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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 52
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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X.

Die Leute im Nachtlicht hatten sich vollzählig versammelt. Der Schein der Petroleumhängelampe beleuchtete wiederum ihre Gesichter, die erregt schienen.

Der Maler Brose saß zurückgelehnt in seinem Stuhl. Er hatte die Hand an das Kinn gelegt und hörte stumm zu. Die Krankheit hatte sein Gesicht noch mehr durchgeistigt, seinen Zügen eine Art von unirdischem Glanz verliehen.

Die Frau saß neben ihm und hielt beständig seine freie Hand, die er ihr nicht entzog. Sie war ganz innere Unruhe, jeder Blick gehörte ihm. Ohne Anteilnahme folgte sie den Reden. Die bangen Nächte der letzten Zeit, der Zustand der ewigen Furcht und Sorge um ihn hatten sie aufgerieben. Dennoch beherrschte sie sich und zwang sich wenigstens äußerlich nieder. Wenn ein Geräusch entstand, zuckte sie zusammen. Sah dann Brose auf, so wurde sie rot wie ein Kind, drückte seine Hand und versicherte ihm, daß das nichts zu bedeuten habe.

Man sprach in erregtem Tone über Thomas Truck. Seit Wochen war er nicht mehr hier erschienen. Er war verschwunden, abgereist, ohne irgendeinem der Freunde ein Wort zu sagen. Niemand wußte, wo er war. Mechaniker Fründel erklärte, daß daraus nicht der geringste Vorwurf gegen ihn erhoben werden könnte. Wenn er nicht mehr hierher käme und sich auf und davon gemacht hätte, so sei das seine Sache; dadurch würde sein Urteil über ihn nicht beeinflußt. Fründel sprach überhaupt in der letzten Zeit zur Verwunderung aller in außerordentlich fließender Rede. Seine Schweigsamkeit hatte aufgehört. Es schien in ihm die Neigung erwacht zu sein, sich an den Leuten im Nachtlicht zu reiben.

Alle waren erstaunt darüber, in wie hohem Grade der Einsilbige die Rede beherrschte, mit welcher Festigkeit er sprach, und wie er jeden Satz, den er aufstellte, ausgebaut und sich überlegt hatte.

Er war gegen jeden Angriff von vornherein gewappnet, er lauerte förmlich auf ihn, um ihn sofort zu parieren.

Er stieß sie durch seine schrankenlose Offenheit und vorgefaßten Meinungen ab, die durch keine Gegengründe zu erschüttern waren. Aber alle hatten doch Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinem unerhörten Fleiß.

»Welches ist denn Ihr Urteil über Thomas Track?« fragte Lissauer.

Der Mechaniker blickte den Frager scharf an, ehe er erwiderte: »Ich traue ihm nicht ganz, weil ich ihn für einen Träumer und Weichling halte!«

Und Heinsius, der mit Fründel am besten stimmte, weil er sich durch das harte Auftreten dieses gesunden Burschen in seinen eigenen Anschauungen gefestigt und gestärkt fühlte, setzte hinzu: »Das ist einer von den Halben, den Schwärmern, die nicht hott und hü sagen, die bald hierhin, bald dorthin getrieben werden, die immer gern möchten und nie können! Einer von den Lauen, die am Gewissen laborieren! Aus solchen Kerlen werden schließlich Weltschmerzler oder Irrenhäusler.« Diese Worte hatte er so verbittert ausgestoßen, daß alle einen Augenblick verblüfft waren.

Aber auf einmal erhob sich die Maria Werft, und sich weit über den Tisch beugend, als wollte sie ihn mit ihren glänzenden Augen durchbohren, rief sie mit einer Stimme, aus der tiefer Zorn und Bewegung zitterte: »Wie können Sie den gnädigen Herrn, der abwesend ist, so beschimpfen?«

Die Ingolf, die schon bei den Worten Fründels gedrückt auf die Tischplatte gesehen und sich nicht zu rühren gewagt hatte, schrak jäh auf.

»Reden Sie doch nicht solches Blech von Gnade und gnädig – das wird auf die Dauer langweilig«, unterbrach der Mechaniker in sarkastischem Tone das Schweigen.

