Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gabriel Ferry >

Der Waldläufer - Für die reifere Jugend bearbeitet

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Für die reifere Jugend bearbeitet - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer ? Für die reifere Jugend bearbeitet
publisherVerlag von Wilhelm Nißschke
editorOskar Höcker
illustratorG. Bartsch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071007
projectide6574e95
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel. Der letzte Kampf.

Noch einmal hebt sich der Vorhang vor den Blicken des Lesers und zeigt ihm die letzten Scenen unserer Erzählung, und noch einmal sieht er als Decoration das Goldthal vor sich, wo er Zeuge von so vielen heftigen und blutigen Auftritten gewesen.

Wir verließen Fabian in dem entsetzlichen Augenblicke, da er mit dem ihn fest umschlungen haltenden Apachen den steilen Abhang der Felspyramide hinunterrollte. Seine Büchse hatte der Jüngling nicht aus dem Arm gelassen, bis ihn endlich eine tiefe Ohnmacht umfing und das Gewehr neben ihm auf den Boden glitt. Nunmehr fielen Mischblut, Rothhand und die Gemse, welche, wie wir wissen, von ihrem Versteck aus den ganzen Vorgang beobachtet hatten, über Fabian her und schleppten ihn nebst dem todten Windseufzer fort. Die drei gefallenen Apachen warf man in den Abgrund des Wasserfalls, Fabian dagegen wurde gefesselt. Während dies geschah, lief eine von den vier Rothhäuten, welche Rosenholz und Josef aus ihren Schlupfwinkeln in der Ebene getrieben hatten, herbei und berichtete den Tod ihrer drei Kameraden.

Mischblut stampfte wüthend mit dem Fuße; nach kurzem Besinnen gab er Rothhand die Weisung, den noch immer ohnmächtigen Gefangenen in's Canoe zu bringen, das in einiger Entfernung stromabwärts in dem Schilfe des Ufers verborgen lag. Der alte Renegat trug mit Hilfe der Gemse und des aus der Ebene angekommenen Indianers den gefesselten Jüngling auf den Schultern fort und legte den Ohnmächtigen auf den Boden des Canoes, Mischblut erwartend, der versprochen hatte, ihnen bald nachzufolgen.

Der Mestize blieb jedoch länger aus, denn er bemerkte plötzlich den Canadier auf der Felspyramide, und der Schmerz des alten Waldläufers zeigte ihm, daß er seinen grimmigen Feind nicht tödtlicher verletzen könne, als wenn er ihm sein geliebtes Kind entreiße. Außerdem wollte er dem ihm verhaßten Rosenholz eine schmerzhafte Wunde beibringen, damit derselbe in der Prairie ein sicheres Opfer des Hungers und des Grames werde. Da jedoch seine Feuerwaffe infolge des Regens lahm gelegt worden war und das nasse Pulver sich nicht entzündete, so zog er sich fliehend zurück. Nach einem allerdings großen Umwege gelangte er zum Ufer, wo seine Spießgesellen mit großer Ungeduld ihn erwarteten.

Der alte Rothhand befand sich in einer äußerst üblen Laune, welcher er denn auch bald, nachdem man das Canoe in Bewegung gesetzt, Ausdruck verlieh, indem er seinen Sohn anbrummte: »Du willst immer oben hinaus, hast stets große Rosinen im Kopfe, bist aber nicht im Stande, auch nur einen einzigen Deiner Pläne siegreich zu Ende zu führen. Was hast Du heute wieder erreicht? Nichts.«

Mischblut legte gegen diese Beschuldigung einen stummen Protest ein, indem er auf den im Boote liegenden Fabian wies.

»Die Gefangennahme des Burschen da will nicht viel heißen,« polterte Rothhand weiter. »Was geschieht denn mit den zwei Andern, die Du an den Schwarzvogel ausliefern solltest? Und was wird mit dem Schatze, den wir im Stiche lassen, obgleich es so leicht war, uns des Goldthales zu bemächtigen? Demonio! ich bebe vor Wuth und Zorn, wenn ich bedenke, wie dumm und albern Du die Sache angefangen hast.«

»Jetzt hör' einmal mit Deinen Schmeicheleien auf, Vater,« entgegnete Mischblut und warf dem Alten einen Blick zu, der seine nicht eben freundschaftlichen Gesinnungen ausdrückte, »denn ich habe wahrlich nicht nöthig, mein Verfahren zu rechtfertigen, und wenn ich es jetzt doch thue, so geschieht es nur, damit Du mir nicht immer mit Deinem Lamento in den Ohren liegst. Die beiden verwünschten Waldläufer haben unsere Mannschaft derart gelichtet, daß mir ihnen nur noch zu Viert gegenüberstanden und es mithin ein Wahnsinn gewesen wäre, gegen sie vorzugehen. Außerdem ist bei einem solchen Regenwetter eine Büchse noch weniger werth, als ein Messer. Mit dem Angriff aber zu warten, bis das Gewitter vorüber, hieße bis zum nächsten Sonnenaufgang auf der faulen Bärenhaut liegen, dazu aber hab' ich weder Lust noch Zeit. Was die drei Jäger anbelangt, so haben wir hier einen von ihnen und binnen jetzt und zweiundsiebenzig Stunden werd' ich ihn dem Schwarzvogel ausliefern. Die beiden Andern aber zählen nicht mehr, da in den Prairien ein Jäger ohne Feuerwaffe ein verlorener Mann ist. Der Hunger und die Bären werden den Beiden den Garaus gemacht haben, bevor mir noch an der Gabel des rothen Flusses angelangt sind. Was nun den Schatz des Goldthales betrifft, so brauchst Du deßhalb nicht in Unruhe zu sein: noch vor Ende des Monats kommen wir zurück und heimsen dann ein; das Gold fliegt nicht davon, wohl aber könnte dies bei einem andern Schatze der Fall sein, wenn ich länger zögerte, ihn zu erobern. Ich meine die weiße Taube am Büffelsee, welche mir ein schönes Lösegeld eintragen soll. Nun, bist Du jetzt bekehrt, oder siehst Du noch immer nicht ein, daß ich bedächtig und klug gehandelt habe?«

»Du weißt ja gar nicht, an welcher Stelle des Goldthals der Schatz verborgen ist«, brummte Rothhand noch immer verdrießlich, »wie willst Du also hoffen, ihn zu heben

Die Wuth des Alten nahm so zu, daß er den noch immer regungslos daliegenden Fabian mit dem Fuße stieß und dabei ausrief: »Wo hast Du den Schatz vergraben, Hund?« Und als der Jüngling aus seiner Betäubung erwachte und entsetzt dem Renegaten in's Gesicht starrte, brüllte dieser von Neuem: »Nun, wirst Du antworten, Schurke?«

»Wer seid Ihr?« fragte mit leiser Stimme Fabian, der sich zwar seines Sturzes von der Felspyramide erinnerte, aber das Schreckliche seiner jetzigen Lage noch nicht begriff.

»Er fragt, wer ich bin!« lachte Rothhand grimmig. »Du hast mir zuerst zu antworten; also noch einmal: wo hast Du und Deine spitzbübischen Genossen den Schatz vergraben?«

Bei dieser zweiten Frage hatte Fabian seine Besinnung wieder vollständig erlangt. Sein Blick suchte ängstlich nach Rosenholz und Josef, er begegnete nur den wilden Mienen der beiden Wüstenräuber und den bemalten Gesichtern der Apachen.

Was war aus seinen beiden väterlichen Freunden geworden? An der Beantwortung dieser Frage war jetzt Fabian alles gelegen, und da er wußte, daß weder Rothhand noch Mischblut ihm die Wahrheit sagen würden, wenn er sie direct darum anging, so nahm er zur List seine Zuflucht und sagte:

»Ihr sprecht da von einem Schatze, allein ich habe niemals etwas davon gehört, denn Josef und Rosenholz hielten es nicht für gut, mir ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Fragt sie doch selbst darum.«

»Diese Landstreicher fragen!« rief Rothhand höhnisch. »Befragt die Wolke, die wir gestern gesehen haben, die heute aber verschwunden ist. Wird sie Euch antworten?«

»Ihr habt recht,« nickte Fabian, »die Todten sprechen nicht mehr.«

»Oh, die Landstreicher sind nicht todt; trotz alledem vermögen sie nicht mehr zu schaden. Was soll ihnen ihre Freiheit nützen, ohne Waffen? Sie werden doch eine Beute des Hungers. Was nützt Euch das Leben,« fuhr er grinsend fort, »da Euer Körper binnen Kurzem von den Klauen des Schwarzvogels in Fetzen gerissen werden wird?«

Ein verächtliches Lächeln glitt über das Antlitz Fabians, während es in seinem hochklopfenden Herzen hell aufblitzte, da er jetzt wußte, daß seine Freunde lebten und frei waren. Der Jüngling schloß die Augen, um die von den noch immer zuckenden Blitzen grell beleuchteten Gesichter der ihm verhaßten Wüstenräuber nicht mehr sehen zu müssen. Nach wie vor wüthete der Sturm und unter Donner und Blitz rauschte der Regen in Strömen herab. Der Rindenkahn aber flog leicht über die Wasserfläche dahin und trug den Gefangenen, dessen Kleider vor Nässe trieften, immer weiter von seinen Beschützern hinweg.

