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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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VI.

In einer Dachkammer am Grünen Weg, der weit im Osten Berlins gelegen ist und so recht eigentlich zur Armeleutegegend gehörte, wohnte der Mechaniker Fründel.

Fründels Kammer glich mehr einem engen, dumpfen Loch. Eine Kiste, die in der Mitte stand und als Tisch diente, ein eisernes Bettgestell, zwei Stühle und eine Schüssel füllten den Raum. Die Kiste war bedeutungsvoll. Hier wusch sich der Mechaniker, hier hielt er sein Mittagsmahl ab, und hier brannte die kleine Lampe, wenn er des Abends über seinen Büchern hockte.

Er war ein fleißiger, arbeitsamer Mensch, der, wie die Leute sagten, ein schönes Stück Geld verdiente. Er hätte es wohnlicher haben können, aber jeden Groschen, den er erübrigte, trug er in den Buchladen. Außerdem hatte er eine Notkasse, in die er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit seine Steuern entrichtete.

Es war in der neunten Stunde, als die Tür seines Zimmers geöffnet wurde und Josefa Gerving eintrat.

Sie sagte kaum »Guten Tag«, sondern machte sich sofort an der Kiste zu schaffen, aus der sie einen Spiritusbrenner, eine Kasserolle, zwei Tassen mit Teelöffeln, eine Teekanne, zwei Teller mit Messern und Gabeln, Tee, Butter und Brot hervorförderte. Es stellte sich heraus, daß die Kiste auch der Speiseschrank und Kochherd war, denn auf ihre obere Fläche hatte man ein Eisenblech festgenagelt, um sie für diesen Zweck brauchbar zu machen.

Der Mechaniker nahm wortlos die Bücher weg und entzündete noch eine Kerze, die er auf den Stuhl stellte. Er rückte ihn an das Bett und setzte sich auf den Rand des Gestelles. Er las unaufhaltsam mit angestrengtem Gesichtsausdruck, während Josefa Wasser zum Tee aufsetzte, das Brot strich und mit Blutwurst belegte, die sie in einem kleinen Paketchen mitgebracht hatte. Zuweilen blickte sie zu ihm hinüber, aber er sah niemals auf, ja, schien es nicht einmal zu bemerken. Sie aber sah ihn an mit Liebe und Zorn und atmete unruhig dabei. Sie goß den dampfenden Tee in die Tassen und rief ihn leise bei seinem Namen: »Frank!«

Vorher hatte sie noch ein weißes Tüchelchen über die Kiste gebreitet. Jede ihrer Bewegungen hatte Anmut.

Es las noch den Satz zu Ende und legte das Buch aufgeschlagen auf das Bett, ehe er seinen Stuhl heranrückte.

Langsam schlürfte er den Tee. Er schien aber mit seinen Gedanken weit entfernt zu sein, denn er blickte beständig vor sich nieder.

»Frank, was hast du?«

»Nichts!«

Ein vergrämter, bitterer Zug grub sich um ihre Mundwinkel. Sie erhob sich und trat an seine Seite.

»Du willst mich los werden, ich fühle es. Du bist meiner überdrüssig und willst mich los werden!«

Er hob die Achseln ein wenig in die Höhe. »Quäle mich nicht! Was soll ich dir darauf antworten?«

»Du kannst mir eben nichts antworten«, gab sie gereizt zurück. »Du kannst es nicht, und deshalb –«

Er lachte kurz auf. »Du bist ein Weibsbild; lange Haare und kurzer Verstand.«

»Ich brauche auch keinen Verstand; ich hasse diesen Verstand. Ich hasse diese Bücher«, sagte sie in wütendem Ton und warf einen verächtlichen Blick auf die Diele, wo sie aufgestapelt dalagen.

Er ging nicht darauf ein.

»Laß mich den Tee wenigstens in Frieden trinken. Was willst du eigentlich von mir?«

»Dich«, rief sie mit erstickter Stimme, »dich will ich.« Sie löste auf einmal ihre Haare. »Mit meinen langen Haaren will ich dich umschlingen und festhalten. Ich lasse dich nicht. Hörst du? Ich lasse dich nicht. Und alle diese elenden Bücher verbrenne ich. Ich verbrenne sie«, fügte sie erregt hinzu.

»Du bist ein Kindskopf und bringst uns gewaltsam auseinander.« Die letzten Worte sprach er nachdenklich und fest.

