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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 49
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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VII.

In den nächsten Wochen beherrschte Thomas ein Gefühl der Kleinheit und Scham, der Selbstverachtung und leidenschaftlichen Schmerzes, über das er nicht hinwegzukommen vermochte.

Er suchte seine Erlebnisse einzusargen, dunkle Erde über sie aufzuwerfen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Aus der Tiefe hörte er Stimmen, die ihn quälten und marterten. Er versenkte sich in die Arbeit – die Stimmen ließen ihn nicht ruhen. Es gab für ihn keinen Frieden. Seine Ängste wuchsen und verdichteten sich zu einem Urwald von schwarzer Finsternis, in den kein Licht, keine Sonne drang. Hier hausten fragwürdige Gestalten, die gleich ihm gehetzt, verfolgt, ruhelos umherirrten. Was habe ich eigentlich getan? fragte er sich. Und immer wieder raunte ihm seine Scham zu: Die Sünde wider den heiligen Geist, wider dein eigenes Ich! –

Die Sünde? ... Er lachte furchtsam in sich hinein. Es war das die törichste und abgeschmackteste Formel für das, was auf ihm wuchtete. Zuerst hatte er geglaubt, es sei gekränkte, aufs tiefste verwundete Eitelkeit. Aber über diese närrische Idee war er schnell hinweggekommen. Die Krankheit steckte ihm tiefer im Blut. Es war ihm, als ob er seine beste Kraft vergeudet, seine eigenes Erdreich abgetragen hätte. Ein Teil seiner Wurzeln lag gleichsam frei da, und die Fäden vertrockneten und verdorrten.

Er hatte sich selbst aufgegeben, indem er sich mit seinem ganzen Empfinden an ein Wesen geklammert hatte, das ihn für ein paar elende Lappen beiseite warf. Es ist das Kennzeichen einer gemeinen Natur, spintisierte er weiter, wenn ihre Instinkte sie an ein minderwertiges Wesen fesseln. Der unberührte Mensch findet in seinem dunklen Drange den einzigen, den richtigen Weg.

Er hatte seine ganze Innerlichkeit verleugnet, alles Reine seinem brutalen Begehren geopfert; sie selbst hatte er verloren. Seine Liebe kam ihm jetzt verächtlich vor. Über das Leid und den Gram der Menschen war er hinweggeschritten – was in ihm aufkeimen wollte, hatte er zertreten.

Es gab für ihn keinen Ausweg aus diesen Wirrsalen. Er konnte damit keine Rechtfertigung vor sich finden, daß er in einem Rausche sich vergessen hatte. Er sah deutlich, daß er sich mit solchen Ausflüchten nur von neuem belügen würde. Woraus sollte man einen Menschen beurteilen, wenn nicht aus seinen Handlungen! Aber wenn die Handlungen wirklich das Bestimmende, das Letzte waren, gab es dann für ihn überhaupt noch eine Lebensmöglichkeit?

Liebe ... Liebe des Mannes zum Weibe ... ein Gelächter schüttelte ihn. Da sollte der Weisheit letzter Schluß sein, wenn man den Toren glauben durfte!

Er fühlte auf der Zunge einen widerwärtigen Geschmack, als ob er vergiftete Kräuter genossen hätte und sich nun erbrechen müßte. Es war ein Kampf zwischen der kranken Seele und dem armen Körper, der all die Gifte aufgesogen hatte.

Wenn etwas wie leises Vergessen in ihn einziehen wollte, so stand sein innerer Hohn auf und schwang die Knute. Stelle dir nur vor, wie alles geworden wäre, wenn ihre Liebe angedauert hätte! Und malte er sich dann das Zusammenhausen mit dieser Frau aus, das Idyll in armseligen vier Wänden, so sah er ihre gläsernen Puppenaugen starr auf sich gerichtet, so erkannte er ihre Sehnsucht, die sie in das Reich des Belial lockte. Und wie sie ihn herunterzog – ihn sich willfährig machte! Und war es denn ausgeschlossen, daß er diese Frau abgeschüttelt hätte? War er nicht bereits so versklavt gewesen, daß er auch den letzten Schritt getan hätte ...?

Liebe ... Vereinigung der Körper und Seelen ... Zwei-Einheit ... der dunkle Drang nach Fort- und Höherentwicklung ... an all den Phrasen rieb er sich wund. Verkuppelung der Sinne, krankhafte Erregungen taufte »man« mit hochtrabenden Namen ...

»Man« = Horde = Thomas Truck ...

An der Gleichung war nicht zu rütteln und zu tüfteln. Er war jetzt der Mensch, der einen Knacks erhalten, der die wurmstichige Stelle in sich entdeckt hatte.

Schließlich begann er seine Gedanken aufzuschreiben. Und davon ließ er nicht ab, so sehr es ihn erniedrigte, sich in den Fasern aller seiner Empfindungen bloßzulegen. Jedes Beschönigende, jedes Rechtfertigende ließ er beiseite. Hart, trocken, klar, wie eine Punkt für Punkt in sich gegründete Anklage, kalt und nüchtern sollte dies Bekenntnis dastehen. Nichts von Gefühlsseligkeit, nichts von Vertuschen, Schonung und Mitleid durfte ihn leiten.

