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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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II.

Es war acht Uhr abends. Aus dem großen Universitätsgebäude unter den Linden, das so frei und stolz daliegt, strömte eine Anzahl von Studenten aus den letzten Kollegien auf die Straße.

Unter ihnen befand sich Thomas Truck, der in seinen freien, von der Medizin nicht besetzten Stunden nationalökonomische Vorlesungen hörte. Er kam aus einem Kolleg des Professors Wagner, das über die Arbeiterfrage gehandelt hatte.

Er war müde und abgespannt. Er warf einen flüchtigen Blick auf die marmornen Statuen der beiden Humboldt, die als Schutzhelm der Geistesfreiheit vor der Universität gleichsam Posten stehen. Langsam und gemächlich schlenderte er dann dahin. Vor den Auslagen mancher Fenster verweilte er und betrachtete sie zerstreut. Er hatte bald die Friedrichstraße erreicht, und von da ab beschleunigte er seine Schritte.

An der Weidendammer Brücke machte er einen Augenblick halt und sog den frischen Geruch der aufgestapelten Äpfel ein, die in den Spreekähnen verladen waren. Und als er längst hinter der Brücke war, hatte er noch diesen Duft in der Nase und freute sich an dem sinnlichen Behagen, das ihn dabei durchströmte.

Er bog in eine Seitengasse ein und nun führte ihn der Weg durch schmale Straßen. Vor einem verräucherten, alten Hause blieb er stehen und trat in den engen Flur, der durch eine schmutzige, übelriechende Petroleumlampe dürftig erhellt war. Er schritt über den Hof bis zum Treppenhaus und stieg die Stufen empor, die schief und abgetreten waren. Ganz oben im vierten Stock, der unter dem Dache lag, schöpfte er Atem. An der Tür war ein kleines Messingschild befestigt, auf dem stand: Brose, Maler.

Von drinnen hörte er laute Stimmen. Er pochte mehrere Male, bis ihm von einer großen, vierschrötigen Frau geöffnet wurde, die auf den ersten Anblick einen geradezu grotesken Eindruck hervorrief.

Zunächst fiel einem die unmäßig entwickelte Nase auf, die das ganze Gesicht zu beherrschen schien. Unter ihr sproßte etwas, das einem schon stark im Werden begriffenen Schnurrbart verzweifelt ähnlich sah. Dabei hatte sie dicke Lippen, eine niedrige Stirn, unter der kleine Äuglein energisch und gutmütig zugleich in die Welt blickten. Vor allem aber wirkte sie ungeheuer schwer und massig durch ihre breiten Hüften. Sie hatte unbedingt etwas Imposantes.

»Guten Abend«, sagte Thomas, und die dicke Frau nahm seine Hand, die sie mit einem so nachhaltigen Drucke festhielt, daß Thomas sie ihr lachend entwinden mußte. Die Händedrücke der Liers hatten in dem Kreise eine gewisse Berühmtheit.

»Sie kommen aber 'n bißchen spät«, meinte sie und half ihm die Sachen ablegen. »Die anderen sind fast alle schon da.«

»Wie geht's denn?« fragte er statt aller Antwort, während er seinen Mantel unterzubringen suchte.

»Schlecht!«

Thomas sah sie mit einem verschmitzten Lächeln an.

»Lachen Sie nur nicht«, sagte sie in einem Ton, der halb komisch, halb unwillig klang. »Er hat jetzt sein Ideal erreicht – er schläft nur noch!«

»Da kann man ja gratulieren!«

Sie stemmte die Arme in ihre breiten Hüften und sah ihn verdächtig an. »Sie wollen sich doch nicht über meinen Mann lustig machen?« fragte sie, und aus ihrem Ton klang eine gewisse Gereiztheit wider.

Thomas lachte hell auf. »Fällt mir nicht im Traum ein. Es ist doch eine bekannte Sache, daß die Dichter gern schlafen.«

»Uzen Sie mich?«

»Ich denke gar nicht daran. Aber Sie werden mir zugeben, daß der Herr es denen, wenn irgend welchen, im Schlafe gibt – also muß er schlafen.«

Sie erwiderte trocken: »Allen Respekt vor Ihnen – aber das Dichten stellen Sie sich doch ein wenig leicht vor. Sie dürfen mir's schon glauben«, setzte sie ernsthaft hinzu.

Die Tür des großen Zimmers wurde aufgerissen. »Wo bleibt er denn?« rief eine Stimme heraus.

Nun traten sie in einen saalförmigen Raum ein, der Oberlicht hatte und offenbar Atelier war. Zunächst konnte man das nicht ohne weiteres konstatieren, denn Wolken von Rauch und Qualm drangen einem entgegen. In einer Ecke befand sich ein riesiger eiserner Ofen, der überheizt war und eine furchtbare Glut ausströmte. Die im Zimmer waren aber so in Bewegung und Erregung, daß sie davon nichts zu merken schienen. Eine große Hängelampe verbreitete ein zweifelhaftes Licht, das durch ein paar Kerzen verstärkt wurde.

An den Seiten standen Staffeleien, an den Wänden hingen Skizzen und Bilder. Ganz verborgen war ein niedriges, altmodisches Klavier. War der Blick erst durch den Qualm und Rauch gedrungen, so entdeckte er eine lang aufgestellte Tafel, die sich durch den korridormäßigen Raum zog und von Stühlen umgeben war.

»Kommen Sie mal«, sagte die Hebamme und faßte Thomas energisch am Arm.

