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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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68 Zwischen zwei Feuern

Die Stelle, wohin die Indianer sich zu bewegen schienen, um das Kanu beim Vorüberfahren zu erwarten, war mit Gruppen von Weiden und Eschen besät, unter denen sie Gelegenheit finden mußten, die Schiffer ohne Gefahr für sich selbst anzugreifen. Es war also wichtig, diesen Posten vor den Apachen zu erreichen, oder – wenn diese sich zuerst festsetzten – sich gar nicht in diesen gefährlichen Strich zu wagen. Zwei Komantschen hatten den Kanadier und Rayon-Brûlant abgelöst, die ebenso wie Gayferos und Pepe mit der Büchse in der Hand die Ruderer beschützten.

Die Apachen hatten einen ungeheuren Halbkreis zurückzulegen, wo sie sich auf allen Punkten beinahe außer dem Bereich der Kugeln befanden. Das Kanu hatte sozusagen nur eine gerade Linie – die Sehne dieses Bogens – zu beschreiben.

»Wenn ich sage, daß diese Indianer auf den Flügeln des Windes in die Prärien getragen zu sein scheinen, wie ich es auf meinen Wanderungen an der Küste von Afrika vom Samum und den Heuschrecken gehört habe – sag, hätte ich da unrecht?« fragte der Kanadier.

»Wenn ich mich nicht irre«, antwortete der Spanier, »so dürfen wir – obgleich ich nicht leugne, daß diese Schelme wie die Plagen Ägyptens sind – uns nicht wundern, diese hier auf unseren Spuren zu sehen. Sieh doch einmal jene Schecke, deren Farbe man trotz der Dunkelheit unterscheiden kann und die reiterlos umherspringt – kommt es dir nicht so vor, als ob du sie schon einmal um die Insel des Rio Gila hättest galoppieren sehen?«

»Ich habe einen schrecklichen Grund, um mich dessen zu erinnern«, fügte Gayferos hinzu. »Der Indianer, der zuerst seinen Lasso um meinen Leib geworfen und mich von meinem Pferd gerissen hat, ritt genau auf einem solchen Tier wie diesem hier.«

»Und jener andere Krieger«, fügte der Grenzjäger hinzu; »sollte man nicht beim Anblick der Büffelmähne, mit der sein Kopf geschmückt zu sein scheint, darauf schwören, es sei der Indianer, den wir als Schildwache am Ufer des Flusses sahen, als unsere schwimmende Insel langsam stromab fuhr? Ah, das ist ein Umstand in unserem abenteuerlichen Leben, dessen ich mich noch lange erinnern werde. Nach meiner Ansicht kann man hundert gegen eins wetten, daß diese Schelme dieselben sind, die uns belagert haben, und daß sie unsere Spuren an dem Ort entdeckt haben müssen, wo wir an Land gestiegen sind, um das Val d'Or zu erreichen.«

»Ich sage nicht nein«, erwiderte Bois-Rosé seufzend, denn die zuletzt vom Gambusino wie vom Spanier erwähnten Umstände erinnerten ihn noch bitterer an den Verlust Fabians.

Dreiviertel der Entfernung bis zu den Baumgruppen waren beinahe zurückgelegt. Hätten die neuen Waffen der drei Weißen eine hinreichend gute Tragweite gehabt, so wäre es möglich gewesen, einen oder zwei Reiter in der Ebene aus dem Sattel zu werfen. Obgleich das Kanu kräftig unter dem Druck der Ruder vorwärts getrieben wurde, so glitt es doch stetig genug auf dem Fluß dahin, daß die Hand eines Schützen nicht durch Schwanken unsicher gemacht wurde.

»Laßt Eure beiden Krieger das Boot nicht mit so starken Stößen rudern!« sagte Bois-Rosé zum jungen Komantschen.

Nun streckten der Kanadier und der Spanier ihren für die Indianer so verderblichen Arm aus und gaben Feuer. »Das sind zwei, die niemandes Spuren mehr folgen werden; ich stehe dafür, daß sie keine bösen Absichten mehr gegen uns haben«, sagte der Kanadier.

»Vielleicht sind sie nur verwundet?« sagte Gayferos, der zu seiner großen Freude und zu seiner größten Verwunderung sah, daß man Feinde in solcher Entfernung und besonders des Nachts treffen könne.

