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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXIII.

Der Regen hatte aufgehört, aber ein verhängter, bleierner Himmel, der keine Sonne durchließ, sah auf das armselige Menschengewühl herab.

Die Leute vom Nachtlicht hatten verabredet, sich an der Jerusalemer- und Leipzigerstraßenecke zu treffen.

Bettinas feiner Kopf drohte zu springen. Sie hatte in ihrem Herzeleid Gedanken gehört, die ihr so neu, so fremdartig, und in den Für- und Gegenreden so verwirrend waren, daß sie nicht aus, noch ein wußte. Und hinter all den Dingen lugte ihre Gram hervor, ihr Schmerz, der durch den Anblick dieser merkwürdigen Menschen vorübergehend betäubt war.

Und im Grunde genommen ging es Thomas Truck ebenso wie ihr. Vergrämt und vergrübelt sagte er beim Herausgehen zu Bettina: »Ich kann mir denken, wie dir zumute ist; denn in mir selbst dreht sich alles wie ein Mühlrad. Alles erscheint mir jetzt noch problematischer, noch dunkler und unentwirrbarer.«

Sie antwortete leise: »Ich werde, wenn ich heim bin, lange daran zu knabbern haben, denn bis jetzt habe ich an nichts anderes als an meine Geige gedacht.«

Nein, setzte sie in ihrem Inneren hinzu, ich habe eigentlich nicht an meine Geige, sondern nur an dich gedacht. Wenn ich geigte, war das Geigen nur ein Spiel für dich.

Sie fühlte, daß wieder die Tränen in ihr aufsteigen wollten, und preßte die Zähne zusammen.

Thomas hörte jetzt seinen Namen rufen, sah sich um und erblickte die Liers mit ihrem Dichter und dem Musiker Abraham Gebhardt. Sie kamen gerade auf ihn zu. Die Liers trug einen entsetzlichen, pfefferfarbigen Regenmantel mit einem schaluppenartigen Capuchon, der sie noch breiter, dicker und unförmiger machte. Dabei hatte sie einen gewöhnlichen Schal um ihren Kopf geschlungen, so daß sie einem Markthallenweibe nicht unähnlich sah. Liers dagegen hatte Sommer gemacht. Er trug einen hellen Überzieher, einen grauen Kalabreser mit einem schwarzen Bande und einen verwegen gebundenen Schlips. Der Musiker hatte einen brauen Lodenmantel an und einen eingedrückten, verschossenen grünen Hut auf dem Kopfe. Dieser Hut wirkte ganz merkwürdig auf Thomas. Er erinnerte sich daran, daß er in irgendeinem Zusammenhang einmal bedeutsam für ihn gewesen war, aber er kam nicht auf die näheren Umstände.

Und nun erschien auch Fründel mit der Gerving und der Ingolf. Die beiden Mädchen sahen sich hart und feindselig an, als ob zwischen ihnen ein offener Kampf ausgebrochen wäre. Die anderen merkten es sofort, ohne eine Erklärung dafür zu finden.

Und jetzt gesellte sich eine neue Gruppe zu ihnen: Lissauers, Blinsky und der Volksschullehrer.

Die Gesellschaft bildete für sich auf der Straße eine kleine Volksversammlung.

Die Vorübergehenden blieben stehen und betrachteten die schon durch den Gesichtsschnitt auffällige Gemeinde.

»Wir können doch hier keinen Auflauf bilden«, meinte der Dichter. »Wo wird also gegessen?«

»Ich schlage vor, hier drüben in Aschingers Hofbräu«, antwortete eine Stimme, die dem stud. theol. Bechert gehörte.

Neben ihm stand, die Augen zu Boden gesenkt, Maria Werft.

»Aschinger ist aber 'n Jude«, bemerkte Blinsky spöttisch.

»Tut nichts«, entgegnete Bechert derb. »Er kocht nicht koscher, und auf das Essen verstehen sich Ihre Stammesgenossen.«

Der Lissauerin schoß das Blut vor Empörung zu Kopf.

