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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XVI.

»Guten Tag«, sagte eine helle Mädchenstimme, und lachend fügte sie hinzu: »Sie sehen ja aus, wie ein Nachtwandler.«

Das Mädchen stellte sich unter eine elektrische Bogenlampe dicht vor den Angeredeten und sperrte ihm den Weg.

Der zog die Arme, die er bisher verschränkt über den Rücken gehalten hatte, hervor und grüßte ein wenig linkisch und hochmütig. Er legte nur flüchtig die Hand an den Hut.

»So sagt man doch nicht guten Tag«, brummte er etwas ärgerlich und aus der Fassung gebracht.

Die Studentin Charlotte Ingolf errötete. »Sie entschuldigen«, sagte sie kurz.

»Gewiß«, erwiderte Mechaniker Fründel.

Sie schritten nebeneinander.

Die Ingolf lachte. »Ich werde mir durch Sie Eisbär nicht die Laune verderben lassen!«

»Will ich das?«

»Warum sind Sie denn so grob?«

»Ich bin niemals grob. Sie haben mich mitten in einer Sache gestört, und das war mir unangenehm.«

Er holte eine Zigarre hervor, und sie bemerkte, daß er vergeblich nach Streichhölzern in seinen Taschen suchte.

»Bitte« – sie reichte ihm ein kleines, silbernes Etui hin.

Er betrachtete es spöttisch, blieb stehen, ohne sich um sie zu kümmern, und zündete sich seine Zigarre an.

»Ich müßte mich eigentlich bei Ihnen entschuldigen, daß das Ding aus Silber ist.« Sie zeigte ihre weißen Zähne.

»Bei mir?« Er zog die Achseln empor.

»Was macht die Josefa Gerving?«

Der Mechaniker gab auf diese Frage keine Antwort. Er beschäftigte sich offenbar wieder mit sich und nahm keine Notiz von ihr.

»Sie amüsieren mich königlich!«

»Na, sehen Sie!«

»In der Tanzstunde waren Sie wohl niemals?«

Er verzog seinen Mund. »Ich pfeife lieber, als daß ich tanze.« »Ich merke es.«

»Übrigens, es ist der reinste Unsinn«, sagte er, »daß ihr Weibsleute Höflichkeiten von uns verlangt! Weshalb denn eigentlich? Erst mault ihr von der Gleichberechtigung der Geschlechter – macht man dann Ernst, dann wollt ihr wie die rohen Eier angefaßt werden! Übrigens«, unterbrach er sich, »diese ganze Frauenbewegung ist ein ekelhafter Schwindel! Ein paar Weiber sind rabiat geworden und faseln von gleichen Rechten. Sind denn die Hirne gleich? Aber«, fuhr er bissig fort, »da sitzt eben der Hase im Pfeffer. Die Handwerkskniffe – alles Äußerliche kapiert ihr wie die Affen, mit einer Fixigkeit, daß man sagen kann, Geschwindigkeit ist keine Hexerei! Aber das andere! Der Geist, wo bleibt der Geist? Mit allem Gezeter und Geschrei seid ihr erbärmliche, kleine Weibchen geblieben, verstehen Sie mich, erbärmliche, kleine Weibchen, die das Hirn des Mannes austragen möchten! Ich bin gegen die Frauen-Emanzipation. Kennen Sie Proudhon? Lesen Sie ihn. Man muß ihn lesen, hören Sie! Er ist ebenfalls gegen diesen Schwindel – übrigens noch aus anderen Gründen! Er meint, das Weibsgeschlecht wird dadurch ausschweifend und lasterhaft – ich dagegen glaube, es wird untauglich und verkümmert für die Mutterschaft. Es vergißt sich selbst.«

Die Ingolf fühlte, daß ihr Selbstbewußtsein neben diesem durch nichts zu bewegenden Klotz von Menschen zu schwinden drohte. Sie wehrte sich dagegen. Sie war gereizt durch seine brüske Überlegenheit. Sie wollte ihm einfach den Rücken kehren, ihm mit gleicher Münze dienen und ohne Gruß davonlaufen. Aber etwas Unbestimmtes bannte sie. Sie bildete sich ein, daß der Bursche sie psychologisch interessiere.

