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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 39
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XXII.

Am Sonnabend hatten an den Litfaßsäulen grüne Plakate von mäßigem Umfang geprangt, die für den Sonntag vormittags eine Versammlung in den alten Räumen des Konzerthauses ankündigten. Der sie abhielt, war ein Herr von Egidy. Sein Thema lautete: Persönlichkeit, Zusammengehörigkeit, Versöhnung.

Die Freunde vom Nachtlicht hatten sich verständigt. Sie wollten der Tagung beiwohnen. Auch Thomas hatte eine Aufforderung erhalten und sie schweigend Bettina gezeigt. Die hatte müde »Ja« gesagt, wie sie zu allem, was er wünschte, lautlos nickte. Und er selbst war innerlich froh, auf diese Weise eine Ablenkung und Gelegenheit zu haben, sie mit dem Freundeskreise bekannt zu machen.

Der Sonntag kam. Ein grauer, verregneter Apriltag mit häßlichem, undurchdringlichem Gewölk und einem widrigen Wind, der über die Stadt und die kahlen Bäume jagte. Dieser Wind hatte etwas Unangenehmes und Gehetztes, etwas Jämmerliches, Stöhnendes, dem alle Größe fehlte. Man sah ihn deutlich, er glich einer im Regen triefenden Schindmähre, die mit ihren klapprigen Beinen, von Peitschenhieben drangsaliert, ächzend in schnellem Trabe sich fortbewegt.

Bettina hatte ihren Arm in den von Thomas legen müssen, während er in der Linken den aufgespannten Schirm hielt. Aber das Dach des Schirmes hielt nicht stand, es kippte beständig um, so daß die Tropfen auf das Netz der schwarzen stählernen Stäbe fielen und herunterglitten. Er gab es auf und schloß den Schirm.

»Was kann uns das weiter tun!?« sagte er mit einem Anflug von Heiterkeit.

Sie entzog ihm bei seinen Worten vorsichtig den Arm, den er kaum gespürt hatte.

Der Regen hatte überall Pfützen gebildet, durch die der Wind peitschend fuhr. Unter dem Gerassel der Wagenräder spritzten sie auf und beschmutzten die Fußgänger, die sie mit großen Schritten zu umgehen suchten.

Die Häuser der Stadt lagen in der bleichen, grauen Beleuchtung trostlos da, und die alten Mietskasernen glichen schon äußerlich Stätten des Elends und menschlichen Jammers – wenigstens erschienen sie Thomas Truck so während dieses Regensturmes.

Das alte Konzerthaus lag in der Leipziger Straße. Die Omnibusse waren überfüllt, die Kondukteure winkten jedesmal ab. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen. Einen Augenblick hatte Thomas daran gedacht, eine Droschke zu nehmen, aber Bettina lehnte das ab.

Als sie anlangten, war der Saal bereits dicht gefüllt. Die Neuhinzukommenden stürmten eine Treppe hinauf zu dem Balkon. Die beiden folgten, und ein glücklicher Zufall wollte es, daß sie gerade vor der Rednertribüne in der ersten Reihe ihre Plätze erhielten.

Es herrschte von all den vielen Menschen eine dicke, dunstige Luft, und ein merkwürdiges Konglomerat von Gestalten war es, das sich hier zusammengefunden hatte. Alles sprach lebhaft untereinander. Die Gesten waren erregt, und die Neugier brannte vielen aus den Augen. Sie starrten unverwandt auf das Podium.

Thomas suchte vergeblich nach den Freunden; er konnte sie in dem Gedränge nicht entdecken.

Und plötzlich stand da oben, wo ein kleiner Tisch aufgestellt war, ein mittelgroßer, kräftig gebauter Mann, auf dessen starkem Nacken ein entschlossener und zugleich wunderbar gütiger Kopf ruhte. An das breite, etwas fleischige Kinn schloß sich ein fein geschwungener, sanfter Mund, der von einem militärischen Schnurrbart beschattet wurde. Helle, milde Augen mit buschigen Brauen blickten aus tiefen Höhlen. Die Stirn war gradlinig, hoch und schön. Das Haar war dünn und militärisch gescheitelt, die schönen energischen Ohrmuscheln und eine stark entwickelte große Nase paßten vollkommen zu dem männlichen Ausdruck dieser Züge. Obwohl das Gesicht des Mannes ins Volle ging, hatte es doch einen unzweifelhaft geistigen Ausdruck und ein sofort frappierendes Gemisch von Festigkeit und Duldsamkeit.

In dieser Versammlung war kein sogenanntes Bureau gebildet. Es gab keinen Vorstandstisch. Der Mann erschien ohne allen Prunk, ohne jede Komödiantenart; er machte mit der Hand eine kurze Bewegung, und eine lautlose Stille trat im Saale ein.

Er sprach in abgerissenen, scharf akzentuierten Sätzen, die wie durchdringende Kommandos durch den Saal tönten. Seine ganze Art, sich zu geben und zu sprechen, zeigte eine Schlichtheit, die auch die Herzen der Widerstrebenden zu packen schien.