»Dann waren Sie es wohl auch«, rief sie gereizt, »der das mit dem buckligen Juden ...«

»Bedaure sehr, ich bin kein Anonymus. Was ich zu sagen habe, sage ich ins Gesicht!«

»Nurr keine Dispute jetzt«, unterbrach Lissauer den Streit. »Wirr sind hungrig. Wirr wollen essen!«

Man war mit Aschinger einverstanden.

Und alles trabte auf die andere Seite der Straße, um ein paar Minuten später im Hofbräu zu landen.

Maria Werft sah mit traurigen Augen zu Bettina hinüber, und diese empfand sofort, daß das Mädchen Thomas gut war.

Auch so ein armes Wurm, dachte sie, über das er hinweggehen muß. Muß ... muß ... wiederholte sie für sich.

Die Gerving hatte es so einzurichten gewußt, daß Fründel neben Heinsius zu sitzen kam, während sie mit einer hurtigen Bewegung den Platz auf der anderen Seite einnahm. Notgedrungen mußte sich die Ingolf vis-à-vis placieren.

Fründel bestellte als erster für sich und die Gerving Bockwurst mit Sauerkraut. Und es schien, als ob er damit das erlösende Wort gesprochen hätte, denn zunächst behaupteten plötzlich alle, daß sie geradezu Heißhunger auf Bockwurst und Sauerkraut hätten.

»Sehen Sie nur, wie der Schlingel arrogant in sich hineinlächelt«, bemerkte Heinsius. Der Kellner notierte beständig: Bockwurst mit Sauerkraut ... Bockwurst mit Sauerkraut ... aber, als er bei Liers anlangte, befahl dieser: ein Filetbeefsteak mit Bratkartoffeln und einmal Bockwurst mit Sauerkraut.

Alle lachten laut über die Unverschämtheit auf. Bloß Fründel meinte: »Er hat von seinem Standpunkt vollkommen recht. Wenn sie ihn geheiratet hat, so muß sie auch wissen, weshalb. Ich komme Ihnen eins, Herr Dichter!«

Die Liers bemerkte mit gutmütiger Ironie:

»Der arme Junge muß sich kräftigen, er arbeitet mir zu viel.« Und mit einer mütterlichen Geste streichelte sie ihm die Backen.

Lissauers verlangten Gänsebraten, was eine allgemeine Empörung hervorrief.

Endlich war das mühevolle Bestellen erledigt. Es trat eine Stille ein. Blinsky beugte sich zu Heinsius hinüber und sagte im Tone des Vorwurfs:

»Wissen Sie, daß Sie sich heute um Kopf und Kragen geredet haben?«

Heinsius zog die Lippen herunter und erwiderte: »Sie irren, Verehrtester, nur um mein Hungeramt.«

Thomas stellte Bettina den einzelnen vor, und die Liers nahm ihre Hand und drückte sie freundlich. »Wir sind heute nachmittag alle zum Kaffee ins Nachtlicht geladen, beim Maler Brose, von dem Sie wohl auch gehört haben, Fräuleinchen. Und ich füge hinzu, wenn es nicht unbescheiden ist, bringen Sie Ihre Geige mit, Sie würden einem guten Menschen eine große Freude bereiten.

Thomas sah Bettina an, und wieder nickte sie widerstandslos und müde.

»Übrigens Herr Heinsius, sie sind famos gewesen«, rief Fründel, »alle Achtung – Hut ab vor Ihnen, wenn ich meinen Hut überhaupt ziehen würde!«

Die Ingolf lächelte still vor sich hin, und Josefa, die dieses Lächeln sofort auffing, beugte ihren Oberkörper halb herüber und sagte in einem herausfordernden Tone: »Mir scheint, Sie machen sich darüber lustig – er zieht vor niemandem den Hut, verlassen Sie sich darauf, mein Fräulein!«

»Brauchst du mich zu verteidigen?« fragte der Mechaniker grob.

»Ich bin auch Musiker«, sagte Abraham Gebhardt unvermittelt zu Bettina.

Sie sah ein wenig interessiert auf.

