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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 55
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XIII.

Es war sieben Uhr, als Mechaniker Fründel Feierabend machte, die Arbeitsbluse auszog, die Hemdärmel in die Höhe streifte und unter einer Wasserleitung den Strahl mit seinen rußigen Handflächen auffing.

Eine Weile blieb er in dieser Stellung und bewegte sich nicht. Sein Gesicht war verzerrt und von einem finsteren Gram beschattet. Die anderen Arbeiter, die sich längst umgekleidet hatten, gingen an ihm vorüber und flüsterten sich lachend Bemerkungen zu. Einer wollte ihn ansprechen, wich aber sofort zurück, als er seine zornentstellten Züge sah.

War er in solcher Verfassung, so mieden sie es, auch nur im Scherze mit ihm anzubinden. Sie mochten ihn nicht, aber sie hatten vor ihm Respekt. Seine Überlegenheit erfüllte sie mit Mißtrauen. Obwohl sie seine radikalen Anschauungen kannten, mieden sie politische Unterhaltungen mit ihm, weil er für ihre »Bewegung« nur Spott und Hohn hatte.

Einmal wäre er um dessentwillen beinahe von ihnen verprügelt worden. Er hatte sie insgesamt eine denkfaule Herde genannt, die ohne die Knute nicht leben könnte. Das hatte man nicht auf sich sitzen lassen wollen, und mit den Fäusten war man auf ihn losgegangen.

Der Mechaniker hatte die Arme verschränkt, die Lippen fest aufeinander geschlossen, und ohne die Wimpern zu rühren, hatte er bloß gesagt: »Losschlagen, nur losschlagen.«

Von dieser Ruhe waren sie zurückgeschreckt; aber seit dem Tage, war ihnen allen der Mensch unheimlich ... Das war lange, lange her ...

Die eiserne Tür, die zum Ausgang führte, wurde von einem nach dem anderen geräuschvoll zugeschlagen. Schließlich war nur noch der letzte übrig, der den Schlüssel hatte.

Er trat an Fründel heran: »Dauert's noch lange?« fragte er mürrisch.

Der Mechaniker zuckte ein wenig empor, brummte etwas Unverständliches in sich hinein und begann jetzt, seine Hände zu reinigen. Dann steckte er den Kopf unter den Strahl und ließ das Wasser auf sich strömen. Dabei hatte er sich den Hals und die Schultern entblößt und achtete nicht darauf, daß rings um ihn eine Art von Überschwemmung entstand. Endlich hörte er auf, rieb sich das Gesicht, schüttelte sich wie ein nasser Pudel und trocknete sich gemächlich ab. Mit großer Schnelligkeit vollendete er seine Toilette. Einen sauberen Kragen, Vorhemd, Schlips und Manschetten hatte er im Nu angezogen und ebenso den Straßenrock umgeworfen.

Eine Minute später sprang er schon die Treppen hinunter. Seine Miene war noch immer verbittert und vergrübelt. Einmal blieb er mitten auf dem Damm stehen, und indem er sich verfärbte, murmelte er leise vor sich hin: »Kläglich.«

Vor dem Hause der Charlotte Ingolf machte er Halt. Er zauderte einen Augenblick, dann eilte er hinauf.

Die Ingolf stand bereits im Entree und erwartete ihn. Über das Mädchen war etwas von demütiger Raserei gekommen. Sie war ihm gegenüber willenlos. Sie hungerte nach ihm, solange sie ihn nicht sah, und sie zitterte in seiner Gegenwart. Jeden Widerstand hatte sie längst aufgegeben.

»Guten Tag«, sagte sie erregt und machte gleichzeitig einen schüchternen Versuch, ihn zu umschlingen.

Er wehrte unfreundlich ab. Da ließ sie tieftraurig die Arme fallen.

Sie gingen in ihr Zimmer. Der Mechaniker hatte Heißhunger. Aber als gleich darauf das Hausmädchen auf einem Tablett Filetbeefsteaks mit Bratkartoffeln und kaltgestelltes Bier hereinbrachte, erklärte er kurz, daß er nicht einen Bissen hinunterwürgen könne.

Die Ingolf sah ihn mit einem stummen Blicke bittend an, nachdem das Mädchen sich entfernt hatte.

»Du hörst doch, daß ich keinen Appetit habe«, fuhr er sie kalt und höhnisch an, und im stillen empfand er eine heftige Schadenfreude und Genugtuung darüber, daß er sie peinigen konnte.

Nun wagte sie kein Wort mehr. Sie lehnte sich in das Sofa zurück und ließ ebenfalls die Speisen unberührt.

