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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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61 Die Jagd auf wilde Pferde

Beim ersten Schimmer des Tages waren die Büffeljäger, die Vaqueros und die Reisenden schon auf den Füßen. Der Engländer saß auf einem tragbaren Feldstuhl, demjenigen ähnlich, den die Maler auf dem Land bei sich haben; er hatte sich schon die von dem weißen Pferd auf der Flucht eingeschlagene Richtung zeigen lassen. Encinas war hartnäckig genug, dieses weiße Pferd mit dem wunderbaren Renner der Prärie zu verwechseln, während der Engländer in seinem Album die Hauptzüge der vor ihm ausgebreiteten malerischen Szenen entwarf. Einige Schritte davon ging der Kentuckyer schweigend mit der Büchse auf der Schulter auf und ab wie eine Schildwache, die auf die Ausführung ihres Befehls bedacht ist.

Plötzlich fiel der Stift aus den Händen des Zeichners, und eine Wolke bedeckte seine Augen. Rosarita erschien auf der Schwelle ihres Zeltes, weiß und leicht wie die Flocke einer Morgenwolke am blauen Himmel. Die Falten ihres seidenen Vorhangs bedeckten sie noch halb, ihre aufgelösten Flechten fielen auf die nackten Schultern wie eine Garbe von wallendem schwarzem Haar. Der Anblick des Fremden, der bewunderungsvolle Blicke auf sie warf, ließ sie schnell wieder hinter ihrem blauseidenen Vorhang verschwinden.

Diese reizende Erscheinung schwebte darum aber nicht weniger vor den geblendeten Augen des jungen Engländers. Er schloß sein Album, steckte seine Stifte ein und rief seinen Leibgardisten. »Wilson!« sagte er.

»Sir?« antwortete Wilson, sich nähernd.

»Hier in der Nähe bedroht mich eine Gefahr!«

»Ist sie in unserem Kontrakt mit einbegriffen?« antwortete der umständliche Amerikaner.

Der Engländer zeigte mit dem Finger auf Doña Rosaritas Zelt.

»Die schönen Augen dieses jungen Mädchens?« fragte Wilson.

»Ja.«

»Bei Jesus Christ und dem General Jackson!« rief der Jäger. »Ich zweifle, ob das in unserem Vertrag steht.«

»Seht zu!«

Der Amerikaner zog aus einer seiner zahlreichen Taschen ein zerknittertes, beschmutztes, zerriebenes Papier, und nachdem er das Protokoll des Kontraktes gemurmelt hatte, las er laut: »Vermittels dessen, was oben steht, verpflichtet sich der obengenannte William Wilson, den Sir Frederick Wanderer vor den Gefahren der Reise zu beschützen, als da sind: feindliche Indianer, Panther, Jaguare, Bären von allen Arten und allen Größen, Klapperschlangen und andere Schlangen, Alligatoren, Durst, Hunger, Wald- und Savannenbrände usw. usw. und vor allen Gefahren im allgemeinen, wie sie auch heißen mögen, die die Reisenden in den Steppen Amerikas bedrohen können.«

»Ihr seht«, sagte Sir Frederick, den Amerikaner unterbrechend: »›vor allen Gefahren der Steppe im allgemeinen, wie sie auch heißen mögen‹!«

»Dies ist eine Gefahr der Städte.«

»Aber in der Steppe noch hundertmal gefährlicher. Wenn Ihr ein einziges Mal in Eurem Leben auf einem Ball gewesen wärt, so würdet Ihr wissen, daß hundert entblößte Frauen unendlich weniger zu fürchten sind als eine einzige unter ihnen in der Tiefe eines einsamen Waldes, wäre sie auch züchtig bis zu den Augen verschleiert.«

»Das ist möglich; es geht mich aber nichts an.« Und der unempfindliche Amerikaner ging wieder schweigend auf und ab.

