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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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69 Der Engpaß

Von Zeit zu Zeit untersuchte der Kanadier mit Hilfe eines flammenden Zedernzweigs aufmerksam den Fluß hinter ihnen, während der Schein der Glut vorn das Wasser erleuchtete.

In diesem rötlichen Licht, mit dem der Fluß sich färbte, gewährte das Boot einen phantastischen Anblick. Die Indianer glichen Statuen aus rotglühender Bronze; seltsam sahen die drei weißen Jäger in einem Anzug aus, der auf dem Marsch durch die Steppe zerfetzt worden war, und auch das Ufer erschien fremdartig unter dem Widerschein des Feuers. Schwarze Schatten traten bald auf diesen Ufern hervor, bald verschwanden sie wieder in der Finsternis; es waren die gespenstischen Gestalten der Bäume, schweigende Zeugen vom Vorüberfahren der nächtlichen Schiffer. Die einen trugen Moosgirlanden, die sich im Wind schaukelten, die anderen waren von Lianen umschlungen. Das Wasser des Flusses trug in dem über seinen Lauf gebreiteten Lichtgürtel die Zweige und die untergegangenen Stämme mit sich fort, die in einem Feuermeer zu schwimmen schienen.

Es war die Stunde, wo alles in den Wäldern schläft; wo die wilden Tiere nach der nächtlichen Jagd ausruhen und die furchtsamen den Schlaf am Morgen noch nicht abgeschüttelt haben; wo der Nachtvogel – der erste Vogel, der die Morgenröte begrüßt – zum gewohnten Schlupfwinkel im hohlen Baum eilt. Das tiefe Schweigen der schlummernden Natur wurde also nur durch das eintönige Geräusch der Ruder gestört, die den dumpf rauschenden Fluß teilten.

Ein trauriges Ereignis erhöhte noch die Majestät dieser feierlichen Stunden. Der verwundete Komantsche war bis jetzt, auf dem Boden des Kanus ausgestreckt, regungslos liegengeblieben und fing jetzt an, von Zeit zu Zeit dumpf zu stöhnen, als ob die Seele die letzten Bande zerreißen wollte, die sie noch an den Körper fesselten.

»Wah-hi-ta hört die Stimme seiner Väter«, murmelte der Indianer und bewegte sich schwach auf dem Boden der Barke.

»Was sagen sie ihm?« fragte Rayon-Brûlant, indem er einen Augenblick zu rudern aufhörte.

»Seinen Todesgesang anzustimmen«, antwortete der Komantsche. »Aber Wah-hi-ta hat nicht mehr die Kraft dazu; dann rufen ihn diese Stimmen und sagen ihm, zu kommen.«

»Rayon-Brûlant wird für Wah-hi-ta singen«, sagte sanft der junge Häuptling, dessen Stimme doch so laut im Kampf erklang; »aber er wird singen, wie man auf dem Kriegspfad singt.«

Nun ließ er in leisem, verschleiertem Ton eine Art von klagendem Gesang vernehmen, den das Geräusch der Ruder taktmäßig begleitete. Dieser Todesgesang, in den alle Großtaten verwebt waren, die die Klugheit und die Kühnheit eines Kriegers der Prärien – sei es bei der Jagd auf Büffel oder auf wilde Tiere, sei es in den Wechselfällen des Krieges – bezeichnen, vergrößerte noch die traurige Harmonie der schweigenden Nacht.

Die weißen Jäger verstanden ihn nicht ganz; aber dieser Todesgesang weckte im Herzen des Kanadiers nicht weniger schwermütige Klänge. Würde Fabian wohl einen Freund finden, um so seine letzten Augenblicke zu versüßen? Mehr als einmal brachten diese bitteren Gedanken stille Tränen in Bois-Rosés Augen, und er wandte sich ab, um sie zu verbergen.

Während dieser Zeit verbreitete das Kanu über den Lauf des Flusses und über beide Ufer immer noch den rötlichen Schein seines Feuers, das jedoch weniger hell zu strahlen begann, und der Waldläufer vergaß wie Pepe die düsteren Gewässer hinter ihnen zu untersuchen.

