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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XIII.

Es kam die Zeit der reifen Trauben. Der Garten leuchtete in den satten, tiefen Farben des Herbstes. Das trockene, vom Sonnenbrand gedörrte Laub fiel leise knisternd von den Bäumen; und die roten, gelben, grünen, blauen Blätter funkelten in goldener Buntheit, wenn die warmen Strahlen sie zum letzten Abschied küßten und noch einmal durchleuchteten.

Es war die Zeit der Erfüllung. Die Trauben reiften, Äpfel und Birnen fielen schwer und saftig von den Bäumen, und die grüne Walnuß wiegte sich wuchtig in ihrer lästigen Hülle. Und fast schien der Garten im Herbste noch schöner als im Sommer, geheimnisvoller, dunkler und rätselschwerer. Auf der Spiegelfläche des schwarzen Weihers lag das gefallene Laub träge da, ohne sich zu rühren, nur zuweilen wurde es von einem Windstoß hin und her bewegt.

Die Kinder irrten durch die leeren Gänge und Alleen wie gescheuchtes Wild. Sie mieden das Haus, in dem seit einigen Tagen eine fremde Frau das Regiment führte, die am schwarzen Gürtel den großen Schlüsselbund trug und so fest und sicher auftrat, daß es unter ihren Füßen schütterte und klirrte.

Es war die Witwe, die mit Luchsaugen Keller und Kammern revidierte und mit dem faulen Leben der Mägde kurzerhand aufgeräumt hatte. Sie sah ihnen auf die Finger, daß die Frauenzimmer schon bei ihrem Nahen zusammenschraken. Es hatte sie eine gewisse Mühe gekostet, in das Haus zu dringen; aber ihrer Zähigkeit konnte der Doktor nicht Widerstand leisten. Sie hatte ihn wie die Mägde gleichermaßen am Gängelbande.

Er suchte sich zu wehren; und als er einwendete, es ginge doch wegen der Leute nicht, daß sie bei Lebzeiten seiner Frau das Haus betrete, da hatte sie ihn mit bösen Augen angesehen und aufgelacht; und hartnäckig bestand sie darauf. Gerade um der Leute willen müßte sie jetzt die Zügel in die Hand nehmen, damit – fügte sie gedämpft hinzu – es ganz natürlich aussähe, wenn sie später blieb.

Ihre voraussehende Frauenlogik, die unbeirrt auf ihr Ziel ging, machte ihn mürbe. Und als er noch schwankte und widerstrebte, legte sie ihre drallen Arme um ihn und flüsterte ihm etwas zu.

Da schielte er zur Seite und nickte nur noch stumm.

Sie strich ihm seinen forschen Schnurrbart in die Höhe, um ihn voll auf den Mund zu küssen; und sie küßte ihn, daß ihm schwindlich wurde.

Dieses Weibsbild verstand sich auf die Liebe, die ihm gut tat.

Sie konnte in einer Weise mit ihm knurren und böse tun, die seinen Zorn weckte, aber ihn gleichzeitig noch mehr erregte und zu ihr zog. Sie verstand es, ihn wie einen Hund zu behandeln und dann mit ihm schön zu tun, daß er sich wieder als Herr fühlen konnte. Sie reizte ihn bis zum äußersten, obwohl sie genau wußte, daß er in solchen Momenten, unfähig jeder ruhigen Überlegung, sich an ihr vergreifen und sie an der Gurgel packen konnte. Dann entwand sie sich ihm angstvoll, drückte sich in den dunkelsten Winkel, und in ihren breiten Hüften zitternd, blickte sie wie ein verprügeltes Tier, das immer neue Peitschenhiebe fürchtet, zu ihm empor. So hatte sie es durchgesetzt, daß eine Magd das Kind und das entlegene Wirtshaus besorgte, in das ohnehin selten ein Mensch kam.

Und in der Tat, man konnte es natürlich finden, daß in dem Doktorhause ein energischer Wille die gelockerten Zügel der Wirtschaft wieder in die Hände nahm und nach dem Rechten sah.

Freilich, die Tamara fürchtete sich vor der fremden Hausgenossin wie die Kinder. Und wenn die robuste Frau in das Zimmer trat und die Schlüssel am Gürtel klapperten, so drückte sich die Kranke scheu zur Seite und stellte sich schlafend, nur um sie nicht anzusehen. Und wenn die Witwe mit ihren gesunden, breiten Händen sie auf dem Diwan hob, um die Betten zu schütteln, dann schlugen der Tamara die Zähne aufeinander, und der Angstschweiß trat auf ihre weiße, durchsichtige Stirn. Sie machte ein weinerliches Gesicht und wagte in ihrer Schwäche nicht, sich zu wehren.

Einmal fand sie der Prediger schluchzend und verweint in ihren Linnen, und da gestand sie es ihm.

Über das Gesicht des Geistlichen ging ein schmerzhaftes, bitteres Zucken. Aber von diesem Tage an durfte die Witwe das Gemach der Tamara nicht mehr betreten.

Der Prediger hatte es über den Kopf des Doktors hinweg der Frau gesagt; und mit einem schlimmen Lächeln fügte sie sich.

