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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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66 Die Schiffer auf dem Red River

Der junge Komantsche begriff, was der Blick Bois-Rosés bedeuten sollte, als er die Anwesenheit der einen von den drei feindlichen Abteilungen, von denen der erstere gesprochen, bemerkt hatte. »Die Gefahr ist freilich noch fern«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf die Abteilung im Osten, wo der Rauch der indianischen Lagerfeuer sich in fast unsichtbaren Schneckenlinien erhob; »der Komantsche wird seinen neuen Freunden auf die Büffelinsel folgen, und dort werden sie das Beratungsfeuer anzünden, um zu entscheiden, was zu tun ist. Gehen wir!«

Der Waldläufer und der Indianer gingen durch die Furt des Flusses, um wieder mit Pepe und dem Gambusino zusammenzutreffen, die mit um so größerer Ungeduld den Erfolg dieser Unterhaltung abwarteten, als sie kein Wort davon verstehen konnten.

Der Indianer berührte feierlich die Hand der beiden Weißen, und alle vier begaben sich zu dem Feuer, bei dem die drei Jäger ihre homerische Mahlzeit eingenommen hatten. Diesmal waren sie in einer ganz anderen Gemütsstimmung. Die Nahrung hatte ihren müden Gliedern wieder Kraft und Biegsamkeit und der Besitz der neuen Waffen ihren niedergeschlagenen Herzen wieder Vertrauen und Energie gegeben. Hier aß der junge Indianer in aller Eile seinen Anteil vom Büffel, der, wie er sagte, von einem Indianer aus der Bande Sang-Mêlés verwundet worden war, und Bois-Rosé nützte diesen Augenblick, um seinen beiden Gefährten mitzuteilen, was er eben selbst erfahren hatte.

»Das sind ernste und betrübende Verwicklungen«, sagte der Kanadier am Schluß. »Einen Feind verfolgen, wenn man selbst verfolgt wird, das ist eine schwierige Lage.«

»Ja«, erwiderte der Grenzjäger, »aber wir sind doch jetzt bewaffnet, wie es Kriegern zukommt; sollte es denn da weniger möglich sein, unseren Zweck zu erreichen, als damals, wo wir selbst durch diese Schelme von Apachen auf der Verfolgung Don Antonios de Mediana belagert wurden?«

Der Kanadier hatte wie der Spanier jenes unerschrockene Selbstvertrauen, das diejenigen, die es besitzen, Wunder verrichten läßt; denn während unseres Lebens sind viele Pläne nur darum ausführbar, weil sie uns so erscheinen. Die beiden Jäger fanden die Unternehmung nicht über ihre Kräfte.

»Was auch geschieht«, rief der rachsüchtige Pepe, »ich werde eiligst das Versteck dieses verdammten Mestizen, das wir mit soviel Mühe vor aller Augen verborgen haben, abermals ausleeren. Kommt, Gayferos! Während Bois-Rosé sich hier mit dem jungen Krieger berät, wollen wir den ganzen Raub dieser Natter – die Feuerwaffen ausgenommen – ins Wasser werfen!«

Der grollende Spanier entfernte sich, vom Gambusino gefolgt, und als der Indianer gegessen und getrunken hatte, sagte der Kanadier zu Rayon-Brûlant: »Wird mir mein Sohn jetzt erzählen, was er allein so weit von seinem Stamm auf dem Jagdgebiet der Apachen tut?«

Der Komantsche erzählte Bois-Rosé die Ereignisse, die der Leser schon kennt; nämlich den Angriff, bei dem Encinas und er beinahe als Opfer gefallen waren, das Erscheinen der beiden Piraten am Büffelsee, dann seine abenteuerlichen Züge auf ihren Spuren bis zur Büffelinsel, wo er gesehen hatte, wie sie ihren Raub im Schoß der Erde verbargen.

