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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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X.

Tamara lag in ihren weißen Linnen und atmete die warme, weiche Luft des Sommers, die durch das offene Fenster hereinströmte. Ihre Augen hatten den übersinnlichen, sehnsüchtigen Todesausdruck. Ein Blutgefäß, das im rechten Auge gesprungen war und eine rötliche, feine Linie gezogen hatte, schien noch den rührenden und leidenden Ausdruck erhöhen zu wollen. Ihr aufgelöstes Haar, in dem die funkelnden Sonnenstrahlen einen flirrenden Tanz aufführten, ergoß sich in leichten Wellen auf den weißen Kissen. Sie fuhr mit den abgemagerten, schlanken Händen liebkosend durch die goldenen Strähnen und freute sich an ihrem Glanz und Schimmer. Sie lag und träumte für sich und in sich hinein. Von draußen drang plötzlich das Geräusch von Schritten in ihre Stille. Sie richtete sich ängstlich – mühsam auf und lauschte.

Die Tür wurde von zitternden Händen aufgerissen. Auf der Schwelle stand Thomas.

Das Gesicht der Kranken bekam etwas Hilfesuchendes und Verschüchtertes. Sie zog unter der Decke ihre Glieder zusammen, als fröre sie; dann sank sie erschöpft zurück und schloß beinahe ganz die Augen.

Thomas schlich an ihr Lager und sah nur einen schmalen, winzigen Streifen der hervorlugenden Pupille. Er merkte aber, wie ihre Lider zitterten und ihre Wimpern sich bewegten, und wie sie abgezehrt mit eingefallenen Wangen dalag, auf denen ein mattes, trauriges Rot wie hingehaucht schien. Er beugte sich zu ihr herab und küßte ihre Hand, die ihm so leicht und durchsichtig, so zart und zerbrechlich vorkam, daß sich ihm auf einmal unabweisbar die Schatten des Todes aufdrängten.

Da schlug Tamara die Lider auf und blickte ihn großäugig lächelnd an und streichelte ihn sanft.

Thomas wollte in Tränen ausbrechen; aber vor diesem Lächeln schämte er sich seines Schmerzes, und indem er die Hände ballte, schluckte er es herunter.

»Weißt du, bei wem ich war, Tamara?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Beim Prediger Pauli.«

Und nun erzählte er ihr alles in erregtem Übereifer, ohne zu sehen, wie es schreckhaft über ihre Miene ging; wie sie zuweilen zag widersprechen wollte, ohne sich doch aus ihrer Müdigkeit aufraffen zu können. Erst als Thomas seinen Bericht geschlossen hatte, nahm er wahr, daß aus den Poren ihrer reinen, klaren Stirn Feuchtigkeit drang, daß ihre Nasenflügel bebten, daß ihre blutlosen Lippen zuckten.

»Was hast du denn, Tamara?«, rief er entsetzt. »Bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?«

Und als sie noch immer schwieg, schluchzte er nun wirklich auf, und seine heißen Tränen fielen auf ihre Hand.

»Nicht böse sein, liebe, süße Tamara!«

Da nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn.

»Und das hast du ihm alles gesagt, Thomas?«

Er nickte.

»Du bist mir aber mutig, einem geistlichen Herrn solche Dinge ins Gesicht zu schleudern!«

»Denke dir, Tamara, er ist nicht einen Augenblick zornig geworden. Die Leute lieben ihn überhaupt, und in der Schule erzählen sie, daß er gar Wunderkuren macht und schon Schwerkranken geholfen hat. Erst zuletzt habe ich Angst vor ihm gehabt. Er kam mir so seltsam vor, wie ein Böser, der mich verwirren wollte. – Glaubst du an Gott, Tamara?« fragte er plötzlich ganz unvermittelt.

Sie schwieg.

»Ob du glaubst, Tamara? Sag mir's doch!«

Sie sah ihn flehend an.

