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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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6 Der letzte Mediana

Als Cuchillo nach dem Schluß der Unterredung, von der wir eben berichtet haben, die Hütte verließ, wo sie stattgefunden hatte, stand die Sonne schon nicht mehr senkrecht am Himmel und fing an, sich gegen den Horizont zu neigen. Die von der Hitze des Tages ausgedörrte Erde sandte aus ihrem Schoß die glühenden Ausdünstungen zurück. Diese durch den Wind, der schon viel frischer wehte, verdichteten Dünste gaben durch die Luftspiegelung den trockenen Ebenen, die den Wald begrenzten, das Aussehen eines klaren Sees, als ob die Natur, die nur die vollkommenste Harmonie liebt, dem Auge eine Entschädigung der traurigen Nacktheit dieser Landschaft hätte bieten wollen.

Dumpfes Krachen ließ sich noch im Wald hören, ähnlich dem Krachen des Holzes, das sich bei der Berührung des Feuers krümmt und windet. Aber die Bäume richteten nach und nach ihr Laubdach unter dem Südwind wieder auf und schienen ungeduldig die Stunde zu erwarten, wo die Nebeldecke, die sie während der Nacht umhüllt hatte, ihre Wipfel wieder erfrischen würde.

Cuchillo pfiff, und auf diesen wohlbekannten Ton lief ein Pferd im Galopp herbei. Das Auge des armen Tieres war erloschen vor Durst. Sein Herr goß mitleidig ein wenig Wasser aus seinem Schlauch in eine Schale, und obgleich dies für das Tier nur ein Tropfen war, so belebte sich sein trübes Auge doch. Cuchillo zäumte, sattelte sein Pferd und schnallte die Sporen an seine Füße. Darauf rief er einen der Diener Don Estévans und gab ihm den Befehl, die Maultiere und die Pferde anzuschirren und vorauszureiten, um das Nachtlager instand zu setzen, das einige Stunden weiter an einem Ort, den man la Poza nennt, aufgeschlagen werden sollte, wo die Reisenden die Nacht zubringen mußten.

Der Diener warf ein, daß dies nicht der geradeste Weg nach Tubac sei, wohl aber der nach der Hacienda del Venado. Doch auf die entschiedene Antwort Cuchillos, daß es die Absicht seines Herrn sei, einige Tage auf der Hacienda zu verweilen, begann der Diener pflichtgemäß die Befehle auszuführen, die ihm übermittelt worden waren.

Der Eigentümer dieses weitläufigen Landguts – des einzigen von dieser Größe und Bedeutung zwischen Arizpe und der Grenze – war in der ganzen Gegend, die zwischen diesen beiden Punkten liegt, berühmt durch seine Freigebigkeit zu seinen Gästen. Ohne Murren also hörten die Leute aus dem Gefolge der beiden Reisenden, daß sie durch Verlängerung ihres Marsches wenigstens einige Tage Ruhe in dieser gastlichen Wohnung finden würden.

Der Diener, der mit den von Cuchillo überbrachten Befehlen beauftragt war, sattelte sein Pferd und nahm im Galopp die Richtung nach dem Saum des nahen Waldes, an dessen Eingang er die Caponera oder Capitanastute angebunden hatte. Um sie herum hatten sich die frischen Pferde gesammelt und diejenigen, die schon auf der Reise bis zu dem verlassenen Dorf Huerfano geritten worden waren.

Beim Anblick des Reiters, der mit dem Lasso in der Hand herankam, verbreitete sich Schrecken unter dieser Truppe noch halbwilder Tiere. In dem Augenblick, als der Diener seine Schlinge um den Kopf schwirren ließ, sprang der wilde Haufe zurückprallend auf; aber es war schon zu spät, und die gleitende Schleife fiel zweien von ihnen über den Hals. Diese Tiere hatten schon zu oft die Gewalt des Lassos kennengelernt, um Widerstand zu leisten, und folgten mit gesenktem Haupt gelehrig dem Diener, während die übrigen Pferde zurückkehrten und sich um die Glocke der Capitana sammelten.

