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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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III.

Der Abend war nun einmal angebrochen – man wollte sich nicht trennen. Man bog durch Seitengassen in die Friedrichstraße ein und ließ das bewegte Nachtleben dieser seltsamsten Straße Berlins auf sich einwirken. Es herrschte eine Fülle und ein Gedränge, als wäre es heller, lichter Tag. Alles, was in der Großstadt zu Gaste war, schien sich hier noch ein nächtliches Stelldichein zu geben.

Wie ein schmaler, langer Korridor zieht sich die Straße hin, und wohl eine volle Stunde braucht der Fußgänger, der sie durchschreiten will.

Die Nachtlichtgesellschaft ging wie eine kleine Karawane befremdender Gestalten ihren Weg.

Die Vorübergehenden starrten ihnen ins Gesicht, und manche lachten ob des wunderlichen Zuges.

Thomas empfand die Straße wie einen furchtbaren Irrgarten, wie ein entsetzliches Bild der Verführung, der Prunksucht und des Jammers. Bierpaläste und anrüchige Lokale kündeten sich durch weiße, rote, grüne, blaue Laternen an. An den Häusern waren in allen Farben schillernde Transparente befestigt, die für den Großstadtschacher arbeiteten, auch in der Nacht, die doch dem Frieden und dem Schlaf gehört. Verrückt gebaute Kasten, alten Postkutschen nicht unähnlich, wurden von matten Gäulen gezogen und schleppten die Schwärmer heim. Die Schaufenster der Geschäftsläden waren geöffnet und oft sogar durch elektrisches Licht erhellt; vor gierigen Augen lag in buntem, wirrem Durcheinander aufgestapelt, was saurer Fleiß geschaffen. Hier holländische Schnäpse – dort seidene Blusen – da riechende Wasser, dicht daneben elegantes Schuhwerk – in einer anderen Auslage amerikanische Kassen, die durch einen Mechanismus bewegt, unaufhörlich mit ihren Kupons arbeiteten.

Und in dem Gedränge genießender Menschen bewegten sich verkrüppelte Gestalten. Verwachsene Kinder mit blassen, lasterhaften Gesichtern verkauften Wachsstreichhölzer. Zeitungsverkäufer schrien mit heiseren, versagenden Stimmen aus. Blumenverkäuferinnen suchten ihre welke Ware noch an den Mann zu bringen. Händler, die kleine Hündchen an sich gedrückt hielten, spähten nach Liebhabern. Mädchen aus der Heilsarmee schwirrten mit ihren breitkrempigen Hüten vorüber und boten den »Kriegsruf« an. In den noch geöffneten Zigarrenläden standen sorgenlos lachend und mit den Verkäufern plaudernd vereinzelte Dandies. Geputzte Damen mit geschminkten Gesichtern und auffallenden Kostümen huschten wie dreiste Nachtvögel vorüber.

Alles das sah Thomas, und er glaubte, daß ihn die Dinge niemals vorher so geschmerzt hätten.

Jemand kam auf den Gedanken, ein paar der »feinen« Lokale des Nordens abzuklappern – man müßte auch diese Seite der Großstadt kennenlernen. Man kam in eine Kneipe, die einem Bretterverschlag glich. Es war ein großer Raum, der achthundert Personen faßte und am oberen und unteren Teil eine Bühne zeigte. Kommis voyageurs und Ladenmädchen, Bürgersleute, Arbeiter, ein paar Postbeamte saßen friedlich nebeneinander und erbauten sich an den Kunstgenüssen. Frauenzimmer in entsetzlichen Maskeraden mit stumpfen Mienen sangen der lauschenden Versammlung gewagte Couplets vor. Sie hatten in ihren Kehlen keinen Ton – und dennoch wurden ihre kreischenden, unmöglichen Laute bejubelt und beklatscht.

Man drängte zum Ausgang.

Studiosus Bechert sagte im Tone trauriger Entrüstung: »Das sind die Trauerandachten, die unser Volk hat.«

Vor einer anderen Kneipe, ein paar Schritte weiter, stand der Wurstmax, ein großer Kerl, mit einem gerade gezogenen Scheitel und einem entsetzlich langen, spitz gedrehten Schnurrbart. An seiner weißen Schürze, die den ganzen Körper deckte, trug er einen durch einen Gurt befestigten Kessel, in dem seine »Wiener und Jauerschen« schmorten. In einem blauen Beutel hatte er eine Kognakflasche. Jeden vorübergehenden Jüngling hielt er an und duzte ihn, indem er schwadronierend ihm seine Ware anbot. Und all die Jünglinge schienen ihn zu kennen. An jedem Finger seiner Hand trug er Messingreifen, in denen geschliffene Gläser von einer lächerlichen Größe als Simili-Brillanten gefaßt waren. Mit seinen negerhaft geschmückten Händen fuchtelte er in der Luft umher. Sein Redeschwall setzte nicht eine Sekunde aus. Dabei hatte dieser Fleischergeselle den schnarrenden Ton eines Leutnants. In der aufdringlichsten, gemeinsten Weise, immer abgerissene Sätze hervorsprudelnd, kramte er vor den Passanten der Straße die Geheimnisse seines Viertels aus. Er kannte die Geschichte jeder Dirne, er führte über sie alle gleichsam Buch.

