüge, wenn alles Selbstbetrug wäre, dann muß ich schließlich an meinem eigenen Vorhandensein zweifeln.«

»Ja, das sollen Sie auch«, unterbrach ihn Heinsius ruhig. »Das ist ja schon ein komischer Irrtum, daß Sie von einem eigenen Vorhandensein reden. Was ist denn an Ihnen eigen? Sie sind doch nur ein Mixtum compositum, festgelegt und vorher bestimmt, bevor Sie noch lallen konnten. Und dann sagten Sie vorhin, Sie ›glauben‹. Das ist eine reine Torheit, Sie sollen eben nicht glauben ... an nichts ... an gar nichts ...!«

Thomas wurde zornrot.

Die Maria Werft bemerkte es und schrak zusammen.

Auch die Brose betrachtete ihn gespannt.

»Sie kommen sich wie der schwarze Mann vor, und mich nehmen Sie für das Kind, dem man bange machen kann, wenn es dunkel wird.« Er strich dabei über seine hohe Stirn. »Ich will Ihnen sagen«, brachte er langsam und in erregtem Tone hervor, »weshalb mit Ihnen nicht auszukommen ist. Erstens wähnen Sie etwas voraus zu haben, weil Sie mit dem Leben fertig sind! Ob Ihre Rechnung stimmt, bezweifle ich übrigens. Zweitens – und dieses scheint mir das bei weitem Gefährlichere zu sein – würfeln Sie Wahres und Falsches mit einer solchen Geschwindigkeit durcheinander, daß Ihnen nur schwer beizukommen ist. Sie schlagen so viele Purzelbäume, daß man sie nicht mehr zählen kann. Sie machen einem schwindelig! Man muß die Ohren spitzen! Also die eine Weisheit, die Sie immer wieder auftischen, ist uralt. Sie stammt vom König Salomo her oder von sonst irgendeinem. Sie heißt: alles ist eitel! Ich leugne nicht, daß das eine der tiefsinnigsten Formeln ist. In der Erkenntnis des Lebens und in der Wertung der äußerlichen Dinge mag sie dem, der denkt, eine Richtschnur sein. Aber die Medaille hat zwei Seiten. Auf der anderen steht: ??? ... alles ist in ewiger Bewegung, in ewigem Fluß ...! Und das ist für mich ein tiefer Trost, wenn Sie wollen, ein Evangelium! Ich bin vorher bestimmt, festgelegt, und dennoch bin ich ein Neues, ein Weiteres, ein Urpersönliches, ein Wesentliches, eine Folge ... Ich trage an mir bei zur ewigen Entwicklung. Ich bin begrenzt und erweitere die Grenzen. Ich bin unfrei und habe doch Freiheiten. Ich bin, wenn Sie wollen, ein Mixtum compositum! Aber wenn ich aus einer unendlichen Zahlenreihe bestehe, so füge ich am Ende einen minimalen Bruchteil hinzu, so daß diese Zahlenreihe durch mich sich ändert. So bin ich trotz aller Hemmungen ein Ich, ein Ich mit meiner Freiheit und meinem Erleben. Und alle Ihre Skepsis wird mir nichts von dieser Erkenntnis abbröckeln; denn dadurch«, schloß er, »erhält erst mein Einzeldasein und Einzelschicksal etwas Ewiges, etwas Bedeutsames. Ich war ... ich bin ... ich werde sein.«

Bei den letzten Sätzen waren seine Züge sanft und milde geworden, und seine Augen leuchteten rein und schön.

»Sie haben sich das recht hübsch und nett zurecht gelegt«, sagte der Volksschullehrer und erhob sich. Und in einem Tone, den sich keiner deuten konnte, ergänzte er: »Man kann Ihnen gratulieren!«

Darauf antwortete niemand.

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