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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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63 Zwei Seelen im Fegefeuer

Am Himmel war keine Spur von dem Sturm zurückgeblieben, der die ganze Nacht hindurch nach dem Verschwinden Fabians gewütet hatte, aber die Erde trug noch deren Eindrücke. Der Regen hatte den Boden gepeitscht, zerrissen und ihn wieder geebnet; jede menschliche Spur war verschwunden, und Stimmen ließen sich in den Bergen vernehmen, die am Tag vorher noch stumm waren; es waren dies schlammige Wasserfälle, schmutzige Bergströme, die in die Ebene den Morast des trockenen Grases und die von der Seite der Felsen abgerissenen, besudelten Gebüsche hinabtrugen. Über diesen Szenen der Verwüstung – denn die gelblichen Fluten bespülten die Leichname der auf der Erde liegenden Indianer – glänzte die Sonne wie gewöhnlich an einem heiteren Himmel.

Ein Mann saß mit gebeugtem Haupt allein auf einem Felsblock dicht bei der Pyramide des Grabmals. Der Schmerz schien auf seinem energischen Antlitz in einer Nacht tiefe Furchen gezogen zu haben wie die von der Sturmflut am Fuß der Nebelberge aufgerissenen Spalten. Seine grauen Haare flatterten um seine Wangen, deren sonnenverbrannte Farbe gebleicht war; er schien die glühenden Strahlen nicht zu bemerken, die auf seine entblößte Stirn fielen.

Das war der arme kanadische Jäger.

Seine gewöhnliche, aber schon durch unaufhörliche Angst um Fabian erschütterte Seelenstärke schien unter diesem letzten Schlag ganz vernichtet zu sein. Er war unbeweglich, sein Blick ausdruckslos; die Verzweiflung hatte bei ihm den höchsten Punkt erreicht – den, wo sie stumm wird. In einem starken Herzen aber ist dies der Augenblick, der dem Erwachen der Energie vorangeht.

Er blieb lange Zeit in dieser schrecklichen Krisis, denn die augenblicklich durch den nächtlichen Regen entstandenen Gießbäche hatten zuerst aufgehört zu rauschen, dann hatten sie nur noch sanft gemurmelt und waren endlich ganz still geworden, ohne daß Bois-Rosé seine Stellung geändert hätte. Endlich jedoch hob der alte Waldläufer langsam das Haupt wie ein Mann, der von einem todähnlichen Schlaf befallen ist und bei dem der einzige Lebensfunke, der sich nach dem Herzen als der letzten Festung einer mit Sturm genommenen Stadt geflüchtet hatte, nach und nach wieder erwacht, das Blut wieder in Umlauf setzt und den Gliedern wieder Leben einhaucht. Sein Arm streckte sich unwillkürlich aus; seine Hand öffnete sich, als wollte sie seine gewöhnliche Waffe suchen und ergreifen, aber seine Finger begegneten nur dem leeren Raum. Das war der erste Stoß, der ihn zum äußeren Leben zurückrief; er besann sich, dann streckte er beide entwaffnete Arme gen Himmel.

In diesem Augenblick kam ein Mann um die Felsenkette, die wir so oft erwähnt haben; Bois-Rosé sah ihn, bebte, und sein Gesicht erglänzte von einem bleichen Strahl der Freude. Das war Pepe. Ist das Gesicht eines Freundes nicht immer gleich dem Widerschein der wachenden Vorsehung? Eine dunkle Wolke lagerte noch auf der Stirn des sorglosen spanischen Jägers. Ein rascher, auf seinen alten Gefährten geworfener Blick beruhigte ihn, denn Bois-Rosé kam ihm entgegen. Pepes Stirn klärte sich auf; er fühlte, daß die Eiche zu tiefe Wurzeln in die Erde geschlagen hatte, um schon zu fallen, und er freute sich, sie wieder feststehend zu finden. In alter Zeit hatte wohl ein kräftiger, tapferer Ritter, der durch den Fall einer Zinne oder durch den Schlag einer Streitaxt in seiner Rüstung fast zerschmettert worden war, solche Augenblicke von Betäubung und Schwäche, wie sie den Kanadier befallen hatten; Bois-Rosé erwachte ebenso aus seiner Betäubung. »Nichts?« fragte er mit gebrochener Stimme. »Nichts!« antwortete mit festem Ton der ehemalige Grenzjäger, der bei der wiedergewonnenen Fassung des Jägers jede gewöhnliche Tröstung entschlossen beiseite ließ. »Aber wir werden finden.« »Das habe ich mir auch schon gesagt. Laß uns also suchen!«

Fabians Name wurde weder von dem einen noch von dem anderen ausgesprochen, ihr Herz war zu voll von der Erinnerung an ihn; jeder dachte daran, ohne es sich zu sagen.

