Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Hollaender >

Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
Schließen

Navigation:

V.

Nach diesen großen Ereignissen trat in Thomas' Kinderzeit für eine gute Weile Windstille ein. Er hatte Zeit, mit seinen ersten Erlebnissen fertig zu werden. Mit den Kameraden in der Schule sprach er darüber nicht. Die waren aus einer andern Welt und konnten ihn nicht begreifen. Sie verstanden ihn ebensowenig wie die Lehrer, die nicht wußten, was sie mit dem grüblerischen, trotzigen und oft sogar verstockten Kinde anfangen sollten. Es gab keinen unter seinen Erziehern, der eine Kinderseele vorsichtig und behutsam anzufassen vermochte. Die Lehrer kümmerten sich daher so wenig wie möglich um ihn und ließen ihn unbeachtet, solange er sich ruhig verhielt, mit seiner Renitenz bei den Mitschülern keinen Schaden anrichtete und ihr Ansehen nicht untergrub. Zuweilen waren sie über die Art seiner Fragen erstaunt, und wie er, ohne im mindesten ein Musterschüler zu sein, durch eine unerwartete Antwort sie verblüffte.

»Es steckt in ihm eine starke Kraft zum Guten oder zum Bösen«, sagte einmal ein Lehrer von ihm. »Zu den Alltäglichen und Mittelmäßigen gehört er in keinem Fall.«

Thomas empfand die Schule wie einen Kerker. Er wehrte sich gegen sklavischen Gehorsam; er wehrte sich gegen die Lehrer, die unbedingte Demut verlangten. Er warf den Kopf trotzig in die Höhe und sagte ihnen im stillen Fehde an. In das Schulzimmer kam nach seiner Meinung kein Sonnenstrahl und kein Luftzug. Die anderen Knaben erschienen ihm wie verkrüppelte Wesen. Und die Lehrer mit ihren Schreckensgesichtern und all den grausamen Waffen, die sie für jedes Vergehen sofort bereit hatten, waren ihm finstere Kerkermeister, die er haßte. Für ihn begann der Tag erst, wenn die grauen Mauern des Schulhauses hinter ihm lagen.

So wuchs er heran, einsam und ohne jeden Verkehr, ganz in dem innerlichen Zusammenhang mit seiner jungen Mutter aufgehend, als eine neue Wendung in sein Leben trat.

Als er eines Tages aus der Schule heimkehrte, hörte er fremde Stimmen und sah, wie die Dienstboten flüsterten und auf den Fußspitzen einhergingen. Und dann kam ihm Tamara so aufgeregt, wie er sie noch nie gesehen hatte, entgegen. Und da erfuhr er denn in abgebrochenen, scheuen Sätzen, daß ganz plötzlich Tante Antoinette mit der kleinen Bettina angekommen sei, und daß ihr in dem kleinen Zimmer, wo sie ihre Jugend verlebt hatte, das Sterbelager gerichtet war. Und als ihn Tamara ein paar Stunden später in das Zimmer führte, und die Antoinette, wie er sie später nannte – denn den Begriff Tante hatte er sofort als lästig beiseite geschoben – ihm mit einem Todeslächeln die durchsichtige, welke Hand reichte, fing er bitterlich zu weinen an. Aber in diesem Augenblick trat ein kleines Mädchen mit schwarzen Locken, das am Bettrande kauerte, auf ihn zu und sagte in leisem und gedämpftem Tone: »Nicht weinen; du störst sie ja.«

Da verstummte er und sah verwundert das kleine Geschöpf an, das wie ein Engelchen bei seiner Mutter die Totenwacht hielt, denn Antoinette trug bereits das Todesmal. Er sah in ihrem Gesicht nur noch zwei unnatürlich weit geöffnete Augen, aus denen ein letztes, banges Feuer glimmte.

Die Antoinette war in die Heimat gekommen, weil sie draußen nicht sterben wollte. An der Welt und dem Zusammenleben mit dem, der sie in die Ferne gelockt hatte, war sie langsam, tropfenweise verblutet. Sie war gekommen, ohne sich anzumelden, und als sie die Schwester sah, da ging über ihr verfallenes Gesicht noch einmal ein schwacher Glücksschimmer.

Tamara wollte bei dem jammervollen Anblick jäh aufschreien, aber eine Stimme in ihr rief: Sei still, gib keinen Laut von dir. Um der Barmherzigkeit willen, sei still.

Und so hörte sie allein den Schrei ihrer Seele, der sich ihr hatte entringen wollen.