»Ich bezweifle es«, antwortete Bois-Rosé; »aber jedenfalls sind sie außerstande, uns zu schaden. Aber«, fügte er ärgerlich hinzu, »wir können die Überlebenden nicht hindern, sich vor uns unter dem Baumdickicht festzusetzen. Genug!« fuhr er fort, indem er ein Zeichen mit der Hand gab, nicht mehr zu rudern.

Die letzten indianischen Reiter waren in dem Wäldchen verschwunden; jedoch nicht, ohne daß die Büchse des Komantschen, die vor aller Ohren knallte, noch einen dritten zu Boden gestreckt hätte.

Kaum waren einige Minuten verflossen, als eine Salve auf das Kanu abgegeben wurde. Glücklicherweise tat sie weiter keinen Schaden, als daß einem Ruderer der Arm von einer Kugel durchbohrt wurde und eine andere Kugel durch die Seite des Fahrzeugs über der Wasserlinie hindurchfuhr. Der Komantsche bewegte mit seinem gesunden Arm den getroffenen hin und her – der Knochen war nicht zerschmettert, nur das Fleisch war ringsum zerrissen.

Der Kanadier ergriff an seiner Stelle das Ruder und steuerte das Kanu stromaufwärts nach einer kleinen Bucht, die mehr von einem dichten Schilfgürtel als von der Bodenerhöhung gedeckt wurde, von der sie gebildet war. Es war dies jedoch der beste Zufluchtsort in der Nähe. Die Reisenden konnten sich im ersten Augenblick nach ihrem Rückzug nicht verhehlen, daß sie, um die Indianer aus ihrer vorteilhaften Stellung, von wo sie den Fluß beherrschten, zu vertreiben, oder um die Durchfahrt zu erzwingen, der Gefahr ausgesetzt waren, kostbare Zeit zu verlieren oder ihr Leben zu wagen.

Man mußte sich also zur Vermeidung dieser beiden Möglichkeiten entschließen, wenn nicht das Kanu aufzugeben – das heißt auf ein kostbares Hilfsmittel für eine rasche und nicht ermüdende Reise zu verzichten –, es wenigstens auf den Schultern weit über den Ort hinauszutragen, der von ihren Gegnern besetzt war.

Sie hatten kaum angefangen, das Fahrzeug vorsichtig auf das Ufer zu ziehen, als vom Gipfel der Bäume aus, unter die sich die Indianer zurückgezogen hatten, ein lebhaftes Feuer rings um sie den Fluß und seine Ufer erhellte; im selben Augenblick fuhren einige Kugeln in geringer Entfernung vom Boot durch das Schilf. Es war ohne Zweifel ein Feuerzeichen, das die Indianer irgendeiner anderen, entfernten Abteilung gaben.

Die Bündel trockenen Grases aus der Ebene verbreiteten nur ein vorübergehendes, glänzendes Licht. Nichtsdestoweniger traten doch einen Augenblick lang der gigantische Schattenriß des Kanadiers und der ziemlich kenntliche des spanischen Jägers mitten in dem rötlichen Schein klar hervor, der sich über eine ziemlich weite Strecke verbreitet hatte. Plötzlich zeigten die Rufe: »Der Adler der Schneegebirge! Der Spottvogel! Der blutige Schädel!« – drei Namen, womit die Indianer den Kanadier, den ehemaligen Grenzjäger und den skalpierten Gambusino bezeichneten – den drei weißen Jägern, daß sie erkannt worden waren.

»Warum nennt sich der große Jäger mit dem bleichen Gesicht Adler«, rief eine spöttische Stimme, »da er doch seine Spur von den Nebelbergen und den Ufern des Rio Gila bis zu denen des Red River nicht hat verbergen können?«

»Antworte ihnen nicht, Pepe!« sagte der Kanadier.

»Ein Zungenkampf ist gut, wenn man Zeit zu verlieren hat, wie es damals auf der Insel der Fall war; hier müssen wir handeln! Der übrige Teil der Bande befindet sich ohne Zweifel hinter diesen Baumgruppen. Auf, Rayon-Brûlant! Liefert Euch Euer indianischer Scharfsinn keine Kriegslist, um uns hier herauszuziehen?«

»Wozu ist List nötig?« erwiderte der Komantsche.