Als die Pferde gesattelt und gezäumt waren, entfesselte der Diener die Stute und ritt voran, indem die hin und her prallende Herde folgte oder vorauslief und sich bald in einer Wolke von Staub verlor.

Bis zur Poza, wo man haltmachen sollte, waren nur wenige Stunden Weges, und da nichts drängte, noch vor der Nacht dort anzukommen, so mußten zwei frische Pferde für Don Estévan und den Senator ausreichen. Letzterer ließ auch nicht auf sich warten; er erschien unter der Tür der Hütte, wo er gewissenhaft eine Mittagsruhe gehalten hatte, zu der diese glühenden Klimate mit gebieterischer Notwendigkeit zwingen. Don Estévan kam zu derselben Zeit aus der seinigen. Obgleich die Luft immer noch zum Ersticken war, so konnte man sie doch schon leichter atmen als am Morgen.

»Caramba«, rief der Senator, »das ist Feuer, was man atmet, aber keine Luft; und wenn diese Hütten nicht ein Nest für Skorpione und Schlangen wären, so würde ich hier gern bis in die Nacht bleiben – viel lieber, als mich abermals in diesen Glutofen zu werfen!« Nach diesen klagenden Worten stieg der Senator mühsam aufs Pferd und ritt mit Don Estévan voraus. In einiger Entfernung von ihnen folgten Cuchillo und Baraja, und endlich schlossen die Diener und die Maultiere den Zug.

Indessen ließ die Frische des Waldes, den der Zug durchschnitt, die erste Stunde des Marsches erträglich finden; aber bald gelangten sie beim Ausgang des Waldes mitten auf weite Ebenen hinaus, die unbegrenzt schienen.

Es gibt nichts Traurigeres als diese nackten, weißen Landstriche, auf denen alles Wachstum aus Mangel an Saft dahinstirbt. Von Strecke zu Strecke erhoben sich lange Stangen, um eine Zisterne zu bezeichnen; aber die Ledereimer, die an ihnen hingen, waren zusammengeschrumpft und von der Sonne zerrissen und sagten zugleich, daß die Zisternen ausgetrocknet seien. Schrecklich geht es dem, den sein Unstern in diesen öden Ebenen irreführt. Wenn sein Schlauch nicht gut gefüllt ist; wenn er ungewiß ist über den Weg, den er einschlagen muß, so wird seine Geschichte bald die Legende von den Reisenden vergrößern, die in diesen Einöden zwischen einem Himmel und einer Erde, die gleich unerbittlich sind, vor Durst umgekommen sind.

»Es ist also wahr, was man behauptet«, sagte der Senator zu Don Estévan, indem er sich den Schweiß abtrocknete, der von seinem Gesicht strömte, »daß Ihr schon einmal in diesem Land wart?«

»Wahrhaftig«, antwortete lächelnd Arechiza; »eben weil ich schon hier gewesen bin, habe ich das Verlangen gefühlt, noch einmal zu kommen. Aber welcher Umstand mich zurückgeführt hat, was der Zweck meiner Rückkehr ist, das ist das Geheimnis, das ich Euch später enthüllen werde; aber dieses Geheimnis ist eines von denen, die schwindlig machen, wenn derjenige, der es hört, nicht ein kühner Mann mit starkem Herzen ist. Würdet Ihr ein solcher sein, Herr Senator?« fügte der Spanier hinzu, indem er auf die Augen seines Reisegefährten einen ruhigen Blick heftete, dem aber die Kraft und die Kühnheit, die er von anderen zu fordern schien, eingeprägt waren.

Der Senator konnte einen leichten Schauder nicht unterdrücken. Die beiden Reiter ritten einige Minuten schweigend nebeneinander.