Der Doktor hatte sie beruhigt und ihr gut zugeredet. Man müsse alles meiden, erklärte er, wodurch man nach außen auch nur den geringsten Anstoß erregen könnte; und darin stimmte die Witwe mit ihm überein. Sie war ja doch bereits die Herrin. Sie speiste mit dem Doktor und kujonierte die Mädchen; und des Abends, wenn alles im Hause schlief, trafen sie sich in dem finsteren Garten, und der Kies knirschte unter ihren Schritten. In den Bäumen raschelte es unruhig, dürre Zweige und fallendes Laub knisterten und knatterten, und dazwischen hörte man noch die getragenen Laute einsamer Nachtvögel. Eulen und Käuzchen machten den Spaziergängern die Begleitmusik, und hin und wieder schwirrte eine Fledermaus ihnen zu Häupten, und vom Weiher tönte das Gequäk der Frösche zu ihren Ohren.

Der Doktor meinte einmal, daß die Nacht und der Garten gegen ihn revoltierten. Er mochte im Innern den Garten der Tamara überhaupt nicht leiden.

Die Frau hatte es auch versucht, auf die Kinder einzuwirken. Aber Thomas hatte ihr die Fäuste und die Zähne gezeigt. Und die kleine Bettina hatte sich wie ein zum Sprunge bereites Kätzchen geduckt und gebuckelt, so daß die Frau schon die Krallen zu sehen meinte, die ihr das weiche Gesicht blutig kratzen würden.

Zwar ließ sie die Kinder nicht aus den Augen, aber sie richtete nicht das Wort an sie und unterließ es, ihnen Weisungen zu geben.

Sie wollte unter keinen Umständen mit ihnen zusammengeraten; denn sie fürchtete die beiden wie ihre Aufpasser. In ihrem unreinen Frauenempfinden erkannte sie noch, daß die Augen der Kinder ahnungsvoll und durchdringend sind, daß sie mit unheimlicher Schärfe bis auf den Grund dunkler Seelen zu forschen wissen. Und hier gab es einen Punkt, wo sie auch beim Doktor versagte.

Wenn sie sich über Thomas' Aufsässigkeit beklagte, so mied er es, ihr Antwort zu geben; sie fühlte es heraus, daß der große, starke Mann vor dem schlanken Jungem Pein empfand und hütete sich, an der Stelle zu bohren, von der ihr Unheil und Gefahr drohte.

Die Kinder lebten nur noch im Garten. Und am liebsten schlichen sie hinein, wenn der Mond weiße Nächte schuf, Blutbuchen und Ebereschen, Pappeln, Weiden und Cypressen in sein silbriges Licht tauchte. Dann war das Haus ein verwunschenes Schloß, in dem böse Wesen ihren Spuk trieben, dann rumorte, dampfte und zischte es unheimlich aus dem Weiher heraus, und zwischen Gebüschen und Sträuchern, in dunklen, hohen Baumkronen verschworen sich Unholde, Truggeister und Kobolde. Die Kinder hörten deutlich ihr unterdrücktes, teuflisches Gelächter.

Hier schütteten sie sich ihre schweren Herzen aus; hier klagten sie mit stummen Blicken, auch wenn sie nicht sprachen. Denn auch im Schweigen verstanden sie sich. Und nun fühlte es auch Bettina als ein Glück, daß der Prediger täglich ins Haus kam.

Die stille Eifersucht, die sie wohl gegen ihn hegte, löste sich auf. Sie waren beide so hilfsbedürftig und trostsuchend. Sie glaubten es fest, daß die fremde Frau am liebsten die Tamara morden würde. Sie redeten es sich ein und überzeugten sich gegenseitig, und eine gewisse kindliche Wollust wurde in ihnen rege, wenn sie mit heißen Köpfen und fiebernden Pulsen Rachegedanken austauschten.

Einmal kam Thomas aus der Schule mit einem geschliffenen Dolchmesser, das er einem Vagabunden abgekauft hatte. Er zeigte es der Bettina, und die sah ihn erschreckt und verständnisvoll an. Sie gingen Hand in Hand und sprachen kein Wort, aber in dieser wortlosen Stille flochten sich ihre Nerven ineinander, und das Pochen ihrer Herzen tönte zusammen.

Am dunklen Abend aber zog Bettina ihren Nachtkittel an, stieg aus dem Bett und schlich sich in Thomas' Zimmer.

Der Knabe fuhr aus unruhigem Schlafe auf.

»Ich bin's, Thomas«, flüsterte sie bebend. »Thomas, gib mir das Messer, ich kann sonst nicht schlafen. Und der Ofen kommt wie ein großer weißer Mann auf mich zu und sieht mich so schrecklich, so furchtbar, so drohend an.«

In dieser Nacht war es Thomas, der sie auf die Stirn küßte.

»Geh hinaus«, sagte er weich, »ich reiche es dir durch die Tür.«

Lautlos verließ sie das Zimmer. Draußen stand sie zähneklappernd, bis ein sehniger, schneeiger Knabenarm ihr das Messer reichte.

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