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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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72 Red Fork

Das Tal der Red Fork bietet einen imposanten und wilden Anblick dar. Eine doppelte Kette hoher Berge umgibt es von beiden Seiten. Im Norden ist es der große Zug der Kordilleren mit ihren blauen, spitzen Zacken, die bald von Wolken, die in ihrem Lauf durch die scharfen Gipfel aufgehalten werden, umkränzt erscheinen oder je nach der Jahreszeit ein strahlendes Diadem von blendendem Schnee tragen, der den Winter hindurch liegenbleibt und unter der heißen Luft, die aus dem Tal emporsteigt, zusammenschmilzt. Im Süden erblickt das Auge eine andere niedere Bergkette, deren zerrissene Seiten gähnende Schluchten und düstere Granitfelsen sehen lassen, deren rauhe Umrisse kaum durch die blaue Ferne gemildert werden.

Ein Flächenraum von etwa zehn Meilen liegt zwischen diesen beiden Sierren; in dessen Mitte fließen von Westen nach Osten zwei Arme des Red River; der eine ist fast immer ausgetrocknet, der andere rollt seine riesigen Gewässer mitten durch das hohe Gras, das das eine Ufer bedeckt und wie ein Ozean mit grünen Wogen aussieht, dessen Wellen sich am Saum des ungeheuren Waldes um den Büffelsee brechen.

Der Raum zwischen den beiden Armen des Flusses wird in der Regenzeit durch das Austreten des Hauptarms des Red River unter Wasser gesetzt. In diesem Arm haben die Biber Dämme gebaut, wodurch die Gewässer aus dem engen Bett am Fuß der Kordilleren austreten.

Hier ist ein feuchter und morastiger Boden. Schlammige tiefe Lagunen breiten ihre schlafenden Gewässer unter einer scheinbar festen Decke aus; andere, hellere Wasserflächen spiegeln sich in der Sonne, von undurchdringlichem Weidendickicht umgeben; im trockneren Teil steht Gehölz von Baumwollstauden, deren Stämme dicht zusammengedrängt sind; dazwischen haben sich Zweige geschlungen und bilden dichte Gebüsche, wo nur die Axt des Indianers oder des Jägers sich einen engen Durchgang zu öffnen vermag.

Der Mensch erscheint nur sehr selten in diesem einsamen, schweigenden Tal. Nur zuweilen zeigt sich auf dem Felsengipfel der südlichen Sierra ein Gebirgsjäger, seine Fallen und seine lange Büchse auf der Schulter, um den Lauf des Flusses zu erkennen und einen raschen Blick auf die Biberhütten zu werfen; zuweilen gleitet auch ein Indianer in seinem Rindenkanu geräuschlos den Fluß hinab und sucht nach dem Jäger oder nach der Spur der Büffel. Mit Ausnahme des Windes, der ständig durch das hohe Gras weht oder in den Weidengebüschen seufzt, stört nur wenig Geräusch das ruhige Tal der Red Fork. Nur zuweilen stürzt in langen Zwischenräumen ein von den Zähnen des Bibers durchnagter Baum mit lautem Krachen zusammen; nur zuweilen hört man hier das Brüllen des Büffels oder sieht die Raubvögel über der schwimmenden Leiche eines im Wasser treibenden Bisons kreisen und vernimmt mitten im Schweigen des Tals ihren schaurigen, beutegierigen Schrei.

Wir schildern gern die Gegenden genauer, um nicht den Leser aufs Geratewohl herumirren zu lassen, und wiederholen deshalb hier, was wir schon einige Kapitel früher gesagt haben: daß nämlich der Waldsaum, in dessen dichtem Schatten der Büffelsee versteckt liegt, vom rechten Ufer des Flusses, wo eben die indianische Räuberbande gelandet ist und wo der Schwarze Falke mit seinen Kriegern bald zu ihnen stoßen wird, ungefähr eine Meile entfernt liegt und daß der Boden nur eine gelbliche Oberfläche von wogendem Gras darbietet. Jenseits erstrecken sich vom linken Ufer an die morastigen Gegenden, die wir eben erwähnt haben.