In diesem Augenblick kamen Pepe und Gayferos von ihrer Untersuchung zurück. Decken, Sättel, Waren – alles hatten sie in die Strömung des Flusses geworfen, mit Ausnahme eines Bündels von Gewehren, das sie mitbrachten.

»Gut«, sagte der Komantsche, »das sollen die Krieger meines Stammes haben, die als einzige Waffen nur Pfeil und Bogen besitzen; sie werden dadurch den Donner der Bleichgesichter in ihre Hände bekommen.«

Rayon-Brûlant nahm nun seine Erzählung wieder auf, die die drei Jäger aufmerksam anhörten. Wir glauben davon nur kurz berichten zu müssen.

Der Komantsche hatte die Büffelinsel in der Hoffnung verlassen, zu rechter Zeit zurückkehren zu können, um die beiden Piraten der Steppe bei dem Besuch zu überraschen, den sie gewiß in kurzer Zeit dem Ort abstatten würden, wo die Banditen – nach seinem Ausdruck – ihre Seele vergraben hatten. Aber die Zeit, die er brauchte, um das ferne Lager seines Stammes zu erreichen, und die Schnelligkeit der Bewegungen Sang-Mêlés und seines Vaters hatten seine Voraussicht getäuscht.

Als der junge Komantsche an der Spitze von nur zehn Kriegern, die der Häuptling seines Stammes seiner Klugheit und seinem Mut anvertraut hatte, an die Ufer des Red River zurückgekehrt war, hatte er an mehreren Orten Spione aufgestellt. Diese berichteten ihm, daß die beiden Krieger, die er verfolgte, schon an der Büffelinsel, wo er sie zu überraschen gedachte, vorübergefahren seien; daß sie den Fluß verlassen hätten, dessen Lauf sie bis jetzt in ihrem Kanu gefolgt wären, und nun zu Lande am Ufer entlang die Richtung nach der Red Fork in der Nähe des Büffelsees eingeschlagen hätten.

Der Komantsche und seine zehn Krieger waren genötigt gewesen, einen ziemlich reißenden Strom in dem Kanu, das sie von ihrem Stamm hierhergetragen hatten, hinaufzufahren; sie hatten also nicht mehr zeitig genug ankommen können, um sich mit den beiden Piraten der Prärien zu kreuzen. Das war für den jungen Häuptling vielleicht ein glücklicher Zufall; denn die Schar der beiden Banditen hatte sich unterwegs durch indianische Vagabunden, wie sich deren so viele in der Steppe finden, vermehrt.

Dieser Bericht des einen der Spione Rayon-Brûlants wurde durch einen anderen seiner Kundschafter vervollständigt. Dieser letztere hatte sich dem Lager Sang-Mêlés zu weit zu nähern gewagt und sich überraschen lassen. Er hatte einen halben Tag bei dem Mestizen und seinem Vater zugebracht, und in dem Augenblick, wo er glaubte, daß seine letzte Stunde gekommen sei, hatte ihn Sang-Mêlé zu Rayon-Brûlant zurückgeschickt und ihm den Auftrag gegeben, Worte des Friedens und der Freundschaft für den jungen Häuptling zu überbringen und ihn außerdem wissen zu lassen, daß er in seinem Lager willkommen sein würde, was dieser sich wohl zu glauben hütete – und das mit Recht, wenn man die Absichten des Mestizen gegen ihn noch nicht vergessen hat.

Durch den Bericht dieses Kundschafters hatte der junge Komantsche die beiden Namen erfahren, die die Indianer den weißen Jägern gegeben hatten, und er hatte sie auf der Büffelinsel nach der Beschreibung wiedererkannt, die dem zum jungen Häuptling zurückgesandten Kundschafter von ihnen gemacht worden war.

