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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XIX.

Als er am Bahnhof Friedrichstraße ankam, war es ein viertel elf. Er hatte noch eine gute Viertelstunde. Dennoch trat er sofort in den Bahnhof, löste aus dem Automaten eine Bahnsteigkarte und sah sich in dem Getriebe um.

Man stand dicht vor dem Osterfeste, und die Urlauber in ihren bunten Uniformen, die kleinen Handkoffer mit sich führend, drängten neben den anderen zu den Schaltern. Aber auch das übrige Reisepublikum war zahlreich vertreten. Dieser und jener trat an den Zeitungsstand, um ein Abendblatt oder ein Buch zu kaufen. Die Gepäckträger in ihren blauen Hemden gaben geschäftig die großen Koffer der Reisenden auf, und beständig fuhren neue Droschken vor. Es war ein rastloses Getümmel. Viele, die in ihrem Reisefieber um eine gute Weile zu früh gekommen waren, eilten mit erregten Gesichtern in die anstoßenden Wartesäle. Alles schien Thomas maßlos übertrieben. Drei Damen, ganz in Schwarz gekleidet, eine ältliche Frau und zwei junge Mädchen mit tollen Frisuren, fielen ihm in dem Schwärm der Menschen auf. Er sah plötzlich die Gestalt des Rechtsanwalts Kornfeldt auftauchen und wandte sich rasch ab. Diejenigen, die es besonders eilig hatten, schufen sich mit den Ellenbogen Bahn. Man stieß und puffte einander rücksichtslos.

So wie auf diesem Bahnhof ist das ganze Leben, dachte er bei sich. Jeder sieht nur sein Ziel. Jeder trachtet nur nach seinem Platze, sucht krampfhaft mitzukommen, unbekümmert um den anderen, gierig nach dem besten Kupee. Und alle sind friedlos und eigensüchtig.

Er stieg langsam die Treppe empor, die zu dem Fernverkehr führte. Er war gerade im Begriff auf den Perron zu treten, als ihn der Beamte mit den Worten anfuhr: »Wollen Sie nicht Ihre Fahrkarte abgeben?«

Eine Weile suchte er in allen Taschen, bis er sie fand. Der Mann machte eine unwirsche Bemerkung. Thomas hörte sie nicht mehr.

Er trat in die mächtige, bogenförmige Halle. Es wimmelte auch hier von Menschen. Auf den Schienen stand ein Zug, der in wenigen Minuten abgehen mußte. Er war dicht besetzt. An einem Kupeefenster hingen ein paar rote Kinderhüte. Aus den verschiedenen Waggons sahen die eingepferchten Menschen heraus und sprachen mit ihren Angehörigen, die sie auf die Bahn begleitet hatten. Eine junge Frau hatte zwei Kinder an den Armen, und an jeder Seite ihres Rockes hingen ebenfalls zwei Würmer, aber trotz der Plage lachte sie über das ganze Gesicht und zeigte ihre gesunden, starken Zähne, die aus dem roten Munde hervorleuchteten. In den Wagen vierter Klasse war das Gedränge am stärksten. Ein paar polnische Handelsjuden im schmutzigen Kaftan und mit dünnen, langen Haaren, die bis zu den Schultern reichten, gestikulierten in ihrer lebhaften, aufdringlichen Art. In einer Ecke saß ein Mann mit einem schlecht geschnittenen grauen Vollbart. Er hatte ein melancholisches, müdes Gesicht und stierte teilnahmslos vor sich hin. Eine ältliche Frau mit versorgten und verkümmerten Zügen, die Hände über den Schoß gefaltet, saß apathisch neben ihm. –

Wieder aus einem anderen Fenster blickte ein junges Paar, das sich zärtlich umschlungen hielt und allerhand dummes, lebenslustiges Zeug schwatzte.

