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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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IV.

Die Mansardenwohnung im vierten Stock der Luisenstraße hatte eine Glocke, die durch einen langen, schon verbogenen und verkrümmten Draht zum Schellen gebracht wurde. Unten am Draht war ein weißer, porzellanener Griff befestigt, der an verschiedenen Stellen Sprünge und Risse hatte.

Eine Dame stand vor der niedrigen Tür. Tief verschleiert. Sie las scheu auf einer Visitenkarte: Thomas Truck, cand. med.

Sie trug weiße Glacéhandschuhe mit dünnen, schwarzen Streifen.

Die Dame zögerte.

Der Griff der Glocke war staubig. Behutsam ergriff sie ihn und läutete zaghaft. Sie stand in banger Erwartung da.

Niemand öffnete.

Die Dame zog ein zweites Mal an dem Griff.

Niemand regte sich.

Da entschloß sie sich, herzhaft an dem Draht zu ziehen – und nun drang ein quälender Ton an ihr Ohr.

Gleich darauf hörte sie humpelnde Schritte. Eine alte, weißhaarige, gebückte Frau öffnete vorsichtig eine Türspalte.

Als sie die Dame sah, rief sie: »Jesus Maria!« – und unwillkürlich wischte sie sich mit einer schmutzigen, groben Schürze das runzlige Gesicht.

Die Dame fragte mit einer Stimme, die freundlich und demütig klang: »Kann ich vielleicht Herrn Thomas Truck sprechen?«

Die Alte sah sie eine Weile sprachlos, wie eine Erscheinung, an.

Die Dame begann sich unbehaglich zu fühlen.

»Nu gewiß können Sie das, nu gewiß«, sagte sie endlich. »Da will ich gleich mal –«

»Ach nein, führen Sie mich, bitte, an seine Tür, ich möchte ihn überraschen.«

»Nu, wie Sie möchten!«

Durch den engen Eingang schritten sie. Er war ein ziemlich langer, schmaler Korridor, in den sie traten. Vor der Tür am untersten Ende machte die Alte Halt und verschwand, nachdem sie noch einen erschreckten Blick auf den Besuch geworfen hatte.

Die Dame klopfte mit dem Zeigefinger. In dem weißen Handschuh entstand ein Geräusch, als ob eine Naht sich spannte.

Jemand, schien es ihr, kam von innen auf die Tür zu. Sie wurde blaß.

»Herein!« rief eine Stimme.

Sie öffnete, und zitternd stand sie, ohne sich zu rühren, auf der Schwelle des Mansardenzimmers.

Dieses schräge Zimmer war weiß getüncht. Die Decke schien getragen durch schwere Querbalken, deren Farbe an verschiedenen Stellen absprang. Ein eisernes Bett, ein eiserner Waschtisch, ein armseliges, grünes Sofa und ein viereckiger Tisch, rotbraun angestrichene Bücherregale machten sein Mobiliar aus. In der Ecke stand als einziger Schmuck ein uraltes Pult aus Mahagoniholz.

Sie hatte sich getäuscht. Thomas Truck war nicht aufgestanden – er saß an dem Tisch und schrieb. Er drehte sich nicht um, auch als die Tür geöffnet war.

Sie dachte einen Augenblick daran, wieder davonzuschleichen. Aber dann schüttelte sie den Kopf und schloß die Türe, die sie offen gelassen hatte. Durch dieses Geräusch gestört, wandte er sich. Und nun malte sich auf seinen Zügen Staunen und Verwirrung. Er glaubte wohl auch einen Augenblick zu träumen und rieb sich die Augen.

»Ich bin es«, sagte die Dame.

Er erhob sich schwerfällig. Und während er sich mit der einen Hand auf den Tisch stützte, ohne ein Wort des Grußes zu finden, machte er mit der andern eine einladende Bewegung.

Sie setzte sich auf das verschlissene Sofa, aber sie berührte es kaum. Sie wartete, daß er etwas sagen sollte. Aber er schwieg und sah sie nur unverwandt an.

»Ich habe auf Ihr Kommen gewartet all die Tage; Sie aber kamen nicht«, brachte sie endlich hervor, und es war ihm, als ob ihre Stimme weinerlich klang.