Sie horchte mißtrauisch auf. »Ich? Ich?« fragte sie verwundert und starrte ihn verständnislos an.

»Ja, du, du bringst es so weit, du allein! Ich bin nicht bloß dazu da, um an deiner Schürze zu hängen. Ich habe andere Dinge vor – Dinge, von denen du nichts verstehst und nichts verstehen kannst. Ich lasse mich nicht von dir bewachen und auf Schritt und Tritt verfolgen.« Und plötzlich in hellen Zorn kommend, schrie er: »Du bist doch kein Hund, der einem auf den Fersen nachkriecht!«

Sie hatte ihm lautlos zugehört. »Du irrst dich«, entgegnete sie, »ich bin ein Hund; gerade wie ein Hund bin ich.« Ihre Augen glänzten.

Ihre letzten Worte fühlte er wie Peitschenhiebe. »Ich lasse mich aber nicht von einem Hunde beschnüffeln, belauern, bewachen!« Seine Stimme schnappte über. »Hunde in Menschengestalt ...«

Ihre Augen trafen sich und beide Gesichter waren verzerrt. Er wurde jetzt ganz bleich. »Siehst du denn nicht, daß ich meine Freiheit brauche? Ich brauche sie wie die Luft. Siehst du denn nicht, wie ich mich quäle? Ich quäle mich –« Er lachte niederträchtig auf mit einem häßlichen Lachen, das alles in einem Menschen umdreht.

»Bist du jetzt fertig?«

»Ja, ich bin fertig.«

»So bin ich an der Reihe.« Und ohne seine Antwort abzuwarten: »Weißt du, was du mir damals gesagt hast? Weißt du, was du mir versprochen? Weißt du, wie du mich zu dir gezogen hast, obwohl ich mich gegen dich wehrte? Denn«, fuhr sie mit gesteigerter Erregung fort, »ich wußte es, ich wußte es dunkel, weshalb ich mich wehrte – ich wehrte mich gegen dich, weil ich in dich sah. Und weißt du, wie du mich zu dir zwangest? Wie du mich niederwarfst – wie ich in ohnmächtiger Wut dir unterlag? Wie ich dich zuerst haßte? Wie ich mich von dir zertreten fühlte?« Aus ihrer weißen Stirn drang ein leichter Schweiß, und auch ihre Backen schienen feucht zu werden. »Ich sah, daß du mich wegwerfen würdest, wegwerfen wie eine ausgepreßte Zitrone ... und jetzt bist du dabei, leugne es nicht.« Und mehr für sich in Erinnerung zurücktauchend: »Was hat er mir nicht damals alles gesagt! Wie hat er mich in meinem Schmerz und meinem Zorn gehätschelt und ist gut und zärtlich gegen mich gewesen! ... Und das soll jetzt alles fortgeblasen, aus sein?« schluchzte sie krampfhaft. Und plötzlich stampfte sie mit dem Fuße auf. »Sage mir, ob du dein Wort brechen willst? Sage es mir?«

Sie stand in gekrümmter Haltung, wie eine zum Sprung bereite Katze, vor ihm.

Er glaubte ihre Krallen zu sehen, mit denen sie ihn zerkratzen würde. Und dennoch erwiderte er gelassen: »Es gibt Worte, die man brechen muß. Dieses sage ich nicht in bezug auf dich, aber es bleibt dabei: Worthalten kann meineidiger sein als Wortbrechen.«

Sie zitterte.

»Ich gehe nicht von dir. Ich bin ein Hund«, murmelte sie vor sich hin. Sie hatte jetzt ihre drohende Haltung aufgegeben und war wie gebrochen. »Stoß mich nicht von dir«, wimmerte sie. »Ich kann ohne dich nicht sein, du weißt es.«

Die Worte kamen wie ein Gebet von ihren Lippen. Und ganz verschüchtert und scheu sah sie aus. Da zuckte es über seine Miene.

Sie sah, daß er mit sich zufrieden war; und doch rührte sie sich nicht, sondern wartete ganz still auf seine Antwort.

Er drückte sie auf den Stuhl nieder, und willenlos folgte sie ihm.

Sie war wirklich ein Hund, und er war ihr Herr.