Alles kam unerschütterlich, getragen von einer in sich gefestigten Weltanschauung heraus. Aber die Hörer fühlten, daß die Seele des Mannes mitzitterte. Sie fühlten den leidenschaftlichen Ernst seiner Worte.

Er sprach von der Individualisierung der Persönlichkeit. Und mit einer Stimme, die wie eine helleuchtende Flamme in diese Sonntagsgemeinde einschlug, rief er: »Zuerst muß das Individuum zum vollen und tiefen Bewußtsein seines Ichs, seines Selbsts, seines Rechts, seiner Würde, seiner Hoheit gelangen; es soll erfahren, daß sein Ich, daß jedes Ich einen oder sogar den Mittelpunkt des Weltganzen bildet. Diese Individuen, diese Selbstmenschen, diese Charaktere mögen sich dann nach wirtschaftlichem und sonstigem Bedürfnis oder Notwendigkeit zu neuen Gebilden zusammenfügen. Nur unter der Voraussetzung, daß wir, die Einzelmenschen, zum Vollgefühl unseres Selbstbestimmungsrechtes gebracht sind, kann die Sozialisierung der Menschheit einen Fortschritt in der Entwicklung, eine Befreiung bedeuten! Die Entwickelung der Persönlichkeit kann nur zu einem Ziele führen: der Ganzheit und jedem einzelnen innerhalb der Gemeinsamkeit mit genau der gleichen Treue und Liebe zu dienen. In der Entwickelungskette des zur inneren Freiheit und zum Selbstbestimmungsrecht gelangten Menschen wird der letzte Ring mit absoluter Notwendigkeit zum Zusammengehörigkeitsbewußtsein führen. Das Neue kann nur aus dem Alten heraus geboren werden, keine tabula rasa, kein Riß in der Entwickelung; aber entschlossenes Vorwärtsschreiten, nach Umständen auch ein Sprung über den Graben, wenn er uns den Weg sperren will; mit den vorhandenen Menschen rechnen, aber sie umzuwandeln versuchen, und das mit Liebe, nicht mit niederträchtigem, kleinlichem Haß; nicht Unwille gegen die Träger der heutigen Zustände, noch gar Schmähungen der Vergangenheit oder Neid dürfen die Leitmotive sein, nur der Wunsch nach Vollkommenerem, die Idee der Versöhnung darf uns in diesem Kampf leiten. In diesem Kampf, in dem jeder die Pflicht hat, seine Volksgenossen aufzuklären und eine Strecke Weges mit sich zu führen.«

Unter atemloser Stille hatte der Mann gesprochen. Als er geendet, herrschte Todesruhe noch mehrere Sekunden, dann brach ein wildes Jubeln und ein frenetisches Beifallstosen durch den Saal.

Der Mann blickte ernst und ruhig über die tausendköpfige Menge.

Die Diskussion wurde eingeleitet, und nun traute Thomas seinen Augen nicht, als plötzlich Lissauer mit roten Backenknochen und glühenden Augen hinter dem Rednertische stand.

Der kleine Mann schrie in fistelndem Ton: »Ich heiße Benjamin Lissauer und bin Schriftsteller. Von Versöhnung und Überbrückung aller Klassenunterschiede spricht der Herr Redner, der als ehemaliger hoher Offizier die Rangunterschiede wohl noch in der Erinnerung hat! Wie sollen wir Juden zur Versöhnung geneigt sein, wenn man uns im Staatsleben unterdrückt, mit Füßen tritt und straflos beschimpfen darf ...«

»Was will denn der bucklige Jude?« gellte eine Stimme durch den Saal.

Unter diesem Worte, das vernehmlich bis zur Rednertribüne schallte, wand sich Lissauer wie von einem Schlage getroffen.

Doch in dem nämlichen Augenblicke stand schon dicht neben ihm, bleich und verstört, Blinsky und rief mit schallender Stimme: »Her mit dem Feigling, damit wir Auge in Auge mit ihm abrechnen!«

Ein Durcheinander von Geschrei und Stimmen entstand.

Aber wieder trat Schweigen ein, als Herr von Egidy vor dem Tische seine Gestalt kerzengerade aufrichtete. Er hatte die vielköpfige Menge gleichsam in seinen beiden starken Händen. Bevor er noch den Mund auf tat, hing sie an seinen Lippen. »Wir sind hier zur Verständigung«, rief er, »und wer gekommen ist, um aufzuhetzen, er hetze gegen wen er wolle, er sei, wer er sei – hier bei uns hat er keine Stätte. Wir wollen die Wege der Versöhnung bahnen. Die Krümmungen und Windungen, wo man hetzt und verdächtigt, meiden wir. Wir kämpfen im Zeichen der Liebe!« Wieder trat er beiseite.

Blinsky zog Lissauer mit sich fort, und beide machten sie einem blassen und verhungerten Menschen Platz, der kein anderer als Heinsius war.