Pepe wollte jedoch die Rückkehr seines Gefährten zur Energie erproben. Nur dadurch, daß sie kaltblütig ihre Aussichten berechneten, daß sie beide ihre durch den Schmerz nicht mehr verdunkelte Verstandeskraft vereinigten, konnten sie auf einen glücklichen Erfolg rechnen. Und Pepe legte unerbittlich den Finger auf die noch nicht vernarbte Wunde, um sich von der Kraft des Kranken zu überzeugen. »Er ist entweder tot oder lebendig«, sagte er und sah dabei den Kanadier fest an; »in dem einen wie in dem anderen Fall müssen wir ihn wiederfinden.«

Der Kranke bebte nicht. »Das ist meine Ansicht«, erwiderte er kaltblütig, so vollständig war der Rückschlag gewesen. »Wenn ich ihn tot wiederfinde, werde ich mich töten; wenn ich ihn lebend wieder antreffe, so werde ich leben. In dem einen wie in dem anderen Fall werden meine Leiden nicht lange dauern.« »Gut«, sagte Pepe, der im geheimen seine Pläne machte und auf den wohltätigen Einfluß der Zeit rechnete, die alle schmerzlichen Stunden vernarbt, was auch die Dichter darüber sagen mögen – wohlverstanden die englischen Dichter, die allein die unheilbaren Schmerzen besingen. »Laß sehen«, fügte er hinzu; »wir müssen nun abermals die Richtung einschlagen, in der dieser Schelm Sang-Mêlé entflohen ist, der sich dem Augenblick viel näher befindet, als er denkt, wo er mein oder dein Messer mitten in der Brust hat; denn ich denke mehr als jemals daran, diesen Einfall zur Wahrheit zu machen.«

»Laß uns lieber erst versuchen, irgendeine Spur hier wiederzufinden, die uns Aufklärung darüber geben kann, wie Fabian in die Hände der Indianer gefallen ist«, erwiderte Bois-Rosé. »Sieh, Pepe, du erkennst gewiß wie ich diesen flachen Stein für einen von denjenigen, die uns dort oben zur Deckung gedient haben. Er muß also in einem Kampf Leib an Leib hinabgestürzt und die beiden Kämpfer, aufrecht oder liegend, müssen mit ihm hinabgerollt sein.«

»Das ist fast gewiß, und ich will auf die Plattform steigen und sehen, ob es möglich ist, uns über die Stellung zu vergewissern, in der der Kampf stattfand. Du begreifst, daß dies von Wichtigkeit ist. Wenn sie mit dem Kopf zuerst hinabgestürzt sind – wie es normal der Fall sein muß, wenn man aufrecht steht und der Fuß keinen Stützpunkt mehr findet –, so müßte Fabian sich den Schädel zerschmettern; rollte er jedoch im Liegen und von seinem Feind umschlungen hinab, so ist er mit einigen Quetschungen davongekommen.«

Pepe wollte schon die Seiten der Pyramide erklimmen, als Bois-Rosé ihn zurückhielt. »Sachte, sachte!« sprach er zu ihm. »Wir wollen beide hinaufsteigen, ohne uns, wenn es möglich ist, an die Gebüsche anzuklammern; ich habe in dieser Beziehung meine Gedanken, und wir müssen sorgfältig die Zweige und die Stengel untersuchen.«

Die beiden Jäger fingen also damit an, hinaufzusteigen, und beobachteten aufmerksam die geringsten Anzeichen. Sie hatten nicht nötig, höher als einige Fuß zu steigen. Wie Bois-Rosé es gehofft hatte, sagte ihnen die Untersuchung der Gesträuche, was sie zu wissen wünschten.

