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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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IX.

Die Ingolf hatte mit sich einen Kampf durchgemacht, in dem sie schließlich zusammengebrochen war. Sie hatte den Mechaniker nicht mehr sehen und sich selbst zwingen wollen, jeden Gedanken an ihn aufzugeben. Alle Erwägungen der Vernunft hatte sie zu sich sprechen lassen. Sie hatte ihn in seiner ganzen Schlechtigkeit zerfasert, um jeden Zusammenhang mit ihm in sich auszuroden. Und in einer ihr innewohnenden Neigung, alles in klare Formeln zu bringen, hatte sie festgestellt: 1. Fründel ist ein Mensch der Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht. 2. Fründel besitzt nicht ein Atom von Güte. 3. Er hat sich festgebissen in ein System von abstrakten Begriffen, das ihn verknöchert und für jede freiere Erkenntnis verbohrt hat. Die Arterien des Herzens sind verkalkt. 4. Sein geistiger Zustand hat etwas stark Pathologisches. 5. Er gehört zu der Kategorie von Menschen, bei denen man sich jeder Gewalttätigkeit versehen kann. 6. Schluß: Meide ihn wie das Übel! Diese Resultate hatte sie auf einen weißen Bogen geschrieben, ihn in ein Kuvert gelegt, das sie mit der Adresse versah: Zur Psychologie und Erkenntnis des Herrn Frank Fründel.

Dennoch vermochte sie ihre Gedanken nicht von ihm zu trennen. Es lag auf ihr wie ein Alp. Immer sah sie seine Augen, die er so starr und unbeweglich auf einen Menschen richten konnte, und immer empfand sie den kalten Hohn und die eisige Selbstsicherheit, die ihm eigen waren. Wo sie ging und stand – er war hinter ihr, er verfolgte sie. Er blickte sie mit einem niederträchtigen Mitleid an, das sie schüttelte. Sie hörte seine Stimme, deren fester, sachlicher Ton sie vollends in Verwirrung brachte. Und ganz deutlich vernahm sie, wie er sagte: Sieh, ich könnte dich in meine Hände nehmen und zerbrechen – aber ich tue es nicht. Es wäre mir ein Leichtes, Gewalt an dir zu üben und dich zu mir herüberzuziehen. Und dennoch stehe ich davon ab. Ich besitze dich, so sehr du dich mir entziehst. All dein Fühlen gehört mir, so sehr du mich zu hassen trachtest. Ich weiß es todessicher, daß du selber demütig zu mir kommen und deinen Willen in meine Hände legen wirst ...

Solche Vorstellungen hatte sie bis zur tiefsten Selbsterschöpfung niederzuringen versucht; ihre Waffen waren Haß, Auflehnung und Empörung gewesen. Dann hatte sie ihren Haß und ihre Empörung begraben, und auf diesem Grabe war Sehnsucht aufgeblüht und Hoffnung.

Sie wartete nur darauf, daß er ihr ein Lebenszeichen geben, ihr schreiben würde. Aber ihr Warten war vergebens. Da kam über sie eine jammervolle Ruhelosigkeit. Sie fühlte, daß alle ihre Widerstandskraft zerbrochen war, daß er nur zu kommen brauchte, um sie wie einen flügellahmen Vogel, der mühselig am Boden kriecht, aufzunehmen; daß sie sich zitternd und mit geschlossenen Augen an ihn schmiegen würde.

Sie dachte nicht mehr an die Josefa. Sie vergaß ihn, wie er war. Sie fühlte eines nur, daß er Herr über sie war. Er war der Sieger und hatte die eiserne Kraft, vor der sie zurückbebte, und die sie mit süßer Wonne erfüllte. Sie hätte es ihm unter freudigem Weinen bekannt, daß es nur noch ihr Glück sei, sich vor ihm zu beugen.

Und dann schlug die Stunde, wo ihre Scham wie Frühlingsschnee zerschmolz, wo sie weich und mürbe wurde. Da schrieb sie ihm und bat ihn zu kommen ...

Mechaniker Fründel war nicht für halbe Arbeit. Er nahm ihr den Rest ihres Selbstbewußtseins.