»Was können wir Besseres und Einfacheres tun, als das Kanu auf unseren Schultern zwei Büchsenschüsse weit von dieser kleinen Bucht zu tragen?«

Schon hatten die drei Krieger des jungen Häuptlings das leichte Fahrzeug auf ihren Schultern und schlugen auf dem linken Ufer die Richtung nach der Ebene ein, als einer von ihnen einen dumpfen Ruf ausstieß.

Obgleich der Mond, der erst in der letzten Stunde der Nacht aufging, noch nicht leuchtete, so verbreiteten doch die Sterne am Himmel und die glänzenden Strahlen der Milchstraße Licht genug, daß man eine andere Abteilung Indianer – etwa zwanzig an der Zahl – unterscheiden konnte. Drei oder vier waren zu Pferd, aber sie richteten ihren Marsch nach dem ihrer Gefährten zu Fuß. Man durfte nicht mehr länger zögern.

»Die Büchse Rayon-Brûlants«, sagte Bois-Rosé, »ist nicht so sicher in seiner Hand wie die meinige und die Pepes, obgleich sein Herz so stark ist; der junge Häuptling und Gayferos werden die Hilfe ihrer Arme leihen, um das Kanu so rasch, als ihre Füße es vermögen, fortzutragen. Mein Gefährte und ich werden sie, solange sie entwaffnet sind, beschützen.«

»Gut«, sagte der Indianer; »ein Krieger ist nicht allein dadurch nützlich, daß er sich am Kampf beteiligt.«

Nach dieser kurzen, zustimmenden Erwiderung richteten sich der junge Komantsche und Gayferos nach dem Befehl des Kanadiers. Dieser letztere trat auf die eine Seite der Träger, Pepe auf die andere, und die ganze Schar stürzte im Sturmschritt durch die Ebene.

Nichts in der Haltung der Neuangekommenen deutete daraufhin, daß die kleine Schar von ihnen bei ihrer Bewegung bemerkt worden sei; dies war aber nicht der Fall bei den hinter den Weiden im Hinterhalt liegenden Indianern. Diese stießen ein wütendes Geheul aus. »Wenn ich doch nur das Auge eines solchen Heulers unterscheiden könnte!« sagte Pepe, der zwischen dem Fluß und den Trägern des Kanus ging.

»Überwache lieber die zu deiner Linken!« erwiderte der Kanadier. »Ah, diese hier haben uns ebenfalls bemerkt. Hörst du ihr Geheul? Aber daß ja keiner von ihnen sich in den Bereich meiner Büchse wage – Gottes Tod! Siehst du, Pepe, man mag sagen, was man will die Infanterie ist der Kavallerie im Krieg in den Prärien wie in denen der zivilisierten Länder vorzuziehen. Ehe einer von diesen Reitern – sofern er nicht aufs Geratewohl auf uns schießen will – sein Pferd so weit gebracht hat, um mit einiger Aussicht auf Erfolg zu zielen ... werde ich ... stehengeblieben sein ...«

Bei diesen Worten unterbrach Bois-Rosé seinen Marsch und schien im Boden zu wurzeln.

»Ja, ich weiß, was er sagen will«, murmelte Pepe, indem er seinen elastischen Schritt an der Seite der mit dem Kanu beladenen Indianer fortsetzte. »Ich werde stehengeblieben sein ..., ich werde gezielt haben ... und ...«

Der Knall der Büchse des alten Jägers unterbrach das Selbstgespräch des Spaniers.

»... und«, begann er mit leiser Stimme wieder, »ein Indianer wird vom Pferd stürzen wie ein Bündel, dessen Band zerrissen ist... Es ist wahrhaftig so! Da ist eben einer von seinem Pferd gepurzelt.«

»Schnell«, sagte der Kanadier, der nach dieser letzten Tat herbeilief, während aus der Tiefe der Ebene, wo seine Kugel trotz der Entfernung ein Opfer gefunden hatte, zwei Schüsse erfolglos dem seinigen antworteten.