Seine Stimme schlug schon über, als er Namen, Stand und Wohnung angab. Er schien ganz in Erregung und Haß getaucht, und Thomas sah es ihm beim ersten Blicke an, daß er den großen Tag der Abrechnung, die Stunde, nach der er in seinen Verzweiflungen gedürstet hatte, für gekommen erachtete.

»Was ich sagen werde«, begann er, »ist nicht gerichtet gegen die hochehrenwerte Privatpersönlichkeit des Vortragenden. Ich kämpfe nicht mit ihm, ich kämpfe mit seinen Ideen. Ich bekämpfe sie rückhaltslos. Man wird mich anhören und zu Ende sprechen lassen, auch wenn es vielen bitter ist.« Und sich ruckartig zu dem Sprecher wendend, fuhr er fort: »Sie, Herr von Egidy, sind meiner innersten Überzeugung nach ein Verführer der Menge. Sie sind gefährlicher als die niedrig gestirnten Demagogen, als die armseligen Sozialisten, in deren kleinen Hirnen kein gerader Gedanke wächst. Sie sind gefährlicher, weil der Schein und die äußeren Anzeichen für Sie sprechen. Sie sind ein Grundübel; weil Sie zu den Halben, zu den Lauen, zu den Gelegenheitsmachern, zu den Opportunisten gehören. Sie schachern, und handeln um den Preis, während es einzig und allein den ganzen Einsatz gilt. Wo es sich aber um die großen Ideen der Menschheit oder, sagen wir besser und richtiger, um die der Persönlichkeit handelt, da muß man mit seiner Ganzheit Bekenntnis ablegen, man muß die letzten Konsequenzen ziehen, will man der Horde und Herde von Knechten ein Führer sein. Man erzieht keine Herren, wenn man die Versöhnung der Klassen predigt, wenn man die Träger der Staatsgewalt, wenn man die jeweiligen Regierungen mit den schielenden Augen versöhnlicher Milde betrachtet. Das sind niederträchtige Phrasen, mit denen man keinen Hund vom Ofen lockt, das ist Knechtsseligkeit und hündisches Winseln. Man brandmarke das Verbrechen und die Blutsaugerei, auch wenn sie durch das Gesetz geheiligt sind; man brandmarke gesetzlichen Raub und Mord mit glühenderen Eisen, als wenn ein gehetzter, verzweifelter und gequälter Mensch aus dunklen Trieben handelt. Wer vor den Institutionen und den Machthabern Halt macht, gehört zu den Feigen im Kompromiß, er kämpft in Reih und Glied mit den Profitmachern und elenden Opportunisten. Sie berufen sich auf Christus, dessen Vorbildlichkeit ich hier ganz beiseite lasse. Sie dienen in Wahrheit dem Belial, der Gewalttat. Ein Volks- und Hofprediger, ein großer, deutscher Schriftsteller, dessen Namen Ihnen allen imponieren wird, und dessen geistige Qualitäten denen unseres Sprechers mit denn doch noch etwas überlegen zu sein scheinen – ich meine keinen Geringeren als Herder und nenne Ihnen, die Sie auf Autoritäten schwören, mit voller Absicht diese Autorität – hat in seinen Ideen zur Philosophie der Menschheit das Folgende klipp und klar ausgesprochen.«

Er nahm einen weißen Zettel vor und las: »Der Mensch, der einen Herrn nötig hat, ist ein Tier; sobald er Mensch wird, hat er keines eigentlichen Herrn mehr nötig; im Begriffe des Menschen liegt der Begriff eines ihm nötigen Despoten, der auch Mensch sei, nicht. Jener muß erst schwach gedacht werden, damit er eines Beschützers, unmündig, damit er eines Vormundes, wild, damit er eines Bezähmers, abscheulich, damit er eines Strafengels nötig habe. Sowie es nur ein schlechter Vater ist, der sein Kind erzieht, damit es lebenslang unmündig, lebenslang eines Erziehers bedürfe; wie es ein böser Arzt ist, der die Krankheit nährt, damit er dem Elenden unentbehrlich werde: so mache man die Anwendung auf die Erzieher des Menschengeschlechtes, die Väter des Vaterlandes und ihre Erzogenen.«