Die Jäger und die Trapper erzählen sich noch heutigentags die blutigen Szenen, die sich im Tal der Red Fork ereigneten; wir hoffen demnach, daß man uns entschuldigen wird, wenn wir deren Schauplatz so ausführlich beschrieben haben.

Die Augen des alten amerikanischen Renegaten waren noch von den Dünsten des Mescals umnebelt, als die Piroge in einer kleinen Bucht des Flusses landete. Sang-Mêlé allein hatte in dieser Nacht eine seltene Ausnahme von seiner gewöhnlichen Unmäßigkeit gemacht. Er war sich bewußt, daß er seine ganze Kaltblütigkeit aufbieten müsse, um seine Pläne der Entführung und der Plünderung zu verwirklichen.

Als Vater und Sohn an Land stiegen, grollte im Herzen des Mestizen noch der Zorn gegen Main-Rouge, obgleich er ihn reichlich ausgeschüttet hatte. »Wir werden sehen«, sagte Sang-Mêlé in rauhem Ton zu ihm, »ob du noch zu etwas anderem gut sein wirst als dich wie ein Anfänger im Feuerwasser zu berauschen. Geh mit dem Gefangenen wieder über den Fluß, wirf ihn bis zu meiner Rückkehr in ein dichtes Baumwollstaudengebüsch, und erinnere dich, daß du dem Schwarzen Falken für ihn verantwortlich bist!«

»Ach ja!« antwortete Main-Rouge mit einem stumpfsinnigen, ironischen Lächeln. »Die Taube des Büffelsees ...«

Ein zorniger Blick seines Sohnes verbot dem Amerikaner, weiterzusprechen.

»Wahrhaftig, ich nehme es an; denn meine Augenlider sind so schwer wie die ledernen Vorhänge meiner Hütte; ich werde neben dem Gefangenen schlafen und Sorge tragen, noch einen Riemen den übrigen hinzuzufügen, mit denen ich ihn schon geschmückt habe.«

Den Befehlen des Mestizen gemäß fuhr die Piroge, auf deren Boden man Fabian mit gebundenen Händen und Füßen geworfen hatte, mit drei Ruderern zum entgegengesetzten Ufer des Flusses. Main-Rouge wankte zwar ein wenig auf seinen Beinen, trug aber doch den Körper des Gefangenen hinter eine dichte Gruppe von Bäumen und Gesträuchen, einige Schritt vom Ufer. Einer von den Indianern legte sich ebenso wie er selbst neben Fabian nieder, und als die beiden anderen Räuber abermals über den Fluß gesetzt waren, um sich wieder mit dem Mestizen zu treffen, wäre es unmöglich gewesen, zu ahnen, daß drei Männer im Schatten der Baumwollstauden verborgen lagen.

Nachdem diese Vorsichtsmaßnahme für den Fall irgendeines Ereignisses getroffen war, wurde die Piroge ans Ufer gezogen und nicht ohne Mühe auf den Armen der ganzen Schar mitten in das Gras getragen, das man sorgfältig über das Fahrzeug deckte, um es den Augen aller zu verbergen und zu dem Glauben zu verleiten, daß die Halme dieser mächtigen Vegetation nur durch einen Windstoß so niedergebeugt worden wären. Sang-Mêlé stellte darauf zwei Indianer als Vorposten auf die Ufer des Flusses – beinahe dem Ort gegenüber, wo Fabian unter der Aussicht des Renegaten zurückgeblieben war – dann verteilte er die anderen in gewissen Entfernungen vereinzelt in der Ebene, mit dem Befehl, auf die Ankunft der Verbündeten, die er erwartete, achtzugeben. Als das Tal das Ansehen ruhiger Einsamkeit wieder angenommen hatte, dachte er an die Ausführung des Plans, den er entworfen hatte.