»Rayon-Brûlant«, fügte der Indianer hinzu, seine Erzählung beendigend, »will von seinen beiden Feinden nur ihr Blut, um seine Ehre reinzuwaschen, ihren Skalp, um die Tür seiner Hütte zu schmücken, und ist außerdem der Todfeind der Apachen, die früher seine Brüder waren.«

»Wir wollen Euch aus allen Kräften helfen«, antwortete Pepe, der in den funkelnden Augen des jungen Komantschen den unversöhnlichen Haß gegen seinen ehemaligen Stamm las. »Mein Bruder«, fügte er hinzu, »ist also nur durch Adoption ein Komantsche?«

»Rayon-Brûlant«, erwiderte der Indianer, »erinnert sich nicht mehr, daß er als Apache geboren ist, seitdem der Schwarze Falke ihn in dem, was er Teuerstes besaß, beschimpft hat.«

Diese letztere gemeinsame Feindschaft für den indianischen Häuptling schloß die neuen Bande der Freundschaft zwischen dem jungen Komantschen und den beiden Jägern nur noch enger. Die letzteren beschlossen nach dem Rat des Indianers, die wenigen Augenblicke des scheidenden Tages noch zu nützen, um die Insel zu verlassen und sich nach dem Ziel, dem sie alle zustrebten, in Marsch zu setzen.

»Sind Eure Krieger weit von hier?« fragte Bois-Rosé den Indianer.

»Der eine von ihnen bewacht mein Kanu an der Spitze der Büffelinsel; die anderen sind verstreut auf dem linken Ufer des Red River, und Main-Rouge und Sang-Mêlé sind auf dem entgegengesetzten Ufer. Zwei Büchsenschüsse von dem Weg, dem der Adler und der Spötter folgten, würden sie ihre Spuren gefunden haben.«

»Vorwärts! Vorwärts!« rief Bois-Rosé aus. »Wir haben sie nicht gefunden; aber zur Vergeltung dafür haben wir uns Waffen, Lebensmittel und einen tapferen und ehrlichen Verbündeten verschafft. Gott sei gelobt; alles steht aufs beste!«

Bei diesen Worten warf der Kanadier seine Büchse auf eine Schulter, nahm das aus dem Versteck gezogene Bündel Waffen auf die andere; Pepe und Gayferos beluden sich mit Lebensmitteln, Pulver und Blei, und alle folgten dem jungen Komantschen mit einem Eifer, wie ihn diese glücklichen Umstände ihnen eingeflößt hatten. Dieser führte sie zur Spitze der Insel, wo der zur Bewachung des Kanus aufgestellte Krieger verborgen lag.

Das Kanu war eines jener unter den Indianern dieses Teils von Amerika gebräuchlichen Fahrzeuge, und sein sonderbarer Bau verlangt in einigen Worten eine nähere Beschreibung. Es war aus zwei grob gegerbten Büffelhäuten verfertigt, die zusammengenäht und über ein leichtes Gestell von Eschenholz ausgespannt waren. Die Nähte waren mit Hilfe einer Mischung hartgewordenen Talgs und Asche wasserdicht gemacht. Dieser gebrechliche Nachen konnte etwa zehn Fuß lang und dreieinhalb Fuß breit sein; Vorder- und Hinterteil liefen spitz zu, und sein runder Bauch ebenso wie seine Farbe gab ihm – aber in gigantischem Maßstab – eine Ähnlichkeit mit einer Kappe von gegerbtem Leder, wie man sich deren sonst wohl auf Reisen als tragbares Glas bediente.

Die Indianer jedoch unternehmen mit Hilfe solcher Boote lange Fahrten auf den mit Wasserfällen, Untiefen und Felsen versperrten Flüssen; und wie gering auch die Dauerhaftigkeit dieser gebrechlichen Nußschalen sein mag, so muß man doch mit Recht darüber staunen, daß sie noch so lange Zeit den Stößen, die sie aushalten müssen, und der Gewalt des Wassers, gegen das sie zu kämpfen haben, Widerstand leisten können. Übrigens schützt gerade ihre Leichtigkeit sie vor tausend Unfällen, die ein stärkeres Fahrzeug in Stücke zertrümmern würden, und gestattet den Schiffern, sie an unpassierbaren Stellen ohne Mühe ganze Tagesmärsche hindurch auf die Schultern zu nehmen.