Als gegen Morgen der Himmel endlich sich wieder aufheiterte, machten die Banditen an einer Stelle des Ufers Halt, wo inmitten hohen Grases sich eine Gruppe von Bäumen erhob. Während Mischblut einem Damhirsche nachjagte, zündeten die beiden Apachen ein Feuer an und Rothhand trocknete die durchnäßten Kleidungsstücke. Fabian ward diese Wohlthat nicht zu Theil, er mußte vielmehr gebunden im Kahne zurückbleiben. Mischblut hatte alsbald den Damhirsch erlegt und ließ Ziemer und Schlegel am Feuer braten. Unterdessen gaben sich Alle einem kurzen Schlafe hin und nur der arme Fabian blieb wach, denn Gram, Kummer und Sorge zerwühlten sein Herz und ohne Unterlaß beschäftigte ihn die bange Frage, ob wohl die beiden Freunde seine Spur finden und ihn befreien würden.

Mittlerweile war die Sonne glänzend am Himmelsgewölbe aufgegangen und ihre brennenden Strahlen hatten die Schläfer am Wachtfeuer ermuntert. Heißhungrig fielen sie über den saftigen Hirschbraten her, indessen vergaß der grausame Rothhand seinen Gefangenen nicht, und indem er ein paar Stücke des Bratens an sein Messer anspießte, äußerte er mit einem teuflischen Lächeln zu Mischblut:

»Wir dürfen dem Schwarzvogel nun und nimmer einen halbverhungerten Gefangenen überliefern; der junge Schlingel würde sich am Marterpfahle schlecht ausnehmen, wenn ihm die Kraft mangelte, sich aufrecht zu halten.«

»Mach' was Du willst,« erwiderte Mischblut verdrießlich. Rothhand schritt auf das Canoe zu, das am Ufer angebunden war. »Hat der Gefangene Hunger?« begann er mit seiner rohen Stimme:

»Ja,« lautete Fabians Antwort, allein ich esse nicht wie ein angebundener Hund, lieber will ich verhungern, und dann kannst Du meinen Leichnam dem Schwarzvogel überbringen.«

»Oh, seht doch,« rief Rothhand ärgerlich, »das Bürschchen will mir Bedingungen stellen.«

»Allerdings,« erwiderte Fabian kaltblütig, »ich werde nicht eher Nahrung zu mir nehmen, als bis meine Arme frei sind.«

Das Weiße in den Augen des Renegaten färbte sich blutroth, so groß war der Grimm und Zorn, der infolge dieser kühnen Antwort in ihm aufstieg. Da aber die Aussicht, den Jüngling am Marterpfahle zu sehen, zu verlockend für seine grausame Denkungsweise war, so machte er gute Miene zum bösen Spiel; er hob den geknebelten Fabian aus dem Kahne heraus, legte ihn in der Nähe des Feuers auf das Gras und löste die Bande seiner Arme.

Zum ersten Male seit zwölf Stunden konnte der Jüngling wieder seine Arme frei ausstrecken und es war kein Wunder, daß eine gewisse Behaglichkeit über ihn kam, als er, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, das Stück Wildpret verzehrte, welches ihm sein grausamer Wärter darreichte.

Da nach genossener Mahlzeit Fabian wieder in das Boot getragen wurde, so wird sich jetzt der junge Leser erklären können, warum Rosenholz und Josef keinerlei Spuren von ihm entdeckten, als sie Tags darauf an demselben Orte anlangten und die Ueberreste des Feuers vorfanden.

Nachdem man den Jüngling wieder gefesselt hatte, wurde die Fahrt abermals aufgenommen und erst dann unterbrochen, als man die Büffelinsel erreicht hatte. Die beiden Wüstenräuber überzeugten sich, ob die Vorräthe, welche sie drei Tage zuvor dort eingegraben hatten, noch unberührt seien, und da dies der Fall war, so setzten Vater und Sohn ihre Reise fort. Sie nahmen jedoch nicht wieder in dem Canoe Platz, sondern verbargen dasselbe in dem Schilfe des gegenüberliegenden Ufers, da Mischblut Willens war, den Landweg einzuschlagen, um die vielen Krümmungen des rothen Flusses abzuschneiden, welche die Entfernung bis zur Gabel fast verdoppelten.

Die beiden Wüstenräuber schienen um ihre Sicherheit in keinerlei Weise besorgt zu sein, was daher kam, daß sie sich jetzt auf den Jagdgründen der ihnen befreundeten Apachen befanden und hoffen durften, bald auf einzelne derselben zu stoßen. Und wirklich begegneten sie nach kaum zweistündiger Wanderung zehn Indianern vom Stamme der Apachen, die sich mit Freude ihnen anschlossen, als sie erfuhren, daß Mischblut gesonnen sei, weiße Jäger anzugreifen und denselben die Pferde zu rauben, welche in dem stark befestigten Corral verwahrt waren.

Die sengenden Sonnenstrahlen nöthigten das nunmehr auf vierzehn Mann angewachsene Raubgesindel, sich unter einer Baumgruppe zu lagern und den Marsch erst bei einbrechender Nacht weiter fortzusetzen.

Schweigend war Fabian, welchem Rothhand die Fesseln an den Beinen abgenommen und dafür die Hände auf den Rücken gebunden hatte, seinen Peinigern gefolgt. Müde und abgespannt ließ er seinen Körper in einiger Entfernung von dem angezündeten Lagerfeuer in das Gras gleiten, die beiden Apachen, welche ihn keinen Moment aus den Augen lassen durften, nicht beachtend. Rothhand und Mischblut hatten sich mit den übrigen Indianern um das Feuer gelagert, als ein ausgestellter Wachtposten plötzlich ein Alarmgeheul ausstieß. Sein scharfer Blick hatte nämlich jenen Spion Brennstrahls erkannt, der, wie wir wissen, allzuweit vorgedrungen war. Was jetzt geschah, kennen wir bereits aus dem vorhergegangenen Abschnitt, und wir wollen nur noch hinzufügen, daß Fabian leichter aufathmete, als der gefangene Comanche in Gnaden wieder entlassen worden war; er wußte, wie feindlich die Comanchen den Apachen gesinnt waren, und gab sich der Hoffnung hin, daß der Freigelassene oder dessen Häuptling möglicherweise auf Rosenholz und Josef stoßen konnten, und diese dadurch seine Spur entdeckten. Wir wissen, daß Fabian in seiner Hoffnung nicht getäuscht war.

Als der Abend dämmerte, brachten die Apachen, mit welchen die beiden Wüstenräuber sich verbunden hatten, eine Pirogue (Boot von einem ausgehöhlten Baumstamm) herbei, welches sie unweit des Flußes zwischen hohem Grase und Gestrüpp versteckt hatten, und in dieses Kriegs-Canoe setzte sich die ganze Schaar, da es geräumig genug war, die doppelte Anzahl von Kriegern aufzunehmen. Obgleich immer noch gefesselt und streng bewacht, wurde es Fabian von nun ab leichter zu Muthe, da der Strahl der Hoffnung sein Herz neu belebte.

Der schwerfällige Gang der Pirogue, sowie der Umstand, daß die Apachen während der Fahrt fleißig Feuerwasser (Branntwein) schlürften, brachte das Raubgesindel nur langsam vorwärts, so daß es erst am nächsten Morgen die rothe Gabel erreichte und mit dem Canoe in eine kleine schilfbewachsene Bucht einbog.