Der Mestize band zuerst die roten Bänder los, die seine Haare schmückten; er tauchte sein Gesicht in das Wasser des Flusses und ließ so die Malereien verschwinden, mit denen er es nach indianischer Sitte verschönert hatte; er zog seinen Jagdkittel von scharlachrotem Tuch aus und legte seine ledernen, mit Schellen geschmückten Gamaschen ab, so daß er von seinem ersten Anzug nur seine bestickten Mokassins beibehielt, wie sie der an den Ufern des Sees bei Don Agustin zurückgebliebene Büffeljäger ebenfalls trug. Endlich zog er aus einer kleinen Reisetasche ein blau und rot kariertes Taschentuch, das er um sein langes, wallendes Haar band, Beinkleider von dunkler Leinwand und eine kattunene Jacke, womit er sich wieder bekleidete; und als er nun mit Ausnahme eines breitgeränderten mexikanischen Hutes – fast den Anzug eines Weißen angelegt hatte, warf er seine Büchse über die Schulter und wandte sich zum Büffelsee.

Es war der siebente Tag nach seinem Aufbruch von demselben Ort, wo Don Agustin kaum angekommen war, als er ihn verlassen hatte; und Sang-Mêlé wußte recht gut, daß die letzten Vorbereitungen zu einer Jagd auf wilde Pferde – deren Herantreiben und die zu einer Bändigung durch Hunger und zur Zähmung durch andere Pferde nötige Zeit – den Jägern etwa zehn Tage weggenommen hatten. Als er demnach die Entfernung berechnete, die ihn vom See, wo sich die Mexikaner gelagert hatten, trennte, wurde er sicher, daß er sie noch dort antreffen würde. Nachdem er so die Ebene durchwandert hatte und einige Augenblicke im Wald gegangen war, schlugen das Wiehern von Pferden und ein verwirrter Lärm von menschlichen Stimmen an sein Ohr; der Mestize empfand darüber nur eine sehr lebhafte Freude ohne die geringste Mischung von Erstaunen.

Bisher war sein Marsch vorsichtig und krumm gewesen wie der Gang einer wilden Katze, nun aber nahm er eine freiere Haltung an. Er warf seine Büchse am Riemen über die Schulter, näherte sich, ohne weiter seine Ankunft verheimlichen zu wollen, mit festem Schritt und pfeifend wie ein müßiger Jäger dem Ort, wo sich der Lärm hören ließ. Da niemand seine Annäherung bemerkt hatte, so konnte er doch – als er eine Lichtung im Wald erreichte, von wo er, ohne gesehen zu werden, alles überblicken konnte – dem Verlangen nicht widerstehen, das, was unter seinen Augen vorging, genauer zu betrachten.

Plötzlich verdunkelte eine Wolke heftigen Unmuts das düstere Antlitz des Mestizen. Ein halbes Dutzend Pferde standen gesattelt; drei von ihnen waren reich aufgezäumt, Verzierungen von gediegenem Silber, Samt und goldene und seidene Stickereien waren so zahlreich angebracht, daß man wohl schließen konnte, sie gehörten den Herrschaften. Alles schien die Vorbereitungen zur bevorstehenden Abreise anzudeuten.

Das Gesicht des Mestizen wurde aber bald wieder heiter. Das seidene Zelt Doña Rosaritas und das des Hacenderos standen immer noch aufrecht; die Lasttiere weideten ruhig in einiger Entfernung, und die Flaschenfutter zur Reise, die Packsättel und alles Gepäck waren sorgfältig nicht weit von den Zelten geordnet. Der Weiße wollte also wahrscheinlich nur auf einem Ausflug in die Umgebung an den Ufern des Flusses oder bei einer Hirschjagd Zerstreuung suchen. In der Tat erschien auch bald Rosarita, von ihrem Vater gerufen, der, gestiefelt und gespornt, bereit war, aufs Pferd zu steigen. Auf der Schwelle ihres kleinen Zeltes war sie noch verführerischer, als der Mestize sie sich in seinen Erinnerungen während der eben verflossenen Woche vorgestellt hatte. Das kam daher, weil sich mit den schönen Zügen des jungen Mädchens noch jene unbeschreibliche Harmonie verband, die sich dem Gedächtnis nur unvollständig eingeprägt und die jenen lieblichen Wohlgerüchen gleicht, die man mit Wollust einatmet, deren köstlichen Duft man aber nicht festzuhalten vermag. Es ist jene unfaßbare Schönheit, die zwar überall hervorleuchtet und gewisse Gesichter rings umstrahlt, die aber der Pinsel nicht wiederzugeben vermag, weil sie immer neu ist. Diese Ohnmacht des Pinsels, jenen magnetischen Reiz wiederzugeben, macht es auch erklärlich, wie wir vor den Porträts gewisser durch ihre Schönheit berühmter Frauen kalt bleiben, weil der Maler trotz seiner Geschicklichkeit wohl die Formen und die Farbe der Blume der Nachwelt hat überliefern können, nicht aber, wie sie auf ihrem Stengel erbebte und Wohlgerüche ausströmte.

