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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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Zweites Buch
Sturm – Drang – Liebe

I.

Die Sonne war durch Winternebel und Winterstürme gebrochen und schien lachend in siegreicher Milde über den in Schnee und Eis gehüllten Tiergarten. Sie blinzelte über die weißen Rasen und die weißen Baumriesen hinweg; sie spiegelte sich in den prächtigen Häusern der Tiergartenstraße, warf ihre Lichter auf Spaziergänger und auf Karossen, die in stolzem Korso aneinander vorüberfuhren.

Eine blasse Dame, um deren schlanke Glieder Zobel sich schmiegte, und deren rabenschwarzes Haar durch ein Pariser Hutmodell neuester Mode verborgen wurde, saß zurückgelehnt in den weichen Polstern ihrer dahinrollenden Chaise. Sie sprach leise Worte zu dem verkümmerten Knaben, der an ihrer Seite hockte. Der Junge mit dem riesengroßen Schädel, den abstehenden, schlappen Ohren und den schmalen Augen, die nur wenig geöffnet schienen, lächelte zuweilen wehleidig und matt. So zart und gebrechlich er aussah, so alt waren seine Gesichtszüge. Die Pupillen der blassen Dame hatten die Farbe dunkler, glanzloser Kohlen; sie schienen verschleiert, beinahe erloschen, aber sobald der Junge lächelte, leuchteten sie auf. Sie hüllte ihn zärtlich in Decken, damit kein Windzug ihn träfe. Wenn sie von den Vorübergehenden, oder aus fremden Wagen heraus gegrüßt wurde, nickte sie kaum merklich und ein wenig stolz zurück. Ihre Miene hatte etwas Müdes und Schmerzensreiches.

»Fahren Sie nach der Voßstraße 7«, befahl sie dem Kutscher. Der nickte, und die Pferde jagten in der angegebenen Richtung.

Die Dame schloß müde die Augen.

Der Kutscher blickte lässig in die Sonne. Er hielt die Zügel locker in den Händen und langweilte sich offenbar. Als der Wagen von der Königgrätzerstraße in die Voßstraße bog, raste ein Fleischerfuhrwerk so dicht an ihm vorbei, daß sie beinahe aneinander geprallt wären.

Der Fuhrmann rief dem herrschaftlichen Kutscher ein paar derbe Flüche zu. Während der vergebens nach einem Schutzmann auslugte, scheuten seine Pferde und jagten davon. Aus der Equipage drangen ein paar ängstliche Schreie. Der Kutscher suchte die Zügel fester zu halten, aber die Rappen bäumten sich energisch auf; eine unglückliche Bewegung – und ehe er sich versah, rutschte er vom Bock herunter und wurde zur Seite geschleudert. Der Wagen raste ohne Lenker durch die einsame Straße; vereinzelte Passanten schrien kreischend auf – jetzt geriet er hart an die Bordschwelle. Der Junge hatte sich wütend und ungebärdig von der jungen Frau losgelöst und taumelte heraus.

In diesem Augenblick stellte sich ein Droschkenkutscher den empörten Tieren entgegen, packte das eine am Zügelgebiß, und indem er seine ganze Kraft aufbot, gelang es ihm, den Wagen zum Stehen zu bringen.

Die Dame lag halb bewußtlos da. Ein junger, hochragender Mensch hob ihr das wimmernde Kind hinein; sie drückte es angstvoll an sich, während sie zu dem Droschkenkutscher einige hilflose Worte stammelte und mechanisch ihr Portemonnaie zog, um ihm ein Goldstück vorsichtig zu reichen. Der brummte ein paar Dankesworte und fuhr streichelnd über die Pferde, die erschöpft und atemlos schnaubten. Inzwischen hatte sich ein Auflauf um das Gefährt gebildet. Man hörte ein paar derbe Witze, und wie jeder Neuhinzukommende Aufklärung verlangte.