»Thomas Truck ist ein feiner Kopf«, bemerkte sie unvermittelt.

»Finden Sie?«

»Allerdings. Und Sie sind anderer Ansicht?«

»Ich kenne ihn noch nicht genügend. Nur kommt es mir vor, als ob er etwas schwärmte.«

»Sie sind gegen Schwärmer?«

Der Mechaniker rückte sich den Hut etwas zurecht.

»Mit solchen Fragen fängt man Bauern!«

Die Ingolf zog die Stirne empor. »Wofür halten Sie mich?« fragte sie erbittert. »Zunächst für eine Studentin der Medizin.«

»Und dann?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Sie denken doch nicht etwa gar –?« Sie hielt inne.

»Nein, ich denke das nicht. Es könnte doch aber sein. Ich stecke ja nicht in Ihnen. Es laufen jetzt so viele Frauenzimmer herum«, fuhr er langsam und unbeirrt fort, »die unter allerhand Masken spionieren und die dunklen Geschäfte der Polizei verrichten. Sie haben doch gehört von solchen Agenten und Agentinnen unserer Sicherheitsbehörde? Sie können es doch einem nicht übel nehmen, wenn er vorsichtig ist. Nein, das können Sie nicht!«

Die Ingolf war grau wie Kalk geworden. »Das ist eine gemeine Zumutung«, stammelte sie. »So etwas kann man nur einem wehrlosen Frauenzimmer sagen!« Eine kleine Weile atmete sie heftig. »Wissen Sie, was ich glaube? Toll sind Sie, einfach toll.« Und bissig fügte sie hinzu: »Haben Sie vielleicht einmal einen Schädelbruch gehabt? Oder sind Sie einmal geisteskrank gewesen? Oder stammen Sie vielleicht aus einer Familie, in der sich Geisteskranke befinden? Mit einem Wort: Leiden Sie an Verfolgungswahn?«

»Sie stellen wenigstens die Fragen klipp und klar«, entgegnete er ohne jede Gereiztheit. »Also: Schädelbruch ausgeschlossen. Geisteskrankheit ebenfalls. Erbliche Belastung zweifelhaft. Verrückte gibt es in jeder Familie. Es ist schnuppe, ob sie interniert sind, oder nicht. Wieviel auf mich gekommen ist, bleibt dahingestellt. Ich halte mich für absolut – für absolut gesund.«

»Man müßte Sie einmal untersuchen«, erwiderte sie ernsthaft, aber um ihre Lippen zuckte es wie in verhaltenem Lachen.

»Sie sind Adeptin der Medizin?«

»Stimmt. Und Sie sitzen am Schraubstock?«

»Stimmt ebenfalls, wenigstens was den Tag anbelangt. Und bei Nacht suche ich meine Vernunft zu erweitern.«

»Das ist sehr löblich, aber Sie müssen fleißig weiter arbeiten. Vernunft erweitern ist eine schwierige Sache. Man gerät da leicht auf Holzwege. Man sieht doppelt, oder man sieht statt rot blau oder schwarz.«

»Hm«, machte der Mechaniker. »Auf den Kopf gefallen sind Sie auch nicht!« »Gott behüte mich davor! Nach so einem kleinen Schädelbruch wird man schwachsinnig.«

»Man verliert nur seinen Verstand«, bemerkte er trocken, »wenn man vorher welchen gehabt hat.«

»Aber es kommt auf die Nuancen an.«

»Das stimmt!«

Sie waren vor ihrer Wohnung in der Dorotheenstraße angelangt.

»Wollen Sie bei mir eine Tasse Tee trinken?«

»Ist der gut?«

»Ich hoffe.«

»Dann nehme ich an.«

Sie wohnte vorn in der zweiten Etage, in einem Zimmer mit Extraeingang.

Es war groß, geräumig und elegant eingerichtet; ein japanischer Wandschirm verbarg ihr Bett. Die Möbel waren aus schwerer Eiche, und ein wirklich bequemes und prachtvolles Sofa lud zum Sitzen ein. Die Lampe brannte bereits, als sie eintraten.