»Ihr seht, Rayon-Brûlant, wie auch eine gewöhnliche Büchse in den Händen eines guten Schützen doppelt so weit als die andere zu tragen scheint, obgleich die Kugeln meiner alten Büchse zu klein für diese hier sind, was ihnen viel von ihrer Kraft raubt.«

Bis zu diesem Augenblick hatten die Senkungen des Bodens auf dem linken Ufer die kleine Schar fast gänzlich vor dem Feuer der auf dem anderen Ufer im Hinterhalt liegenden Indianer geschützt; aber die Flüchtlinge kamen an eine Stelle, wo die Ufer des Flusses eben und flach waren. Diese Strecke zurückzulegen, war am gefährlichsten, und trotz der regen Wachsamkeit des Kanadiers und des Spaniers, trotz ihrer Bemühungen, einen Zielpunkt hinter den Bäumen zu unterscheiden, empfing sie doch eine von dem unsichtbaren Feind gegebene Salve beim Vorüberkommen. Einer der Kanuträger stürzte, zu schwer verwundet, um wieder aufzustehen, wenn nicht zwei seiner Gefährten ihm zu Hilfe gekommen wären.

Da die Indianer fürchteten, sich den furchtbaren Büchsen der beiden Jäger, deren unfehlbare Sicherheit sie schon oft erprobt hatten, bloßzustellen, so hatten sie beinahe aufs Geratewohl zwischen den Baumstämmen hervorgeschossen. Nur eine Kugel streifte Pepes Arm und riß einen Fetzen seines Ärmels mit fort, sonst verursachte das Gewehrfeuer den Flüchtlingen keinen weiteren Schaden.

Indessen konnten die Träger des Kanus, bis auf zwei – Gayferos und den jungen Komantschen – verringert, nicht mehr so rasch marschieren. Die beiden anderen Indianer trugen ihren sterbenden Gefährten und kamen ebenfalls nur mit großer Mühe vorwärts, und so begann die andere Abteilung Apachen, die darum am meisten zu fürchten war, weil sie die zahlreichste war und das gleiche Ufer wie die Flüchtlinge besetzt hielt, ihnen merklich immer mehr Raum abzugewinnen. Zweimal machten die unerschrockenen Jäger, die den einzigen kampffähigen Teil der kleinen Schar und ihre einzige Verteidigung bildeten, halt, um sich dem Feind mit jener Kühnheit entgegenzustellen, die von der Gefahr geachtet zu werden scheint, und zweimal fiel ein Indianer unter ihren Kugeln.

Während dieses Löwenrückzugs marschierten die beiden Waldläufer, von ihrem eigenen Pulverdampf, von den Kugeln und den Pfeilen, die um sie her pfiffen, aufgeregt, fest aneinandergeschlossen mit abgemessenen Schritten rückwärts. Ihre Gefährten waren schon fern von ihnen und gegen das Feuer vom anderen Ufer durch die Entfernung gedeckt, die sie zwischen sich und die Apachen im Hinterhalt gelegt hatten, die ihre Büchsen wieder luden; sie beschäftigten sich endlich damit, das Kanu wieder flottzumachen.

Bois-Rosé und der Spanier, die dem Feind in der Ebene die Spitze boten und mit dem Rücken zum Fluß standen, sahen nicht, wie die indianischen Reiter ihre gedeckte Stellung unter den Bäumen verließen und ihre Pferde mitten in den Fluß trieben, um ihnen den Rückzug zum Kanu abzuschneiden. Die donnernde Stimme des Komantschen, von einem Büchsenschuß gefolgt, nach dem sich das Pferd eines Indianers, tödlich getroffen, mitten im Strom bäumte, der es mit sich fortriß, zeigte ihnen die Gefahr, in der sie schwebten.

Pepe kehrte sich rasch um, maß die Größe der gefährlichen Lage und ließ Bois-Rosé unter dem schrecklichen Lauf seiner Büchse die von seiner Seite herandringenden Feinde Respektabstand halten. Er selbst bückte sich, die Büchse im Anschlag, nieder und schlüpfte wie eine Schlange bis zum Ufer, indem er dem Kanadier zurief: »Zieh dich zum Kanu zurück, Bois-Rosé; ich folge dir, sobald ich eine Leiche in die Strömung geworfen habe.«

Ein Schuß übertönte die Stimme des Spaniers, der fluchend niederstürzte und mitten im Gras verschwand. Ein Schrei des Schmerzes entfuhr der Brust des Kanadiers, als er den Gefährten aller seiner Freuden und aller seiner Gefahren fallen sah; er erstarb aber auch ebenso schnell im Mund des alten Jägers, der seinen Bruder verlor, nachdem er seinen Sohn verloren hatte. In der Erschütterung, die den Kanadier überwältigte, bemerkte er nicht, wie eben ein Reiter der Apachen nicht weit von der Stelle, wo Pepe verschwunden war, festen Fuß auf dem Ufer faßte.