Die Maria krümmte sich bei seinen Worten eine flüchtige Sekunde wie unter einem Peitschenschlage, dann aber richtete sie sich kerzengerade auf, und wieder bekamen ihre Augen einen ekstatischen und durchleuchteten Ausdruck. »Sie sind ohne Gnade, Christus verzeihe Ihnen!«

Heinsius wollte ihr in die Rede fallen, aber aller Augen waren auf Brose gerichtet, der sich langsam erhoben hatte und mit beiden Händen am Tische festklammerte.

»Ich möchte«, begann er (und man verstand ihn zuerst kaum, so undeutlich sprach er), »durch mein Schweigen nicht in den Verdacht kommen, als ob ich mich den Urteilen über Thomas Truck anschlösse, sie billigte. Ich für meinen Teil habe keine Zweifel an diesem Menschen. Alles, woraus Heinsius und Fründel Stricke für ihn drehen, scheint mir nichtig; es begründet vielmehr sein Wesen denen, die es verstehen wollen. Es ist wahr, dieser Mensch leidet am Volksgram, er leidet an seinem Ich. Hier liegen die Wurzeln seiner Kümmernisse, aus denen, Sie dürfen es mir glauben, seine Weltanschauung, seine Kraft wachsen wird. Denn dieser zählt zu den Menschen, die sich langsam und schwer finden, die unablässig suchen und graben! Er ist aus dem Holze der Edelmenschen.« Und leiser fuhr er fort: »Viele Tannen stehen im dunklen Walde. Der Sturm braust über sie hinweg, daß sie zusammenschauern und vor Todesweh ächzen, und von neuem braust der Sturm und peitscht das Erdreich auf und entwurzelt sie mitleidlos. Und zu einer jungen Tanne, die freier dasteht als die anderen, blicken die Übriggebliebenen, die Verschonten ängstlich hinüber, ob sie noch dastünde, oder der Gewalt gewichen wäre ... Und diese Tanne hält Trotz dem empörten Unwetter. Es beugt sie zur Seite, in jeder ihrer Nadeln fühlt sie die Stöße, aber jedesmal richtet sie sich höher und gerader auf. Und auf die Nacht und auf den Sturm folgt der Tag und die Stille. Und die anderen liegen kläglich da, während sie in ihrem Gram fester und tiefer Wurzeln geschlagen hat. Wen ich mit dieser Tanne meine, wissen Sie. Und darin fühle ich mich mit der Maria Werft eins, daß man einen, der sich nicht verteidigen kann, nicht angreifen soll!«

Der Musiker Abraham Gebhardt war aufgestanden. »Ich finde es unwürdig«, rief er, und seine langen Locken bewegten sich, »daß man in unserem Kreise so wenig Vertrauen zueinander hat. Was sollen uns die kleinlichen Schmähreden! Habe doch wenigstens hier ein jeder Achtung vor der Persönlichkeit des anderen!«

Fründel erhob sich. »Wenn das ein Vorwurf gegen mich sein soll, so weise ich ihn zurück. Ich habe den Charakter des Thomas Truck mir zu deuten gesucht und mir die Freiheit genommen, das hier auszusprechen. Ich würde keinen Anstand nehmen, ihm meine Meinung ins Gesicht zu sagen. Im übrigen ...«

Der Mechaniker kam nicht weiter. Alle blickten befremdet und scheu auf die Türe, die sich soeben geöffnet hatte.

Auf der Schwelle stand Thomas, von der Sonne gebräunt und dennoch bleich. Allen kam er verändert vor. Seine Haltung schien ihnen straffer, sein Anzug ärmlich und sein Auge von einer außergewöhnlichen Leuchtkraft.

Die Brose ging ihm entgegen, und in ihrer freundlichen und herzlichen Art reichte sie ihm beide Hände. Mit einem schnellen Blick die Tafel überfliegend, sagte sie: »Sie kommen gerade zur rechten Stunde, denn eben war man dabei, über Sie Gericht zu halten.«

Nun gab sie ihn frei – aber er blieb an der Türe stehen.