In einem dieser Kanus schiffte sich nun die kleine Schar ein. Der Komantsche trieb es mit seinen Rudern mitten in den Fluß, und das gebrechliche Werkzeug folgte bald deren lebhafter Strömung. Rayon-Brûlant und der Krieger, der ihn begleitete, fuhren dann mit dem Kanu am linken Ufer entlang, dem Land so nahe wie möglich, um sich im Schatten der Bäume, der sich bereits über den Fluß hin verbreitete, zu verbergen.

»Wie weit sind wir etwa nach Eurer Meinung von der Gabel des Red River entfernt?« fragte der Kanadier, der die Schnelligkeit ihrer Fahrt noch langsam nannte.

»Wenn wir so die ganze Nacht fahren, so werden wir morgen an der Red Fork sein«, antwortete der Komantsche, »sobald sich die Sonne am Horizont an derselben Stelle befindet wie heute abend.«

Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch mußte man also rudern; vorausgesetzt, daß kein Hindernis die Fahrt der kleinen Truppe aufhielt. Dies war jedoch fast wahrscheinlich, da die fünf Schiffer von Feinden aller Art umgeben waren.

Bois-Rosé durchspähte mit den Augen ebenso wie seine Gefährten die buschigen Ufer des Flusses und das kahle Ufer auf der anderen Seite, wo er Sang-Mêlé und seine Bande vermutete; zugleich aber ging er in seinem Gedächtnis alle einzelnen Umstände in der Erzählung Rayon-Brûlants durch, um ihre Aussichten, den Mestizen einzuholen, zu berechnen. Einige von ihnen schienen ihm nicht recht klar genug, und dann war auch das Fabian bevorstehende Schicksal für ihn Gegenstand verzehrender Unruhe.

»Welcher von Euren Kundschaftern«, fragte der Kanadier den Komantschen, »ist in Main-Rouges Lager gedrungen?«

Der Indianer bezeichnete mit dem Kopf den Krieger, der neben ihm ruderte.

»Ah«, rief der Waldläufer bebend aus, »warum sagtet Ihr mir das nicht früher? Komantsche«, fuhr er fort und wandte sich an den Ruderer mit einer Stimme voll Aufregung, »Ihr habt den jungen Krieger aus dem Süden, wie sie meinen armen Fabian nennen, gesehen; Ihr habt ihn gesehen und mit ihm gesprochen? Was tat er? Wie war seine Haltung? Richtet er oft die Augen nach dem Horizont, um in den Wolken den Flug des Adlers der Schneegebirge und denjenigen zu suchen, den sie besser den Spottadler nennen würden? Sprecht, Komantsche, die Ohren eines Vaters sind offen, um von einem vielgeliebten Sohn sprechen zu hören.«

Aber der wilde Krieger antwortete nichts auf diese Flut von Fragen; er verstand kein Spanisch, und der Komantschendialekt war dem Kanadier unbekannt.

Rayon-Brûlant übersetzte die Fragen und die Antworten. »Der junge Krieger aus dem Süden«, sagte er, »war ruhig und traurig wie die Dämmerung in den Bergen, wenn der Nachtvogel zu schreien beginnt.«

»Hörst du, Pepe?« sagte der Kanadier mit feuchten Augen.