Die Verwirrung des Senators war dem Spanier nicht entgangen, der also wieder begann: »Unterdessen – bis ich Euch alles sagen kann, seid Ihr denn entschlossen, meinen Ratschlägen zu folgen und Euer Vermögen durch irgendeine reiche Heirat, die ich für Euch zustande bringen werde – wie ich versprochen habe –, wiederherzustellen?«

»Ohne Zweifel«, sagte der Mexikaner; »obgleich ich noch nicht das Interesse begreife, das Ihr dafür haben könnt.«

»Das geht nur mich an und ist noch mein Geheimnis. Ich bin keiner von denen, die die Haut des Bären verkaufen, wenn er noch lebt. Sobald ich Euch werde sagen können: ›Don Vicente Tragaduros y Despilfarro, ich habe hunderttausend Piaster Mitgift auf ein Wort von Euch zu Eurer Verfügung!‹, dann erst werde ich Euch meine Bedingungen diktieren, und Ihr werdet sie unterschreiben.«

»Ich sage nicht nein«, rief der Senator, »aber ich gestehe, daß ich vergebens in meinem Gedächtnis eine solche Erbin suche, wie Ihr sie zu finden hofft.«

»Kennt Ihr die Tochter des reichen Eigentümers der Hacienda del Venado, Don Agustin Peña, bei dem wir morgen abend übernachten werden?«

»Oh«, rief der Senator, »die muß wenigstens eine Mitgift von einer Million haben, wie man sagt; aber es wäre Torheit, darauf zu rechnen ...«

»Nun, nun«, erwiderte Don Estévan, »es ist eine Festung, die, gut belagert, ebenso wie eine andere kapitulieren würde.«

»Das Gerücht nennt die Tochter Peñas hübsch.«

»Ausgezeichnet!«

»Ihr kennt sie?«

»Vor kaum vierzehn Tagen erst habe ich die Ehre gehabt, ihre schöne weiße Hand zu küssen.«

Der Senator sah den Spanier mit erstaunter Miene an. »Ist vielleicht die Hacienda del Venado das Ziel Eurer periodischen und geheimnisvollen Reisen gewesen, von denen man in Arizpe sprach?«

»Ganz richtig.«

»Ach, jetzt begreife ich«, erwiderte der Senator mit schlauer Miene; »die schönen Augen der Tochter zogen Euch zum Vater!«

»Ihr seid auf falschem Weg; der Vater war ganz einfach nur der Bankier, aus dessen Kasse ich meine Vorräte an Quadrupeln wieder erneuerte, sobald sie erschöpft waren.«

»Ist das heute auch der Grund des Umwegs, den wir machen, um uns nach Tubac zu begeben?«

»Zum Teil!« erwiderte der Spanier. »Aber ich habe noch einen anderen Zweck, der sich auf den Gegenstand bezieht, von dem ich Euch später einmal unterhalten werde.«

»Ihr seid ein Geheimnis für mich vom Kopf bis zu den Füßen«, antwortete der Senator; »aber ich vertraue blindlings Eurem Stern.«

»Und Ihr tut gut daran; es wird vielleicht nur an Euch liegen, wenn nicht der Eure, einen Augenblick verdunkelt, seinen vollen Glanz wiedererhält.«

Die Sonne war ihrem Untergang nahe; die Reisenden waren nur noch zwei Meilen von der Poza entfernt, als sie die öden Ebenen, die wir beschrieben haben, hinter sich ließen. Einige Gummibäume zeigten sich mitten im Sand, der jetzt dem kalkigen Boden folgte; die Gegenstände fingen an, in dem Schatten, den die Abenddämmerung nach und nach über die Landschaft ausbreitete, weniger sichtbar zu werden.

Plötzlich hielt das Pferd Don Estévans an und spitzte die Ohren, wie es diese Tiere beim Anblick eines Gegenstands tun, der ihnen Schrecken einflößt. Das Pferd des Senators machte es ebenso, aber weder der Spanier noch der Senator sahen etwas.

»Es ist der Leichnam irgendeines toten Maultieres«, sagte der Mexikaner.

Die Reiter gaben ihren Tieren die Sporen und ließen sie trotz ihres Widerwillens vorgehen. Da bemerkten sie hinter einem Haufen Aloe den Körper eines Pferdes auf dem Sand liegen. Eine ähnliche Begegnung ist nicht ungewöhnlich in einem dürren Land, wo das Wasser sich während der trockenen Jahreszeit nur in weiten Entfernungen voneinander findet, und die Reisenden hätten dem keine Aufmerksamkeit geschenkt, wäre das Pferd nicht gesattelt und gezäumt gewesen. Dieser Umstand bewies sogleich irgendein außergewöhnliches Ereignis.

