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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XI.

Er ließ sich treiben. Es war ihm so wunderlich in seiner neuen Freiheit. Er begriff auf einmal das Selbstbewußtsein der Reichen. Er kam sich ja selbst wie ein Millionär vor! Die Straße gehörte ihm und war in einen Garten verwandelt. Durch schattige Alleen ging er, auf Rasenbänken ließ er sich zeitweilig nieder und fing die Sonne auf, die ganze Sonne als sein persönliches Eigentum! Dann verließ er den Garten und bewegte sich wieder in dem lebendigen, unübersehbaren Gewoge der Großstadt. All die fleißigen Bienen schwärmten an ihm vorbei und brachten in den Bienenstock den Honig, den sie aus tausend Blüten gesogen hatten.

Jemand trat an ihn plötzlich heran, jemand, der einen Zylinder trug und funkelnagelneue, rotbraune Glacés.

»Ah, Sie verzeihen, Sie sind Herr Thomas Truck?«

»Gewiß, der bin ich.«

Er nimmt für einen Augenblick die kurze Pfeife aus dem Munde.

»Ah, Sie gestatten, daß ich Ihnen gratuliere. Alle Welt spricht von Ihrem Glück. Wie viele haben sich vergebens bemüht, bei der gnädigen Frau zu reüssieren, und nur Ihnen ist es gelungen, Ihnen allein! Ah, Sie sind ein Sonntagskind, ich gratuliere!«

Und der Herr zog devot den Zylinder, reichte ihm die mit dem funkelnagelneuen Glacéhandschuh bekleidete Rechte und entfernte sich.

Das kam ihm natürlich vor. Es konnte gar nicht anders sein. Er blies den Rauch in großen Wolken von sich. Er fühlte, wie fest und sicher er schritt, und trotz des Geräusches der Straße hörte er seine eigenen Tritte.

»Herr Truck ... Herr Truck –«

Rief ihn jemand? Er drehte sich um. Dummheit, er vernahm doch nicht etwa bereits Stimmen?

»Herr Truck ...«

Wieder blickte er sich um. Das war ja unerhört, wie er sich selber narrte! Er hob den Kopf in die Höhe. Jetzt konnte einer rufen, so viel er wollte, er würde sich den Teufel darum kümmern. Aber in dem Augenblicke erschrak er. Er erinnerte sich deutlich, daß die Stimme, die er gehört hatte, der des Herrn Berg glich. Aber Herr Berg war verreist – und doch war es der nämliche nasale Ton; und wie kam es, daß er gerade in der Sekunde, wo er auf der Höhe des Ruhmes stand und auf alles unter sich beinahe verächtlich herabsah, ihn hörte? »Herr Truck ...«

Er sah verstört auf und taumelte. Hart an der Bordschwelle starrte ihm aus einem Wagen das wohlgenährte Gesicht des Bankiers entgegen, und Herr Berg winkte ihm lebhaft mit der fleischigen Hand.

Nun erkannte er auch, daß beim Kutscher auf dem Bock ein eleganter Handkoffer stand. Er trat scheu näher.

»Die Kehle kann man sich ja nach Ihnen ausschreien. Kommen Sie 'n bißchen in meinen Wagen.«

Thomas bekam Angst. Er glaubte vorübergehend wirklich zu halluzinieren, mit dem Gehör und mit dem Gesicht. Dennoch sagte er laut: »Sie verzeihen, ich habe es eilig.«

»Kommen Sie nur! Ein junger Mensch hat immer Zeit«, erwiderte Berg und zog ihn trotz seines Widerstrebens in den Wagen. »Es ist wirklich angenehm, daß Sie der erste waren, dem ich begegnet bin. Sie sehen mich erstaunt an, Sie fragen wieso? Sehr einfach! Man ist abergläubisch; wir Börsenleute sind abergläubisch. Ich bilde mir jetzt ein, daß ich in den nächsten Tagen Glück haben werde. Sie habe ich zuerst gesehen – Sie müssen nämlich wissen, ich komme soeben von einer kleinen Spritztour zurück – Sie sind 'n anständiger Mensch. Also, ich werde Glück haben, ich bin überzeugt davon. Mensch, was machen Sie für eine sauertöpfige Miene«, unterbrach er sich. »Was wollen Sie? Ihnen steht doch die ganze Welt offen! Frieren Sie? Wollen Sie meine Decke?«

»Ich danke!«

Dennoch legte Herr Berg fürsorglich die Reisedecke über ihn. »Wissen Sie«, begann er von neuem, »ist doch angenehm, wenn man wieder nach Hause kommt. Hatte da 'ne Sitzung im Aufsichtsrat, langweilig gewesen, scheußlich langweilig! Meine Frau hat keine Ahnung, daß ich komme; ich liebe Überraschungen.«

Diese Worte sagte er leiser und sah Thomas lächelnd an.