»Sein Gesicht«, fuhr der Übersetzer fort, indem er getreulich wiederholte, was er vernahm, »war bleich wie der Mondstrahl auf einem See; aber seine Augensterne leuchteten wie die Feuerfliege im dunklen Gras der Prärien.«

»Ja, ja«, sagte der Kanadier; »wenn Ihr wissen wollt, ob ein Mann tapfer ist, so seht nicht auf seine Wangen, sondern in seine Augen.«

»Aber«, fuhr der Dolmetscher fort, »was bedeutet die Blässe der Wangen des jungen Kriegers aus dem Süden und das Feuer seiner Augen? Daß sein Körper Hunger litt, aber daß die Qualen in seinen Eingeweiden sein Herz nicht erreichten! Das Herz eines Kriegers leidet niemals unter den Qualen seines Leibes.«

Der alte Jäger hatte zu lange unter den Indianern gelebt, um nicht einen in allen Fällen erprobten Mut allem anderen vorzuziehen, und eine wilde Freude strahlte in seinen Augen, als er aus dem Mund des Indianers das Lob seines Kindes hörte.

»Der junge Krieger aus dem Süden«, begann der Indianer wieder und setzte vielleicht seine eigenen Empfindungen bei Fabian voraus, »suchte nicht am Horizont den Flug der Adler – seiner Freunde – zu unterscheiden; er schaute in sein eigenes Herz, und das Todesgeschrei der Feinde, die er getötet hatte, sang in seine Ohren, und er lächelte dem Tod zu.«

»Geht doch, Komantsche, der junge Mann sagte nicht, was er dachte. Er weiß recht gut, daß sein alter Bois-Rosé ... Und weiß der Komantsche«, fuhr der Kanadier mit einer Stimme fort, die er vergeblich fest zu machen sich bemühte, »für welchen Augenblick ... man die Todesmarter des jungen Kriegers aus dem Süden bestimmt hatte?«

»Für den Augenblick, wo der große Häuptling, der Schwarze Falke, Sang-Mêlé an der Red Fork treffen würde.«

»Ihr seid beide müde; laßt Pepe und mich ebenfalls rudern«, sagte der Kanadier mit flammenden Augen.

»Der Adler ist auf der Spur der Geier.«

Unter dem Druck der beiden neuen Ruderer glitt das Kanu aus Büffelhaut rascher über die Oberfläche des Flusses hin.

Bois-Rosé fand sich nichtsdestoweniger von einer ungeheuren Last befreit; er wußte, daß Fabian lebte, daß seine Todesmarter bis zum Treffen des Schwarzen Falken mit dem Mestizen aufgeschoben war; er wußte, daß die Schar des ersteren sich hinter ihnen befand und daß er vor ihnen an der Red Fork anlangen würde. Aber Sang-Mêlé konnte das Ziel seines Marsches ändern oder sich wenigstens nicht lange genug dort aufhalten, um einen Versuch zu machen, ihn mit einiger Aussicht auf Erfolg anzugreifen!

»Ist die Red Fork weit von dem Ort, den Ihr den Büffelsee nennt?« fragte Bois-Rosé Rayon-Brûlant, um seine Zweifel aufzuklären.

»Eine halbe Meile.«

»Und was will Sang-Mêlé am Büffelsee, wo Ihr seine Spuren gefunden habt, unternehmen? Weiß mein Sohn das?«

»Er will die Blume des Sees pflücken, die eine Hütte von der Farbe des Himmels bewohnt«, sagte der junge Indianer mit feurigem Blick.

»Ich verstehe Euch nicht, Rayon-Brûlant.«

»Die Blume des Sees«, erwiderte der Komantsche und versuchte das Feuer seiner Augen zu verhüllen, »ist eine Tochter der Weißen; sie ist selbst weiß und schön wie die des Morgens halb geöffnete Blüte der Magnolie, wenn man sie mittags erblickt; sie ist viel schöner als der ›Abendstern‹, der ... bis jetzt in den Augen eines Kriegers höher gestanden hatte als alle indianischen Mädchen.«

»Und was macht dieses junge Mädchen so weit von den Ansiedlungen?« fuhr Bois-Rosé fort, weit davon entfernt, zu ahnen, daß es diejenige war, die einen so großen Platz im Herzen Fabians einnahm.