»Dann muß ich mich selbst schützen«, sagte Sir Frederick. »Seid so gut und sattelt die Pferde; wir wollen aufbrechen und den Weißen Renner der Prärien verfolgen; und da es nicht in unseren Bedingungen steht, daß Ihr mein Pferd satteln müßt...«

»Ich bin Euer Leibgardist und nicht Euer Diener; das ist ausgemacht.«

»... so werde ich es selbst satteln. Ach, ich möchte Euch bitten, Euch zu erinnern, daß ich heute abend irgendeinen Wildbraten für mein Abendessen haben muß.«

Die Pferde waren bald fertig, und Sir Frederick dankte dem Hacendero für seine Gastfreundschaft, als Rosarita sich ihrem Vater näherte. Nun verneigte sich der Engländer, wie es der junge Komantsche mit der dem Wilden natürlichen Würde getan hatte, mit all dem feinen Anstand eines Mannes auf der höchsten Stufe der Bildung, der der besten Gesellschaft angehört, vor dem jungen Mädchen und sagte zu ihm: »Señorita, ich hatte den Entschluß gefaßt, mich durch keine von den Gefahren, die so oft den Reisenden aufhalten, von meinem Weg abbringen zu lassen; aber es gibt eine Gefahr, wie ich seit heute morgen bemerkte, der ich mich nur durch die Flucht entziehen kann.«

Rosaritas Schönheit hatte denselben Eindruck auf zwei Männer hervorgebracht, von denen der eine auf der ersten, der andere auf der letzten Stufe der menschlichen Gesellschaft stand. Sie lächelte bei diesen Worten, deren verborgener, aber leicht erkennbarer Sinn ihr nicht entging. Sie begriff, daß dies eine ihrer Schönheit dargebrachte Huldigung sei; dann mußte sie lächelnd erröten, denn in der Tiefe ihrer Einsamkeit war sie noch nicht abgestumpft gegen die süßen Befriedigungen der weiblichen Eigenliebe.

Der Engländer und sein Leibgardist setzten sich auf ihre Pferde und entfernten sich.

Nach dieser kurzen Schilderung der englischen und der amerikanischen Originalität wollen wir mit einem Sprung den Rest des Tages übergehen und sogleich bei dem Augenblick wiederbeginnen, wo die Sonne sich abermals nach dem westlichen Horizont neigte. Gerade in dem Augenblick näherte sich ein Reiter mit verhängten Zügeln dem Büffelsee; er war mit bloßem Kopf, sein Gesicht war zerrissen von den Dornen, und seine Lederbekleidung trug ebenfalls die Spur der Gesträuche, die er auf seinem schnellen Ritt hatte durcheilen müssen.

Es war Francisco, der Vaquero, den seine Gefährten schon als Opfer seiner Unternehmung gegen den wunderbaren Weißen Renner der Prärien gefallen glaubten. Im Grunde des Herzens fühlten sich alle getäuscht, als sie ihn gesund zurückkehren sahen. Das menschliche Schicksal ist sonderbar! Den Mann, den sie in ihrem ferneren Leben als den Helden einer phantastischen Sage hätten anführen können; von dem sie an ihren Abenden, des Nachts und um ihr Lagerfeuer hätten erzählen können, den umringten jetzt eifrig die Vaqueros und die Büffeljäger. Man befragte ihn über seine Abenteuer auf der Verfolgung.

Seine Erzählung bot durchaus nichts von den bemerkenswerten Umständen dar, die man zu hören hoffte. Durch einen sehr gewöhnlichen Zufall – nämlich durch einen Ast, dem er nicht beizeiten hatte ausweichen können – war ihm sein Hut vom Kopf gerissen. Der Vaquero hatte sich nicht Zeit genommen, ihn wieder aufzunehmen, sondern war weitergeritten. Es war ihm auch ebenso natürlich unmöglich gewesen, von seinem Lasso mitten im Wald Gebrauch zu machen.