Und seltsamerweise wurde es sofort wieder still. Keiner stand auf und begrüßte ihn. Alle sahen mit gespannten Mienen auf ihn. In dem Augenblicke wurde es ihm klar, daß er reden müsse, daß er ihnen vielerlei zu enthüllen habe, was keinen Aufschub mehr litt.

Und niemand wunderte sich, als er jetzt begann: »Liebe Menschen! Immer habe ich in eurem Kreise gehört, gelauscht, gelernt. Es ist das erstemal, daß ich versuchen will, euch etwas zu geben. Keiner erwarte sonderliche Gedanken und Erkenntnisse. Ihr wart dabei, über mich Gericht zu halten – und ihr tatet recht daran. Aber ihr wußtet nicht, daß ich in der Einsamkeit, aus der ich wieder zu euch trete, mich selber angeklagt und zur Rechenschaft gezogen habe. Und wenn ihr über mich strenge geurteilt habt – so urteile ich doch noch strenger. Ich sah über mein Leben, das wechselvoll und dürr gewesen war. Ich sah in mich ... und erschrak.«

Er hielt einen Augenblick inne, und seine Züge bekamen etwas Hilfloses und Wehes. Wer atmete tief auf. »Ich will zu euch, liebe Menschen, sprechen über den Weg, der sich vor mir auftut. In eurem Kreise, mit euch habe ich nach einer wertvolleren Betrachtung des Lebens und aller menschlichen Dinge gerungen. Gegensätze ... Klüfte taten sich auf. Aber der Drang nach Freiheit schlug über alle Klüfte eine Brücke. Jeder sehnte sich für sein Teil nach Freisein; und dieser Begriff bekam für ihn etwas vom Urdasein; in ihn zogen wir alle Reinheit und alles Adelige. Unter Freiwerden verstanden wir eine Empörung, ein machtvolles Sichauflehnen gegen jeden Zwang, er mochte von außen oder von innen kommen. All die Schalen und Krusten wollten wir sprengen, mit denen uns Erziehung und Gewaltherrschaft umgab. Es sollte für uns nichts Autoritäres mehr geben. Und aus einer Gemeinschaft, in der die Persönlichkeit des einzelnen unterdrückt und versklavt wurde, schieden wir stillschweigend aus, um uns den Weg mühselig zu bahnen, der uns zur Höhe führen sollte. Wir erkannten, daß nur der freie Mensch, für den es keine äußeren Gebote gibt und keine Lockungen von dieser Welt, Mensch wurde.«

Er schlug eine flüchtige Sekunde die Augen nieder. Dann fuhr er mit leiser Stimme fort: »Wir begriffen, daß wir abseits standen und den Zusammenhang mit jenen verloren, die Gewalt übten, oder Knechte waren; und wir empfanden, in innerstem Glück unsere Einsamkeit. Liebe Freunde, ich will versuchen, eine neue Brücke zu schlagen, eine Brücke, die vom Erkennen zum Leben führt. Das Leben schließt seine Pforten auf. Öffnet weit die Augen und blickt in das neue Reich! Seid eingedenk des Wortes: Wir sind das Licht der Welt. Wandelt im Lichte! Zündet die Fackeln an! Werft unser Nachtlicht überall hin – es wird Helligkeit und Tag verbreiten. – Ich will die sammeln, die nach Licht dürsten und hungern, die sich nicht vom Baal und nicht vom Belial zertreten ließ. Ich will die Freude verkünden, die Freude, liebe Menschen, die in vielen tausend Seelen glimmt, wie sehr man sie zu ersticken versuchte. Denn die Sehnsucht nach der Freude ist überall; und die Sehnsüchtigen warten nur mit bangen Seelen, daß einer komme und sie wecke.«

An der Stelle brach er plötzlich ab. Ihm war es, als ob es vor seinen Augen dunkelte, als ob sich schwarze Schatten zwischen ihn und die andern legten. Er hatte ein Gefühl der Elendigkeit. Einen Moment glaubte er umzufallen. Die Züge der Regine tauchten vor ihm auf. Er nahm sich gewaltsam zusammen.

Ich soll wecken? fragte er sich gequält. Bin ich denn selbst ein Wacher? ... Ja, ich bin wach ... ich bin wach ... ich bin wach ...

Er nahm wieder eine kerzengrade Haltung an.