Des Mechanikers erster Blick fiel auf die eichenen offenen Schränke, die mit Büchern vollgestopft waren. Auf dem Schreibtische, der eine breite, außergewöhnlich große Platte hatte, lagen verschiedene Bände der Königlichen Bibliothek.

Der Mechaniker schlug einen Band auf. Es war Häckels Schöpfungsgeschichte.

Er blickte sich voll Neid um. Die Bücher hypnotisierten ihn.

»Jeder Student kriegt von der Königlichen Bibliothek Bücher geliehen?« fragte er.

»Das hat mit dem Studieren nichts zu tun. Jeder Mensch kriegt sie.«

»Ich auch?«

»Sie auch, wenn Sie einen Bürgen haben.«

»Bürgen ...« er lachte höhnisch. »Ich habe keine Bürgen.«

»Sie könnten die Bücher durch mich bekommen«, sagte die Ingolf, ohne ihn anzusehen. »Man hat das Recht, mehrere Bände jeden Tag zu erheben.«

»Sie wollten?«

»Gewiß. Es ist zwar verboten, sie weiter zu verleihen, aber ich würde mich in diesem Falle nicht daran kehren.« »Hm«, meinte er. »Ich würde das unbedingt annehmen.«

Er setzte sich auf das Sofa, ohne irgendwelche Géne.

Aber eine gewisse Erregung kam über ihn. Die Möglichkeit, alle Bücher zu erhalten, die er brauchte, erfüllte ihn rauschartig.

Die Ingolf drückte auf einen Knopf.

Ein Stubenmädchen mit einer weißen Schürze trat ein.

»Bitte, besorgen Sie uns etwas Abendbrot mit Tee«, bat sie gelassen. »Der Tee muß gut und stark sein, besser als sonst.«

Sie blickte schelmisch zu ihm hinüber. Er rührte sich nicht. Er dachte nur an die Bücher.

Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, trat er dicht vor sie hin, so daß sie einen gelinden Schreck bekam.

»Das mit den Büchern fasse ich als ein festes Versprechen auf, das Sie mir nicht mehr brechen dürfen!«

Sie reichte ihm die Hand, in die er geradezu feierlich einschlug.

Dann fing sie plötzlich unaufgefordert von sich zu erzählen an, vergnügt und lustig, und obwohl er ihr gerade keine auffällige Teilnahme entgegenzubringen schien, ließ sie sich in ihrem Plaudern doch nicht stören. Und dabei sah sie ihn mit guten, zuweilen aufleuchtenden Augen an.

Aus dem Holsteinischen stammte sie. Sie waren zugezogene Leute, merkwürdigerweise aus dem Elsaß ins Holsteinische verschlagen. Ihr Vater war Fabrikant gewesen und hatte ein kleines Vermögen hinterlassen, das den einzelnen Kindern eine gewisse Selbständigkeit ermöglichte. »Aber Philister sind sie durch und durch, und wenn die jetzt wüßten, daß ich einen solchen Herrn wie Sie zu Gaste habe! Einen solchen Herrn!« wiederholte sie mit einem Anflug leiser Koketterie. »Die Augen würden sie aufreißen, starr würden sie vor Schrecken werden!«

Er, in einem trockenen und gleichgültigen Ton: »Mein Vater ließ sich zum Krüppel schießen; meine Mutter stand zeitlebens am Waschtrog. Die Hände hätten Sie sehen sollen, diese breiten, roten, großen Hände, die beständig nach grüner Seife rochen – und die Geschwister ... na, eins starb immer nach dem anderen. Die Frau wusch eigentlich nur für den Totengräber – und die Hebamme. Erbaulich, was? – Mir ist's hier ein bißchen zu warm!«

Er stand auf und riß, ohne zu fragen, die Fenster auf. Die Ingolf verfolgte erregt jede seiner Bewegungen. Sie fühlte deutlich, daß dieser Mensch auf sie einwirkte.