Dann schleppte sie ihn vor einen jungen Mann mit außerordentlich sympathischen Gesichtszügen,, die etwas Weiches, Edles, Freundliches und Schläfriges hatten. Seine Gestalt war jünglinghaft und biegsam, sein Auge braun und groß, bald von melancholischer Düsterheit, bald sanft und kindlich. Der etwas breite, sinnliche Mund war von einem zarten Flaum beschattet. Er hatte prachtvolle, gesunde Zähne und volles schwarzes Haar, das vor Jugend glänzte.

Er streckte mit einer anmutigen Bewegung Thomas die Hand entgegen und lächelte seine riesige Frau gutmütig an.

Er war mindestens zwölf Jahre jünger als sie und konnte kaum das vierundzwanzigste Jahr überschritten haben.

»Weißt du, was er sagt?« rief sie und wies auf Thomas hin – »er sagt, daß das Schlafen schädlich ist, und er muß es ja wissen, da er Medizin studiert. Und die Ärzte, mit denen ich zusammenkomme, meinen es auch.«

Der junge Mann lächelte wieder.

»Das ist ein so schwieriger Punkt«, entgegnete er. Und etwas maliziös fügte er hinzu: »Darüber hat man schon sehr viel nachgedacht, mein Kind!«

Dieses Wort wirkte auf sie offenbar beruhigend. Immer wenn er »Mein Kind« zu ihr sagte, fühlte sie sich besiegt. »Wenn du bloß schlafen würdest, ginge es ja noch. Aber Sie machen sich gar keinen Begriff« wandte sie sich an Thomas, »wo der überall seine Nächte studienhalber zubringt! Am Tage ist er hektisch und in der Nacht elektrisch«, schloß sie, und nun lachte sie wirklich ein wenig bitter auf.

Der junge Mann machte einen schüchternen Versuch, seine Arme um ihre breiten Hüften zu legen – das mußte natürlich mißlingen, aber schon die Absicht versöhnte sie. Sie gab ihm einen schmatzenden Kuß und mischte sich unter die anderen.

Diese Ehe war unter besonderen Bedingungen zusammengekommen. Die Liers war im Armenbezirk des Nordens seit mehreren Jahren Hebamme, und er hatte bei ihr in seiner Studentenzeit als Aftermieter gewohnt. Sie hatte ihn wie ein Kind verhätschelt und schließlich, als er von der Bücherei und den Studien zum Dichten überging, eines schönen Tages geheiratet. Miete hatte sie nie einen Pfennig von ihm erhalten, und auch für seine leibliche Kost hatte sie all die Jahre gesorgt. Da hielt sie es für praktischer, wenn sie ihn kurzerhand zu ihrem Eheherrn machte.

Sie liebte ihn mit einer kräftigen, gutmütigen und zornigen Liebe zugleich. Niemand durfte gegen ihn etwas sagen. Aber sie selbst nahm ihn zuweilen heftig ins Gebet. Und die Eingeweihten wollten wissen, daß es Dinge gab, wo ihre Liebe in solche Heftigkeit umschlug, daß der Dichter Liers die Gewalt ihrer festen und starken Hände zu spüren bekam. Denn diese Hände waren ein Unikum. In der ganzen Umgegend sprach man mit Furcht und Hochachtung von ihnen. Es war im Viertel eine bekannte Geschichte, daß sie bei der Niederkunft einer elenden, armen Frau den Gatten, der ein Tagedieb war und sich aufspielte, buchstäblich verhauen hatte.

Vor ihrem Manne hatte sie an sich einen großen Respekt, wie ihr überhaupt geistige Dinge durchaus imponierten und sie selbst denkscharf und mit einem gesunden Mutterwitz begabt war. Dazu hatte sie viel im Leben gesehen und beobachtet und wußte aus ihrer Praxis launig zu erzählen.

Niemand in dem Kreise hatte sich über die Heirat gewundert, oder sie gar übel genommen. Man betrachtete vielmehr die Geschichte als einen Glücksfall für den Dichter, den sie alle gern hatten wegen seines Leichtsinns, seiner Schnurren und seiner merkwürdigen Lebensauffassung, die in einem Hasse gegen alle Arbeit gipfelte. Und weil er nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich seine Grundsätze durchführte, und zu keiner regelrechten Beschäftigung und Arbeitsweise zu bringen war, respektierte man ihn. Man sah in ihm einen Menschen von Prinzipien, der es für selbstverständlich hielt, daß ihn diese gutmütige Person versorgte und bemutterte.

Freilich, mit dem Bemuttern hatte es nach einer bestimmten Richtung hin gewisse Schwierigkeiten, und gerade daraus entwickelten sich die ernsthaften Konflikte in ihrem Zusammenleben. Eine Klingel ertönte. Das Gewirr und Gebrodel der Stimmen hörte allmählich auf, und die Anwesenden setzten sich um die lange Tafel.

Derjenige, der das Zeichen zum Schweigen gegeben hatte, war der Hausherr, eine muskulöse Gestalt, schlank und von feinem Gliederbau mit einem glattrasierten Gesicht, das einem Römerkopfe glich. Er trug das Haar kurz geschoren, und auf seinen Zügen lag etwas Versonnenes und Grüblerisches, aber vor allem unbeschreibliche Güte. Er war salopp gekleidet und trug weiße, wollene Wäsche, die einen famos geformten, edlen Hals frei sehen ließ. Er mochte in der Mitte der Dreißig stehen.

Seine Frau saß neben ihm. Sie trug volles, rotes Haar und war über den ersten Frühling hinaus. Sie hatte ernste und durchfurchte Züge, die etwas Strenges, Ehernes und beinahe Kriegerisches zeigten und ihrem Alter nach schwer zu bestimmen waren. Ihr Aussehen war in der Regel finster und zeigte die Spuren eines harten Lebenskampfes. Aber sobald sie die Augen auf ihren Mann richtete, kam in ihr Gesicht beinahe etwas Schwärmerisches, so daß es wunderbar verklärt und anziehend wurde.