Noch eine Minute, und es wäre um Bois-Rosé, der regungslos und wie vom Donner gerührt dastand, geschehen gewesen, wenn nicht plötzlich wie durch eine Art von Wunder ein Feuerstrahl aus dem Schoß der Erde hervorgeblitzt wäre, und der Knall, der dem Blitz unmittelbar folgte, donnerte noch, als ein Indianer aus dem Sattel in den Fluß stürzte. Zu gleicher Zeit erschien der Kopf Pepes – aber des Pepe voll Kraft und Leben, halb spöttisch, halb schrecklich – in gleicher Höhe mit der Ebene.

»Lauf rasch her, Bois-Rosé«, rief der spanische Jäger, »und nimm deinen Platz in dem Loch ein, in das die Vorsehung mich hat fallen lassen. Es ist eine uneinnehmbare Stellung, und keiner von diesen Schelmen wird sich ihr mit heiler Haut nähern.«

Der Kanadier war in zwei Sätzen bei Pepe und verschwand wie dieser in einer jener natürlichen Gruben, die, unsichtbar unter dem Gras, das sie überdeckt, sich in gleicher Höhe mit diesem befinden und die so häufig in den Prärien angetroffen werden. Wie einst in dem Talgrund der Poza, wo die beiden Jäger Rücken an Rücken den Angriff der Jaguare erwarteten, so lehnten sich Pepe und Bois-Rosé, die von ihren Feinden einige Augenblicke hindurch vergebens gesucht wurden, mit dem Rücken aneinander; der erstere überwachte die Ebene, der zweite die Zugänge des Flusses. Pepe hatte seine Büchse wieder geladen, und die beiden Waldläufer belauerten nun, den Kopf in gleicher Höhe mit dem Boden, die Bewegungen ihrer Feinde. Die Indianer suchten, entmutigt durch den Verlust der Ihrigen, die schützenden Bäume wieder zu erreichen. Die einen schwammen mit ihren Pferden, die wiehernd das Wasser durchschnitten, durch den Fluß, und der Reiter, dessen Pferd von Rayon-Brülant erschossen worden war, bemühte sich, das rettende Ufer zu gewinnen.

»Jetzt, Bois-Rosé!« sagte der Spanier. »Das Kanu ist flott und wartet nur auf uns. Da steigen die Schelme, beschämt und durchnäßt wie gepeitschte Pudel, aus dem Wasser heraus. Von dieser Seite droht keine Gefahr mehr; vorwärts zum Fahrzeug!«

»Sachte, Pepe!« sagte der Kanadier. »Je mehr wir heute von ihnen töten, desto weniger werden wir später zu bekämpfen haben. Wenn der Fluß gesäubert ist, dann wende dich hierher; wir werden noch zu tun bekommen.«

Durch die Ebene zerstreut, suchten die Indianer die beiden Feinde, die sie hatten verschwinden sehen, und näherten sich der Grube, die die beiden Jäger deckte. Diese sahen, wie die einen das Gebüsch durchsuchten, die anderen das Gras mit ihren langen Lanzen durchstachen und alle sich vorsichtig näherten.

»Werfen wir die Reiter zuerst aus dem Sattel; das ist sicherer!« sagte der Kanadier. »Und beide zugleich Feuer; wir werden keine Zeit mehr haben, wieder zu laden. Bist du fertig?«

»Ja!«

»Du rechts, ich links.«

Zwei Blitze sprühten aus dem Gras, ein zweifacher Knall, der fast zu einem wurde, folgte, und noch zwei Reiter stürzten von ihren Pferden herab.

Bois-Rosé und Pepe hatten nur Zeit, sich hinter den Rand ihres Grabens zu bücken, denn eine Salve von Kugeln bedeckte sie mit Erde; Pfeile drangen zischend dicht am Rand in den Boden.

