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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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V.

»Die Dame war hier«, sagte die Wirtin. »Eine volle Stunde hat sie gewartet. Sie hat in Ihrem Zimmer einen Brief ...«

»Es ist gut«, erwiderte er und schob sie unfreundlich beiseite.

Er riß das Kuvert auf, und ein Billett zum Wintergarten fiel ihm entgegen. Sie hatte nur einen Satz hinzugefügt: »Ich erwarte, daß du kommst. Regine.«

Was soll denn das bedeuten? fragte er sich. Wie herrisch das klang! Die gnädige Frau befiehlt ihrem Lakaien. Er empfand etwas Stechendes in der Herzgegend. Orchesterloge Nummer 2, las er auf dem Billett.

Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Sie kauft für mich Orchesterloge, sie hält mich frei, dachte er. Hat sie denn gar kein Gefühl dafür, daß das taktlos ist?

Er kam in eine Art von Wut. Aber bald erfüllte ihn eine tiefe Bitterkeit.

Was bin ich für ein Narr, fuhr er sich an. Das sind am Ende bereits die Ergebnisse des zwischen ihr und ihrem Gatten geschlossenen Vertrags ... sie machen mich zum offiziellen Liebhaber ... sie bezahlen meine Dienste. Bei dieser letzten Erwägung faßte er sich an den Kopf. Habe ich das verdient? Habe ich mich so lumpenhaft benommen, daß man in der Weise mit mir umspringen zu können glaubt?

Aber sofort vergaß er alles, was auf seine Person Bezug hatte. Er dachte nur an sie ... War sie das wirklich? ... sie ... sie, die hier in seiner Mansarde gewesen war und ... er konnte es nicht zu Ende denken ... vielleicht war es nur ein schlechter Scherz ... vielleicht waren es gar nicht ihre Schriftzüge. Und noch einmal nahm er den Briefbogen, der aus holländischem Büttenpapier war, in die Hand.

Es war keine Täuschung möglich. So schrieb nur sie, so steil, so senkrecht.

Aber konnte es nicht sein, daß er den ganzen Coup ersonnen und ihr den Wisch diktiert hatte? Ihm war, als ob plötzlich eine Binde von seinen Augen gefallen wäre.

So war es – nicht anders! ... Der Herr Bankdirektor stellte jetzt die Programme zusammen – um der Leute willen ... und um den Eklat zu vermeiden. »Eklat«, das war ja das Wort gewesen, an das dieser Mensch sich geklammert hatte! Er wollte die Liebenden begleiten, um mit unterwürfiger Miene ihre Blicke einzufangen, die sie sich gegenseitig zuwarfen; wie ein Hund kam er ihm vor! Es gab ja solche Naturen, deren Liebe wuchs, je mehr sie erniedrigt wurden.

Er stand plötzlich vor dem Spiegel, der seine verzerrten Züge wiedergab.

Er wandte sich erschreckt ab. Was ist aus mir geworden, dachte er. In was für schiefen Gängen bewege ich mich?

Und auf einmal stand sie dicht neben ihm. Er sah sie deutlich greifbar – ihre sehnsüchtigen, dunklen Augen, ihre blassen, durchsichtigen Züge – und alle Bitterkeit wich von ihm.

Er fühlte, wie sie ihre Hand auf ihn legte, und wie er schwach und willenlos wurde, weich wie ein Kind.

Er riß sich gewaltsam aus diesem Zustande.

Ist es nicht etwas Furchtbares, fragte er sich, und dabei nahm sein Gesicht einen tüftelnden und nachdenklichen Ausdruck an, daß die beste Empfindung einen derartig herunterzieht? Was ist die Liebe wert, die einen zertrümmert oder aus den Angeln hebt? Wie kann man einem anderen solchen Einfluß auf sich einräumen, daß man selbst zu sein aufhört?

Er verglich sich plötzlich mit Berg.

Begann er nicht bereits die nämliche Rolle zu spielen? Er wurde kommandiert wie jener und beugte sich bereits.

Nein, ich werde nicht hingehen, sagte er ganz laut zu sich selbst. Ich werde mich nicht unter mich selbst zerren lassen. Und es war ihm, als ob sein Entschluß ihn befreite und höher trüge.

Ich habe in all der Zeit mich selbst vergessen. Ich habe nicht mehr gearbeitet und nicht mehr gesucht ...