»Siehst du«, sagte der Kanadier und zeigte auf zwei Gebüsche, die in derselben Höhe auf der Seite der Anhöhe wuchsen und etwa drei Fuß voneinander entfernt waren, »diese kleinen, zerknitterten Zweige beweisen, daß es wenigstens ein Körper von solcher Länge gewesen ist, der sie in seinem Fall zerquetscht hat. Es ist klar, daß die beiden Kämpfer der Länge nach quer herabgerollt sind. Halt! Da ist ein Loch, in dem vor vierundzwanzig Stunden ein Stein gesessen hat, seine Spitze ragte ohne Zweifel hervor, und die beiden Körper werden ihn, auf seine äußerste Spitze fallend, aus der Erde gerissen haben. Ich wette darauf, wir finden diesen Stein wieder.«

»Das ist nicht nötig!« antwortete Pepe. »Es ist gewiß für mich und für dich, daß Fabian nicht mit dem Kopf zuerst herabgestürzt ist; also lebt er.«

»Ja, aber er ist Gefangener – und bei welchen Feinden!«

»Das Wesentliche ist, daß er lebt! Sind wir nicht da?«

»Oh«, rief Bois-Rosé aus und unterdrückte einen Seufzer schaudernder Angst, »an welchem Ort wird sich wohl der Marterpfahl für ihn erheben?«

»Du standest eines Tages auch daran, Bois-Rosé und ...«

»... du hast mich davon befreit. Ich verstehe; wir werden ihn auch davon befreien.«

»Das Wesentliche ist, daß er lebt, sage ich dir!«

Bois-Rosé begnügte sich mit diesem Trost, denn es gab nichts, wozu er sich nicht fähig fühlte, um Fabian zu befreien.

»Nachdem wir diesen Punkt festgestellt haben, werden wir sehen ...«

Der Kanadier unterbrach Pepe, indem er seinen Arm mit einer Kraft preßte, als wollte er ihn zerbrechen. »Der Punkt ist zweifelhaft!« rief er aus, als ob ein Lichtstrahl ihn plötzlich berührt hätte. »Wo sind die Leichname der Indianer, die wir getötet haben? In diesem Abgrund ohne Zweifel. Wer sagt dir nun, daß Fabians Leiche nicht bei den ihrigen liegt?«

»Und seit wann hätten diese Hunde von Indianern und besonders dieser verdammte Mestize soviel Sorgfalt für die Leichname ihrer Feinde bewiesen? Die Schelme haben ihre Toten offenbar den Entweihungen durch die Lebenden entzogen, wie es bei ihnen gewöhnlich der Fall ist. – Nein, nein; wenn Don Fabian tot wäre, so hätten wir ihn hier – nur ohne seinen Skalp – wiedergefunden. Sei versichert, daß der Mestize seine Absicht dabei hat, so plötzlich die Belagerung aufzuheben. Er weiß, daß Don Fabian die Lage des Schatzes kennt, den ich so glücklich verborgen hatte, und sein Leben wird dem Banditen bis zu dem Augenblick kostbar sein, wo er ihm diese Stelle entdeckt hat.«

Pepes Ansicht war durchaus nicht ohne Wahrscheinlichkeit, und der Kanadier fühlte sich glücklich, sie für unfehlbar annehmen zu können. Aber ein beunruhigendes Anzeichen enttäuschte ihn plötzlich.

Bois-Rosé hatte sich dem Schlund genähert, in den der Wasserfall hinabstürzte. Er suchte vergeblich am Rand nach menschlichen Spuren, denn der Regen hatte den Boden gepeitscht und sie verwischt. Plötzlich zog ein Gegenstand seine Blicke auf sich. Er bückte sich eilig und zeigte ihn dem Spanier mit düsterer Miene. Es war Fabians Messer. Das Wasser des Himmels hatte es nicht so rein gewaschen, daß nicht noch einige Spuren geronnenen Blutes an den messingenen Nägeln geblieben wären, die den hornenen Griff verzierten.

»Wie befand sich Fabians Messer so nahe beim Abgrund?«

Pepe antwortete nicht auf diese Frage seines Gefährten. Die Erfindungskraft seines Geistes war einen Augenblick lang nicht imstande, eine natürliche Erklärung zu finden, und die beiden Jäger verharrten unter dem Gewicht einer schrecklichen Ungewißheit. Der ehemalige Grenzjäger hielt sich jedoch noch nicht für geschlagen; er näherte sich dem Ort, wo sie beide an den zerknickten Gesträuchen die Richtung erkannt hatten, in der die Kämpfer von der Höhe der Pyramide herabrollen mußten. Von hier aus zog er mit ausgestreckter Hand in Gedanken eine Linie im Mittelpunkt des Raumes, der die beiden Gesträuche voneinander trennte. Diese Linie endete am Fuß des abgestumpften Hügels, nicht weit von der Öffnung des Abgrunds.