Wie bereits erwähnt, war das Thal der rothen Gabel der Ort, an welchem die beiden Wüstenräuber mit dem Schwarzvogel zusammentreffen wollten. Eine hohe Gebirgskette, deren Häupter in Schnee gehüllt waren,, schloß auf zwei Seiten das Thal ein, und zwar waren es im Norden die großen Cordilleren mit ihren blauen Zacken und ihren hohen Spitzbergen, im Süden dagegen ein niedrigerer Gebirgszug, dessen Granitfelsen in gähnende Schluchten blickten. Der Zwischenraum, welcher diese beiden Bergketten von einander trennt, hat eine Ausdehnung von zehn Wegstunden, und dort ist es, wo von Westen nach Osten die beiden Arme des rothen Flußes fließen. Das Bett des einen ist fast immer ausgetrocknet, während das Wasser des andern sich ruhig an dem mit hohem Gras bedeckten Ufer vorüberwälzt und seine Grüße dem grünen Halmenmeere darbringt, dessen Wellen sich am Saume eines großen Waldes brechen. Inmitten dieses Waldes liegt der Büffelsee.

Zwischen den beiden Flußarmen zieht sich ein feuchter sumpfiger Landstrich hin, der in der Regenzeit durch das Austreten des rothen Flußes überschwemmt wird und einer großen Anzahl von Bibern zu ihrem Aufenthaltsort dient; Algen und Wasserpflanzen wuchern hier und üppig grünende Weiden flechten sich mit rankenden Lianen zu einem Dickicht, das der Indianer oder Jäger nur vermittelst seiner Art zu durchbrechen vermag.

Nur höchst selten wurde zu jener Zeit, wo unsere Erzählung spielt, dieses einsame stille Thal von Menschen betreten; hin und wieder zeigte sich auf den Gipfeln der südlichen Sierra (Bergkette) ein Trapper mit seinen Fallen und seiner langen Büchse auf der Schulter, um einen Blick auf die Baue der Biber zu werfen; bisweilen glitt auch ein Indianer in seinem Rindenkahne schnell dahin, die Spuren des ihm feindlichen Trappers oder eines Büffels suchend. Im Uebrigen störte aber nur selten ein Geräusch die Ruhe des Thales, den Wind einzig und allein ausgenommen, der beständig im hohen Grase säuselte.

So also sah der Schauplatz aus, den die Wüstenräuber mit ihren wilden Genossen jetzt betraten. Auf Befehl des Mestizen mußte Rothhand und einer der Apachen mit dem Gefangenen auf das gegenüberliegende Ufer fahren. Der Renegat schleppte Fabian hinter ein dichtes Gebüsch, das sich in einiger Entfernung vom Ufer befand, und blieb daselbst mit dem Apachen als Wache zurück. Die, übrigen Krieger dagegen setzten wieder über den Fluß, versteckten die Pirogue sorgfältig im hohen Grase und erwarteten darauf die Befehle Mischbluts.

»Zwei von Euch,« sagte dieser in seinem kurzen gebieterischen Tone, »stellen sich an dem Ufer auf, der Stelle gegenüber, wo mein Vater den weißen Gefangenen bewacht. Die Uebrigen zerstreuen sich in der Ebene und benachrichtigen mich sofort, sobald der Schwarzvogel sich zeigt. Und jetzt reicht mir meinen Mantelsack, den ich Eurer Obhut anvertraut habe.« Dies geschah, und nachdem sich die Apachen über die Ebene zerstreut, zog sich Mischblut hinter ein dichtes Gebüsch zurück. Er nahm daselbst mit seinem äußern Menschen eine eigenthümliche Umwandlung vor. Er entfernte zuerst die rothen Bänder, welche sein Haar schmückten, dann tauchte er das Gesicht in's Wasser und wusch die Malereien ab, womit er es nach indianischer Weise verunziert hatte. Zu guter Letzt öffnete er den kleinen Mantelsack und vertauschte seine Kleider mit einem Anzuge, wie ihn die Mejikaner zu tragen pflegen. Nachdem er noch seine Büchse über die Schulter gehangen, entfernte er sich in der Richtung des Büffelsees.

Seit jener Stunde, wo er zum letzten Male das Lager des Hacendero spionirend umgangen hatte, waren sieben Tage verflossen; der Mestize wußte aber sehr wohl, daß die Pferdejagd mit der darauf folgenden Zähmung der gefangenen Thiere mindestens zehn Tage in Anspruch nahm, folglich war er gewiß, den Hacendero und seine Tochter noch am See zu finden. In einer Lichtung des Waldes, von wo aus er das Lager überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden, hielt er einen Augenblick an und seine finstren Mienen gaben deutlich zu erkennen, daß ein heimlicher Aerger in ihm aufstieg.

Der junge Leser wird den Grund desselben sofort errathen, wenn wir ihm sagen, daß ein halbes Dutzend gesattelter Pferde vor dem Zelte Don Augustins stand und alles darauf hindeutete, daß der Hacendero gewillt sei, die Heimreise anzutreten.

Indessen verschwand alsbald der zornige Aerger aus dem Antlitz des Mestizen; stellte es sich ja doch heraus, daß der Hacendero nur einen Ausflug in die Umgegend beabsichtigte.

Don Augustin trat jetzt aus dem Zelte heraus und ihm auf dem Fuße folgte, im leichten, bequemen Reitkleide, Rosarita, strahlend vor Lust und Jugendübermuth.

Das wilde Auge des Mestizen begann zu funkeln und eine teuflische Freude spiegelte sich in seinen Zügen. Er entfernte sich leise und streckte sich unbeweglich in das hohe Gras nieder, um den Vorgängen unbemerkt zu lauschen.

Don Augustin und seine Tochter bestiegen ihre Pferde und während drei Vaqueros und unser alter Bekannter Encinas das Gleiche thaten, äußerte der letztere zu jenem tollkühnen Hirten, welcher den weißen Renner der Prairien verfolgt hatte: »Solltet Ihr an dem Ufer des Biberteiches einige frische Büffelspuren bemerken, so laßt mich dies bei Eurer Zurückkunft wissen; meine Kameraden und ich werden Euch dann für das Schauspiel einer Pferdejagd, welches Ihr uns geboten, mit einer Büffeljagd aufwarten. Jetzt aber will ich Euch den Weg zeigen, den Ihr einschlagen müßt, um aus dem Wald zu kommen.«

Nachdem der Büffeljäger dem Hacendero und seinen Begleitern genau die Richtung angegeben hatte, der sie folgen mußten, um zu dem Biberteiche zu gelangen, wünschte er Allen einen vergnügten Tag und kehrte in's Lager wieder zurück.

Diesen Ausflug unternahm Don Augustin auf das inständige Bitten Rosaritas, welche gern einmal die Baue und Arbeiten der in der Nachbarschaft hausenden Biber zu sehen wünschte.

»Wie Encinas uns gesagt,« äußerte der Hacendero, nachdem sie ein paar Minuten weiter geritten waren, »müssen wir zunächst durch eine über den Fluß führende Furth und dann ...« »Halloho!« rief Francisko, »ich sehe da einen Menschen im Grase liegen, und zwar einen Weißen; vielleicht könnten wir von ihm erfahren, ob dies die Furth ist, welche Encinas gemeint hat.«

Don Augustin nickte und gab seine Zustimmung, daß der Vaquero den Fremden herbeirufe.

»Verzeihung, Senor,« begann der verkleidete Mischblut, als er dem Hacendero gegenüber stand, »Euer Diener fragte mich soeben, ob dieser Streifen in dem Flusse eine Furth andeute.«

»So ist's,« entgegnete Don Augustin, den Fremden mißtrauisch betrachtend, der außerordentlich phlegmatisch und ungelenk zu sein schien.

»Sollten die Herrschaften nach dem Biberteich wollen?« fragte Mischblut weiter.

»Errathen,« gab der Hacendero zurück. »Diese junge Dame hier wünscht die Bauten dieser geschickten Thiere zu sehen.«

»Hm,« räusperte sich der Unbekannte, »ich muß Euch nämlich sagen, Señor, daß ich ein Trapper bin und meine Fallen dort aufgestellt habe und Ihr werdet doch wissen, daß diese Fallen das einzige Vermögen eines armen Jägers sind. Wenn die Herrschaften indessen nur stumme Zuschauer sein und kein Gewehr abfeuern wollen, dann will ich sie nach dem Teiche führen. Die Furth ist auf dieser Seite links.«

»Links?« wiederholte Don Augustin in ungläubigem Tone. »Man hat uns gerade die entgegengesetzte Seite angegeben.«

»Dann seid Ihr eben falsch berichtet,« versetzte der Unbekannte mit einer Miene, als ob der Zweifel des Hacendero ihn sehr kränke. »Ihr könnt ja übrigens ganz nach Euerm Belieben handeln und versuchen, ob Ihr noch eine andere Furth findet, als die einzige, von der ich weiß.«

Mit diesen Worten entfernte er sich, allein der Hacendero, welcher jetzt überzeugt war, daß Encinas sich getäuscht habe, rief ihm nach:

»Hollah, Freund, wir wollen Euch folgen und mit Euch gehen.«

»Das ist ein gescheiter Einfall von Señor,« versetzte der Unbekannte und ging nunmehr den Fluß aufwärts, während die Reisenden ihm folgten.