Er begann sich über sein eigenes Wesen zu wundern. Er kam sich so merkwürdig fremdartig und eigentümlich vor. Und plötzlich beherrschte ihn ein Einfall: er war gar nicht er.

Er trat wieder vor den Spiegel, um sich von der Richtigkeit dieses Gedankens zu überzeugen. Er betrachtete sich aufmerksam und forschend in dem Glase. Er fand sich auffallend verändert. Auf seinem Gesicht lag etwas Fahriges, Nervöses. Er glaubte einen brutalen Ausdruck um den Mund zu erkennen, der ihn an seinen Vater erinnerte.

Er erschrak.

Aha, dachte er, jetzt kommt seine Natur in mir zum Durchbruch, die mein eigentliches Innere ist. Alles andere war nur Lug und Trug. Ich bin er, nur er, nichts anderes.

Zum Teufel, ist es dann nicht eine dreiste Komödie, wenn ich mich gegen mich wehre? Und ist es nicht ein törichter Kampf, wenn ich meine eigene Natur unterdrücken will?

Bin ich wirklich so? ... Tamara ... Tamara ...

Er sandte das Billett ohne eine Zeile durch die Rohrpost zurück.

In den nächsten Stunden arbeitete er besinnungslos, in einem dumpfen Zustande.

Dazwischen horchte er angespannt, ob er nicht noch irgendeine Nachricht von ihr erhalten würde. Aber er vernahm keine Schritte. Nichts rührte sich.

Die Dunkelheit brach herein. Die Augen schmerzten ihm; er wurde müde.

Das ist doch eine große Eselei, die ich da begangen habe, durchzuckte es ihn auf einmal. Sie ist dorthin geflüchtet, um mit mir zusammen zu sein. Sie wollte sich mit mir aussprechen und fand keinen besseren und bequemeren Weg ... Die ganze Kürze ihres Briefes war ja nur daraufhin zu deuten.

Es wurde immer dunkler in seiner Mansarde. Aus einem Winkel raunte eine Stimme, leise und doch durchdringend, zu ihm: Das ist alles Schwindel, lächerlicher Schwindel. Sie belügen sich vor sich selbst.

Er hätte den Sprecher erdrosseln mögen. Ein niederträchtiges Gelächter schloß sich unmittelbar an die Worte.

Er warf sich auf das Bett und schlief eine kurze Zeit. Als er erwachte, zog er reine Wäsche an, und ohne weiter zu grübeln, oder auch nur nachzudenken, eilte er die Treppen hinunter, nahm sich einen Taxameter und fuhr nach dem Wintergarten.

Er löste ein gewöhnliches Entreebillett.

Es hatte längst begonnen. Der große Raum war dicht von Menschen besetzt, die alle auf die Bühne starrten, wo gerade eine Akrobatengesellschaft ihre halsbrecherischen Kunststücke vorführte. Es waren prachtvolle Gestalten, die vor den verwegensten Dingen nicht zurückschraken.

Wie merkwürdig, dachte er, diese Menschen stellen sich auf den Kopf, um ihr Leben zu fristen; und die anderen fassen das als eine selbstverständliche Verbeugung vor ihrem Geldbeutel auf. In dem Augenblicke, wo so einer Hals und Beine bricht, steht schon hinter ihm einer, der auf seine Stelle lauert. Und die Horde findet das natürlich, zuckt die Achseln und geht kaltblütig zur Tagesordnung über.

Dennoch richtete er unwillkürlich seine Blicke auch auf die Artisten. Das Publikum folgte belustigt den tollen, kühnen Sprüngen. Er dachte an das alte » panem et circenses«. Brot und Zirkus brauchen sie – wenn das Auge befriedigt und der Magen voll ist, so sind sie zufrieden. Es ist klar, und alles Leid wächst daraus. Sie kennen nur das flüchtige Genießen, und niemand rüttelt sie auf. Vor den tiefen Erlebnissen fürchtet sich das feige Gelichter.

Er wurde verwirrt und erregt. Was nützte das alles? Er suchte ja nur sie ... sie allein! Und jetzt hatte er die Orchesterloge entdeckt und sah hinter einem weißen Spitzenfächer ihr schwarzes Haar und die weiße Stirn. Ihr Gesicht sah er nicht.