Nur so konnte er aus dem Zusammenbruch seiner selbst die Trümmer ziehen; nur so war eine letzte Möglichkeit gegeben, wieder aufzubauen. Aber schon dieser Gedanke an neues Bauen machte ihn stutzig, verwirrt, willensschwach. Er löste gleichsam alles wieder auf. So kam etwas Sektiererisches und Asketisches über ihn. Eine Sehnsucht nach freier Bergluft, nach brausendem Gebirgsbach, in dem er untertauchen und sich rein baden könnte.

Und eines Nachts erhob er sich plötzlich, packte das Notwendigste in ein armseliges Bündel zusammen und verließ auf den Fußspitzen das Haus. Er sah übernächtigt, verstört und seltsam aus. Er trat an die erste Droschke, auf die er stieß, und mit gesenkter Stirn sagte er zu dem Kutscher, der es sich in dem Wagensitz bequem gemacht hatte: »Fahren Sie mich nach dem Görlitzer Bahnhof!«

Der Mann torkelte aus seinem Halbschlaf auf, rieb sich die Augen und blickte verwundert auf den Fahrgast, der ihm verdächtig vorkam. Auf einmal aber erhellte sich sein Gesicht. Er murmelte ein paar unverständliche Laute und verließ mit einem raschen Sprunge den Wagensitz. Und mit einer möglichst kaltblütigen Miene fragte er von oben herab: »Sie kennen mir wohl?«

»Nein«, entgegnete Thomas leise.

»Ick kenn aber Ihnen. Ick hab Ihnen schon jefahren!«

Und sich plötzlich auf die Lippen beißend, als ob er bereits zuviel gesagt hätte, verstohlen schmunzelnd, begab er sich auf den Bock.

Die Fahrt dünkte Thomas endlos. Und wie merkwürdig, wie schemen- und gespensterhaft sahen die Häuser bei dem kalten Morgenlichte aus – denn der Morgen begann inzwischen zu grauen. Wie eine Totenkammer kam ihm die Stadt in ihrer einsamen Ruhe vor. Kein Mensch war auf den Straßen. Alles war ausgestorben. Die weißen Häuser hatten in diesem Lichte für ihn etwas Grauenhaftes; die Ruhe an Stelle des brausenden und bewegten Lebens etwas Erschreckendes und Erschütterndes. Alles erschien ihm grotesk und verändert. Er sah statt der Häuser nur Trümmer, als ob ein Erdbeben die Stadt dem Boden gleichgemacht hätte, und als ob er, ein einsamer Überlebender, über ein Feld des Grauens und der Verwüstung ohne Ende hinwegführe. Und unter dem furchtbaren Geschehnisse schrak er beständig zusammen und wurde wie von Fieber geschüttelt; auch das Pferd trabte angstvoll dahin. Sicher ging es dem Kutscher so wie ihm. Kaum, daß er die Zügel in den Händen halten konnte ... Aber die Häuser standen doch fest und ehern da, und in wenigen Stunden würde das Räderwerk unaufhaltsam zu treiben und zu arbeiten beginnen.

Er lachte geheimnisvoll in sich hinein.

Das war ja gänzlich ausgeschlossen, grübelte er weiter. Seine Wahrnehmung von Häusern, in denen Menschen wohnten, mochte im Augenblicke nichts weiter als eine grobe Sinnestäuschung sein. »Brrr«, machte der Kutscher und hielt vor dem Görlitzer Bahnhof.

»Was bin ich schuldig?«

»Na, wat wern Se schuldig sind?« Er nannte ihm den dreifachen Preis und steckte kaltblütig und gleichzeitig geringschätzig das Geld ein ...

Vier Stunden mußte Thomas warten, ehe sein Zug ging.

Er ließ sich Briefpapier und Tinte geben und schrieb eine Zeile an seine Wirtin. Und in einer plötzlichen Anwandlung, die er sich nicht erklären konnte, setzte er einen Brief an seinen Vater auf.

Weshalb schreibe ich ihm, dachte er. Er wollte unter keinen Umständen darüber sich den Kopf zerbrechen. Er wollte es nicht, weil er ohnedies den Grund zu wittern glaubte. Jedenfalls tue ich es nicht aus Güte oder Liebe, soviel weiß ich; das andere ist gleichgültig ...

Er löste ein Billett vierter Klasse.

Wie komme ich dazu, anders zu fahren?

Es war ihm in der Stunde klar, daß er von nun ab seine Lebensbedürfnisse auf das genaueste kontrollieren und auf das bescheidenste einrichten müßte.

Der Wartesaal war noch immer vereinsamt, als er wieder zurückkehrte.

Nur in einem Winkel saß ein mittelgroßer Mann mit einem ungepflegten, blonden Vollbart. Er war in einen langen Mantel gehüllt und trug einen braunen Hut aus steifem Filz, der mehrere Flecke hatte. Der Mann stützte die Ellenbogen auf den hölzernen Tisch und hatte in die Handflächen seinen Kopf gelegt.