»Wenn ich nur wüßte,« äußerte der Hacendero leise zu Francisko, »wo ich dieses Gesicht schon einmal gesehen habe; – ich versuche vergebens, mich zu erinnern.«

»Fürchten sich Señor vor dem Biberjäger?« erwiderte Francisko. »Derartige Leute sehen in der Regel wild aus, sind aber die ehrlichsten Käuze von der Welt.«

»Nein ... nein,« sagte Don Augustin kopfschüttelnd, »auf diesem Gesicht liegt etwas wie eine Maske, welche den wahren Ausdruck verbirgt. Indessen was liegt daran.«

Die Reiter folgten dem Trapper, bis sie endlich über den langen Weg ungeduldig zu werden begannen. Als der Führer dies merkte, ward er plötzlich redselig und äußerte:

»Ja, ja, ja, die Biber sind gar kluge, geschickte Thiere, die ich oft auf meinen einsamen gefahrvollen Streifereien beobachtet habe. Mehr als einmal erinnerte mich das Geräusch, welches sie mit ihren Schwänzen vollführen, wenn sie ihre Bauten von Pfählen und Lehm festschlagen, an den wohlbekannten Ton. des Schlagens der Wäscherin an den Ufern des Illinois, und dann erinnerte ich mich immer an meine ferne Heimath.«

»Ist Euer Vaterland wirklich so fern?« fragte Rosarita mitleidig.

»Jawohl, Señorita,« seufzte der vermeintliche Biberjäger, »denn ich stamme aus Illinois. Uebrigens,« unterbrach er sich, »jetzt könnt Ihr das Geräusch der Biber selbst hören.«

Die Reisenden lauschten und vernahmen in der That einen entfernten Lärm, wie wenn Jemand auf ein nasses Linnen klatscht.

»Wir Biberjäger freuen uns indessen gar nicht über das Geräusch, denn wenn sie so emsig arbeiten, gehen sie nicht in die gelegten Fallen; ich werde sie daher ein wenig erschrecken.« Nach diesen Worten stieß der Trapper kurz nach einander drei tiefe gellende Töne aus, welche an das rauhe Gebrüll des amerikanischen Löwen erinnerten und die Zuhörer erbeben machten. Sofort verstummte das ferne Geräusch und im nächsten Augenblicke rief der Jäger lächelnd: »Wir sind jetzt an der Furth angelangt.«

Die Stelle, auf welche der Führer hinwies, war der spitze Winkel, den die beiden Flußarme bei ihrer Trennung bildeten. Zur Linken der Reiter verbarg ihnen das dichte, hohe Gras die Ebene, während sich rechts, am gegenüberliegenden Ufer, Weidengebüsche hinzogen.

»Und hier soll eine Furth sein?« bemerkte Don Augustin. »Der Fluß kommt mir gerade an dieser Stelle tief vor.«

»Das kommt daher, weil das Wasser trüb ist und man den Grund nicht sehen kann,« entgegnete der Trapper sehr ruhig. »Befehlt einem Eurer Diener voranzureiten, und ich will mich dann mit hinten auf's Pferd setzen.«

Francisko erbot sich, den Führer auf's Pferd zu nehmen, worauf der Trapper sich ziemlich unbeholfen auf das Thier schwang.

Da das Roß sich scheute, allein in's Wasser zu gehen, so wurde noch ein zweiter berittener Vaquero hercommandirt. Sodann trieb man die beiden Pferde in den Fluß hinein.

Plötzlich ließ sich hinter dem Hacendero im Grase ein ähnliches Gebrüll vernehmen, wie es der Trapper kurz zuvor ausgestoßen, und das durch diesen unerwarteten Vorfall verursachte Staunen der Reiter verwandelte sich nur allzu rasch in einen furchtbaren Schrecken. Der Mestize stimmte dasselbe Gebrüll an und jagte gleichzeitig sein Messer dem unglücklichen Francisko tief in den Rücken, während seine eiserne Hand den meuchlings Ermordeten aus dem Sattel hob und in den Fluß stürzte. Im nächsten Augenblick warf Mischblut seine Büchse hinter sich an's Ufer und ergriff den Zügel des Pferdes, das sich neben dem seinigen befand, um mit einem kräftigen Ruck den darauf sitzenden Vaquero ebenfalls aus dem Sattel zu werfen.

Ehe der Hacendero sich in Vertheidigungszustand setzen konnte, stürzten acht Apachen herbei, rissen den Rest der kleinen Schaar von den Pferden und trugen sie in das hohe Gras, welches das Ufer bedeckte. Rosarita aber sank, bleicher als die Blumen der Seerose des Büffelsees, ohnmächtig in die Arme des Mestizen, welcher rasch an's Ufer gesprengt war. Der gelle Angstschrei, den das arme Mädchen ausgestoßen, mischte sich mit einem andern, welcher von dem gegenüberliegenden Flußufer herüberdrang, wo Rothhand und ein Apache den unglücklichen Fabian bewachten.

Mischblut achtete nicht weiter darauf, zumal ihm gleichzeitig von einer der ausgestellten Wachen die Meldung wurde, daß der Schwarzvogel mit seinen Kriegern in Sicht sei. Und in der That wirbelte in einiger Entfernung eine Staubwolke auf, in welcher Lanzenspitzen mit flatternden Scalps und Mäntel von Büffelhäuten hin- und herwogten, und wenige Minuten später sprengte die Reiterschaar heran, und überall ertönte der Ruf: »Schwarzvogel!... Mischblut! ... Rothhand!« ... Im wilden Galopp beschrieben die Neuangekommenen einen Kreis um den Mestizen und sein Gefolge, dann blieben alle Pferde wie angewurzelt stehen. Tiefes Schweigen folgte dem unheimlichen Getümmel. Trotz der Verkleidung erkannte der Schwarzvogel sofort den Mestizen, welchem er sich näherte und mit einer ruhigen, stolzen Miene die Hand entgegen streckte, indem er sagte:

»Heut' ist die dritte Sonne, und ich sehe, daß mein Bruder Mischblut seine Zeit benutzt hat,« dabei deutete er auf die im Grase liegenden Gefangenen.

»Oh,« entgegnete der Mestize, »es sind dies nicht die einzigen; dort drüben befindet sich noch ein Weißer und zwar der Sohn des Adlers der Schneeberge.«

Diese Mittheilung ließ zuerst das Auge des Schwarzvogels freudig aufleuchten, dann aber verfinsterte sich sein Blick und er fragte im strengen Tone: »Warum ist es El Mestizo nicht gelungen, den Adler und den Spottvogel zu fangen?... Ich hatte ihm zehn Krieger anvertraut, was hat er mit ihnen gemacht?«

»Warum runzelt der Häuptling die Stirn?« gab Mischblut trotzig zurück. »Er scheint bereits zu wissen, daß von meiner Mannschaft neun gefallen sind. Allein ich frage ihn, was er mit seiner Kriegerschaar ausgerichtet hat, als er die drei Weißen im Rio Gilo einen Tag und eine Nacht belagerte? Der Schwarzvogel errang nichts, als eine Wunde, die ihm jetzt noch hinderlich ist, während ich innerhalb von zwölf Stunden mich des jungen Kriegers aus Mittag bemächtigte und den Adler und den Spottvogel entwaffnete, so daß die Thiere der Prairie ihrer jetzt spotten.«

»Hahaha!« lachte der Apachenhäuptling wild, »wie sehr sich doch mein weißer Bruder irrt! Der Adler und der Spottvogel besitzen nicht nur neue Waffen, sondern verfolgen auch unsere Spur und haben ihren Weg mit neuen Leichen unserer Krieger besäet!«

»Was! ... Was!« rief Mischblut zähneknirschend, und der Schwarzvogel erzählte nunmehr dem Mestizen, was dieser noch nicht mußte. Der Bericht war eben zu Ende, als sechs andere Krieger anlangten, die Ueberreste jener Schaar, welche die Antilope commandirt hatte und die der Gefahr im Engpasse entronnen waren. Ihre Erzählung machte Mischblut und den Schwarzvogel geradezu schäumen vor Wuth und der wilde Häuptling suchte einen Gegenstand, an dem er seinen unbändigen Zorn auslassen konnte. Mit grollender Stimme rief er:

»Wo ist der Sohn des Adlers der Schneeberge?«

»Dort,« antwortete Mischblut, auf das Dickicht des andern Ufers zeigend, wo Rothhand seinen Gefangenen bewachte.