Er ließ ihr Haar wie Wellen durch seine Hände gleiten und sprach ruhig auf sie ein. Und immer redete er von seiner Freiheit und von all den Dingen, die ihn quälten und auf ihm lasteten.

»Was kann ich dafür, daß, wenn ich vom Schraubstock komme, mir die Gedanken durch den Kopf gehen und mich erdrücken? Warum gehe ich nicht ins Wirtshaus, oder lege mich aufs Fell? Immer ist etwas in mir, das arbeitet, und wenn ich ruhen will, so pocht es laut und vernehmlich – du darfst es mir glauben – es pocht laut und vernehmlich und reißt mich aus der Ruhe.«

Sie hörte ihm andächtig wie ein folgsames Kind zu. All ihr Trotz und Widerstand war von ihr genommen.

»Alles wäre gut«, fuhr er fort, »wenn du mich nicht beständig aufstören wolltest. Du darfst nicht mit all deinen Klagen zu mir kommen. Du solltest eigentlich nur kommen, wenn ich dich rufe. Alles wäre dann gut«, sagte er noch einmal. »Nichts ist schlimmer als der Zwang; und dann« – dozierte er gleichsam lehrhaft weiter – »ist es auch ein Verbrechen, wenn ein Mensch sich so an den anderen kettet; ein Verbrechen gegen den anderen und ein Verbrechen gegen sich selbst. Jeder muß danach trachten, fest auf beiden Füßen zu stehen, leicht und fest, und alles überflüssige Gepäck muß er abschütteln. Das muß er. Ich wünschte, du könntest mir folgen; nur nicht wie ein Hund winseln! Nur nicht Ketten hinter sich herschleifen! Gemein ist das, geradezu gemein!«

Sie gab keine Antwort mehr. Sie sah nur todestraurig auf all die Bücher, die auf den Dielen lagen. Diese Bücher waren es, die all das Unheil angerichtet, ihn ihr weggestohlen hatten.

Er fing ihren Blick auf und lächelte überlegen. Man konnte seine weißen, kräftigen Zähne sehen.

»Ganz falsch«, sagte er, »ganz falsch. Denn die Bücher kamen erst«, erklärte er, »als es in mir zu arbeiten anfing.«

»Die Bücher?« wiederholte sie, und wieder wurde ihre Miene finster, und wieder schielte sie nach ihnen hin.

»Du möchtest sie am liebsten verbrennen, oder in den Kehricht werfen«, sagte er gleichmütig.

»Ja«, antwortete sie mit heißer Stimme, »das möchte ich. Früher saßest du bei mir und hörtest auf alles, was ich sagte. Und du lachtest, wenn ich dir von den Schnurren der Maler erzählte. Du warst fröhlich und gut gegen mich. Auch damals«, fuhr sie nachdenklich fort, »konntest du streng und hart sein – aber ich brauchte dich nur zu küssen, und du warst wieder gut. Weißt du, weshalb du damals gegen mich hart warst?«

»Ich weiß es nicht«.

»Du weißt es nicht?« nahm sie sein Wort auf und machte ein trauriges Gesicht. »Du warst hart, wenn ich einen anderen ansah. Aber deine Härte tat mir wohl und jetzt ...«

Er stand auf.

»Ich will das nicht länger hören«, stieß er kurz hervor – und seine knabenhaften, weichen Züge wurden drohend – »ich will es ein für allemal nicht!«

Sie erwiderte nicht. Sie deckte schweigend die Kiste ab, holte aus dem Korridor Wasser und wusch Teller, Tassen und Bestecke ab. Dann stellte sie alles in das Innere der Kiste, zog ihr Cape an, setzte sich die Mütze auf und blieb noch eine Sekunde im Zimmer stehen.

Er las wieder und kümmerte sich nicht um sie.

Sie ging aus der Tür.

Er hörte, wie sie die ersten Stufen hinabging, und atmete erleichtert auf. Aber gleich darauf kehrte sie zurück und kam von neuem in seine Kammer.

Er lachte laut auf, höhnisch und unverschämt. »Ich wußte es«, sagte er. »Das sind alles eure verfluchten Komödien. Ihr wartet ab, ob man euch nicht doch nachläuft, und wenn ihr euch getäuscht habt, kommt ihr zurück. Ganz gemeine Handwerkskniffe«, schloß er erbost.

»Gut, es soll so sein«, antwortete sie, und sie lächelte ihm milde und freundlich zu, ohne im mindesten durch seine bösen Worte gereizt zu sein.