Die Dame war um das Kind bemüht, das kläglich jammerte und zitterte. Sie wollte gerade an den Fremden das Wort richten, als ihr Kutscher mit verzerrtem Gesicht und blutender Stirn herantrat. Er wollte etwas zu seiner Entschuldigung sagen, aber sie wies ihn nur verstört auf seinen Sitz. Dann wandte sie sich mit bebender Stimme an den jungen Menschen.

»Ich bitte, kommen Sie zu uns herein, ich habe eine solche Angst, allein zu fahren!«

Der Angeredete wurde blutrot und sprang, ohne ein Wort zu entgegnen, in den Wagen.

»Nach Hause!«

Die Menge stob auseinander; und unter dem immer kläglicher werdenden Weinen des Randes bewegte sich die Karosse wieder fort.

»Hast du etwas, Bubi? Wo tut's dir denn weh?« fragte die Dame besorgt, und über ihr bleiches Gesicht rannen unaufhaltsam Tränen.

In den häßlichen Zügen des Jungen zuckte es bei ihren Fragen; der Fremde betrachtete scheu die beiden Insassen. Er fühlte sich unbehaglich.

Eine ganze Weile schien die Dame nicht die mindeste Notiz von ihm zu nehmen. Sie war nur mit dem Kinde beschäftigt, das sich allmählich zu beruhigen begann.

Der Wagen bog in die Charlottenburger Chaussee ein.

Sie wandte sich plötzlich an den jungen Menschen, der ein schmales, edles Gesicht hatte, durchdringende, scharfe Augen und einen tiefen Leidenszug um den Mund.

»Wie freundlich, daß Sie mitgefahren sind. Ich danke Ihnen aufrichtig.«

»Sie haben keinen Grund!«

Sie blickte überrascht und neugierig zu ihm empor. In seiner Stimme lag etwas Seltsames. Auch das Kind schielte zu ihm hinüber.

Eichen- und Buchenpartien, dicht beschneit, tauchten in raschem Fluge auf, man sah noch eine lange Strecke Weges das Brandenburger Tor, auf dem der grüne Siegeswagen ganz in goldene Sonne getaucht schien. Die Dame fror, und ihre Zähne schlugen hörbar gegeneinander.

Vor einem palastartigen Hause der Lichtenstein-Allee hielt die Equipage.

Ein Diener kam eilfertig aus dem Portal und zog eine erschreckte Grimasse. Er nahm den Jungen in seine Arme. Aber der hatte sich eines Besseren besonnen, entwand sich ihm – und siehe da – er stand auf den dünnen Beinchen, die im Vergleich zu dem Riesenkopf wie armselige Spargel sich ausnahmen.

Die Dame lächelte glückselig.

»Oh, bitte, wollen Sie nicht einen Moment eintreten?«

Er suchte nach einer Ausrede und nahm eine ablehnende Haltung ein.

Da sah sie ihn herausfordernd an, daß er ihr schweigend folgte. Unklar empfand er, daß in ihrem Wesen etwas Lockendes lag.

Die Wohnung befand sich im Hochparterre. Man schritt durch ein elegantes Vestibül und kam in einen Salon modernsten Stils, der in den einfachen und raffinierten Formen van de Weldes eingerichtet war.

Ein zweiter Diener hatte der Dame die Sachen abgenommen.

Nun stand sie in einem englischen Kostüm, das ihren Wuchs und ihre eleganten Formen hervortreten ließ, vor ihrem Gaste. Ihr dunkles Haar hatte sich etwas gelöst und rahmte ihre weißen Züge mit den erloschenen Augen ein. Schmale, schneeweiße Finger tasteten auf der Tischplatte nervös hin und her.

Der junge Mensch stand unbeweglich vor ihr. Sie bat ihn, Platz zu nehmen und einen Augenblick auf sie zu warten. Dann eilte sie aus der Tür, um wenige Minuten später mit dem Jungen wieder zu erscheinen.

»So, Bubi, nun bedanke dich recht herzlich. Denn gottlob«, fuhr sie fort, »sind wir mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Der Junge hat ein paar blaue Flecke und blutige Schrammen auf dem Schienbein, ist aber, wie Sie sich überzeugen können, sonst munter und vergnügt.«

»Wie heißt du?« fragte der Junge.