»Ich fordere jeden auf«, begann er von neuem, »mit mir in den Festsaal zu treten und Bekenntnis abzulegen. Und jeder habe sein Bekenntnis und seine Sehnsucht. Aus unserem engen, kleinen Kreise treten wir hinaus und suchen die Gleichen. An allen Ecken und Enden des Landes stehen sie; ich höre ihr Pochen und Klopfen und öffne den Festsaal.«

Er zog plötzlich ein weißes Blatt aus der Tasche. »Auf dem Blatt stehen heute nur die beiden Worte: Der Festsaal. In jeder Woche soll es voll beschrieben hinausgehen und die freien Geister zum Zusammenschluß rufen. Es soll denen ein furchtbares Warnzeichen sein, die das Emporblühen der Freude, das Freiwerden untergraben wollen. Sie graben ihr eigenes Grab, und auf ihren Gräbern pflanzen wir das neue Reis. Wir kämpfen für das neue Leben, das eigentlich erst Leben ist. Das war es, liebe Freunde, was ich euch sagen wollte ...!«

Er war noch bleicher geworden, als bei Beginn seiner Rede. Aber fest stand er da; stark in jeder Muskel, durchglüht von der Reinheit seines Wollens. Alle hatten den Eindruck, daß eine große und reine Überzeugung ihn erfüllte, daß hier einer aufgestanden war, der etwas vom Baumeister in sich trug.

Der warme Klang seiner Stimme, das innerste und tiefe Gefühl, das aus ihr sprach, hatte sie noch mehr gepackt und ergriffen als der Inhalt, über den sie sich noch nicht ganz klar geworden zu sein schienen.

Ein paar Minuten herrschte jenes zitternde Schweigen, das mehr sagt als lautes Beifallsgetose.

Der kleine Blinsky trat als erster auf Thomas zu. Seine hervorstehenden, runden Augen funkelten. Er mußte eine Weile warten, bevor er sprechen konnte. Dann nahm er Thomas' Hand und sagte: »Ich stehe zu Ihnen!«

Jetzt erhoben sich auch die übrigen und sprachen in kleinen Gruppen miteinander. Es war ihnen mittlerweile aufgedämmert, daß diese Nacht einen Einschnitt in ihr Leben bedeuten würde; daß Thomas sie aus ihren stillen und verborgenen Zusammenkünften hinausziehen wollte in den Kampfeslärm des Tages.

In einem Winkel stand Josefa Gerving und starrte auf Heinsius und Fründel, die heftig aufeinander einsprachen.

Liers trat an sie heran.

»Ich bitte Sie, machen Sie nicht ein so furchtbar ernstes Gesicht, Sie sehen ja entsetzlich verstört aus!«

»Finden Sie?« Sie warf die Lippen hochmütig auf und streifte ihn mit einem geringschätzigen Rück.

»Ja, ich finde es!«

»Man hat jetzt Wichtigeres zu tun, als solche Beobachtungen zu machen«, sagte sie höhnisch.

»Für mich gibt es nichts Wichtigeres!«

»So?« Ihr verfinstertes Gesicht hellte sich in leisem Spotte auf.

»Sie sind mir das Wichtigste auf Erden!«

»Wenn Sie nicht still sind, rufe ich Ihre Frau. Ein Glück, daß man mit anderen Dingen beschäftigt ist und auf uns nicht achtet.«

Wieder flog ihr Auge zu Fründel hinüber; gleichzeitig suchte sie aber auch die Ingolf.

»Sie können rufen, wen Sie wollen, was ich Ihnen zu sagen habe, kann jeder hören.«

»Meinen Sie?«

»Allerdings!«

Sein bildhübsches, für gewöhnlich müdes und verschlafenes Gesicht hatte einen innerlichen Ausdruck bekommen.