In dem Augenblick fiel der Vorhang. Die Leute klatschten wie toll.

Ohne zu zögern, drängte er sich nach ihrer Loge hin. Jetzt stand er dicht davor. Neben ihr saß auf der einen Seite ein Herr mit lang ausgezogenem Backenbart und glattrasiertem Kinn, an das er die Rechte stützte. Seine Hand hatte wohlgepflegte, spitze Nägel und war mit leuchtenden Ringen besetzt. Der Herr trug ein Monokel im Auge. Er hatte das Aussehen eines Offiziers.

Auf der anderen Seite saß Rechtsanwalt Kornfeldt. Er glaubte sich zuerst getäuscht zu haben, er erkannte indessen bald, daß es nicht der Fall war. Ganz im Hintergrunde kauerte in gebückter Haltung Berg.

Ohne zu wissen, was er tat, als ob er von unsichtbaren Mächten bewegt würde, trat er dicht vor die Loge hin. In dem Augenblick, wo die gnädige Frau den Fächer fallen ließ, verbeugte er sich vor ihr tief. Er bemerkte, wie sie zusammenzuckte. Aber sofort reichte sie ihm mit einer unnachahmlichen Bewegung über die Brüstung der Loge hin die Hand, und indem sie ihre Umgebung so gut wie unbeachtet ließ, sagte sie in leidenschaftlichem Tone: »Ein Glück, daß Sie gekommen sind!«

Er erwiderte darauf nichts. Er starrte sie nur fassungslos an.

»Kommen Sie, bitte, in die Loge.«

Er schüttelte den Kopf, aber er fühlte, wie seine Augen sich mit Tränen füllten.

»Seien Sie doch nicht eigensinnig!«

»Ich kann nicht«, entgegnete er.

»Gut, so erwarten Sie uns draußen; vor der drittletzten Nummer gehen wir.«

Wieder verbeugte er sich tief vor ihr. Die anderen sah er nicht. Langsam ging er in den Hintergrund des Saales.

Eine französische Coupletsängerin trat auf. Eine bereits etwas verblühte Person, die mit ihrer hellen Chansonettenstimme allerhand freche Schnurren vortrug. Er hörte es nicht.

Ein Jongleur machte die bekannten Scherze. Er sah es nicht.

Schließlich kam die Pièce de résistance – der durch alle Zeitungen mit einem ungeheuren Reklameaufwand angekündigte Ringkampf. Das Publikum war in atemloser Spannung. Er begriff es nicht.

Er hatte die Hände gefaltet und betrachtete die Menschen aufmerksam, als wären sie etwas Seltsames, Unergründliches.

Dann zog er die Uhr hervor, und nun verfolgte er beständig den Sekundenzeiger. Nach seiner Ansicht kroch er mit einer Langsamkeit vorwärts, die einen zur Verzweiflung bringen konnte. Nie in seinem Leben hatte er sich so bedrückt, so befremdet, so verirrt gefühlt wie in dieser Stunde ...

Inzwischen hatte der Ringkampf sein Ende erreicht. Es entstand im Saal ein wildes Jauchzen. Immer und immer wieder wurde dem Sieger zugejubelt.

Mit raschen Schritten wandte sich Thomas dem Ausgange zu. Er wartete lange. Endlich erschienen die Bergs und die beiden anderen Herren. Rittergutsbesitzer von Brandt wurde ihm vorgestellt.

Die Vorstellung machte auf ihn einen grotesken Eindruck. Der Rechtsanwalt stand mit zusammengekniffenen Lippen beiseite. Berg lächelte matt.

Der Diener öffnete den Schlag des Wagens, aber die gnädige Frau winkte ab. Der Bankier gab dem Kutscher eine Weisung.

Sie nahm, unbekümmert um die anderen, Thomas' Arm und ging mit ihm voran.

»Warum hast du mir das Billett zurückgeschickt?« fragte sie, und der Ton ihrer Stimme hatte etwas Drohendes.

»Weil ich nicht mit ihm und dir zusammen sein wollte!«

»Ich denke, er hat mit dir gesprochen?«

»Eben deshalb?«

Sie blickte ihn verblüfft an. »Ich verstehe dich nicht!«

»Du verstehst mich nicht?« Er zitterte.

»Nein, nein, nein«, erwiderte sie nervös und ungeduldig.

Da ließ er ihren Arm fallen.