»Sie begleitet ihren Vater und zweiunddreißig Jäger zu einer Jagd auf wilde Pferde.«

»Zweiunddreißig Jäger? Ach, Pepe«, rief der alte Jäger voller Freude, »gerade das wollte uns Pedro Diaz sagen. Dort werden wir ihn ohne Zweifel wiederfinden. Aber dann wird es ein gleichwertiger Kampf sein: sechzig Indianer und vierzig oder fünfzig Indianer und Weiße gegen sie!« fuhr der Jäger fort, und sein Antlitz glühte in der Erinnerung früherer Kämpfe. »Die Red Fork wird viel Blut fließen sehen. Wir werden Fabian mitten in dieser Verwirrung retten und die Schädel dieser Piraten der Steppe mit Kolbenschlägen zerschmettern.«

»Wir werden sie kreuzigen, Bois-Rosé!« rief Pepe, der sich der wilden Leidenschaft überließ, die sein Haß gegen Main-Rouge und Sang-Mêlé in ihm erregte. »Dieses Dämonenpaar hat kein mildes Los verdient.«

Der ehrliche Waldläufer, der mehr zu lieben als zu hassen verstand, und der unversöhnliche Grenzjäger, der ebensosehr hassen konnte, als er zu lieben verstand, beugten sich mit noch größerem Eifer auf ihre Ruder nieder.

Das Wasser des Flusses färbte sich schwarz, als die Ufer sich verengten und hundert Schritt jenseits des Nachens einen engen Kanal bildeten, der von den Wipfeln der ineinander verschlungenen Bäume überschattet wurde. Ein letzter purpurner Strahl der untergehenden Sonne spielte noch auf den Bäumen, drang in einer leuchtenden Linie durch den grünen Dom und verschmolz mit dem dichten Schatten auf der Oberfläche des Stromes. Ehe sie in diesen düsteren Paß fuhren, gab Rayon-Brûlant dem neben ihm sitzenden Krieger ein Zeichen, und beide nahmen die Ruder wieder aus den Händen der Jäger, die wieder die Büchsen ergriffen. Bald nachher ließen die Indianer zwei Schreie gleich dem der Schwalben hören, wenn sie das Wasser im Flug streifen.

Einige Augenblicke nachher glitt das Kanu unter das dichte Gewölbe der Bäume. Der letzte Sonnenstrahl schien im Fluß erloschen zu sein, und kaum vermochte man mitten in der Dunkelheit von einem Ende des Fahrzeugs bis zum anderen zu sehen.

»Wenn die Finsternis nicht zuweilen sonderbare Einbildungen hervorbrächte«, sagte der Kanadier, »so möchte ich darauf schwören, daß ich dort unten an der Gabel dieser über dem Wasser hängenden Esche etwas wie eine menschliche Gestalt sähe.«

Der junge Komantsche hielt den Kanadier zurück, der schon seine Büchse anschlug. »Der Adler und der Spötter sind hier in Freundesland«, sagte er; »Krieger durchforschen weithin den Pfad vor ihren Schritten.«

Bei diesen Worten gab Rayon-Brûlant dem Indianer den Befehl, einen Augenblick mit dem Rudern einzuhalten, und mit entgegengesetztem Ruderschlag trieb er das Boot heftig unter den überhängenden Eschenstamm, den der Kanadier bezeichnete. Im selben Augenblick, ehe noch Pepe oder Bois-Rosé sich von ihren Eindrücken hatten Rechenschaft ablegen können, glitt ein schwarzer Körper den Baum herunter; das Boot erhielt einen Stoß, der es erbeben ließ, und ein Indianer setzte sich neben den Komantschenhäuptling. Diese neue Person stattete irgendeinen kurzen Bericht ab, den die Weißen nicht verstanden, während das Kanu seinen Lauf durch die Dunkelheit fortsetzte, und dann schwieg der Indianer wie alle anderen im Boot.

