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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
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75 Rayon-Brûlant

Um die Szene, die sich nun im Anschluß daran zutrug und von der Bois-Rosé in seinem Hinterhalt nur einen Teil erblickte, zu erklären, ist es nötig, uns einen Augenblick zuvor mitten in die Befestigung der Indianer zu begeben.

Der Schwarze Falke hatte des ganzen Hasses, der ihn gegen Rayon-Brûlant beseelte, bedurft, um trotz seiner Wunde den Beschwerlichkeiten eines langen Marsches von drei Tagen und den Kämpfen zu trotzen, die seine Bande auf dem Zug dezimiert hatten. Obgleich er wenig Vertrauen auf das Wort des Mestizen setzte, so war doch der Apachenhäuptling halb aus Rachsucht, halb aus Liebe zur Plünderung und wegen des Einflusses, den der kühne Bandit auf die indianischen Stämme ausübte, seinen Einflüsterungen gefolgt.

Der unverhoffte Angriff, der die Apachen in dem Augenblick überrascht hatte, wo sie glaubten, sie brauchten die Hand nur nach einer reichen Beute auszustrecken, um sie auch in Besitz zu nehmen; wo der Schwarze Falke seinen Nebenbuhler, wenn nicht entwaffnen, doch wenigstens unter günstigen Aussichten auf Erfolg überfallen zu können hoffte, hatte einen übertriebenen Schrecken einem fast tollen Vertrauen folgen lassen. Der Häuptling war von Schmerz und Ermüdung geschwächt; die Krieger, die sich kaum von ihrer durch stete Niederlagen hervorgebrachten Entmutigung erholt hatten, glaubten mit weit überlegenen Feinden zu tun zu haben, und alle hatten – mit Ausnahme des Mestizen, der von den übrigen mit fortgerissen wurde – einem panischen Schrecken nachgegeben, dessen Resultat man gesehen hat.

Indessen hatte der Mestize durch eine fast genaue Angabe der Stärke der Weißen den Herzen der Krieger und des Häuptlings wieder Vertrauen einflößen können. Nichtsdestoweniger kochte im Herzen des Schwarzen Falken ein dumpfer, aus getäuschter Erwartung entstandener Zorn, und Sang-Mêlé war zu scharfsinnig, um ihn nicht zu erraten. Er beschloß also, sich in der Achtung der Apachen durch einen Plan wieder zu heben, wie er ihm eigentümlich war und bei dem seine Treulosigkeit und sein Mut sich in die Rollen teilten.

Der Hohlweg, der die Indianer durch den Wald zum Biberteich gebracht hatte, bot zugleich Gelegenheit zu einem leichten Ausfall mitten unter ihre zerstreuten Feinde. Während Sang-Mêlé diejenigen, die ihm zunächst standen, durch scheinbare Friedensunterhandlungen täuschte, sollten die Indianer wieder auf die Pferde steigen und unversehens über die verschiedenen in der Ebene verstreuten Gruppen herfallen; es konnte nicht fehlen, daß sie leichtes Spiel mit ihnen haben würden.

Das war der Plan, den der Mestize geltend machte, während Bois-Rosé und Pepe sich bis in den Bereich der indianischen Verschanzungen schlichen. Es war eigentlich nur ein Teil davon, denn nur seines Vorteils halber hatte er ihn vorgeschlagen. Main-Rouge sollte ihn dabei, wie man sehen wird, unterstützen. –

Wir brechen also hier unsere Erzählung ab, um sie durch Schilderung der Vorgänge zu ersetzen.

Ungefähr vierzig Pferde – einige abgesattelt, der größte Teil aber noch mit allem Luxus der Wilden aufgezäumt – waren an die dem Teich zunächst stehenden Bäume gebunden. In der Biberhütte, die dem Damm, wo Rayon-Brûlant stand, gegenüberlag, war Doña Rosarita noch bleicher und niedergeschlagener als Fabian, der doch wenigstens wußte, daß der Tod seine Leiden beenden würde, unter der Bewachung des alten amerikanischen Renegaten eingesperrt. Dieser saß am Eingang der Hütte, seine lange Büchse quer auf den Knien; Bois-Rosé konnte ihn wegen der zur Befestigung der Verschanzung ausgebreiteten Decken und Mäntel nicht sehen.

In der von dieser letzteren entferntesten Ecke der Hütte sagte Fabian, der noch nicht wußte, ob er das Spielzeug eines Traums gewesen war oder ob er in der Wirklichkeit die Stimme gehört hätte, deren Klang er unter Tausenden wiedererkannt haben würde, und der durch neue Fesseln zu der vollständigsten Regungslosigkeit gezwungen war, den teuersten Erinnerungen seines Lebens ein letztes Lebewohl. Zwei Indianer bewachten ihn mit dem Befehl, ihn zu erdolchen, wenn der vorgeschlagene Ausfall nicht den Erfolg hätte, den der Apachenhäuptling erwartete. In dem Fall, daß der Sieg ihn krönen würde, wollte der Schwarze Falke die Süßigkeit einer grausamen Rache mit Lust und Behagen kosten. Fabian verdankte also die Verlängerung seiner letzten und schrecklichen Augenblicke nur der Grausamkeit seines Feindes und nicht seiner Gnade. Übrigens konnten Fabian und Rosarita in ihrer gegenseitigen Lage die Anwesenheit des einen oder des anderen in dem engen Raum nicht ahnen und noch weniger sich sehen.