Zwanzigmal hatte Francisco die Spur des weißen Pferdes verloren und wiedergefunden, und seine hitzige Verfolgung hatte ihn so weit geführt, daß er, als endlich das Tier gänzlich verschwunden war, sich genötigt gesehen hatte, seinem eigenen Pferd einige Stunden Ruhe zu gönnen; Reiter und Pferd hatten die Nacht fern vom See zugebracht. Was den Tag anlangt, so hatte er ihn dazu angewandt, mit seinen anderen Gefährten die wilden Pferde einzuschließen, die nicht mehr weit vom Büffelsee entfernt waren.

Diese Erzählung verminderte nicht die allgemeine Täuschung. Da jedoch der Mensch sich nicht leicht dazu entschließt, das Wunderbare durch die Wirklichkeit zu ersetzen, so stand es nichtsdestoweniger für die Vaqueros fest, daß Francisco eine Wachskerze seinem Schutzheiligen dafür schuldig sei, daß dieser ihn vor den Schlingen des Satans bewahrt hatte. »Das ist ganz gleich«, sagte der angehende Vaquero; »alles hierin beweist, daß es wirklich der Weiße Renner von Texas ist.«

»Dieser Vaquero, der ins Wasser stürzt, und sich zuerst beinahe den Hals bricht!«

»Francisco, ein so geschickter Lassowerfer, hat ihn nicht erreichen können!« fügte ein anderer hinzu.

»Und dieser ketzerische Engländer mit den tausend Piastern, die er uns immer noch anbot!« fuhr Encinas fort. »All dies ist nicht natürlich.«

Diese Überzeugung gewann endlich Francisco selbst, als seine Kameraden ihm Encinas' abergläubische Sage erzählten. Der Vaquero bekreuzigte sich mehrmals; er dankte dem Himmel, nicht der Gefahr unterlegen zu sein, die, ohne daß er es wußte, über ihm geschwebt hatte.

Die Nachrichten, die der Vaquero Don Agustin mitbrachte, waren die, daß der Kreis derer, die den Wald abtrieben, während der Nacht enger gezogen worden sei, daß der Tag ebenso wie die Nacht angewandt worden wäre und daß man sich bereithalten müßte. Man ließ also jegliche Unterhaltung beiseite, um die Vorbereitungen vom vorigen Abend wiederaufzunehmen.

Die Zelte wurden abermals abgebrochen, die Pferde vom See und vom Corral entfernt. Die anwesenden Vaqueros verteilten sich unter die Baumstämme, und die vier Büffeljäger nahmen ihren Platz hinter den Pfählen der Einfriedung ein und hielten sich bereit, den Zugang in diese mit Hilfe der schweren, aber handlichen Stangen zu verschließen, sobald die wilde Herde sich in den Corral geflüchtet haben würde. Die Gefahr, von den erschreckten Pferden unter die Füße getreten zu werden – die einzige übrigens, der man bei dieser mehr malerischen als gefahrvollen Jagd ausgesetzt war –, fiel deshalb diesen letzteren zu.

Eine Art grob gearbeitete Brücke war über den Kanal, durch den der Büffelsee abfloß, geschlagen worden, und der Hacendero, seine Tochter und der Senator konnten sich unter dem grünen Bogengang, den die Zweige der Bäume bildeten, in Sicherheit niederlassen, ohne nur einen Blick von dem verführerischen Schauspiel, das man sich versprach, zu verlieren. Als jeder seinen Posten eingenommen hatte, warteten alle unbeweglich und schweigend auf die Ankunft der Kavalkade.

Das Geschrei einer Weihe, die über die Lichtung flog, hatte die Vögel unter dem Blätterdach zum Schweigen gebracht, und die vollständigste Ruhe herrschte in der Umgebung des Sees.

Bald erscholl mitten in dieser tiefen Stille ein schrilles Pfeifen wie dasjenige, das die Vaqueros und die Pferdetreiber hören lassen, bis zu den Ohren der Jäger. Das war ein Zeichen, daß die Treiber sich eben in Bewegung gesetzt hatten, um die Kavalkade nach ihrer Seite wegzujagen. Darauf mischte sich Geschrei in das Pfeifen, das sich von rechts und von links und von allen Seiten her näherte. Kurze Zeit darauf widerhallte noch fernes Wiehern in der Tiefe des Waldes, aber so zahlreich, daß es auf eine beträchtliche Zahl wilder Pferde schließen ließ.

