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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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IV.

Frau Tamaras Ehe gestaltete sich so, wie sie es vorausgesagt hatte. Sie war und blieb wunschlos, ohne daß sich der Doktor dadurch eigentlich bedrückt gefühlt hätte. Er trat wie ein ehrenfester Bürger und sorgenfreier Mann auf, der den Kopf hoch trug, im Hause und bei den Patienten polterte, ein eifriges Mitglied der Gemeinde wurde, beim Kegeln und beim Skat pünktlich antrat, im übrigen an seinem Stammtisch wortreich politisierte, ohne es zu vergessen, in gewissen Zwischenräumen die Kirche aufzusuchen; denn er liebte es, von seiner Gesinnung nach außen Zeugnis abzulegen. Frau Tamara begleitete ihn niemals, und allmählich betrachtete er sie in seinem Innern um ihrer Weltunfreudigkeit willen als ein verschrobenes, krankhaftes Wesen, das die Pflichten einer braven Hausfrau arg verletzte und ihn um seine guten Rechte prellte. Er suchte und wußte sich schadlos zu halten, und da sie seine Kreise nicht störte, ihn unbeobachtet die Rolle des schneidigen Kavaliers spielen ließ, in der er sich besonders wohl fühlte, so gab es eigentlich in ihrem Zusammenleben nach keiner Richtung hin Auseinandersetzungen. Fühlte er auch noch manchesmal ihre Überlegenheit, so betrachtete er sie doch andererseits halb mitleidig, halb geringschätzig als ein Wesen aus einer anderen Welt, das sich ohne Widerspruch beiseite schieben ließ. Was in dem Innern der Frau vorging, ahnte er nicht. Sie blieb ihm genau so fremd und rätselhaft, wie sie ihn geräuschlos und auf ihre Art als etwas Fremdes, zu ihr nicht Gehöriges ausschied, das durch einen belanglosen Zufall mit ihr in Berührung gekommen war.

Kurz nach dem Tode des alten Herrn kam ihr Sohn zur Welt, den sie nach dem Vater Thomas nannte. Von der Stunde hörte auch ihre eheliche Gemeinschaft auf. Man war sich auf beiden Seiten klar, daß es nur ein Gemeinsames gab: das Kind.

Es sollte sich indessen bald herausstellen, daß der Junge eigentlich nur Frau Tamara gehörte, die nach seiner Geburt genau so mädchenhaft, sehnsüchtig und verträumt aussah wie zuvor. Die Leute schüttelten über sie den Kopf und bedauerten den Herrn Doktor, der an eine so wunderliche Frau gekommen war. Das Kind zog sich scheu vor dem Vater zurück. Es mied seine Blicke und schrie auf unter seinen Liebkosungen.

Der Doktor empfand das als Trotz. Der Junge wurde ihm schon in den ersten Lebensjahren gleichgültig. Es wäre ihm komisch und erniedrigend vorgekommen, wenn er um des Kindes Liebe hätte werben sollen.

Man sah ihn eigentlich selten im Hause. Man munkelte, daß er in einer Wirtschaft, die außerhalb der Stadt lag und einer Witwe gehörte, »etwas hätte«. Die Leute drückten es so aus und lächelten dabei mit ihrem satten Lächeln, das sie für diskret hielten, weil es alles sagte.

Der Junge wuchs heran. Ein widerspruchsvolles, seltsames Kind mit tiefliegenden Augen, deren verängstigtes Weinen nur die Mutter sah.

Die fand sich in ihm wieder und doch war er so ganz anders.

Er wurde schlank und zart wie ein feines Prinzenkind, obwohl sein Körper zäh, geschmeidig und stark war. Er hatte die edlen Glieder der Mutter, aber in seinen Sehnen und Knochen war etwas vom Vater, mit dem er sonst äußerlich und innerlich nichts gemein hatte. Die Mutter lenkte ihn mit einem Blick, mit einem sanften Wort, oder wenn alles in ihm sich aufrührte, so strich sie zärtlich mit ihrer Hand über sein Gesicht und seinen Scheitel, dann wurde er weich und folgsam.

Aber außer der Mutter hatte niemand Macht über ihn. Er lehnte sich auf in Trotz und wilder, ungebeugter Kraft. Es war das edle Blut, das sich nicht zähmen und nicht bändigen ließ.