Der senkte die Augen. Ist das ein niederträchtiger Mensch, dachte er im stillen. Er weiß alles, und zieht mich auf. Er spielt mit mir wie der Untersuchungsrichter mit dem Verbrecher.

Der Bankier zog ein Etui aus der Tasche und drückte an dem Knopf. Ein unheimlich funkelndes Brillantenkollier strahlte Thomas entgegen.

»Bring ich ihr mit! Was soll man tun? Man muß sich beliebt machen. Ich versichere Ihnen, das ist schwerer als Sie denken. Sie hat alles. Gibt überhaupt nichts mehr, womit man sie sozusagen bluffen könnte. Glauben Sie mir, die Leute, die alles haben, gehen an ihrem eigenen Überfluß zuschanden. All die kleinen Freuden existieren für sie nicht. Schadet nichts, sie ist dankbar und freut sich doch.« Er lachte lustig und begann plötzlich mit seinem Kneifer zu pendeln. »Am Ende tut sie nur so, aber das ist schließlich egal, finden Sie nicht?«

Thomas hatte auf die letzten Worte gar nicht gehört. Er sah nur dieses entsetzliche Traktieren, das ihm auf die Nerven fiel. Was wollte der Mensch von ihm? Er wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen.

Eine Sekunde dachte er daran, ihm folgendes entgegenzuhalten: Bilden Sie sich nicht ein, daß ich ein Dummkopf bin; ich merke genau, daß Sie alles wissen. Ich leugne es nicht. Hätte ich Sie nicht zufällig getroffen, so wäre ich in Ihre Wohnung gekommen, um Ihnen eine Erklärung abzugeben. Eine Erklärung war ich Ihnen schuldig, und Sie können sich darauf verlassen, ich hätte sie abgegeben. Ich finde es aber nicht nobel, Fallen zu stellen und Schlingen zu legen. Im Gegenteil, das ist hinterlistig und gemein. Ich sage Ihnen das geradezu. Warum stellen Sie mich nicht Auge in Auge?

Der Bankier nahm unvermittelt seinen Arm. »Beneiden Sie mich?« fragte er.

Thomas war empört. In welch infamer Weise geht der Mensch gegen mich vor? Mit Fallstricken sucht er mich zu vernichten. Warum legt er nicht herzhaft das Gewehr an, zielt und trifft?

»Ich beneide Sie nicht«, antwortete er scharf.

»Ich glaube Ihnen aufs Wort. Neidische Menschen sind mir unangenehm, sind mir widerlich; und im Vertrauen« – er senkte ein wenig die Stimme – »Sie haben keinen Grund dazu. Sehen Sie, da sammle ich Kapitalien an, bin an allen großen Unternehmungen beteiligt und speichere Reichtümer auf. Für wen? Für sie und meinen Jungen, der siech und elend ist. Sie kennen doch meinen Jungen? Sie sind ja Mediziner, glauben Sie, daß er mit dem Körper –« er brach mitten im Satze ab, und über sein dickes, im gewöhnlichen Leben schlaues Gesicht legten sich Schatten. Nur die mechanische Bewegung mit dem Kneifer machte er nach wie vor. »Wieso muß ich zu solch einem Kinde kommen?« fragte er leise. »Und glauben Sie, daß es so leicht ist, mit so einer Frau zusammen zu leben? Ich sage Ihnen, solche Frauen haben Mucken, von denen Sie sich keinen Begriff machen können. Wenn so eine Frau den Teufel herauskehrt, dann ist es aus, dann gibt es kein Rezept, lieber Doktor. Sie können's machen, wie Sie's wollen, falsch machen Sie's immer.« Er hob jetzt das Pincenez ein wenig in die Höhe, und indem er Thomas mit halb eingekniffenen Augen ein wenig anblinzelte, fuhr er fort: »Man muß noch froh sein, wenn man so einer Frau nichts anderes vorzuwerfen hat.«

Er hielt inne.

Aha, dachte Thomas, jetzt ist der Moment gekommen; jetzt geht er aufs Ganze. Er rückte sich in Positur und faßte einen festen Entschluß. Unter keinen Umständen wollte er sich dem boshaften Kreuzverhör noch länger unterziehen.