Er schritt den Zug entlang. In der zweiten Klasse setzte sich ein vornehm gekleideter Herr eben eine Reisemütze auf und entledigte sich seiner Zugstiefel, um sie mit weichen Filzschuhen zu vertauschen. Dann ließ er sich nieder und legte eine elegante Reisedecke über seine Knie. Dicht daneben standen ein paar Ausländer mit slawischem Gesichtsschnitt. Er hörte eine fremde Sprache, die wie russisch klang. Ein Mensch neben ihm sagte mit scharf akzentuierter Stimme: »Dieser Eisenbahnzug repräsentiert unseren Klassenstaat.«

Er drehte sich flüchtig um. Ein gellender Pfiff ertönte – aus allen Fenstern wehten Taschentücher – aus der Lokomotive stieg der Dampf empor, und unmittelbar darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Eine Minute später war der Perron vollkommen leer und das Bild gänzlich verändert. Öde und wunschlos lag er da, alles Leben und alle Bewegung war geschwunden. Er sah jetzt fast wie eine Leichenhalle aus, so einsam, so melancholisch, so regungslos.

Thomas schritt die Schienen entlang. Sich still hier hinlegen, dachte er, und das Ungetüm über sich hinbrausen lassen, und alles ist vorbei, kein Grübeln, keine Sehnsucht mehr – nur Grabesruhe und Frieden.

Vor dem Bücher- und Zeitungsstand, der auch hier oben aufgestellt war, machte er Halt. Ohne Interesse blickte er auf die vielen schwarzen Zeitungsblätter, die gelb gehefteten Bücher und sonstigen Druckschriften.

»Wünschen Sie etwas?«

»Ich danke.«

Der Mann, der mit dem Bücherständer den Zug entlang gelaufen war, trat hinzu.

Thomas schritt weiter. Da hinten war eine kleine Bude, in der Erfrischungen, Selters, Bier, Apfelsinen und andere Früchte feilgehalten wurden.

Es fiel ihm ein, daß er nicht einmal eine Blume für sie mitgebracht hatte. Er sah auf die Uhr. Es waren noch sechs Minuten. Entschlossen flog er mit ein paar schnellen Sätzen die Treppe wieder hinab, und atemlos erwischte er eine Händlerin, der er einen Veilchenstrauß abkaufte.

Als er wieder auf den Bahnsteig kam, fehlten nur noch zwei Minuten. Der Zug war bereits signalisiert.

Eine nervöse Unruhe ergriff ihn. Wie mochte sie aussehen? ... Würde er sie erkennen? Würde er verlegen sein? Wie würde überhaupt das erste Wiedersehen sich gestalten?

Wieder ertönte ein langgezogenes, schrilles Pfeifen. Es klang stöhnend und klagend, und ging ihm durch die Glieder.

Er sah jetzt die beiden hellerleuchteten Augen des Zuges – in wenigen Sekunden würden sie sich gegenüberstehen. Ein leichtes Zittern überfiel ihn. Noch ein paar Stöße – und der Zug hielt. Er hatte es gar nicht bemerkt, daß der Perron sich wieder gefüllt hatte, und daß außer ihm eine Reihe Menschen mit fahrigen Blicken von Kupee zu Kupee rannten.

Auch sein Auge irrte suchend umher. Aber auf einmal fühlte er sich umschlungen, und eine liebe, süße Stimme rief jauchzend nur das eine Wort: »Thom, Thom!«

Da ergriff ihn die alte Herzlichkeit, und leise sagte er: »Bettina.«

Sie hatte einen hellgrauen Reisemantel aus Gummistoff an und einen schwarzen, schmucklosen Filzhut auf. Über den Schultern hing an schmalem, langem Riemen eine gelblederne Tasche. In der Hand trug sie ihren Geigenkasten.

Er sah sie verwundert und in unverhohlener Neugier an. Der bauschige Mantel hüllte ihre schlanke, unentwickelte Gestalt ein; aber ihr Gesichtchen trug die alten Kinderzüge, nur daß es bleich und überarbeitet war. Aus ihren großen Augen loderte das alte, unruhige Feuer. Es dünkte ihm, als ob diese Augen etwas rätselhaft Suchendes, Forschendes und geheimnisvoll Unberührtes hätten.

