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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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IV.

»Sehr geehrter Herr!
Ich erwarte Sie in meinem Bureau in der Französischen Straße zwischen zehn und elf. Nennen Sie bei dem Portier Ihren Namen und fragen Sie gefälligst nach mir.
Hochachtungsvoll
Berg.«

Als Thomas diese Zeilen las, atmete er wie befreit auf. Also sie hatte doch gesprochen, so bitter und schwer es ihr gefallen sein mochte. Ihm bangte nicht vor dieser Auseinandersetzung. Wohl regte sich sein mitleidiges Empfinden; aber stärker in ihm war der Drang nach Klarheit und das Gefühl des Glücks, das ihn durchflutete ...

Lange vor der angesetzten Zeit stand er vor dem Portal eines palaisartigen Hauses.

Menschen kamen und gingen hinein. Alle, wie Thomas meinte, mit bedeutsamen Mienen. Der oder jener trug noch in der Hand Rollen Goldes, oder er zählte noch einmal die empfangenen Scheine nach. Ihm kam das ganze Treiben verächtlich vor. Darum dreht sich alles bei ihnen, und davor beugen sie sich unterwürfig. Wie kann sich das ganze Leben der Menschen nur in der einen Richtung bewegen? Es war ekelerregend und widerlich. Und wenn sie bei diesem ewigen Graben, das alles Bessere in ihnen verzehrte und alles Vergängliche und Niedrige in ihnen auslöste, wirklich auf Gold stießen, so war es im Grunde gar kein Gold, sondern es waren Regenwürmer, gemeine Regenwürmer. Nur in ihren Wahnvorstellungen waren die armen Seelen reich!

Er trat mit festen Schritten durch das Portal und passierte zunächst einen großen, saalförmigen Raum, wo hinter rotpolierten Schaltern eine Unmenge von Beamten an ihren Pulten arbeitete. Beständig kamen Menschen, die Geld brachten oder holten. Die Kassierer zählten das rollende Geld und Haufen von Bankscheinen mit einer Geschwindigkeit ab, die erstaunlich war.

Thomas stand mitten in dem Saal und betrachtete die ihm fremde Welt. Eine bucklige Dame verhandelte eifrig mit einem Beamten darüber, welche Papiere man jetzt kaufen müßte. Eine auffallend gekleidete Person, ganz mit Brillanten behangen, deponierte ein Bündel Tausendmarkscheine. Sie wurde mit außerordentlicher Höflichkeit behandelt. Thomas hörte ihren Namen, der dem einer bekannten Schauspielerin gleich klang. Geschäftsleute ließen ihre disponiblen Gelder eintragen. Hohe Beamte holten sich ihre Zinsen. Ein General in Uniform, mit einem finsteren, nachdenklichen Gesicht, kurz geschorenem, pfeffergrauem Haar und einem weißen Schnauzbart, hob an der Kasse eine verhältnismäßig große Summe ab. Dann verließ er mit gemessenen Schritten den Raum. Der Beamte, der ihm das Geld gegeben hatte, tuschelte mit einem Kollegen ein paar Worte.

Thomas stand verwirrt und wie benommen in dem Gedränge. Eine flüchtige Weile hatte er den Zweck seines Kommens vergessen. Einen jungen Menschen fragte er schüchtern nach dem Zimmer des Direktors.

»Der Direktor ist um die Zeit für niemanden zu sprechen«, bekam er in grobem Ton zur Antwort. Der Beamte warf einen verächtlichen Blick auf ihn und eilte weiter.

Jetzt erinnerte sich Thomas, daß er sich beim Portier melden sollte. Er ging wieder zum Eingang zurück und wandte sich an einen großen, herkulisch gebauten Mann mit einem langen, wohlgepflegten Vollbart.

»Ich möchte zu Herrn Direktor Berg«, begann er beklommen.

Der Portier tat so, als ob er nichts gehört hatte. Er sah in die Luft.

Wie behandeln einen diese Menschen, dachte Thomas, und der Unwille stieg in ihm auf. »Sind Sie der Portier der Bank?« schrie er mit lauter Stimme und in herausforderndem Tone.

»Der bin ich. Was wünschen Sie von mir?«

»Ich wünsche Direktor Berg zu sprechen.«

»Sie sind wohl nicht von hier?« Der Portier machte eine Bewegung nach der Stirn.