Dieses Wiehern ließ sich auch in der Richtung vom Red River her vernehmen, d. h. in gerader Linie von seinen Ufern nach der Stelle, wo der Hacendero, seine Tochter und der Senator auf ihrer fliegenden Brücke standen, um die Jagd anzusehen. Es war ein Unglück zu fürchten, wenn die wilde Herde auf dieser Seite hervorbrach. Das junge Holz wäre nicht imstande gewesen, den wütenden Anlauf dieser Tiere aufzuhalten, die auf ihrer Flucht im Wald ähnliche Verheerungen wie der Orkan hervorbringen.

Don Agustin sah die Gefahr voraus und rief drei Vaqueros, die ihre Posten verließen und zu ihm kamen. »Glaubt ihr«, fragte der Hacendero einen von ihnen, »daß die Kavalkade hierher kommen könnte?«

»Das ist wohl möglich«, antwortete einer der Vaqueros, »und ich dachte schon an die Gefahr, die Ihr laufen könntet, wenn man nicht Ordnung hineinbrächte. Wenn es Euch deshalb also genehm ist, so wollen wir, meine beiden Kameraden und ich, den Platz, den Ihr uns bezeichnet hattet, verlassen und uns hinter Euch längs dieses Kanals in den Hinterhalt legen.«

»Ich würde lieber«, erwiderte Don Agustin, »unsere Stellung verlassen, als euch einer nutzlosen Gefahr aussetzen.«

Die drei Vaqueros waren gewohnt, allen Gefahren, die ihr Gewerbe mit sich brachte, zu trotzen. Sie antworteten also auf die Rücksicht, die ihr Herr auf sie nahm, nur dadurch, daß sie sich einer nach dem anderen unbemerkt längs der steilen Ufer des schmalen Zugangs zum See hinschlichen und sich etwa hundert Schritt von da in der Richtung nach dem Fluß hin als vorgeschobene Schildwachen aufstellten. Das war die letzte Maßnahme, die man noch zu treffen Zeit hatte, denn der Augenblick nahte, der über das Schicksal der edlen Tiere entscheiden sollte, die von den Jägern zu der unheilbringenden Einfriedung getrieben wurden, wo Sklaverei und Gefangenschaft auf sie warteten.

Das Getöse jeder Art vermehrte sich bald überall. Zuerst war es das durchdringende Geschrei und das schrille Pfeifen der Vaqueros, die durch den Wald sprengten und einander zuriefen und antworteten. In den seltenen und kurzen Zwischenräumen des Schweigens – wenn man so den Klang der zahlreichen Echos der Einöden nennen darf, die die menschlichen Stimmen wiederholten – erklangen das Wiehern der erschreckten Pferde und das dumpfe Schnauben ihrer Nüstern wie das noch unterdrückte Wehen des Ungewitters. Alle Bewohner des Waldes wurden unruhig vor Schrecken; Scharen von Vögeln flogen kreischend aus den Gipfeln der Bäume, Eulen flatterten verstört im Licht des Tages, und die Hirsche erschraken selbst in den Tiefen ihrer Zufluchtsorte und entflohen vom Ort des Getümmels.

Bald krachten die Gesträuche, die jungen Bäume stöhnten unter dem Anlauf der Pferde, und deren hellklingendes Gewieher und das Geschrei der Jäger wurden immer lauter, je näher sie kamen, und mischte sich mit dem Dröhnen der Erde, das wie Donner aus deren Tiefen hervortönte. Einige Augenblicke hindurch hätten das Geschrei, das Geheul der Vaqueros, das Wiehern der Pferde und das Krachen der Bäume, das alles vom Echo wiederholt wurde, zu dem Glauben verleiten können, daß eine Legion von Dämonen ihr Geheul ausstieß und unter den düsteren Gewölben des Waldes hingaloppierte.

