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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XVIII.

Zu Hause humpelte die alte Frau ihm entgegen. »Herr Doktor«, sagte sie wichtig, »Herr Doktor ...« Sie hielt einen Moment inne und riß die kleinen Augen auf, in denen immer noch das Feuer der Neugier glitzerte. Dabei suchte sie in der Tasche und zog endlich ein zerknittertes Telegramm hervor. »Vor einer Stunde ist es gekommen!«

Was war das? Während er ihr das Telegramm aus den Händen nahm, durchdrang ihn ein rätselhaftes Empfinden. Es war ihm, als müßte es etwas Schreckliches enthalten, und er stierte die Frau wie geistesabwesend an. Dann schlich er an ihr vorbei in sein Zimmer.

Ich bin bereits so feige geworden, dachte er, daß ich nicht einmal den Mut habe, es zu öffnen.

Er zündete die Lampe an. Auf dem Tisch lag noch ein Brief. Die Handschrift kam ihm bekannt vor. Aha, es waren die Schriftzüge der Maria Werft.

Was wollte sie denn noch? fragte er sich ungeduldig. Und mit einer hastigen Bewegung riß er das Kuvert auf. Er las:

»Gnädiger Herr!
Ich liege auf den Knien und danke Ihnen in Christi Namen. Am liebsten möchte ich all die wunderbaren Dinge aufheben und sie immer und immer wieder betrachten und zu mir sagen: das hat mir alles mein gnädiger Herr geschenkt! Es ist viel zu schade für mich; und das viele Geld! Sie hätten sehen sollen, gnädiger Herr, was die Wirtsleute für Augen gemacht haben. Ich bin jetzt wie eine Prinzessin. Nein, ich bin nicht wie eine Prinzessin, ich bin demütig in Christo. Gnädiger Herr, alles kam so, weil ich so innig glaube. Es küßt Ihnen die Hände
Maria Werft.«

Das ist ja entsetzlich, murmelte er vor sich hin, die wunderlichsten Widersprüche bewegten ihn. Das ist rührend und kindisch zugleich. Und woher weiß sie, daß ich es bin?

Er erinnerte sich, daß er beim Absenden des Geldes mit ganz undeutlichen Buchstaben einen nicht zu entziffernden Namen aufgegeben hatte.

Diese Seele klammert sich an mich, dachte er weiter, und er hatte die üble Vorstellung, die jemand erfaßt, der einem siechen, kranken Menschen aus Langerweile ein Almosen hingeworfen hat und nun von dessen redseligem Dank gepeinigt wird. Man will seine Almosen gedankenlos hinwerfen, aber man will mit so einem Bettler nichts weiter zu tun haben. Man gibt ja gar nichts aus einem inneren Drange heraus; man gibt aus Bequemlichkeit, Selbstberäucherung, Hochmut und Furcht! Wer gibt, wie Christus gab?

Er trat an das Fenster und blickte in das Dunkel. Er schämte sich seines Unmuts gegen das dürftige, arme Mädchen, das elend in schmutzigen Kissen lag und für einen flüchtigen Augenblick in seinem Glauben einen Prinzessinnenrausch gehabt hatte.

Aber warum läßt sie mich auch nicht in Frieden? sagte er zur eigenen Entschuldigung. Warum heftet sich dies Weibsbild an meine Fersen? Warum? ... Warum suche ich nach innen und außen Befreiung? Tue ich nicht genau das gleiche? Ist nicht diese Anschauung einfach lächerlich und anmaßend?

Wieder fiel ihm das Telegramm ein, das er gewaltsam zu vergessen gesucht hatte. Er nahm es in die Hand, als ob er es seinem Gewichte nach wägen wollte.

Was bin ich für ein Kindskopf ... ich war doch früher nicht so. Ich war früher beherzt, aufrichtig und mutig ... und jetzt – was ist aus mir geworden!

Er warf den Kopf ein wenig zurück und öffnete die Depesche.

»Komme zehneinhalb Uhr Bahnhof Friedrichstraße an Bettina.«

Also das war es, sagte er ganz leise vor sich hin, und seine Gesichtsfarbe bekam einen fahlen Ton, und es war ihm, als ob kein bittereres Ungemach ihm widerfahren konnte als ihre Ankunft jetzt und zu dieser Stunde.