Die wilden Augen des Mestizen, die nur indianische Schönheiten zu sehen gewohnt waren, funkelten unter seinen schwarzen Brauen, und eine teuflische Freude glänzte auf seinen bronzenen Zügen: der Zufall sollte ihm den Gegenstand einer Leidenschaft überliefern, die zügellos war wie alle Wünsche, die das indianische Blut seiner Mutter in seinen Adern entzündete.

Der Mestize beschloß nun, sich nicht zu zeigen. Er ging Schritt für Schritt rückwärts, die Augen immer auf das junge Mädchen geheftet, ohne sich umzuwenden, und nachdem so allmählich Gesträuch und Laub die Szene seinem Blick entzogen hatten, streckte er sich schweigend auf den Boden und blieb unbeweglich im Bereich der Stimme derer liegen, die er belauerte.

»Don Francisco«, sagte Encinas zu einem der Diener des Hacenderos, »wenn Ihr einige frische Büffelspuren am Ufer des Biberteichs seht, so werdet Ihr es mir bei der Rückkehr sagen, und zur Wiedervergeltung für das Schauspiel einer Jagd auf wilde Pferde, das Ihr uns gegeben habt, werden meine Kameraden und ich Euch das einer Büffeljagd geben, die gewiß etwas Verdienstliches hat. Jetzt will ich Euch auf den Weg bringen, dem Ihr folgen müßt, um aus dem Wald zu gelangen.«

Der Senator, Don Agustin und seine Tochter stiegen in diesem Augenblick auf ihre Pferde, und der kleine Reiterzug schlug, von dem kräftigen Büffeljäger geführt und von den drei Dienern gefolgt, einen schmalen Fußsteig ein, der in die Ebene hinausführte und sich durch das lange Gras hindurchschlängelte. Hier trennte sich Encinas von den Reitern, indem er ihnen einen angenehmen Spazierritt wünschte und ihnen eine Furt, wo sie über den Fluß setzen sollten, und dann den Weg zeigte, der zum Biberteich führte, wo das junge Mädchen die merkwürdigen Arbeiten der Tiere sehen wollte.

»Don Agustin«, rief Francisco dem Hacendero zu, nachdem sie einige Augenblicke auf dem von den Büffeln glattgetretenen Fußpfad vorwärts geritten waren, »dort unten könnte sich wohl ein Büffel oder ein wildes Pferd befinden. Man sieht das lange Gras sich bewegen wie unter der Last eines dieser Tiere.«

In der Tat lief nicht weit vom Zug eine wellenförmige Linie durch die hohen Halme, als ob ein Pferd oder ein Büffel sie auf der Flucht niedergedrückt hätte. Das Tier – wenn es ein solches war – mußte den Weg, den der Reiterzug verfolgte, im rechten Winkel abschneiden, denn die Linie, die es im Gras zog, beschrieb einen Halbkreis vor den Pferden, und dieser Kreis näherte sich dem Fußpfad. Plötzlich hörte die bewegliche Furche, die sich auf der Oberfläche des Grases bildete, auf, und man sah nichts weiter als dessen üppige und regelmäßige Wallungen unter dem Hauch des Windes.