»Meine Herren! Es kommt darauf an, daß man die Anwendung macht, wie Herder sehr richtig sagt. Eine Lebensführung beginnt erst da, wo die Gesinnung rein, unaufhaltsam, entschlossen durchbricht wie ein brausender Gebirgsbach im Frühling. Bei Ihnen, Herr von Egidy, ist alles Faselei und Gefühlsphrase. Die religiöse Gemeinschaft fällt bei Ihnen mit dem Staat zusammen, der für uns freie Geister das Prinzip der Knechtschaft darstellt. Sie hausen da, wo der Herrgott und der Teufel, wo der Christus und der Belial an einer Tafel versöhnungsselig kompromisseln; das nenne ich Gefühlsduselei, aber nicht individuelles Denken! Sie haben heute gesagt, daß Sie die Axt an die Wurzel legen wollen. Sie dürfen es mir glauben, Ihre Axt wird nicht bis an die Wurzel kommen. Ihr Arm wird nach den ersten Streichen erlahmen, und der Baum, den Sie fällen wollen, wird über Ihre Schwächlichkeit in ein Hohngelächter ausbrechen. Wer den Baum mit Stumpf und Stiel ausrotten will, muß andere Muskeln, muß stählerne Gedanken haben. Und deshalb rufe ich: Fort mit allen Fest- und Tafelrednern, fort mit denen, die das Evangelium des Belial künden. Es gibt nur ein Evangelium, und dieses ist zu eigen mir, meinem Ich! Und wenn Sie einen Propheten brauchen, so rufe ich Ihnen den Namen Max Stirners zu. Jeder befreie sich selbst, und niemand gebe sich Wahnideen hin; niemand wolle die dumpfe, stumpfe Masse erlösen!« Er machte eine kleine Pause und schrie dann wie besessen: »Fort mit dem Erlöserschwindel, jeder erlöse sich selbst.«

Die Wirkung war geradezu verblüffend. Man hatte zuerst gemurrt und zeitweilig den Sprecher unterbrochen, dann aber wider Willen ihm gelauscht. Wie es immer in solchen Versammlungen zuzugehen pflegt, wer etwas mit fanatischer Bestimmtheit sagt, zwingt die Hörer mit sich fort. So war es auch hier. Und dennoch fühlten sich alle gekränkt, geschmäht, ja sogar aufs grimmigste verspottet.

Es herrschte, als Heinsius geendet hatte, eine dumpfe Ruhe, bis plötzlich jemand durchdringend in die Menge rief: »Dieser Mensch hat die reine Wahrheit verkündet. Dieser Mensch hat hundertmal recht.«

Alles drehte sich nach dem Rufer um, dessen Stimme etwas Metallenes, etwas Eisernes hatte, und alle wiesen auf einen untersetzten, stämmigen Menschen mit einem bartlosen, milchfarbigen Gesicht und geschlitzten Augen, die wie funkelnde Steine glitzerten und sprühten.

Thomas hatte nicht hinzusehen gebraucht. Den Ton kannte er gut, und vor Aufregung zitternd, sagte er zu Bettina: »Das ist Fründel – Mechaniker Fründel. Übrigens sind das alles Leute vom Nachtlicht, ganz seltsame Menschen!«

Er achtete nicht darauf, was Bettina antwortete, sondern beugte sich weit über die Brüstung, um mit gespannten Augen die Vorgänge zu verfolgen.

Der Mechaniker stand mit verschränkten Armen und einem niederträchtigen Lächeln da. Er hielt alle die auf ihn gerichteten Blicke gelassen aus und wandte sich nur zuweilen mit irgendeiner bissigen Bemerkung an die beiden Frauen links und rechts neben ihm, die sich ebenfalls erhoben hatten.

Es waren Josefa Gerving und die Studentin Charlotte Ingolf.

Aha, sie sind also auch da, dachte Thomas, und ganz flüchtig wunderte er sich darüber, die Ingolf gerade in Begleitung Fründels zu sehen.

Auf das Podium trat jetzt ein knochiger, großer Mann mit zurückgekämmtem, rabenschwarzem Haar, einem Henriquatre von der nämlichen Farbe und einer Adlernase.

Aber bevor er noch zu Worte kam, schrien hunderte von Stimmen wie in einem brausenden Chore: »Egidy ... Egidy!« Und wieder trat dieser vor die Menge.

»Sie werden sprechen«, begann er – und von neuem verstummte alles im Saale – »und Redefreiheit haben, wie jeder in diesem Raume. Aber es ist gerecht und billig, daß ich erst dem Manne, der mich angeklagt hat, antworte. Ich werde ohne Zorn erwidern, denn wie kann ich jemandem zürnen, der über mich den Stab bricht, ohne mich zu kennen und ohne mich zu verstehen. Ich kann mich höchstens wundern, daß man mich nicht versteht, der ich immer die schlichteste und simpelste Form für alles suche, was ich zu sagen habe. Ich soll zu den Halben und Lauen gehören, ich soll Opportunist sein! Ich, dessen ganzes Leben und Handeln ein einziger Protest gegen den Opportunismus gewesen ist. Ich, der ich gerade hierin mit dem Vorredner die Wurzel alles Übels sehe. ›Ohne alle Opportunitäten‹, das ist die Parole, das Losungswort meines ganzen Lebens gewesen, das immer unverbrüchlicher geworden. Wenn ich mit meiner äußeren Vergangenheit gebrochen und die Konsequenzen meiner Denkweise gezogen habe, so sehe ich darin nicht etwas, das irgendwelches Lob verdiente, sondern einfach die Bekräftigung und Betätigung innerster Anschauungen. Immer tiefer, immer klarer habe ich das Wesen, den Kern dieses ›ohne alle Opportunitäten‹ ergründet und habe jeden Angriff dagegen mit eherner Festigkeit zurückgewiesen. So bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß der Opportunismus eine der giftigsten Fasern in dem Wurzelgebilde unserer heutigen Lebensanschauungen, Lebensregeln, Lebensgesetze ist, und ich stehe heute im ernsten, überlegten, planmäßigen Kampfe gegen alle Schädigungen im Einzel- wie Volks-, wie im Leben der Völker, die sich auf diese Giftfaser zurückführen lassen. Auf den Opportunismus lassen sich mit einiger Gedankenübertragung alle Schäden zurückleiten. Der Opportunist hat dem entsagt, was für den Kraftmenschen das Leben lebenswert macht: der Selbständigkeit und der Unabhängigkeit. Er ist unfrei, ist Knecht, ist Sklave, und weil er es selbst ist, will er auch die anderen in Abhängigkeit und Unterdrückung erhalten; er will, weil er selbst beherrscht ist, auch herrschen. Dagegen lehnt sich der erwachte Drang nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit auf.