Aus ihrem elenden Gesichtchen blickte ihm die Heimat und der Garten entgegen. Und aus ihrer Stimme tönte in unsagbar keuscher Innigkeit die ganze Kindheit! Nur ein feiner Schleier lag über ihrer Sprache, ein Anflug von ausländischem Akzent, der sie noch reizvoller, fremder und eigenartiger machte.

Er ergriff plötzlich ihre mageren Hände, die nicht bekleidet waren und streichelte sie sanft. Und bei dieser Berührung fing sie unaufhaltsam zu weinen an. –

»Was ist dir denn?« fragte er erschreckt.

»Ach Thom, ich bin so glücklich!« –

Sie gab ihm ihr kleines Portemonnaie und nahm vertraulich seinen Arm. Und wie Kinder, wie Bruder und Schwester schritten sie nebeneinander der Treppe zu, die nach dem Ausgange führte.

Sie traten auf die Gasse, die gegenüber dem Bahnhof, seitwärts der Friedrichstraße und dem Verkehrsstrom liegt.

All die dicht nebeneinander postierten Hotels mit ihren großen Aufschriften: Aachener Hof, Stadt Magdeburg, Coburger Hof und noch etliche andere sahen herausfordernd auf das kleine Fräulein. An der Ecke glänzte ihnen in funkelnden, kleinen Flammen das Transparent »Wintergarten« entgegen.

»Ich soll doch nicht in einem der fremden Häuser wohnen?« fragte sie ängstlich.

»Nein du wohnst bei mir.«

Sie atmete tief auf und zeigte ihm ihr glückstrahlendes Gesicht.

Es fiel ihm plötzlich ein, daß er ihr Gepäck vollkommen vergessen hatte.

Sie kehrten noch einmal um. Am Gepäckschalter kam ein armseliger Korb zum Vorschein.

Als sie in der Droschke saßen, schmiegte sie sich dicht an ihn. Für nichts hatte sie ein Auge. Nichts sah sie und nichts wollte sie sehen.

»Ich habe dich gleich erkannt«, sagte sie triumphierend. »Gerade so bist du, wie ich dich mir vorstellte; so groß und schlank und schön«, fügte sie kindlich hinzu. Und gleichzeitig: »Sieh mich um Gottes willen nicht an. Ich bin so furchtbar häßlich. Nein, sieh mich nicht an!«

Er lachte und nannte sie gutmütig eine kleine eitle Person.

Etwas Unerklärliches, Merkwürdiges, das ihn seltsam berührte, schimmerte bei seinen Worten aus ihren Augen. Aber als wollte sie ihn ablenken, nahm sie seine Hände und ließ sie nicht mehr los.

»Was magst du für Augen gemacht haben, als du plötzlich mein Telegramm bekamst!« Und sie lachte schalkhaft in sich hinein. »Immer stellte ich es mir vor, was wird er für Augen machen, wenn er das Telegramm liest! Hast du dich sehr erschreckt?« Sie wartete nicht auf seine Antwort. »Du mußt nicht glauben, daß ich immer so häßlich bin«, sprudelte sie hervor. »Du kannst dir denken, daß so eine Reise viel Geld kostet, und daß ich all die Zeit gespart habe.« Ihr Gesicht glänzte. »Wenn du wüßtest, wie wenig ich in den letzten Wochen gegessen habe! Bei jedem Bissen, den ich zu mir nahm, sagte ich zu mir: was willst du denn eigentlich, Bettinchen, du bist ja satt, du bist ja vollkommen satt! Und wirklich, dann war es mit allem Appetit zu Ende.«

Sie schwatzte in einem fort und blickte dabei ununterbrochen bewundernd zu ihm empor.

»Thom, ich freue mich so!«

»Bist du müde?«

»Ich bin gar nicht müde, ich wünschte nur, daß diese Fahrt nie ein Ende hätte.«

Es rührte und bewegte ihn, wie unverhüllt und ungekünstelt sie ihrer Freude Ausdruck gab.

»Thom, ich werde zehn Tage bei dir bleiben, wenn du es erlaubst. Erlaubst du es?«

Zehn Tage! ... Er wurde innerlich unruhig. Aber laut sagte er: »Ich freue mich ja so sehr, Bettina.« Und gleichzeitig flüsterte eine Stimme in ihm: Jetzt belügst du sie schamlos.