Thomas achtete nicht auf ihn. Einen Augenblick erwog er es, auch der Bettina vor seiner Abreise eine Nachricht zu senden. Diesen Plan gab er indessen sofort auf. Der Gedanke an sie bereitete ihm Schmerzen.

Endlich wurden die Türen geöffnet, die zum Perron führten. Er stieg in den Wagen. Der Zug war so gut wie leer. Nur ein paar Reisende waren in den Kupees.

Der Mensch aus dem Wartesaal folgte ihm. Er fuhr ebenfalls vierter Klasse.

Unmittelbar darauf setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Sein Reisebegleiter nahm nach einer kleinen Weile ein zerlesenes Buch hervor, in das er sich vertiefte. Thomas hingegen schloß die Augen und schlief sofort ein.

Erst gegen Mittag erwachte er.

Die Sonne brannte in voller Kraft durch die geschlossenen Kupeefenster.

Der Mensch ihm gegenüber saß noch immer in der nämlichen Stellung da und las. Er hatte weder seinen Mantel ausgezogen, noch seinen Hut abgenommen.

Thomas blickte flüchtig zu ihm hinüber.

Das von dem dichten Vollbart eingerahmte Gesicht des Fremden hatte eine so zarte und weiße Hautfarbe, wie er sie nur bei Frauen gesehen. Die wasserhellen Augen waren trübe und bleich wie Wäsche, die in der Sonne getrocknet wird. Was Thomas zunächst auffiel, war aber die längliche, außerordentlich edel geschnittene Hand, auf der die bläulichen Adern deutlich hervortraten.

»Darf ich das Fenster öffnen?« fragte Thomas, als sein Gegenüber plötzlich das Buch zuklappte.

Der Fremde nickte und lächelte dazu auf eine zerstreute, weltfremde Art. Dann nahm er aus einer Tüte etwas getrocknetes Obst, das er sorgsam in ganz kleinen Bissen verzehrte. Die Tüte steckte er behutsam wieder in die Manteltasche, aus der er jetzt eine Flasche und ein in Zeitungspapier gewickeltes Glas hervorholte. Die Flasche enthielt Milch. Er schenkte sich einen kargen Schluck ein, und nach diesem Genüsse glänzte seine Miene in kindlicher Heiterkeit auf.

Alles das hatte Thomas wahrnehmen müssen, obwohl er den seltsamen Reisegenossen nur bescheiden beobachtet hatte.

»Was ist das für ein wundervoller Tag«, meinte der Fremde demütig, leise und mehr für sich.

Thomas antwortete nicht – er sah ohne Gedanken in den wolkenlosen Himmel.

Der Fremde lächelte und wollte von neuem zu lesen anfangen.

Ich habe ihn am Ende verletzt, dachte Thomas. »Fahren Sie noch weiter mit?« fragte er deshalb.

»Nein. Ich steige bei der nächsten Station aus und gehe zu Fuß. Mein Geld reicht nur noch bis zur nächsten Station«, fügte er gleichsam entschuldigend hinzu. Und ergänzend: »Der Zweck meiner Reise ist eine Fußwanderung.«

Er sah Thomas auf einmal so durchdringend an, daß dieser sich verletzt fühlte.

»Fällt Ihnen etwas an mir auf?« wandte er sich an ihn, und in dem Ton seiner Stimme lag etwas Unfreundliches, das er sofort bereute.

Der andere schien es gar nicht bemerkt zu haben. In einer versonnenen Manier – seine Pupillen schienen in die Ferne zu schweifen – sagte er: »Das ist ein langer Weg der Leiden, den Sie noch zurücklegen müssen!«

Und wieder lächelte er sonderbar in seiner Art von Unterwürfigkeit und Verlegenheit.

»Kennen Sie mich denn?«

»Ich kenne Sie, weil Sie ein Unglücklicher sind, der sich nach Erlösung sehnt!«

Und ganz spontan reichte er Thomas mit einer anmutigen Bewegung die Hand.

Er nahm sie nicht. Er betrachtete seinen Reisegenossen mit skeptischer Scheu.

Ohne im mindesten gekränkt zu sein, sagte der Fremde nach einer Weile: »Sie dürfen mir Ihre Hand geben, die Brüder im Leide erkennen sich.«

Einem inneren Zwang folgend, gab er nach.

Der andere hielt einen Augenblick seine Rechte. »Ich darf Ihnen einen Zehrpfennig geben, da ich reicher bin als Sie.« Und ohne auf den verblüfften Ausdruck in Thomas' Zügen zu achten, fuhr er fort: »Es sind zwei Worte, die ich Ihnen schenke.«

In dieser Sekunde hielt der Zug.

Der Fremde öffnete mit einer raschen Bewegung die Kupeetüre, und während des Hinaussteigens flüsterte er: » Karma ... Nirwana

Bevor Thomas noch etwas erwidern konnte, war er verschwunden.

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