Das war der Anblick der Lichtung und der Zugänge zum Biberteich, als Sang-Mêlé sich zur Hütte wandte, an deren Tür sein Vater wachte. Ein kurzes und rasches, englisch geführtes Gespräch fand zwischen den beiden Piraten statt. Darauf erhob sich Main-Rouge, und nach einer schrecklichen Drohung gegen Rosarita, deren Sinn leicht zu erraten ist und deren ganze Bedeutung sie verstand, folgte der alte Renegat dem Mestizen. Beide näherten sich dem Ende der Lichtung, wo sie Rayon-Brûlant am nächsten und von Bois-Rosé am entferntesten waren, und bahnten sich einen Weg durch die Bäume; nach einigen Schritten standen die beiden Banditen still. Sie konnten ebensowenig von den Ihrigen als vom Feind gesehen werden.

Die Stimme Sang-Mêlés erhob sich unter den Bäumen: »Mögen die Ohren des tapferen Kriegers, den die Apachen Nuage-Sombre und den die Komantschen Rayon-Brûlant nennen, offenstehen!« rief der Mestize.

»Rayon-Brûlant hat niemals Nuage-Sombre gekannt!« antwortete der junge Krieger. »Was will man von ihm, und wer ruft ihn?«

Sang-Mêlé hatte diese Worte in einem solchen Apachendialekt gesprochen, daß Rayon-Brûlant einen seiner Stammesgenossen, die er selbst in der Erinnerung verleugnete, zu hören geglaubt hatte.

»Ich bin es, Sang-Mêlé«, antwortete der Mestize, »der die Hand eines Freundes drücken will.«

»Wenn das alles ist, was El Mestizo will, so schweige er; seine Stimme ist mir verhaßt wie das Zischen oder das Geräusch der Klapperschlange«, antwortete die Stimme Rayon-Brûlants.

»Es ist nicht alles: El Mestizo hat den Sohn des Adlers und die weiße Taube des Sees in seiner Gewalt, und er bietet ihre Auslieferung an.«

Es fehlte wenig daran, daß die leidenschaftliche, freudige Bewegung, die plötzlich das Herz des jungen Komantschen ergriff, sich nicht durch ein seinem Mund entschlüpftes Triumphgeschrei Luft gemacht hätte, trotz der Herrschaft, die er über seine ungestümen Leidenschaften ausübte. Er konnte sich jedoch beherrschen, um das ungeheure Interesse, das er an der Blume des Sees nahm, zu verbergen und den Räuber dadurch nicht noch anmaßender in seinen Bedingungen zu machen.

Erst nach einer kurzen Pause, in der er das ungestüme Schlagen seines Herzen unterdrücken und beruhigen mußte, konnte er kaltblütig antworten: »Unter welchen Bedingungen will Sang-Mêlé die Blume des Sees und den Sohn des Adlers ausliefern?«

»Er wird sie Euch geben, wenn eine seiner Hände zum Zeichen der Freundschaft die des Adlers der Schneegebirge selbst und die andere die Rayon-Brûlants drücken wird. Die Häuptlinge sind nicht gewohnt, zu unterhandeln, ohne sich zu sehen, ohne einander in den Augen zu lesen.«

»Der Adler ist nicht hier, und Rayon-Brûlant wird niemals die Hand El Mestizos drücken; es sei denn, um sie zu zerbrechen.«

»Gut«, antwortete der Mestize, dessen haßentflammte Augen und dessen wuterfüllte Stimmung der Komantsche nicht sah. »Gibt es keinen anderen Häuptling hinter dem Biberdamm?«

»Mit Eurer Erlaubnis, Komantsche, werde ich die Verhandlungen auf mich nehmen«, sagte Pedro Diaz.

»Heda, Sang-Mêlé, hier ist der Häuptling der mexikanischen Goldsucher, der wohl ebensogut ist wie ein anderer, wenn man ihn nach einigen glänzenden Taten, die ihm niemand bestreitet, und nach dem indianischen Blut beurteilt, das er hat fließen lassen.«

»Wir werden zusammen unterhandeln«, sagte der Mestize. »Kann ich auf sein Wort hin allein vorwärts gehen, ohne Waffen und mit einem einzigen bewaffneten Gefährten hinter mir? Ihr werdet es Eurerseits ebenso machen.«

»Ja, ja«, erwiderte der biedere Abenteurer; »ich verpfände meine Ehre und will Euch mit gutem Beispiel vorangehen.«

Der Mestize wandte sich zu seinem Vater um; beide wechselten ein gehässiges, wildes Lächeln. »Aufgepaßt!« sagte Sang-Mêlé zu ihm.