Da senkte er den Blick und seufzte.

Nach einer Weile: »Soll ich zu ihm gehen, Tamara?«

»Magst du denn nicht?«

»Ich mag und ich mag nicht. Ich habe Furcht vor ihm und bin neugierig. Du mußt nämlich wissen«, setzte er gleichsam entschuldigend hinzu, »er ist nicht gewöhnlich; er ist so ganz anders wie die Lehrer. Kannst du es dir vorstellen, daß er »Du« zu mir gesagt und mich doch – ja, ganz gewiß – mit Respekt behandelt hat?«

Sie sah forschend in sein Gesicht und strich ihm die widerspenstigen Haare aus der Stirn. Aus seiner Bewegtheit und dem erregten Ton seiner Sprache erkannte sie die starke Wirkung, die der Prediger auf Thomas ausgeübt hatte.

»Er hatte eine so gute Stimme«, nahm der Knabe nachdenklich das Gespräch wieder auf, und kaum hörbar fuhr er fort: »Ich glaube, Tamara, es würde dir gut tun, wenn er an deinem Bett säße und mit dir spräche. Was du wohl zu ihm sagen würdest! Ich wäre gespannt darauf.«

Sie wehrte zuerst leise und furchtsam ab; aber Thomas bekämpfte hartnäckig ihr leises Widerstreben. Er hatte sich aus einem instinktiven Empfinden heraus, ohne daß er es klar wußte, fest an diesen Gedanken geklammert und ließ ihn nicht mehr locker. Allerlei dunkle Vorstellungen regten sich in ihm, denen er nicht auf den Grund zu gehen wagte; denn er fürchtete, ohne es sich einzugestehen, die rauhe Wirklichkeit. Es war ja auch viel schöner, wenn man mit fest geschlossenen Augen in die sonnendurchzitterte Luft hängende Schlösser und Irrgärten, plätschernde Springbrunnen und stolze Freitreppen baute.

»Tu's, Tamara«, bat er von neuem und fühlte aus ihrer unentschlossenen Miene, daß er sie schon halb bezwungen hatte. »Willst du?«

Als schämte sie sich, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Er wird es ja nicht zugeben.«

Thomas stutzte. Daran hat er noch gar nicht gedacht. Einen Augenblick wurde er verstört, und seine Züge arbeiteten unruhig. Dann aber war er zu einem festen Entschluß gekommen, feierlich und bestimmt sagte er: »Er wird es dir nicht verwehren, Tamara.« Sein Ton klang ihr wie süße Musik. Ihr Gesicht wurde strahlend. Sie sah ihren Jungen so demütig, stolz und beglückt an wie ein kleines verliebtes Mädchen, das sein Glück noch gar nicht fassen kann.

»Komm, küß mich«, sagte sie zärtlich.

Thomas küßte sie, und ein ihm ganz fremdes Siegergefühl kam in ihn. Er fühlte sich auf einmal so mächtig und gegen alle Widersacher gefeit. Er hatte ganz vergessen, daß sie krank, schwach und elend dalag und empfand sie nur in ihrer feinen Schönheit. Und wie er sie zärtlich ansah, da mischte sich in seine Stimmung etwas von jener verliebten Laune, die er für Bettina in letzter Zeit zuweilen spürte. Er schämte sich dessen und wurde verlegen, just so wie Bettina gegenüber, und dennoch hatte er den Drang, es ihr zu sagen. Er wandte das Gesicht von ihr, und während er blutrot wurde, flüsterte er: »Tamara, du siehst wie eine schlanke, weiße Lilie aus!«

Und ohne ihre Antwort abzuwarten, war er aus der Tür.

Mit erdfremden Augen blickte sie ihm nach. Sie horchte auf das Verhallen seiner Schritte. Als es ganz still geworden war, fuhr sie glättend über ihr weiches, wirr gewordenes Haar und schloß müde die Lider. – – –

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