Der Schein der Glut erlosch langsam, als der junge Häuptling zu singen aufhörte. Die Nacht versank wieder in ihr majestätisches Schweigen.

Es schien, als ob der Indianer nur auf diesen Augenblick gewartet hätte, um zu sterben. Eine letzte Zuckung bewies, daß das Leben ihn bald verlassen würde. »Wah-hi-ta ist zufrieden«, murmelte er abermals; »er hat durch den Mund eines Freundes auf die Stimme seiner Väter geantwortet. Er wird nicht mehr lange ein Hindernis für den Marsch seiner Brüder sein; Rayon-Brûlant wird dorthin« – der Indianer schien die Gegend seines Dorfes zu bezeichnen– »die Nachricht bringen, daß der Tod einen Krieger auf dem Kriegspfad gefunden hat.«

Nach diesen so leise gesprochenen Worten, daß man sie kaum verstehen konnte, starb der Indianer in den Armen des jungen Häuptlings. Das Kanu setzte seinen Lauf noch einige Augenblicke fort; dann, als man sich überzeugt hatte, daß der Lebenshauch wirklich von den Lippen Wah-hi-tas entflohen war, ließen die Ruderer das Fahrzeug an einem Ufer landen. Zwei Indianer stiegen mit der wollenen Decke des Toten an Land, und als sie mit schweren Steinen gefüllt und der Vorrat an trockenem Holz erneuert war, setzte das Kanu seine Fahrt fort. Der Mantel Wah-hi-tas wurde nun um seinen Körper gebunden, und die drei Indianer senkten den Toten in den Fluß, um ihn vor jeder Entweihung zu schützen.

Das wieder angefachte Feuer verbreitete einen lebhafteren Schein; der Lichtkreis wurde größer, öffnete sich, und der Körper versank langsam in einer leuchtenden Wasserfläche, die sich wieder über ihm schloß.

»Der Große Geist hat die Seele eines Tapferen zu sich genommen«, sagte Rayon-Brûlant; »seine Leiche ist vor den Beschimpfungen der Apachenhunde geschützt. Vorwärts!«

Das Kanu schoß unter dem Druck der Ruder rascher fort, verwischte in einer breiten Furche das Strudeln des Wassers über der Leiche, und das feuchte Grab Wah-hi-tas wurde wieder eben und schwarz wie einen Augenblick vor dem Moment, wo es ihn verschlang. Als noch einige Minuten verflossen waren, sagte Bois-Rosé zu dem jungen Häuptling: »Komantsche, reicht mir doch einen brennenden Zweig her; ich muß einmal sehen, ob meine Augen mich nicht täuschen. Es scheint mir, als ob mehr Bäume hinter uns schwimmen, als wir unterwegs angetroffen haben.«

Rayon-Brülant nahm einen Feuerbrand aus der Glut, den er dem Kanadier reichte, der sich umwandte, um einen Blick auf die Oberfläche des Stromes hinter dem Kanu zu werfen.

Ein plötzlicher Verdacht schien dem Waldläufer aufzusteigen. »Bei allen Heiligen der Legende!« rief er aus. »Es ist unmöglich, daß wir den Wald, der hinter uns schwimmt, durchschifft haben. Ich sage euch, daß nur indianische Hände den Lauf des Flusses so haben versperren können. Diese Bäume haben sich niemals vor unserem Kanu befunden!«

In der Tat schien in einiger Entfernung hinter dem Fahrzeug die Wasserfläche buchstäblich von schwimmenden Zweigen und Bäumen zu starren, deren schwärzliche Stämme von den Flammen erleuchtet wurden.

»Das ist sonderbar!« sagte Gayferos.