»Mein Bruder hat unrecht«, sagte der Komantsche; »die giftige Schlange ist darum nur noch mehr zu fürchten, weil sie zuweilen wie die Lerche auf den Feldern singt.«

»Wilson!«

»Sir?«

»Ihr schießt wie Wilhelm Tell«, sagte Sir Frederick. »Ich würde es mit großem Vergnügen sehen, wenn Ihr diesen braven Mann begleiten wolltet, um ihn nötigenfalls zu beschützen.«

»Sehr gern«, erwiderte der Amerikaner.

Zur selben Zeit hörte man das Gesträuch knacken, und die beiden Piraten der Prärien erschienen am Waldsaum in demselben Augenblick, in dem sich Diaz und der Amerikaner, ebenfalls allein, auf dem Biberdamm zeigten.

Die vier Unterhändler betrachteten einander einen Augenblick schweigend. Diaz sah die beiden Banditen zum erstenmal – ein Begegnen in der Nacht nicht weit vom Val d'Or ausgenommen –; aber wenn auch ihre Gesichtszüge etwas Unheilverkündendes für ihn hatten, so ließ er doch nichts davon merken. Wilson kannte die beiden berüchtigten Räuber, die sich vor ihm befanden, schon dem Aussehen nach.

Sang-Mêlé ging ungefähr sechs Schritt über die letzten Bäume des Waldes hinaus, Diaz beinahe noch einmal soviel. Der Amerikaner blieb, auf seine Büchse gestützt, auf dem Damm stehen. Main-Rouge stand in derselben Stellung am Saum der dichten Gebüsche, aus denen er eben hervorgeschritten war.

Diaz ging mit festem Schritt auf den Mestizen zu und ergriff die Hand, die dieser ihm reichte; er fühlte zu spät, daß seine Biederkeit nicht genug die Treulosigkeit des Räubers berücksichtigt hatte, dessen Finger sich über den seinigen schlössen wie die Federn einer Wolfsfalle.

»Feuer!« rief der Mestize mit starker Stimme, indem er seine andere Hand auf die Schulter des Abenteurers legte.

Die Büchse von Main-Rouge hob sich; der Schuß ging los; die Kugel pfiff an den Ohren Sang-Mêlés vorüber; der unglückliche Diaz wurde mitten in die Brust getroffen und wollte niederstürzen, als die kräftigen Arme des Mestizen ihn aufrecht hielten. Der Pirat deckte sich mit dem Körper des Abenteurers, der fast nur noch eine Leiche war, wie mit einem Schild und ging rückwärts, die Augen fest auf die Büchse Wilsons gerichtet, der vergeblich eine Stelle suchte, um ihn zu treffen. Der Bandit berührte schon den Saum des Waldes, als Diaz vor seinem Tod noch die Kraft hatte, sein Messer zu ziehen und es Sang-Mêlé in das Schultergelenk zu stoßen.

Der verwundete Pirat sprang rückwärts, und als er hinter sich das Laub der Bäume fühlte, warf er den Abenteurer vor sich nieder, dessen Leben durch diesen letzten Stoß vollends ausgelöscht wurde, und rief: »Das ist die Leiche eines Häuptlings!«

Er verschwand hinter dem dichten Gebüsch, und die Kugel Wilsons traf nur Zweige und Laub.

Die erste Bestürzung über diesen hassenswerten Mord war noch nicht ganz vorüber, als die beiden Piraten der Prärien schon fern waren und Sang-Mêlés Stimme rief: »Wer wird wagen, heranzukommen und den Händen El Mestizos die Tochter des Weißen und den Sohn des Adlers zu entreißen?«

»Bei Jesus Christus und dem General Jackson – das werde ich tun!« rief Wilson und stürzte dem Banditen nach.

Aber der junge Komantsche war ihm schon mit der Schnelligkeit des Blitzes, dessen Namen er trug, zuvorgekommen und drang bereits in das Dickicht ein, als der Amerikaner, Sir Frederick und die neun Komantschenkrieger – Äxte, Büchsen und Dolche in der Hand – nach ihm hineinstürzten.

Sang-Mêlé, der besser als sie die Pfade in dem dichten Waldgürtel kannte, kam lange Zeit vor den Angreifenden in die Lichtung. Das Blut rieselte von seiner Schulter, aber seine außerordentliche Kraft schien nicht geschwächt. Als er abermals bis ans Ufer des Teichs gelangte, schwangen sich die Apachen, die der Knall des Schusses benachrichtigt hatte, daß die Treulosigkeit ihres Verbündeten gelungen war, auf ihre Pferde, um den im voraus verabredeten Ausfall zu vollführen.

Das war die Bewegung, die Bois-Rosé gesehen hatte, als eine in anderer Weise für ihn furchtbare Episode das Blut des Waldläufers, der nur noch die Gefahr sah, in der Fabian schwebte, fast zu Eis erstarrte.