»Warum kamen Sie nicht? Sie mußte wissen, daß ich auf Sie wartete.«

»Ich wußte es.«

»Und dennoch kamen Sie nicht?«

»Ich hatte Furcht.«

»Vor mir?«

Bei dieser Frage sah er, wie die toten Augen leuchteten.

»Vor Ihnen und vor dem großen Hause!«

»Oh«, machte sie schüchtern, und zum erstenmal sah sie sich instinktiv in dem ärmlichen Zimmer um.

Sie blickte ihn großäugig und furchtsam an.

»Wie die Sonne hier scheint, und wie licht es ist!«

»Ja«, entgegnete er einfach.

»Sie müssen zu uns kommen.« Sie trat plötzlich auf ihn zu.

Er spürte einen feinen Duft wie von süßen Blumen, den sie ausströmte. Er blickte auf die Erde und streifte ihre weißen Handschuhe. Er glaubte, daß ihm schwindelte.

»Soll ich gehen?«

»Ja!«

Sie kehrte ihm den Rücken und wandte sich zur Tür. Aber dann drehte sie sich noch einmal um, und ihr bleiches Gesicht war durchsichtig. Sie hatte ihre Hände geballt, und er sah, wie die schwarzen Seidenfäden über ihre Knöchel gingen.

»Sie weisen mich von Ihrer Schwelle?« Durch ihre Stimme klang etwas wie verhaltene Klage.

Da nahm er ihre Hand und führte sie in das Zimmer zurück.

Seine Miene war hilfesuchend und verzweifelt.

»Was haben Sie?«

»Ich leide. – Ich werde zu Ihnen kommen, aber« – er stockte – »haben Sie Mitleid.«

Da ging etwas Unaussprechliches auf ihrem Gesichte vor. Es schien sich zu spannen; er sah es deutlich, wie ihr Hals klopfte, und wie auf ihre marmorweißen Züge ein paar flüchtige, rote Flecken traten, die sie festlich erhellten. Und wie leuchtete ihr Auge! Niemals, nein, niemals hatte er etwas Derartiges gesehen. Es brannte ihm in die Seele. Und wie sie ihn groß und voll anblickte, schien sie wie berauscht, wie eine Siegerin. Sie sagte jedoch nichts und reichte ihm nur zum Abschied die Hand, die er einen Augenblick in der seinigen hielt. Und diese Hand klopfte, als ob sie springen wollte, er spürte es deutlich.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, horchte er eine Weile stumm und lautlos, bis ihre Schritte verhallt waren.

Er setzte sich wieder an die Arbeit. Er wollte seine Gedanken über das religiöse Empfinden niederschreiben, die er an jenem Abend ängstlich für sich behalten hatte. Denn auch ihm war es eine Erkenntnis, daß ein heiliger Glaube dem neuen Menschen innewohnen müßte. Ein Glaube, den er sich erringen und erkämpfen, für den er sein Herzblut hergeben müßte.

Aber sein Arm versagte. Das weiße Papier lachte ihn höhnisch an. Und von den bereits beschriebenen Blättern erhoben sich die schwarzen Buchstaben übergroß und nahmen verteufelte Fratzen an, drohten ihm und höhnten ihn aus.

An kalten, dunklen Winterabenden, wenn der Schnee stöberte, oder der Wind in langgezogenem, jammernden Tönen pfiff, hatten sich bei ihm daheim in der Gesindestube die Dienstboten gruselige Geschichten von der weißen Dame erzählt. Und den Frauenzimmern waren die Köpfe rot geworden vor Furcht und Aberglauben. Er war einmal dazu getreten – sie hatten aufhören wollen. Doch eine unwiderstehliche Kraft hatte sie getrieben, weiter zu erzählen, immer schrecklichere und verwegenere Dinge. Er hatte an der Tür gestanden und lautlos zugehört. Dann war er abends zu Bett gebracht worden; die ganze Nacht hatte er die weiße Dame gesehen. Das fiel ihm jetzt alles ein.