Die Gerving betrachtete ihn plötzlich aufmerksam. Sie sagte sich im stillen, daß er von der Natur außergewöhnlich bevorzugt war. Seine jünglingshafte Gestalt hatte etwas ungemein Elegantes und Edles. Laut aber antwortete sie: »Ich habe Ihrer Frau schon neulich auf der Straße erklärt, daß Sie mich auf ganz unverschämte Weise belästigen!« Etwas milder fügte sie hinzu: »Du lieber Gott, Sie sind doch ein verheirateter Mann, schämen Sie sich denn gar nicht?«

»Wie können Sie mir damit kommen? Eben hat man zu Ihnen über die Freiheit gesprochen und jetzt ...«

»Wenn Ihre Freiheit darauf abzielt, daß eine der anderen den Mann stiehlt, so ... so ... pfeife ich darauf!«

Er wurde nervös. »Was haben Sie für kindliche Ausdrücke und Anschauungen! Stehlen kann man doch nur einen leblosen Gegenstand ... stehlen ... stehlen!«

»Lassen Sie mich«, unterbrach sie ihn grob. »Dieses dumme Zeug kann ich nicht vertragen, verstehen Sie mich!«

Er trat einen Schritt näher und versuchte, sie mit seinem Blick zu bannen.

»Lassen Sie sich doch nicht auslachen«, meinte sie geringschätzig und wollte sich abwenden. Da faßte er sie beim Handgelenk.

Sie zuckte empor. Ihre Augen brannten wie die eines Raubtieres.

»Machen Sie auf der Stelle, daß Sie fortkommen! Oder ich schreie. Ich schreie ganz laut! Glauben Sie etwa, ich geniere mich?»

Sie hatte jetzt die Ingolf entdeckt, die sich eifrig mit der Brose unterhielt.

Bei diesem Anblick wand sich ihr Gesicht in einem niederträchtigen Lächeln. »Herr Liers«, sagte sie in plötzlich verändertem Tone.

»Fräulein –!«

»Wenn jemand einen gern hat, so bringt er doch Opfer für ihn – was?«

»Haben Sie mich gern?«

»Sie wissen es!«

»Wollen Sie etwas für mich tun?«

»Alles!«

»Darf ich Sie beim Wort nehmen?«

»Sie dürfen es!«

»Gut! Sie sollen auf Schritt und Tritt dies Frauenzimmer« – sie wies mit dem Zeigefinger auf die Ingolf – »verfolgen! Sie sollen weder Zeit, noch Geld, noch Mühe sparen, und Sie sollen mir berichten, wann und wo Sie sie mit Fründel entdecken. Natürlich müssen Sie zu diesem Zwecke Ihren Schlaf etwas verkürzen«, setzte sie rasch hinzu.

Er hatte sich bei ihren Worten verfärbt.

»Das ist ja im Grunde eine Gemeinheit, die Sie mir zumuten«, brachte er mühsam hervor. »Ich soll so'n bißchen Detektiv spielen ... 'n schmutziges Geschäft!«

»Aha, da haben wir's! Ich wollte nur einmal sehen! Haben Sie schönsten Dank! Ich bin beruhigt – Sie werden sich um meinetwegen nicht das Leben nehmen!«

»Bitte sehr! Ich habe nur gesagt, daß es eine Gemeinheit ist; ich habe nicht gesagt, daß ich mich weigere, es zu tun. Ich erkenne, daß es eine schmutzige Gemeinheit ist, aber ich werde es unbedingt tun, unbedingt!«

Ihre Augen funkelten.

Sie nahm seine Hand und drückte sie.

Der Maler klopfte jetzt mit einem Schlüssel auf die Tischplatte, und jeder eilte an seinen Platz.

