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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XII.

Die Lissauer war wie benommen. Ihr Gesicht war vor innerer Erregung fleckig geworden, und das Brandmal auf ihrer Backe trat noch brandiger als gewöhnlich hervor. Aber sie ließ den kleinen Blinsky, der verlegen vor ihr stand und unter seinen Brillengläsern furchtsam zwinkerte, nicht aus den Augen. Sie achtete nicht darauf, daß ihr dünnes Haar zerzaust und unordentlich herunterfiel. Als sie sich endlich gefaßt hatte, fuhr sie Blinsky grob und rücksichtslos an: »Wie kennen Se meinen Mann hineinziehen in dieserr Geschichte? Wirr missen uns sauer genug unserr Geld verdienen.«

Der schmächtige Mensch strich mit seiner dünnen Hand über das spärliche Haar. Er lächelte trübe, und in den hervorquellenden Augen flackerte es unruhig.

»Brose muß geholfen werden«, sagte er mit unsicherer Stimme, »sonst geht er kaput.«

»Muß?« erwiderte sie höhnisch. »Übrigens«, fuhr sie mißtrauisch fort, »was geben Sie denn?«

»Dasselbe!«

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Merr haben Se ja selberr nich«, schrie sie entsetzt. »Se sind ja närrisch; närrisch sind Se.«

In diesem Augenblicke trat ihr buckeliger Mann in das Zimmer.

Sie stellte sich in Positur.

»Ich werrde geben hundert Mark firr Brose; nich einen Groschen merr und nich einen Groschen wenigerr«, sagte sie herausfordernd.

Lissauer schüttelte den Kopf. »Mach keine Sperenzchen«, antwortete er. »Für ein halbes Jahr muß Miete bezahlt werden. Dazu kommen noch die Schulden. Verdienen kann er nichts, denn er liegt krank zu Bette.« Die Frau wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wie kommen wirr denn aber dazu? Wirr sind doch mit die Leute nicht verwandt? Und du hast mirr immer gesagt, über das Geld habe ich zu verfiegen, ich habe das Geld verdient. Wenn wirr werden anfangen mit Brose, wird morgen kommen Heinsius und ibermorgen am Ende gar der Herr Liers! Wirr sind doch nich daßu da, um uns fier die andern zu schinden. Wenn der Herr Blinsky meschugge is, brauchen wirr's doch nich ßu sein?«

»Hast du jetzt ausgeredt?« fragte Lissauer.

Sie nickte und mied es, ihn anzusehen. Sie hatte Furcht vor seinen strengen Augen, die sie durchbohren zu wollen schienen.

»Du wirst das Geld geben!«

»Lissauer, tu mirr das nich an!«

Er nahm ihre Hand, die vor Aufregung zitterte. »Du sollst mich ansehen«, sagte er rauh.

Ihre Augen richteten sich flehentlich auf ihn.

Er wandte sich zu Blinsky: »Hast du so was schon erlebt?«

Die Lissauer fing zu heulen an. »Sieh dirr bloß meine Hände an«, rief sie ununterbrochen und zeigte ihre vom Nähen zerstochenen Fingerspitzen.

»Du kannst froh sein«, entgegnete er, »daß es bloß deine Finger sind, bei Brose sind es die Lungen!«

Sein Gleichmut, der durch nichts zu bewegen war, brachte sie aus der Fassung.

»Ich werde geben zweihundert Mark«, rief sie noch immer schluchzend.

»Finfhundert!«

»Du wirst mich unter die Erde bringen. Dreihundertfinfzig«, wimmerte sie.

Lissauer zuckte zusammen. Er ließ ihre Hand los, »Komm, Blinsky.«

Er drehte ihr den Rücken.

Sie war sofort an seiner Seite.

»Lissauer, was haste vorr?«

»Laß mich, ich bin dirr keine Rechenschaft merr schuldig.«

»Lissauer, ich werr geben virrhundertfinfundsiebzig Mark.« Ihr Gesicht war krampfhaft verzerrt, ihre Stimme klang heiser. Man konnte es deutlich merken, wie sie litt.

Der Mann wurde weich. »Meinethalben.« Und ein wenig spöttisch lächelnd, wandte er sich an Blinsky: »Du kannst es mirr glauben, mit jedem neuen Hundertmarkschein wird sie geiziger; das ist bei ihr geradezu eine Krankheit. Sie mechte sich den Bissen vom Munde absparen, bloß um –«

Die Lissauer ließ ihn nicht ausreden. Sie packte den kleinen Blinsky an den Schultern. »Bloß um uns ein sorgenfreies Alter zu schaffen«, schrie sie wütend, »bloß um uns vor dem Betteln zu schitzen.«

»Man ist nicht bloß für sich da«, meinte Blinsky und vermied es, sie anzusehen.

Sie lachte spöttisch. »Man is bloß fier sich da«, stieß sie hervor. »Das haben se ja erst neulich im Nachtlicht beschlossen!«

»Du hast das nicht ganz verstanden«, warf Lissauer dazwischen. »Du redest in der letzten Zeit iberhaupt ein bißchen viel«, bemerkte er scharf.

»So? Hm!« machte sie, biß die Lippen aufeinander und ging in das Nebenzimmer.

»Das ist bereits bei ihr pathologisch; das Geld hat sie rein verrückt gemacht!«

Blinsky nickte stumm.

Die Lissauer kam mit einer eisernen Schatulle wieder herein. Sie öffnete sie, und ihr Blick hatte etwas Düsteres und Melancholisches, während sie die Goldstücke herausnahm. Sie zählte Lissauer das Geld auf dem Tische vor. Sie fühlte, wie bei der Berührung des harten Metalles es in ihren Händen klopfte. »So«, sagte sie aufatmend und schloß die Schatulle.

»Das sind nurr vierhundertsiebzig Mark«, sagte Lissauer trocken.

Sie lachte über das ganze Gesicht und hatte die Tür hinter sich zugeworfen und abgeriegelt, ehe er sich's versah.

»Komm«, sagte der buckelige Mann zu dem Freunde, »ich bin froh, so viel herausgeschlagen zu haben.« – – –

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