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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XIII.

In der letzten Sitzung des Nachtlichts, in der Thomas aus einer inneren, unbestimmten Scheu nicht zugegen war, hatte Brose zum Entsetzen aller plötzlich einen Blutsturz gehabt.

Niemand wußte, daß der große muskulöse Mann schon seit längerem mit seinen Lungen zu tun hatte, denn zu niemandem sprach er von seinen Leiden. Nun waren sie alle plötzlich Zeugen seines Zusammenbruchs gewesen, der um so erschütternder auf sie gewirkt, als die Malersfrau zuerst wie ein versteinertes Bild des Jammers neben ihrem Mann gekauert hatte.

Am andern Tage hatte sie sich verstört Blinsky offenbart. Der kleine Mann hatte begriffen und es ihr angesehen, wie sie ihren Stolz und ihr Selbstgefühl blutig geschlagen und mit Füßen getreten hatte, um sich so ein Geständnis abzuringen. Leise und demütig hatte er ihre großen Hände gestreichelt.

Der Doktor hatte eine geordnete Lebensweise angeordnet; vor allem außerordentliche Pflege und vorzügliche Ernährung.

Der Maler selbst hatte von der wirtschaftlichen Kalamität seines Hauses keine Ahnung. Er war wie ein großes Kind. Und all ihre Mühe zielte darauf, ihn in seiner Unwissenheit zu erhalten. Die Porzellanmalerei wurde immer schlechter bezahlt, und der Absatz war immer geringer geworden. Außerdem wußte sie, welch eine Überwindung ihrem Mann diese Arbeit kostete. Sie selbst war unermüdlich tätig. Ihr ganzes Sein hing an diesem einen Menschen, der für sie die Menschlichkeit überhaupt darstellte.

Sie war die Tochter eines Generals und hatte um seinetwillen das elterliche Haus, die Familie verlassen und mit allem gebrochen, was sie an die Vergangenheit knüpfte. Es gab keine Stunde, in der sie ihren Schritt bereute. Immer hatte sie dumpf gegen die Dogmen revoltiert und gegen die Ketten sich aufgelehnt, die sie im Hause einengten und in ihr Fleisch schnitten. Immer hatte sie in dunkler Sehnsucht gewünscht, sich loszuringen, bis sie ihn getroffen hatte. Er hatte ihr eine Idee von Freiheit und Menschenwürde gegeben, die sie aus allen dumpfen Ängsten löste. Mit linden Händen hatte er die Scherben und Trümmer, die auf ihr lasteten, fortgeräumt, und wo sie wund und blutend war, hatte er sie mit Balsam geheilt. Das, was er von tiefster Freiheit besaß, baute sich auf dem Grunde der Güte auf, und diese Güte hatte ihr Leben voll Not und Entbehrung versonnt und vergoldet.

Als sie ihr einziges Kind verloren, hatte sie sich noch enger an ihn angeschlossen, der ihr das Evangelium der höchsten Treue gegen sich selbst offenbart hatte. In ihre herbe Frauennatur war eine unbeugsame Entschlußkraft eingezogen, und gerade weil sie so viel morschen Ballast fortwerfen, so viel Schutt und Asche abtragen mußte, ehe sie wiederaufbauen konnte, hatte ihre neue Weltanschauung und Betrachtungsweise von Menschen, Dingen und Zuständen tief in ihrem Erdreich Wurzeln geschlagen. Sie war stolz darauf, daß sie sich zu dem Maler mit ganzer Seele bekennen konnte, und sie fühlte sich ihm zu Danke verpflichtet bis zum letzten Atemzuge, daß er sie so behutsam zu sich hinaufgezogen hatte. Sie liebte ihn als Charakter, und sie hing an ihm als Frau; alles an ihm erfüllte sie mit Hingebung. Als ein altes, herbes Mädchen war sie ihm in die Ehe gefolgt, aber an ihrem Herde glomm noch einmal das Feuer der Jugend auf und brachte ihr Wärme und Leidenschaft. Eine edle, süße Scham erfüllte das altjüngferliche Mädchen, das trotz seiner dreißig Jahre innerlich jung geblieben war. Und nun folgten vier Ehejahre voll Entbehrungen und Kümmernissen, voll feinstem Zusammenleben und Zusammenwachsen. Mochte der Körper darben; die Seele feierte Feste. Man stieg auf hohe Gipfel und zündete Freudenfeuer an. Die Zweiheit hörte auf, man wurde eines.

Erst als des Malers Leiden sich herausstellte, fielen schwere, dunkle Schatten über ihr Glück. Es war jetzt ein ewiges Bangen und Sorgen, das sie allein mit sich herumtrug; denn in seiner Gegenwart war sie heiter, und wenn sie innerlich blutete, sah sie ihn mit lachender Miene an, und niemals sprach sie zu den Freunden von dem, was auf ihr lastete. Erst in der bittersten Not war sie zu einem Dritten gegangen. Es handelte sich um ihn – da gab es keine feigen Bedenken. – – –

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