Thomas nahm eine kerzengerade Haltung an. Die Geschichte begann ihn jetzt zu belustigen. »Sie werden sich Unannehmlichkeiten zuziehen. Der Direktor erwartet mich!«

»Sind Sie etwa Herr Tr...«

»Allerdings. Mein Name ist Truck.«

In dem nämlichen Augenblick war die Haltung des Portiers vollkommen verändert. »Sie entschuldigen«, sagte er ganz verstört. »Ich hätte mir das nicht träumen lassen« fügte er naiv hinzu. »Um Gottes willen, Sie werden mich doch nicht ... Der Direktor hat mir ausdrücklich den Auftrag gegeben, sobald Sie kämen, niemanden vorzulassen ... das ist ja ein ...« Er nahm die Mütze ab, die er nicht mehr aufsetzte. »Ich bitte sehr –«

»Es fällt mir gar nicht ein«, entgegnete Thomas; »führen Sie mich jetzt hinauf, oder sagen Sie mir ...«

Der Portier schritt voran. In einem eleganten Vorzimmer, dessen Fußboden mit Perser Teppichen bedeckt war, machte er halt. »Ich bitte hier einen Moment zu warten«, murmelte er in lakaienhafter Stellung.

Thomas nahm auf einem der Fauteuils Platz. Aber schon nach wenigen Sekunden kam ein Diener und bat ihn, näher zu treten. Er mußte mehrere Zimmer passieren; in jedem saßen Leute und warteten. Er fühlte, daß er etwas unruhiger wurde, und daß es in seinen Pulsen heftiger zu klopfen begann. Dennoch gab er sich gewaltsam den Anschein äußerer Ruhe – und jetzt stand er Berg gegenüber.

Das fette Gesicht des Bankiers sah blaß und bekümmert aus. Die Backen hingen ihm schlaff und lappig herunter, nur um die wulstigen Lippen spielte ein gequältes Lächeln.

»Bitte, wollen Sie sich setzen«, sagte er und wies auf einen Sessel. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Ich ... meine Frau ... nun, Sie wissen, um was es sich handelt.«

Thomas nickte.

»Die Geschichte ...« stotterte er mühsam weiter, »mit einem Wort, ich will um keinen Preis einen Eklat – um keinen Preis!«

Die Tür wurde geöffnet.

»Herr Direktor –« aber der Diener kam nicht weiter.

»Ich bin jetzt für niemanden zu sprechen!«

Der Diener verschwand eiligst.

»In meiner Stellung«, fuhr er fort, »würde das etwas peinlich sein ...« – er stockte wieder – »selbst wenn ich über diese äußeren Dinge hinwegkäme, so würde ich doch nicht ... Glauben Sie denn, daß ich mir mein ganzes Leben ruinieren will?« unterbrach er sich, und sein Ton war auf einmal zornig geworden.

Auch Thomas' hatte sich eine heftige Erregung bemächtigt. Er fühlte nicht mehr das leiseste Mitleid mit ihm. Ja, er empfand deutlich, daß er ihn haßte. Er will sie nicht freigeben, er will sie an sich ketten, dachte er; er will mit ihr wider ihren Willen leben – das ist einfach gemein, schloß er für sich selbst. Das ist nichts weiter, als die Moral des reichen Mannes, der mit seinem Golde alles kaufen zu können wähnt, der sich Liebe kaufen will ... Das ist Schacher, niederträchtiger Schacher!

Aber bevor er antworten konnte, war Berg aufgestanden und dicht vor ihm hingetreten.

»Sie sollen mich nicht mißverstehen«, sagte er, und in seiner unterwürfigen Art, hinter der Thomas die Angst lauern sah: »Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen! Ich begreife, daß ein junger Mensch wie Sie in diese Frau sich verliebt, und ich begreife auch Regine, obwohl es mir«, setzte er nachdenklich hinzu, »verwunderlich ist, daß sie gerade auf Sie verfallen ist. Aber – das gehört ja nicht zur Sache.«

Er nahm seine Uhr und blickte nervös und gedankenlos auf das Zifferblatt.

»Um es kurz zu machen« – seine Stimme dämpfte sich und wurde kaum hörbar – »ich will nichts von den Dingen wissen ...«

Bei diesen Worten hatte er sich abgewandt und Thomas' Augen gemieden.

»Ja, was soll denn das heißen?« fragte Thomas verblüfft, ohne zu begreifen, was der Bankier eigentlich meinte.

Berg drehte sich um. Sein Gesicht war fleckig, kreidig und in Furchen gezogen. Alle Lebenskraft war daraus geschwunden. Er sah jetzt alt und elend aus.