»Was soll denn das?«

»Ich kann mich hier nicht mit dir auseinandersetzen«, brachte er mit schwerer Zunge hervor. »Ich bekomme keine Luft«, fügte er hinzu.

Sie überlegte eine Sekunde. Dann warf sie plötzlich den Kopf stolz zurück.

»Sei in einer halben Stunde in meiner Wohnung! – – – Du willst nicht?«

Er nahm sich zusammen und wies alle Bedenken, die in ihm aufstiegen, zurück.

»Ich will«, antwortete er dumpf.

»Gut; dann auf Wiedersehen! Der Diener wird dich vor dem Portal erwarten.«

Die drei Herren waren jetzt hinzugetreten. Thomas zog den Hut, murmelte ein paar unverständliche Laute und entfernte sich.

Er stand eine Weile inmitten der Friedrichstraße und rührte sich nicht. Er war wie geistesabwesend. Er wurde gestoßen, gedrängt, man lachte ihm ins Gesicht – er achtete nicht darauf.

Er wußte auch nicht, wie er plötzlich in den Taxameter gekommen war, der ihn zur ihr bringen sollte. Er konnte keine Gedanken mehr fassen, alles wogte in ihm durcheinander. Er hatte nur die eine Gewißheit, daß in dieser Stunde sich sein Schicksal entscheiden würde. Als der Wagen in den Tiergarten einbog, huschte plötzlich eine Gestalt heran.

»Was wollen Sie?« fragte er heiser.

In der nämlichen Sekunde war der Mensch verschwunden. Doch war es Thomas, als ob er die Droschke noch immer verfolgte und hinter den Rädern sich versteckte. Zuweilen beugte er mit einer affenartigen Geschwindigkeit den Kopf vor, um ihn sofort wieder in der Dunkelheit verschwinden zu lassen.

»Halten Sie einmal an!« schrie Thomas dem Kutscher zu.

Er sprang aus dem Wagen ... keine Seele war zu sehen.

»Haben Sie nicht einen Menschen bemerkt, der beständig den Wagen verfolgte?«

»Ick nich«, antwortete der Droschkenkutscher gelassen und betrachtete Thomas halb spöttisch, halb mitleidig. »Wissen Se, det kommt vor«, sagte er mit einer rauhen Bierstimme, »det man in die Jejend Jespenster sieht. Um die Nachtstunde kommt det vor!«

Thomas stieg wieder ein. »Fahren Sie weiter.«

Während einer kurzen Strecke drückte er die Hände auf die Augen. Er wollte sich unter keinen Umständen narren lassen. Aber in der Sekunde, wo er die Augen wieder freiließ, saß im Rücksitz des Wagens ihm gegenüber der Mensch mit dem zerschlissenen Mantel und dem eingedrückten, grünen Hut.

Kein Laut entrang sich Thomas. Ganz wenig hob er die schlaffen Arme. Er hätte sprechen mögen, aber er vermochte es nicht. Der Fremde sah ihn an mit wehen Augen. Sein armes, häßliches Gesicht sah verhungert und eingefallen aus. Der Blick aus dieser Leidensmiene ging ihm durch das Mark der Knochen. Aber unmittelbar darauf war der Gast verschwunden, und wenige Sekunden später hielt der Wagen vor dem Bergschen Palais. Und alles das ging mit so rapider Schnelligkeit vor sich, daß Thomas überhaupt zu keiner Besinnung, geschweige denn zum Nachdenken kam.

Ein Diener trat auf ihn zu, schritt ihm voran und schloß schweigend das Portal auf.

Die gnädige Frau erwartete ihn seltsamerweise im Speisezimmer. Aber statt des elektrischen Lichtes brannten nur ein paar Kerzen in uralten, silbernen Leuchtern und verbreiteten eine matte Helligkeit.

Sie nickte ihm müde zu, ohne sich zu erheben. Aber ihre Hand, die sie ihm reichte, war kalt.

Er setzte sich ihr gegenüber. Er sah ihr abgespanntes Gesicht, die schwarz umränderten Augen, und wie sie mit zusammengezogenen Schultern in sich gekrümmt dasaß, als ob sie fröre – und bei diesem Anblick fühlte er, wie alle Bitterkeit in ihm sich auflöste. Sie hatte die Ellenbogen aufgestützt und starrte bewegungslos eine Weile vor sich hin.