Mögen«, rief er mit gesteigerter Stimme, »die Massen sich darüber selbst auch im klaren sein, denn«, wandte er sich an Heinsius, »ich glaube an eine Erlösung und Entwickelung der Massen. Mag es immerhin die sogenannte Magenfrage sein, die die erste und empfindsamste Anregung zur Auflehnung gegen das Bestehende gibt, die eigentliche Idee, die den Wandlungsbestrebungen der Gegenwart zugrunde liegt, ist das Verlangen nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Individuums, der Gemeinde, des Volkes. Wir brauchen geradsinnige und geradeaus denkende Menschen; brauchen Menschen, die jedes Mittel, das seinem Wesen nach dem nicht entspricht, was uns rein, gerecht, edel, schön, also ideal erscheint, nicht nur innerlich verachten, sondern auch wirklich unangewendet lassen. Wir brauchen Menschen – Männer und Frauen – ›ohne alle Opportunitäten‹. Und glauben Sie es mir, man kommt auch ohne diesen häßlichen Ballast weiter, er ist eine Bürde, die den Träger zu Boden drückt. Man kommt weiter, indem man sich dadurch den Anschluß an diejenigen sichert, die durch ihre Gesinnung den Charakter des neuen Jahrhunderts bestimmen werden. Und nun kommen Sie, Herr Volksschullehrer, Sie, der Sie den höchsten Titel tragen und das höchste Amt auf sich genommen haben, ein Lehrer des Volkes zu sein, und sagen mir, ich gehörte zu den Lauen im Lande, zu denen, die Schacher treiben, die das pure, edle Gold reiner und hochherziger Gesinnung in elende, kleine Scheidemünzen umwechseln. Mit einem Worte, sie halten mich für den typischen Vertreter des Opportunismus, Sie zählen mich jenen Wechslern zu, die Christus aus dem Tempel jagte!«

Er senkte den Ton seiner Stimme. »Das weise ich zurück, nicht mit Zorn und Entrüstung, sondern mit Schmerz und Trauer. Ich frage mich immer und immer wieder: warum tun die Menschen alles und jedes, um sich mißzuverstehen, warum werfen sie Mauern auf und ziehen Gräben, um sich zu trennen, anstatt Wege und Brücken zu bauen, um sich zu begegnen und sich die Hände zu reichen? Wege und Brücken bauen ist die Aufgabe unserer Zeit! Das weite, große Meer haben wir uns unterjocht, unsere Schiffe fahren auf dem stolzen Wasserspiegel. Und im Lande ringen wir mit feindseligen Blicken um jede Scholle schwarzer Erde. Wo wir eine Kluft sehen, da überbrücken wir sie nicht, nein, wir streben im Gegenteil mit allen unseren unheilvollen Kräften darnach, sie zu erweitern und zu vertiefen.«

»Ich will ein Wegmeister sein und Brücken bauen!« rief er mit flammenden Augen. »Ich will dies tun im Zeichen des einzigen Christen, im Zeichen des Heilands!«