Er verbeugte sich leicht vor der Dame, und zu ihr gewandt, entgegnete er: »Ich heiße Thomas Truck.«

»Und mein Name ist«, erwiderte sie errötend, »Frau Bankdirektor Berg.«

Sie flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr.

Der reichte Thomas die Hand und brachte ein paar einstudierte Worte hervor, ehe er sich aus dem Zimmer schlich.

»Es ist mein einziges Kind«, sagte sie nach längerem Schweigen. »Sie haben mich zu wirklichem Danke verpflichtet – mich und meinen Mann«, fügte sie hinzu, »der momentan leider nicht zu Hause ist.«

Thomas lächelte verlegen – die Dame nahm es für Spott.

»Sie lachen mich aus?« Ihre Augen schimmerten plötzlich.

»Tat ich das?« fragte er unsicher.

Das Gesicht der Dame verzerrte sich ein wenig wie das eines verwöhnten, ungezogenen Kindes. Ganz unvermittelt brachte sie hervor: »Warum verhöhnen Sie mich?«

»Ich? ... Ich? ...« stammelte er, und gleichzeitig fühlte er, wie eine zwiespältige und rätselhafte Stimmung über ihn kam.

Dann entgegnete er scheu, indem er es mied, sie anzusehen: »Wenn ich Sie verletzt habe, so bitte ich um Entschuldigung; indessen« – er stockte – »indessen«, wiederholte er, »Sie sind doch selbst daran schuld. Sie überhäufen mich mit Dankesworten, die offenbar an eine falsche Adresse gerichtet sind. Den Droschkenkutscher haben Sie abgelohnt, damit ist die Sache wohl für Sie erledigt.« Und etwas schroff setzte er nach einer kleinen Pause hinzu: »Ich liebe derartige dramatische Szenen nicht.«

Ihr Gesicht war bei seinen Worten noch bleicher geworden. Das erschreckte ihn; aber in dem plötzlichen Gefühl einer drohenden Gefahr erhob er sich, nahm seinen Hut und schickte sich zum Gehen an.

Da trat sie dicht vor ihn.

»Oho«, rief sie, und ihre Stimme war erregt, »das geht denn doch nicht. Erst nennen Sie mich eine Komödiantin, und dann wollen Sie fliehen!«

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Das taten Sie. Ja, Sie taten es. Zu einer dramatischen Szene« – sie lachte etwas gezwungen und heiser auf – »gehört die Kulisse« – sie wies auf ihr Zimmer – »und die Schauspielerin.« Sie verbeugte sich ernst und feierlich vor ihm. »Übrigens, ich sehe vollkommen ein, daß ich Sie über Gebühr mit meinen Empfindungen belästigt habe!«

Sie brach ab, als fürchtete sie, zu viel zu sagen. Aber plötzlich änderte sie ihren Tonfall, und mit einer freimütigen Bewegung reichte sie ihm ihre Hand, die eisig kalt war, und mit dem eleganten Lächeln einer Weltdame setzte sie hinzu: »Ich will nicht mit Ihnen hadern.«

Wieder betrachtete Thomas sie forschend. Ihre Sicherheit befremdete ihn, und die Pracht, die ihn umgab, störte ihn.

»Ich bin skeptisch gegen Gefühlsaufwallungen«, meinte er verlegen und mehr für sich. »Und gesellschaftliche Formen, hinter denen so oft nichts steckt, sind mir geradezu unangenehm.«

»Gefühlsaufwallungen und gesellschaftliche Formen?«

Er wurde durch den Klang ihrer Stimme betroffen. Sie war ihm mit einem Male ganz nahe gerückt.

»Das ist oft dasselbe«, gab er zur Antwort, und jetzt lächelte er beinahe sanft.

An sein sanftes Lächeln, das ihr nicht entgangen war, klammerte sie sich fest.

»Ich sehe«, sagte sie freudig, »daß Ihr Gesicht gut sein kann.«

Dieses Wort verletzte ihn von neuem. Sein Blick wurde finster und verschüchterte sie.