Der Maler begrüßte die Anwesenden, und auf die Hängelampe deutend, sagte er: »Das Nachtlicht hat zu glühen begonnen, und wenn es auch nur einen spärlichen Schein von sich gibt, so leuchtet es doch wie eine gütige Sonne in unsere Dunkelheit und wirft die ersten Schimmer der Freude und Helle auf die finsteren Wege, die uns noch von der Zukunft absperren. So begrüße ich denn euch, Freunde, die ihr wieder im Nachtlicht zusammengekommen seid, um hier gemeinsam zu denken und zu empfinden. Nunmehr erteile ich zum Verlesen des Protokolls Herrn Blinsky das Wort.«

Am untersten Ende der Tafel erhob sich ein kleiner Herr mit dünnem Haarwuchs und einer Utopistenstirn. Der Kopf war von einem verhältnismäßig großen grauen Vollbart eingerahmt; in dem charakteristischen Gesicht fielen sofort die hellen Augen auf, die aus den Höhlen hervorzuquellen schienen. Man kam beim Anblick dieser Augen, die hinter goldenen Brillengläsern ruhten, sofort auf den Verdacht, daß ihr Besitzer an der Basedowschen Krankheit litt.

Mit einer Stimme, die eine ostpreußische Tonfärbung hatte, las er: »Protokoll der letzten Sitzung der Teilnehmer am Nachtlicht: Lissauer spricht über Zionismus. Er legt die Bestrebungen des Zionbundes dar und sucht nachzuweisen, daß die modernen Juden, vergewaltigt und unterdrückt, als Fremde in fremden Staatswesen leben. Nur der engste Aneinanderschluß mit dem Ideal einer in sich beruhenden und nur auf sich stehenden Gemeinschaft bedeutet für den modernen Juden die Befreiung aus Wirrsal und Ketten. An die Ausführungen des Vortragenden knüpft sich eine lebhafte Debatte, indem die Stellung des Judentums im Völkerkonzert beleuchtet wird. Die Ideen des Vortragenden werden scharf zurückgewiesen und von einigen Rednern als lächerlich gekennzeichnet. Es wird geltend gemacht, daß die Kulturaufgabe der Juden gerade durch ihr Zersplittertsein eine solche Bedeutung bekam. Es wird vor allen Dingen darauf hingewiesen, daß in unserem Kreise, wo die Entstaatlichung und Heranbildung der freien Persönlichkeit Lebensziel und Lebensarbeit ist, derartige Sonderbestrebungen, die mehr aus einem irregeleiteten Gefühl als aus einer tiefen Erkenntnis entspringen, keinen Boden haben. Nicht das unterdrückte Judentum, sondern der unterdrückte und zur Freiheit sich erhebende Mensch nehme unsere Anteilnahme in Anspruch. Gegenüber dieser Aufgabe sei die Judenfrage für unseren Kreis von keiner Bedeutung. Am Schlusse der Diskussion schränkt Lissauer seine Thesen ein.«

»Hat jemand gegen das Protokoll etwas einzuwenden?« fragte Brose.

Ein kleiner, buckliger Mann mit einer mächtig ausgearbeiteten Stirn und fanatisch glühenden Augen und einem dünnen, schwarzen Schnurrbart unter der semitisch gebogenen Nase und pechschwarzen Haaren, die glatt zurückgekämmt waren, erhob sich. Es war Lissauer.

»Ich mechte nurr bemerken«, sagte er, »daß ich in meinem Vortrage nicht nurr eigne Anschauungen, sondern mehr noch ein Referat über die Ideen andererr gegeben habe, ohne mirr damit so vollkommen zu identifizieren wie das Protokoll voraussetzt.«

»Err schnappt ab!« rief seine Frau, eine magere Person, die neben ihm saß.

Sie war auffallend häßlich, ohne doch abstoßend zu wirken. Sie hatte einen flachen Brustkasten, ganz dünnes, schmutzigbraunes Haar, das in einen armseligen Knoten auslief, eng zusammenstehende Augen und aufgeworfene Lippen. Auf der rechten Backe zeigte sich ein großes Muttermal, das wie ein roter Brandflecken aussah. Aber ihre braunen Augen hatten Intelligenz und Leuchtwärme.

Lissauers waren russische Juden, die nach Berlin übergesiedelt waren und hohe Protektion gefunden hatten. Die Frau tat nichts Lieberes, als ihre Geschichte zu erzählen, die immer mit einem Hymnus auf ihren Mann endigte.

Professor der Medizin hätte er werden können, wenn er nur gewollt hätte! Als armer Student hatte er im Moskauer Krankenhause gelegen und dem Chefarzt eines Tages eine Theorie zur Behandlung des Carcinoms überreicht – die Augen hätten die Professoren aufgerissen! Er sollte sich taufen lassen, man würde für seine Ausbildung sorgen und ihm eine glänzende Karriere sichern. Sie schwelgte in Erinnerungen. Ihre Augen funkelten, und mit freudigem Frauenstolz berichtete sie weiter, wie er noch siech und elend das Krankenhaus verlassen habe, um keinerlei Versuchung auf sich wirken zu lassen. Dann hatte er sie kennengelernt, die sich in seinen Buckel und seine hohe Stirn verliebte. Er aber hätte sie auf ihr brandiges Muttermal geküßt, und so seien sie Mann und Weib geworden.