Seine Stimme wurde brausend, machtvoll, donnernd. »Sie glauben, die Schriftgelehrten hätten den einzigen Christen überwunden; die Schriftgelehrten, sie mögen Stirner oder Gott sonstwie heißen, sind ihm gegenüber klein, winzig, erbärmlich. Sie glauben, Herr Volksschullehrer, mit Ihrer Weisheit mir voran zu sein, aber verlassen Sie sich darauf«, sein Gesicht bekam auf einmal eine gütige, milde Heiterkeit, »verlassen Sie sich darauf: für Sie, Herr Heinsius, ist trotz alledem die Schlachtenuhr immer noch neun Uhr vormittags ...! für mich drei Uhr nachmittags. Ich bin Ihnen vorauf, obwohl der Text meiner Predigt bereits vor zwei Jahrtausenden gehalten ist. Zwischen uns gibt es allerdings eine wesentliche Trennung. Sie haben Christus bereits überwunden und finden das Evangelium bei Stirner. Ich bin der Ansicht, daß Christus noch immer unverstanden ist, daß wir alle unsere Kräfte daransetzen müssen, um das ewig Vorbildliche seiner wundervollen, einzigen Persönlichkeit in das hellste Sonnenlicht zu rücken. Sie wenden sich hochmütig vom Volke und der Masse ab; und ich gehe mit Christus zu ihnen. Und weil ich den Glauben an das Menschengeschlecht habe, nehme ich den einzelnen Menschen davon nicht aus. Es gibt für mich keinen Klassen- und Kastenunterschied. In meiner Zuversicht steht es fest, daß diejenigen, die heute sich vergehen und mit Gewaltmitteln uns maßregeln, nicht vom Grund aus gemein, niedrig und schlecht sind, ich halte sie vielmehr für irregeleitet, oft für ihren Hochmut und ihre Unerleuchtheit nicht einmal verantwortlich! Man hat an ihnen gesündigt, ihnen gewaltsame Anschauungen und Lehren aufgezwungen, die gar nicht ihrem innersten Wesen zu entsprechen brauchen – denn ich glaube an das innerste Gutsein des Menschen, der Menschen. Und darum halte ich sie auch von vornherein nicht für Schurken, Branddiebe und Raubgesellen. Ich glaube an ihre Erlösung, und darum schreibe ich auf die Fahne, die in meinem Kampf durch allen Wind und allen Sturm stolz weht und flattert, das Wort: Versöhnung.

Das ist der Sinn, den ich dieser Kampfparole zugrunde lege, das ist das Endziel auf dem langen Wege, den wir schreiten. Das Evangelium Christi ist nichts anderes als der unverbrüchliche Glaube an den Menschen ... die Menschen. Und daß dieser Glaube an die Menschheit nicht einer Wahnidee, einem leeren Phantom entsprungen ist, will ich Ihnen an einem einzigen Beispiele klarlegen, an der einen Erfahrung, die Sie alle in Ihrem Leben vielleicht schon gezogen haben.«

Er hielt inne und fuhr mit der Hand über die Stirn, die ihm zu brennen schien.

»Ich sage, in jedem Menschen ist das Böse, aber auch in jedem Menschen ist das Gute, und nirgends kommt dies klarer, verhängnisvoller, versöhnender zum Vorschein als in jenen geheimnisvollen Zusammenhängen und Rätseln des Zeugungsprozesses, die wir nicht ergründen können. Menschen, die wie Verbrecher gelebt haben, die wir für rohe Spießgesellen und empfindungslose Barbaren gehalten haben, bringen Kinder zur Welt, die rein, gütig, hilfreich und edel sind. Welch eine andere Erklärung läßt das zu als die, daß auch in jenen, die sie gezeugt haben, unter Krusten und Hüllen etwas von dieser Reinheit und Schönheit verborgen war; und andererseits: Männer, deren ganzes Leben der Arbeit und der Betätigung der Güte gehört hat, haben Söhne, die lichtscheu und müßiggängerisch sind und verbrecherische Triebe nähren. Wie kommen sie zu solchen Kindern? Ich habe es Ihnen gesagt, alles ist in uns, das Gute und das Schlimme, und niemand soll auf sein Gutsein eingebildet, oder gar hochmütig sein. Schon der eigene Sohn könnte ihm den Spiegel vorhalten, in dem er sich als sein Zerrbild erblickt.

Und wenn hier die Klassenunterschiede und -gegensätze als Trumpf ausgespielt wurden, so antworte ich darauf: die Führer der Menschheit haben ihren Volksgenossen unabhängig von der Kaste, aus der sie hervorgingen, die Bahn freigemacht. Der Heiland wurde in einer niedrigen Hütte als Sohn eines armen Zimmermanns geboren, und der größte Deutsche, Goethe, war der Sohn eines reichen Ratsherrn, der zu den Trägern der Gewalt gehörte. Ich könnte hundertfach die Beispiele aufzählen, ich fasse alles in dem einen Wort zusammen: es gibt nicht den bösen, es gibt nur den guten Menschen, denn aus der Saat des Bösen steigt noch die Güte auf.

Und wenn Sie diesen einen Gedanken heimtragen, daß im tiefsten und letzten Sinne böse gleich gut ist, so haben Sie mit mir den Glauben und die Erkenntnis des einzigen Christen, des Heilands ... so wird für Sie das Wort Versöhnung nicht zum Aushängeschild der Laxheit und des feigen Kompromisses, sondern«, schloß er leise, »zum Ausdruck echtester Frömmigkeit und tiefster Erkenntnis.«

Die Menschen atmeten schwerer. Die Gesichter der einen waren bleicher, die der anderen röter geworden. Einzelne hatten sich erhoben und streckten dem Redenden die Arme entgegen. Ein paar erregte Frauen wehten mit ihren Tüchern. Sie hatten nicht alle den Zusammenhang und Sinn der Worte begriffen, aber sie fühlten unwiderlegbar, daß der Mann, dessen tiefe Sprachkraft wie eine Leuchtfackel in ihre Seele drang, mochte er im einzelnen recht haben, oder irren, seinem ganzen Wesen nach von jener Urreinheit war, die zur Ehrfurcht und Demut zwingt.