»Herr Berg ...«

Der Bankier wehrte ab. »Ich weiß, was Sie vorbringen wollen. Bitte sehr«, sagte er, indem er die Hand ein wenig hochhob, »ich weiß es genau.«

Thomas flirrte es vor den Augen.

»Sie wollen sagen, wie komme ich dazu, einem mir beinahe wildfremden Menschen alle die Dinge zu beichten? Ja, sehen Sie. Wie Sie damals in meinem Hause diesen Schlingel, der sich mit Ihnen einen faulen Witz machen wollte, heimgeleuchtet haben, da wußte ich, daß Sie ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch ohne Falsch seien. Vielleicht«, fuhr er überzeugend und ernsthaft fort, »der einzig ehrliche und wahrhaftige Mensch in der ganzen Gesellschaft. Sie haben Schrullen, sind 'n Idealist, sind 'n bißchen hier« – er wies auf die Stirn – »aber das tut nichts, Sie sind rein und durch und durch anständig. Wer, wie ich, mit so viel Gesindel zusammenkommt, hat dafür einen Blick und eine Wertschätzung.«

Bei den Worten war Thomas alles Blut aus dem Gesicht getreten. War das alles noch teuflische Ironie, oder war es Wahrheit?

»Solche Menschen wie diesen Schwätzer von Kornfeldt muß ich um mich dulden, solche Menschen, die mir unangenehm sind. Warum? Meine Frau wünscht es. Tun Sie mir einen Gefallen, hören Sie?«

»Ich höre.«

»Essen Sie heute abend bei mir. Machen Sie keine Umstände, unvorbereiteterweise!«

Jetzt war alles klar. Er wollte ihn in seinem Hause haben; er wollte ihn seiner Frau gegenüberstellen; er wollte ihn in Sicherheit wiegen, und um jeden Verdacht zu ersticken, hatte er den Rechtsanwalt bei ihm angeschwärzt, der vielleicht, nein bestimmt, ebenfalls zu diesem merkwürdigen Souper zwecks Aufnahme des Protokolls geladen war. Dennoch war er seiner Sache nicht völlig sicher und wußte nicht, ob das Manövrieren des Herrn Berg auf einen vagen Verdacht oder eine untrügliche Wissenschaft zurückzuführen war. Er wollte vorsichtig sein, obwohl ihn seine Vorsicht innerlich schmerzte und ihm schimpflich vorkam. Und bei dieser Erwägung kreuzten sich tausenderlei Gedanken in seinem Hirn. Vorsicht war Hinterlist, war der Beginn zur Niedertracht und Ehrlosigkeit. Vorsichtig waren die im Lande, die sich duckten und die Buckel krümmten, die durch Kriechen und Streben emporkommen wollten; vorsichtig waren die Einbrecher und Diebe, die Lichtscheuen und Erbärmlichen. Bei diesen Vorstellungen, die mit beängstigender Schnelligkeit in ihm auftauchten, wurde ihm schlecht zumute. Es war ihm, als ob ein Fremdkörper in seinem Innern rumorte, und als ob er nicht den Mut habe, ihn beherzt herauszuziehen. Er bildete sich auch ein, daß sein Mißtrauen und sein Widerstand durch das ewige Taktschlagen mit dem Kneifer hervorgerufen sei. –

»Ich muß leider ablehnen«, sagte er langsam, »ich habe nämlich eine –« er stockte, dann fügte er renommistisch hinzu: »eine wichtige Zusammenkunft.«

»Lassen Sie sie schießen. Meine Frau würde sich gewiß freuen.«

Thomas' Erregung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Was meinte er damit, daß seine Frau sich freuen würde? Es war sonnenklar, der Mensch spielte mit ihm, trieb ihn in die Enge wie ein knifflicher Staatsanwalt – und wieder schwankte er. Aber, wie war es, wenn er nur von Einbildungen gehetzt wurde und in der Tat die Gelegenheit hatte, sie sorglos wiederzusehen, unvermutet. Eine heftige Freude erfaßte ihn bei dieser Idee. Er wies sie sofort zurück und schämte sich.

»Kommen Sie doch«, bat Herr Berg von neuem.