Lissauer hatte die Medizin an den Nagel gehängt, um freier Schriftsteller zu werden. In ihm, dem verkümmerten Menschen, wucherte verletztes Ehrgefühl und der ganze Groll des mißhandelten und getretenen Juden. Er haßte bitter alles Bestehende – er haßte diese emporgekommenen westeuropäischen Juden, die in ihrem Wohlleben und Schlemmerdasein die Sache der Glaubensgenossen verkuppelt hatten. Der Gedanke an Zion erfüllte ihn mit Ernst und Feierlichkeit. Sein Denken ging nicht darüber hinaus. Bevor er geheiratet hatte, war er nur von der einen Idee erfüllt, die große jüdische Kolonie ins Leben zu rufen. Mit dem leidenschaftlichen Temperament eines Menschen unseres Jahrhunderts, der alles feste Land hinweggleiten sieht, hatte er sich an diesen Plan geklammert. Es war der letzte Posten, den es zu verteidigen gab. Er verbiß sich in sein Zionistentum, je mehr er dunkel zu ahnen begann, daß die Verachtung gegen das Wesen des Staates überhaupt von ihm Besitz genommen hatte.

Wenn die Lissauer auf ihren Mann zu sprechen kam, so hob sie sich das Beste für den Schluß auf. Und dieses Beste bestand darin, auf welche Art sie aus dem Elend herausgekommen waren.

Sie hatte das Genie in den Fingern und Benjamin Lissauer hinter der Stirn, und so hatten sie sich nicht nur körperlich, sondern auch mit ihren Intelligenzen vermählt. Benjamin hatte ihr das Modell zu dem Korsett gezeichnet, wie es eben nur ein gelehrter Doktor kann, der die Anatomie des Körpers kennt. Dieses Wort »Anatomie« sprach sie jedesmal mit gespreizter Betonung aus. Und jetzt hatte sie in der Wilhelmstraße ihr Atelier, wohin die feinen Damen strömten. Die Dicken wurden dünn und verloren ihre Hüften, und diejenigen, die keine Brüste hatten, erschienen in ihrem Kunstwerk voll und stattlich. Sie alle bekamen bei ihr Figur – das hatte sich windschnell in der Stadt verbreitet. Jeder Käuferin teilte sie beim ersten Besuch mit, daß zu ihren Kundinnen die Prinzessin von Hohenlohe zählte.

Ihre Korsetts waren unzerreißbar – aber die Prinzessin bestellte alle sechs Wochen ein neues. Die Prinzessin konnte es sich eben leisten.

Seit sie die Hohenlohe zu ihren Kundinnen zählte, waren die Korsetts um ein Erkleckliches teurer geworden. Sie schüttelte sich vor Lachen, wenn sie die Geheimnisse der eitlen Damen zum besten gab. »Sie glauben an mirr, wie an das Evangelium.« Und während sie ihre Korsetts schneiderte, konnte ihr Mann schriftstellern und an seinem Ruhm arbeiten. Sie sah mit einem heiligen Respekt zu ihm auf; und inmitten ihres Redeschwalls verstummte sie, wenn einer seiner strengen Blicke sie traf. Denn dieser kleine, bucklige Fanatiker war der Herr im Hause, der die Zügel in starken Händen hielt.

Da niemand mehr zum Protokoll das Wort verlangte, eröffnete der Maler die Tagesordnung. Das Thema lautete: »Freie Diskussion über die religiösen Empfindungen im Menschen.«

Man suchte dem Begriff des religiösen Empfindens zuerst historisch beizukommen. Der Volksschullehrer Heinsius wies auf die verschiedenen Zeiten hin. Für ihn war Religion eine Ausgeburt menschlicher Schwäche, Feigheit und Niederträchtigkeit. Er liebte die starken Ausdrücke, und in abgerissenen Sätzen, die zuweilen von einem trockenen, kurzen Husten unterbrochen wurden, erklärte er, daß die Wurzeln der Religion in dem Elend und in dem Jammer der Menschen ihren Halt fänden. Und vom religiösen Empfinden, führte er weiter aus, sei man zum Jenseitswahn, Jenseitsspuk, zur Entelechie, zur Unsterblichkeit gelangt. Ein freches Gaukelspiel, durch das man sich für die Lasten und den Gram auf Erden im Himmel entschädigen wollte. Es sei ein hervorstechender Zug in der jüdischen Glaubenslehre, daß sie sich von solchem Unfug freigehalten habe. Er zog ein Notizbuch aus der Tasche, blätterte darin, und las mit lauter Stimme: »Im Prediger Salomonis 3,19 bis 22 lesen wir: ›Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh, denn es ist alles eitel. Es fähret alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Geist des Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre. Darum sage ich, daß nichts besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein Teil. Denn er will ihn dahin bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird.‹«

Er hielt einen Augenblick inne und sah über die Tafel hinweg.

»Ich bin noch lange nicht fertig«, begann er von neuem. »Der Prediger Salomonis sagt ferner Kapitel 2, Vers 16: ›Denn man gedenkt des Weisen nicht immerdar, ebensowenig als des Narren, und die künftigen Tage vergessen alles; und wie der Weise stirbt, also auch der Narr!‹«

»Wollen Sie uns etwa die ganze Bibel vorlesen?« rief jemand.