»Es ist irgendein durch unsere Gegenwart erschreckter Damhirsch«, sagte der Hacendero; »denn dieses Gras ist nicht lang genug, um die Sprünge eines wilden Pferdes oder eines Büffels ganz zu verbergen.«

Der Reiterzug zog vorüber, und erst lange nach diesem kleinen Ereignis öffnete sich abermals eine neue Furche auf der Oberfläche des Grases und nahm ihre Richtung zu der Stelle, wo die von den Mestizen als Posten aufgestellten Indianer im Hinterhalt lagen. Die Diener Don Agustins waren zu weit entfernt, um noch Sang-Mêlé unterscheiden zu können, dessen hohe Gestalt sich wieder aufgerichtet hatte und der zuweilen das Taschentuch zeigte, mit dem sein Kopf bedeckt war.

Der Zug bewegte sich langsam vorwärts, wie es gewöhnlich des Morgens der Fall ist, wenn das Herz sich unter einem erfrischenden Lufthauch neuen Lebens zu öffnen scheint, das in der ganzen Natur ringsum wieder erwacht. Der Aufgang und der Untergang der Sonne, das sind die Stunden der süßen Gedanken in der freien Natur – frischer des Morgens, ernster des Abends; die ersteren lächeln gern der Zukunft entgegen, die zweiten lieber der Vergangenheit zu. In der Jugend haben diese Träumereien eine gleiche Lieblichkeit, denn die Jugend hat ja kaum eine Vergangenheit, und dann hat sie auch eine so lange Zukunft vor sich!

Doña Rosarita war vom Zauber dieser süßen Eindrücke befangen. Ihre eigene Vergangenheit bestand kaum aus wenigen Tagen. Auch zweifelte sie in diesem Augenblick nicht, ob sie eine ihr so nahe Vergangenheit oder eine weite Zukunft wählen sollte, und in dem sie ihr Pferd im Schritt gehen ließ, gefiel sie sich darin, den Augenblick vorherzusehen, wo Fabian, ebenso verliebt und vielleicht scharfsichtiger als früher, zur Hacienda zurückkehren würde. Während sie aber ihre Träume liebkoste, befand sich Fabian nicht weit von ihr, gefesselt und bestimmt, eines schrecklichen Todes zu sterben; eine furchtbare Gefahr drohte ihr selbst – und Rosarita lächelte immer noch ihren Gedanken zu.

In dem Augenblick, als der Zug endlich vom Fußpfad an die Ufer des Flusses gelangte, schienen seine breiten Gewässer den Reitern so tief zu sein, daß ihnen der Gedanke kam, Encinas hätte sich vielleicht geirrt, wenn er versicherte, sie müßten in einiger Entfernung eine Furt finden, um über den Fluß zu setzen.

Als Don Agustin und der Senator sich über diesen Punkt berieten, rief der erstere aus: »Gott verzeihe mir! Diese Ufer, die ich so verlassen glaubte, sind bewohnt; ich sehe einen Menschen dort unten!«

»Ein Weißer wie wir«, sagte Rosarita, die von der Stimme ihres Vaters aus ihren Gedanken aufgeschreckt worden war; »Gott sei gelobt!«

»Es ist ein Weißer, wenn man es aus seinem Anzug schließen darf.«

Don Agustin gab ohne Mißtrauen Francisco den Befehl, hinzureiten und diesen Mann über die Lage der Furt zu befragen; ohne Mißtrauen, haben wir gesagt – und in der Tat: Welches Mißtrauen hätte wohl eine einzelne Person wie diese hier erregen können, die sich friedlich an den Ufern eines öden Flusses damit beschäftigte, Steine auf dem Wasser springen zu lassen?

Als der Diener zu ihm kam, ohne daß der in Rede stehende Mann, der ein kariertes Taschentuch um den Kopf gewickelt trug, seine Gegenwart zu bemerken schien, noch auch seine Belustigungen aussetzte, befragte er ihn. Was er antwortete, gelangte nicht bis zu den Ohren der wartenden Männer. Sie sahen nur, wie der Unbekannte sich ihnen mit baumelnden Armen, linkischem Gang und teilnahmslosen Augen näherte.