»Nein, es hat nichts Sonderbares für einen Mann, der alle Listen der Indianer kennt«, antwortete Bois-Rosé; »fragt nur Pepe.«

Pepe untersuchte ebenfalls den Lauf des Red River hinter ihrem Kanu, und er hielt es wie Bois-Rosé für schlechterdings unmöglich, daß ihr gebrechliches Fahrzeug, ohne zerschmettert zu werden, durch diese schwimmende Masse von Baumstämmen und Zweigen glücklich hindurchgekommen sein könnte. »Ich bin deiner Ansicht«, sagte der Spanier; »die Hände dieser Schelme haben alle abgestorbenen Bäume, die sie an den Ufern gefunden haben, in den Strom geworfen. Gewiß haben diese Bäume uns in der Zeit, wo wir an Land gestiegen sind, auf dem Fluß treibend erreicht. Das würde beweisen, daß die roten Teufel – ohne Euch damit beleidigen zu wollen, Komantsche – die Absicht haben, uns stromabwärts anzugreifen und uns zugleich den Rückzug stromauf abzuschneiden.« Pepes Meinung war nur zu wahrscheinlich und fand weder bei Bois-Rosé noch bei dem jungen Komantschen Widerspruch. Es schien gewiß, daß die Indianer vorausgeeilt waren, um sich im Wald vor dem Boot in einen Hinterhalt zu legen, und daß somit der Weg zu Lande weniger gefährlich war als der zu Wasser. Die drei Verbündeten beschlossen also, ihre Schiffahrt eine Zeitlang auszusetzen und einen weiten Umweg durch den Wald zu machen, um den Angriff zu vermeiden, von dem sie bedroht waren, wenn sie dem Lauf des Red River weiter folgten.

Der lederne Nachen wurde also abermals aus dem Wasser gezogen und in das größte Dickicht getragen, wo er unter den niederen Zweigen der Bäume mit aller bei den Indianern gebräuchlichen Vorsicht sorgfältig versteckt wurde. Die Reisenden nahmen nur soviel Munition und Mundvorrat heraus, als jeder ohne Beschwerde tragen konnte; das übrige wurde dem verschwiegenen Schutz des dichten Buschwerkes überlassen.

»Da Ihr diese Einöden schon durchstreift habt«, sagte der Kanadier zu Rayon-Brülant, »so werdet Ihr unser Führer sein; Euer Kopf ist noch jung, aber er hat die ganze Erfahrung eines Mannes, dessen Haar auf dem Kriegspfad grau geworden ist, und wir verlassen uns gänzlich auf Euch.«

»In einer Entfernung von hier, die ein Elentier durchlaufen könnte, ohne Atem zu schöpfen, werden wir eine von beiden Ufern so eingeengte Stelle finden, daß der Fluß unter einem Gewölbe hinzuströmen scheint. Wenn die Indianer uns irgendwo erwarten, so ist es an dem Engpaß.«

Nachdem der Komantsche sich einen Augenblick orientiert hatte, ging er mit festem Schritt voraus, gefolgt von den beiden Kriegern seines Stammes und von den drei Weißen.

Die schräg durch die Bäume fallenden Strahlen des Mondes erleuchteten den Wald hinreichend, um so schnell zu marschieren, als es die Klugheit gestattete. Es war in der Tat notwendig, zu wiederholten Malen haltzumachen und mit Auge und Ohr das Schweigen des tiefen Waldes, in dem indianische Spione liegen konnten, zu befragen. Erst nach solchem Aufenthalt nahm die kleine Schar ihren unterbrochenen Marsch wieder auf.

Zuweilen nötigten auch undurchdringliche Gebüsche, wo die Schmarotzermoose der Zedern und die langen Ranken des wilden Weins sich kräftig um die Zweige und Baumstämme geschlungen hatten, die Flüchtlinge zu weiten Umwegen; nach diesen Umwegen mußte man sich erst wieder orientieren, um sich nicht zu weit vom Lauf des Flusses zu entfernen. Ungefähr nach Verlauf einer Stunde, in der die Flüchtlinge wegen all dieser Hindernisse noch nicht weit gekommen waren, fühlte man an einigen frischen Windstößen, die dann und wann durch die Bäume fuhren, daß der Fluß nicht mehr weit von ihnen war. Bald konnte man, aufmerksam horchend, das durch die Nähe der beiden Ufer vermehrte Rauschen seiner Gewässer vernehmen.

Nun ließ der Indianer seine kleine Schar in gerader Linie marschieren, während er Sorge trug, seine Wange dann und wann dem feuchten Lufthauch, sein Ohr dem Rauschen der Gewässer darzubieten, um nicht von der Richtung, die er eingeschlagen hatte, abzuweichen. Als der junge Komantsche einige Zeit so vorwärts marschiert war, hörte er auf, das Moos der Bäume und den frischen Hauch des Flusses zu befragen, um mitten in den großen weißen Lichtflecken, die der Mond auf das Gras und das trockene Laub am Boden fallen ließ, nach Spuren zu suchen.