Er hatte alle Erinnerungen an sie begraben. Es war ihm zu Zeiten gelungen, sie aus seinem Gedächtnis zu streichen; denn der Gedanke an die kleine Bettina und die Tage der Jugend hatte etwas Mahnendes gehabt an übernommene Verpflichtungen, an Wünsche von ehedem und an tausenderlei damit verknüpfte Dinge. Mit alldem war er fertig geworden. Eine ganz andere Sehnsucht erfüllte ihn, und den Zusammenhang zwischen der Kindheit und dem Heute glaubte er niedergerissen zu haben.

Und nun kam sie! Weshalb kam sie jetzt? Mitten in sein neues Glück, in seinen Rausch gleichsam hineingeschneit? Gab es da eine geheime innere Verbindung? War das einer der feinen Fäden, die das Schicksal bisweilen zu spinnen pflegt, um daraus ein unsichtbares Netz zu knüpfen? Und sollte er darin gefangen werden? Oder sollte ihm ein Strick gedreht werden, um ihn elend zu würgen? ...

Mensch, das sind ja alles Einbildungen, krankhafte Fluchtideen! fuhr er ich selbst an. Aber dann fiel sein Blick zufällig in den Spiegel – und da erschrak er. Seine Augen waren geschwollen und seine Züge entstellt. Das ist ganz gleichgültig, flüsterte er sich zu, merkwürdig bleibt die Geschichte in jedem Fall. In dem Exempel ist ein Rest, mit dem ich nicht fertig werde.

Er schloß plötzlich den alten Sekretär auf und entnahm einer Schublade zwei noch geschlossene Briefe von Bettina. Er hatte sie nicht geöffnet, weil es ihm in seiner Verfassung schmerzhaft gewesen war, in ihnen zu lesen. Und ohne die Hülle zu lösen, tat er sie wieder an ihren alten Platz.

Wie seltsam und verschlungen war alles! Hier in seiner Mansarde, hier inmitten des brausenden Lebensstromes pochte unvermutet mit kaum hörbaren zarten Fingern die Kindheit an seine Türe. Wieviel Jahre waren vergangen, daß sie sich nicht mehr gesehen hatten! Mußten sie sich nicht als zwei fremde, neue Menschen gegenübertreten? Er suchte sie sich zurückzudenken in ihren schwarzen Zigeunerlocken, dem blassen Gesicht und dem dunklen Trauerkleide, so, wie er sie das erstemal gesehen. Und dann in dem lichten weißen Gewande, wie sie leichtfüßig mit ihm durch den Garten gejagt war, ihre kleinen Hände an sein klopfendes Herz gelegt und demütig sich an ihn gehängt hatte. Das Stück Wiesenland im Garten, der Weiher, die Christblumen und Anemonen, ihr Haus mit der Vorhalle aus steinernen Fliesen, die Tamara, die dunkle Bodenkammer mit den zerbrochenen Figuren und dem Skelett, das auf ihre Phantasie so grausam gewirkt – alles tauchte in greller Deutlichkeit unvermittelt dicht nebeneinander auf, und unzählige Einzelheiten, an die er Jahre hindurch nicht gedacht hatte, stellten sich ein.

Ein bitteres Gefühl über sich selbst durchdrang ihn. Wie bin ich schlecht und hart geworden, dachte er. So schmiedet man sich selbst zurecht. So hämmert einen das Leben!

War sie nicht seine arme, kleine Bettina, die in die Einsamkeit und den Kampf hinausgestoßen war? Und verbanden ihn nicht brüderliche Empfindungen, die nichts und niemand auflösen konnte?

»Ah, es ist gut, daß Sie kommen«, sagte er zu der alten Frau, die ihren Kopf in die Türe steckte – sie sah ihn fragend und neugierig an – »nämlich«, fuhr er fort, »ich bekomme Besuch, noch heute abend. Eine Kusine von mir, die aus Paris ...«

Die Alte lächelte verschmitzt.

Er hielt ganz verblüfft inne. »Sie sind wohl verrückt geworden?« und in kaltem und gelassenem Tone: »Was denken Sie denn von mir? Soll ich Ihnen sagen, was Sie denken?« setzte er gereizt hinzu. »Sie denken: erst hat dieser Herr eine vornehme Dame bei sich zum Abendbrot gehabt, und jetzt kommt er gar mit einer Pariser Bekanntschaft, die er für seine Kusine ausgibt! Haben Sie das gedacht oder nicht?« fragte er grob.