Warum quäle ich sie eigentlich? Was für eine dumme Frage, antwortete er sich – es macht mir einfach Spaß – basta! Ich könnte mich ebensogut fragen, fügte er bei sich hinzu: Warum bin ich, wie ich bin?

Die Ingolf stand auf. Indem sie ganz vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter legte, sagte sie: »Hast du Arger gehabt?« Und gleichsam entschuldigend, setzte sie hinzu: »Du siehst so bitter aus!«

»Nein«, er lachte kurz auf.

Dieses Lachen tat ihr weh.

»Nichts ist mir widerlicher als Mitleid«, entgegnete er nach einer Weile, »und nichts vertrage ich schlechter, als wenn jemand zu ungelegener Zeit mich mit Fragen quält. Habt ihr Weiber denn dafür gar kein Gefühl im Leibe?« schloß er bissig.

Sie trat zurück und setzte sich an das Fenster. Sie war ganz bleich geworden und hatte ihre Hände geballt.

Das beachtete er nicht. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und starrte vor sich hin.

Die Ingolf sprach kein Wort. Sie lauerte nur beständig darauf, daß er sich endlich an sie wenden würde. Aber vergebens wartete sie. Und obwohl sie an diese Qualen gewöhnt war, und obwohl sie dieses unheimliche Schweigen, das oft stundenlang dauerte, an ihm kannte, ängstigte es sie immer wieder. Was mochte in seinem Hirn vorgehen? fragte sie sich entsetzt. Worüber zerbrach er sich den Kopf, wenn er so seinen Zorn in sich hineinbiß, seinen Gram, seinen Haß, und kein Wort für sie übrig hatte?

Darauf fand sie keine Antwort.

Dieser Mensch war wie das ewige Dunkel, das nur sich selbst begreift und für den Beschauer undurchdringlich ist. Nur in kargen Augenblicken flackerte ein armseliger Lichtschimmer auf und gewährte einen flüchtigen Blick in die Wirrnisse seiner Seele. Aber wenn sie dann mit weitgeöffneten Augen etwas erraffen wollte, verlöschte er, und das Dunkel schien noch tiefer als zuvor.

Gerade aus seinem Schweigen und seiner Verschlossenheit wuchs die überlegene Kraft, die er über sie hatte; sie fühlte es. Wie muß er leiden, sagte sie sich in ihrem liebenden Herzen. Und tausendfach verzieh sie ihm, was er ihr antat, Böses und Hartes.

Auch ging sie umher mit ihrer beständigen Furcht vor der Josefa. Wenn sie sie zufällig sah, oder traf – und das geschah öfter als sonst – so wich sie ihr wie eine Schuldbeladene aus. Sie wollte um die nächste Ecke biegen, aber mit Habichtsaugen hatte die Josefa sie erspäht, und wie ein Stößer kam sie auf sie zugeschossen.

Sie ging nicht von ihrer Seite. Und was für ein Lächeln hatte das Mädchen! Ihr schauderte davor. Und was für Fragen richtete sie an sie, und mit wie gierigen Blicken durchdrang sie sie!

Und immer dachten sie beide an den einen ... und nie sprachen sie es aus, als ob es ihnen eine Lust war, sich gegenseitig zu martern und aufzureiben. Und jedesmal bangte der Ingolf davor, daß die andere plötzlich beginnen würde. Sie wartete mit klopfenden Pulsen und verschwiegenen Ängsten. Oft schien es ihr auch, als ob die Josefa Ernst machen würde. Ein Blick, eine Wendung ließ darauf mit Bestimmtheit deuten. Aber dann brach die Gerving ab, betrachtete sie voll Hohn und ging wortlos von dannen.

Es war eine Qual ohne Ende – und unaufhaltsames Bangen, das sie langsam mürbe machte. Wenn sie an ihm nur eine schwache Stütze gehabt hätte! Wenn wenigstens zuweilen aus seinem Inneren ein Funken Güte für sie herausgesprungen wäre! So aber durfte sie nicht einmal zu ihm von dem sprechen, was auf ihr lastete.

Er wollte ihre Sorgen nicht. Sie wußte es. Und in ihrer lächerlichen Demut kam es ihr selbst wie eine Zumutung, wie ein Verbrechen vor, daß sie ihm mit ihrem Fürchten in die Quere kommen sollte.

Alles das durchlebte sie jetzt von neuem, während sie mit tränenlosen Augen am Fenster saß und in die Straße und ihr Getriebe blickte ...

Wie wunderlich und verwirrt war alles.