Cuchillo hatte die beiden Reisenden, die vor dem toten Pferd hielten, wieder eingeholt. »Ei«, sagte er, indem er es aufmerksam betrachtete, »der arme Teufel, der es ritt, hat sich in einer doppelten Verlegenheit befinden müssen, da er zugleich sein Pferd und seinen Wasserschlauch verloren hat.«

Wirklich hatte das Pferd so plötzlich fallen müssen – ohne Zweifel vom Durst wie vom Blitz getroffen –, daß sein Reiter nicht Zeit gehabt hatte, es aufzurichten. Dies war nach einem Schlauch zu urteilen, der noch am Sattelbug befestigt war und bei den Zuckungen des Pferdes zerrissen war. Das unter der Sonne schon zusammengeschrumpfte Leder ließ noch die Öffnung erkennen, durch die sich das Wasser, das darin war, bis auf den letzten Tropfen im Sand verloren hatte.

»Es wird vielleicht nicht lange dauern, und wir begegnen dem Reiter, der ebenso krank wie sein Pferd sein wird«, sagte Cuchillo, nachdem er den Leichnam des Tieres untersucht hatte. »Dabei erinnere ich mich, daß ich einen wütenden Durst habe«, fuhr er fort. Und er verschluckte mit philosophischem Gleichmut einen Mundvoll Wasser, das er bei sich hatte.

Die Spuren eines Mannes, auf dem Sand eingedrückt, bewiesen, daß der Reisende seinen Marsch zu Fuß fortgesetzt hatte; aber auch, daß die Kräfte ihm schon zu fehlen schienen, denn außer der ungleichen Entfernung zwischen jedem Schritt hatten auch die Eindrücke nicht die bestimmten, glatten Umrisse wie bei einem Reisenden, der gut zu Fuß ist.

Diese Anzeichen entgingen Cuchillo nicht, der zu den Leuten gehörte, in deren Augen gewisse stumme Zeichen untrügliche Offenbarungen sind. »Der Reisende kann ganz entschieden nicht weit sein«, sagte er. Er verschluckte noch einen Mundvoll Wasser.

Wirklich brachten einige Minuten Weges die Reisenden zu einem Mann, der unbeweglich am Rand der Straße lag. Ein breiter Strohhut bedeckte sein Antlitz ganz und gar, als ob er es den Augen der Vorübergehenden hätte verbergen wollen. Die Kleidung des unglücklichen Reisenden verriet seine Armut. Sein Anzug bestand außer dem Hut, der seine Züge verhüllte und vor Alter das Stroh sehen ließ, aus einer Indienneweste, deren Farben die Sonne ausgesogen hatte, und aus Calzoneras aus Nankin mit Drahtknöpfen, die in keinem besseren Zustand schienen als die Weste. Das war alles, was man in der Dunkelheit von ihm sehen konnte.

»Benito«, sagte der Spanier zu einem seiner Diener, »entfernt mit der Spitze Eurer Lanze den Hut, der das Gesicht dieses Mannes bedeckt; vielleicht ist er nur eingeschlafen.«

Der Diener vollbrachte den Befehl seines Herrn und nahm den Hut weg, ohne einen Fuß auf die Erde zu setzen; aber der Mann auf der Erde machte keine Bewegung. Was sein Gesicht betraf, so war es unmöglich, es zu unterscheiden – die Dunkelheit nahm schnell zu, wie gewöhnlich in tropischen Gegenden.