»Der Junge wird wie die Mutter«, sagten die Leute mit unheimlichen Mienen, und dann sprach man noch vom Großvater, mit dem es eigentlich auch nicht recht geheuer gewesen war.

Der Junge und die Mutter hörten es nicht. Sie suchten am liebsten die Einsamkeit des Gartens auf, dessen geheimnisvolle Reize, dessen tiefe Stille sie allein auskosteten. Sie saßen unter der Blutbuche oder der blühenden Linde oder sie schritten zwischen Hecken und Sträuchern an Ginster und Goldlack vorbei und sahen den Schmetterlingen nach, die sich sonnten; oder sie hörten auf das Jubilieren der Lerchen, das Schlagen der Nachtigallen, auf das Surren der Bienen. Immer gab es ein Fest für ihre Augen oder ihre Ohren. Durch ihre Stille ging der Feiertag. Und wenn es Nacht wurde, so hörten sie, wie die Fledermäuse vorbeihuschten, deren feine Flügel nur sie sahen. Oder der Mond goß sein weißes Licht über die Blumen, Gräser und Bäume, ganz anders wie über andere Gärten, und alles wurde feen- und zauberhaft in dieser heiligen Ruhe. In wie unendlichen Farben schillerte dann der Garten, der wie ein unweltliches Geheimnis groß und majestätisch dalag.

Die Leute, die sie nicht kannten, hielten sie für Geschwister, und sie würden in ihrem Glauben noch bestärkt worden sein, wenn sie ihren Gesprächen hätten lauschen können.

Der Junge nannte sie: Tamara, niemals: Mutter, und der Name bekam in seinem Munde einen süßen Klang. Sie war seine schöne Schwester, an der er schwärmerisch hing. Sein Kindergemüt sah in ihr das mädchenhaft Holdselige, das Sichfürchtende, das Nichtwissende; denn sie fürchtete sich wie er, und sie wußte nicht, wie er nicht wußte. Nichts mütterlich Überlegenes, nichts mütterlich Verstehendes und Erziehendes verdunkelte ihr Verhältnis. In dem gemeinsamen Denken und Empfinden lag das Band, das sie zusammenhielt; und dieses Band wurde fester und ewiger, als sie es beide ahnen mochten, an einem Abend, den Thomas nie mehr vergessen sollte.

Damals zählte er elf Jahre, als ihn jene unruhigen Gedanken quälten, die plötzlich und unvermittelt jeden überfallen: die Gedanken vom Leben – und vom Sterben.

Er begriff es nicht, daß ein Augenblick kommen könnte, wo alles zu Ende wäre, wo man ihn hinaustrüge und in dunkle Erde scharrte. An den Aufflug gen Himmel aus dieser furchtbar drohenden Tiefe glaubte er nicht.

Er wollte an andere Dinge denken, aber immer und immer wieder umklammerte und packte ihn diese eisige Vorstellung vom Sterben.

Er suchte es vor Tamara zu verbergen. Er glaubte ihr sein Leid und seinen Schmerz ersparen zu können. Er stöhnte in sich hinein; und in der dunklen Nacht wurde alles um ihn lebendig. Er hörte Töne und Tritte; er sah Gestalten mit verzerrten Gesichtern und Leichenbittermienen, und immer wieder tauchten Kreuze und Grabsteine auf, er mochte vor ihnen fliehen, so weithin er wollte. Warum mußte man sterben, und warum mußte man so sterben?

Es graute ihm. Schüttelfrost und Fieber stellten sich bei ihm ein, aber er biß sich die Lippen wund, um seinen Kummer verheimlichen zu können. Er wollte diese schreckliche Finsternis, die ihn umgab, durchdringen. Er faltete seine Kinderhände und betete demütig zu Gott, daß er ihm des Rätsels Lösung gebe. Gott mußte auf ihn hören, Gott durfte nicht schweigen, wenn seine vergrämte Seele zu ihm schrie. Er wand und krümmte sich vor Gott. Er begriff nicht, wie die Menschen mit solchen Gedanken leben und lachen konnten.