»Das Messer Fabians wird beim Sturz seiner Hand entfallen und bis an die Stelle gerollt sein, wo du es gefunden hast. Wenn du nun – was wahrscheinlich ist – annimmst, daß bei dem Kampf, der am Fuß der Pyramiden fortgesetzt wurde, zwei oder drei von diesen Schelmen ihrem Gefährten zu Hilfe gekommen sind, so mußte Don Fabian in einem Nu umringt und gefangengenommen worden sein, ehe er sein Messer wieder aufraffen konnte.«

Bois-Rosé mußte sich abermals mit dieser Erklärung begnügen, denn er war zu dem Punkt gekommen, glühend zu hoffen, nachdem er einmal über die geistige Niedergeschlagenheit, die ihn beherrschte, triumphiert hatte. Große Schmerzen beruhigen sich zuweilen mit noch weniger guten Gründen, als der war, den Pepe mit einer Überzeugungskraft angeführt hatte, die der Kanadier zu teilen nicht umhin konnte. Die beiden Jäger verließen darauf diesen Teil des Tals, den sie untersucht hatten, und stiegen auf den Gipfel der Felsenkette.

»Ich kehre wieder zu meiner Meinung zurück«, fuhr Pepe fort, während beide versuchten, ein geheimnisvolles Ereignis zu durchdringen, wobei der von den Sturzbächen durchwühlte Boden ihnen jede genügende Erklärung verweigerte. »Don Fabian wird ein Gefangener in der Gewalt dieses abscheulichen Sang-Mêlé sein; man wird versuchen, ihn durch Furcht und durch Versprechungen zu gewinnen; und da der kühne junge Mann über die ersten spotten und die anderen verachten wird, so wird er uns damit auf die eine oder die andere Weise Zeit geben, bis zu ihm zu dringen.«

»Ach«, rief Bois-Rosé mit Bitterkeit aus, »ein alter Fuchs wie ich, und sich so fangen lassen!«

»Es gibt noch Waffen, die man uns nicht nehmen kann: nämlich ein gutes Messer für jeden von uns, ein unerschrockenes Herz und – ich darf es wohl sagen – das Vertrauen auf Gott, der dich nicht so wunderbar auf Fabians Weg geführt hat, um ihn dir so für immer zu nehmen. Du wirst mir darauf erwidern, daß der Hunger uns bedroht. Das ist freilich wahr ...«

»Was liegt daran! Wir werden es machen wie diese armen Teufel von Indianern, die Wurzelesser, die uns im vorigen Jahr in den Felsengebirgen beherbergten und die sich nur von wilden Früchten oder Wurzeln nähren.«

»So sehe ich dich gern, Bois-Rosé, wie an dem Tag, wo ich dich in einer wahrhaftig sehr kritischen Stellung ruhig rauchen sah, obgleich du an jenem verdammten Pfahl, wie du weißt, angebunden warst, und als du beim Ton einer gewissen Büchse, den du so gut kanntest, den Kopf ohne Erstaunen in dem Augenblick umwandtest, wo der Indianer, der schon in die Haut deiner Stirn geschnitten hatte, wie ein von einer tödlichen Ohnmacht getroffener Hund niederstürzte ...«

»Ich war in der Tat nicht erstaunt, Pepe, denn ich erwartete dich!« erwiderte der Kanadier einfach.

»Ich sage dir das nicht, um dich an diesen kleinen Dienst zu erinnern, sondern weil es dir beweisen muß, daß man in dieser irdischen Welt nie an irgend etwas verzweifeln darf.«

Die beiden Jäger waren an dieselbe Stelle gekommen, wo sich die Indianer am vorigen Tag befunden hatten. Bois-Rosé stand aufrecht auf der Böschung des Abhangs und konnte sich nicht enthalten, einen schwermütigen Blick auf die Plattform der gegenüberliegenden Pyramide zu werfen, auf der sie sich selbst – stark durch ihre Einheit, durch ihre Kraft und ihren Mut – verschanzt hatten. Ihre Einheit war zerrissen, ihre Kraft zerbrochen; der Mut allein blieb ihnen noch übrig.