Don Estévan wandte sich darauf an Cuchillo und sagte: »Es ist zwar nicht Eure Lieblingsneigung, aber wenn Ihr eine Handlung der Menschlichkeit tun und versuchen wollt, diesen armen Teufel ins Leben zurückzurufen, so wird für Euch eine halbe Unze Gold bereit sein in dem Fall, daß Ihr ihn rettet.«

»Caspita! Don Estévan, Ihr täuscht Euch über meinen Charakter; ich bin der wohlwollendste Mensch, wenn – ich mein Interesse habe, es zu sein. Vorwärts! Ich müßte viel Unglück haben, wenn ich Euch nicht heute abend diesen Schelm da zu unserem Nachtlager an der Poza bringe.« Mit diesen Worten sprang Cuchillo vom Pferd, legte ihm die Hand auf den Hals und sagte: »Sachte, Tordillo; warte hier und rühre dich nicht!«

Das Pferd scharrte mit dem Huf den Boden, nagte am Gebiß, gehorchte aber der Stimme seines Herrn.

»Müssen wir einen unserer Leute bei Euch lassen?« fragte der Senator.

Cuchillo hatte nicht Lust, einen Gehilfen anzunehmen, der einen Teil der versprochenen Belohnung hätte beanspruchen können, und der Trupp entfernte sich. Cuchillo blieb allein. Nun näherte er sich dem Mann auf der Erde und neigte sich über ihn, um seine Züge zu mustern und zu sehen, ob noch einige Hoffnung sei, ihn zu retten.

Beim Anblick der Gesichtszüge des Sterbenden bebte der Bandit. »Ach«, rief er, »Tiburcio Arellanos!«

Es war wirklich der Adoptivsohn des Gambusinos, der als Cuchillos Opfer gefallen war, oder – um es genauer zu sagen – es war Fabian de Mediana, den er vor sich hatte.

»Ich irre nicht. Er ist es wahrhaftig! Wenn er nicht schon tot ist, so ist er wenigstens nicht viel besser dran«, sagte der Abenteurer leise, betroffen von der tödlichen Blässe, die das Antlitz des jungen Mannes bedeckte.

Ein teuflischer Gedanke fuhr durch seine Seele. Derjenige, der vielleicht mit ihm ein Geheimnis teilte, das er durch ein Verbrechen erkauft hatte, befand sich in seinen Händen, tief in einer Einöde, wo niemand ihn sehen konnte. Cuchillo brauchte ihm nur den Rest zu geben, wenn er noch nicht tot war, und zu sagen, daß er ihn nicht habe retten können. Wer wollte das Gegenteil beweisen? Sollte er jetzt nicht sein Geheimnis auf alle möglichen Fälle sichern? Alle natürliche Wildheit des Elenden war erwacht; Cuchillo zog sein Messer und legte mechanisch die Hand auf das Herz Tiburcios. Eine schwache Bewegung zeugte noch von Leben. Der Bandit hob den Arm – aber hielt inne.

Geradeso, dachte er, habe ich den getroffen, den dieser junge Mann Vater nannte. Ich habe ihn erwürgt in dem Augenblick, als er neben mir ohne Furcht, ohne Mißtrauen ruhte. Ich sehe ihn noch, wie er mir den Rest eines schon halb erloschen Lebens streitig machte. Ich fühle noch auf meinen Schultern das Gewicht seines Leichnams, als ich ihn in den Fluß warf. Und der Bandit blickte in der Dunkelheit und dem feierlichen Schweigen der Steppe fast furchtsam um sich.

Die Erinnerung an Arellanos rettete das Leben Tiburcios. Cuchillo setzte sich schweigend neben dem jungen, noch immer unbeweglichen Mann nieder, und seine Hand steckte mechanisch den Dolch wieder in die Scheide. Dann erhob sich eine Stimme in seinem Inneren und sprach viel lauter als sein Gewissen – es war die Stimme des Eigennutzes.

Da er die seltenen Eigenschaften Tiburcios – seine Geschicklichkeit als Rastreador und seinen zuweilen tollkühnen Mut – kannte, so glaubte Cuchillo, die finsteren Entschlüsse, die er gefaßt hatte, aufschieben zu müssen, und er beschloß – doch mit dem Vorsatz, ihn aufmerksam zu überwachen –, den jungen Mann unter die Befehle Don Estévans als einen Parteigänger zu stellen, dessen Wert man kennt. Wohlan, dachte er, wenn mein Vorteil mir später befiehlt, ihm dieses Leben wieder zu nehmen, das mir jetzt nützlich sein kann und das ich ihm schenke, dann wird er mir nichts mehr schuldig sein ... Nein, wahrhaftig – wir sind dann quitt!