Während Main-Rouge, um die Befehle Sang-Mêlés auszuführen, die fast besinnungslose Rosarita ergriff und für sie das Pferd vorbereitete, auf dem er sie während des beabsichtigten Ausfalls fortbringen wollte, näherte sich der Mestize dem Schwarzen Falken, der bei der Unmöglichkeit, an dem bevorstehenden Kampf teilzunehmen, hinter der Verschanzung geblieben war. Er zeigte dem indianischen Häuptling seine blutige Schulter. »Jetzt muß der Sohn des Adlers sterben!« sagte er kurz. »Der Schwarze Falke darf seine Rache nicht aufschieben; er würde sie sonst verlieren. Mein Blut will das eines Feindes; Sang-Mêlé kann nicht für den Sieg stehen.«

»Der Schwarze Falke wird zuerst den Skalp des Weißen nehmen«, antwortete der Apache, der für den Ausgang des Kampfes fürchtete. »Meine Krieger werden ihn hernach vollends töten.«

»So ist es recht.« Zwei Indianer hatten dieses kurze Gespräch gehört; und ohne die Befehle, die sie schon im voraus wußten, abzuwarten, stürzten sie wie zwei wilde Tiere zu der Hütte, wo Fabian lag. Eine Minute war genug für sie, um den Körper des unglücklichen jungen Mannes bei den Füßen bis vor die Verschanzung zu ziehen.

Nun sah Bois-Rosé, dessen Glieder unter ihm zusammenbrachen, wie der Schwarze Falke die Verschanzung verließ und sich Fabian näherte. Zweimal legte der Kanadier auf den Indianer an, aber zweimal legte sich eine dichte Wolke vor seine Augen, und seine Büchse zitterte in seiner Hand wie ein langer, vom Wind getroffener Grashalm in der Prärie.

Der Schwarze Falke bückte sich langsam nieder; ein Messer blitzte in seiner linken Hand dicht beim Kopf Fabians. Jetzt, in diesem äußersten Moment, hörte die Hand Bois-Rosés zu zittern auf, als ein plötzlicher Knall ihn erbeben ließ. Der Schwarze Falke stürzte mit zerschmettertem Schädel schwer auf Fabian nieder, den er mit seinem Leib und dessen blutigen Überresten bedeckte, und eine Stimme rief zugleich: »Das ist mein letztes Wort, du rothäutiger Hund!«

Es war Pepes Stimme.

Ein zweiter Schuß streckte kurz darauf einen anderen Indianer nieder. Diesmal war es Bois-Rosés Büchse, die knallte.

Plötzlich drangen die Apachen, wie ein Waldstrom sich zur Regenzeit in das Bett stürzt, das in der ganzen früheren Zeit trocken geblieben ist, zu Pferd durch den Ausgang des Hohlwegs. Die Lichtung und die Ufer des Biberteichs waren fast leer, als Pepe und Bois-Rosé, die Büchse in der Hand, mit ängstlich in ihrer Brust klopfenden Herzen heranstürmten, ohne zu sehen, daß auf der entgegengesetzten Seite Main-Rouge, mit der wieder ohnmächtigen Rosarita in seinen Armen, von Sang-Mêlé begleitet, in dem dichten Wald verschwand. Der treulose Mestize überließ seine Verbündeten den Wechselfällen des Kampfes und brachte seinen Raub in Sicherheit.

Aber die beiden Jäger sahen nur Fabian. Nach ihm hinstürzen, mit rascher, zitternder Hand die Bande, die seine Glieder quetschten, durchschneiden, war für sie die Sache eines Augenblicks; dann vermochte der arme Kanadier mit gepreßtem Herzen und einer Freude, die ihn wie der Blitz getroffen hatte, nur schweigend und feurig den jungen Löwen zu liebkosen, der dem alten Löwen der Steppe endlich wiedergegeben war. Der spanische Jäger betrachtete, auf seine Büchse gelehnt, diese glückliche Gruppe, ohne ein Wort zu sagen, aus Furcht, durch seine Stimme die Tränen zu verraten, die, ohne daß er sie zurückhalten konnte, über seine sonnenverbrannten Wangen rollten.

Unterdessen ließ sich auf beiden Seiten der Lichtung – da, wo die beiden Piraten der Prärien eben verschwunden waren, und auf der entgegengesetzten Seite, wo sich die Indianer hinausgestürzt hatten – ein furchtbares Getümmel vernehmen, und wie ein Gießbach, mit dem wir die indianische Reiterei vergleichen, auf sich selbst zurückflutet, wenn er einen unübersteiglichen Damm findet, so spie auch der Hohlweg bald die ungestüme Woge, die er fortgetragen hatte, wieder in die Lichtung aus.

Encinas hatte seinen Auftrag ausgeführt, und die zwanzig Vaqueros Don Agustins, vom Hacendero selbst geführt, hatten die Apachen in dem Hohlweg überrascht und drängten sie in Unordnung bis in ihre verlassene Verschanzung zurück. Reisende, die sich in eine Löwenhöhle während der Abwesenheit ihrer schrecklichen Bewohner gewagt haben und plötzlich durch deren Rückkehr überrascht werden, können allein ihren stürmischen Gefühlen nach mit den beiden Jägern und Fabian verglichen werden, als sie sahen, daß die Indianer abermals die Lichtung überfluteten.