»Ah«, rief der Kanadier aus, »das ist die erste freudige Bewegung seit gestern abend, die mein Herz klopfen läßt!«

»Was gibt es?« fragte Pepe, indem er sich seinem Gefährten näherte.

»Sieh nur!« Bois-Rosé zeigte ihm einen Fetzen von Fabians kattunener Jacke, die die Kraft des Windes ohne Zweifel zwischen den Stengeln der Gesträuche festgehalten hatte. »Er ist bis hierher gekommen«, fuhr er mit trauriger Freude fort; »und dieser Fetzen Zeug wird ihm bei seiner Verteidigung vom Leib gerissen sein.«

»Die Jacke dieses armen Jungen war sehr mürbe, so reich er auch hätte sein können«, sagte Pepe lächelnd. »Das beweist aber auch, daß ich mich nicht täusche, wenn ich sage, er lebt. Hierbei möchte ich dich auch fragen, ob du noch glaubst, daß die Indianer so große Sorgfalt für die Leichname der Weißen haben?«

»Das ist wahr!« antwortete Bois-Rosé. »Ich hatte nicht daran gedacht, hier den Beweis davon zu suchen.«

Ein trauriger Anblick sprach beredt für diese letzte Behauptung Pepes: Es war die Leiche Barajas, die noch an der Stelle ausgestreckt lag, auf die die Kugel des Kanadiers ihn geworfen hatte. Der Unglückliche schien seinen Schatz immer noch nicht verlassen zu wollen. »Wenn dieser Hund von Mestize die Sorgfalt für die Toten gehabt hätte, die du bei ihm voraussetzest«, sagte der Spanier, »so würde der Besitz dieses Goldes ihn glänzend dafür belohnt haben. Ah! Don Fabian verdankt sein Leben dem Gedanken, den Gott mir eingeflößt hat: dieses Tal mit Zweigen zu bedecken, die es vor den Augen aller verborgen haben.«

Das war die Wahrheit; denn wie oft im Leben hat man es nicht zu bereuen oder sich glücklich zu schätzen, jene plötzlichen höheren Eingebungen vernachlässigt oder befolgt zu haben, wie Pepe einer gehorcht hatte?

»Wollen wir jetzt ein wenig von diesem Gold mitnehmen, da wir keine anderen Waffen mehr haben, Bois-Rosé?«

»Wozu nützt das Gold in der Steppe? Werden sich bei seinem Anblick die wilden Tiere vor uns entfernen? Werden die durch die Prärien springenden Büffel und Rehe zu uns herankommen, um sich fangen zu lassen? Lassen wir dieses Val d'Or, wie es ist; mit seinem Leichnam als einen Beweis von der Bestrafung des Bösen. Dieser Fetzen Kattun ist kostbarer für mich als all diese unnützigen Reichtümer!«

Die beiden Jäger hatten an diesem Ort alle Geheimnisse erfahren, die sie hier zu erfahren hoffen konnten, und sie wandten sich an dem Felsenabhang nach den Nebelbergen, deren Nebeldecke unter ihren Falten noch die Enthüllung vieler Geheimnisse verbergen konnte. »Laß uns hier einen Augenblick stehenbleiben«, sagte Pepe, als sie nicht ohne Mühe die steilen Pfade erklommen hatten, die Main-Rouge und Sang-Mêlé eingeschlagen haben konnten, denn der Hunger machte sich den beiden Jägern seit langer Zeit fühlbar. Sie teilten die wenigen Vorräte, die ihnen noch übrigblieben. Es war ihre erste und einzige Mahlzeit, seitdem sie am vorigen Tag mit Fabian gegessen hatten.

So heftig auch der Schmerz sein mag, von dem man ergriffen ist, so läßt doch Gott niemals zu, daß die Rechte der Natur über eine gewisse Zeit hinaus unbeachtet bleiben, weil das Leben des Menschen nur eine lange Reihe von vorübergehenden Schmerzen und – ebenso wie diese Schmerzen – von flüchtigen Freuden sein soll, denen sich niemand entziehen kann. Darum ist der Mensch genötigt, so sehr er auch seine eigene Schwäche verachtet, seine Verzweiflung zu ernähren.