»Ich weiß, daß Sie seltsam und eigenartig spielen müssen«, setzte er hinzu.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich sehe es Ihnen an. Sie ... Sie ... Sie würden nicht spielen, wenn Sie nicht etwas Seltsames und Eigenartiges auszudrücken hätten. Ich weiß, wie Sie spielen, ohne Sie je gehört zu haben. Es ist unmöglich, daß Sie mich überraschen.«

»Das ist sehr freundlich, vielleicht zu freundlich«, entgegnete sie. Und indem etwas von ihrer früheren Schalkhaftigkeit ganz verhüllt und kaum merklich durchdrang, setzte sie hinzu: »Ich würde mich in so einem Falle mehr auf mein Ohr, als auf meine Augen verlassen.«

»Ich kann mich nicht täuschen«, sagte der Musiker fest. »Es ist möglich, daß vieles an Ihrem Spiele unvollkommen und unfertig ist, aber das, worauf es ankommt, was nicht zu erlernen ist, besitzen Sie – das weiß ich.«

»Wie geht es Brose?« fragte Thomas.

»Denken Sie sich, er erholt sich«, antwortete die Liers, »aber wie pflegt sie ihn auch!« Ihre Augen strahlten.

Ihr Mann tuschelte mit Josefa, und die ging eifrig darauf ein. Ihre Augen flackerten unruhig. Sie zwang sich, Liers zuzulächeln und ihn freundlich zu behandeln. Thomas bemerkte es, und ihm drängte sich sofort die Vermutung auf, daß das arme Geschöpf zu gewaltsamen Mitteln griff, sich gleichsam verrenkte, um sich den Mechaniker zurückzugewinnen. Seine Vermutung wurde durch die Lissauerin bestätigt, die ihm etwas aufdringlich zuflüsterte: »Sehen Sie nurr, wie das Frauenzimmer den Menschen eifersüchtig machen will.« Und zu Blinsky gewandt: »Ich mißte so schön sein wie die, ich gäbe dem Kerl einen Fußtritt und ließ ihn stehen.«

Stud. theol. Bechert sprach herablassend und überlegen mit Maria Werft. Sie sah beständig nieder und rührte sich kaum.

»Egidy ist ein Idiot und Schwärmer, nur Narren lassen sich von ihm aufs Glatteis führen!« rief unvermittelt Heinsius. »Übrigens, der Arbeiter war ausgezeichnet.«

»Der Mann ist verwirrt«, bemerkte Bechert, »das gebe ich ohne weiteres zu, aber so wie Sie breche ich nicht über ihn den Stab. Das kommt einfach davon, wenn Laien die heilige Schrift interpretieren. Sie sollen die Hand davon lassen, dazu gehört Arbeit und Wissenschaft. So leicht ist es denn doch nicht. Dazu gehören Berufene ...«

»Menschenskind«, schnitt Fründel ihm das Wort ab, »Sie haben 'nen kleinen Sparren ... so was müssen Sie uns doch nich erzählen. Sie sind doch nich unter Kadetten, das müssen Sie doch endlich gemerkt haben.«

»Ich bin unter Verirrten; das ist das einzige, was ich bis jetzt wahrgenommen habe«, antwortete Bechert, ohne sich im mindesten verblüffen zu lassen.

»Sie sind übergeschnappt oder schnappen nächstens über«, replizierte kurz der Mechaniker, ließ das Gespräch fallen und wandte sich mit einer gleichgültigen Frage an die Ingolf. Dann aber sprang er im Gespräch rasch zu Thomas über und apostrophierte ihn scharf: »Ich halte es für gar nicht ausgeschlossen, mein Herr, daß unser Sonntagsprediger ein dreister Schwindler und Hochstapler ist, der nach Führerschaft und Ruhm geizt. Ich habe immer darauf gelauert, daß Sie was sagen würden, aber mir scheint, Sie verkriechen sich in letzter Zeit immer mehr nach innen, Sie treiben so 'ne Art von Maulwurfsarbeit.«

Bettina blickte erschreckt auf. In welchem Tone sprach denn der Mensch zu Thomas. Kein Zug in Thomas' Miene verriet, daß er sich irgendwie gekränkt fühlte. Nur etwas Grüblerisches, qualvoll Suchendes und unaufhaltsam Arbeitendes hatte sich in sein Antlitz gegraben.