Das ganze Gerede von Freiheit und Selbstbestimmung kam ihr in dieser Stunde des Nachdenkens öde und geschwätzig vor. Man konnte mit dem nämlichen Rechte von Schuld und Schicksal sprechen. Wie war es sonst denkbar, daß der Mensch sich selbst Gefängnisse baute, deren Eisengitter schlimmer als die der Wirklichkeit waren, daß er aus freien Stücken Handfesseln sich anlegte, sich versklavte und seine Sehnsucht nach der Peitsche und dem Getretenwerden war stärker als der Drang nach Freiheit.

Sie rieb sich die Stirn. Ach Gott, was ist das für ein albernes Zeug! Damit sich den Kopf beschweren! ...

Verstohlen blickte sie zu ihm hinüber.

Immer noch saß er unbeweglich da und stierte wie geistesabwesend in die Lampe.

Einen Augenblick fuhr es ihr durch den Sinn, er müßte krank sein. Nur ein Kranker konnte mit dieser abgekehrten Melancholie sich und andere peinigen.

Ein Grauen packte sie bei dem Gedanken; sie wies ihn von sich. Was war krank? Was war gesund? Jeder einsame Denker, jeder, der abseits vom Wege ging, war für den Philister ein Irrer. Man brauchte nur den Rock anders zu tragen als Hinz und Kunz, um von diesen Ewig-Zufriedenen, Ewig-Satten, von keinem Zweifel Berührten – um von den Positiven im Lande mit überlegenem Hohn als geistesgestört angesehen zu werden.

Sie raffte sich auf, und plötzlich sagte sie: »Heute bin ich der Josefa begegnet.« Und mit gesenkter Stimme fuhr sie fort: »Ich fürchte mich vor ihren Augen.«

Der Mechaniker hatte den Kopf ein wenig zu ihr gewandt. Er blickte sie fremd an, als begriffe er nichts von ihren Worten. Dieses ruhige und kalte Betrachten nahm ihr den Rest ihrer Fassung.

Und auf einmal schüttelte sie sich. Eine bestimmte Vorstellung ergriff sie. Sie sah sich im Seziersaal auf einem der Tische liegen, als eines jener im Elend verkommenen Frauenzimmer, die mit einem letzten, mutigen Entschluß ihrem Jammerdasein ein Ende bereitet hatten. Und nun dienten sie der Wissenschaft als Objekt – denn es gab für sie kein christliches Begräbnis –, wurden von ruhigen, sicheren Händen auseinandergenommen und auf Hirn und Herz, auf Nieren und Eingeweide von klaren Forscheraugen untersucht. Keine Seele dachte mehr daran, daß in so einer entstellten Hülle ein gequältes Herz gepocht und nach Licht gehungert hatte ...

Genau so betrachtete er sie, wie ein Objekt, wie ein Ding ohne persönliche Anteilnahme, ohne eine Spur von innerer Empfindung.

Ich will nicht weinen ... Nein, ich will nicht weinen ...

Und sie empfand ganz deutlich, wie sie ihr Weh niederzwang.

Schwerfällig erhob sich der Mechaniker.

Er nahm seinen Hut und murmelte kaum hörbar vor sich hin: »Gute Nacht!« Selbst diese karge Freundlichkeit schien ihm sauer zu werden.

Sie sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Sie sah, wie er bei ihrem Blick die Brauen zusammenzog, stumm ihr den Rücken kehrte und aus der Tür trat.

Sie hörte noch, wie seine Schritte verklangen.

Dann brach sie auf einem Stuhl zusammen und verhüllte ihr Gesicht ... So zertreten ... so furchtbar mißhandelt kam sie sich vor.

Warum tut er das? stöhnte sie in sich hinein.

An der nächsten Ecke blieb der Mechaniker stehen und holte aus seiner Rocktasche den »Festsaal« hervor.

Er las Wort für Wort seinen Aufsatz, und ohne sich von den Vorübergehenden im mindesten stören zu lassen, las er ebenso aufmerksam den von Thomas Truck.

Das ist doch ein Schwärmer, ein Kerl ohne Hammer, ein Mensch mit einem Gewissen! Und im stillen fügte er hinzu: Niemals wird dieser Bursche den Statuen die Köpfe zertrümmern, niemals wird er kurz und klein schlagen, was ihm in den Weg kommt. Verärgert lachte er in sich hinein: Er hat einen Hammer, aber er hat keine Muskeln ...

Dieses war es, was ihm den ganzen Abend während seines schweigsamen Besuches bei der Ingolf beschäftigt hatte. –

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