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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XI.

Die Redaktion und Geschäftsstelle des »Festsaals« befand sich in Thomas' Mansarde.

Er hatte ursprünglich mit dem neuen Leben auch die alte Wohnung verlassen wollen, jedoch gab er diese Absicht nach einigem Überlegen auf. Denn dieses Zimmer gehörte von nun ab nicht mehr ihm allein, es war einem höheren Zwecke geweiht.

Und dann ... Erinnerungsketten banden ihn leise. Es war ihm, als dürfte er nicht von hier weichen; hier, wo so manches Dunkle und Rätselhafte sich abgespielt, für das er heute noch keine Erklärung wußte.

Zu allerletzt war dieser Raum in jedem seiner Gegenstände ihm vergoldet, weil durch ihn noch einmal seine Jugend gewandelt war in Gestalt Bettinas. Und wenn er auch nur mit einem Gefühle tiefer, quälender Scham an sie denken konnte, wenn er es überhaupt mied, sie sich bewußt zurückzurufen, so lebte doch im Grunde seines Herzens wie ein ewiges Leuchtfeuer die Erinnerung an sie.

Er lastete sich in der nächsten Zeit eine Arbeit auf, die ihn verzehrte. Er achtete nicht darauf.

Den ganzen Tag war er mit dem Volksschullehrer unterwegs. Sie verhandelten mit Druckereien und Papierlieferanten, und sie erkundigten sich eingehend danach, wie man ein Blatt vertreiben müßte. Von all diesen Dingen hatten sie keine Ahnung.

Schon auf diesen Wegen wurden viele ihrer Hoffnungen zerstört. Sie fanden ungeahnte Schwierigkeiten und nirgends Entgegenkommen.

Bei jedem Mißerfolg hatte Heinsius ein triumphierendes Lächeln. Für ihn gab es keine Überraschungen. Nur wenn es anders gekommen wäre, hätte er sich gewundert, versicherte er.

Thomas lächelte dazu nur still. Er war nicht zu entmutigen. Er kam schließlich zu dem Resultat, daß erst das Blatt da sein müßte. Seine Verbreitung würde es sich schon von selbst schaffen.

Der schlimmste Fehlschlag kam, bevor man eigentlich ans Werk gehen konnte.

Thomas hatte sein ganzes Vermögen, das noch fünfundzwanzigtausend Mark betrug, flüssig machen wollen. Er bekam jedoch von seinem Vater, der trotz seiner Großjährigkeit es immer noch verwaltete, die Nachricht, daß er ihm unter keinen Umständen mehr als den fünften Teil schicken könnte, da das übrige in Hypotheken festläge.

Er hatte sich nie um Geldangelegenheiten gekümmert und begriff das nicht. Früher einmal bei irgendeiner Auseinandersetzung hatte er etwas von pupilarischer Sicherheit gehört. Damit brachte er den Bericht des Vaters jetzt in Zusammenhang.

Als er dem Volksschullehrer die Hiobsnachricht mitteilte, riß dieser die Augen auf. »Ich wußte gar nicht«, sein Gesicht verzog sich dabei seltsam, »daß Sie ein so schwerer Junge seien. Im übrigen sind fünftausend Mark eine Menge Geld und für den Anfang schon was wert«, beruhigte er ihn.

Endlich waren die nötigen Vorbereitungen getroffen und die Redakteure konnten an die innere Arbeit gehen.

Die Feder schien sich ihnen von selbst zu bewegen. Sie waren so voll von ihren Ideen und Anschauungen, daß sie Mühe hatten, den Strom der auf sie eindrängenden Gedanken zurückzudämmen. Sie waren ungelenk, schwerfällig und ungeübt im Schreiben, aber der Inhalt, den sie ausdrücken wollten, riß sie fort.

Es stellte sich beim Vorlesen ihrer Arbeiten sehr bald ein scharfer Gegensatz zwischen ihnen heraus. Alles, was Thomas schrieb, war von tiefem Ernst und bei aller Festigkeit von warmer Güte durchtränkt.

Heinsius' Feder war in Grimm getaucht. »Ich fange jetzt eigentlich erst zu leben an«, sagte er zu Thomas, »wo ich alles das ausdrücken kann. Es gibt eigentlich gar nichts Schöneres als den Beruf eines freien Schriftstellers. Alles, was so in einem gärt und arbeitet, kommt heraus! Ich bin geradezu in einem Rausch von persönlicher Freiheit, nein, es ist noch anders – ich habe jetzt überhaupt erst die Vorstellung, was Rausch ist!«

Jeder seiner für den Druck bestimmten Sätze hatte etwas Beißendes und Ätzendes. Dabei war alles geistreich, scharf pointiert und doch auch logisch.

»Es wird schon ganz gut werden«, meinte er. »Ich reiße nieder – und Sie bauen auf. Die Leser werden auf ihre Rechnung kommen!«

Thomas fügte sich, wenn auch nicht ganz leichten Herzens. Er hätte an Stelle so verbitterten Zornes lieber überlegene und somatische Ironie gesehen, die seiner Ansicht nach tiefer und eindringlicher wirken mußte.

Er hielt aber seine Einwände zurück. Er erinnerte sich an die leidenschaftliche Heftigkeit des Christen, wenn es ihm galt, das Reich von dieser Welt in seinen Fugen zu erschüttern.