Auch in dieses Lokal, vor dem der Wurstmax Posten stand, begab man sich. Es war das nämliche Schauspiel, nur daß diesmal noch eine Damenkapelle aufspielte. Ein Arbeiter mit einem erloschenen, krankhaften Gesichtsausdruck hing mit seinen Blicken wie gebannt an dem Podium.

Man blieb kaum fünf Minuten. Der üble Geruch stieg einem zu Kopf. Die Frauen der Gesellschaft hatten neugierig die Vorgänge betrachtet, und die Studentin sagte beim Hinausgehen nachdenklich: »Wie will man mitreden, wenn man alles das nicht gesehen hat.«

Bei diesen Worten lachte Josefa spöttisch auf, und alle drehten sich nach ihr um. Sie ging an Fründels Arm, und ihr Gesicht hatte etwas bewußt Schadenfrohes.

»Warum lachen Sie?« fragte die Studentin.

Und alle blieben mitten auf der Straße plötzlich stehen, um die Antwort der Josefa zu hören.

Josefa schwieg.

Vor einer kleinen Konditorei mit niedrigen Fenstern stand der Zug still. Man trat ein.

Der Raum, der aus drei engen Zimmern bestand, war dicht gefüllt. An den kleinen Marmortischen saßen nur Studenten und lachende Mädchen. Es herrschte unter ihnen ein eigentümlich kameradschaftlicher Ton. Die Mädchen hatten sich den studentischen Jargon der jungen Leute angewöhnt. Die eine rief: »Ich komme dir 'n Stück!« die andere schrie: »Auf dein Spezielles einen Halben!« und eine dritte, die etwas Anstößiges gesagt hatte, hob ihr Glas in die Höhe und sagte: »Ich löffle mich mit einem Ganzen!«

Die Studenten hatten verhältnismäßig frische Gesichter. Man sah es ihrer Kleidung und ihrem ganzen Gebahren an, daß sie nur über einen bescheidenen Wechsel verfügten. Und diese Frauen, die mit ihnen zärtlich taten, ihnen ihre Erlebnisse erzählten und andererseits genau von ihrem Treiben Kenntnis zu haben schienen, verkehrten mit ihnen gewiß aus keinen eigennützigen Gründen. Den Rest ihres Idealismus und ihrer Sehnsucht trugen sie in das enge Studentencafe, das mit schlechten Abdrücken und lächerlich geschmacklosen Portieren geschmückt war. Sie erschienen hier anspruchslos, gutartig und nett.

Jede Nacht konnte man hier die nämlichen Gestalten sehen, die auch eine Art von Abendgesellschaft bildeten. Die Leute vom Nachtlicht wurden von verwunderten Gesichtern angestarrt, und sie selbst blickten befremdet auf diese Art von Geselligkeit.

Man setzte sich.

Die Studentin, Charlotte Ingolf, drängte sich neben Josefa. Sie nahm sie scharf ins Auge.

»Wenn man jemanden auslacht, Fräulein, so muß man ihm wenigstens den Grund sagen; ich nehme Ihnen das Auslachen an sich nicht übel, fügte sie methodisch hinzu, »aber wissen möchte ich –«

»Sie ist störrisch«, entgegnete statt ihrer der Mechaniker. »Wenn sie nicht will, will sie nicht. Ich kenne sie.«

»Du kennst mich nicht!« schrie das Mädchen, und ihre Stimme klang zornig.

»Gut, ich kenne dich nicht!«

»Weswegen ich gelacht habe?« Sie warf den Kopf wie eine Fürstin zurück. »Ich lache, wenn die feinen Damen ein Zipfelchen Elend sehen und dann meinen, sie kennen uns, sie kennen das Volk!«

»Ich bin keine feine Dame.«

»Gegen mich sind Sie eine Dame.«

»Vielleicht haben Sie recht!«

Josefa biß sich auf die Lippen.

»Warum kränkst du die Dame?« fragte der Mechaniker.