Nachdem dieses Mahl beendet war, ohne daß sie voraussahen, auf welche Weise sie, der Unterstützung ihrer Büchsen beraubt, am folgenden Tag Essen bekommen würden, nahmen der Kanadier und der Spanier geduldig ihre Untersuchungen des Bodens wieder auf. Hier war es noch viel schwerer, die durch den Sturm verwischten Spuren wiederzufinden. Zu den dichten Dünsten, die die magnetischen Spitzen der Nebelberge herbeizogen – eine ewige Wasserkunst, wo sich Bäche und Ströme ergießen und hervorbrechen –, schienen unaufhörlich neue Dünste aus dem Schoß der Erde emporzusteigen und erhoben sich in dichten, spiralförmigen Linien aus den tiefen Schlünden der Sierra.

Eine aufmerksame Untersuchung auf dem Teil des Bodens, den sich jeder zugeteilt hatte, bot ihnen kein Anzeichen dar, das sie auf die Spur hätte bringen können. Beide waren von einem dichten Nebelkreis eingeschlossen, so daß sie einander nicht mehr sehen konnten, als Pepe den Kanadier zu einer Beratung herbeirufen zu müssen glaubte. Er wartete vergeblich auf eine Antwort, und als er ihn ein zweites Mal gerufen hatte antwortete wohl eine menschliche Stimme auf den Ruf des Spaniers, aber nicht die des Kanadiers. Pepe war erstaunt, sich nicht allein mit Bois-Rosé in diesen Bergen zu befinden, und rief mit demselben Ton, den er, mit der Büchse im Anschlag, angenommen haben würde »Wer, bei allen Teufeln, ist da?«

»Wen rufst du so an?« fragte Bois-Rosés Stimme mitten aus dem Nebel.

»Señor Bois-Rosé, Señor Don Pepe, wo seid ihr?«

»Hierher!« antwortete Pepe, als er Gayferos' Stimme erkannte.

»Gott sei Dank, ich finde euch endlich wieder und brauche doch nun in diesen verfluchten Bergen nicht vor Hunger zu sterben«, sagte der skalpierte Gambusino und trat aus dem Nebelschleier hervor, der ihn bis jetzt verborgen hatte.

»Gut«, sagte Pepe zu sich; »da ist noch ein Kostgänger, der von Wurzeln ernährt werden muß. – Nun, mein Braver, Ihr seid schlecht angekommen!« antwortete er laut. »Jäger ohne Gewehr sind nur sehr schlechte Verbündete!«

»Und Don Fabian?« rief Gayferos, der es nicht vergessen hatte, daß er nur der Fürsprache dieses jungen Mannes sein Leben sozusagen verdankte. »Ist das Unglück, das ich geahnt habe, wirklich eingetreten?«

»Er ist Gefangener der Indianer, und Ihr seht uns selbst ohne Lebensmittel, ohne Munition – wie Kinder den wilden Tieren, den Indianern und, was noch schlimmer ist, dem Hunger preisgegeben. Aber ehe ich Euch alles Unglück erzähle, das uns betroffen hat, muß ich mir erst von Bois-Rosés Auskunft erbitten.«

Der Spanier zeigte dem alten Jäger am Fuß eines dichten Strauches von hohem Wermut Spuren, die der Regen nicht vollständig unter dem Laub, das sie schützte, hatte verwischen können.

»Waren auch Weiße unter ihnen?« fragte er.

»Hier sind indianische Mokassins, hier Schuhsohlen eines Weißen, wenn ich nicht irre.« Der Waldläufer brauchte die Spuren, die ihm Pepe zeigte, nicht lange zu untersuchen. »Fabians Fuß hat diese letzten Spuren nicht zurückgelassen!« sagte Bois-Rosé. »Erinnerst du dich nicht der Spuren, denen wir vor wenigen Tagen folgten, als der arme Junge, eifriger als wir, auf der Fährte des letzten Rehs, das wir getötet haben, vor uns war? Ich hoffe auf Gott; aber noch ist kein Beweis da, daß Fabian noch am Leben ist.«

»Ihr zweifelt also daran?« fragte Gayferos teilnehmend.

Zum erstenmal, seit er wieder zu ihnen gekommen war, warf Bois-Rosé einen Blick des Willkommens auf den Gambusino. Er wurde betroffen von der Veränderung, die achtundvierzig Stunden fast gänzlicher Enthaltsamkeit und großen Leidens bei diesem hervorgebracht hatten.