Die Alte wand sich vor Verlegenheit. »Um Gottes willen, wo werd ich denn«, antwortete sie entsetzt. »In meinem Alter denkt man überhaupt nicht mehr«, fügte sie gleichsam entschuldigend hinzu. Und etwas bissig bemerkte sie nach einer kleinen Weile: »Leute von meinem Stand haben gar nicht das Recht zu denken, Herr Doktor!«

»So? Haben sie nicht? Das ist mir ganz neu! Übrigens, was soll denn der Ton, den Sie mir gegenüber anschlagen? Denn Sie schlagen mir gegenüber einen Ton an, den ich bisher von Ihnen noch nicht gehört habe.« Und mit erhobener Stimme: »Ich verlange, daß man mir mit der nämlichen Achtung entgegenkommt, die ich selbst ...«

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Was ist denn mit Ihnen los, Herr Doktor?« stammelte sie und strich sich eine der silbernen Haarsträhnen zurück, die ihr in der Aufregung wirr über die Stirn gefallen war.

»Was mit mir los ist?« – er witterte bereits in jedem Wort einen Angriff – »Sie halten mich wohl für verrückt? Sie können es geradeheraus sagen. Es ist mir sogar lieb, wenn Sie aufrichtig sind. Ja, es liegt mir daran, jetzt Ihre Meinung über mich zu wissen. Ich fordere Sie in allem Ernste auf, mir Ihre Meinung zu sagen.«

Er ließ sie nicht aus den Augen, und die Frau krümmte sich unter seinen Blicken, die sie bannten.

»Meine Meinung über Sie? ... Meine Meinung? ... was liegt an meiner Meinung? ... Sie wollen meine Meinung wissen?« wiederholte sie noch einmal ... »na, gut ... ich brauche sie nicht zu verbergen ... meinem Schöpfer habe ich gedankt, daß ich einen so anständigen Mieter wie Sie gekriegt. Alles war gut und schön, bis« – sie machte eine kleine Pause – »bis«, nahm sie dann langsam das Wort wieder auf, »diese Dame zu Ihnen kam. Seit der Zeit, Herr Doktor, ist es mit Ihnen anders geworden. Wenn Sie es durchaus wissen wollen ... das ist meine Meinung. Der Herrgott helfe mir ... aber das ist meine Meinung!«

Er sah die Alte lange und traurig an. »Es ist gut, daß Sie mir das gesagt haben. Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen aufrichtig.« Er nahm ihre runzelige Hand und hielt sie einen Moment. »Es ist nämlich vollkommen richtig«, setzte er ruhig hinzu, als fühle er sich zu dieser Erklärung verpflichtet. »Es ist vollkommen richtig, ich bin ein anderer geworden. Und auch mit dem Datum haben Sie recht. Ich habe gar keinen Grund, Ihnen etwas vorzuflunkern; ich habe gar keinen Grund, Ihnen das mitzuteilen; indessen, ich will es Ihnen mitteilen. Nicht weil ich mich bei Ihnen entschuldigen möchte – man kann nicht eine Grobheit begehen und sich dann einfach entschuldigen –, sondern weil ich eben Lust verspüre, es Ihnen mitzuteilen. Verstehen Sie mich? Es ist nämlich nicht ganz leicht, mich zu verstehen. Dahinter liegt eine ganze Reihe von Begebenheiten«, fügte er mehr für sich hinzu.

Die Alte nickte stumpfsinnig. »Das liegt im Blute«, meinte sie. »So was liegt im Blute.«

»Ich danke Ihnen«, antwortete er feierlich.

Aber in dem Augenblicke wirbelten hundert Vorstellungen in ihm durcheinander, und eine Unzahl von Fragen kreuzten sich in ihm. Weshalb bin ich in dieser Stunde wie ich bin? forschte er. Weshalb komme ich aus dem Gleichgewicht? Warum verliere ich meine Ruhe und fliehe vor mir selbst? Weshalb bin ich von Ängsten verfolgt, und aus welchem Grunde werde ich plötzlich zeremoniell? Kann ich mich erkennen oder kann ich mich nicht erkennen? Und er erinnerte sich auf einmal daran, daß jemand zu ihm gesagt hatte, daß die Forderung »Erkenne dich selbst« den größten Unsinn in sich schließe. Mit seinem Kopfe kann man sich nicht erkennen. Das ist im Endresultat nichts anderes als die Geschichte von der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.

»Wollen der Herr Doktor noch etwas?« fragte die Alte.