Er verwünschte sich im stillen.

Warum war er nicht wenigstens vor dem Portal des Hauses zurückgeblieben? Nun sah er sich den Quertreibereien einer eleganten Dame ausgesetzt, denen er nicht zu entkommen wußte, die ihn wehrlos machten trotz seines Widerstandes.

Sie mochte ahnen, was in ihm vorging, denn sie erhob sich unvermittelt. »Ich will Sie nicht länger aufhalten; ich fürchte mich vor Ihrem Zorn!«

Das war nun wieder so eine Schlinge – Thomas fühlte es. Sie legte Schlingen aus mit jedem Wort, und er war nicht fähig, sie zu zerreißen. Ihre Stimme und ihr blutleeres Gesicht taten ihm so weh. Er konnte es sich nicht erklären, aber dem war doch so. Er strich sich das widerspenstige, glänzende braune Haar aus der weißen Stirn zurück und blickte sie ernst an, und ohne sich über seine Worte klar zu sein, sagte er: »Weshalb soll ich denn zornig auf Sie sein? Sie ... Sie ... frieren ja!«

Sie hob erschreckt ihren Kopf zu ihm empor und blickte in das rote Feuer des Kamins, das dem Zimmer eine warme, wohlige Stimmung gab. Dann zog sie die Schultern ein wenig zusammen und sah in halb neugierig, halb lauernd an.

»Nicht wahr, Sie werden wiederkommen«, bat sie im Tone eines verzogenen Kindes. »Herr Thomas Truck, wenn Sie wirklich nicht böse sind, dann werden Sie wiederkommen.« Ganz zerstreut setzte sie hinzu: »Ich muß Sie schon gesehen haben, ganz bestimmt!«

Sein Gesicht bekam etwas Wundes und Verstörtes. Aber gleich darauf wurde seine Miene weich.

Wieder nahm sie die Veränderung seiner Züge wahr.

»Wo wohnen Sie?« fragte sie schüchtern.

Der Ton ihrer Stimme betäubte ihn.

»Luisenstraße 15!«

»Übrigens«, sagte sie ganz unvermittelt, »jetzt weiß ich, wo ich Sie gesehen habe. Ich wußte, daß ich Sie schon gesehen hatte. Es war in den Premieren des Deutschen Theaters. Sie standen im Stehparkett. Ist das richtig?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, setzte sie rasch hinzu: »Sie sind mir jedesmal aufgefallen!«

»Das ist lange, lange her«, antwortete er verwirrt.

Sie reichte ihm die Hand, und eine Minute später stand er aufatmend in der frischen Natur.

Aber trotz der Kälte und des schneidenden Windes, der mittlerweile durch die Straßen pfiff und die Baumkronen schüttelte, fühlte er noch etwas wie einen schweren Druck.

Langsam schritt er dahin, den weiten Tiergarten im Rücken lassend. Auf der Lichtenstein-Brücke blieb er stehen und blickte nachdenklich über den lang hingezogenen Kanal hinweg, auf dem im Frühling die mit Ziegelsteinen beladenen Spreekähne durch mühselige Stöße der Schiffer vorwärtsgestakt wurden. Es war um ihn still, und die Stille tat ihm wohl; denn für gewöhnlich führte ihn sein Weg durch das brausende und bewegte Berlin, das mit seinem Häusermeer, mit dem Gedränge seiner Menschen, die aneinander arbeits- und erwerbswütig vorüberjagen, ihn berauschte und quälte. Wenn er bei seinen Spaziergängen durch die Straßen in all die versorgten und verkümmerten Gesichter sah, in die das Leben so niederträchtige Striche eingemeißelt hatte, so drängten sich ihm die widersprechendsten Empfindungen auf. Diese Männer, die ihm verarbeitet und demütig, in ihrer Lebenskraft gebrochen und wutentstellt erschienen, niedrige Knechte in der Tretmühle des Lebens, oder diese Frauen mit den wissenden Mienen, mit den eingefallenen Backen und den aufgedunsenen Leibern erregten in ihm Haß und Mitleid. Er haßte sie, weil sie ohnmächtig waren, sich zerreiben, zermahlen und zerstören ließen; er haßte sie, weil das brutale Leben alles Feine und Edle wie Mehltau hinweggeblasen hatte, weil sie so dumpf unter ihrer Bürde ächzten und ihre Kraft und Schönheit verloren hatten. Und er empfand das tiefste Mitleid mit ihnen, wenn er von ihren Zügen den Gram ablas und den Jammer. Denn seit er zu denken angefangen, hatte er nicht aufgehört, über den Gram des Volkes zu grübeln.