Das Stubenmädchen trat ein und deckte sorgfältig den Tisch. Sie stellte eine Schüssel mit Aufschnitt, Butter, Brot und japanisches Teegeschirr auf den Tisch. Messer und Gabeln waren aus Britannia, die Teller aus edlem Porzellan, und alles sah wohlig und sauber aus. Die Studentin goß den Tee ein, der Mechaniker schloß die Fenster und setzte sich wieder auf das Sofa.

Er aß vor sich hingrübelnd, sie scheinbar völlig wieder vergessend. Sie merkte, daß er weder Manieren noch Lebensart hatte, wie ein Raubtier die Bissen verschlang und mit einer Schnelligkeit das Brot hinunterwürgte, die etwas Groteskes und Abstoßendes hatte.

Dennoch nahm sie an diesen Äußerlichkeiten keinen Anstoß – und darüber wunderte sie sich selbst im stillen. Sein Gesicht zog sie an, weil es ihr zu raten aufgab. Niemals hatte sie einen Menschen mit solcher Hingebung sich mit sich selbst beschäftigen sehen. Wenn er angestrengt nachdachte, oder in Eifer geriet, so grub sich zwischen den Augenbrauen eine so tiefe Falte, daß seine Miene einen Ausdruck vergrämten, fanatischen Insichgekehrtseins bekam. Sie betrachtete ihn gespannt und erschrak vor seiner Selbstsicherheit ... Sie beobachtete ihn unverhüllt und, wie es ihr selbst vorkam, mit einer unverschämten Dreistigkeit.

Und alles das berührte diesen Menschen nicht im geringsten. Er aß weiter, ohne sich stören zu lassen.

»So!« Er wischte sich mit der geballten Hand den Mund ab und legte Messer und Gabel beiseite.

Sie war nicht imstande, ein unterdrücktes Lachen völlig hinunterzuschlucken.

Er merkte es sofort. »Na«, sagte er, auf die Serviette deutend, »auf das bißchen Kultur brauchen Sie sich weiter nichts einzubilden.« Er war aber auch nicht einen Deut peinlich berührt.

Sie dagegen blickte doch ein wenig verlegen beiseite.

Er ging ungeniert an ihren Schreibtisch und stöberte unter den Büchern. Er schlug ein kleines Büchlein auf. Es war Taines Philosophie de l'art.

»Sie lesen das französisch?«

»Ja.«

»Sie beherrschen die Sprache vollständig?«

»Ich glaube.«

»Können Sie auch Englisch?«

»Ich bilde es mir ein.«

»Sie sprechen und lesen es ebenfalls vollkommen?«

»So wie das Französische.«

Ein unverhüllter Neid trat auf seine Züge, in denen es wieder zu arbeiten begann. Er hatte eine Bemerkung auf der Zunge, aber er unterdrückte sie.

Er ging mehrere Male in dem Zimmer auf und nieder, als wenn er der Herr darin wäre, und stellte sich dann dicht vor sie hin.

»Ist es schwierig, Sprachen zu erlernen?«

»Nein«, entgegnete sie, »denn jeder Kellner kapiert sie. Man braucht nur viel Zeit, wenn man es nicht richtig anfängt.«

»Hm. Haben Sie Talent zum Unterrichten?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, ob Sie sich zutrauen, einen gescheiten Unterricht in diesen Sprachen zu erteilen, bei dem man schnell vorwärts käme?«

Sie antwortete langsam: »Ich habe noch nie daran gedacht, Sprachlehrerin zu werden; dennoch traue ich mir zu, einen leidlich intelligenten Menschen ins Französische und Englische einzuführen.«

Er sah sie mit festgeschlossenen Lippen kühl und durchdringend an. »Wollen Sie mich unterrichten? Ein Honorar würde ich Ihnen nicht zahlen«, setzte er hinzu, »Sie müßten es rein aus Interesse an meiner Person tun.«

Sie war doch etwas verblüfft.