»Verzeihung, Señor«, sagte er, und wandte sich mit einem stark ausgeprägten englischen Akzent an Don Agustin, »aber ein einsamer Trapper muß wissen, an wen er sich in diesen Steppen wendet. Ihr fragt also nach der Furt des Red River?«

»Ja, mein Freund«, erwiderte der Hacendero und prüfte mit Kennerblicken den seltsamen Ausdruck im Gesicht des Unbekannten.

Aber dieses verlor unter dem mißtrauischen Blick Don Agustins nichts von seiner Miene gleichgültiger Gutmütigkeit. »Wäre es etwa, um zum Biberteich zu gehen?«

»Ganz recht«, antwortete der Senator; »diese junge Dame wünscht das seltsame Schauspiel zu sehen.« »Hm«, murmelte der Unbekannte, »ich habe meine Fallen dort aufgestellt; die Fallen eines armen Jägers sind sein Leben und sein Vermögen. Am Ende jedoch«, fügte er hinzu, »wenn Euer Gnaden einfach nur sehen wollen, werde ich Euch unter einer Bedingung hinführen.«

Der Hacendero blickte immer noch den amerikanischen Trapper fest an; sein Gesicht schien ihm nicht unbekannt.

»Ihr habt ohne Zweifel noch keinen Trapper gesehen«, sagte der Biberjäger mit Gelächter in guter Laune, »und darum seht Ihr mich so aufmerksam an. Was den Biberteich anlangt, so will ich Euch hinführen, wenn Ihr mir versprecht, nur zu sehen und kein Gewehr abzufeuern. Die Furt ist links auf dieser Seite.«

»Auf der linken Seite?« unterbrach ihn Don Agustin. »Man hatte sie uns auf der entgegengesetzten Seite bezeichnet.«

»Irgendein Prahler ohne Zweifel, wie es deren so viele gibt, die sich einbilden, die Gegenden, die sie nicht gesehen haben, besser zu kennen als diejenigen, die sie oft besuchen. Wenn übrigens Euer Gnaden einen Versuch machen wollen, eine andere Furt als die einzige, die sich hier befindet, zu entdecken, so steht es Euch frei ... Ich bin Euer gehorsamster Diener.« Und der Unbekannte nahm mit vollständiger Gleichgültigkeit sein unschuldiges Vergnügen wieder auf, Steine auf die Oberfläche des Flusses zu werfen, ohne sich weiter mit den Reitern zu beschäftigen.

»Encinas wird sich geirrt haben«, sagte der Senator zu Don Agustin. »Heda, mein Freund!« rief er auf einen Wink des Hacenderos dem Trapper zu. »Wir treten Eurer Ansicht bei und wollen Euch folgen!« »Ihr tut sehr wohl daran«, sagte der Unbekannte und folgte aufmerksam mit den Augen dem vierten Sprung, den der letzte von ihm geworfene Stein eben auf dem Wasser machte; »ich stehe zu euren Diensten. Hierher!« begann er wieder, als der von seinem kräftigen Arm geworfene Stein zischend im Fluß verschwunden war.

Der Trapper nahm nun seinen linkischen, aber raschen Schritt wieder an und ging den Fluß stromauf anstatt abwärts, wie es der Büffeljäger in seinen Anweisungen empfohlen hatte. Die Reiter folgten ihm.

»Habt Ihr nicht irgendwo dieses Gesicht gesehen?« fragte der Hacendero leise den Senator. »Ich suche mich vergeblich zu erinnern ...«

»Wo wollt Ihr diesen Grobian gesehen haben?« erwiderte Tragaduros im selben Ton. »Es ist einer von jenen halbwilden Jägern, wie die sind, die ich eines Abends an der Poza traf.«

»Ihr mögt sagen, was Ihr wollt; es liegt auf diesem Gesicht etwas wie eine Maske, die seinen wirklichen Ausdruck verhüllt – ich möchte darauf wetten! Aber was liegt daran?«

Der Reiterzug folgte dem Trapper schweigend einige hundert Schritt weit; nicht, ohne daß diejenigen, die ihn bildeten, sich gewundert hätten über die Entfernung, die die Furt von dem sich durch das Gras der Ebene hinziehenden Fußpfad zu trennen schien. Rosarita sagte nichts; sie setzte ihre angefangenen Träumereien fort, die sanft vom Murmeln des Schilfs im Fluß, vom Geschrei der im Sumpf fischenden Brachschnepfen und von all den Stimmen, die des Morgens an den Ufern der großen Flüsse ihren Gesang ertönen lassen, eingewiegt wurden.