»Er soll sterben – und zwar sollen seine Martern sofort beginnen.«

Ein Freudengeheul der Apachen begleitete diesen entsetzlichen Ausspruch. Nachdem der wilde Jubel sich wieder gelegt, theilte der Schwarzvogel dem Mestizen weiter mit, daß auch der Comanche Brennstrahl auf ihrer Spur sei.

Angesichts dieser neuen Hiobsbotschaft beschloß der schlaue Mestize in's geheim, sich noch vor dem Ausbruche des Kampfes mit der Lilie des Büffelsees davon zu machen und sie in Sicherheit zu bringen.

Der Schwarzvogel schien indeß seine Gedanken zu errathen, doch verbarg er für jetzt seinen Zorn und begnügte sich, zu sagen: »Ich brauche wohl nicht erst meinen Bruder an sein Versprechen zu erinnern, den in meine Hände zu liefern, welchen die Comanchen Brennstrahl nennen?«

Mischblut, welcher rasch sein gewöhnliches Costüm angelegt hatte, zog ein sehr saueres Gesicht, mußte sich jedoch, wohl oder übel, zum Dableiben entschließen.

Die Kriegerschaar des Schwarzvogels bestand, trotz der erlittenen Verluste, immer noch aus vierzig Reitern. Rechnete man dazu die Krieger der Antilope, sowie die Apachen, welche sich den beiden Wüstenräubern angeschlossen hatten, so war die Bande groß genug, einen Angriff auf die Vaqueros zu wagen, um die Pferde des Corrals zu erbeuten. Zuerst wollte man sich jedoch an den Qualen des armen Fabian ergötzen und die Vorbereitungen dazu wurden sofort getroffen.

Eben löste Rothhand die Arme des Gefangenen von den Fesseln, als Rosarita aus ihrer Betäubung erwachte; aber bei dem Anblicke ihres gefesselten Vaters und den funkelnden Augen des Mestizen, welche auf sie gerichtet waren, umfing eine zweite Ohnmacht das von Schrecken gelähmte Mädchen.

Schauerlich ertönten die Schläge der Aexte, welche die Apachen auf das Geäst eines Weidenbaumes niedersausen ließen, um den Stamm in einen Marterpfahl zu verwandeln, während Fabian von seinem rohen Wächter an den Ort transportirt wurde, wo das entsetzliche Schauspiel vor sich gehen sollte.

Allein die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Vom Ufer des Biberteiches her erklang plötzlich der Ruf einer Stimme, welche tausend Lichter in dem hoffnungslosen Herzen Fabians entzündete. Er hatte diese Stimme, die ihn dereinst in Schlaf gesungen, als er noch ein kleiner, hilfloser Knabe gewesen, sofort wieder erkannt; er erwiderte den Ruf, als ein zweiter Schrei aus der gewaltigen Kehle des Waldläufers erscholl und die Stimme Josefs den Wiederhall weckte.

»Hund!« brüllte Rothhand und erhob sein Messer zum Stoße, aber der Jüngling wich geschickt aus und packte seinen Gegner beim Arme. Jedenfalls würde er von dem ihm an Körperkraft überlegenen Renegaten zu Boden geschleudert worden sein, hätte sich nicht auf allen Seiten ein Geheul erhoben, das an ein Heer von Rachegeistern erinnerte, und dieses Getöse lenkte die Wuth Rothhands von dem Jüngling ab. Mit dem Knistern und Krachen der Zweige und dem Stampfen von Hufen drang ein donnerndes Hurrahgeschrei wie die sausende Windsbraut heran. Gleichzeitig knallten zur Rechten und zur Linken fünf Schüsse, welche fünf Apachen aus dem Sattel warfen.

Dieser Ueberfall geschah so plötzlich, daß den Apachen keinerlei Zeit zur Sammlung blieb und die ganze Schaar die Flucht ergriff. Vergebens rief die gewaltige Stimme Schwarzvogels den rothen Kriegern ein gebieterisches Halt zu, – Alle enteilten in der Richtung des Biberteiches. Mischblut aber beschloß, aus diesem Ueberfalle den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Blitzschnell riß er die arme Rosarita empor, setzte sie auf sein Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte mit ihr in den Fluß.

»Zu Hilfe! Im Namen aller Heiligen!« jammerte der unglückliche Vater, als er sein Kind von dem Mestizen entführt sah.

»Oh,« ließ sich jetzt Sir John's Stimme vernehmen, »seid Ihr es, armes Gentleman, das schreit?«

»Meine Tochter!« ächzte Don Augustin, »meine Rosarita!«

»Nur ruhig, gutes Vater,« tröstete der gutherzige Lord, »wir schließen diese rothen Häute ein von allen Seiten, nicht Eine soll entkommen und so uärdet Ihr Euere Tochter erhalten zurück. Ich bin geeilt auf mein gutes Pferd nach Buffelsee und haben geholt alle Hirten und Jäger, daß sie jagen diese Banditen. Oh, seht nur, da sind die treuen Diener Alle!« Bei diesen Worten deutete der Engländer auf die berittenen Vaqueros, welche jetzt dem Ufer zujagten, dann wies er auf Josef und Diaz, die bereits den Strom durchritten, sowie auf fünf Männer in einem Canoe, das stromabwärts schwamm. Der Hacendero, dessen Fesseln inzwischen Sir John gelöst hatte, erkannte sofort die Büffeljäger, dagegen war ihm der fünfte fremd, dem gegenüber der kräftige Encinas klein und schwach erschien.

»Oh, das ist Holzrosen,« erläuterte der freundliche Lord, »das riesige Mann aus Canada, und ein armes Vater, wie Ihr, da ihm auch ist entführt ein Kind. Und dort unten am Teiche ist noch ein Gentleman, ein Comanche, der uns beistehen wird, und an seiner Seite noch ein gutes Kerl ohne Haare, da es ist worden von den Banditen scalpirt.«

Ein heftiges Gewehrfeuer in der Richtung des Biberteichs bewies, daß Brennstrahl und Gayferos nicht unthätig waren. Es stellte sich jetzt heraus, daß die Apachen wieder Halt gemacht hatten und sich in den dichten Gebüschen verschanzten, welche den Biberdamm und den ausgetrockneten Arm des rothen Flusses begrenzten. Unter solchen Umständen blieb nichts anderes übrig, als in gedrängten Colonnen direct auf den Feind loszumarschiren. Alles nahm thätigen Antheil, selbst der sonst so phlegmatische Sir John und Wilson; ja, der letztere erhielt sogar von ihm den Auftrag, womöglich ein paar Apachen lebendig zu fangen, da Sir John die Absicht hegte, das British-Museum durch das Geschenk einiger Rothhäute zu bereichern.

Don Augustin eilte an die Spitze seiner Vaqueros; wir aber begleiten den alten Waldläufer, dessen Besorgniß um Fabian jetzt keine Grenzen mehr kannte. Er drang, vereinigt mit Encinas und Josef, in das schwarze Dickicht hinein, so groß auch die Hindernisse waren, die sich ihnen in den Weg stellten, bis endlich der gelehrige Oso, die auf die Indianer abgerichtete Dogge des Büffeljägers, einen kleinen Fußpfad ausspähte, der die Spuren der fliehenden Apachen trug. Ehe sie aber ihr Ziel erreichten, mußten sie noch in ein unwirthsames Gehölz, an dessen Ende sich der Biberteich ausbreitete. Der Umfang desselben bot Raum genug dar zu einer energischen Vertheidigung. An den Ufern erhoben sich etwa fünfzehn Hütten von ovaler Form; die Mehrzahl dieser Biberbaue stand unter Wasser, drei dagegen befanden sich von dem Ufer des Teiches so weit entfernt, daß die Apachen sie leicht in einen kleinen Wall umwandelten, dessen Zwischenräume sie mit Pferdesätteln, Wolldecken und Büffelhäuten ausfüllten. In der Biberhütte, die dem Damm, wo Brennstrahl Posto gefaßt, sich gegenüber befand, war Rosarita von dem Mestizen eingesperrt worden und Rothhand hielt den Eingang mit gespannter Büchse, besetzt. In der letzten Hütte lag Fabian, von zwei Apachen bewacht, welche Befehl hatten, ihn sogleich zu erdolchen, wenn ein neu ersonnener Plan des Mestizen nicht den gewünschten Erfolg haben sollte. Mischblut ging nämlich mit dem Gedanken um, die Feinde durch Friedensunterhandlungen zu täuschen und während dieser Zeit sollten die Apachen einen Ausfall machen und die zerstreuten Gruppen des Gegners einzeln angreifen und vernichten.