Er schämte sich seiner gesättigten Existenz. Doch die frische Spannkraft seiner Jugend scheuchte die Weichheit seines Fühlens hinweg. Auch gab es Augenblicke, wo er an der Reinheit seiner Gedanken zweifelte und sein Mitgefühl für das geknechtete Volk nur durch die eigene Verbitterung sich erklärte; weil er selbst heimatlos und von der Scholle verjagt war, darum kümmerte er sich in freien Stunden um die Enterbten.

Er sah sich in tausend Widersprüchen befangen und erkannte es ganz deutlich, daß sein Leben und sein Mitleiden auseinandergingen, daß der Glanz seiner jungen Jahre und seine Genußempfänglichkeit ihn oft blendeten, so daß er in dem Strudel des Lebens die Wellen des Mitleids nur leise rauschen hörte.

Dann machte er sich sein ganzes Streben zum Vorwurf und empfand es als sündig und leichtfertig, daß er mit hingebendem Ernste seine naturwissenschaftlichen Studien durchführte und selbständig zu werden suchte; daß er nach angestrengter Arbeit, bevor er zu den Freunden ging, in Theatern und Konzerten Erholung suchte. Den dumpfen Stimmen seines Gewissens stellte er die Frage entgegen: Warum mißhandelt ihr meine Jugend und Empfänglichkeit? Ich führe nicht das Lodderleben der anderen, warum mißgönnt ihr mir meinen kargen Frühling. Viele der Kameraden, die er um sich sah, lebten sorgenlos dahin, ohne Skrupel und Gedanken. Sie würden ihn ausgelacht haben, wenn sie in sein Innenleben hätten blicken können. Was half ihm das? Er war so, wie er war, und kam über die einsamen Stunden des Nachdenkens, in denen er sich selbst kasteite, nicht hinweg.

Lange hatte er hier völlig allein gelebt, bis er einen Kreis seltsamer Menschen gefunden, mit denen er häufig zusammenkam. Sein Alleinsein hatte die Bitterkeit in ihm noch geschürt.

Die Stadt, das Haus und den Garten der Kindheit hatte er nicht mehr gesehen. Der Vater hatte bald die Witwe geheiratet, und der Sohn hatte jeden Zusammenhang mit ihm verloren. Sie sahen sich nicht und hörten so gut wie nichts voneinander. Nur mit dem Prediger hatte er Fühlung. Ihm schüttete er sein leidenschaftliches Herz aus und wartete hungernd auf die Tröstungen, die aus der Heimat kamen. Und dann gab es noch eine Seele, mit der er zusammenhing – Bettina.

Aber die war weit weg. Sie studierte am Pariser Konservatorium und schrieb ihm bunte, krause Briefe in kleinen Hieroglyphen, deren Sinn oft noch schwieriger als ihr Wortlaut zu entziffern war. Aber aus allem klang ein Ehrgeiz heraus, der ihn schreckte und auch mit Unwillen gegen sie erfüllte. Sie schrieb beständig von ihrer Kunst und von dem, was sie werden wollte. Dazwischen freilich kindlich unbeholfene, liebe Worte für ihn. Aber doch nur ganz gedämpft und nebenbei, wie eine Sache, die sie eigentlich nicht recht ernst nahm, und die sie sich mehr zu einer Art von Erinnerungssport gemacht hatte.