Er lachte hart auf. »Bitte unterbrechen Sie mich nicht«, entgegnete er, und seine Stimme überschlug sich fast. »Es kommt noch ganz anders. Im Buche Hiob, Kapitel 14, kann man des weiteren lesen: ›Ein Baum hat Hoffnung, wenn er schon abgehauen ist, daß er sich wieder verändere, und seine Schößlinge hören nicht auf. Ob seine Wurzel in der Erde veraltet und sein Stamm in dem Staube erstirbt, so grünet er doch wieder vom Geruch des Wassers und wächst daher, als wäre er gepflanzet. Wo ist aber ein Mensch, wenn er tot und umgekommen und dahin ist? Wie ein Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich legt, und wird nicht aufstehen und wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibet, noch von seinem Schlaf erwecket werden.‹«

Er hielt inne. Er war ganz blaß geworden und rang nach Atem. Man sah ihm gleichsam die Wonne an, die ihm die vorgelesenen Stellen bereiteten.

»Ich könnte Ihnen noch eine Unmasse solcher Zitate geben. Ich verzichte darauf. Aber ich rufe Ihnen die Stelle aus der Odyssee ins Gedächtnis, wo Achilleus im Hades sagt, er möchte lieber der niedrigste Knecht auf Erden, als der Fürst der Schatten sein. Sie sehen also, daß die altjüdische und die griechische Anschauung sich decken; nur, daß die Juden auf den Hades freiwillig verzichten.«

Nach diesen Worten sah er plötzlich die Anwesenden starr an, und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: »Wir wollen nicht die Enterbten an der Tafel des Lebens sein. Man soll uns nicht wie verhungerten Hunden die Brosamen des Jenseits hinwerfen, man soll uns zu trinken und zu essen geben und unseren Anteil uns nicht vorenthalten. Der Himmel und das Leben nach dem Tode ist ein Glaube für Sklavenseelen!«

Er ließ sich erschöpft nieder; und nun tobte die Debatte.

Stud. theol. Bechert bat um das Wort. Und indem er Heinsius fest und feindselig ansah, begann er: »Der Vorredner hat mit ein paar billigen Zitaten und Fragen das religiöse Empfinden und den Glauben abtun wollen und gerade das als Fortentwicklung geleugnet, was den Wesenskern des christlichen Bekenntnisses ausmacht. Solche Freigeisterei«, sagte er mit gehobener Stimme, »hat etwas Armseliges und Dilettantisches. Die Heilige Schrift mag sich im Alten Testament und in den Evangelien so viel widersprechen, wie sie wollen – der Glaube, der unverbrüchliche Glaube an ein Jenseits ist etwas, das keine menschliche Gewalt zu tilgen vermag. Wer religiös ist, der glaubt, glaubt bedingungslos, der beugt sich dem Dogma.«

»Das tun alte Weiber und Kinder«, schrie Heinsius dazwischen.

»Das ist nicht wahr«, fuhr der Studiosus unbeirrt fort, »das tun die erleuchtetsten Geister. Und diejenigen Intelligenzen, die das leugnen, haben nach meiner Überzeugung ein sittliches Manko.« Die nächsten Sätze sprach er in scharf akzentuiertem, gellendem Tonfall: »Blind soll man glauben, bedingungslos, weil der menschliche Geist zu schwach und zu erbärmlich ist, um etwas Größeres als den Glauben zu schaffen. Man wird erst frei, stark und tüchtig, wenn man alle hämischen Zweifel beiseite wirft und sich an Christus klammert. Wer den Buchstaben leugnet«, schloß er, auf seine Backenknochen traten Flecke, »leugnet den Sinn der Religion überhaupt.«

Am untersten Ende der Tafel hatte sich ein ärmliches schwarz gekleidetes Mädchen mit glattem, blondem Scheitel und schwärmerisch umflorten Augen, dünnen Lippen und einem weichen, runden Kinn vornübergeneigt und dem Sprecher gierig gelauscht. Bei seinen letzten Worten rief sie wie verzückt: »Ich glaube, glaube, glaube!«

Es entstand eine peinliche Stille. Alle hatten das Gefühl, als ob die beiden Sprecher ohne Milde und Güte – in Zorn und Verbitterung ihren Bekenntnissen Ausdruck gegeben hatten – das Instrument klang so verstimmt, daß seine Töne den Hörern wehe taten.

Das ekstatische Mädchen hieß Maria Werft. Sie flüsterte ihrem Nachbar, dem Mechaniker Fründel, etwas zu. Der aber schien ihrer Worte nicht zu achten. Vor ihm lag ein weißes Blatt Papier, auf dem er beständig Bemerkungen stenographierte. Auf seiner untersetzten, stämmigen Figur ruhte ein milchfarbiges Vollmondgesicht, in dem es unaufhörlich arbeitete und zuckte. Man sah es ihm deutlich an, wie krampfhaft er zugehört hatte und das Gehörte zu verdauen suchte, und wie er mittels der niedergeschriebenen Notizen für sich einen Schatz nach Hause zu tragen bemüht war. Unter der niedrigen, ausdrucksvollen Stirn glühten zwei japanisch geschlitzte Augen wie Leuchtfeuer und gaben dem bartlosen Frauengesicht etwas geistig Ringendes.

Die Stille wurde unterbrochen durch die Stimme des Malers, der unter dem Eindruck der Reden unruhig geworden war.

»Wer in das Nachtlicht kommt«, sagte er, »bringe Frieden und keinen Kampf. Wir sind hier als Bedürftige des Geistes und suchen uns nahe zu kommen. Es sage jeder seine Meinung – aber niemand eifere! Wer mit uns den Weg suchen will, sei uns willkommen. Wer in Feindseligkeit uns mit Augen des Hasses betrachtet und unser Ringen nicht erkennen will, der bleibe uns fern! Dieser Raum sei eine Freistatt für Suchende, ein Nachtlicht in unser aller Finsternis.«

Nicht der Inhalt seiner Worte, sondern die Art, wie er sie gesprochen, wirkte auf die Anwesenden. Es ging von ihm eine Reinheit und ein Mitleiden aus, das die Hörer aufwühlte. Sie empfanden, daß ein innerlich Kämpfender vor ihnen stand, der Trost zu bringen suchte.