Er antwortete, daß er sie in seiner Wohnung erwarte. Er gab ihr genau die Stunde an, klar und bestimmt, ohne ein einziges, freundliches Wort.

Noch einmal bäumte sich alles in ihr auf. Sie beschloß, unter keinen Umständen sich zu fügen. Aber als der Abend heranrückte, setzte sie sich den Hut auf und fuhr zu ihm. Sie trieb den Kutscher zur Eile an. Sie durfte ihn nicht warten lassen.

Dem kräftigen Mädchen schlotterten die Knie beim Verlassen der Droschke ... niemals war sie so schwach und elend gewesen. Noch im Hausflur wollte sie umkehren. Dann jedoch lächelte sie verzweifelt in sich hinein. Ihr Widerstand kam ihr töricht vor.

Nichts ersparte er ihr. Je höher sie die Treppe hinaufklomm, desto sicherer erwartete sie, daß er ihr entgegeneilen, ihr ein gutes Wort sagen und sie in seine armselige Bude führen würde ... wie dankbar wäre sie dafür gewesen ... Aber von alledem geschah nichts ...

Sie pochte an seine Türe und hörte wie ihre Pulse klopften.

Sie vernahm sein ruhiges »Herein!«, drückte mit heißer, fiebriger Hand die Klinke nieder und trat bleich und verstört ein.

»Ah, guten Tag«, sagte er und erhob sich von seinem Stuhle. Er reichte ihr zunächst nicht die Hand, sondern trat zur Lampe, die er anzünden wollte.

»Nicht doch«, bat sie.

Da ließ er es.

»Sie wundern sich, daß ich zu Ihnen gekommen bin«, brachte sie langsam hervor, unfähig, ihre Bewegung zu unterdrücken.

Er schüttelte den Kopf.

»Sie haben mich erwartet?« Etwas wie trunkene Freude klang durch ihre Stimme.

»Ja!«

Sie nahm plötzlich seinen weichen Filzhut, der auf der Kiste lag, und streichelte ihn. »Er ist ganz zerdrückt», meinte sie scheu.

»Besser der Hut, als ich«, antwortete er lächelnd.

Sie hatte die Hände gefaltet und etwas Kindliches, Schwermütiges, das ihr ernsthaftes, kluges Gefühl merkwürdig wandelte, grub sich in ihre Miene.

»Gibt es einen Menschen, der auf Sie einen auch nur leisen Druck auszuüben vermag?«

Er schwieg.

Sie suchte in seinem Gesicht zu lesen. Es war aber so dämmerig und dunkel, daß sie verschwommene Linien sah.

»Es könnte wohl einen Menschen geben«, sagte er endlich, »den ich ...«, und unvermittelt, ohne die Lücke auszufüllen, fuhr er fort: »Dieser Mensch müßte vor mir Ehrfurcht haben. Niemals dürfte er einen Zwang auf mich ausüben. Er müßte mir die Gewißheit schaffen, daß er meine Freiheit, daß er mich ehrt. Und er müßte so sein, daß ich mit ihm über alles sprechen könnte und es der Mühe für wert hielte, auf seine Antwort zu hören. Niemals dürfte er Besitzrechte auf mich geltend machen, mich mit seinen Wünschen quälen. Er müßte sich mir hingeben, ohne Forderungen zu stellen. Und er müßte«, setzte er, Silbe für Silbe auseinanderziehend, hinzu, »es wissen ... die Stunde müßte er wissen, wann ich seiner bedarf, wann nicht. Dieser Mensch«, schloß er, »kann nur eine Frau sein –«

»Ja«, antwortete sie einfach und von einem unaussprechlichen Weh erfüllt, »dieser Mensch kann nur eine Frau sein.« Und plötzlich legte sie ihre Hände auf ihn und sagte: »Ich will es versuchen!«

Da fühlte sie, wie jemand mit starken Armen sie umfing, mit Armen, die stählern waren, und sie einen flüchtigen Augenblick an sich zog. Er hob sie ein klein wenig empor, und sie dünkte sich über sich selbst hinweggetragen.

Sie hatte in diesem Augenblick nur den einen Gedanken: ich bin eine Magd in Seligkeit, und vor mir steht mein Herr!