Diese letzte Gefahr jedoch, so drohend sie auch war, konnte nur einen Augenblick größer sein als der Mut der drei Waffengefährten. Der Kanadier hatte sein Kind wiedererobert, und das war der wesentliche Punkt; er nahm darum Fabian auf seine Arme und sprang hinter die Verschanzung, die mit der Benützung der Biberhütten errichtet worden war, und Pepe stürzte ihm nach. Dort luden beide eiligst ihre Büchsen wieder, und mit dem festen Entschluß, diesmal wenigstens alle drei zusammen zu sterben, erwarteten sie den Angriff des Feindes.

Die Lage der Dinge änderte sich jedoch bald. Auf das Getümmel des Rückzugs der Indianer folgten bald Büchsenschüsse, und ein halbes Dutzend von den Reitern, die in Unordnung, von unsichtbarer Kraft zurückgetrieben, anlangten, fielen tot oder verwundet vom Pferd.

»Mut, Pepe!« rief der Kanadier. »Unsere Leute sind da und greifen die Indianer im Rücken an. Fabian«, fuhr er fort, »wenn du dich wieder auf den Beinen halten kannst, so schleiche dich hinter die Bäume; es ist ein Riesenkampf, den wir werden bestehen müssen.«

Die Flut von Indianern wuchs mit jeder Minute, teilte und zerstreute sich über die ganze Oberfläche der Lichtung, und die von Don Agustin geführten Vaqueros konnten endlich durchbrechen und sich besser ausdehnen. Einige waren zu Pferd, die meisten zu Fuß; der Hacendero war unter den ersteren.

»Feuer! Bois-Rosé, Feuer! Und das Kriegsgeschrei ausgestoßen, als ob wir hundert wären!« rief der Spanier, einem der ungestümen Eindrücke gehorchend, die er niemals beherrschen konnte.

Diesmal gehorchte der Waldläufer augenblicklich, und in dem Moment, wo ihre beiden Büchsen abermals knallten und zwei Reiter, die sie zu Opfern ausersehen hatten, von den Pferden stürzten, stießen die drei Waffengefährten – denn Fabians Herz war von Rache erfüllt, und er war deshalb dem Rat des Kanadiers nicht gefolgt – noch einmal dicht zusammengeschlossen ein so wildes Kriegsgeschrei aus, daß man hätte glauben können, zehn andere Krieger hätten sich mit ihnen verbündet. Dann nutzten sie die Unordnung, die dieser Angriff im Rücken verdoppelte, und stürzten aus dem Schutz der Verschanzung hervor. Fabian war mit dem Messer bewaffnet, das ihm der Kanadier in die Hand gedrückt hatte; Bois-Rosé ergriff die Streitaxt, die einem von ihm getroffenen Apachen entfallen war; Pepe schwang seine schwere Büchse, und so warfen sie sich unter einem infernalischen Geheul mitten in das Handgemenge.

Der gigantische Waldläufer glich dem Mäher, der sein Tagwerk gern beenden will, oder dem Holzhauer, dessen Axt einen jungen Holzschlag ausräumt. Er traf seine Feinde mit unwiderstehlichem Arm und schien einen unüberschreitbaren Kreis von Eisen um Fabian zu ziehen. Er suchte sich bis zu Don Agustin Bahn zu brechen, der, von Feinden umgeben, mit seinem langen Degen auf Stoß und Hieb traf, und er bahnte sich auch endlich einen blutigen Weg bis zum Hacendero, als der schreckliche Schrei einer bekannten Stimme hinter ihm erscholl.

Es war Rayon-Brûlant, der sich, blutend und entwaffnet, aber mit der ohnmächtigen Rosarita in seinen Armen, in die von der Streitaxt des Kanadiers um Don Agustin gemachte Öffnung stürzte. Der junge Krieger hatte nur noch Zeit, mit einem Triumphgeheul die Tochter in die Arme des Vaters zu werfen, und stürzte dann unter die Hufe der Pferde. Während Bois-Rosé sich bemühte, um denjenigen, dem er soviel verdankte, zu beschützen, ließ der Hacendero seinen Degen um seine Tochter kreisen, die er quer vor sich liegen hatte, drückte die Sporen in die Flanken seines Pferdes und war bald durch den Hohlweg aus der verhängnisvollen Lichtung verschwunden.

Schrecklich wie der Erzengel der Schlachten stand der Kanadier gleich dem Bogen einer steinernen Brücke über dem Körper Rayon-Brûlants, dessen Blut einer breiten Wunde entströmte, hielt seine bestürzten Feinde fern von ihm und sah nicht, wie neue Kämpfer sich von der Seite des Biberteichs her auf das mit Toten bedeckte Schlachtfeld stürzten. Das waren Main-Rouge und Sang-Mêlé, die auf ihrer Flucht durch Wilson, Gayferos, Sir Frederick und die Komantschen zurückgeworfen worden waren. Die beiden verwundeten Piraten waren gezwungen, ihren Weg wieder zurück einzuschlagen, und standen mit einigen wütenden Sätzen auf Schwertlänge bei dem Kanadier und dem Spanier.