Der Student der Theologie erhob sich. »Ich bin ein Christ«, rief er, »und stehe hier, das Evangelium und den Glauben zu künden; ich bin unter Ihnen ein Gast, wie Jesus ein Gast war. Ich werde wiederkommen, und man wird mir nicht die Tür weisen.«

Niemand antwortete. Alle Blicke waren auf einen mageren Menschen gerichtet, der an der Seite der Frau Liers sich erhoben hatte. Er hatte dünne, blonde Locken und gleichsam zurückgesunkene Augen. In seiner Stirn waren tiefe Furchen. Die Nase war scharf geschnitten und auffallend dünn, und sein Mund schien in einer einzigen, kaum sehbaren Linie zu verschwinden. Er hielt eine wundervolle, weiße, edle Hand quer über die Brust.

Obwohl er ganz leise sprach, so wurde doch jeder Laut deutlich verstanden. Seine Stimme klang melodisch, und im Moment der Erregung strahlte sie ein inneres Feuer aus. Dieser Mann hieß Abraham Gebhardt und war Musiker.

»Wer die Religion leugnet«, begann er, »leugnet sich selbst. Wie könnt ihr gegen euch wüten, deren Bestes im religiösen Empfinden gegründet ist? Da, wo die Religion abgestorben ist, ist Zersetzung und Fäulnis. Religion, nicht Kirche, ist Zusammenhang mit der Gegenwart, ist ein Überglied in die Zukunft.«

Und plötzlich flackerte es in seinen Augen auf, und sie schienen aus ihren Höhlen hervorzudrängen und sich in alle die bohren zu wollen, die an seinen Lippen hingen.

»Ich bin Musiker«, rief er, »und kann Ihnen sagen, was Sie selbst empfunden haben. Wo die Musik erhaben wird, da kommt sie aus dem tiefsten Grunde religiöser Naturen. Bachs H-Moll-Messe – Beethovens Neunte Symphonie – was sind sie anders als die großartigsten Evolutionen religiös Erleuchteter! Sie brauchen keine Dekorationsfetzen und kein Rampenlicht. Sie sind die höchste, innerlichste Kunstoffenbarung. Unsere Musik dagegen ist armseliges Stückwerk aufgeputzter Virtuosen, leere, kalte Formel ohne Inhalt.«

Er schwieg eine Sekunde. Seine glänzenden, hellgrauen Augen waren durchsichtig geworden und schienen mit der weißen Farbe beinahe eins zu werden. Sie hatten etwas schreckhaft Visionäres.

»Da, wo die Freude groß und tief und der Schmerz rein ist, haben sie einen religiösen Grundton. Wer das erlebt hat, kann es nicht leugnen. Und was«, fuhr er fort, »ist Rembrandts Christus, der Moses des Michelangelo, was sind die Madonnen des Raffael anderes als sehnsüchtig losgerungene Religion? Und diese Art des Empfindens hat nichts Feiges, nichts Schwaches. Sie ist das von Natur Beste und Zarteste in uns. Noch im verkommensten Wesen stößt man, wenn man alle Krusten, Hüllen und Schlacken loslöst, auf eine Stelle, die da widertönt: Religion ist Ehrfurcht, Sehnsucht. Mit einem Worte« – und jetzt sah er sich im Kreise um, und ein wunderbar schönes, gütiges Lächeln lag auf seinen Zügen – »mit einem Worte«, wiederholte er noch einmal: »Religion ist das Menschliche.«

Thomas Truck hatte den Musiker nicht aus den Augen gelassen. Bei all den Reden, die er gehört hatte, wurde seine Miene immer verängstigter, unruhiger und, man konnte beinahe sagen, verwirrter. Er suchte immer dem Redenden in die Seele zu folgen. Er suchte aus dem Klange der Stimme und aus dem Ausdruck der Züge sich das rätselhafte Innenleben dieser Menschen klarzulegen und mißtrauisch nachzuforschen, inwieweit sie sich selbst belogen, oder in ihr Dunkel ein armseliges Lichtstümpfchen gesetzt hatten und sich in gottesjämmerlicher Ergebenheit und Bescheidenheit nun für erleuchtet hielten. Vielleicht waren es auch nur eitle Klopffechter und redselige Schwachköpfe, die sich gegenseitig an dem Schwall ihrer Reden berauschten. Er schüttelte den Kopf und wehrte solche Anklage heftig ab. Er fühlte, wie ein Weinen in ihm aufstieg, und er empfand nun deutlich, daß sie alle da saßen und rangen. In der Notdurft ihres Lebens kämpften sie um einen Besitz, an den sie sich über den Tag hinaus klammern konnten, der ihnen Halt gab und sie hinaustrug über den lächerlichen und kümmerlichen Ehrgeiz des Tages, über seine Not und seine Erniedrigung. Und da erschien ihm auf einmal das Atelier wie ein heller, erleuchteter Saal, und die Armseligen, die hier saßen, gezeichnet vom Leben, hatten festliche Gewänder an, und der Ausdruck des Kummers war von ihren eingefallenen Gesichtern geschwunden, auf denen Friede und Versöhnung lag. Dann wandelte sich ihm das Bild, es waren keine Mauern mehr, die ihn umgaben, sondern auf lachender, blühender, wogender, goldener Flur saßen sie alle beim Erntefest. Männer und Frauen in weißer Gewandung, der blaue Himmel wölbte sich über sie, die Strahlen der Sonne brannten nicht, keine Leidensmienen, nur helle, beglückte Gesichter – und brausend, voll und tönend vernahm er das »Freude, schöner Götterfunken«. Sie tranken aus großen Krügen und saßen beim Muttermahl. Die Mutter Erde hatte sie geladen und gab ihnen reichliche Speise und reichlichen Trank, und jeder fühlte sich mit dem anderen und alle mit der Mutter Erde verbunden, die nicht schwarz, nicht düster, nicht geheimnisvoll, sondern licht und quellend und fruchtbar war.