Wir bedauern lebhaft, daß wir nicht imstande sind, die folgenden Szenen würdig zu schildern. Die Lawine, die donnernd herabrollt, das Wasser, das durch die zerrissenen Schleusen bricht, der Waldstrom, der plötzlich anschwillt, wenn er von den Bergen in sein trockenes Bett herabstürzt, vermöchten keinen vollständigen Begriff von dem furchtbaren Lärm zu geben, der aus den Tiefen des Waldes in dem Augenblick hervorklang, als der grüne Vorhang, der die Lichtung einschloß, sich an hundert Stellen zugleich öffnete. Durch jede dieser Öffnungen sah man eine Woge von wilden Köpfen mit vor Schrecken flammenden Augen, mit roten Nüstern und flatternden Mähnen herausstürzen. Dann vereinigten sich diese Wogen, um ein stürmisches, vielfarbiges Meer zu bilden, auf dem wie sich brechende Wellen, deren Rücken mit Schaum bedeckt ist, wallende Mähnen und flatternde Schweife hin und her flogen und gleich der hohen See übereinanderstürzten.

Bald drangen auch die Vaqueros mit feurigen Augen und berauscht von dem Geschrei, das sie ausstießen, durch die weiten, von der Brust der Pferde gemachten Öffnungen im Galopp hervor und sprengten, ihre Lassos durch die Luft schwingend, herbei.

Einen Augenblick lang teilte sich das brausende Meer der Pferde, die nicht wußten, welche Richtung sie einschlagen sollten.

Nun stürzten aber die zwölf Männer zu Fuß herbei, schwangen ihre Hüte mit der Hand und warfen sich pfeifend und mit wildem Geschrei auf die einen Augenblick lang aufgelöste Kolonne, auf die Gefahr hin, von zweihundert Pferden unter die Hufe getreten zu werden. Die Tiere waren nun von vorn und von hinten durch zahlreiche und lärmende Feinde bedrängt; sie standen einen Augenblick still, während welcher Zeit die Erde zu zittern aufhörte und die Oberfläche des Büffelsees sich nicht mehr kräuselte und nicht mehr gegen die Ufer schlug.

Dies war ein Augenblick schrecklicher Verzögerung; die Kolonne brauchte nur rechts oder links auszubrechen, und die Vaqueros zu Pferd wie zu Fuß waren zermalmt wie die Kornähre unter dem Dreschflegel. »Laßt nicht nach, Kinder!« rief Don Agustin, der, von seinem Eifer fortgerissen, auf das Ufer des Sees sprang und ein gewaltiges Geschrei ausstieß.

Wütendes Geschrei antwortete dem seinigen; dann stürzte das Pferd, das die Kolonne führte und seit einiger Zeit seine blitzenden Augen auf das mit Zweigen bedeckte Pfahlwerk und auf die in der Einfriedung angebrachte Öffnung richtete, mit gesenktem Kopf hinein; die ganze Herde folgte ihm und stürzte sich hinein wie das Wasser in das zu seiner Aufnahme bestimmte Bassin.

»Hurra! Hurra!« rief der Hacendero. »Wir haben sie!«

Freudengeschrei erhob sich von allen Seiten in dem Augenblick, wo Encinas und seine Gefährten, die einen Augenblick von dieser lebendigen Lawine verschüttet waren, sich aus dem Corral durch den Zwischenraum zwischen den Stangen schlichen, die sie fest in ihre Fugen hineingestoßen hatten.

Einige Sekunden verflossen, ohne daß diese stolzen Kinder des Waldes ihre Gefangenschaft bemerkt hätten; als sie aber zum erstenmal in ihrem Leben fühlten, daß sie von einer Mauer von Baumstämmen umgeben seien, die der Kopf auch des größten unter ihnen kaum überragte, so erscholl ein Gewieher rasenden Schmerzes wie das Schmettern von hundert Trompeten. Dieses Meer von wütenden Tieren, die wieherten und vor Zorn schnaubten – ähnlich dem Getöse des Windes, der durch die Wälder braust –, war ein prachtvolles Schauspiel. Hier zeigten sich ganze Gruppen von erschreckten Köpfen, deren blitzende Augen nach allen Seiten spähten und die ganze Wogen von Schaum von sich schleuderten; dort sah man ineinander verschlungene Körper, die sich kreuzten und umwälzten. Das wütende Geschrei der Pferde wurde von einem Triumphgeschrei der Vaqueros beantwortet. »Ah! Er ist dabei! Er ist dabei!« rief Encinas aus.