»Ich halte den Mann für keinen Schwindler. Er ist unbedingt ehrlich; an dem Glauben wird mir niemand, nicht einmal Sie, Herr Fründel, schütteln und rütteln können. Aber«, fuhr er langsam fort, »darin haben Sie vollkommen recht, daß ich mich nach innen, wie Sie es auszudrücken belieben, verkrieche. Ich flüchte mich vor all dem Licht der Außenwelt, Herr Fründel, ins Dunkel. Denn dies Licht blendet mich.«

»Komm, wir wollen uns verabschieden«, raunte ihm Bettina zu. »Mir sind die Augen auf einmal so müde und schwer geworden.«

»Sie lassen sich doch nicht etwa von dem Kerl da vertreiben?« fragte die Liers derb und deutete empört auf den Mechaniker.

»Davon ist gar keine Rede, Fründel hat das absolute Recht, seine Ansicht zu äußern.«

»Ach lassen Sie mich«, entgegnete die Liers unwirsch, »was zu viel ist, ist zu viel.«

Der Musiker drückte Bettina die Hand und verbeugte sich vor ihr ehrfürchtig.

Als sie allein waren, sagte Bettina: »Ich verstehe die Leute nicht, ich erlaube mir auch kein Urteil, aber sie kommen mir vor wie Menschen, die sich im Kreise drehen. Wer zuschaut, dem wird schwindlig zumute.«

»Du hast recht«, antwortete Thomas, »aber es liegt nicht an ihnen, es liegt an uns, es hegt an der Zeit; alles ist in Aufruhr, alles ist in kreisender Bewegung. Und in dieser Zersetzung und Auflösung der Geister suchen alle die gehetzten Seelen nach einem ruhenden Punkt.«

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Bettina vergaß alles, was sie in den letzten Stunden erlebt hatte, nur ihren Schmerz fühlte sie, wie er in ihr wühlte und arbeitete. Sie hatte nur den einen Gedanken: Gäbe Gott, daß ich erst im Eisenbahnwagen säße!

Oben auf der Treppe kam ihnen die Wirtin mit einem wichtigen Gesicht entgegen. Ein Diener in Livree sei in der Zwischenzeit dagewesen und habe einen Brief gebracht.

Thomas brach das Schreiben hastig auf. Es war von Regine und enthielt eine Einladung für den heutigen Abend. »Nur ein paar Menschen ... wenn das Fräulein die Geige mitbrächte, so würde man ihr zu doppeltem Danke sich verpflichtet wissen.«

Als er Bettina den Brief überreichte, trat ein so schreckhafter Ausdruck auf ihre Miene, ihr Gesicht wurde so kreidig, ihre Hände zitterten so heftig, daß Thomas sie rasch an sich zog und nur sagte: »Sei nur ruhig, wir gehen selbstverständlich nicht hin, der Abend gehört Broses.«

Sie schloß eine Sekunde die Augen. Dann sah sie ihn feierlich an. Ihre Nasenflügel bebten.

»Thomas, ich muß heute noch reisen, Thom, ich muß«, fügte sie entschlossen hinzu. »Ich gehe auf eine Stunde zu deinen Freunden, und dann bringst du mich zur Bahn.«

Er widersprach ihr nicht. Er fühlte, daß sie recht hatte.

»Thom, ich danke.«

Sie ging in ihr Zimmer, und die alte Frau half ihr beim Packen. Aber einmal nahm sie Bettinas Hände, und während über ihr runzliges Gesicht ein paar dicke Tränen rollten, wimmerte sie: »Ach, Fräuleinchen, ach, Fräuleinchen ... sie hat ihn behext, glauben Sie mir, sie hat ihn behext.«

Bettina beugte sich tiefer über den Korb, der ihre wenigen Habseligkeiten enthielt. Sie schluchzte in sich hinein und würgte ihren Schmerz. Sie schämte sich. Dann legte sie sich aufs Sofa, und die Alte packte sie warm und wohlig ein. – – –

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