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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 54
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XII.

Der »Festsaal« war offiziell erschienen. Die Mitglieder des Nachtlichts hatten sich bereits einzeln in tiefer, freudiger Erregung gesprochen, aber die gemeinsame Aussprache sollte erst bei Broses stattfinden. Jeder von ihnen sah mit einer gewissen Spannung dieser Zusammenkunft entgegen. Man hatte für den Augenblick alle Gegensätzlichkeiten vergessen – nur das Gefühl der Gemeinsamkeit erfüllte alle.

Das Blatt bedeutete ja für sie mehr, als die erste Nummer einer Zeitschrift. Es brachte Gedanken und Ideen, die man im engen Kreise oft genug mit heißen Köpfen bis in ihre letzten Bestandteile zerlegt hatte. Es brachte die Rückerinnerung an Stunden, wo der Kampf der Meinungen heftig getobt und sie alle mit fortgerissen hatte.

So stellte sich das Blatt für jeden als ein Stück seines eigenen geistigen Menschen dar, und darum betrachtete jeder es mit Ehrfurcht als etwas, das ihm innerlich nahe ging.

Und dann sollte es ja ein Wegweiser in die Zukunft sein, das rohe Gerüst, das nun erst ausgebaut werden sollte. – Zu einer Art von Richtfeier wollte man zusammenkommen ...

Aber die Tür bei Broses öffnete sich nur für Thomas. Und als die Malerfrau ihm wortlos und wie erstarrt gegenübertrat und ihm, ohne einen Laut hervorzubringen, voranschritt – da wußte er, daß der Festsaal sich in eine Totenhalle umgewandelt hatte.

Ganz plötzlich und unvermutet hatte der Maler die große Reise angetreten. Und wie Thomas nun vor seinem Lager stand, wo der hagere Mann ernst, bleich und milde dalag, empfand er wieder jene Schauer, die er vor vielen, vielen Jahren verspürt hatte; damals, als er, noch ein Kind, dem Vater die kleine Elektrisiermaschine in das Sterbehaus nachtragen mußte und zum ersten Male den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte.

Und noch ein anderes kam über ihn in der Flucht der Erinnerungen, etwas, das sich zusammensetzte aus Einsamkeitsrausch und Allempfinden. Der da lag, war sein Toter, wie die Tamara es war, aber in einem Sinne, der ihm jetzt erst aufging; es gab keine Trennung zwischen ihnen, sie lebten in ihm, weil sie Besitz von ihm genommen, mit ihm eines waren.

Und so betrachtete er in einer Bewegtheit, die kein weltlicher Ton störte, den stillen Schläfer. Und jedes seiner Worte erwachte in dieser Stunde; er sah seine schlichten Bewegungen, er sah seinen edlen Gang. Hier lag einer, für den das Ende kein Ende war, einer, der nach einer mühseligen Wanderung rastete.

Die Andacht entrückte Thomas weit. Er sah sich wieder auf hohen Gipfeln zwischen Felswänden und rauschenden Bergbächen, und er überblickte den langen Weg, den er selbst vorwärtsgeschritten war, auf dem der Verblichene ihn eine weite Strecke geleitet hatte.

Aber im Hintergrunde seiner Seele tauchte die bange Frage auf, ob wirklich die große Ruhe und Erkenntnis, die durch nichts mehr zu erschüttern war, ihn erfüllte.

Er blickte sich scheu um und sah in das unbewegliche Gesicht der Malersfrau, von der ein eisiger Hauch ausging.

Aber seine Wahrnehmung kam ihm falsch und verzerrt vor. Und plötzlich hatte sie, für ihn etwas Großes, Erdenentrücktes.

Er wagte es nicht, sie anzusprechen, nur seine Augen hielt er fest auf sie gerichtet. Und nun begriff er sie. Er sah in ihr Inneres.

Sie schließt mir die Tore auf, dachte er für sich, die in das Reich der Mütter führen. Und ganz unvermutet stand er in diesem Reiche und sah in langen Zügen die Mütter auf sich zuschreiten. Um ihn wehte eine heilige Luft. Die Gesichter der Mütter waren durchsichtig und unergründlich zugleich. Sie wirkten wie die letzte Klarheit und das tiefste Geheimnis.

Keine sprach zu ihm; nur ihre Blicke bohrten sich in ihn. Er wollte reden, doch eine Überseligkeit schloß seine Lippen. Seine Augen wurden hellseherisch. Er fühlte sich im tiefsten Zusammenhang mit ihnen, die alles Weh und alles Leid in Güte und Verstehen umgewandelt hatten. Und auf einmal beugte er sich wie überwältigt vor der Malersfrau und berührte ihre Hände mit seinen Lippen.

Aufgerichteten Hauptes verließ er das Totenhaus ...

Er konnte jetzt keinen der Freunde sehen. Jeder Laut der Straße traf ihn schmerzhaft, und alle Vorübergehenden hatten etwas Gekrümmtes, Geducktes, Vergrämtes und Lichtscheues. Sie schritten in Finsternis einher: über ihnen dunkelte die Nacht mit toten, erloschenen Sternen.

Warum ist das alles so undurchdringlich? fragte er sich furchtsam ... seine Züge wurden visionär, seine Fingerspitzen klopften, und mit trunkenen Augen eilte er vorwärts.

Auf den Fußspitzen stieg er die Treppen zu seiner Mansarde hinauf, vorsichtig öffnete er die Tür, die er sofort wieder zuriegelte.

Und jetzt tat ihm das Dunkel seines Zimmers wohl ...

Als nach einer langen Weile die Wirtin anklopfte, rührte er sich nicht.

Die Alte drückte die Klinke herunter, dann hörte er noch, wie sie »Herr Doktor!« rief.

»Nein ... nein ... nein«, antwortete er angstvoll.

Er hielt sich die Ohren fest zu, um keinen Ton von außen zu vernehmen.

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