»Aus Interesse an Ihrer Person?«

»Nun ja, ein gewisses Interesse nehmen Sie doch an mir«, entgegnete er fest und bestimmt, als ob dagegen kein Widerspruch möglich wäre. Übrigens, wenn Sie nicht wollen, ich bitte niemanden.«

Sie warf den Kopf in die Höhe und sagte: »Ich will.« Und tief aufatmend fügte sie hinzu: »Ich habe keine Furcht vor Ihnen.«

»Sie haben unter Ihrer schweren Kindheit gelitten«, fragte sie nach einer Weile, und aus ihrer Stimme klang Mitleid.

Er lachte kurz auf. »Ich leide an solchen Dingen nicht. Ich habe sie nicht nur an mir, sondern an tausend anderen beobachtet. Sie stählen mich nur; sie haben ganz im Gegenteil den festen Grund für meine Auffassung von Menschen und Verhältnissen gelegt. Insofern bin ich ihnen dankbar.«

Die Ingolf brach das Thema ab, und sprunghaft, ohne Übergang, bemerkte sie: »Sie sagten vorhin, Thomas Truck sei ein Schwärmer. Könnten Sie mir das näher begründen? Ich habe für diesen Menschen ein lebhaftes Interesse. Seine ganze Art hat etwas tief Bewegendes.«

»Schwärmer« warf er hin, »leiden an einer bestimmten Krankheit. Sie wollen erlösen. Sie gehen am Erlöserwahnsinn zugrunde. Sie werden ans Kreuz geschlagen – oder sie schlagen sich selbst ans Kreuz. In der Sache läuft das auf eins hinaus.«

»Sie halten den Erlösergedanken für etwas Pathologisches?«

»In bezug auf die Allgemeinheit – ja. In bezug auf den einzelnen – nein.«

»Wie meinen Sie das?« brachte sie kleinlaut und bedrückt hervor.

In seinen schmalen und geschlitzten Augen funkelte es auf. »Der einzelne bin ich selbst, nur ich kann mich erlösen.«

»Aha«, rief sie, »Sie stehen auf einem ähnlichen Standpunkt wie der Volksschullehrer Heinsius?«

»Es ist eine Ähnlichkeit vorhanden«, bestätigte er. »Indessen«, setzte er in eigentümlichem Tone hinzu, »ich glaube, daß ich über ihn hinausgehe.«

»Alle Ihre Propheten«, rief sie erregt, »sollte man an den Laternenpfählen aufhängen, und ihre Lehren sollte man wo sie gedruckt sind, einstampfen, daß nicht ein Buchstabe übrig bleibt!«

Die Züge des Mechanikers wurden fanatisch. »Unsere Lehre«, antwortete er, und die Ingolf spürte, daß er sich jetzt an seinen eigenen Worten berauschte, »ist wie jene wunderbare Schlange, der tausend neue Köpfe wachsen, wenn man ihr einen abschlägt.«

»Und welches wird das Ende des Thomas Truck sein?« fragte sie.

»Ich prophezeie nicht. Haben Sie aber einmal seinen Hals gesehen?«

»Ja«, erwiderte sie, »er hat einen schlanken, edlen Hals.«

»Er hat den Hals des Egmont«, sagte der Mechaniker. »Sie erinnern sich der Stelle bei Goethe?«

»Ich erinnere mich.« Ihr Gesicht war erregt und bleich geworden. »Sie lesen Goethe?«

»Ich habe ihn ehedem gelesen.«

»Und das, glauben Sie, ist das Schicksal des Thomas Truck?«

»Ja.«

»Nein, ich glaube es nicht!« Sie glühte am ganzen Körper.

»Das ist es nicht, das wird es nicht sein!«

Mechaniker Fründel zog seinen Mantel an und nahm den Hut in die Hand. Er lächelte boshaft und niederträchtig.

»Ich will Ihnen für das gespendete Abendbrot, die versprochenen Bücher, den in Aussicht gestellten Unterricht eine kleine Weisheit schenken. Spitzen Sie die Ohren«, fügte er bissig hinzu.

»Ich höre.«

Und er in leisem Ton, jede Silbe akzentuierend: »Alles, was zugrunde geht, ist wert, daß es zugrunde geht ... gute Nacht, Fräulein Ingolf!«

»Gute Nacht – Herr Fründel!«

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