Die beiden Wüstenräuber näherten sich, nachdem sie in englischer Sprache eine kurze Berathung gepflogen, dem Ende der Lichtung, das dem Biberdamme am nächsten lag, also gegenüber der Stelle, welche Brennstrahl als Hinterhalt diente, zu dem sich jetzt noch Pedro Diaz gesellt hatte. Hinter den Gebüschen machten Rothhand und Mischblut Halt, so daß sie sowohl für die Ihrigen als für den Feind unsichtbar blieben, – dann rief der Mestize aus dem Dickicht laut und gellend hervor:

»Die Ohren des tapfern Brennstrahl mögen sich öffnen.«

»Was will man von Brennstrahl?« antwortete der junge Häuptling. »Und wer ruft ihn?«

»Mischblut ist es,« antwortete der Mestize, »der sich darnach sehnt, die Hand eines Freundes zu drücken. Er hat den Sohn des Adlers und die weiße Taube in seiner Gewalt, und er bietet ihre Auslieferung an.«

»Mischblut nenne die Bedingungen,« rief der Comanche zurück.

»Er wird sie nennen, sobald seine Hände die des Adlers und jene Brennstrahls drücken werden, – denn Häuptlinge sind nicht gewohnt, zu unterhandeln, ohne einander in's Auge zu schauen.«

»Der Adler ist nicht da,« antwortete der Comanche in außerordentlich kaltem Tone. »Und Brennstrahl wird nie die Hand des Mestizen drücken, es sei denn, um sie ihm zu zermalmen.«

»Gut,« entgegnete Mischblut, dessen wüthende Blicke und ärgerliche Mienen der Comanche nicht sehen konnte, »mit Dir bin ich fertig. Giebt es nicht noch einen andern Häuptling hinter dem Damme?«

»Doch,« ergriff jetzt Pedro Diaz das Wort, »wenigstens will ich hoffen, daß der Häuptling der mejikanischen Goldsucher Euch genehm sein wird.«

»Ich werde mit ihm unterhandeln,« sagte Mischblut. »Kann ich auf sein Wort hin allein, ohne Waffen und mit einem einzigen bewaffneten Gefährten vorwärts gehen?«

»Ich verpfände mein Ehrenwort, daß Ihr dies könnt,« entgegnete der biedere Diaz, »auch will ich Euch mit gutem Beispiele vorangehen.«

Der Mestize wandte sich nach seinem Vater um und das würdige Paar wechselte ein abscheuliches Lächeln.

In diesem Augenblicke, langten Sir John und Wilson an, und nachdem beide vernommen, um was es sich handle, sagte der Lord zu seinem Begleiter: »Wilson, Ihr schießen wie Wilhelm Tell, – Ihr folgen müßt diesem Gentleman und schützen ihn.«

Sowie Diaz und Wilson sich auf dem Biberdamme zeigten, erschienen auch die beiden Wüstenräuber am Waldessaume und nachdem sie sich eine Weile schweigend betrachtet, ging Mischblut sechs Schritte vorwärts, der kühne, ehrenhafte Diaz noch einmal so weit. Wilson blieb, auf seine Büchse gestützt, am Damme stehen und Rothhand verharrte gleichermaßen am Waldessaume.

Festen Schrittes näherte sich Diaz dem Mestizen und ergriff die Hand, welche dieser ihm entgegenstreckte.

Da plötzlich commandirte der schurkische Mischblut mit starker Stimme: »Feuer!« wahrend er seine andere Hand auf die Schulter des ehrlichen Diaz preßte. Rothhands Gewehr krachte, die Kugel flog an den Ohren des Mestizen vorbei und traf Diaz mitten in die Brust. Der Unglückliche wollte fallen, aber der kräftige Arm Mischbluts hielt ihn aufrecht, um sich des halbtodten Körpers wie eines Schildes zu bedienen. So gedeckt, schritt der Räuber rückwärts, das Auge fest auf die Büchse Wilsons geheftet, der vergebens eine Stelle suchte, um ihn zu treffen.

Schon hatte der Bandit den Saum des Gehölzes wieder erreicht, als Diaz mit einer letzten Kraftanstrengung seinen Dolch zog und ihn dem Schurken in das Schultergelenk stieß.

Der verwundete Räuber sprang zurück, warf den seine Seele aushauchenden Diaz zu Boden und rief mit einem milden, höhnischen Lachen nach dem Damme herüber:

»Da habt Ihr den Leichnam Eures Anführers, holt ihn Euch, wenn Ihr Lust habt.«

»Wohl jagte ihm jetzt Wilson eine Kugel nach, allein der Meuchelmörder war bereits im Dickicht verschwunden, obgleich man ihn noch rufen hörte: »Wer wird es wagen, die Tochter des Weißen und den Sohn des Adlers den Händen El Mestizos zu entreißen?«

»Beim Kreuze des Heilands, das werde ich thun!« schrie Wilson, und stürzte dem Banditen nach. Vor ihm aber drang schon Brennstrahl in das Dickicht ein und seine Krieger, die er mit einem einzigen Signal herbeigerufen, folgten ihm mit der Büchse und dem Dolch in der Hand.

Mischblut, der hier alle Schliche und Wege kannte, erreichte lange vor seinen Verfolgern die Lichtung, und trotzdem das Blut von seiner Schulter rieselte, schien seine Kraft nicht geschwächt zu sein. Als er am Ufer des Teiches anlangte, schwangen sich die Apachen auf ihre Pferde, um den verabredeten Ausfall zu machen. Während Rothhand die noch immer halb ohnmächtige Rosarita mit seiner rohen Faust ergriff und das Pferd bereit stellte, auf dem er die Gefangene – laut des Befehls Mischbluts – inmitten des Ausfalls entführen sollte, näherte sich der Mestize dem Schwarzvogel, der wegen seiner Armwunde hinter den Verschanzungen geblieben war, und zeigte dem Häuptlinge seine blutige Schulter.

»Jetzt muß der Sohn des Adlers sterben,« sagte Mischblut kurz und befehlend, »der Schwarzvogel darf seine Rache nicht länger aufschieben, außerdem verlangt mein Blut Rache.«

»Der Schwarzvogel,« gab der Häuptling zurück, »wird zuerst den Sohn des Adlers scalpiren, um ihn dann vollends tödten zu lassen, wenn seine Krieger siegreich zurückkehren.«

Zwei Apachen, welche Zeuge dieses kurzen Gesprächs gewesen waren, stürzten gleich wilden Thieren auf die Hütte zu, in welcher Fabian lag.

Rosenholz, der mit Josef kurz zuvor am Waldessaume angelangt war, sah jetzt, wie die beiden Apachen sein geliebtes Kind bis zur Verschanzung hinschleiften und der Schwarzvogel dem Jüngling sich näherte. Zweimal legte der alte Jäger auf den Häuptling an, allein er wagte nicht Feuer zu geben, da das Gewehr in seiner Hand zitterte, wie das vom Winde bewegte Laub der Espe.

Der Schwarzvogel zog sein Messer, ließ es drohend in der Sonne blitzen und neigte sich dann langsam auf den gefesselten Jüngling herab. Da krachte ein Schuß, der Rosenholz erbeben machte, und der Schwarzvogel stürzte mit zerschmettertem Schädel auf Fabian nieder. Der Schütze Josef aber rief:

»Das ist mein letztes Wort, Du rothhäutiger Hund!«

Eine neue Spannkraft kam über Rosenholz, seine Hand zitterte nicht mehr und mit einem andern Schusse streckte er einen der Apachen nieder. In demselben Augenblicke begannen die Apachen ihren Ausfall, so daß Rosenholz und Josef sich ruhig dem Ufer des Biberteiches nähern durften. Sie hatten jetzt nur für den heißgeliebten Fabian Augen und bemerkten daher nicht, daß auf der entgegengesetzten Seite Rothhand und Mischblut mit Rosarita im dichten Wald verschwanden.