Es war nicht mehr die Bettina der Kindheit. Deren Bild war verblaßt, so daß er es kaum noch wahrzunehmen glaubte. Vor ihm tauchte eine andere auf, die ihm zuweilen kindisch und eng erschien, über die er hinausgewachsen war, und die er wohl kaum begriff. Er fühlte den Unterschied der Jahre und der Lebenserfahrung. Er stand im zweiundzwanzigsten Lebensjahre, während Bettina in das sechzehnte schritt.

Als er jetzt in das dunkle Wasser des Kanals blickte, da fiel ihm der Weiher im Garten ein und dicht am Weiher das Stück Wiesenland, wo er so oft mit geschlossenen Lidern die heißen Strahlen der Sonne aufgefangen, oder geraden Auges in sie hineinzublicken versucht hatte, und wie er dann plötzlich aufschrak, wenn er die Tamara mit ihren leisen Schritten kommen hörte, oder wenn Bettina sich neben ihn kauerte und behutsam und vorsichtig seine Hand ergriff. Und nun lag das alles weit zurück; neue Bilder stiegen vor ihm auf, trieben ihn zum Sturmschritt, oder lähmten ihn.

Er schlug den Kragen seines Mantels hoch und raffte sich auf. Er wollte nicht in Erinnerungen aufgehen und weichlich werden.

Rasch schritt er fürbaß, den Kanal entlang in der Richtung der Gedächtniskirche.

Das Haus in der Lichtenstein-Allee und seine Herrin beschäftigten ihn und ließen ihn nicht mehr los.

Was die Freunde sagen würden, wenn sie von seinem Abenteuer wüßten!

Aber sie würden nichts erfahren; denn schon morgen, nein, schon jetzt war das Heute für ihn versunken.

Bei diesen Gedanken wurde er rot wie ein Schuljunge. Er lachte scheu in sich hinein. Ein paar trübe Vorstellungen gingen ihm durch den Kopf und peinigten ihn. Er griff in die Taschen des langen schwarzen Mantels, der gut zu ihm paßte, und holte einen Tabaksbeutel und eine kurze, englische Pfeife hervor. Er stopfte sie rasch, entzündete sie und blies in kurzen Stößen den Rauch in die kalte Luft.

Auf einmal fuhr er zusammen. Er fühlte auf seiner Schulter einen leichten Schlag und drehte sich verwundert um.

Vor ihm stand ein schmächtiger, kleiner Mensch mit verhungertem Aussehen, einer niedrigen, aber ausdrucksvollen Stirn, trüben Augen und einer auffallend dünnen Nase, unter der ein schwacher rötlicher Schnurrbart sproßte.

»Ah, Heinsius, wo kommen Sie her?« Er schüttelte dem anderen die Hand.

Der schrie förmlich auf.

»Um Himmels willen erdrücken Sie mich nicht! Wo ich herkomme? Frage! Wie üblich vom Frondienst.«

»Also aus der Schule!«

»Stimmt!«

Thomas blieb stehen. »Eigentlich begreife ich nicht, daß Sie über Ihren Beruf so stöhnen.«

Heinsius betrachtete ihn mitleidig. »Begreifen Sie nicht? Finde ich ausgezeichnet! Begreife ich nicht!«

Er stieß die Worte verbittert und gehässig hervor.

Thomas blickte flüchtig auf.

»Nein, wirklich nicht! Schließlich ist doch das Lehren keine Kleinigkeit! Sie können doch den Kindern etwas geben!«

Der Volksschullehrer sah Thomas mit einer niederträchtigen Überlegenheit an.

»Glauben Sie wirklich? Hm. Sie sind ja ein Optimist!«

»Bin ich!«

Sie gingen schweigend nebeneinander her.

»Hören Sie, mein Lieber«, nahm der Volksschullehrer das Wort wieder auf, »dumpfen Schädeln Heimatkunde und Bibel einzutrichtern – und zwar so einzutrichtern, daß der Schulinspektor zufrieden ist und man nicht den Laufpaß bekommt – na, reden wir darüber nicht. Wenn ich zum Pferdestehlen Talent hätte, ich wüßte, was ich täte! Und wenn ich nicht verhungern müßte – ich ließe heute lieber denn morgen den Karren im Dreck stehen. Ich –«

Ein Hustenanfall schnitt ihm das Ende ab. Sein kümmerliches Gesicht nahm dabei eine stumpfe Röte an, und Thomas betrachtete verlegen die armselige Gestalt.