Das verdroß ihn eigentlich noch mehr. Aber unter keinen Umständen wollte er sich von ihr aus der Fassung bringen lassen. Er bezwang sich.

»Mach es dir ruhig bequem«, meinte er gelassen, »ich werde dich nicht stören.« Und er rückte seinen Stuhl dicht an die Kiste und las weiter.

Sie stand eine Weile ihm im Rücken und blickte auf die gedruckten schwarzen Buchstaben; sie atmete unruhig und sah verstört aus. Dann wandte sie sich hastig ab und legte sich auf das Bett. Sie fühlte, daß sie weinen mußte, aber sie biß sich auf die rote Lippe, denn weinen wollte sie nicht. So weinte sie ohne Tränen. Ein Wimmern und Stöhnen wollte sich ihr entringen. Sie kratzte sich die Nägel ins Fleisch und so stöhnte sie, ohne einen Laut von sich zu geben.

Er las. Er sah nichts. Er hörte nichts. Er las und las.

Sie schloß die Augen, bis sie vor Müdigkeit einschlummerte.

Um einhalb zehn Uhr wurde die Tür geöffnet. Der Mechaniker schrak auf.

Auf der Schwelle stand Liers. Er kaute an dem schwarzen, glänzenden Schnurrbart und schien verlegen und wagte nicht näherzutreten. Er war blaß und verschlafen, aber er lächelte auf eine eigenartige Weise, und sein Lächeln hatte etwas Gewinnendes und Reizvolles.

Fründel streckte ihm die Hand entgegen.

»Es ist nett, daß Sie zu mir kommen«, sagte er harmlos und tat plötzlich, als ob er nicht im mindesten erstaunt wäre.

»Die Liers wurde gerufen«, antwortete der Dichter. »Ich begleitete sie, sah noch Licht bei Ihnen und faßte mir ein Herz. Denn Sie müssen wissen, für mich beginnt der Tag erst abends. Übrigens tut es mir leid, daß ich Sie gestört habe.«

»Das ist nicht schlimm.«

»Es tut mir leid, um meinetwegen!«

»Das ändert die Sache. Aber weshalb tut es Ihnen leid?«

»Weshalb? Es ist mir unangenehm, wenn ich jemanden arbeiten sehe. Ich schäme mich für ihn und für mich.«

»Das ist auch eine Auffassung!« Fründel lachte.

»Es ist die einzige Auffassung. Es ist die gegebene Auffassung, mein Herr; wir sind nicht dazu da, um zu arbeiten, wir sind zum Genusse da, zur Lebensfreude!«

Fründel nahm aus dem noch aufgeschlagenen Buche ein weißes Blatt Papier und notierte.

»Um Gottes Willen, Mensch, was tun Sie?«

»Ich schreibe Ihre Worte auf.«

»Sie sind ja gemeingefährlich. Mir ist es schon neulich aufgefallen. Sie nageln einen jeden fest. Wollen Sie uns bei Gelegenheit denunzieren?«

»Ja«, antwortete der Mechaniker mit festem Ton. »All' die Brocken, die Sie mir hinwerfen, nehme ich auf. Und dann siebe ich sie, und dann sehe ich, was übrig bleibt. Nur so kommt etwas für mich bei der Geschichte heraus.«

Liers betrachtete verwundert und auch ein wenig scheu den merkwürdigen Menschen.

»Sie sind aus schwerem Stoffe; man muß sich vor Ihnen in acht nehmen.«

»Das ist richtig, ich bin schwer und versuche leicht zu werden, Sie dürfen es glauben, das ist saure Arbeit.«

Der Dichter nahm das Buch in die Hand und las: »Der Wert des Lebens. Eine Denkerbetrachtung im Sinne heroischer Lebensauffassung von Doktor E. Dühring.« – »Sind Sie Dühringianer?« fragte er respektvoll.

»Ich bin Fründel«, entgegnete der andere. »Oder richtiger ausgedrückt«, fuhr er spöttisch fort, »ich bin der sich suchende Fründel. Denn, lieber Herr, ich suche mich!«

»Ach«, sagte Liers, »was seid ihr für schwerfällige Kumpane, Sie und Thomas Truck! Auch der sucht sich. Er hat es mit den nämlichen Worten wie Sie ausgedrückt. Sie sind meine zweite Bekanntschaft, die sich sucht. Kinder, ihr müßt viel Zeit haben!«

»Thomas Truck«, wiederholte der Mechaniker – er wollte eben an Liers eine Frage richten.