Der Trapper schien die Ungeduld der Reisenden, die er führte, erheitern zu wollen und brach zum erstenmal seit einigen Minuten das Schweigen, indem er die Stimme erhob. »Ah, die Biber sind erfinderische Tiere«, sagte er, »und oft habe ich sie in dem einsamen und gefahrvollen Leben, das ein armer Trapper führt, lange Zeit schweigend beobachtet. Mehr als einmal hat mich das Geräusch ihrer Schwänze, mit denen sie ihr Mauerwerk aus Pfählen und Ton schlagen, in der Stille der Einöden an den wohlbekannten Ton des Schlägels der Wäscherinnen an den Ufern des Illinois erinnert, und ich habe oft seufzen müssen, wenn ich an mein Vaterland dachte.«

»Ihr seid in der Tat fern von Eurer Heimat«, sagte Rosarita, die die Sprache des Jägers in einem jener Augenblicke gerührt hatte, wo das Herz sich so leicht dem Mitleid öffnet.

»Ich bin aus Illinois, Señorita«, antwortete der Trapper mit ernstem Ton und setzte seinen Marsch fort. »Horch! Hört sie!« sprach er nach einem neuen Schweigen weiter. »Hört ihr das Geräusch, von dem ich sprach?«

Die Reisenden konnten in der Tat einen entfernten Lärm vernehmen, ähnlich demjenigen, den der Schlägel auf nasse Linnen hervorbringt.

»Aber«, fuhr der Jäger fort, nachdem er selbst aufmerksam gelauscht hatte, »wenn die Biber so arbeiten, dann denken sie nicht daran, sich zu belustigen und in meine Fallen zu gehen. Ich will sie ein wenig erschrecken, um sie zu beunruhigen!« So sprechend stieß der Jäger in kurzen Zwischenräumen voneinander drei dumpfe, laut klingende Töne aus seiner Brust hervor, die seine Hörer unwillkürlich erbeben ließen. Man hätte meinen sollen, es wären die rauhen und doch laut klingenden Töne gewesen, die der amerikanische Löwe in den Einöden ausstößt. Alles ferne Geräusch hörte auf; selbst die Stimme der Sumpfvögel schwieg.

Der Trapper lächelte über das Erstaunen der Reiter und blieb stehen.

Sie waren an dem spitzen Winkel angelangt, der von den beiden sich trennenden Armen des Flusses gebildet wird; zur Linken der Reiter, die am Fluß entlangritten, verbarg höheres und dichteres Gras die Ebene; zu ihrer Rechten erhob sich ein Weidendickicht auf dem entgegengesetzten Ufer.

»Der Fluß kommt mir sehr tief vor für eine Furt an dieser Stelle«, bemerkte Don Agustin.

»Seine Gewässer sind trüb, und man sieht nicht bis auf den Grund«, antwortete der Trapper. »Da es nicht billig sein würde«, fuhr er fort, »daß ich für den Gefallen, den ich Euer Gnaden erweise, gezwungen wäre, bis ans Knie ins Wasser zu gehen, so möchte ich einen von euch um die Erlaubnis bitten, hinten aufsitzen zu dürfen, und ich würde euch den Weg zeigen, obgleich ein Trapper ein ziemlich trauriger Reiter ist.«

Francisco machte den Vorschlag, den Führer hinter sich aufsitzen zu lassen; der Amerikaner nahm es an und stieg nicht ohne große Anstrengungen auf den Rücken des Pferdes hinter dem Sattel. Als er sich gesetzt hatte, sagte er: »Spornt Euer Tier geradeaus.«

Aber sei es nun, daß das Pferd Furcht hatte, sei es, daß die Fersen des Trappers unangenehm seine Weichen kitzelten – es weigerte sich zu gehen und schlug hinten aus. Nun legte der Trapper seinen linken Arm unter den Franciscos und nahm den Zügel in die Hand; das Tier weigerte sich immer noch.