Man wurde sich bald darüber einig, daß Thomas als Redakteur zeichnen mußte. Der von Amts wegen disziplinierte Heinsius würde allzu leicht die Aufmerksamkeit höherer Gewalten auf sich lenken.

Heinsius fügte sich nur unwillig.

Er freute sich ja gerade auf das Tanzen, und nun wolle man ihm die Beine verschnüren! Es half ihm nichts.

Eines Abends klopfte Fründel an und brachte einen Artikel unter der Überschrift: »Das heilige Ich«. Er war außerordentlich schwerfällig geschrieben; aber Thomas war doch erstaunt, in wie hohem Maße dieser Mensch seine Weltanschauung durchgearbeitet und sich zu eigen gemacht hatte. Und das Merkwürdige war, daß, so holperig sein Stil dahinrollte, er doch im Wortausdruck durchaus eigenartig und zuweilen frappierend war. Bei all seiner Schwerfälligkeit hatte der Mechaniker eine urkräftige, volkstümliche und schöpferische Art im Wortprägen. Er litt nur unter der Fülle der Gedanken, die er wiedergeben wollte. Lissauers Beitrag lautete kurz und bündig: »Die Tragödie des modernen Juden.«

Die übrigen Mitglieder vom Nachtlicht hatten sich fürs erste schweigend verhalten – und es bedurfte ihrer nicht.

Heinsius und Thomas hatten reichlich für Stoff gesorgt. Für die nächsten Nummern brauchte man nicht in Sorge zu sein.

Sie lebten beide in einer fieberhaften Spannung. Und als sie die Artikel in die Druckerei brachten, schlugen ihre Herzen höher. Die ersten Korrekturabzüge, die noch feucht von Druckerschwärze waren, holten sie sich selbst ab.

Es war noch nicht ausgesetzt worden, und so warteten sie im Setzersaale.

Alles war ihnen neu und fremdartig. Als der Satz endlich fertiggestellt war und die Druckerschwärze über ihn gestrichen, das weiße Papier darüber gelegt und mit einer Rolle der Abdruck bewerkstelligt wurde, hatte ihre Erregung den Höhepunkt erreicht. Vorsichtig nahmen sie die ersten Abzüge in Empfang.

Ihre Augen bekamen etwas Trunkenes, als sie den Inhalt überflogen. Hatten sie wirklich alles das geschrieben? Wie es in den frischen Blättern vor ihnen stand, wirkte es ganz anders. Streng, bedeutend und volltönend klangen ihnen die Worte.

Die Setzer lächelten verschmitzt und tuschelten über die Neulinge, die ihnen andererseits doch Respekt einflößten. Es waren intelligente Menschen, die der ungewohnte Inhalt einigermaßen in Erstaunen gesetzt hatte.

Und dann wurde die ganze Nummer zusammengestellt, und oben prangte als Kopf in übergroßen, geheimnisvollen Lettern: »Der Festsaal«.

Sie bogen das dünne Heft, das Folioformat hatte, und empfanden jene Süßigkeit des jungen Schriftstellers, die der Vorbote des kommenden Grams ist.

Thomas blickte immer auf den Titel, und leise flüsterte er mehrere Male vor sich hin: »Der Festsaal«.

Und in diesem Worte lag für ihn alles: sein neues Bekenntnis, sein neuer Glaube, sein Gram und seine Lebensarbeit.

Lange konnten sie es sich gar nicht vorstellen, daß sie das Blatt gemacht hätten. Es kam ihnen noch wie eine Illusion, wie ein flüchtiger Traum vor.

Der Metteur mußte sie erst darauf aufmerksam machen, daß es Feierabend sei, und daß die Setzer bereits den Saal verlassen hatten.

Sie hatten es gar nicht bemerkt, daß die Leute sich inzwischen umgezogen, mit Spülwasser die schmutzigen Hände gereinigt und ihre Räder hervorgezogen hatten.

Sie waren die letzten, die sich entfernten. Aber mitten auf der Straße packten sie ihre Rollen noch einmal aus, blieben stehen und betrachteten mit neuem Erstaunen die erste Nummer ihrer Wochenschrift. Und Thomas las das Inhaltsverzeichnis vor.

Die Überschriften der fünf Aufsätze lauteten: »An die Zerstreuten im Lande«. »Tanz und Andacht. Ein Beitrag zur neuen Religion«. »Das heilige Ich«. »Das Sklaventum im sozialistischen Staate«. »Die Tragödie des modernen Juden«.

Der Aufsatz über »Tanz und Andacht« rührte von Thomas Truck her; der über »Sklaventum im sozialistischen Staate« von Heinsius.

»Ich bin sicher«, sagte der Volksschullehrer, »daß noch in keiner modernen Zeitschrift diese Dinge mit so viel Ernst und agitatorischer Werbekraft vorgetragen worden sind.«

Darauf entgegnete Thomas nichts. Schweigend legten sie den Weg zur Redaktion in der Luisenstraße zurück. Jeder war ganz von seinen Gedanken eingenommen und hatte den anderen vergessen.

Heinsius kalkulierte im stillen, wieviel Monate er die Herrlichkeit erleben würde. Ich freue mich, und mitten im schönsten kommt Freund Hein und winkt. Va bene, es komme, wie es komme!

Thomas aber dachte weder an Leben noch an Sterben.

In zitternder Freude erfüllte ihn das Nahen vom dritten Reiche.

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