»Ich kann wirklich nicht«, entgegnete er scheu. »Im Gegenteil, ich muß mich sofort von Ihnen verabschieden.«

»Na, denn 'n andermal. Kutscher, halten!«

Thomas sprang aus dem Wagen und lüftete den Hut. »Ich empfehle mich, Herr Direktor.«

»Keinen Gruß für meine Frau?«

»Gewiß, gewiß«, stotterte Thomas mit Anstrengung, denn seine Zunge bewegte sich schwer. Und wie angewurzelt blieb er noch eine Weile stehen und sah dem davonrollenden Wagen nach. Dann ging er langsam weiter. Habe ich nun alles das erlebt? fragte er sich schmerzhaft. Vielleicht sind es nur wirre, krause Träume? Ich werde annehmen, daß ich alles geträumt habe, dachte er bei sich, zum mindesten die wahnsinnigen Schlußfolgerungen über Bord werfen. Was soll mir das? Ich bin doch nicht dazu da, rief er sich erbittert zu, um mir mein eigenes Glück zu zerstören. Ich habe ein Recht auf Liebe. Mein Hemd ist mir näher als mein Rock. Was geht mich dieser Herr an? Er lebt in einer Welt wilder Genüsse und Spekulationen, und ich bin schließlich nicht verantwortlich dafür, wenn sie mich liebt. Ich werde mit Regine sprechen und wir werden dann beide vor ihn hintreten; denn so viel steht fest, es ist unwürdig und gemein, mit seiner Leidenschaft wie mit einem gestohlenen Gute sich zu verkriechen und trübe Schlupfwinkel aufzusuchen. Es ist unzweifelhaft ein entsetzlicher Schlag, der den Ahnungslosen trifft, vorausgesetzt, fügte er bei sich mißtrauisch hinzu, daß er wirklich ahnungslos ist. Aber wenn draußen auf dem empörten und von Sturm gepeitschten Meere die Wogen über armseligen Brettern zusammenschlugen und die Menschen samt ihrer Habe verschlangen, so konnte auch niemand verantwortlich gemacht werden. Und wenn die schwarze Pest ausbrach, und ohne zu sondern, die Guten und die Schlimmen hinwegraffte, so hörte auch die Frage der Gerechtigkeit auf. Was war überhaupt das Schicksal des einzelnen gegen das dunkle Walten der Naturkräfte! Und dennoch bedeutete das Schicksal jedes einzelnen unendlich viel; und jeder mußte, wollte er sich behaupten, seinen Anspruch auf Glück und Liebe mit starken Händen festhalten.

Sie und er gehörten zusammen. Sie und ihn hatte das rätselhafte Leben zusammengebracht. Sie und er mußten ihren Weg gehen, mochte der andere darüber zugrunde gehen. Das stand für ihn unverbrüchlich fest – wenigstens in diesem Augenblicke.

So ... Er klopfte die Pfeife aus, die ihm längst verglommen war, und blickte gedankenlos in die blauen Blitze der elektrischen Wagen. Und dennoch, all sein Wehren nützte nichts. Er hatte einen nagenden Gram, gegen den er vergebens ankämpfte. Er fühlte sich aus seinem tiefen und freudigen Rausch aufgerüttelt, und die gemeinen Alltagssorgen bissen ihn wie giftige Schlangen.

Ich muß stark sein, sonst verblute ich daran, sagte er zu sich selbst. Ich muß Klarheit schaffen, denn ich bin ein Mensch, der ohne Klarheit nicht sein kann; ich brauche die Klarheit wie die Luft; ich kann nur leben mit der Achtung vor mir selbst. Aber was ist eigentlich Achtung? Quäle ich mich nicht mit lauter Gefühlsduseleien?

Er schritt durch das Brandenburger Tor. Die breiten Linden lagen im grauen Nebel vor ihm, der selbst die elektrischen Lampen in seinen Dunstkreis zog. Alles verschwamm durcheinander. Er blickte befremdet um sich. In seinen Grübeleien hatte er gar nicht darauf geachtet – keine drei Schritte weit konnte man sehen. Die Auslagen waren gleichsam verschwunden. Man vernahm das Gerassel der Wagen und sah sie nicht. Man hörte die Stimmen der Menschen, aber die Gesichter blieben verschleiert.

Jemand beugte sich dicht an sein Ohr und flüsterte ihm zu: »So ist das ganze Leben. Die Dinge und die Wahrheit sind ganz nahe, aber die meisten sehen sie nicht, sie gehen im Nebel. Und zu diesen ›Meisten‹ gehören Sie, Herr Thomas Truck.«

»Ich?«

»Ja, Sie ... Sie!«

Und jetzt blickte ihm der Mensch gerade ins Auge.

»Ah, Sie sind es«, sagte er zitternd.

»Ich bin es«, entgegnete der Herr mit dem verschlissenen grauen Mantel und dem eingedrückten Tiroler Hut. – – –

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