Zuweilen sah er Tamara verstohlen von der Seite an und fragte sich heimlich, ob sie ihm nicht doch Trost in seinen Nöten gewähren könnte; und als sie dann eines Abends an sein Bett trat, um nach harter Selbstüberwindung seinen Kopf zwischen ihre Hände zu nehmen und ihn vor Besorgnis bebend zu fragen: »Thomas, was hast du denn?« da gestand er ihr aufschluchzend seinen Gram. Tamara hörte ihm eine Weile still zu. Dann weinte sie mit ihm, ohne ihn mit Worten zu trösten; aber ihr Weinen erlöste Thomas.

Die Mutter litt wie er; es gab auf diese Rätsel keine Antwort.

Die Mutter belog ihn nicht; sie weinte mit ihm; das vergaß er ihr niemals.

Und wenn ihn auch in der Folgezeit seine düsteren Beklemmungen nicht losließen, so wußte er doch Rat, indem er Tamara aufsuchte und nicht von ihrer Seite wich.

Da trat ein Vorfall ein, der ihn im Zusammenhang mit seinen inneren Erlebnissen von neuem rüttelte und schüttelte.

An einem Nachmittage wurde der Doktor zu einem Scheintoten gerufen und hieß Thomas mitgehen. Der Junge kam ihm so zimperlich und verstört vor, daß es ihm an der Zeit schien, in die Art der Erziehung mit seiner starken Hand einzugreifen.

Thomas trug unter dem Arm eine kleine Elektrisiermaschine und schritt schweigend neben dem Vater.

Auf der Hausschwelle traten ihnen flehende Gestalten entgegen, die den Doktor bettelnd ansahen, als könnte er in die niedrige Stube das Heil bringen.

Der Doktor richtete den Apparat und hieß Thomas drehen, damit der Strom in Bewegung käme. Dann elektrisierte er den Toten in der Herzgegend.

Thomas sah, während seine Hand sich mechanisch bewegte, mit starrer Miene auf das bleiche, wächserne Gesicht, in dem sich nichts mehr regte. Er sah auf die entblößte Brust des Toten; sah, wie der Vater sich über ihn beugte, um irgendeinen noch so schwachen Herzton zu vernehmen. Und bei dem Vater stand mit verweinten Augen und aufgelösten Haaren eine noch junge Frau und neben ihr ein alter Mann, der mit verglastem Blick trübe und beinahe teilnahmslos zusah; in den Winkel gekauert saßen ein Knabe und ein Mädchen, deren unterdrücktes Schluchzen Thomas hörte.

Dann erhob sich der Vater und sagte mit sicherer, kräftiger Stimme: »Da ist nichts mehr zu machen!«

Die Frau sah ihn betroffen an, als verstände sie die Worte nicht. Aber der Vater kehrte sich nicht daran, tat den Apparat in den Mahagonikasten, hing wieder den Mantel um und verließ mit Thomas das Totenhaus. Dem Jungen schlotterten auf dem Nachhausewege die Knie. Den Kasten mußte er krampfhaft festhalten, damit er ihm nicht aus den Händen fiel. So also sah der Tod aus, dachte Thomas, so starr, so bleiern, so blutlos.

Vor der unerschütterlichen Ruhe des Vaters angesichts dieses Schauspiels graute ihm. Und doch empfand er zum erstenmal vor dem großen Manne eine Art von Ehrfurcht. Der Vater war also mit allen diesen Dingen fertig und stand sicher und fest, ohne mit der Wimper zu zucken, dem Tode gegenüber. Und von der Seite sah sich Thomas heimlich die robusten Knochen des Doktors an und das blühende Gesicht, das von Leben und Gesundheit strotzte. Je mehr sie sich dem Hause näherten, desto freier atmete er auf; und als er Tamara am Gartengitter stehen sah, da hielt es ihn nicht länger. Mit einer raschen Bewegung drückte er die kleine Maschine dem Vater in die Hand und sprang ihm davon.

»Tamara«, sagte er und zog sie aufgeregt eine Strecke vorwärts, »jetzt weiß ich alles.« Und flüsternd fügte er hinzu: »Ich habe den Tod gesehen.«

An dem Tage beschloß Thomas, Arzt zu werden, denn ein Doktor, so meinte er damals, habe Leben und Tod in den Händen. Man brauchte ihn nur rechtzeitig zu rufen, damit er wie ein Helfer und Retter erschien.

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