»Wer?« riefen zwanzig andere Stimmen.

»Der Weiße Renner der Prärien!« antwortete der Büffeljäger.

In der Tat war der schönste und edelste von diesen edlen und schönen Rennern der Steppe, das feurigste unter diesen feurigen Tieren dabei. Das aufgeregteste und schnellste von allen war ein Pferd von fleckenlosem Weiß wie die Blüte der Wasserlilie; es war dasjenige, das man am Tag vorher vergeblich verfolgt hatte. Das stolze Tier stürzte mit feurigen Augen von dem einen Ende des Corrals zum anderen und warf diejenigen von seinen Unglücksgefährten in seinem Zorn zu Boden, die dem Stoß seiner Brust nicht ausweichen konnten. Ein weiter Raum bildete sich um das springende Tier, das seine weiße Mähne schüttelte und ein Gewieher klagender Wut ausstieß.

»Dorthin! Dorthin!« rief Encinas aus und stürzte zu der Stelle hin, wo der Weiße Renner sich anschickte, hinüberzuspringen.

Aber es war schon zu spät. Der Kreis, der sich um ihn geöffnet hatte, gestattete ihm, seinen Körper auf seinen Sprungfesseln zusammenzunehmen. Die Jäger sahen, wie eine weiße Linie die Luft wie ein Pfeil durchschnitt; das Pferd fiel jenseits der Einfriedung auf seine biegsamen, sprungkräftigen Füße, und dann verschwand es abermals unter dem Gewölbe der Bäume.

Ein wütendes Geschrei der Männer begleitete die Flucht des Pferdes; es blieben jedoch noch ungefähr zweihundert andere in dem Pfahlwerk zurück, und das war genug, um die Jäger für den Verlust des schönsten unter ihnen zu entschädigen.

»Nun, zweifelt ihr jetzt noch daran, daß dieses Pferd der Teufel ist?« rief Encinas.

Niemand antwortete; alle waren davon überzeugt.

Der kurz vorher leere Kreis füllte sich sogleich wieder, und die gefangenen Pferde, die selbst einander hinderlich waren, konnten nur noch eine Woge bilden, die stets von einem Ende des Corrals zum anderen rollte. Einen Augenblick stürzte sich diese Welle gegen die Einfriedung; aber die starken Pfähle, aus denen sie bestand, stöhnten und krachten, ohne nachzugeben.

Ein feuchter Dunst schwebte wirbelnd über all diesen keuchenden Tieren. Die einen bissen wütend in die unerschütterlichen Palisaden, andere scharrten die Erde mit ihren Hufen auf, und noch andere unterlagen den in ihnen tobenden Leidenschaften und stürzten wie vom Blitz getroffen auf die Erde, von der sie sich nicht wieder erhoben. Dann hörte die Kavalkade wie ein Meer siedender Lava, die endlich kalt wird, nach und nach auf, gegen ihre Dämme zu wüten; die Bestürzung folgte der Wut und eine düstere Regungslosigkeit auf die unsinnigen Sprünge.