»Laßt Euer Pferd neben das unsrige kommen«, sagte der Amerikaner zu einem von den anderen Dienern; »wenn die beiden Tiere nebeneinander gehen, werden sie sich gegenseitig ermutigen.«

Der Diener gehorchte, und die beiden Pferde traten in den Fluß, wie es der Trapper versichert hatte.

Plötzlich ließ sich hinter den Reitern mitten im Gras ein ähnliches Gebrüll hören wie dasjenige, das der Trapper ausgestoßen hatte, um angeblich die Biber zu erschrecken. Die durch dieses unerwartete Ereignis verursachte Bestürzung verwandelte sich rasch in tiefen Schrecken.

Der Mestize – denn wir haben wohl nicht nötig, zu sagen, wer der falsche Trapper war – antwortete durch ein ähnliches Gebrüll, und sein Messer fuhr bis ans Heft in den Rücken des unglücklichen Francisco. Die eiserne Hand Sang-Mêlés hob ihn aus dem Sattel, und der Mestize setzte sich selbst in diesem fest, während der Diener kopfüber ins Wasser stürzte. Der Mestize warf seine Büchse hinter sich in das hohe Gras am Ufer; mit einer Hand ergriff er den Zügel des Pferdes neben dem seinigen, brachte es zum Aufbäumen, und in dem Augenblick, wo der zweite Diener aus dem Sattel glitt, traf der Arm des Mestizen den Reiter, der zu seinem Kameraden hinabrollte.

Dies alles hatte sich so rasch zugetragen, daß der Senator und der Hacendero nicht Zeit gehabt hatten, sich in Verteidigungszustand zu setzen, als schon acht Indianer, durch Sang-Mêlés Signal benachrichtigt, sich auf sie gestürzt, sie von ihren Pferden geworfen und in das hohe Gras getragen hatten, das das Ufer bedeckte.

Beim Anblick der Wilden, die Herren des Stromufers waren, hatte der dritte Diener allein sein Pferd mitten in den Fluß getrieben, der ihn mit fortriß; denn die Furt war sehr weit von hier. Plötzlich fiel auf den Ruf des Mestizen ein Schuß aus dem Gesträuch des entgegengesetzten Ufers und warf den Diener in den Strom. Im gleichen Augenblick warf sich ein Indianer in den Fluß, um sich des reiterlosen Pferdes zu bemächtigen.

Was Rosarita anlangt, so war sie noch bleicher als die Blüte der Wasserlilien am Büffelsee; ihre Augen blickten starr, der Mund war halb geöffnet wie der einer Alabasterstatue; kein Schrei vermochte ihre beklommene Brust zu erleichtern; sie wurde herabgerissen und so fiel sie vom Pferd in die Arme des falschen Trappers. Erst bei der abscheulichen Berührung seiner Arme, die sie gierig umschlossen, hatte sie zum erstenmal mitten unter diesen schrecklichen Ereignissen das Bewußtsein von dem Schicksal, das ihr aufbewahrt war. Jetzt erst stieß sie einen herzzerreißenden Schrei aus und schloß fast ohnmächtig die Augen.

Während dieses raschen Übergangs vom Leben zur Bewußtlosigkeit glaubte sie jedoch einen anderen Angstschrei zu vernehmen; die Luft trug ihr etwas wie die letzten Silben ihres Namens zu. Diese Stimme war nicht die ihres Vaters; es war der bekannte Ton einer sehr treuen Stimme, die eine Sekunde in ihren Ohren wie das Echo einer fernen Welt erklang. »Habe Dank, mein Gott!« murmelte sie in der Tiefe ihres Herzens. »Du hast gewollt, daß seine Stimme das letzte ist, was ich in dieser Welt vernehme ...«

Die Gefühllosigkeit des Körpers erstickte bei Rosarita bald auch den Gedanken.

In der Tat war der Schrei von der anderen Seite des Flusses herübergeklungen, wo der alte Renegat und ein Indianer Fabian nicht aus den Augen ließen.

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