Dann wurde die kleine Bettina hinausgeschickt, und die Schwestern blieben ein paar Stunden allein. Ihre verschlossenen, einsamen Herzen brachen auf, während sie sich mit weher, halber Stimme vom Leben erzählten, an dem sie sich all die Jahre zerrieben hatten. Und doch sagten sie nicht die Dinge, wie sie waren, und klagten nicht an, sondern die eine erriet aus Andeutungen, Blicken und Bewegungen das Schicksal der anderen. Sie waren wie zwei junge, biegsame Stämmchen, deren Kronen der Sturm zerzaust hat. Die Windsbraut hatte um sie gepfiffen und gezischt, und die Stämmchen hatten kaum hörbar geächzt und gestöhnt.

Der Glückstraum der Antoinette war nur kurz gewesen, und als sie erwachte, da grinsten und höhnten tausend schadenfrohe Kobolde; und in die Einsamkeit ihrer Stunden drang dies heimliche, unterdrückte und doch so deutliche Gelächter. Manches flüsterte sie Tamara nur ins Ohr, und ihr armes Todesgesicht rötete sich wohl noch einmal bei dieser Beichte.

Im fünften Jahre ihrer Ehe hatte sie Bettina das Leben gegeben, und in ihrem dunklen, grabverhängten Frühling, aus dem die Sonne sich hinweggeschlichen hatte, waren doch noch die Knospen des Mutterglücks aufgebrochen. –

Der Doktor brauchte die Schwägerin nicht lange zu beherbergen.

Der junge, sieche Leib sehnte sich der schwarzen Erde entgegen. Sie hörte deutlich ihre Sterbeglocken, und keine Bitterkeit, nur tiefer, süßer Friede durchdrang sie. Und als dann ihre Stunde kam, da hielt sie mit der einen Hand Bettina und mit der andern Tamara, und ein leichterer Atem ging durch den Körper dieser, gleich der Schwester in die Welt Verirrten.

In der Todesstunde der Antoinette erkannte Tamara in heller Deutlichkeit ihr Schicksal. Sie waren beide für die schwere Scholle zu leicht, zu duftend gewesen. Ihre Welt hätte auf hohen Bergen liegen müssen, wo die Luft so dünn und klar war, daß gewöhnliche Menschenkinder sie nicht mehr ertragen konnten. Dort wären sie zu ihrem Leben aufgeblüht.

Die kleine Bettina bekam ein schwarzes Kleid, aber Tamara hielt an ihrem hellen Gewande fest. Sie wollte Thomas den Anblick der dunklen, düsteren Farbe ersparen. Denn um ihren Jungen bangte und sorgte sie jetzt mehr denn je.

Thomas war von seinem stillen, zähen Widerstand gegen die Lehrer und den Vater zu offenem Kampfe übergegangen. Es war bei ihm ein Rechtsbewußtsein gewaltsam zum Durchbruch gekommen, das an jeder Unbill Feuer fing wie der Stahl am Stein.

Mit Bettina vertrug er sich im ganzen nicht übel. Sie hing an ihm mit schwärmerischer, demütiger, unterwürfiger Liebe. Sie schlich ihm nach wie ein Hund, der von seinem Herrn nicht läßt, auch wenn er mit Füßen getreten wird. Und in der Zeit, wo Thomas sich überall bedroht und von Feinden umlauert sah, konnte ihn ein unschuldiges Wort der kleinen Bettina so reizen, daß er gegen sie grausam zu werden vermochte. Aber niemals wurde ihm Bettina böse. Sie, die nach dem Tode der Mutter verschüchtert und verstört gewesen war, vergaß es dem trotzigen Vetter nicht, daß er in den Stunden, wo ihr kleines Seelchen wund und blutend dagelegen, sie wie ein krankes Vögelchen gehegt und gepflegt hatte. Auch konnte er noch so streng und zornig gegen sie sein – das kleine Mädchen wußte aus Erfahrung, daß, sobald jemand sie anzurühren wagte, oder unfreundlich gegen sie im Hause war, Thomas in hellem Aufruhr sie schützte. Wenn Thomas mit irgend jemand im Streit gewesen war und verbittert, innerlich vor Zorn kochend sich hatte flüchten müssen, so konnte er außer Tamara nur ihre Nähe ertragen; und es gab gar kein größeres Glück für sie, als wenn sie dann still und lautlos bei ihm knien durfte. Der Garten war ihr nicht fremd. Er war ihr so heimisch, als wenn sie ihn all die Jahre gekannt hätte. Denn mit jedem Strauch und jeder Blume dieses Gartens war sie längst aus den Erzählungen der armen Mama vertraut geworden.

Unter den wenigen Habseligkeiten, die die Flüchtlinge ins Doktorhaus hinübergerettet hatten, befand sich ein Gegenstand, an dem Bettina hing mit allen Kräften ihres Kinderherzens, und sein Wert wuchs für sie, als sie entdeckte, daß sie damit einen Zauberstab besaß, mit dem sie Thomas immer und immer wieder sanft machen konnte.