Der Amerikaner, so tapfer er auch war, Sir Frederick und die Krieger Rayon-Brûlants schienen unschlüssig, ob sie sich den beiden Banditen nähern sollten, die der junge Komantsche allein von vorn anzugreifen gewagt hatte und denen er – vielleicht auf Kosten seines Lebens – Rosarita entrissen hatte. Aber vor ihnen stand ein Mann, den kein Feind – er mochte sein, wer er wollte – lange einschüchtern konnte; das war Pepe, der zuerst die plötzliche Ankunft des amerikanischen Renegaten und seines Sohnes bemerkt hatte.

»Kehrt, Bois-Rosé!« schrie der Spanier.

Bois-Rosé wandte sich rasch um und befand sich seinen beiden Todfeinden gegenüber. Während dieser Zeit hatte sich das Schlachtfeld gelichtet. Der Tod des Schwarzen Falken; die wütenden Angriffe des Kanadiers, Fabians und des Spaniers; die Anstrengungen der Vaqueros, die mutig ihrem Herrn seine Tochter wiedererobern wollten – alles hatte dazu beigetragen, abermals Schrecken unter den Indianern zu verbreiten. Die unerwartete Erscheinung der beiden furchtbaren Verbündeten der Apachen, Main-Rouge und Sang-Mêlé, kam zu spät. Die meisten waren unter Zurücklassung ihrer Toten auf dem blutigen Gras der Lichtung entflohen, und die Vaqueros hatten sich, da der Hacendero einmal mit seiner kostbaren Last verschwunden war, ebenfalls in großer Anzahl auf die Verfolgung der Flüchtlinge begeben.

Siebenundzwanzig Leichen, darunter achtzehn Indianer, lagen auf dem Boden; nur noch einige erbitterte Gruppen kämpften – etwa zwanzig an der Zahl –, als der Kanadier und Pepe zum drittenmal in ihrem Leben fast Leib an Leib den beiden Piraten der Steppe gegenüberstanden.

Noch berauscht von der Hitze des Kampfes stürzte sich Bois-Rosé mit geschwungener Streitaxt auf den Mestizen; dieser war der jüngste und stärkste und gehörte von Rechts wegen dem Kanadier. Aber so kräftig auch der Waldläufer selbst war – Sang-Mêlé war gewandter. Der Mestize wich dem Schlag aus und wollte schon vorwärts stürzen, um Bois-Rosé mit seinen nervigen Armen zu umfassen, als er plötzlich bei Anblick Wilsons, der seine Büchse wieder lud, seinen Vorsatz aufgab und bis an das Ende der Lichtung lief.

Ein abgestorbener Baum, wie es deren so viele gibt, lag an dieser Stelle; ein Teil seiner Zweige war abgebrochen, als ihn die Biber gefällt hatten; die trockenen Zweige, von denen er starrte, bildeten eine dichte Verschanzung; hinter diesen Stamm flüchtete sich der Mestize. Bois-Rosé wurde durch eine Gruppe von Kämpfern, die sich zwischen ihn und seinen Feind schob, verhindert, ihm den Rückzug abzuschneiden.

Was Pepe anlangt, der gewissenhaft sein Wort zu halten pflegte, so hatte er ohne Zögern einen Kolbenschlag nach dem Schädel des alten Renegaten geführt; aber Main-Rouge hatte mit erhobener Streitaxt den Schlag pariert, und der Kolben des Spaniers war ihm in der Hand zerbrochen. Der Bandit war eine Sekunde lang unentschieden, ob er sich nicht auf seinen entwaffneten Gegner stürzen sollte, da er jedoch Fabian mit dem Messer in der Hand an des Spaniers Seite erblickte, so lief er ebenfalls zu dem Baumstamm, hinter dem Sang-Mêlé eben Zuflucht gefunden hatte. Dieser letztere lud seine lange Büchse, ohne hinter seinem Wall die Bewegungen der beiden Jäger aus dem Auge zu verlieren. Ein Blitz der Freude leuchtete in den Augen des Banditen, der in einigen Sekunden sein Opfer wählen konnte, als Pepe den liegenden Stamm eines anderen Baums erblickte. Obgleich er keinen einzigen Zweig behalten hatte, als ob die Axt ihn schon seit vielen Jahren für irgendein Bauwerk sorgsam behauen hätte, so war doch langes Gras um diesen Stamm gewachsen, der dicht genug war, um einen hinter ihm liegenden Mann zu decken.

»Komm schnell her, Bois-Rosé! Schnell!« rief Pepe.

Der Kanadier beeilte sich, der Stimme des Spaniers zu gehorchen, und in dem Augenblick, wo er sich an seine Seite schmiegte, suchte der im Schutz seines Baums kauernde Mestize mit den Augen denjenigen, den er zuerst aufs Korn nehmen wollte. Fabian hatte sich an Wilsons Seite hinter eine Biberhütte geworfen, und Sang-Mêlé sah keinen mehr von den Feinden, nach deren Blut er dürstete.