Ganz dicht vor dem Rednerpult stand ein Mensch auf Krücken, der den langen, dünnen Hals giraffenmäßig vorbeugte, den Mund aufgesperrt hatte und mit seinem elenden Gesicht den Sonntagsprediger wie eine Geistererscheinung anstarrte.

Und neben ihm weinte ein schwarzgekleidetes, mageres Mädchen inbrünstig in sich hinein. Es war Maria Werft.

Wie der gellende Pfiff der Lokomotive durch die Stille der Nacht und des Dunkels schneidet, so wurde die innere Bewegung der Sonntagsversammlung jäh zerbrochen durch jenen Mann mit den zurückgekämmten, schwarzen Haaren, der schon vor Herrn von Egidy hatte reden wollen.

Um sich Geltung zu verschaffen, streckte er seinen rechten Arm hoch und schrie laut und vernehmlich seinen Namen: »Metallarbeiter Drewitz, Ackerstraße Nummer 14.«

Die Leute setzten sich von neuem. Der Mensch wartete einen Augenblick, fuhr mit seiner roten und gedunsenen Hand durch den struppigen Bart, verschränkte dann die Arme und wartete, bis es völlig ruhig wurde. Sein ganzes Auftreten hatte etwas fabelhaft Sicheres.

»Was der Herr von Egidy uns vorerzählt hat«, begann er, und er wußte schon bei den ersten Worten in seine Stimme einen sarkastischen und bitteren Tonklang zu bringen, »ist sehr schön für diejenigen, die satt und erbauungsselig sind. Wir mit dem hungrigen Magen lassen uns nicht besoffen reden und mit leeren Phrasen füttern, denn wir« – er sah Egidy voll und gerade ins Gesicht – »wir wollen, so komisch das den Herrschaften vorkommt, uns zunächst einmal ordentlich satt fressen. Ich sage ›fressen‹, meine verehrten Herrschaften, weil wir nach der Speise gierig sind und in unserem Hunger uns nicht die Zeit nehmen würden, appetitlich die Mahlzeit zu verspeisen. Sie mit dem klingenden Beutel und der warmen Stube haben gut reden, wir rufen Ihnen zu: faule Fische, mit denen man uns ködern will ... wir lassen uns nicht ködern, wir beißen auf dieses Versöhnungsgewinsel nicht an. Wir Arbeiter wissen, daß es zwischen uns und den besitzenden Klassen keine Versöhnung gibt, wir wissen, daß der Besitz frech macht ... frech, frech, frech.«

Er schrie diese Worte mit furchtbarem Zorn in die Menge hinein. Und die Arme in die Seite stemmend und sich wieder zu Herrn von Egidy wendend, fuhr er fort: »Also der Klassenkampf soll vorüber sein! Wer lacht da? Wir sollen dulden und nicht mucksen! Das ist der Text Ihrer erbaulichen Sonntagspredigt ... Quarkspitzen! Seien Sie schönstens bedankt. Ich halte es für eine Verhöhnung des Proletariats, ihm die Widerstandslosigkeit zu predigen ... ihm zu raten, den Kampf gegen seine Ausbeuter und Blutsauger fallen zu lassen.«

Er reckte sich plötzlich in die Höhe und schien zu wachsen. »Uns, die wir uns Tag für Tag abrackern, zuschanden arbeiten und dabei noch hungern und wie die Schweine leben, kommt man mit Versöhnungsfaseleien! Tauschen Sie doch mit uns, mit irgendeinem von uns, dann werden Sie sehen, was das Dulden für eine schöne Sache ist! Wir leben erbärmlicher wie die Hunde! Den Hunden wirft man hin und wieder ein Stück Fleisch vor – wir sehen nur abgenagte Knochen. Wie soll der Klassenkampf aufhören, bevor die Klassen nicht ausgerottet sind! Wie die Schindluder arbeiten wir und hungern.

Soll ich Ihnen etwas erzählen? Acht Kinder habe ich zu Hause. Meine Frau ist alt und welk geworden, und sauer sind ihr die Kinder geworden, Sie können es mir glauben. Ich saufe nicht und spiele nicht und kann nicht einmal so viel erraffen, damit wir uns auch nur auf das kärglichste durch diesen Dreck schleppen können.«

Sein Gesicht verzerrte sich auf einmal, und sein Ton wurde gedämpft. »Wenn so ein Kind zur Welt kommt, so soll doch das etwas Frohes und Festliches, sozusagen etwas Großartiges sein – mein Weib und ich haben nur den einen Wunsch gehabt: es möchte im Mutterleibe verdorren ... es möchte hinsterben, bevor es die Augen aufschlägt, damit es nicht vor Hunger und Elend hinzusiechen braucht ... Wissen Sie was das heißt, wenn man acht hungrige Würmer zu Hause hat und bei aller Arbeit sie nicht einmal satt kriegt? ... Sie wissen es nicht, sonst würden Sie Ihre erbauliche Sonntagsandacht nur vor denen abhalten, die die Knuten schwingen, die im Besitze sind.