Als der Krampf vorüber war, sagte der Volksschullehrer: »Wissen Sie, was Sie jetzt gedacht haben?«

Thomas zuckte mit den Achseln.

»Sie haben gedacht: wie lange wird es diese Jammerfigur noch machen? Bitte, das haben Sie gedacht! ... Ich bin für die Religion der Freude und für das Leben, statt dessen sehe ich schlaffe und verwelkte Körper mit dumpfen Hirnen, die ich maltraitieren muß. Ich möchte mich täglich und stündlich gegen die Gesellschaft auflehnen und empören, und statt dessen soll ich Katzbuckel und Bücklinge vor dem Rektor und Schulinspektor machen. Ich möchte genießen, und statt dessen hungere ich. Ich möchte leben, und statt dessen sieche ich dem Sterben entgegen. Ich möchte«, schloß er kaum hörbar, »etwas Bestimmtes arbeiten, aber wenn ich aus meinem Kerker komme, ist mir der Kopf wie mit Blei gefüllt, und der ganze Körper schmerzt mich.«

Blutige Flecken tauchten auf seinen Backenknochen auf, und in seinen Augen flackerte es unruhig.

»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen mein Lamento aufgezwungen habe. Es war aber gerade heut so viel Not über mich gekommen, daß ich zu ersticken drohte. In solcher Stimmung pflegt man redselig zu werden.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er mit einem behenden Satz auf einen gerade vorüberfahrenden Pferdebahnwagen und nickte ihm noch flüchtig von ferne zu.

Hm, dachte Thomas, das ist auch so ein Schinderdasein, dieses von Bitterkeit zerfressene Leben in einem so schwachen Körper! Und er erinnerte sich, daß man Heinsius im Kreise der Freunde die Totenmaske nannte – daß er sich selbst einmal in einer aufgeräumten Galgenhumorstimmung den Namen gegeben hatte.

Wie eine Totenmaske ging er durch das Leben, das für ihn keine Hoffnung und keine Früchte trug, das nur blutende Wunden zeigte und in jeder Nacht blutige Tränen brachte.

Thomas fühlte sich so eng zusammengeschnürt und von all dem Jammer gepackt, daß ihm seine Jugend und körperliche Kraft, sein Lebensdrang und seine Sorgenfreiheit wie ein Brandmal dünkten, dessen er sich schämte. Seine Stirn zog sich in unendlich viele Falten, und sein Auge bekam einen suchenden, tastenden, unsicheren Ausdruck.

Eine Reihe von Vorstellungen arbeitete in ihm und verursachte ihm stechende Schmerzen.

Er blickte verstört auf. Wagengerassel und Menschengewühl rissen ihn aus seinen Grübeleien.

Er stand in einem Brennpunkt des brausend bewegten Großstadtlebens, denn ohne des Weges zu achten, war er an die Kreuzung der Bülow- und Potsdamerstraße gekommen, wo ein betäubender Lärm ihn umtoste. Pferdebahnen, elektrische Wagen, Omnibusse, Droschken, Equipagen, Lastfuhrwerke und dazwischen dunkle Schwärme von Menschen, wie rastlose Ameisen sich fortbewegend, elegante Gestalten und zerlumpte Tagelöhner, glänzende Uniformen, Kommis und kleine Mädchen, die in die Geschäfte eilten, Schutzleute, die gravitätisch auf und nieder schritten, alles huschte, tanzte, jagte, sauste in buntem, wirrem Durcheinander, wie ein gauklerisches Schattenspiel am lichten Tage mit hexenhafter Geschwindigkeit an ihm vorüber.

Er sog mit allen Poren diesen Duft des Großstadtlebens ein und fühlte sich befreit und leicht. Und dazwischen tauchte in unbestimmten Linien, fast wie in dämmerigen Nebel gehüllt, das Bild einer blassen Dame auf.

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