Aber mit einem Schlage versank alles. Er hörte nur noch ein leises Zischen und Rollen, dann fiel ein schwarzer, dunkler Vorhang wie ein düsteres Leichentuch über die strahlende Herrlichkeit, und Frösteln überfiel ihn und Kälteschauer. Mit gläsernen, ausdruckslosen Augen sah er empor und blickte auf die breithüftige Gestalt der Frau Liers, die ihm unkenntlich schien. Eine von den schwarzen Frauen, umgeben von aller Erdenlast und allem Erdenschlamm; oder eine von den dunklen, staubbeladenen, schmerzensreichen Müttern, die sich durch das Häusermeer der Straßen schleppten und hinter sich das Kreuz schleiften.

»Gott, o Gott«, murmelte er leise, »hilf mir!«

In diesen wenigen Lauten lag ein Aufschrei seines gequälten Herzens. Nun sah er wieder zu ihr empor und lauschte.

Sie hielt die Hände gestützt auf eine schwarze Ledertasche, die vor ihr lag und das Handwerkszeug ihres schweren Berufes enthielt. Und jetzt kam sie Thomas ganz anders vor – gütig und liebreich.

»Ich bin nur simpel«, vernahm er, »und der Meinige sollte reden, aber er ist ein Dichter und kann nur träumen, nicht reden – vom Arbeiten ganz zu schweigen«, fügte sie verschmitzt und mit einem Anklang von Lustigkeit hinzu. Indessen wurde unmittelbar darauf ihr Gesicht wieder ernst.

»So ungelehrig und simpel ich bin, weswegen ich eigentlich das Maul hier hübsch halten müßte, so habe ich doch vieles gesehen und erlebt, was so leicht in kein Buch zu schreiben ist. Und wenn mein Dichter nicht bloß Gedichte machte – den Stoff bekäme er billig bei mir. Sie dürfen es mir schon glauben, man kennt sich aus und weiß, was hier unten los ist. Wenn man bei siebzehnhundert Kindern mitgeholfen hat, ist das keine Kleinigkeit! Und da sieht man auch, wie der Herr Gebhardt recht hat, wie das Religiöse herauskommt, wenn es den Weibsleuten an den Kragen geht, ans Sterben; oder aber, wie ihnen zumute ist, wenn sie so hilflos und elend daliegen und das neue Leben neben ihnen quietscht und schreit und strampelt. Denn es ist ja ganz schön«, fuhr sie fort, »mit der H-Moll-Messe und der Neunten Symphonie, die wir armen Leute nicht kennen, und von der wir nie etwas gehört haben. Von mir will ich nicht reden, denn mein Dichter hat mich mal mitgenommen. Das eine oder das andere habe ich gehört, welches von beiden, weiß ich natürlich nicht. Aber darauf kommt es auch gar nicht an«, fuhr sie fort, und ihr dickes, gutmütiges Gesicht hatte nichts Einfältiges und Dummes mehr, »sondern, was ich sagen wollte, ist das: Wenn eine Frau Mutter wird, so macht sie alles das durch, was ein großer Maler oder Musiker während seines Werkes erlebt. Denn für eine Frau ist das die letzte Offenbarung, und da meine ich eben, da kommt bei ihr erst die Religion heraus. Da empfindet sie alles das und fühlt es am Fleische und im Geiste.« Und jetzt erhob sie ihre Stimme, als sei die Erleuchtung über sie gekommen: »Nämlich!« rief sie überlaut, »Fleisch und Geist werden eins, und so eine arme und gequälte Frau hat ihre innerste Offenbarung, ohne alle die künstlichen Dinge zu kennen, von denen der Herr Gebhardt so schön gesprochen hat. Und doch hat er recht. Wir hören am deutlichsten unsere Religion, wenn der Schmerz und die Freude am tiefsten sind, und ich kann Ihnen sagen, das allerärmste, allerbekümmertste und allerelendste Weib fühlt noch etwas davon!«

Liers drückte ihr die Hand. »Sie hat das Schönste von allem vorgebracht!« rief er. »Man merkt, sie ist die Frau eines Dichters. Sie hat das Mysterium des Weibes bloßgelegt. Seht sie euch an, wie sie in heiliger Freude strahlt!«

Und alle blickten auf die große, dicke Frau, die schamrot wurde und, um ihre Verlegenheit zu maskieren, zwischen die breiten Hände den Kopf des Dichters nahm, auf dessen Stirn sie einen lauten Kuß drückte.

Nach dem kleinen Intermezzo kam eine leichtere und fröhliche Stimmung in den erregten und erhitzten Kreis.

Die Liers war bald von den weiblichen Mitgliedern umschwärmt. Dennoch merkte man sofort, daß das eigentlich geistige Zentrum unter ihnen die Malersfrau war.

Sie hatte etwas Besonderes, eine persönliche Art, die in ihren Bewegungen und in ihrer Sprechweise zum Ausdruck kam, etwas Adeliges. Sie fühlten, daß diese Frau etwas wie ein Schicksal mit sich trug, über das sie in großartigem, innerem Kampfe hinweggekommen sein mußte – denn einen Hauch von Reinheit spürte jeder, der in ihre Nähe kam.