Aber unmittelbar darauf ging eine Fülle bunter Vorstellungen durch ihr Hirn. Sie erinnerte sich, wie sie von klein auf immer widersprochen, sich gegen Eltern und Erzieher aufgelehnt hatte, wie niemand sie bändigen konnte, wie sie in allem und jedem stets ihren Willen durchgesetzt hatte. Und nun brach alles Sklavische, Dienende gewaltsam aus ihr hervor ... und sie empfand ihre Demut wie ein reiches, unerhörtes Glück. Das sagte sie ihm. Es drängte sie, es ihm zu sagen. Dann nahm sie seine Hand und streichelte sie beständig. »Niemals sollst du mich als eine Last empfinden. Niemals soll dein Wille, deine Freiheit durch mich gebunden sein!« Sie sprach in einem Tone, der feierlich, beinahe wie ein Schwur klang. Und als er ein wenig betroffen aufsah und in einem Unbehagen, das sie sofort herausfühlte, sich abwandte, beeilte sie sich, hinzuzufügen: »Es ist das erste und letzte Versprechen, das du von mir hören wirst!«

Sie lehnte sich an ihn.

Und nun ging eine unerwartete Änderung mit ihm vor. Er drückte sie leidenschaftlich an sich, ohne auf ihren Schmerz zu achten. Er küßte sie mit einer Wildheit und Heftigkeit, die ihr Atem und Besinnung nahmen.

Sie schrie nicht auf und entzog sich ihm nicht. Sie bebte unter seiner grausamen Zärtlichkeit. Sie schloß die Augen und vergaß alles.

Er ließ sie plötzlich los und nahm sie wie ein Kind in seine Arme und sagte: »So ein großes, starkes Mädchen und wehrt sich nicht. Stellt sich vor den Schuß und zuckt nicht.«

Er lachte auf und suchte wieder ihren Mund.

»Küß mich«, sagte er ... und sie gehorchte.

»So!« – er gab sie frei und zündete die Lampe an.

Verwundert betrachtete sie sein Zimmer.

»Ja«, meinte er, »so hause ich!« Dabei glättete er ihr zerzaustes Haar und strich über ihre Stirn.

»Du glaubst, ich habe mich nicht gewehrt?« fragte sie, aus ihrem Sinnen erwachend.

»Ich glaube es!«

Sie zog ein zerknittertes Kuvert aus der Tasche und gab es ihm stumm.

Er öffnete es vorsichtig, nachdem er die Aufschrift gelesen hatte. Dann trat er ganz dicht an die Lampe. Und während sie scheu und ein wenig schalkhaft daneben stand, studierte er Wort für Wort, als ob es Hieroglyphen wären.

»Hm«, machte er, und nach einer langen Weile: »Willst du mir dieses Schriftstück schenken?«

Sie nickte.

Er tat den Brief wieder sorgfältig in das Kuvert und steckte ihn in seine Brusttasche, dann schritt er mehrere Male durch das Zimmer, ohne sich um sie zu kümmern.

Nach einer Weile nahm er das Schreiben wieder hervor, las es noch einmal, rückte den Stuhl dicht vor die Kiste, setzte sich und schrieb unter den letzten Satz langsam, während er seine Uhr hervorzog: »Dieses erhielt ich Donnerstag, den 17. Mai 189., abends halb neun Uhr.«

Er brannte ein Streichholz an und trocknete mit der dürftigen Flamme die nassen Buchstaben. Darauf griff er nach einem Buche und las.

Der Ingolf wurde ängstlich zumute.

Er schien sie gänzlich vergessen zu haben, aber sie rührte sich nicht.

Nach ein paar Minuten klappte er das Buch zu und erhob sich.

»Komm«, sagte er, »wir wollen gehen; denn dieses ist heute ein Fest, das man ...« Er sprach wieder nicht zu Ende. Er hatte überhaupt öfter die Gewohnheit, mitten im Satze abzubrechen.

Während sie die dunklen Treppen hinunterstiegen, legte er seinen Arm in den ihrigen.

Auf dem langen Wege, den sie nun zurücklegten, bis sie in die Nacht und Einsamkeit des Tiergartens kamen, blieb er still und wortlos ... und doch verstand sie ihn und schmiegte sich eng und innig an ihn.

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