Cuchillo rühmte, wie man sieht, nicht vergeblich die Empfindlichkeit seines Gewissens, und dank der Kraft dieses Beweises beschloß er, den nicht sterben zu lassen, den seine Vermittlung retten konnte und dessen Leben ihm außerdem bezahlt war.

Wie gut habe ich doch daran getan, Wasser in meinem Schlauch zu behalten! dachte Cuchillo. Er machte den Mund des Sterbenden halb auf und goß vorsichtig einige Tropfen hinein.

Diese Hilfe schien Tiburcio wiederzubeleben, der die Augen öffnete, aber sie fast sogleich wieder schloß.

»Das heißt, er will noch ein wenig«, sagte der mitleidige Cuchillo. Er wiederholte noch zweimal dieselbe Operation und verdoppelte jedesmal die Dosis.

Tiburcio stieß einen Seufzer aus.

Cuchillo neigte sich über den jungen Mann, der nun das Leben wiederzuerlangen schien, und betrachtete ihn, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken.

Endlich hatte sich Tiburcio, nachdem kaum eine halbe Stunde verflossen war, wieder erholt und war imstande, die Fragen dessen zu beantworten, der sich mit Nachdruck seinen Retter nannte. Tiburcio war noch sehr jung, aber das einsame Leben, das er geführt hatte, reift und entwickelt das Urteil sehr schnell. Mit kluger Zurückhaltung nur erzählte er den Tod seiner Pflegemutter, von dem Cuchillo schon wußte. »Seit vierundzwanzig Stunden«, fügte er hinzu, »die ich an ihrem Totenbett zugebracht habe, hatte ich mein Pferd gänzlich vergessen. Ich verschloß die Hütte, in die ich nicht wieder zurückkehren wollte, und machte mich auf den Weg mit den ersten Anfällen des Fiebers und ohne das arme Tier zu tränken. Seine Kräfte verließen es also auch beim zweiten Tagesmarsch; es stürzte tot nieder, zog mich mit zur Erde und zerriß den Schlauch, der in meinem Sattel hing. Erschöpft durch mehrere schlaflose Nächte, fiel ich wie das Pferd und hatte nur noch Kraft, mich aus dem Weg zu schleppen, um im Frieden zu sterben, ohne das Leben zu bedauern.«

Tiburcio hätte auch sagen können, daß seine Pflegemutter ihm ein königliches und schreckliches Vermächtnis hinterlassen hatte: die Rache an dem unbekannten Mörder Arellanos' und das Geheimnis des Val d'Or; aber er hätte auch hinzufügen müssen, daß die Witwe des Gambusino ihm sterbend nur unter der Bedingung das Geheimnis hinterlassen hatte, diesen Mörder sein ganzes Leben hindurch zu suchen. Er half dem Nachdenken Cuchillos nicht auf die Spur. Man kann sich denken, wie sehr ihm seine Zurückhaltung bei dieser Gelegenheit zustatten kam.

So wußte nun Tiburcio wie Cuchillo und wie Don Estévan das Dasein und die Örtlichkeit des Val d'Or ganz genau; das Geheimnis war also, wie man später sehen wird, von Arellanos nicht bewahrt worden. Aber war denn ein Mann ohne Stütze, ohne Hilfsquellen, dem nicht einmal ein Pferd blieb, um ihn zu tragen, ein gefährlicher Mitbewerber?

»So haben Euch denn«, sagte Cuchillo, der, die Knie bis zum Kinn heraufgezogen, auf dem Rand des Weges saß und mit dem Messer spielte, das im Knieband seines Stiefels steckte, »außer einer Bambushütte, die Ihr verlassen habt, einem Pferd, das zwischen Euren Schenkeln zusammengestürzt ist, und der Kleidung, die Ihr tragt, Arellanos und seine Witwe keine andere Erbschaft hinterlassen? ... Nichts als das Andenken an ihre Wohltaten und die Verehrung für ihren Namen? – Armer Arellanos; ich habe ihn sehr bedauert«, äußerte unklugerweise Cuchillo, den seine Heuchelei zur unrechten Zeit nicht hatte achtgeben lassen.