Nun begannen die beiden Piraten, den Kugeln unerreichbar, gegen die noch kämpfenden Vaqueros ein andauerndes, mörderisches Feuer, ohne daß der Amerikaner und sein Schützling oder Fabian sie daran hätten hindern können.

»Bei allen Teufeln! Diese Schelme dürfen weder dort bleiben noch uns entkommen!« sagte Pepe zu Bois-Rosé.

»Nein, gewiß nicht; und sollte ich das Leben verlieren! Ich will diese Schelme die furchtbare Angst bezahlen lassen, die ich habe ausstehen müssen.«

Bei diesen Worten senkte der Kanadier zum zwanzigstenmal den Lauf seiner Büchse, die gegen Feinde unnütz war, die von der Kugel nicht erreicht werden konnten. Zum zwanzigstenmal verließen seine Blicke auch den Baumstamm, der die beiden Piraten schützte, um sich voll Ruhe nach der Seite Fabians zu richten. Obgleich dieser neben Wilson in Sicherheit war, so war doch das vielgeliebte Kind Bois-Rosés für ihn stets ein Gegenstand lebhafter Besorgnis.

»Nein, nein«, murmelte der Waldläufer. »Solange diese beiden Schelme am Leben sind, werde ich niemals ruhig sein. Man muß ein Ende mit ihnen machen«.

Zwei von Main-Rouge und Sang-Mêlé abgefeuerte Schüsse hatten eben noch zwei Vaqueros niedergestreckt.

» Tod und Blut! Man muß ein Ende mit ihnen machen!« wiederholte der Kanadier, und seine Wut spiegelte sich in seinen Augen. »Halt! Da ist ein ganz einfaches Mittel, bis zu den beiden Banditen zu gelangen.«

Während Bois-Rosé so sprach, stemmte er kräftig seine Arme gegen den Baumstamm, hinter dem sie lagen, und die runde Masse wurde dem Bett entrissen, das durch ihr Gewicht im Gras gebildet worden war, und rollte einen Schritt auf der Lichtung weiter.

»Hurra!« rief Pepe enthusiastisch. »Wilson, Sir Frederick, wenn die Schelme nur noch einen Schritt tun, um zu fliehen, während wir uns ihnen nähern, so tötet sie ohne Mitleid wie giftige Tiere! Eure Büchsenläufe dürfen nicht aufhören, ihre verdammten Schädel zu bedrohen.«

Der Spanier vereinte seine Anstrengungen mit denen des Kanadiers, und die Zuschauer konnten nun einem der sonderbarsten Zweikämpfe beiwohnen, die die im Busch geführten Scharmützel der Indianerkriege ausmachen. Die beiden Jäger lagen hinter dem Baumstamm platt auf der Erde, stießen mit kräftigem Arm die runde Masse vor sich her, hielten hinter ihrem rollenden Schild an und überwachten mit scharfen Augen die Fortschritte, die sie gemacht hatten, ebenso wie die geringsten Bewegungen ihrer Feinde.

»Main-Rouge, alter Schelm«, rief Pepe, der die Flut von Verwünschungen, die sich in seiner Brust beim Anblick seiner beiden Feinde angehäuft hatte, nicht länger dämmen konnte, »und du, Sang-Mêlé! Welches unreine Tier möchte wohl etwas von euren Leichen haben, die wir ihnen jetzt vorwerfen werden?«

Es war ein sonderbares, schreckliches Schauspiel, wie diese beiden Männer, auf dem Boden kriechend, ihren beweglichen Wall vor sich herrollten, anhielten und die Entfernung, die sie noch von ihren Feinden trennte, zu messen suchten, ohne sich eine Blöße zu geben. Belagerer und Belagerte – diese vier Krieger waren ohne Widerspruch die tapfersten Männer und die besten Schützen in den Prärien.

»Mut!« rief Wilson, um die Anstrengungen der beiden Angreifer zu beleben. »Ihr berührt beinahe den Baum dieses Gesindels! Wenn der Schädel eines von ihnen das Holz auch nur um eine Linie überragt, so habe ich es mit ihnen zu tun. Jesus Christ und der General Jackson! Ich möchte wohl an eurem Platz sein!«

In der Tat waren die Baumstämme einander so nahe, daß die beiden Piraten mit schreckerfüllten Augen deutlich das Atmen der Jäger hörten, die unter den Anstrengungen keuchten, die sie zur Fortbewegung ihres schweren Walls machten.

Sang-Mêlé stieß vor Wut ein Brüllen aus. »Schieß dort oben hin, Main-Rouge!« rief er. Und er bezeichnete mit den Augen einen hohen Baum, den zwei Komantschen erstiegen hatten und wo einer von ihnen sich bereit machte, auf den Räuber Feuer zu geben.