»Ich will nichts von der Stadt sehen, nirgends will ich hingehen; ich will nur immer bei dir bleiben, von früh bis abends. Darf ich, Thom?« – »Ja, du darfst.«

Die Droschke hielt, und er half ihr beim Aussteigen. Der Kutscher trug den Korb die engen Stiegen hinauf.

In der Tür stand bereits die alte Frau und knickste. Sie hielt ein schlecht riechendes Ollämpchen in der Hand, mit dem sie Bettina beleuchtete. Sie schien zufrieden, denn ihre welken Züge glänzten.

»Guten Tag, junges Fräuleinchen. Ich bin die Wirtin vom Herrn Doktor. Kommen Sie nur, und machen Sie sich's bequem!«

Aber Bettina folgte nicht sogleich, sondern blickte sich erst nach Thomas um, ob er auch käme.

Sie traten in das Zimmer, das allen Schmuck und alle Herrlichkeiten der alten Frau enthielt. Ein Glasschrank barg den verwelkten Myrtenkranz, den Silberkranz, bemalte Teller und Tassen, große Glasglocken, ein paar Krüge aus Zinn, eine mit Silber beschlagene Bibel und ähnliche Dinge mehr. Auf dem ledernen Sofa waren die Betten getürmt, und über dem Sofa hingen ein paar schlechte, alte Familienbilder.

»Das sind alles handfeste Linnen«, sagte die alte Frau, auf die Betten weisend, »die stammen noch von meiner Großmutter her. Solche Gewebe, Fräulein, gibt es heute nicht mehr; Sie können darnach im ganzen Lande suchen – viel werden Sie nicht finden!«

Bettina nickte, stellte den Geigenkasten auf den Tisch, zog den Mantel aus und sah sich im Zimmer um. –

»Ah, Sie meinen das Waschwasser!« Die Alte führte sie in eine Ecke, wo sich ein kleines, eisernes Gestell befand. Thomas war unbemerkt hinausgegangen.

Sie knöpfte sich ein wenig die Taille auf und wusch sich Hände und Gesicht. Dann nestelte sie rasch die Knöpfe wieder zu, ordnete vor einem kleinen Spiegel ihr wildes, schwarzes Haar und bat die Frau, sie zu Thomas zu führen.

Vor Thomas' Tür nahm sie die Hand der Alten, und in einem Gefühl von Dankbarkeit und Rührung küßte sie sie. Die Wirtin wich erschreckt einen Schritt zurück.

»Da bin ich, Thom.« Und ohne es auszusprechen, schien es in ihrem Blick zu liegen: Nun sieh mich gehörig an und sage, wie du mich findest.

Sie trug ein grünes Tuchkleid, dessen Rock und Taille mit einem schmalen Pelzstreifen besetzt waren.

Aber sie vergaß bald ihren eigenen Wunsch und betrachtete nur ihn. Und darin lag etwas von Anstrengung und Mühseligkeit. Jeden Zug schien sie ergründen zu wollen, und ihr Gesicht wurde für eine Spanne Zeit sehr ernst und sehr nachdenklich.

Dann ging sie im Zimmer auf und nieder, warf zuweilen einen flüchtigen Blick auf den gedeckten Tisch, die Bücher, den Schreibsekretär.

»Wenn ich dir klar machen könnte, wie eigentümlich es mir ist, hier auf und ab zu gehen. So ein merkwürdiges Gefühl ist es, das einen Menschen beschleicht, Thom, der nach langer Reise an seinem Ziele ist. Man ist gar nicht müde, obwohl man doch eigentlich allen Grund dazu hätte. Man ist so erregt, daß man die ganze Nacht aufbleiben möchte, um alles, was man auf dem Herzen hat, zu erzählen. Thom, man hat so viel zu erzählen, und man weiß nicht, wo man eigentlich beginnen soll.« –

»Ja, es ist so! So, wie du sagst, ist es!«

Er machte mit der Stirn eine Bewegung, und es schien ihr, als ob seine Augenbrauen zusammenkämen.