Das war eine kleine Geige, in die sie ihr Seelchen zu legen wußte. Wenn sie in all der Pracht des blühenden Gartens unter den Bäumen stand und spielte, so horchte Thomas wie hingerissen auf die Wunderlaute.

Eines Tages überraschte Tamara die ahnungslosen Kinder. Sie lauschte mit verstörten Zügen, und als die beiden sie plötzlich sahen, schrien sie erschreckt auf. Sie blickten in das bleiche Gesicht der Tamara, in dem der Ausdruck einer ihnen fremden Pein lag. Sie wehrte Thomas ab, entfernte sich; aber niemals durfte Bettina in ihrer Gegenwart spielen. Die Töne täten ihr weh, sagte sie schmerzhaft.

Thomas und Bettina begriffen es nicht, aber sie fügten sich scheu.

Seitdem holte die Kleine die Geige nur hervor, wenn sie sicher war, daß ihr Spiel allein von Thomas gehört werden würde. Niemals sprach sie von ihrem Vater, und vor dem Onkel hatte sie gleich Thomas Furcht. Sie mied seine Nähe. Dem war der Familienzuwachs nicht gerade recht. Er fühlte es dumpf heraus, daß die drei Wesen abgeschlossen und getrennt von ihm lebten; und allen Ernstes versuchte er auf Thomas Einfluß zu gewinnen und ihn von den Rockschößen der Heiligen, wie er sich ausdrückte, loszureißen.

In den Begriff der Heiligen packte er seinen ganzen Zorn. Er fand für sie keine andere Bezeichnung, und er meinte sie gleichfalls an den Pranger zu stellen, indem er alles Irdische von ihr abstäubte. Als heilige Frau hatte sie für ihn etwas Puppenhaftes, Lebloses und Unempfindliches. Er konnte gegen sie handeln, wie er wollte, brutal und ganz seinen rohen Sinnen folgend, sie spürte es nicht.

Herr war er nicht über sie geworden. Ihre geistige Art hatte doch etwas Überlegenes, dem er sich nicht entziehen konnte, und gegen ihre stummen Blicke war er wehrlos.

Thomas fühlte es mit Angst und freudiger Genugtuung heraus, daß es zwischen den Eltern kein Gemeinsames gab, daß die Tamara ihm allein gehörte.

Indessen – er hatte auch Stunden, wo ihn sein Triumph beunruhigte, wo er sich mit Vorwürfen und Selbstanklagen quälte und sich verängstigt fragte, weshalb er sich so gegen den Vater wehrte. Dann ertrug er ein ungerechtes Wort des Tadels leicht und ohne Widerspruch; dann sehnte er sich sogar nach harter Strafe, die er nicht verdient hatte, um seine innere Ruhe wiederzufinden. Er versuchte den Vater zu verstehen, zu begreifen und sich näher zu bringen. Aber traf ihn in solcher Stimmung des Doktors derbe Energie, so waren all seine kindlichen Empfindungen fortgeblasen. Er fühlte nur noch den Feind, gegen den er kämpfen mußte, wenn er sich nicht selbst verlieren sollte. Der Vater und die Lehrer kamen ihm wie ungeschlachte Riesen vor, deren Körperlichkeit ihn mit Grauen erfüllte. Mit ihren großen, schweren Händen suchten sie ihn zu erdrücken und mürbe zu machen. Sie sahen nicht, was in ihm vorging, und daß er sich nur aufbäumte gegen ihre rohe Gewalt, die sich durchzusetzen wußte wider alle Billigkeit. Gegen diese angemaßte Macht empörte sich Thomas' Gerechtigkeitsdrang. Und daß seine Schulkameraden sich de- und wehmütig beugten und sich so knechtisch unterwarfen, gerade das forderte seinen Mut und seinen Widerstand heraus. Weder der Vater noch die Lehrer vermochten die dunklen Fäden seiner Seele zu entwirren. Sie hätten es sich nicht träumen lassen, daß Thomas sich im stillen für sie schämte; und doch war es so. Er schämte sich, daß sie, die ihn an Wissen und Alter weit überragten, rechthaberisch und gewaltsam waren.

Nur Tamara erkannte die Wurzeln seines Trotzes. Nur sie sah das edle Blut ihres Jungen, das allem Unreinen widerstrebte.

Die kleine Bettina aber, die noch fern von Erkenntnis war, glaubte in ihrem kindlichen Instinkt fest an Thomas, der für sie unantastbar und nicht zu beugen war.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.