»Rasch vorwärts!« sagte der Spanier. »Der Augenblick ist da!«

Er sprach noch, als er schon, von Bois-Rosé begleitet, aus dem Schoß der Erde herausgesprungen war. Ein Augenblick des Zögerns entstand unter den Feinden, die ihnen schon, das Messer und die Streitaxt in der Hand, nachstürmten. Gayferos, Rayon-Brülant und die beiden Indianer hatten sich hinter das Kanu geduckt und unterhielten gegen die unter den Weiden am anderen Ufer verborgenen Feinde ein wohlgenährtes Feuer, das sie beunruhigte.

Das Geheul, das die Komantschen ohne Unterbrechung ausstießen, und die wiederholten Salven, die auf die Anwesenheit zahlreicher Feinde schließen lassen konnten, beunruhigten die Apachen in der Ebene nicht wenig. Die beiden Flüchtlinge nützten glücklich das augenblickliche Zögern in der Verfolgung, deren Gegenstand sie waren, und konnten unter dem Schutz des Feuers Rayon-Brülants und seiner Gefährten unversehrt an dem ungeschützten Ufer hinlaufen und das Kanu erreichen.

Die Apachen auf dem linken Ufer sahen in dem Augenblick, wo die kleine Schar sich einschiffte, wie wenig zahlreich sie war, und nahmen die Verfolgung eifrig wieder auf; aber es war zu spät, die Komantschen ruderten schon mitten im Fluß weiter. Nur die Reiter hätten noch den Raum wiedergewinnen können, den ihre augenblickliche Unentschiedenheit sie hatte verlieren lassen; aber die Vorsicht oder richtiger die Furcht vor den beiden nie fehlenden Büchsen hielt sie davon ab, und sie parierten ihre Pferde.

»Gib mir die Hand!« rief Bois-Rosé lebhaft, als Pepe und er wieder hinten im Fahrzeug saßen, das rasch den Strom hinabflog. »Teufel, welche Furcht hast du mir durch deinen Fall eingeflößt; ich glaubte, du wärst tot! Gott sei tausendmal gelobt, daß er mich mit diesem neuen Unglück verschont hat!«

»Gerade durch den Fall bin ich im Gegenteil dem Tod entgangen«, antwortete Pepe und erwiderte den Händedruck des Kanadiers – wenn nicht ebenso stark, doch wenigstens ebenso feurig.

Ein langes Schweigen folgte diesem kurzen Austausch gegenseitiger Glückwünsche, denn die beiden tapferen Jäger waren glücklich, noch einmal – während das Kanu geräuschlos dahinglitt – zusammen das nächtliche Getöse der Steppe zu hören, das ihnen so oft in ihrem Leben Freude gemacht hatte: das Wiehern des Elens, das ferne Brüllen der Büffel, die melancholischen Töne der großen Nachtvögel und zuweilen den widerhallenden Ruf des Schwans, der sich mit der Stimme des Windes und dem Murmeln des Flusses verband.

Die Umstände waren indessen so, daß die Sicherheit nicht von langer Dauer sein konnte. Solange das Kanu zwischen zwei niedrigen, sandigen Ufern schwamm, an deren Seite sich kaum einige Gesträuche befanden oder sich dann und wann einzelne Bäume erhoben; solange nichts das Auge hinderte, tief in die Ebene hineinzublicken, ließen sich die Schiffer sanft vom Strom schaukeln. Als aber dieser zwischen zwei waldreichen Ufern dahinfloß, wo der erbitterte Feind, der sie verfolgte, im Schatten der dichten Bäume verborgen liegen konnte, folgte der Sicherheit Unruhe, und die beiden Jäger durchforschten, die Büchse in der Hand, mit mißtrauischem Blick den Wald, der seine Schatten auf den Fluß warf.

Pepe hatte sich nicht getäuscht, wenn er behauptete, daß die hinter den Weiden im Hinterhalt liegenden Indianer, mit dem sich ein Teil der Schar des Schwarzen Falken vereinigt hatte, die gleichen Krieger seien, von denen sie auf der Insel des Gila belagert worden waren. Es war wirklich die kleine Abteilung, die wir, wie man sich erinnert, aus dem verbrannten Lager der Mexikaner haben aufbrechen sehen, um die Spuren der drei Jäger zu finden, die ihrem Groll entschlüpft waren. Eine genaue Prüfung, die durch die Zerstreuung des schwimmenden Floßes sehr schwierig gemacht wurde und die sie zwei volle Tage kostete, hatte Antilope vom Zusammenfluß der beiden Ströme zum Val d'Or, an die Ufer des Red River und bis zu der Stelle geführt, wo Bois-Rosé, Pepe und Gayferos sich im Kanu des jungen Komantschen eingeschifft hatten. Es war also nicht wahrscheinlich, daß der Verlust, den Antilope erlitten hatte, sie aufhalten würde, da einmal ihre Vereinigung mit der zahlreichen Abteilung des Schwarzen Falken bewerkstelligt war.