Nach Verlauf von ungefähr einer Stunde der schweigenden Fahrt wiederholte sich derselbe Fall; noch ein anderer Indianer ließ sich in das Boot gleiten, das bald zu klein zu werden drohte, wenn die Zahl derjenigen, die hineinstiegen, sich so von Stunde zu Stunde vermehren sollte. Der zuletzt Gekommene sagte auch einige Worte zu Rayon-Brûlant im Komantschendialekt, und diesmal hoben die beiden Indianer, anstatt weiterzurudern, ihre Ruder empor und ließen einige Zeit hindurch das Kanu nur der Strömung des Flusses folgen. Ein fernes Rauschen begann sich auch unter dem hallenden Gewölbe, das den Fluß bedeckte, hören zu lassen.

Bald nahm das Geräusch zu; man hörte das Wasser wie über eine Untiefe brausen; aber der Dunkelheit halber konnte man vorn nichts sehen. Nun begann die gebrechliche Barke sich langsam um sich selbst zu drehen, ohne daß die Indianer irgendeinen Versuch machten, sie zu lenken. Darauf schwamm sie quer, indem sie das vordere und das hintere Ende den beiden Ufern des Flusses zukehrte, und zuletzt nahm sie plötzlich ihren Lauf parallel zur Strömung des Wassers und glitt rascher dahin; bald wuchs diese Schnelligkeit in solchem Grad, daß das Kanu auf dem Wasser mit dem Ungestüm eines Pfeils dahinzufliegen schien, während es wie auf einer abschüssigen Ebene hinunterfuhr.

Es war wirklich einer von den Wasserfällen des Flusses, bei dem die beiden Komantschen es der Dunkelheit halber ihrer Barke allein überließen, hinunterzukommen. Einen Augenblick schäumte das Wasser unter dem gebrechlichen Nachen, der auf Fluten von Schaum zu schwimmen schien; plötzlich traf ihn ein schrecklicher Stoß, als ob seine Seiten sich öffnen und das Wasser eindringen lassen wollten; dann blieb er unbeweglich stehen. Die gefährliche Stelle war ohne Unfall zurückgelegt worden, und Rayon-Brûlant und seine Gefährten, die sich während dieser Zeit ausgeruht hatten, nahmen die Ruder wieder auf und setzten ihre Arbeit fort.

Nachdem die Schiffenden den Fall passiert hatten, gelangten sie bald aus diesem dunklen Engpaß, der sich fast ohne Unterbrechung mehrere Meilen lang erstreckt hatte, und erreichten eine offene Stelle. Hier wurde es nötig, an Land zu steigen, um das Kanu, das schon anfing, ein wenig Wasser zu ziehen, trocknen zu lassen. Mit Ausnahme einiger Baumwollstauden, die auf dem gegenüberliegenden Ufer wuchsen, befanden sich die Reisenden mitten in einer fast nackten Ebene.

»Der Adler und der Spottvogel können einen Augenblick schlafen, während meine beiden Krieger und ich das Feuer anzünden, um das Leck des Kanus aus Büffelhaut wieder auszubessern«, sagte Rayon-Brûlant.

»Mit Eurer Erlaubnis, mein junger Freund«, sagte Pepe, »will ich lieber mit dem Essen anfangen und dann schlafen, wenn noch Zeit dazu übrig ist.«

Die vier Komantschen hatten bald ein Feuer angezündet, um das herum die drei weißen Jäger an ihrer Seite saßen, und die Überreste des Büffels lieferten den sieben Tischgenossen ein nicht weniger glänzendes Mahl als das Mittagessen vorher unter dem Schatten der Büffelinsel.

Als man das Kanu umgewendet hatte, um das Leck zu finden, bemerkte der Komantsche, daß die Nähte einen Teil ihres fettigen Überzugs verloren hatten und daß an dieser Stelle das Wasser eingedrungen war; mit Hilfe einer Mischung von Büffelfett und Asche aus dem Feuer sollten eben die Nähte des Kanus abermals verpicht werden, als der Indianer auf ein fernes Geräusch horchte.