»Du weißt, daß ich mit ihm gesprochen habe!« ...

Er nickte stumm.

»Ich habe ihm alles gesagt, ohne Mitleid und ohne Schonung. Du weißt, was er geantwortet hat?«

Bei ihrer Frage nahmen seine Züge einen straffen Ausdruck an. »Ich will wissen«, entgegnete er langsam, ohne den Blick von ihr zu wenden, »ob du damit einverstanden warst?«

Er hatte diese Worte mit größter Anstrengung hervorgebracht, und nun, wo er schwieg, bewegten sich seine Lippen noch unaufhaltsam.

Sie zuckte ein wenig zusammen.

»Wie siehst du denn aus? Man kann ja Angst vor dir bekommen!«

Er lächelte bitter.

»Ich habe darum gewußt«, erwiderte sie fest. Und als er zurückfuhr, beugte sie sich dicht zu ihm, und indem sie den Kopf zurückwarf, rief sie mit einer leidenschaftlichen Heftigkeit: »Du sollst mich ausreden lassen! Du darfst mich nicht unterbrechen, bevor du nicht alles weißt!« Und ihre Stimme dämpfend fuhr sie fort: »Dieser Mensch kann nicht ohne mich leben. Ich quäle ihn – und mache ihn elend, weil ich keinen Zusammenhang mit ihm habe. Und dennoch kann er nicht ohne mich leben ... Du hättest ihn in seinem Zustande sehen sollen«, sie verdeckte plötzlich ihr Gesicht. Aber nach einer verschwindend kleinen Weile ließ sie die Hände wieder fallen. »Mir graut, wenn ich daran zurückdenke ... wie er die Augen verdrehte ... wie er keine Luft bekam ... es war, als ob ich ihn vergiftet hätte ...« Ihre Zähne schlugen aufeinander. »Du mußt mich doch begreifen ... Du kennst doch diesen Zustand besser als ich. Du hast gewiß schon solche Leute gesehen, die nicht sterben wollen und mit dem Tode ringen ... Gerade so sah er aus. Was sollte ich denn da tun?« Ihre Stimme klang gereizt. »Man hat schließlich auch mit einem Tier Mitleid. Und dann habe ich das Kind von ihm. Was soll aus dem Kinde werden, wenn ich von hier weggehe? Sieh mich nicht so entsetzlich an. Versteh mich ein bißchen!« Sie erhob sich und packte ihn an beiden Armen. »Sage, ob ich anders handeln konnte ... ob ich mich nicht begnügen mußte mit dem, was er uns zugestand ... Wie muß er Mensch lieben, wenn er das über sich gewann! Konnte ich anders?«

Durch das geöffnete Fenster drang die kalte Nachtluft und traf sie beide. Die bläulich-roten Flammen der weißen Kerzen flackerten unruhig.

Thomas sah, wie sie sich bewegten und um ein kleines zu verlöschen drohten.

Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. Seine Stimme hatte zu seiner eigenen Verwunderung plötzlich etwas Festes, Ruhiges und Kaltes.

»Ich begreife das alles nicht«, entgegnete er. »Ich begreife den Handel nicht, den du mit mir vor hast. Er ... oder ich! Etwas anderes gab es nicht ...«

Sie ließ seine Arme los und trat zurück. »Hast du denn gar kein Mitleid?«

Er wandte sich von ihr ab. Alles in ihm war aufgerührt. Er begriff sie und sich nicht mehr. Er empfand nur das eine, daß sie ihn in einem feigen Gefühle geopfert hatte ... daß sie einen Handel (»Handel« war ihm das bezeichnende Wort), einen niederträchtigen Handel abgeschlossen, um beiden Teilen gerecht zu werden.

Er sah sie wieder voll an, und jede Silbe betonend, antwortete er: »Dieses Mitleid finde ich erbärmlich!«

Sie rührte sich nicht.

Zorn und Gram kamen über ihn. Er blieb ganz stumm – aber seine Augen schrien. »Weißt du«, sagte er endlich zitternd, »daß du dich und mich verleugnet hast?« Und ohne Tränen schluchzend, rief er: »Konnte es denn da überhaupt ein Besinnen geben? Wie kannst du mit einem Menschen zusammen leben, der dir, wie du selber sagst, Widerwillen einflößt?«

»Und das Kind?«

»Das Kind!« schrie er, »es ist ja auch ein Verbrechen gegen das Kind! Ein Kind, das in solcher Ehegemeinschaft heranwächst, ... ach, laß mich ... laß mich ...« Und als ob er es vor körperlichem Schmerz nicht ertragen konnte, hielt er sich den Kopf mit beiden Händen.