Die drei Jäger marschierten, wenn der Führer seinen Marsch wiederaufnahm, blieben stehen, wenn er anhielt, und folgten schweigend allen seinen Bewegungen. Besonders der Kanadier betrachtete mit schwermütigem Vergnügen diesen jungen Krieger, dessen Alter und Wuchs ihn an Fabian erinnerten, wie er bald aufrecht dahinschritt, bald sich auf den Boden bückte und abwechselnd den Instinkt des Tieres und die hohe Einsicht des menschlichen Urteils zu Hilfe rief, um die zahllosen Geheimnisse des stummen Waldes zu durchdringen.

»Dieser junge Mann wird eines Tages ein mächtiger Häuptling in seinem Stamm sein«, flüsterte Bois-Rosé Pepe ins Ohr. »Sieh nur, er ist auf dem ›blutigen Pfad‹, und doch vermöchte nichts seinen ruhigen Blick oder sein klares Urteil zu trüben. Nun, Rayon-Brülant«, fuhr der Kanadier fort, sich an den Komantschen wendend, »findet Ihr die Spuren, die Ihr sucht?« »Seht«, antwortete Rayon-Brülant und zeigte auf einige trockene, in den Strahlen des Mondes glänzende Blätter, »meine Krieger sind hier vorbeigekommen; vielleicht sind sie nicht mehr weit von uns. Dieser Fuß hat seine Spur zurückgelassen, als der Tau der Nacht den Boden schon erweicht hatte.« »Und wer sagt Euch, daß dies die Spur eines Eurer Krieger ist?«

»Wenn der Adler sich bückt, so wird er sehen, daß an dieser Spur die große Zehe fehlt.« »Er hat wahrhaftig recht«, sagte Pepe, sich bückend, »und ich schäme mich, es nicht früher gesehen zu haben.«

Noch andere Spuren wurden nach einigen Augenblicken entdeckt und bestätigten abermals die Ansicht des Komantschen. Bald ließ dieser seine kleine Schar haltmachen und entfernte sich mit seinen Gefährten, indem er die weißen Jäger bat, sie zu erwarten, während sie weiterhin eine letzte Rekognoszierung vornehmen würden. Die Indianer verschwanden bald hinter den Bäumen; sie traten so leicht und vorsichtig auf, daß auch nicht ein Rauschen des Laubs – selbst unhörbar wie dasjenige, das der Leguan vernehmen läßt, wenn er im Mondschein auf dem Moos spielt –, nicht ein Krachen des Gesträuchs sich in die Seufzer der Nachtluft mischte.

Die drei Jäger warteten mitten im tiefsten Schweigen auf die Rückkehr ihrer Verbündeten. Bois-Rosé lehnte sich an den benachbarten Stamm einer Buche; sein Herz war voll schwermütiger Gedanken, und er hütete sich wohl, die Ruhe zu stören, die so sehr zu seiner Traurigkeit stimmte. Ein Mondstrahl fiel auf sein Gesicht und ließ auf seinen rauhen Zügen die Spuren der Sorgen erblicken, die seit dem Verlust Fabians an ihm genagt hatten. Der Kanadier dachte besorgt an alle unheilbringenden Zufälle, die sich unter seinen Schritten zu vervielfachen schienen.

Der spanische Jäger näherte sich ihm und sagte mit einer Stimme gleich dem schwachen Lufthauch, von dem das Laub der Bäume sich bewegte: »Main-Rouge und Sang-Mêlé müssen sich sehr in acht nehmen, denn dieser junge, kühne Komantsche ist ein furchtbarer Feind, der – ich wage es zu sagen – ihnen viel zu schaffen machen wird, auch wenn er nicht zwei Jäger zu Verbündeten hätte, deren Erfahrung und Mut auch nicht zu verachten sind. Du wirst mir darauf entgegnen, daß die beiden fraglichen Jäger schon zweimal diesen verdammten Piraten der Steppe unterlegen sind, aber wahrlich ...«