»Hört Ihr etwa einen verdächtigen Lärm?« fragte Pepe den Indianer.

»Rayon-Brûlant lauscht dem Geheul des Wolfs der Prophezeiung.«

»Gut, mein Freund; Ihr habt ein feines Ohr, Ihr könnt Euch dessen rühmen. Was verkündet Euch denn das Geheul des kleinen Wolfs der Prärien, der nach meiner Meinung nur seinen Hunger anzeigt?«

»Wenn die Indianer auf der Jagd sind«, antwortete der Komantsche, »folgen ihnen die großen Wölfe der Prärien schweigend, da sie sicher sind, bald ihren Anteil von der Beute zu bekommen; die kleinen Wölfe als die Schwächeren begleiten die Stärkeren heulend, als ob sie ihren Anteil verlangten. Ich habe die Stimme der Prophezeiung im Norden gehört; die Bande des Schwarzen Falken ist im Osten; auf der nördlichen Seite ist also die andere Bande, die unsere Kundschafter nicht gesehen haben, und die Büffel fliehen vor ihr. Mein Vater kann sie hören.«

Ein noch unbestimmbares Getöse klang in der Tat bald aus der Ferne herüber. Der Komantsche nahm nun einen Brand vom Feuer und bediente sich seiner, um die Erde in einiger Entfernung von der Stelle, wo das Feuer angezündet war, zu beleuchten. Ein breiter Streifen Erde war zertreten und zerstampft wie die Bahn eines Zirkus und erstreckte sich vom Fluß ausgehend in die Ebene hinein, so weit nur das Auge reichte.

»Wir sind hier auf einer Büffelfährte!« rief der Indianer aus. »Das ist eine gefährliche Stelle, die wir fliehen müssen! Wir werden kaum noch Zeit dazu haben; eine Herde wird den Spuren, die sie schon zurückgelassen hat, wieder folgen.«

Gebrüll mischte sich bald mit dem dumpfen Dröhnen des Bodens. Rayon-Brûlant sagte einige Worte zu seinen beiden Kriegern, und diese zerstreuten und erstickten schnell das Feuer – mit Ausnahme eines Brandes, den der Häuptling zurückbehielt –; dann trugen die beiden Komantschen, von den Jägern unterstützt, Rayon-Brûlant eiligst das Kanu nach.

Der junge Häuptling wählte als neuen Haltepunkt den Gipfel eines kleinen Hügels, wie sich diese in der Gegend so zahlreich finden. Dort wurde ein anderes Feuer angezündet, an dem die roten Krieger ihre unterbrochene Arbeit des Kalfaterns wiederaufnahmen.

Sie waren kaum bei der Arbeit, als sich der Stelle gegenüber, die sie eben verlassen hatten – und zwar auf der entgegengesetzten Seite des Flusses –, eine lange, breite Kolonne von Büffeln zeigte, die durch die Ebene galoppierte. Man sah, wie sich unter dem unwiderstehlichen Andrang dieser gewaltigen Bewohner der Prärien das Baumwollstaudengebüsch krachend niederbog und wie ein Bündel trockenen Grases auf dem Boden lag. Betäubendes Brüllen mischte sich mit dem tosenden Schnauben der Nüstern der wilden Herde, die das Wasser witterte, durch das sie hindurch mußte; dann brauste das Wasser unter der Flut mähnenumwallter Tiere, und der Fluß überschwemmte seine Ufer, als ob ihn eine plötzliche Flut während der Tagundnachtgleiche hätte anschwellen lassen.

Als ihn die ganze Herde durchschwommen hatte, schäumten seine bewegten Gewässer noch immer und schlugen an die überschwemmten Ufer, während sich bereits der ganze Tumult nach und nach weit in der Ebene verlor.

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