»Ihr habt ihn also gekannt?« rief Tiburcio. »Er hat niemals von Euch zu mir gesprochen.«

Cuchillo fühlte, daß er eben auf einen Abweg geraten sei; er beeilte sich zu antworten: »Ich habe viel von ihm reden hören als von einem sehr würdigen Mann und einem berühmten Gambusino ... und das ist wohl hinreichend, um ihn zu bedauern, denke ich. Bin ich es nicht außerdem, der Euch von seinem Tod unterrichtet hat, den ich zufällig erfahren hatte?«

Trotz des natürlichen Tons, mit dem Cuchillo diese Antwort gab, hatte er doch ein so verdächtiges Gesicht, und so viel Argwohn lastete auf seinem Haupt, daß Tiburcio einen mißtrauischen Blick auf ihn warf. Aber nach und nach schienen die Gedanken des jungen Mannes eine andere Richtung zu nehmen. Er saß einige Augenblicke in tiefe Gedanken versunken, die nur aus seiner zufälligen Schwäche entstanden waren, deren Ursprung Cuchillo aber – dessen Geist stets dem Verdacht zugänglich war – ganz anders ableitete.

»Ich weiß nicht, ob es nur eine Täuschung des Fiebers ist«, sagte Tiburcio, das Wort wieder ergreifend, »aber es schien mir in meiner Ohnmacht, während ich keine anderen Empfindungen hatte als die eines verzehrenden Feuers, in dem ich langsam verging, als ob ein süßes Antlitz sich über mich geneigt hätte; eine Stimme hat einige harmonische Worte in mein Ohr geflüstert; dann fühlte ich, daß eine wonnigliche Frische auf das Fieber folgte, das mich verbrannte, und seit diesem Augenblick empfand ich keine Schmerzen mehr. Ihr habt keine lebendige Kreatur in diesen Einöden bemerkt?« fragte zögernd der junge Mann, der noch fortzuträumen schien.

»Bah! Ist es weiter nichts?« fragte Cuchillo kühl.

»Ihr habt sie also gesehen?« rief Tiburcio lebhaft.

»Wen? Eine Frau? Ei, mein Gott, nein! Ihr habt sie eben nur zu sehen geglaubt! Was Ihr empfunden habt, ist nichts als der letzte Paroxismus des Todes vor Durst. Den Menschen, der so stirbt, überkommt im Delirium ein Gefühl, als ob er mit vollen Zügen trinke.«

Tiburcio schien nur mit Bedauern auf eine poetische Erklärung seiner Erscheinung zu verzichten, die sich fast immer in einem ähnlichen Fall wiederholt.

In diesem Augenblick begann das Pferd Cuchillos offenbare Zeichen des Schreckens von sich zu geben. Sein Haar sträubte sich, und es näherte sich seinem Herrn, als ob es bei ihm Schutz suchen wollte. Die Stunde nahte, wo die düstere Steppe sich mit nächtlicher Majestät kleidet. Schon heulten die Schakale von fern, als plötzlich ein rauher, rucksender Ton ihnen Stillschweigen gebot: die Stimme des amerikanischen Löwen.

»Horcht!« sagte Cuchillo.

Ein durchdringenderes Geheul erscholl von der anderen Seite.

»Es sind ein Puma und ein Jaguar, die sich den Leichnam Eures Pferdes streitig machen, Freund Tiburcio; und der Besiegte könnte wohl den Versuch machen, sich durch einen von uns zu entschädigen. Ich habe nur meine Büchse, und Ihr habt keine Waffen!«

»Ich habe meinen Dolch!«

»Das ist nicht genug. Steigt hinter mir auf mein Pferd, und machen wir, daß wir fortkommen.«

Tiburcio folgte dem Rat und verschob seinen Verdacht vor der gemeinsamen Gefahr; trotz der doppelten Last lief das Pferd Cuchillos blitzschnell davon, während das Knurren der beiden falben Bewohner der Steppe immer lauter und länger wurde.

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