»Ob wir zweifeln, daß Don Fabian am Leben sei?« rief Pepe. »Ja, gewiß! Wir haben ihn nur kurz verlassen und ihn nicht wiedergefunden. Aber was sagtet Ihr denn eben von einem Unglück, das Ihr gefürchtet hättet?«

»Gestern abend«, antwortete Gayferos, »als ich euch nicht, wie ihr mir versprochen hattet, zurückkommen sah, die wenigen Nahrungsmittel aber, die ihr mir zurückgelassen habt, erschöpft waren, fürchtete ich endlich, ohne Hilfe und Beistand zurückgelassen zu sein, und entschloß mich, mir selbst zu helfen. Ich folgte eine Weile euren Spuren, die ich dicht an diesen Bergen verloren habe. Ich irrte beim Anbruch der Nacht aufs Geratewohl umher, als ich an eine Stelle gelangte, von der aus ich einen breiten Strom erblicken konnte; ich sah, daß unter mir ein Strohhut schwamm, den ich als das Eigentum dessen erkannte, den ihr Fabian nennt.«

»Wo denn?« rief Bois-Rosé und stieß einen Freudenschrei aus. »Pepe, mein alter Freund, wir sind den Räubern auf der Spur; das Kanu, das ich bemerkt hatte, gehört ohne Zweifel diesen Menschen.... Führt uns doch zu diesem Teil des Flusses.«

Man wird bemerken, daß Bois-Rosé in der Feierlichkeit seines Schmerzes den Indianern und ihren Verbündeten nicht mehr den Beinamen Schelme und Dämonen beilegte, mit denen er sie gewöhnlich bezeichnete. Das Unglück reinigt wie das Feuer alles, was es nicht verzehrt hat. Es scheint alles größer und erhabener zu machen, was es berührt. Die Freude kehrte wieder in das Herz des alten Jägers zurück, und während sie hinter Gayferos hergingen, erkundigte sich Bois-Rosé sorgfältig nach allem, was ihm während ihrer Abwesenheit begegnet war.

»Nichts«, antwortete der skalpierte Gambusino, »außer daß Gott es ohne Zweifel gewollt hat, daß sich rings um mich eine große Menge von dem wunderbaren Kraut befand, das man in meinem Vaterland Apachenkraut nennt und dessen Saft fast augenblicklich vernarbt. Ich machte einen Umschlag aus diesen Kräutern, nachdem ich sie zwischen zwei Steinen zerquetscht hatte, und die Erleichterung, die ich einige Stunden danach empfand, war so groß, daß ich Hunger bekam und die Vorräte aufaß, die ihr mir zurückgelassen hattet.«

»Und habt Ihr den Hut Don Fabians auf dem Weg zu uns gesehen?«

»Ja, und diese Entdeckung ließ mich irgendein Unglück fürchten, dessen Wirklichkeit ich sehr beklage.«

Der Spanier erzählte dem neuen Gefährten, den der Zufall ihnen sandte, rasch von der Belagerung, die sie ausgehalten hatten, und von der traurigen Entwicklung, die deren Ende gewesen war.

»Wer sind denn diese Männer, die tapferer und geschickter gewesen sind als ihr?« fragte Gayferos mit einem Erstaunen, das genugsam bewies, wie hoch er die Kraft seiner Befreier anschlug.

»Schelme, die weder Gott noch den Teufel fürchten; wir haben eine schreckliche Genugtuung zu fordern!« antwortete Pepe und nannte die beiden furchtbaren Gegner, mit denen sie ihr böses Geschick zum zweitenmal hatte zusammentreffen lassen. »Wir werden es das drittemal sehen«, fügte der Spanier hinzu.

In diesem Augenblick langten die drei Fußgänger nach vielen, durch das schlechte Gedächtnis des Gambusinos verursachten Umwegen ganz nahe bei der Stelle an, wo er sie eben getroffen hatte; dort, wo Baraja das von den beiden Piraten der Prärien bemannte Kanu in dem unterirdischen Kanal hatte verschwinden sehen.

Nur mit der größten Mühe konnten sie alle drei die schroffen Abhänge, die diesen verlorenen Arm des Flusses überragten, hinabsteigen. An den Ufern dieses Flusses hofften die beiden Jäger solche Spuren zu finden, daß sie diejenigen, die sie schon entdeckt hatten, vervollständigen konnten.

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