Vielleicht war sie ihm heute wirklich erschienen und riß ihn mit sich fort? Hatte ihm nicht in seinem Innern vor etwas Derartigem gebangt? Und hatte er nicht gerade deshalb jeden Gedanken an sie wie etwas Sündiges von sich gewiesen? War er nicht gerade darum ihrem Drängen gegenüber starr und fest geblieben, obwohl ihn geheime Wünsche zu ihr zogen? Und was half nun all sein Wehren! Wie ein unbezwingbares Schicksal war sie in seine Mansarde gestiegen, hatte ihn überfallen und niedergerungen. –

Er wollte den Weg zur Klarheit finden. Das Leben, das auf ihm wuchtete, wollte er sich rein gestalten, sich die Bahn schaffen, die abseits von den ausgetretenen Pfaden lag. Und den dunklen, geheimnisvollen, stillen Wünschen der Kindheit wollte er Erfüllung geben.

So hatte er den Kreis von Menschen gesucht, die gleich ihm nach einer höheren Lebensführung sich sehnten – und nun kam die weiße Dame und legte über all sein Wollen und Grübeln eine weiße, schwere Wolke und graue, undurchdringliche Nebel.

Er mußte es sich eingestehen, daß er all die Tage trotz seines Widerstrebens keine Stunde sie vergessen hatte.

Wo er ging und stand, hatten ihn diese toten Sterne, die nur zuweilen inneres Leben verrieten; verfolgt. An den Wänden und Dielen seiner Kammer waren sie hin und her geschwirrt; und auf dem Pflaster der Straße, unter dem Getriebe all der Menschen waren sie dicht hinter ihm gehuscht und hatten ihn nicht mehr aus ihrem Bann gelassen. Er hatte das Schattenspiel zu beschwören gesucht – mit den Augen der Maria Werft, aus denen Glaube und Einfalt strahlten – mit dem düsteren Feuer der Josefa Gerving – mit dem fröhlichen, lachenden Blick der Charlotte Ingolf. Vergebliche Liebesmüh!

Es pochte von neuem an seine Tür.

Die alte Frau reichte ihm einen Brief. Sie blieb eine Sekunde im Zimmer stehen, als wartete sie irgendeines Befehls. Dann lahmte sie schwerfällig hinaus.

»Ah, Bettina!« Er öffnete hastig das Kuvert. Es waren winzige, kleine Buchstaben, mit zitternder Hand hingeworfen. Er las:

»Lieber Thom!
Was habe ich denn getan, daß Du mir nicht antwortest? Ich liege krank, und draußen ist es kalt und unfreundlich. Und wenn ich Schritte höre, denke ich, jetzt kommt ein Brief von Thom. Ach, Thom, warum tust Du das? Es ist so furchtbar, allein zu sein. Ich habe keinen Menschen der mit mir spricht. Die Wirtin bringt mir mein Essen, und einmal am Tage kommt der Doktor. Das ist alles. Ich liege jetzt schon vierzehn Tage. Das einzige, was ich habe, ist die Geige. Die liegt auf meinem Bett. Ich streichle sie – und dann denke ich an Dich, Thom, an Dich und den Garten. Der Doktor sagt, ich hätte mich überarbeitet. Das ist aber reiner Unsinn. Ich muß den ganzen Tag spielen, von früh bis Abend. Ich kann ja so wenig; und vor allem, ich kann nicht das, was ich können will. Thom, bist Du mir böse? Du schreibst so seltsames, kaltes Zeug. Wenn ich Deine Briefe lese, friere ich jedesmal. Gute Nacht, Thom, ich bin schrecklich müde und die Stirn tut mir so weh. Vergiß die Bettina nicht ganz und schreibe ihr einmal.«

Als er diesen Brief gelesen hatte, da tauchte die ganze Kindheit vor ihm auf. Er war in dem Garten – ging an Rotdorn und Buchen vorbei zum Weiher, wo die Tamara vor ihm stand im weißen Kleide und Bettina ihr zu Füßen kauerte. Er sah die Bodenkammer mit all ihren wunderlichen Heimlichkeiten – und er sah den Vater und die fremde Frau, und im Hintergrunde stand der Prediger und blickte ihn ernst, milde und gütig an.

Eine schneidende, bittere Sehnsucht durchdrang ihn. Aber dann schwanden die Bilder, und vor ihm stand sie, die in seine Mansarde gekommen war, um ihn zu holen. Und wieder vernahm er ihre schmeichlerische, verlockende Stimme – und wieder sah er ihre Augen.

Er lächelte durch sein Weh hindurch.

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