»Weißt du, Thom«, begann sie wieder und sah ihn von neuem an, »du bist gerade so geworden, wie ich es mir dachte. Und manches, was ich in deinen Briefen nicht verstand, verstehe ich jetzt.« Und langsam, mehr für sich: »Etwas ist in deinem Gesicht, was auch in deinen Briefen war.«

»Was ist es, Bettina?«

»Thom, du hast etwas Vergrämtes. Man sieht ... ich sehe, daß irgend etwas an dir frißt.«

Er stutzte aufhorchend. Alles, was sie sprach, klang so schlicht und einfach, so ernst und so bewegend. Er fühlte, daß er ihr gegenüber unsicher wurde. Er fühlte, daß sie noch mit der alten Treue in ihm zu lesen verstand, und daß es kein Verbergen vor ihr gab.

Sie setzten sich nebeneinander auf das Sofa.

Er errötete flüchtig. Hier an der nämlichen Stelle hatte auch sie gesessen, und es war anders, ganz anders gewesen!

Ihr entging nicht die Veränderung seiner Farbe – aber sie schwieg.

»Sieh einmal«, entgegnete er, und der alte, vertrauliche Zusammenhang hatte sich unversehens eingestellt, »wie du in mich schauen kannst. In den ganzen Jahren habe ich immer versucht, in mir sicher zu werden. Ich habe danach gerungen mit meinen besten Kräften, Bettina. Ich habe versucht – ich weiß nicht, ob du das verstehst –, in meine Widersprüche, in mein Streben irgendeine Einheit zu bringen, und das ist alles«, fügte er leise hinzu, »vergeblich gewesen. Ich bin älter geworden, aber ich bin gerade noch so unsicher und hilflos wie damals. Ach, was schwatze ich für dummes Zeug«, unterbrach er sich. »Ich schwätze dir von mir vor, und du bist hungrig. Komm, laß uns vergnügt sein!« »Ich bin weder müde noch hungrig«, antwortete sie gedrückt.

Er goß ein helles, dünnes Bier in die Gläser, und mit den harten, ungeschliffenen Wassergläsern stießen sie an. Es gab keinen Ton. Aber plötzlich ging die Tür auf, und die Wirtin brachte auf einem Tablett eine Flasche mit rotem Wein und edle Gläser.

Es kam so unerwartet und wirkte überraschend. Und wie sie wieder allein waren, und jetzt die Gläser hell erklangen, blitzte in Bettinas Augen etwas von der alten Schelmerei auf. Sie trank mit einem Zuge aus und sah ihn mit weit geöffneten Augen froh und lachend an. Ihr ganzes Wesen riß ihn für Momente hin, aber dazwischen dachte er immer nur an Regine und fragte sich, was wäre, wenn Bettina alles wüßte.

Sie fing unvermittelt laut zu lachen an, so daß er ganz verdutzt wurde.

»Was hast du denn?«

»Ach, es ist zu komisch! Du mußt es hören. Eines Tages kommt mein Vater nach Paris, um dort zu konzertieren. Ich hatte keine Ahnung. Er hatte depeschiert, ich soll in sein Hotel kommen. Ich frage nach ihm, und es wird mir gesagt, ich sollte warten. Ich warte eine Ewigkeit dicht vor seiner Türe. Endlich kommt eine verschleierte Dame heraus, und ich werde eingelassen. Und wie steht er vor mir?« Sie lachte von neuem. »Er hatte ein scharlachrotes Jackett an, von dem sich seine schwarzen, zerzausten Haare abhoben. Er stand vor dem Spiegel, und ohne sich nach mir umzukehren, befahl er: Warte einen Augenblick. Und was tat er? Er färbte sich vor dem Spiegel seinen Schnurrbart! Thom, ich mußte mich zusammennehmen, um nicht laut loszulachen. Er färbte sich mit der größten Sorgfalt seinen Schnurrbart, jedes einzelne Haar, möchte ich sagen. Dann kam er auf mich zu und wollte mich küssen. Aber da hättest du mich sehen sollen. ›Du willst mich doch nicht schwarz machen?‹ sagte ich ziemlich grob. Er sprach dann eine Viertelstunde nur von seinen Erfolgen. Endlich gab er mir eine Geige und befahl mir, ihm etwas vorzuspielen. Und nun hättest du sehen sollen, was geschah! Er wurde ganz blaß und sah mich verwundert an. Thom, du magst es glauben oder nicht, er war neidisch, daß ich etwas gelernt habe. Und dann klopfte es wieder, und wieder kam eine Dame. Er schickte mich schleunigst fort.«