»Was das heißen soll?« fragte er bebend. »Das soll einfach heißen, daß ich diese Frau, die mich schändet und vor aller Welt lächerlich macht – ja lächerlich«, wiederholte er noch einmal, »daß ich von dieser Frau nicht lassen kann; daß ich nicht will, daß die Spatzen mein Unglück von den Dächern pfeifen, daß ich so unverschämt bin, für all den Gram, den Sie beide mir antun, als Äquivalent etwas Rücksicht zu beanspruchen!«

Thomas war sprachlos. Jetzt erst verstand er, was man eigentlich von ihm wollte. Der Mensch mutete ihm zu, unter seinen Augen der Geliebte seiner Frau zu sein! Alles in ihm empörte sich.

Er wollte aufbrausen, aber es war ihm, als ob ihn jemand an der Kehle würgte. Er machte ein paarmal vergebliche Versuche, einen Laut hervorzubringen, aber es schien ihm, als ob seine Zunge plötzlich schwer und bewegungslos geworden wäre.

Auch der Direktor kam ihm so entsetzlich verändert vor, so zusammengeschrumpft, so gedrückt und geduckt, so zitterig und welk. Endlich fühlte er, wie der Druck von ihm wich.

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein«, stammelte er. »Das kann doch nur ein schlechter Spaß sein, den Sie sich mit mir erlauben!«

Der Mann lächelte; aber dieses Lächeln hatte etwas Erschütterndes und Irres, alle Verzweiflung und Sorge lag in ihm. Er schwieg eine unverhältnismäßig lange Zeit.

»Sie können sich eben nicht vorstellen«, sagte er endlich, und es klang wie eine Entschuldigung, »daß man von einem anderen, daß man von einer Frau besessen sein kann, und daß dann alle Willenskraft in die Winde geht. Nun gut, Sie können sich das nicht vorstellen« – er sprach jetzt rasch und sich förmlich überstürzend – »aber es ist so, ich bin von dieser Frau besessen, sie hat mich ... und ich kann mich nicht rühren. Finden Sie das meinethalben verächtlich! Ich begreife das, sehe es vollkommen ein – aber geändert wird damit nichts an der Geschichte! Was ich Ihnen sage, ist mir absolut ernst; ich bin nicht in der Stimmung, um Witze zu reißen! Im übrigen dränge ich Sie zu keiner Antwort.«

Er sah wieder auf die Uhr. »Meine Zeit ist um! Es kam mir nur darauf an, Ihnen meinen Standpunkt klarzulegen. Wenn Sie gescheit sind, so stellen Sie sich auf die einzige Basis, die jetzt noch möglich ist. Es ist ja genug«, schrie er gereizt, »wenn ich mich so von Ihnen beiden behandeln lasse! Sie behandelt mich ja wie einen Hund ... wissen Sie, was das heißt?« ...

Er nahm wieder eine straffere Haltung an. Die ganzen Erniedrigungen und Demütigungen schien er in dieser Stunde noch einmal durchkostet zu haben, nun flackerte sein Mannesbewußtsein auf.

Er reichte Thomas zum Abschied die Hand, die dieser nicht berührte. Er verbeugte sich vor ihm steif und feierlich. Das ganze kam ihm wie eine ungeheuerliche Equilibristenszene vor.

Das Vorzimmer, durch das er trat, war gedrängt voll. Stundenlang warteten hier einflußreiche Leute, um nur eine Minute mit dem Direktor der Bank konferieren zu können. Man sah Thomas mit feindseligen und verwunderten Blicken an. Man begriff nicht, was dieser junge Mensch da drinnen zu tun gehabt hatte.

Thomas schritt verwirrt und gesenkten Hauptes hinaus. Alles kam ihm lächerlich und verzerrt vor.

Auf der Straße nahm er einen Wagen und befahl dem Kutscher, im schnellsten Tempo nach der Lichtenstein-Allee zu fahren.

Während der Fahrt drehte sich in ihm alles. Er wußte nur das eine, daß es zu einer reinlichen Entscheidung kommen mußte.

Wenn mir mein Kopf nicht springt, so ist das ein Wunder, kalkulierte er.

Er verließ die Droschke, ohne zu zahlen.

Der Kutscher brüllte hinter ihm her.

Er gab ihm einen Taler, ohne sich herausgeben zu lassen.

Der Mann schüttelte den Kopf. Er hielt seinen Fahrgast für verrückt. Dann aber stieg er eilig auf den Bock und jagte davon.

Die gnädige Frau war nicht zu Hause. Sie hatte auch nicht hinterlassen, wann sie wiederkommen würde.

Eine Minute später stand er wieder auf der Straße.

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