Sie sprach leise in Maria Werft hinein, die in fromm gebeugter Haltung, die blassen Hände gefaltet, vor ihr stand und nur ab und zu schwärmerisch zu ihr aufblickte.

Neben der Liers stand ein Frauenzimmer in einem roten Flanellkleid, das einen fest gebauten, kräftigen Körper umschloß. Sie war sorgfältig und mit Geschmack gekleidet und strotzte vor Gesundheit. Ihre frischen Lippen, ihre Stupsnase und ihre runden, schwarzen Augen waren in ewiger Bewegung. An den Fingern trug sie in paar goldene Ringe mit schönen Steinen, die in der ganz auf Einfachheit gestimmten Umgebung auffallen mußten. Sie bewegte sich frei und ungezwungen und sah klug und energisch aus. Sie nannte sich Charlotte Ingolf und studierte Medizin.

Man war in lustigem, ungebundenem Gespräch.

Die Männer traten zu den Frauen heran. Man erzählte sich aus seinem Berufsleben und teilte sich die kleinen Freuden und großen Plagen mit, die die verflossene Woche einem jeden beschert hatte.

Der Mechaniker Fründel debattierte noch eifrig mit Studiosus Bechert weiter; und immer hatte er sein weißes Papier und seinen Bleistift in der Hand, um auch hier, mitten im Gespräch, Bemerkungen zu notieren.

Da auf einmal tönte draußen die Glocke.

Alle horchten verwundert auf. Aber die Malersfrau schritt gemächlich zum Entree; denn es kam öfter vor, daß ein Mitglied noch spät in der Nacht Einlaß begehrte.

Bald darauf kam sie in Begleitung eines jungen Mädchens zurück, auf das sich die erstaunten Augen aller richteten.

Die Eintretende trug ein weißes Cape mit schwarzen Streifen und eine Pelzmütze, unter der widerspenstige Locken hervordrangen. Sie hatte ein Gesicht, dessen eigenartige Schönheit frappierte. Ihre Züge waren von einer auffallenden Strenge und Herbheit. Aber Nase und Stirn hatten klassische Formen. Das Gesicht war oval geschnitten; sobald sie sprach, bildeten sich in den Backen Grübchen. Unter seidenen, langen Lidern blickten zwei wild begehrende Augen hervor, deren Farbe nicht zu bestimmen war; zuweilen schienen sie braun, dann nahmen sie einen schwarzen Ton an, und nicht selten erschienen sie wiederum in ein helles Grün überspielen zu wollen. Sie hatte einen fein geschnittenen Mund, der leise geöffnet war und blendend weiße Perlen hervorlugen ließ.

Mit einem leichten Neigen des Kopfes ging sie an den Anwesenden vorüber, gerade auf Fründel zu, dem sie ein paar für die anderen nicht hörbare Worte zuflüsterte. Ebenso konnte niemand seine Antwort vernehmen. Aber darauf nahm er ihr das Cape ab, und sie reichte ihm auch die Pelzmütze – und da erschien sie noch schöner. Wie eine schwere, leuchtende Krone trug sie das überreiche, schwarze Haar. Und von ihren Reizen stach seltsam das armselige, zerschlissene grüne Sammetkleid ab, das dennoch ganz ihrer Eigenart entsprach.

Fründel stellte vor: »Josefa Gerving.«

Sie schien zuerst ein wenig verlegen, aber bald gewöhnte sie sich an ihre Umgebung. Der Studiosus Bechert trat an sie heran und blickte mit naiver, nicht im mindesten unterdrückter Neugier zu ihr empor. Es schien, als ob ihr Anblick ihn mehr interessiere als der Dialog mit Fründel. Niemand außer Thomas Track sah, daß der Mechaniker ihn mit einem geringschätzigen, höhnischen Lächeln, das schnell verschwand, einen Augenblick betrachtete.

Jemand fragte die Josefa, weshalb sie so spät gekommen sei. Und bei dieser Frage errötete sie. Sie sah rasch und scheu zu Fründel herüber, ohne daß dessen Miene sich bewegte und veränderte. Im Gegenteil, er war offenbar auf ihre Antwort gespannt.

Sie sagte: »Ich habe bis zur Dunkelheit Akt gestanden und war müde geworden. Als ich nach Hause kam, schlief ich vor Mattigkeit ein. Erst vor einer halben Stunde wachte ich auf.«

Bechert war gerade im Begriff, an Fründel eine entrüstete Frage zu richten, als zum Erstaunen aller es von neuem klingelte.

Der Gast, der diesmal eintrat, hielt sich nur wenige Sekunden auf. Es war ein Arbeiter mit struppigem Vollbart, der dringend nach Frau Liers verlangte.

Die Liers sprach mit ihm ein paar Worte – dann hatte sie auch schon einen langen Mantel umgeworfen, ihre Tasche ergriffen und um den Kopf ein dickes Tuch geschlagen.

Der Maler hielt sie fest. »Nur eine Minute noch«, rief er, und seine Stimme hatte etwas Freudiges, »das ist der Augenblick, die Sitzung zu schließen, denn eine Zeitlichkeit bricht an, der neue Mensch will geboren werden!«

Bei seinen Worten trat eine lautlose Stille ein. Es wurde allen sonderbar zumute, erst als die große, in ihren dunklen Mantel gehüllte Frau und der Arbeiter, der verwundert und verlegen dreinschaute, das Atelier verließen, löste sich der Bann. Aber gleich darauf war alles in wildem Aufbruch begriffen, und die engen, schmalen Stiegen dröhnten unter den Tritten der Nachtlichtgesellschaft.

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