Mein ältester Junge ist nach Hause gekommen und hat in seiner Dummheit mir gesagt: ›Vater, heute hat uns der Lehrer die besitzanzeigenden Fürwörter gelernt. ›Mein, dein und sein‹ sind besitzanzeigende Fürwörter, Vater.‹ Wissen Sie, was ich ihm geantwortet habe? ... Junge, ›mein, dein und sein‹ steht nur im Verbrecherlexikon der Reichen. Für uns gibt's so was nicht. Es gibt ja noch 'n besitzanzeigendes Fürwort, das heißt: ›unser‹ – er machte mit dem Zeigefinger eine kreisförmige Bewegung – ›sozusagen ›unser aller‹ heißt das ...

Meine Herrschaften, das ist nur 'ne fixe Idee, die steht nur in den blödsinnigen Schädeln von uns Arbeitern. Die noblen Herrschaften wollen davon nichts wissen, und deshalb sage ich, verehrter Festredner, zu allen denen, die hungern: Empört euch gegen eure Peiniger, kämpft bis aufs Messer, kämpft bis aufs Blut, kämpft, damit ihr endlich einmal eure Magen füllt; verschließt eure Ohren gegen das Gewimmer von Versöhnung und Duldung ... verlaßt euch darauf, liebe Brüder in Christo, all die guten Eigenschaften kommen, wenn ihr satt seid ... Wir wollen satt werden, satt werden, endlich einmal, das ist unsere Weisheit ... das ist unser Abc, und das werden wir hinausschreien, und wenn wir stockheiser dabei werden. Mit unseren kranken Lungen werden wir das hinausschreien, mit dem letzten Beste unserer kranken Lungen!« Und wie zur Bekräftigung schlug er mit seiner Faust auf den Tisch und blickte mit einem Gesicht, dessen Farbe wächsern geworden war, Herrn von Egidy an.

»Darauf soll er antworten ... wir werden sehen, was er darauf antworten wird!« schrie höhnisch und gellend der Mechaniker Fründel.

Herr von Egidy hatte die Uhr aus der Tasche gezogen und hielt sie dicht vor seine Augen. Alle Blicke hingen an ihm. Jeder war gierig nach einem erlösenden Worte.

»Das ist der bittere Schlußakkord, mit dem wir aufhören«, rief er in bebendem Ton, »denn in wenigen Minuten müssen wir auseinander. Wir müssen mit dem Glockenschlage zwei Uhr die Versammlung schließen. Die hohe Obrigkeit hält dafür, daß wir den Sonntag entheiligen, wenn wir uns über die Lebensfragen des Volkes aussprechen.«

Seine Miene war vergrämt und hatte etwas innerlich Schmerzhaftes. »Die Anklage dieses Mannes wird Ihnen noch lange in den Ohren zittern; die furchtbare Anklage, die wir alle kennen, begreifen und verstehen. Denn dieser Mann hat in dem einen, was er sagt, recht: es ist ein Jammer, etwas unsagbareres als Jammer, daß ein Mensch trotz aller seiner Arbeit und Kräfteanstrengung nicht einmal satt wird, daß man ihn von der Festtafel des Lebens, von der Festtafel, die für uns alle gedeckt sein sollte, mit Haß und ohne Erbarmen schnöde wegweist! Glauben Sie mir, ich fühle den Gram des Volkes und seine Berechtigung. Meine ganze Lebensarbeit ist darauf gerichtet, diesen Gram zu lindern.

Des Mannes Anklage mag denen, die vergnügt und gedankenlos schmausen, in den Ohren gellen. Und dennoch darf sie in unserem letzten Kampfe« – er legte die weiße Hand auf seine Brust – »dennoch darf sie unsere Richtung nicht bestimmen, nicht das Leitseil sein, an dem wir mit erschlafften Muskeln emporklimmen. Wir wollen zur Höhe, wir wollen reine Bergluft einatmen. Wir glauben trotz alledem und alledem an das Gute im Menschen, an das Aufdämmern und Erwachen aller edlen Triebe und Gedanken, an die Versöhnung auf dem Wege der Verständigung.« Und die Rechte in die Höhe hebend, rief er: »Es soll keine noch so bittere Erfahrung geben, die unsern unverbrüchlichen Glauben zerstören kann. Wir warten auf den Sonnenaufgang, der uns verheißen ist!« Das waren die letzten Worte, die Herr von Egidy sprach. In diesem Augenblicke schlugen die Glocken die zweite Stunde.

Alles erhob sich, die Saaltüren wurden geöffnet, und man drängte zu den Ausgängen. – – –

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