»Ich kränke niemanden.«

Sie suchte sich zur Ruhe zu zwingen, aber aus ihren Augen zuckten Flammen.

Liers blickte sie starr an, und dem Musiker flüsterte er zu: »Haben Sie je so etwas Schönes gesehen?«

Josefa fühlte seinen Blick. Sie nahm bloß die Hand des Mechanikers und streichelte sie.

Neben Thomas Truck saß Maria Werft. Sie trank nur tropfenweise ihren Kaffee. Einmal glaubte sie, daß Thomas es bemerkt hätte, da sagte sie halb entschuldigend: »So eine Tasse kostet fünfundzwanzig Pfennig; nur am Nachtlichtabend trinke ich solchen Extrakt.« Und bedrückt fügte sie hinzu: »Wie kann man fünfundzwanzig Pfennig für so eine Tasse Kaffee verlangen?«

Stud. theol. Bechert hatte Lissauer in ein Gespräch verwickelt.

»Mir sind die Juden sympathisch«, meinte er, »die die Fahne von Zion hochhalten.«

Lissauer sah spöttisch zu ihm empor.

»Es wäre ihnen wohl angenehm, uns los zu werden?«

»Das ist eine Frage für sich!«

»Gnädiger Herr, glauben Sie?« fragte Maria Werft plötzlich Thomas Truck. Bei diesen Worten zitterte sie.

»Warum nenne Sie mich ›gnädiger Herr‹?«

»Sie sind doch ein gnädiger Herr?« gab sie ängstlich zurück.

»So etwas dürfen Sie nie zu mir sagen, es schmerzt mich. Im übrigen«, fügte er ernsthaft hinzu, »ich weiß nicht, ob ich glaube.«

»Oh!« machte sie verwundert.

An einem Nebentische verabschiedeten sich zwei hochgewachsene Mädchen. Sie wollten noch in Embergs Tanzsäle und suchten die Studenten zum Mitgehen zu verleiten.

»Impossibile – habe gerade noch eine Mark«, entgegnete der eine.

Das Mädchen lachte und zeigte dabei ihre weißen Zähne.

»Ich kann dir borgen, ich bin bei Kasse!«

Der Student lehnte es kurz ab, und die beiden verließen das kleine Cafe.

»Warum sind Sie den ganzen Abend so still gewesen?« fragte die Maria wieder leise.

»Es gab so viel zu sehen und zu hören.«

Sie nickte.

Thomas hatte mit ihr ein unsagbares Mitleid und den Drang, gegen sie freundlich zu sein. Sie merkte das und wurde noch bleicher.

»Was ist Ihnen?« fragte er.

»Gar nichts, gar nichts«, antwortete sie hastig und legte die Hand an ihr klopfendes Herz. »Ich bin so glücklich«, fügte sie, nur für ihn hörbar, hinzu.

Sie erzählte ihm unaufgefordert von sich. Sie hatte fünf Geschwister; auch ihre Eltern lebten noch. Aber sie sei von ihnen gegangen, denn sie sei die einzige, die die Gnade und den Glauben habe. Darum sei sie zu Hause gepeinigt worden und darum sei sie davongelaufen. »Denken Sie«, sagte sie noch einmal, »ich bin die einzige, die die Gnade und den Glauben hat! Frau Brose hat mich ins Nachtlicht gebracht. Sie glaubt zwar auch nicht, aber Gott wird ihre Seele retten!«

Sie sah zu der Malersfrau hinüber, und es schien, als ob diese, so entfernt sie von ihr saß, doch jedes Wort gehört habe. Sie nickte ihr lächelnd zu.

Was sind das alles für Menschen! dachte Thomas im stillen, und immer beklommener wurde ihm zumute.

Ganz unvermittelt stand die Josefa auf. Sie zog ihr weißes Cape an und setzte sich die Pelzmütze auf.

Der Mechaniker ging gerade auf Thomas zu.

»Würden Sie vielleicht das Fräulein nach Hause bringen?« fragte er. Erklärend fuhr er fort: »Ich habe da noch einige Sachen von Abraham Gebhardt zu hören, die mich festhalten.«

Thomas erhob sich. Es war keine Zeit, Fragen zu stellen; auch hatte er kein Verlangen danach.

Die Ingolf schickte sich ebenfalls zum Gehen an.

Studiosus Bechert sah ungeduldig auf seine Uhr; aber Lissauer ließ ihn nicht aus dem Gespräch.

Als Thomas mit den beiden Mädchen das Kaffee verließ, saß Maria Werft wie verloschen mit gefalteten Händen da und starrte, gleichsam abwesend, vor sich hin.

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