Sie konnte seinen schmerzhaften Blick nicht aushalten. »Wie hast du dir denn das alles gedacht!« fragte sie vorsichtig, gleichsam Fühlhörner ausstreckend, nach einer langen Weile, während der ein Todesschweigen zwischen ihnen geherrscht hatte. Und schmeichlerisch ihre Arme um ihn legend, setzte sie hinzu: »Wenn du ein bißchen guten Willen hättest, wie gut und schön könnte es werden!«

Da nahm er ihre Arme von sich. In ihm arbeitete es. Sie war ihm auf einmal fremd geworden, ohne daß er es sich selbst eingestehen wollte ... nein, es war noch etwas anderes ...

Er fühlte, wie alles Lebendige in ihm zu erstarren, zu vereisen drohte. Er erkannte mit einer grauenhaften Deutlichkeit, daß etwas in ihm zerbrechen wollte, das er nie, nie mehr würde heilen können.

Er klammerte sich mit beiden Händen an die Lehne eines Stuhles und sah durch das geöffnete Fenster in die dunkle Nacht, deren Finsternis undurchdringlich schien, die nur bewegt wurde durch Windstöße und das Rascheln und Raunen in den Baumkronen.

Ist es denn möglich, dachte er, daß ich so geblendet war? ... Nein ... nein ..., das ist nicht möglich!

Und er erinnerte sich plötzlich jener Märchen, in denen der arme Mann so bitter auf die Probe gestellt wird, damit nachher aller Segen doppelt reich über ihn fließen kann ...

Und wieder blühte sein tiefstes Empfinden für sie auf, und sein Gesicht, das beim Schein der Wachskerzen noch elender aussah, wurde wie von einem reinen Glanz durchleuchtet.

»Das war ja das Höchste für mich«, flüsterte er. »Diese Gemeinschaft zwischen dir und mir – das war ja die Erfüllung«, setzte er noch leiser hinzu.

Es ging jetzt auf ihrem Gesicht etwas Rätselhaftes vor, das ihn noch mehr verwirrte, das er nicht begriff.

»Komm!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch Zimmer und Gänge in ein dunkles Gemach.

Sie drückte an einem elektrischen Knopf, so daß es blendend hell wurde.

Dieser Raum war nur mit Schränken ausgefüllt. Sie öffnete sämtliche Türen und führte ihn vor jeden Schrank. Überall hingen sorgfältig die kostbarsten Roben, schwer und duftig, wie die eben fertig gewordene Ausstattung einer fürstlichen Braut.

»Ja, was soll denn das?«

Sie antwortete nicht sofort, sondern grub einen Augenblick die weißen Zähne in die Unterlippe, ehe sie entgegnete: »Er hat recht ... das ist ein Teil von mir. Das und alles andere, was du hier siehst. Es ist ein Teil von mir«, sagte sie zitternd, und ihre Nasenflügel bewegten sich dabei nervös. »Hörst du denn nicht? ... Es ist ein Teil von mir, ohne den ich nicht mehr sein kann.« Und hartnäckig seine Augen meidend, fügte sie hinzu: »Man kann mich nicht umpflanzen ... man muß ...« Sie kam nicht zu Ende.

Er hatte ihr den Rücken gekehrt. Er fühlte eine Schwäche, die durch seinen ganzen Körper ging und ihn auflöste. Dennoch bewegte er sich, so schnell er konnte, den Rest seiner Kräfte aufbietend, durch die Zimmer und Korridore. Einem Diener, auf den er stieß, murmelte er heiser zu: »Lassen Sie mich hinaus!«

Dabei bückte er sich tief, denn niemand sollte sein zerstörtes Gesicht und die blassen Lippen sehen ...

Er ging nicht nach Hause ... wie ein obdachloser Vagabund durchquerte er nach allen Richtungen den Tiergarten.

Nie vermochte er sich in seinem späteren Leben deutlich zu erinnern, was in dieser Nacht in ihm vorgegangen war.

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