Aber der hatte sich plötzlich umgedreht und stand wie erstarrt vor der schlafenden Josefa, die er jetzt erst bemerkt hatte. Und ganz hingerissen sagte er mehr für sich: »Oh, ist die schön!«

»Dafür kann sie nichts«, bemerkte der Mechaniker trocken.

Liers zuckte zusammen. Seine Schlaffheit war von ihm genommen. Der Anblick der schlafenden Josefa hatte ihn aufgerüttelt.

»Nehmen Sie es mir nicht übel, Sie Suchender, Sie sind ein Hornvieh.« Und ganz außer sich setzte er hinzu: »Und denken können Sie auch nicht. Sie ist schön – basta. Sie ist eine Augenweide – basta. Daß ihr die Schönheit in den Schoß gefallen ist, was ändert das daran? Der eine hat's, der andere nicht.«

Er drehte sich wieder um. Er war wie außer Rand und Band. Und andächtig betrachtete er sie von neuem.

Fründel gab ihm einen Wink.

»Kommen Sie einmal näher«, sagte er leise. »Ich will Ihnen einmal sagen, weswegen Sie hier heraufgekommen sind, und weshalb Sie mir neulich Ihren Besuch ankündigten: Sie hofften, die bei mir zu treffen!«

Liers wurde rot wie ein Schuljunge.

»Es ist gut, daß Sie nicht schwindeln. Ich finde auch gar nichts dabei. Man muß sich in sie verlieben, das ist ganz natürlich, ist mir gerade so gegangen. Und nun versuchen Sie Ihr Heil bei ihr«, fügte er noch leiser hinzu. »Finden Sie Gegenliebe, so ist nichts dagegen zu sagen. Josefa kennt mich gut genug. Sie weiß, daß ich ihre Freiheit nicht antasten werde.«

Liers stand wie verblüfft da. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Jemand besaß das Herrlichste auf Erden und sagte zu dem anderen: Geben Sie sich Mühe, es mir zu stehlen; ich wünsche Ihnen viel Glück dazu. Vielleicht gelingt es Ihnen!

Der Mechaniker machte ein überlegenes Gesicht. »Wir hängen doch an keiner Sklavenmoral?« Und in ganz ernstem Ton: »Es gibt nur eines: weder wollen wir Besitzende noch Besessene sein. In uns frei müssen wir werden. Darauf kommt alles an!«

Der Dichter hörte nicht mehr. Er stand wieder an ihrem Lager.

Josefa schlug eben die Augen auf. Sie tat einen kleinen Schrei, ehe sie mit einem Satze aus den Kissen war, und warf verschlafene Blicke erst auf den Mechaniker und dann auf Liers. Die Haare fielen ihr wirr über die Schultern und gaben ihr etwas Nixenartiges.

»Denke dir«, redete der Mechaniker sie an, »er ist in dich vernarrt. Er hat es nicht aushalten können und ist am späten Abend noch heraufgekommen. Eben hat er gebeichtet. Nun sage ihm etwas Liebes!«

Liers stand erstarrt da. Der Mensch machte sich über ihn lustig. Dieser Bursche mit dem Milchgesicht und den arbeitsschwieligen, breiten Händen.

Josefa war sprachlos; und in ihrer Verwirrung erschien sie dem Dichter mystisch.

Bewegt sah er ihr ins Gesicht: »Es ist alles wahr; nur daß er es aus mir herausgelockt hat.«

Die Josefa stieß eine gellende Lache aus.

»Du willst mich verkuppeln!« rief sie, und Cape und Mütze an sich raffend, ohne sie anzuziehen, jagte sie wie gehetzt aus der Tür, die Treppe hinunter.

Fründel verlor nicht seine Fassung. »Gehen Sie ihr nach«, sagte er, »aber eilen Sie sich! Sie ist flinker als ein Jagdhund!«

Der Kerl ist verrückt, dachte Liers. Er ist sicherlich verrückt, kalkulierte er weiter. Dennoch folgte er dem Rate. Er hörte noch, wie der Mechaniker ihm nachrief: »Sie wohnt Große Frankfurter Straße neunzehn.« – – –

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