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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XVI.

Aus tausend Knospen brach der Mai und aus tausend Blüten der junge Frühling. Im Garten sproßte und keimte es.

Aber weder das erste Grün der Blätter und des Rasens, noch das neugierige In-die-Sonne-Lugen der Christblumen und Ranunkeln, des violetten Krokus, der Anemonen und Narzissen, noch der Duft, der von all den Blüten und Blättern die wärmedurchzitterte Frühlingsluft tränkte, konnte die Gemüter der Kinder freudig stimmen.

Da, wo der Garten an das Haus grenzte, standen in voller Pracht die Kirschbäume.

Thomas, der sonst immer, innerlich jubelnd, die weißen, wie aus feinstem Silber getriebenen Blüten bewundert hatte und sich von diesem zarten Anblick nicht hatte losreißen können, ebensowenig wie von den sammetnen, weichen Weidenkätzchen am Weiher, blickte teilnahmslos in die erwachende und erwachte Natur.

Der Garten war wie ein Paradies, in dem alles rein und keusch und unberührt nach Entfaltung und Wachstum rang. Wo das Auge hinsah, sproßte es auf unter den verliebten Strahlen der Sonne, die kosend und schmeichlerisch die dunkle, unergründliche Mutter Erde umfing. Und das Ohr hörte das erste Zwitschern und Tirilieren, die gedämpften Jubeltöne und leisen Lieder heimgekehrter Vogelschwärme.

Die Kinder kauerten an dem Hügel der Tamara und blickten sich traurig aus verstörten Augen an.

Aus dem Hause drang die helle, schrille Stimme der Frau, die hinter den Mägden wie der Teufel her war. Thomas und Bettina haßten sie und zeigten es ihr mit grimmigem Trotz.

Die Frau lachte dazu mit verschränkten Armen. Sie fühlte sich als die starke Herrin; sie wußte, daß ihre volle Lebenskraft mit diesen zarten Geschöpfen leichtes Spiel haben würde.

Ihr Gehöft lag jetzt völlig einsam und verlassen da. Ohne Scheu hatte sie ihr kleines Mädchen ins Haus genommen, und das frohe, lustige Geschrei des pausbäckigen, drallen Kindes brachte etwas Bewegung in die angstvolle Eintönigkeit. Thomas und Bettina hatten das kleine Wesen, das die Ärmchen nach ihnen ausstreckte, barsch und finster von sich gewiesen. Doch das Püppchen ließ sich nicht schrecken. Es trippelte so liebebedürftig ihnen nach, es warb so kindlich unschuldig um ihre Gunst, daß sie sich ihm nicht entziehen konnten, so sehr sie sich auch wehrten.

Der Doktor wich Thomas' Blicken aus, obwohl er im allgemeinen eine heitere und freie Miene zur Schau trug. Die neue Ordnung der Dinge war ihm bequem und sagte ihm zu. Nur die Kontrolle des Knaben störte ihn, und Bettinas forschende Hexenaugen, hinter denen er beständig Schadenfreude und Spott witterte, waren ihm lästig. Er knurrte schon, wenn ihm das Mädchen in den Weg trat, und darin begegnete er sich vollkommen mit der Frau, die am liebsten mit der Kleinen kurzen Prozeß gemacht hätte.

Die Kinder flüchteten in den blühenden Garten und berieten ihr Schicksal. Sie fühlten sich im Hause wie in einem finsteren Kerker und sehnten sich nach Licht und Luft.

Thomas knirschte vor verhaltener Wut, wenn ihm die Frau bei den Mahlzeiten das Essen zuteilte. Er rührte keine Speise an, und auf sein Geheiß mußte Bettina das nämliche tun, bevor nicht die Frau gekostet hatte. Er hielt hartnäckig an dem Verdachte fest, daß man sie am liebsten still und geräuschlos aus dem Wege räumen wollte, und Bettinas aufgeregte Phantasie bekräftigte ihn darin noch mehr.

Eines Tages teilte Thomas dem Prediger, der mit seiner Güte und Milde vergebens die Kinder zu beruhigen versucht hatte, seinen festen Entschluß mit.

Wieder stand er in dem Studierzimmer des Geistlichen, aber diesmal nicht in empörtem Widerspruch, sondern hilfe- und stützesuchend.

»Wir müssen aus dem Garten«, sagte er bitter, »der mir und Bettina gehört. Wir müssen unter fremde Leute, weil wir in dem Hause, das mein und Bettinas Haus ist, keine Ruhe finden. Wir müssen fort«, fuhr er hastig und sich überstürzend fort, »weil wir Angst haben, man könnte uns ein Leid antun.« Und plötzlich wild aufschreiend, rief er: »Das ist Gottes Gerechtigkeit, daß wir aus unserem Garten müssen –« und fast zusammenbrechend barg er das Gesicht in die Hände.

Der Prediger drückte ihn an sich und legte nur stumm seine Hand auf des Knaben weiches Haar.

»Schilt mich doch«, sagte er verzweifelt und gramvoll (seit dem Tode der Tamara nannte er ihn du), »daß ich Gott lästere. Aber du siehst es ja, du siehst es ja«, wiederholte er noch einmal, »Gott hat uns verlassen.«

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