Er erwachte aus seinen Grübeleien. »Das Fräulein«, nahm er unvermittelt die Unterhaltung wieder auf, »kommt heute um halb elf Uhr an. Ich wollte wissen, ob Sie einen Raum haben, wo sie schlafen könnte?«

»Gewiß ... gewiß hab ich das. Ich habe doch meine gute Stube mit dem Ledersofa. Wenn das Fräulein auf dem Ledersofa schlafen wollte ... einen Stand Betten hab ich auch und frisches Überzeug, und reine Wäsche kratze ich auch noch zusammen. Sie müssen nämlich wissen, daß ich das alles verpackt habe seit dem Tode meines seligen Mannes. Was sollte ich auch mit all den Betten, lieber Herr! So was wird einem nachher zur Last.«

Sie wurde immer redseliger.

Er dämmte ihren Wortstrom mit einem »Schon gut« zurück. »Also kann das Fräulein hier wohnen. Sie heißt Bettina«, setzte er mit einem stillen Lächeln hinzu.

Die Alte wurde jetzt ganz aufgeregt. »Ich muß mir sputen!« Sie entfernte sich rasch.

Er blickte auf seine Uhr. Es war halb neun. Er schüttelte sich vor Frost. Ihn fror, obwohl man bereits im April stand. Es war allerdings ein unheimlicher Winter gewesen, der kein Ende hatte nehmen wollen. Und erst ganz schüchtern, zaghaft und vorsichtig hatte sich in den letzten Tagen etwas Frühlingswärme hervorgewagt. Er war todmüde. Und so erschöpft und matt kam er sich vor! Die Augen fielen ihm fast zu vor Schläfrigkeit. Noch einmal zog er die Uhr und blickte mechanisch auf das Zifferblatt. Wie merkwürdig so ein Zifferblatt aussieht! ... Und wie merkwürdig ist so eine Uhr mit ihrem Räderwerk, ihrem weißen Zifferblatt und ihrem unheimlichen Tick-Tack. Man trug eine Maschinerie bei sich, die die unendliche Zeit endlich machte, endlich für den flüchtigen Tag und die flüchtige Nacht. Wie närrisch war das eigentlich, wie sonderbar, wie unheimlich! Stunden, Minuten und Sekunden gaben sie an. Die Zeit wird eingeteilt in Stunden, Minuten, Sekunden, wiederholte er sich. Es war zu lächerlich und komisch. Und eine Spirale hatte solch ein Ding und ineinander geschlungene Räder, alles höchst einfach und doch höchst kompliziert und geheimnisvoll! Hm ... Ich kann also laut diesem Zifferblatt noch reichliche anderthalb Stunden schlafen.

Er löschte die Lampe aus, warf sich auf das Bett und zog seinen Paletot über sich. Anderthalb Stunden, flüsterte er mehrere Male vor sich hin und schlief sofort ein. Er träumte wirres und krauses Zeug. Aber zuletzt sah er eigenartige Gestalten in seltsamem Reigen tanzen. Es sah schnurrig und teuflisch aus. Die Männer machten Clownsprünge, und die Frauen, die Kränze in den Haaren hatten, verwegene Trachten trugen, wandten und drehten sich so schnell, wirbelten so unaufhaltsam, kreisten so ungestüm, daß ihm schwindelig wurde. Es war ein jähes Durcheinander, in das er keinen Sinn und Verstand bringen konnte; aber die Mienen der tanzenden Männer und Frauen waren boshaft und abscheulich. Auch glaubte er ein verächtliches Gekicher zu vernehmen, das ihm schadenfroh und bösartig in den Ohren klang.

So, jetzt werden wir fliegen, rief eine Stimme, und dann flogen sie alle in die Höhe. Die Männer hatten glänzende, silberne Pickelhauben auf dem Kopfe, und die Weiber waren wie Walküren gegürtet. »Wir fliegen, wir fliegen«, so summte es beständig um ihn, und dazwischen immer dieses niederträchtige und gemeine Lachen, das ihm wehe tat.

Es war Schlag zehn Uhr, als er erwachte. Langsam und schwerfällig mußte er sich auf alles besinnen. Die Wirklichkeit kam ihm zuerst wie ein Traum und der Traum wie die Wirklichkeit vor. Erst als er Licht angezündet hatte und die Depesche auf dem Tische liegen sah, stellte sich das klare Bewußtsein bei ihm ein.

Er zog sich hastig an und stürmte die Treppen hinunter.

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