»Das Wort hat Abraham Gebhardt.«

Der Musiker hatte sich hinter seinen Stuhl gestellt, auf den er beide Hände stützte. Er hatte seinen Kopf ein wenig zurückgelehnt, so daß man seinen schlanken, feinen Hals sah. Es schien, als ob seine Augen noch mehr zurücksinken wollten. »Mir ist«, begann er, indem er über die Anwesenden hinwegsah und gleichsam in die Ferne schweifte, »als ob ich die Glocken des dritten Reiches hätte läuten hören. Ein Musiker hat feine Ohren. Immer war mir an den Kirchen das Läuten der Glocken das liebste. Es hatte für mein Gefühl etwas Starkes, Aufweckendes, Aufrührerisches; und es hatte in seinem Verklingen etwas Friedenbringendes, Andachtschaffendes für den, der um die Abendstunde über Felder ging. Die Glocken, die ich heute vernahm, hatten noch etwas anderes.« Er hielt eine flüchtige Sekunde inne. »Etwas Tieffreudiges«, sagte er einfach, »etwas in die Zukunft Läutendes. Jemand steht unter uns auf und spricht das erlösende Wort. Jemand, den wir lästerten, bringt uns die Botschaft, auf die wir all die Jahre uns vorbereiteten. Wen drängt es hier nicht, Bekenntnis abzulegen und mit Thomas Truck auf den Turm zu steigen; auf unseren Turm – am Glockenstrange zu ziehen und die Brüder zu unserer Tafel zu laden, die das ›Leben‹ heißt? Ich bin dabei von ganzer Seele, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt. Was ist Freiheit? Freiheit ist Leben ohne Furcht und Hoffnung. Was ist ein Philister? Ein hohler Darm, mit Furcht und Hoffnung angefüllt, daß Gott erbarm! Die leeren Wünsche, die erbärmlichen Ängste schütten wir in ein tiefes Grab und werfen unsere Sklavenfesseln ab, und in Bewußtsein vergolden wir unser Leben mit freudigem Glänze. Wir sehen unser Leben allüberall. Unsere Augen, jetzt erst geöffnet, blicken in weite Fernen. Nennen wir die neue Religion Rausch – Freude, Tanz oder Andacht, immer wird sie geboren aus der Sehnsucht nach Höhenluft. So vertiefen wir unsere Religion, und bauen sie aus und sprengen die Ketten jedes Dogmas. Sie ist für uns eine Einheit, in die wir unser ganzes vieltausendfältiges Ewigkeitsdasein zusammenfassen. Unsere Kunst und unsere Arbeit, unsere Lebensführung, unser Empfinden, unser neues Träumen!«

Bei den letzten Worten strich er aus der reinen Stirn die Locken zurück, fuhr sich dann erregt und zerstreut über das ganze Gesicht und setzte sich nieder.

»Ich bitte um das Wort«, rief Lissauer. Der kleine, bucklige Mann glühte. »Ich werrde mich serr kurz fassen. Ich will nurr sagen, daß wirr noch lange werrden müssen niederreißen, ehe wirr können aufbauen; dennoch finde ich es serr schön, daß hinterr diesen Arbeit ein positiver Gedanke steht. Ich bin dabei und bin fiers Praktische.

Ich mechte daherr fragen, wie denkt sich der Herr Truck die Verwirklichung?«

Bevor noch Thomas antworten konnte, war Heinsius, der leise mit Fründel getuschelt hatte, aufgestanden. »Obwohl wir uns« – er wies dabei auf Fründel hin – »von den Weltanschauungen, die hier laut wurden, durch wesentliche Dinge getrennt fühlen, so empfinden wir doch ein Gemeinsames heraus. Auch wir können uns unter gewissen Umständen den Verein der Gleichen denken, wo die einzelne Persönlichkeit zur vollen und absoluten Entwicklung noch Raum hat. Deshalb wollen wir heute auch nicht das Trennende betonen und einfach unser Mittun erklären unter der Voraussetzung der völligen Freiheit.» –

Wieder richtete sich Thomas auf. »Ich habe nie daran gedacht, in die Entwickelung des einzelnen irgendwie einzugreifen. Bevor ich über die praktischen Ziele spreche, möchte ich noch abwarten, ob einer unter euch zur Sache selbst etwas zu sagen wünscht.«

»Allerdings!« schrie vom untersten Ende der Tafel eine Stimme.

Es war stud. theol. Bechert. Seine Miene war streng und finster, sein bartloses Gesicht von Bewegung beherrscht.