»Das werde ich dir nicht entgegnen, Pepe; das Glück der Waffen ist veränderlich; und wie schrecklich auch die beiden Männer sein mögen, die du bezeichnest, so werde ich mich doch niemals fürchten, mich von neuem mit ihnen zu messen. Wenn wir an dem Mestizen nur persönliche Rache zu nehmen hätten, so daß es bei der Verfallzeit nicht auf eine Stunde ankäme, so würdest du sehen, wie ich ihre Spur ganze Monate hindurch folgte, ohne zu ermüden; aber die Tage Fabians ... Was sage ich? Seine Tage? – seine Minuten sind gezählt, und ich fürchte zu spät zu kommen. Dieser Gedanke ist schrecklich, mein armer Pepe.«

»Wir werden ebenso schnell bei der Red Fork sein wie diese Schelme von Indianern ... Aber der Tag will anbrechen; ich höre dort unten die Eule, die die Morgendämmerung ankündet.«

Das traurige, ferne »Hu! Hu!« des Nachtvogels klang in der Tat durch den Wald und schlug an das Ohr der Jäger.

»Da sind noch andere, die weiter entfernt darauf antworten; es scheint sich ein ganzer Schwarm auf dieser Seite zu befinden.«

»Es können auch Erkennungszeichen sein«, antwortete der Kanadier, der sich daran gewöhnt hatte, in allen Stimmen der Einöde die wahre Bedeutung, die sie haben können, zu lesen.

Die Eulen haben ein wenig die Natur der Adler: sie leben selten in Gemeinschaft. Nichts gab indes eine Andeutung darüber, daß die Nachtvögel nicht einander antworteten, wie es die Hähne einer Meierei mit denen einer anderen machen, und daß dieses melancholische Geschrei ein Signal sein könnte. In allen Fällen deutete es die Vereinigung ihrer Freunde oder ihrer Feinde an.

Ein Büchsenschuß, so weit entfernt wie das Geschrei der Eulen, ließ die Jäger erbeben, ohne jedoch ihre Zweifel aufzuklären.

»Ich kenne den Ton dieser Büchse nicht«, sagte Bois-Rosé; »in jedem Fall ist der Feind da. Möge es nun die Büchse des Komantschen oder eines Apachen sein – es liegt wenig daran; wir dürfen nicht einem zweifachen Entschluß folgen.«

Nach diesen Worten schritt der Kanadier, von seinen beiden Gefährten begleitet, rasch in der Richtung vorwärts, wo der Schuß sich hatte hören lassen. Sie waren kaum einige Minuten marschiert, als sie nach und nach zwölf andere Schüsse zählten, die bewiesen, daß hier ein mörderischer Kampf stattfand.

»Sachte, Pepe«, sagte Bois-Rosé, »es ist dringend notwendig, daß unsere drei Verbündeten, wenn sie sich etwa zu uns zurückziehen sollten, uns nicht verfehlen. Wir haben keinen Erkennungsruf mit dem Komantschen; das ist ein großer Fehler, den wir soviel wie möglich wiedergutmachen müssen. Wir wollen also nicht in einer indianischen Linie hintereinander gehen, sondern nebeneinander, und zwar weit genug, um unsere Linie auszudehnen und uns doch gegenseitig beistehen zu können.«

Die Jäger folgten der Ansicht Bois-Rosés und entfernten sich alle drei so voneinander, daß sie eine hundertfünfzig Schritt lange Linie bildeten, die ihre Verbündeten überschreiten mußten, wenn sie ihren Versammlungsort wieder erreichen wollten. Sie gingen im raschen, gleichmäßigen Schritt auf den Ort zu, wo sich noch andere Schüsse hören ließen. Gayferos bildete das Zentrum, während Bois-Rosé den linken, Pepe den rechten Flügel einnahm. Um nicht Gefahr zu laufen, sich voneinander zu weit zu entfernen, ließen Pepe und Bois-Rosé von Zeit zu Zeit ihren Erkennungsruf, das Geheul eines Schakals, ertönen, das sie gewöhnlich im Wald anwandten, wo sich diese Tiere in großer Anzahl finden.