»Gelobt sei Jesus Christus!« schrie Rosenholz, als er sein geliebtes Kind umfing und mit zitternder, rascher Hand die Bande durchschnitt, um dann immer wieder von Neuem den Sohn, den der gnädige Gott ihm abermals geschenkt hatte, an seine Brust zu drücken.

Auf seine Büchse gestützt, betrachtete Josef das glückselige Paar; er wagte nicht zu sprechen, aus Furcht, durch seine Stimme die Thränen zu verrathen, die über seine sonnverbrannten Wangen rollten. Ein wilder Lärm führte die drei Freunde jedoch rasch wieder zur Wirklichkeit zurück. Der Tumult kam von zwei Seiten her, und zwar aus der Richtung, welche die beiden Wüstenräuber eingeschlagen hatten; und von der entgegengesetzten Seite, wo die Apachen den Ausfall gewagt, fluthete jetzt, gleich einem Giesbach, der sich an einem unübersteiglichen Damme bricht, die ganze wilde Masse wieder zurück, von den durch Don Augustin gefühlten Vaqueros nach ihrer Verschanzung gedrängt.

Bei dieser neuen drohenden Gefahr ergriff Rosenholz seinen Fabian und sprang mit Josef hinter die Verschanzung. Dort luden beide eilig ihre Büchsen wieder und erwarteten mit muthiger Entschlossenheit den Angriff des Feindes.

Der Stand der Dinge gewann indessen eine andere Gestalt. Auf den lärmenden Rückzug der Apachen folgten Büchsenschüsse und sechs der in wilder Flucht heran eilenden Reiter stürzten theils todt, theils verwundet zu Boden.

»Hollahho!« rief der Canadier, »unsere Verbündeten sind da und greifen die Indianer im Rücken an. Schleich' Dich hinter die Bäume, Fabian, denn wir werden einen Riesenkampf zu bestehen haben.«

Die Apachen zerstreuten sich über die ganze Oberfläche der Lichtung, so daß die Vaqueros sich besser ausdehnen konnten.

»Feuer, Rosenholz! und das Kriegsgeschrei ausgestoßen, als ob wir zu Hunderten wären!« rief Josef. Und während die Kugeln ihrer abgefeuerten Büchsen zwei apachische Reiter zu Boden rissen, stießen die drei Gefährten ein donnerndes Kriegsgeschrei aus.

»Und jetzt die Verwirrung der rothen Spitzbuben benutzt und aus dem Schutze der Verschanzung hervorgebrochen!« commandirte der Canadier, die Streitaxt schwingend, welche er einem der gefallenen Apachen entrissen hatte. Fabian hatte sich mit dem Messer des alten Jägers bewaffnet, Josef schwang seine schwere Büchse, und so warfen sich alle Drei kühn und unerschrocken in den Schwarm der Feinde.

Gleich dem Mäher, der mit unwiderstehlicher Gewalt die Halme niederwirft, traf der riesige Waldläufer seine Feinde und suchte sich – Fabian fortwährend deckend – bis zu Don Augustin durchzuschlagen, der von mehreren Apachen umzingelt war und mit seinem langen Degen jeden feindlichen Stoß und Hieb parirte. Rosenholz langte eben an seiner Seite an, als der schreckliche Schrei einer ihm bekannten Stimme hinter ihm erscholl.

Es war Brennstrahl, der – blutend und waffenlos – aber mit der ohnmächtigen Rosarita in seinen Armen, auf den Hacendero zustürzte und die Tochter ihm wiedergab. Dann aber brach er bewußtlos zusammen.

Rasch hob der glückselige Vater das zarte Mädchen vor sich auf's Pferd, gab diesem die Sporen und war bald aus dem Gesichtskreise der Zurückgebliebenen verschwunden.

So recht wie ein Schlachtenengel stand der Canadier da, als er den verwundeten Brennstrahl vor den Waffen der andrängenden Feinde schützte, deren Zahl um zwei neue Kämpfer vermehrt wurde, welche vom Biberteiche her auf das mit Todten besäete Schlachtfeld gestürzt kamen. Es waren die beiden Wüstenräuber, deren Flucht Wilson, Gayferos, Sir John und die Comanchen verhindert hatten. Beide waren verwundet, sprangen trotzdem aber wüthend auf Rosenholz und Josef zu.

Der Letztere bemerkte sie zuerst und schrie:

»Rechtsumkehrt, Rosenholz – jetzt gilt's, unser Meisterstück zu vollbringen!«

Die Mehrzahl der Apachen hatte sich, von den Vaqueros gedrängt, vom Kampfplatz zurückgezogen und dieser war daher in diesem Augenblicke ziemlich gelichtet. Nur etwa zwanzig Mann schlugen sich noch herum, als der Canadier und Josef zum drittes Male in ihrem Leben den beiden Wüstenräubern gegenüber standen. Mit hoch erhobenem Tomahawk stürzte sich Rosenholz auf den Mestizen, doch dieser wich geschickt dem Schlage aus und wollte nunmehr mit seinen riesig starken Armen den Canadier packen, als sein Blick auf Wilson fiel, der soeben seine Büchse wieder lud; infolge dessen gab der Bandit sein Vorhaben auf und zog sich an das äußerste Ende der Waldlichtung zurück. Dort lag ein abgestorbener Baum, dessen dürre Aeste eine dichte Verschanzung bildeten, hinter welche sich Mischblut flüchtete. Auch Rothhand langte alsbald dort an, nachdem er mit Josef einen erbitterten Kampf geführt und die Feuerwaffe seines Gegners mit der Axt zerschmettert hatte. Leider vermochten weder Rosenholz noch Josef die Flucht der Räuber zu hindern, da sich eine Gruppe von Kämpfern zwischen sie und die Beiden gedrängt hatte.

Mischblut lud seine lange Büchse, ohne hinter seiner Verschanzung die Bewegungen der beiden Jäger aus den Augen zu verlieren. Sein wilder Blick bekundete die teuflische Freude, daß er nun in einigen Augenblicken sein Opfer wählen könne, als Josef einen zweiten Baumstamm entdeckte, der gleichfalls von den Bibern gefällt worden war, indem sie denselben durchgenagt hatten. Obgleich dem Stamm kaum ein einziger Zweig geblieben war, so bot er trotzdem eine ziemlich starke Verschanzung dar, zumal dichtes, hohes Gras ihn um einige Handbreiten überragte. »Komm hierher, Rosenholz,« schrie Josef, »schnell, schnell!«

Der Canadier folgte dieser Aufforderung, während Fabian und Wilson hinter einer Biberhütte Posto faßten. Des Mestizen Jubel war somit zu Wasser geworden, denn er sah keinen der Feinde mehr, nach deren Blut er lechzte. Um ihrem Aerger und Zorne Luft zu machen, eröffneten die beiden Wüstenräuber gegen die noch kämpfenden Vaqueros ein mörderisches Feuer, welches leider großen Schaden anrichtete.

»Bei allen Teufeln der Hölle!« schrie Josef, »die Spitzbuben dürfen weder in ihrem Versteck bleiben, noch uns entkommen.«

»Sicherlich nicht,« murmelte der Waldläufer, der um Fabians Sicherheit wieder besorgt zu werden begann, »denn so lange diese zwei Schurken noch am Leben sind, kann und werde ich nie ruhig sein. Wir müssen kurzen Prozeß mit ihnen machen.«

»Ist leichter gesagt, als gethan,« entgegnete Josef, »können wir sie ja doch nicht mit unsern Kugeln erreichen.«

»Es giebt ein ganz einfaches Mittel, bis zu diesen zwei Elenden zu gelangen,« brummte Rosenholz, »laß mich nur machen.« Damit stemmte er sich kräftig gegen den Baumstamm und die walzenförmige Masse rollte, dem Lager entrissen, das ihr Gewicht in dem Grase gegraben, einen Schritt vorwärts.