Er öffnete die dünnen Lippen. »Ich habe mich hier immer nur als einen Gast betrachtet. Ich war hier ein Gast, der sich nicht die Tür weisen ließ. An Ihre neue Botschaft glaube ich für mein Teil nicht. Sie scheint mir von Grund aus verworren und unter dem Deckmantel phantastischer Phrasen den Geist des Aufruhrs, der Glaubenslosigkeit und der Zerstörung in sich zu tragen. Bei solchem Werke kann ich nicht dabei sein. Aber erscheinen werde ich in Ihrem Kreise nach wie vor als ein Warner und Mahner, als einer, der das Reich Gottes predigt gegen geistigen Hochmut und Verblendung. Denn«, rief er mit pathetischer Stimme, »so wahr mir Gott helfen möge, ihr seid Geblendete und Abtrünnige.« Dann faßte er Heinsius und Fründel fest ins Auge und fuhr fort: »Daß jedes gefährliche Ding auch eine heitere Seite hat, sehen wir an den Sturm- und Ichgeistern dieses Kreises, an unseren Herren Individualisten, die innerhalb einer halben Stunde sich umkrempeln und an dem Schacher hier teilnehmen. Daß die Juden bei so einer Sache dabei sind« – sein Ton wurde hier überscharf, spitz und boshaft – »finde ich vollkommen begreiflich. Die Juden sind immer dabei, wo es etwas zu stürzen gibt. Sie sind das negative, zersetzende Element in unserem Staatswesen, und bei jeder Gelegenheit kann man es erkennen, daß sie den Sauerteig bei allen Vernichtungsprozessen bilden. Für mich ist eine Sache a priori unrein und von Grund aus verpfuscht, wo Juden mitmachen ... Diese Gesellschaft ...«

Er kam nicht weiter. Ein allgemeines Murren unterbrach ihn.

Der kleine Blinsky war in die Höhe geschnellt. »Sie sind ein Christ«, schrie er, »der nicht einmal das Wort Christi begriffen hat! Sie sind ein Zelot und Dunkelmann schlimmsten Kalibers! Sie sind ein Pfaff! Da, wo sich etwas Großes und Heiliges vorbereitet, treten immer die Mucker und Philister auf! Wenn Lissauer vom Niederreißen sprach, so hatte er die Sorte von Menschen im Auge, zu der Sie gehören. Sie sind für uns das ewig umherschleichende Gift, das der Versöhnung der Menschen, jedem Streben nach Freiheitlichkeit, nach Sammlung und Andacht verhängnisvoll wird. Sie gehen den Weg der tiefsten Dunkelheit und Fäulnis, und wir ... wir ... wir sehnen uns nach Licht ...«

Er verstummte tief erschöpft.

Und jetzt blickten alle auf Thomas Truck.

»Wir kennen Sie, Herr Studiosus Bechert, aber wir fürchten Sie nicht. Weder Ihre Angriffe gegen Heinsius und Fründel bedeuten uns etwas – denn sie beruhen auf dem völligen Verkennen unserer Strebungen –, noch Ihr fanatisches Eifern. Einen Mahnruf bedeuten allerdings Ihre Worte. Sie zeigen uns, worüber wir uns freilich klar waren, daß der Kampf noch vor uns steht. Wir scheuen ihn nicht. Wir verwahren uns nur dagegen, daß Sie ein Gast bei uns sind. Ihr Geist ist nicht unser Geist. Und damit verlasse ich Sie.«

Nach einer kleinen Pause fuhr er ruhig fort: »Die Verwirklichung des vor mir liegenden Zieles stelle ich mir für die nächste Zukunft etwa folgendermaßen vor: Wir lassen allwöchentlich eine Zeitschrift erscheinen, in der wir unsere Anschauungen niederlegen. Wir halten Versammlungen ab, in denen wir für unsere Ideen eintreten. Heute sind wir wenige, über ein kleines werden wir wachsen, wie ein Gebirgsbach wächst, wenn der Frühling lachend den Schnee der Berge hinwegfegt. Die Zeitschrift möchte ich den ›Festsaal‹ nennen. Das, was für den Anfang an Geldern notwendig ist, kann ich«, setzte er leiser hinzu, »aus eigenen Mitteln leisten. Die Sorge um das Spätere sollte uns heute nicht quälen. Arbeitet jeder von uns nach seinem besten Können mit, so werden wir den Turm bauen und die Glocken läuten hören, von denen Abraham Gebhardt zu uns sprach.«

Das waren die letzten Worte Thomas Trucks an diesem Abend, an dem die Gründung des »Festsaals« beschlossen wurde.

Die Redaktion übernahmen Thomas Truck und der Volksschullehrer a. D. Heinsius.

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