Mitten in den Wäldern, die der Fluß durchströmte, wurde die Fahrt gefährlich, langsam und qualvoll; gefährlich darum, weil der Feind im Hinterhalt an den Ufern verborgen liegen konnte; langsam und qualvoll, weil man die Blicke überallhin zugleich richten mußte: auf den dichten Wald am Ufer, auf den Lauf des Flusses, der jeden Augenblick durch untergegangene Baumstämme, deren scharfe Spitzen das Kanu zerreißen konnten, und durch schwimmende Bäume, deren Zweige seinen ungehemmten Lauf behinderten, versperrt wurde.

Eine zweistündige Fahrt hatte das Kanu nicht weiter als eine Meile von dem Ort entfernt, wo die Ufer sich zuerst mit einem hohen, dunklen Wald bedeckten, als endlich der Mond aufging. Das war ein Zeichen, daß der Tag nahe war; nichtsdestoweniger bedeckte Dunkelheit immer noch den Fluß. Kaum ließ der Mond, der die Spitzen der Bäume versilberte, dann und wann einen bleichen, flüchtigen Strahl auf die Strömung des Flusses fallen. Oft verwickelten sich die Ruder auf der Wasseroberfläche, die von diesem flüchtigen Schein nicht erleuchtet wurde, beim Herabfallen in das Netz von Zweigen, das irgendein am Ufer hängengebliebener Baum bildete, oder sie glitten über die Blätter unter dem Wasser mit dumpfem, traurigem Ton. Die beiden Jäger sprachen leise miteinander, während sie die Schatten am Ufer und den Lauf des Flusses durchforschten.

»Wenn die Schelme, die wir eben tüchtig gestriegelt haben«, sagte Pepe und schüttelte mit einer gewissen Unruhe den Kopf, »ihr räuberisches Handwerk verständen, so würden sie leichtes Spiel haben, wollten sie mitten in den Hindernissen dieses von schwimmenden Baumstämmen so versperrten Flusses Genugtuung nehmen. Von allen Flüssen, auf denen wir im Kanu hinabgefahren sind, ist er der einzige, den ich mit dem Arkansas vergleichen möchte. Seitdem wir in dieses Labyrinth von Wäldern eingedrungen sind, haben wir kaum eine Meile gemacht, und kaum liegt noch eine andere Meile zwischen dem Anfang dieses dichten Gehölzes und der Stelle, wo wir uns geschlagen haben; zusammen also zwei Meilen in zwei Stunden. Wenn also, wie ich dir schon sagte, diese Schelme ihr Handwerk verständen, so würde jeder Reiter einen Fußgänger hinter sich aufs Pferd genommen haben, und schon seit einer Stunde könnten sie uns in einiger Entfernung von hier erwarten.«

»Ich kann nichts dagegen sagen, Pepe«, antwortete Bois-Rosé. »Gewiß ist, daß diese schwarzen Ufer sich sehr dazu eignen, einen Hinterhalt zu verbergen, und ich bin der Ansicht, daß wir wenigstens unsere Fahrt auf dem Fluß erleuchten müssen, um sie schneller zu machen. Ich will einige Worte darüber mit dem Komantschen sprechen.«

Infolge einer kurzen Unterredung darüber ließen die Ruderer das Kanu landen. Die Indianer nahmen ein breites Rasenstück vom Ufer, das auf zwei starke Zweige im Vorderteil des Fahrzeugs gelegt wurde. Kleine Zweige der roten Zeder wurden auf dieses Stück wie auf den Stein eines Herdes gehäuft, dann legte man Feuer daran, und bald nachher verbreitete sich ein lebhafter Schein wie von einer Pechpfanne – weit genug leuchtend, um die ungewisse Fahrt der Schiffer zu erhellen.

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