»Hurrah!« schrie Josef begeistert. »Wilson, Sir John, Fabian, Gayferos! Hollah, aufgepaßt! Wenn die beiden Spitzbuben, während wir ihnen zu Leibe rücken, auch nur einen Fuß zur Flucht erheben, so schießt sie ohne Erbarmen nieder.« Josef unterstützte jetzt den Canadier beim Vorwärtsrollen des Baumstammes und rief, durch den Anblick der beiden verabscheuten Feinde mächtig erregt: »Rothhand, Du alter Spitzbube, und Mischblut, Du junger, welches Thier der Prairie wird sich wol Eure Leichname holen, die wir ihnen zum Fraße hinwerfen werden?«

Es war ein eigenthümliches Schauspiel, das sich jetzt den Zuschauern darbot. Hinter dem Baumstamme auf dem Bauche liegend, rollten die beiden Jäger die rundliche Masse vor sich hin; dann verharrten sie wieder in Ruhe hinter ihrer beweglichen Verschanzung, indem sie ihre Feinde beobachteten und mit den Augen die Entfernung maßen, welche sie noch von den beiden Wüstenräubern trennte.

»Nur muthig vorwärts,« rief Wilson, um die beiden Jäger anzufeuern. »Ihr berührt schon beinahe den Baumstamm der beiden Räuber, zeigt sich ihr Schädel auch nur eine Linie über dem Holze, so sitzt ihm eine Kugel im Hirn, – ich schwöre es!« Mischblut und Rothhand befanden sich in einer sehr übeln Lage, denn nicht nur langten die beiden Jäger mit ihrem Baumstamme jetzt an, sondern sie wurden auch noch von zwei Comanchen bedroht, die einen benachbarten Baum erklettert hatten, um von dort auf die verschanzten Wüstenräuber zu feuern.

»Schieß da hinauf!« raunte Mischblut seinem Vater zu, vorsichtig auf den Baum deutend.

»Wie kann ich es?« keuchte der Alte in ohnmächtiger Wuth.

Ein Schuß krachte vom Baume hernieder und ein von der Kugel losgerissener Splitter verwundete die Stirne Rothhands.

Mischblut ließ eine Art Wuthgebrüll hören, legte sich auf den Rücken und schoß einen der Comanchen vom Baume herab.

»Hölle und Teufel!« schrie Rothhand verzweiflungsvoll, »siehst Du denn nicht, daß der Baum, den jene zwei Hunde vor sich herrollen, den unsrigen berührt?«

Im nächsten Augenblicke schon hatte Rosenholz den alten Wüstenräuber gepackt; er durfte das um so eher wagen, da Mischblut kurz zuvor seine Büchse abgefeuert hatte. Die erhaltene Wunde, sowie eine namenlose Angst, welche sich Rothhands bemächtigt hatte, kamen dem Canadier bei seinem Zweikampf zu statten. Mit einem dröhnenden Fall stürzte der alte Wüstenräuber zu Boden, um nicht wieder aufzustehen, denn durch die unwiderstehliche Anstrengung des canadischen Riesen war das Rückgrat des Alten zerbrochen worden.

Anders hatte der schlaue Josef seinen Gegner angegriffen. Er ließ den Mestizen zuerst aufspringen, kaum zeigte sich jedoch dessen Stirn über dem Baumstamm, als er ihm mit Leibeskräften seinen Tomahawk an den Kopf schleuderte. Tödtlich getroffen stürzte auch Mischblut auf den Boden, und Vater und Sohn lagen leblos neben einander.

Mit dem Tode der beiden Wüstenräuber war der Sieg vollständig errungen und nur wenige der Apachen kehrten in ihre heimatlichen Dörfer zurück. Aber auch die Weißen hatten schwere Verluste zu beklagen, wie die zur Hälfte reduzirte Schaar der Vaqueros bewies; außerdem aber waren noch zwei Büffeljäger und sechs Comanchen getödtet, und Brennstrahl, wie wir wissen, schwer verwundet worden. Das Begräbniß der Todten, sowie die Fortschaffung der Verwundeten nach dem Büffelsee nahm viele Stunden in Anspruch, und erst als der Abend mit seinem milden, ruhigen Frieden sich auf die Landschaft herabsenkte, konnte sich der Canadier der Freude hingeben, welche sein Herz über das Wiederfinden Fabians empfand.

Während dessen ruhte Brennstrahl auf einem weichen Lager von dürrem Laub und Mänteln unweit des Zeltes, das seither den Hacendero und seine Tochter beherbergt hatte. Rosarita schlief jetzt dort einen erquickenden Schlaf, nachdem sie zuvor Fabian, dessen wunderbare Rettung sie erfahren, herzlich die Hand gedrückt hatte. Um das Lager des verwundeten Brennstrahl gruppirten sich Rosenholz, Josef und Fabian, sowie Gayferos, Sir John, Wilson, Encinas und die drei noch am Leben gebliebenen Comanchen. Der Canadier und Josef, welche in der Behandlung von Wunden eine große Erfahrung hatten, ließen Brennstrahl eine aufmerksame Pflege zu Theil werden; waren ihre Herzen dem edeln, jungen Krieger ja doch warm zugethan, auch vergaßen sie keinen Augenblick, daß sie seiner Führung einzig und allein die Wiedervereinigung mit Fabian verdankten. Doch nicht nur sie ergingen sich in großen Lobeserhebungen über Brennstrahl, sondern auch Sir John, welcher, als die kühle Nachtluft zu wehen begann, sogar sein Zelt über das Lager des Verwundeten ausspannen ließ. Endlich legten sich Alle zum Schlafe nieder, dessen sie nach den furchtbaren Anstrengungen so sehr bedurften. Nichts störte sie in ihrer süßen Ruhe, nur gegen Morgen drang ein Lärm an ihr Ohr und sie hörten die Stimme Sir John's, welcher wüthend rief:

»Goddam! Wilson! Goddam! Oh, uo ist mein schönes Schimmel!«

Die zornige Erregung des sonst so ruhigen Lords läßt sich leicht erklären, wenn wir berichten, daß sich der weiße Renner der Prairien, trotzdem er sehr fest angebunden war, über Nacht losgerissen und auf Nimmerwiedersehen empfohlen hatte. Vergebens suchte Encinas den wüthenden Sir John zu trösten, indem er ihm sagte, daß in diesem weißen Renner der Teufel stecke.

»Das nutzt mir nichts,« polterte Sir John, »denn ich glauben nicht an einen Teufel. Oh, Uilson, Sie haben den Contract gebrochen.«

»Wie so?« gab dieser ärgerlich zur Antwort.

»Sie haben mich nicht geschützt vor der Gefahr, daß dieses Schimmel ausgerissen ist; Sie müssen dieses Versehen wieder gut machen und mir für dieses Schimmel ein paar Gentlemen von die Apachen liefern.«

»Wie kann ich das?« rief Wilson verdrießlich, »sie haben ja alle die Flucht ergriffen und nur ihre Todten am Biberteich zurück gelassen.«

»Ist gut,« nickte Sir John, »dann holen Sie mir ein paar von diese todten Gentlemen und stopfen sie mir aus, damit ich sie mitnehmen kann nach London, wohin ich nun zurückkehre.«

»Je nun,« lachte Wilson, »das Vergnügen können Sie haben.« Und kaum war die Sonne aufgegangen, als das seltsame Paar sämmtlichen Anwesenden Lebewohl sagte und sich auf den Weg machte. Der Zustand Brennstrahls hatte sich gebessert, seine Kräfte kehrten zurück und er konnte ohne Bedenken nach seinem Dorfe gebracht werden, das an der Westgrenze des jetzigen Staates Texas lag. Man benutzte hierzu die Pirogue, welche die Apachen zurückgelassen hatten.

Es war ein rührender Anblick, als der Canadier und Josef sich von ihrem treuen Verbündeten trennten.

Auch von Encinas und Gayferos nahm man Abschied und es zeigte sich, daß die großen Gefahren, welchen diese beiden Männer ausgesetzt gewesen waren, sie dennoch nicht hinderten, auch in Zukunft ihrem Gewerbe treu zu bleiben. So folgte denn Encinas mit seinen zwei am Leben gebliebenen Gefährten nach wie vor den Spuren der Büffel, während Gayferos – weit entfernt, sich durch das Mißlingen der in alle vier Winde zerstobenen Goldsucher-Expedition abhalten zu lassen – auch ferner auf die Entdeckung neuer Goldlager ausging.

Gegen Mittag brachen Rosenholz, Josef und Fabian mit Don Augustin und seinem Gefolge nach der Hacienda auf, um daselbst einige Wochen zu verweilen, und nunmehr waren der Büffelsee sowie der Biberteich ihrer stillen Einsamkeit zurückgegeben, – nur wilde Pferde nahten sich von Zeit zu Zeit der Tränke und die Biber nahmen von ihren Wohnungen wieder Besitz, aus denen die Menschen sie vertrieben hatten.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.