»Wie spielte er denn?« fragte Thomas teilnahmslos und zerstreut.

Sie überhörte den Ton. »Wie ein fahrender Virtuose. Er hat sich verludert. Sehr elegant, wie die Franzosen sagen, aber es steckt nichts dahinter. Nach dem Konzert packte er mich am Handgelenk und fragte mich: ›Und was sagst du?‹ ›Zu genial‹ antwortete ich. Von dem Moment war es vollkommen aus zwischen uns. Und erst später merkte ich, was ich für eine Riesendummheit begangen hatte. Ich wollte aus Paris fort, um hier weiter zu studieren. Hätte ich ihm etwas vorgeschwindelt, er würde es am Ende zugegeben haben. Jetzt aber haßt er mich, du darfst es mir glauben. Nein, wie er aussah in seinem scharlachroten Jackett und seiner schwarzen Mähne! Und immer sah ich ihn mit neuen Damen. Einmal sagte er verächtlich zu mir: ›Daran kannst du es sehen, wie man mich feiert, du Grünschnabel.‹ Ich antwortete ganz frech: ›Daran kann man nichts weiter sehen, als daß es tolle Frauenzimmer gibt.‹ Er behauptete, ich sei temperamentlos«, und leiser, mit vibrierender Stimme fügte sie hinzu: »Oh, wenn er mich kennte!«

Ihre Augen funkelten. Sie sprang auf einmal auf und stellte sich vor Thomas hin. »Nämlich, ich habe sein Temperament, nur stärker und wahrhaftiger, aber ich habe noch etwas anderes«, setzte sie feierlich und voll stolzen Selbstgefühls hinzu: »Ich habe etwas in mir, was ich allein besitze, ich kann es nicht ausdrücken und nicht erklären. Ich fühle Beethoven, wie ich unsern Garten in allen seinen Knospen, Blättern, Blüten und Blumen fühle. Wenn ich fertig werde, spiele ich Beethoven, wie nur ich ihn spielen kann. Oh«, fuhr sie fort, »was habe ich gearbeitet! Was habe ich geweint Tag und Nacht! Was war ich verzweifelt!«

Es glitzerte und leuchtete in ihren Augen; sie war ganz Bewegung und Erregung; sie war wie ein in Glut getauchter Körper. Aber nach diesem kurzen Rauschgefühl brach sie plötzlich wie haltlos zusammen, und ein bitterer Zug grub sich in ihren linken Mundwinkel tief herab bis zu dem feinen Kinn.

»Das ist alles Unsinn. Ich werde das nie erreichen. Ich bleibe zeitlebens eine Stümperin. Ich kann nichts und werde nichts können. Ich quäle mich, und alles ist umsonst. Das, was ich will, kann ich nicht, ich kann es einfach nicht, hörst du?«

»Vielleicht willst du zuviel?«

Etwas Bitteres und Leidvolles trat in ihre Züge. Dann wechselte sie rasch den Ausdruck, und wieder lächelte sie unerforschlich und zugleich tief freudig.