»Kann ich denn?« rief der alte Renegat in ohnmächtiger Wut. »Ach, Sang-Mêlé, wohin hat uns deine unersättliche Habgier gebracht!«

Ein Schuß, der plötzlich von dem hohen Posten der Komantschen ertönte, unterbrach den alten Freibeuter, der von einem Holzsplitter, der durch die Kugel vom Stamm losgerissen worden war, an der Stirn getroffen wurde. Zu gleicher Zeit verließ der Mestize, auf die Gefahr hin, sich dem Feuer der auf den Baum gekletterten Indianer bloßzugeben, seine gesicherte Stellung, warf sich auf den Rücken und schoß. Obgleich diese Stellung unbequem war, so krönte doch der vollständige Erfolg den Versuch des Mestizen, und einer von den Komantschen fiel mit zerschmettertem Rückgrat vom Baum. »Hierher!« rief Main-Rouge lebhaft. »Siehst du nicht, daß der Baum, den diese beiden Landstreicher vor sich herrollen, sogleich den unsrigen berühren wird?«

Der bewegliche, von den Jägern fortgeschobene Wall war kaum noch so weit, als er dick war, von dem Baum, der die Piraten schützte, entfernt.

Es war dies für die Zuschauer ein Augenblick von höchstem Interesse; wenn die Bäume wie zwei Fahrzeuge, die im Meer aneinanderstoßen, aufeinandertreffen würden, dann mußte es sich in einem Kampf Leib an Leib mit blanker Waffe entscheiden, und auf die eine oder andere Weise mußte der Tod die tödliche Feindschaft der vier Kämpfer beenden.

Sang-Mêlé hatte keine Zeit gehabt, seine Büchse wieder zu laden. Pepe hatte die seinige eingebüßt, und von dieser Seite war also der Vorteil gleich, wie es auch der Fall war zwischen Bois-Rosé und dem alten Main-Rouge, die beide eine geladene Büchse hatten.

Es war eine sonderbare und schreckliche Alternative, die sich auf die gegenseitige Stellung des Kanadiers und des Räubers von Illinois gründete. Derjenige von beiden, der sich zuerst eine Blöße gab, mußte die ganze Ladung der feindlichen Büchse aus der nächsten Nähe erhalten; derjenige von beiden, der zuletzt auf seine Füße sprang, war einem sicheren Tod geweiht. Die beiden Feinde verstanden in gleicher Weise, was sie zu tun hatten.

Kaum waren durch die letzten Anstrengungen der beiden Jäger die Bäume aneinandergestoßen, als Main-Rouge und Bois-Rosé, den Gebrauch ihrer Büchse verschmähend, beide mit derselben Schnelligkeit auf ihre Füße springend, aufeinander stießen wie die beiden Baumstämme und sich gegenseitig umschlangen. Der Vulkan, in dessen Innerem die Lava brüllt, ehe sie hervorbricht und sich weithin ergießt, verbirgt kein heftigeres Feuer als die ungestümen Gefühle des Kanadiers, als er einen von denen umfaßte, die ihn entwaffnet, ihn dem schrecklichsten Schmerz, den das Herz empfinden kann, ohne zu brechen, preisgegeben und ihn wie eine Beute den Qualen des Hungers überlassen hatten. Bois-Rosé machte eine von jenen Anstrengungen, bei denen die Muskeln des Körpers zerreißen oder über das Hindernis triumphieren.

Main-Rouge war verwundet, geschwächt durch den Blutverlust, und seine athletische Stärke mußte der des Waldläufers unterliegen. Ein dumpfes Krachen war unter den Armen Bois-Rosés zu hören, der auf den Renegaten niederstürzte, dessen Rückgrat unter der Anstrengung des kanadischen Riesen zerbrochen war.

Pepe hatte die Notwendigkeit anders begriffen; er hatte den Mestizen sich zuerst erheben lassen, und kaum erhob sich dessen Stirn über dem Baumstamm, als er mit einer ebenso kühnen wie unerwarteten Bewegung seine Streitaxt mit allen Kräften dem Mestizen an den Kopf warf. Pepe ließ ihm nicht Zeit, von der Betäubung, die durch die Schwere und die Schärfe der Waffe hervorgebracht wurde, wieder zu sich zu kommen; er stürzte sich auf ihn, umschlang seinen Körper und erhob sich beinahe augenblicklich wieder. Der Mestize rührte sich nicht mehr.

Vater und Sohn lagen leblos nebeneinander.

»Sein Versprechen muß man halten!« rief Pepe und zeigte dem Kanadier seinen Dolch, dessen Griff nur noch aus der Brust des Mestizen hervorragte; dann zog er ihn mit einiger Anstrengung aus dem Körper, in dem er stak, öffnete mit der Klinge die heftig zusammengebissenen Zähne des Piraten, machte mit den Fingern eine unbeschreibliche Bewegung und warf einen blutigen, herausgerissenen Fetzen weit von sich.

»Pfui, werden die Raben etwas von dieser verfluchten Zunge wollen?« fügte der fanatische und unversöhnliche spanische Jäger hinzu.

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