Es ist unter den Indianern und den weißen Jägern Sitte, ihre Signale, um keinen Verdacht zu erregen, nach dem Geschrei der Vögel oder der Tiere zu wechseln, die am häufigsten die verschiedenen Gegenden besuchen, wo sie sich gerade befinden. Der zwischen den beiden Waldläufern aufgestellte Gambusino mußte sonach stets eine parallele Richtung einschlagen.

Bois-Rosé war der erste, der auf seiner linken Wange den frischen Hauch der Stromluft fühlte. Einige Schritte weiter bemerkte er durch das Dickicht die Wasserfläche, die schwarz und schweigend die in ihr Bett geworfenen Bäume davontrug. Er schloß daraus, daß der Kampf auf dem Fluß selbst oder wenigstens auf seinen Ufern stattfände. Ein abermaliger plötzlicher Schuß, dessen Widerschein er eine Sekunde auf der Oberfläche des Stromes bemerken konnte, bestärkte den Waldläufer in seinen Voraussetzungen.

Nun eilte er vorwärts, ohne von der mit dem Fluß parallel laufenden Linie abzuweichen. Ein Kriegsgeheul, das vor ihm erscholl und das er für das des jungen Komantschen zu erkennen glaubte, bewog den Kanadier, den Grenzjäger und Gayferos herbeizurufen, um zu dritt Rayon-Brûlant zu Hilfe zu eilen, dessen Stellung ihm jetzt genau bekannt war.

Ein dreimaliges Bellen, als ob es von einem erschreckten Schakal herrühre, war das im voraus verabredete Zeichen zur Vereinigung. Bois-Rosé stieß den ersten Schrei aus, den der Spanier, sich nähernd, beantwortete. Dann stieß er den zweiten Schrei aus, den die Stimme Pepes ein wenig näher bei ihm wiederholte.

Der Kanadier konnte den dritten Ruf nicht beenden. Kaum hatte er ihn begonnen, so erstarb er in seiner Kehle. Zwei kräftige Hände preßten seine Gurgel zusammen, während mitten in einer Gruppe von schwarzen Körpern, die aus der Erde emporzusteigen schienen, funkelnde Messer vor seinen Augen blitzten. Eine augenblickliche, durch eine so plötzliche Überraschung hervorgerufene Schwäche, und es war um Bois-Rosé geschehen; der unerschrockene Waldläufer jedoch konnte wohl einen Augenblick überrascht sein, aber nicht erschrecken. Mit einem kräftigen Sprung rückwärts zog er den Indianer mit sich fort, dessen beide Hände ihn zu erdrosseln suchten.

Mit der linken Hand seine Büchse weit von sich haltend, mit der Rechten nun ebenfalls die Gurgel seines Feindes zusammenschnüren und ihn unter dem unwiderstehlichen Druck seiner Eisenfinger leblos zu seinen Füßen niederstrecken, war für den Riesen die Sache eines Augenblicks. Bois-Rosé schöpfte Atem und rief mit seiner donnernden Stimme, Atem und Rede zugleich wiedererhaltend: »Zu Hilfe! Pepe!«

Zugleich schmetterte der schwere Kolben seines Gewehrs auf den Kopf eines zweiten Feindes nieder, der zu Boden stürzte, um nicht wieder aufzustehen; die von einem ungestümen Anlauf zerknickten Gebüsche öffneten sich neben ihm, und der Spanier trat hervor.

»Der Hund wird nicht mehr bellen!« sagte Pepe, als er dem Indianer, den Bois-Rosés Schlag eben zu Boden gestreckt hatte, die Gurgel abschnitt.

»Gottes Tod! Du verlierst deine Zeit!« rief der Kanadier. »Bin ich etwa gewohnt, zu treffen, ohne zu töten?«

Bei diesen Worten legte er auf einen der flüchtigen Indianer an; Pepe machte es ebenso. Die beiden Schüsse fielen zu gleicher Zeit, aber ohne Erfolg; die Apachen waren eben hinter dem Dickicht verschwunden. Als die beiden in ihrer Erwartung getäuschten Jäger ihnen auf gut Glück nachstürzten, sprangen drei schwarze Körper ins Wasser und verschwanden hinter den im Strom schwimmenden Baumstämmen.

»Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie sich dort wieder herauswickeln«, sagte Pepe, sich tröstend.

»Vorwärts! Dorthin!« rief der Kanadier, als Gayferos zu ihnen stieß und eine Gruppe indianischer Reiter auf dem entgegengesetzten Ufer stromauf galoppierte. »Dort unten bedarf man unser!«

Einige Schüsse ließen sich immer noch hören, aber mit einem Kriegsgeschrei vermischt, von dem sie fast übertönt wurden.

»Hörst du den Schlachtruf dieses unerschrockenen jungen Mannes?«

»Ja«, erwiderte Pepe. »Wir wollen unseren ebenfalls ausstoßen, damit er sieht, daß wir ihm helfen.«

Der Kanadier und Pepe stießen nun ebenfalls ihr Schlachtgeheul aus; dann warfen sie wie die Helden der Vorzeit ihre Namen in das Getümmel des Kampfes.

»Der Adler des Gebirges!« rief Bois-Rosé mit Donnerstimme. »Der Spötter!« heulte Pepe ohrenbetäubend, in spöttischer Nachahmung des Vogels, dessen Namen er wegen seiner beißenden Zunge erhalten hatte.

Gayferos allein ließ sein Kriegsgeheul und seinen schrecklichen Namen »der blutige Schädel« nicht widerhallen; der arme Gambusino vernahm bestürzt dieses Geheul, das ihn an den Verlust seines Skalps und an die schreckliche Angst erinnerte, die er einst ausgestanden hatte. Erst allmählich gewöhnt man sich an das Feuer dieser Kämpfe Mann gegen Mann.

Andere Stimmen wiederholten nach ihnen die Namen des Adlers und des Spötters, während die drei Krieger um eine Biegung des Flusses gingen. Dort wurden sie von einem neuen Schauspiel überrascht. Der Fluß war an dieser Stelle zwischen zwei Ufern eingeengt, die sich nach und nach etwa vierzig Fuß über seine Oberfläche und kaum sechs Fuß voneinander entfernt erhoben. Die Neigung dieser beiden steilen Ufer nach ihrem Gipfel hin schien anzudeuten, daß sie einst miteinander verbunden waren und daß nur ein Erdbeben das Gewölbe geöffnet hatte, unter dem der Fluß wie durch einen unterirdischen Kanal hinströmen sollte.

Das war der Engpaß. Der Mond beschien lebhaft den Gipfel der beiden abschüssigen Ufer, und die Neuangekommenen konnten sehen, was sich oben auf diesem Bogen zutrug, der auseinandergerissen war, als ob ein Schlußstein des Gewölbes vergessen sei. Was sich jetzt unter den Augen der beiden Jäger zutrug, ging so schnell vor sich, daß sie eben nur mit den Blicken daran teilnehmen konnten. Auf jeder Seite des zerrissenen Bogens suchte ein Krieger den Raum zu überspringen, der beide voneinander trennte.

»Halt! Halt! Komantsche!« rief der Kanadier, der ebenso wie Pepe seine Büchse wieder lud, was bei der Schnelligkeit ihres Laufes nicht hatte geschehen können. »Überlaßt es mir! Hier bin ich!«

Rayon-Brûlant – denn er war einer von den beiden Kriegern – blieb bei dem Zuruf seines Verbündeten einen Augenblick stehen. Dieser Augenblick war genug für den anderen Indianer, der mit dem Ausruf: »Die Antilope kann weiter springen!« mit einem Satz über den Abgrund flog, der ihn von Rayon-Brûlant trennte, und auf den Körper seines Feindes niederfiel, ihn fest umklammernd.

Bois-Rosé war im Begriff, Feuer zu geben; aber in diesem Kampf Leib an Leib konnte man unmöglich daran denken, den Apachen aufs Korn zu nehmen, und die drei Jäger konnten nur stumme, bange Zuschauer der Anstrengungen sein, die die beiden Krieger machten, um einander in den Fluß zu stürzen. Dieser Kampf dauerte nicht lange und endete rasch so, wie er ablaufen mußte: nämlich mit dem Sturz beider Kämpfer.

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