»Immer, wenn ich glaubte, ich sei an der Grenze angelangt, ich könne nicht weiter trotz aller Arbeit und allem Fleiße – denn fleißig war ich, Thom – sagte ich mir: Was würdest du für Augen machen, wenn ich nur einigermaßen so spielen könnte, wie ich es mir vorstellte! Und so bist du's gewesen, der mir immer weiter geholfen hat!«

Er fuhr sich verlegen mit der Hand über die Stirn. Und ablenkend fragte er: »Bist du denn so ehrgeizig?«

»Für jemanden, der einen tiefen Begriff von der Kunst hat, ist nichts schlimmer als die Mittelmäßigkeit. In jedem andern Berufe, glaube ich, ist mittelmäßiges Können respektabel – in der Kunst ist es beinahe ein Verbrechen.«

Ihm kam das überreizt und überspannt vor. Wie kann nur solch ein fiebernder und treibender Wille in ihr arbeiten, dachte er bei sich und betrachtete sie von der Seite. Ihre Gestalt sah mager und dürftig aus, und ihre Formen waren eckig, unentwickelt und noch kindlich. Aus ihrem Gesicht sprach ein unaufhaltsames Ringen und eine gewaltige Überarbeitung; und doch glich es noch genau dem der Kleinen Bettina, nur daß in seine feinen Linien etwas Rastloses und gleichzeitig ein edler Ernst gekommen war. Er sagte sich, daß trotz ihres Ehrgeizes sich in ihr Gesicht nichts Gemeines und Gieriges, eher eine Art von Großzügigkeit hineingemeißelt hatte. Sie nahm plötzlich die Geige aus dem Kasten und löschte mit einer raschen Bewegung die Lampe aus.

»Warum machst du dunkel?«

»Laß mich«, bat sie leise. Und nach einer kleinen Weile begann sie zu spielen.

Da vergaß er alles. Er lauschte und hielt zuweilen den Atem an. Das war eine Leidenschaftlichkeit, die mit sich fortriß. Das war ein Durchsetzen der ganzen Persönlichkeit, das in diesem Spiele zu ihm drang. Immer spürte er sie, die Bettina heraus. Doch war es nicht das zarte, schmächtige Persönchen, mit den dünnen Armen, um dessen Körper die Kleider viel zu weit und lappig hingen – es war, als ob ein aus seinen dunklen Tiefen emporstrebender Geist alle Hüllen von sich geworfen hätte. Er fühlte, daß das, was sie ihm hier gab, ihr Urwesen war, und daß sie sich vielleicht nie wieder so nackt und unverhüllt zeigen würde wie in dieser Stunde, wo ihr Spiel die dunkle Mansarde in ein weißes, unerhörtes Licht tauchte. Er stand unter dem Eindruck und hörte, wie sein Herz pochte. Er empfand sie als ungebändigt und zügellos, und es kam ihm auf einmal vor, als ob seine kleine Bettina ein edler Vollbluthengst wäre, der sich mit seiner wilden Kraft von dem Wagen, an dem man ihn gespannt, gewaltsam losgerissen hatte und mit schnaubenden Nüstern, den weißen Schaum vor dem Gebiß, in wilder Freiheit dahinraste. Ja, sagte er leise zu sich, so ist es. Und er freute sich, daß er dieses Bild für sie gefunden hatte.

Sie hatte mitten im Spiel aufgehört, die Geige auf sein Bett gelegt, und sich an ihn schmiegend, vor Erregung zitternd, flüsterte sie: »Bist du zufrieden, Thom?«

Der Klang ihrer Stimme traf ihn bis ins Innerste, und er glaubte auch im Dunkel ihre Augen zu sehen, die, von ihrem eigenen Spiel erinnerungstrunken, auf ihn gerichtet waren. Und nicht nur das. Aus ihren Augen redete laut ein Gebet zu ihm. Er hörte es: Nimm mich und küß mich wie früher! Nimm mich und sag mir tausend gute Sachen! Mit all meiner Kunst bin ich elend ohne dich.

Da nahm er ihren Kopf und küßte sie auf die Stirn, keusch, beinahe priesterlich. Und dieser Kuß enträtselte ihr alles, machte sie aus tausend Wunden bluten.

Sie entwand sich ihm und verhüllte sich mit ihren durchsichtigen Händen die Augen. Und nun weinte sie in sich hinein, wie er niemals einen Menschen hatte weinen sehen.

Und alle Dunkelheiten und Finsternisse der Nacht legten sich auf sie beide.

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