Die wilden Bewohner des Waldes waren besiegt. –

Wir haben nur noch einige Worte über diesen Gegenstand zu sagen. Es kommt zuweilen vor, daß ein schlecht errichtetes Pfahlwerk der wütenden Anstrengung von einigen hundert Pferden, die mit einem Mal dagegenrennen, nachgibt. Dann ist es wie ein Waldstrom, den nichts aufhalten kann – weder das Geschrei noch die Anstrengungen, noch die Lassos von tausend Jägern. Die Pferde werfen alles nieder, was ihnen in den Weg kommt: Menschen und Bäume. Die wütenden Tiere fliehen wie der Wind, und ein Krachen folgt ihnen wie das eines Waldes, der von der Erde verschlungen wird, oder wie das zweier Berge, die gegeneinanderstoßen. Eine dicke Staubwolke bedeckt die fliehenden Pferde, und das Schweigen, das bald dem Krachen folgt, beweist, daß sie in kurzer Zeit Meilen zwischen sich und ihre Verfolger gelegt haben.

Das sind die Ereignisse, die oft alle Vorsicht und alle Anstrengungen der Jäger vereiteln; glücklich genug, wenn nicht eine große Anzahl von ihnen unter den Hufen der Pferde zermalmt oder wenigstens schwer verwundet ist!

Jetzt kennt der Leser die gewöhnliche Entwicklung dieser Art von Jagd! –

Die wilden Bewohner des Waldes waren besiegt, sagten wir; sie mußten aber auch noch durch Hunger gebändigt werden, ehe man sie zu den Agostaderos, den Weideplätzen, mit Hilfe dazu abgerichteter Stuten führen konnte. Dazu brauchten die Jäger noch fünf oder sechs Tage, in denen sie Schritt für Schritt den Wirkungen des Hungers folgen mußten; dieser allein nur vermag die Tiere, die vielleicht am meisten auf ihre Freiheit eifersüchtig sind, zu bändigen und sie an die Gegenwart des Menschen zu gewöhnen.

Die Nacht breitete abermals ihren dunklen Mantel über die Natur.

Es war eine festliche Nacht für die triumphierenden Vaqueros, die eine von jenen Heldentaten der Jagd vollbracht hatten, von denen man noch lange Zeit in den Nächten spricht, die man wachend in den Savannen zubringt. Don Agustin hatte eine reichliche Menge katalonischen Branntwein unter seine Leute verteilen lassen, und die Jäger saßen nun um ein großes Feuer, an dem sie ein ganzes Reh brieten, und unterhielten sich von ihren Heldentaten, als die Sterne schon Mitternacht verkündeten.

Wir dürfen jedoch jetzt nicht vergessen, daß noch viele andere Personen dieser Erzählung unsere Teilnahme in Anspruch nehmen; daß Diaz noch in der Steppe umherirrt, daß der Komantsche der Spur der beiden Freibeuter folgt und daß endlich Bois-Rosé den in seiner Abwesenheit geraubten Fabian beweint. Ehe wir jedoch der Persönlichkeit folgen, durch die wir die anderen wiederfinden werden, wollen wir noch einen letzten Blick auf den Büffelsee werfen.

Noch lange widerhallte der Wald von dem lustigen Gelächter der Jäger, das sich in das klagende Gewieher der wilden Pferde im Corral mischte.

Als die Flaschen geleert und von dem Reh nur noch die Knochen übrig waren, die die Dogge des Büffeljägers unter ihren furchtbaren Kinnbacken erkrachen ließ, stockte die Unterhaltung und ging allmählich ganz aus. Dann warfen die Vaqueros neues Holz in das Feuer, hüllten sich in ihre Wolldecken, streckten sich auf das dichte Gras der Lichtung und überließen sich dem Schlaf, den sie so wohl verdient hatten, ohne daran zu denken, daß verdächtige Spuren im Wald gesehen worden waren. Das Schweigen der Nacht wurde nur von den Tieren unterbrochen, die dazu bestimmt waren, bald das demütigende Joch der Peitsche und der Sporen zu tragen. Der Mond vereinigte später auf dem ruhigen Wasserspiegel des Büffelsees seinen bleichen Schein mit dem rötlichen Glanz des Feuers. Seine Strahlen und der Schein der Glut fielen auf die für die Herrschaft errichteten Zelte und auf die zahlreichen im Gras um sie her lagernden Diener.

Niemals hatte der See einen zugleich malerischeren und ruhigeren Anblick dargeboten als in dieser Nacht.

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