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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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5 Der Vertrag

Die beiden Spieler verschoben einstweilen die Partie, die eben beginnen sollte, und wandten den Kopf nach der Stelle, wo der Lärm sich hören ließ. Am Vereinigungspunkt der beiden Wege zeigte eine sich plötzlich erhebende Staubwolke die Ankunft einer zahlreichen Schar von Pferden an, die einflußreiche oder sehr wohlhabende Personen der Provinz Sonora auf der Reise vor sich her zu schicken pflegen.

Diese Pferde von einer an die Freiheit auf unermeßlichen Weiden gewöhnten Rasse sind gerade noch ebenso kräftig, wenn sie zwanzig Meilen, ohne geritten zu werden, zurückgelegt haben, als ob sie eben aus dem Stall kämen. Man sattelte sie abwechselnd der Reihe nach während der längsten Reisen, die man auf diese Weise mit einer Schnelligkeit zurücklegt, die der Geschwindigkeit europäischer Posten, wo jeder Haltepunkt frische Pferde liefert, gleichkommt. Wie es gewöhnlich der Fall ist, ging eine Stute, mit einem Glöckchen versehen, als Führerin dem Zug voraus, der aus ungefähr dreißig Pferden bestand.

Ein Reiter aus dem Gefolge der Reisenden, die sich so pomphaft ankündigten, kam im Galopp heran. Er sprengte bei den Pferden vorbei und hielt die Stute an, wodurch die ganze Schar zum Stehen kam. Mitten im Staub, den der Wind überallhin zerstreute, begann sich ein berittener Zug zu zeigen. Er bestand aus fünf Reitern. Zwei von ihnen schienen die Herren der drei anderen zu sein, die ihnen ziemlich nahe folgten.

Der erste der beiden, die an der Spitze ritten, war ein Mann von mehr als mittlerer Größe. Er schien die Vierzig überschritten zu haben. Ein grauer niedriger Filzhut mit breiten Rändern schützte ihn vor den glühenden Strahlen der Sonne. Er war mit einem Dolman aus dunkelblauem Tuch, der reich mit seidenen Schnüren besetzt war, bekleidet, den ein weiß besticktes Taschentuch von himmelblauer Seide, das man »Pano de Sol« nennt, fast ganz umhüllte. Unter einer glühenden Atmosphäre dient die weiße Farbe dieser Art Schärpe wie der Burnus der Araber dazu, die Sonnenstrahlen zurückzuwerfen. An seinen mit Korduanleder von gelblicher Farbe bekleideten Füßen waren stählerne Sporen an einem breiten, silber bestickten Riemen befestigt. Das Klirren ihrer Räder mit fünf Spitzen und ihrer Kettchen verband sich mit dem silberhellen Klingeln, nach dem die mexikanischen Reiter wie einst die Ritter des Mittelalters den Schritt ihrer Pferde abzumessen lieben. Sein Reitmantel war reich mit Gold besetzt und hing an beiden Seiten des Sattelbogens herunter; er bedeckte mit seinen Falten ein weites Beinkleid, das der ganzen Länge der Füße nach mit Knöpfen aus Silberdraht verziert war. Sein Sattel endlich, bestickt wie die Riemen seiner Sporen, vervollständigte einen Anzug, dessen Gesamteindruck bei einem Europäer Erinnerungen aus einem früheren Jahrhundert hervorrufen mußte.

Einige weiße Haare begannen sich unter die schwarzen zu mischen, die sich kräftig an den Schläfen kräuselten. Seine Züge, sonnverbrannt wie bei den Männern, die lange Zeit in tropischem Klima gelebt haben, schienen von einer Beweglichkeit zu sein, die stürmische Leidenschaften ahnen ließ. Seine leicht gekrümmte Nase überragte einen Schnurrbart, der seinen Mund beschattete. Seine schwarzen und lebhaften Augen blitzten unter einer knochigen, breiten und von frühzeitigen Falten durchfurchten Stirn.

Übrigens bedurfte der Reiter des reichen Anzugs nicht, den er trug, um seine stolze Haltung zu erhöhen, die die Gewohnheit zu befehlen und den Umgang mit der vornehmen Welt auf den ersten Blick erkennen ließ.

Sein Begleiter war viel jünger als er und viel auffallender gekleidet; aber seine unbedeutende Figur und seine Haltung – obwohl nicht ohne eine gewisse Eleganz – kamen lange nicht dem aristokratischen Aussehen des Reiters mit dem gestickten Tuch gleich.

Die drei folgenden Diener gaben mit ihren von der Sonne fast geschwärzten Zügen, ihrer fast verwilderten Figur, ihren langen Lanzen mit scharlachfarbigen Fähnchen und mit dem Lasso, das an ihrem Sattelknopf hing, dem sich nähernden Reitertrupp ein seltsames, den amerikanischen Gewohnheiten eigenes Ansehen. Zwei Maulesel, mit enormen Reisetaschen beladen, in denen sich die für die Haltepunkte nötigen Matratzen und andere Taschen mit tragbaren Flaschenfutteralen befanden, folgten den drei Dienern.

Beim Anblick Cuchillos und Barajas machte der erste der beiden Reiter halt, und die ganze Truppe folgte seinem Beispiel.

»Das ist Don Estévan«, sagte Baraja halblaut. »Hier ist der erwartete Mann«, nahm er das Wort, indem er den Banditen dem Reiter mit dem »Pano de Sol« vorstellte.

Don Estévan – denn er war es – warf auf Cuchillo einen durchbohrenden Blick, der bis auf den Grund seiner Seele zu dringen schien, und ließ ein Zeichen der Überraschung entschlüpfen.

»Ich habe die Ehre, Eurer Herrlichkeit die Hände zu küssen«, sagte Cuchillo; »ich bin es wirklich, der ...« Aber trotz seiner gewöhnlichen Unverschämtheit hielt der Bandit schauernd ein in dem Maße, als unbestimmte Erinnerungen in seinem Gedächtnis bestimmter hervortraten; denn diese beiden Männer hatten seit langen Jahren nicht mehr Angesicht gegen Angesicht einander gegenübergestanden.

»Ei, wenn ich mich nicht irre«, sagte der Spanier mit ironischer Miene, »so sind Herr Cuchillo und ich alte Bekannte; obgleich er damals nicht diesen Namen trug ...«

»Ebenso wie Eure Herrlichkeit, die sich damals nannte ...«

Arechiza zog die Augenbrauen zusammen, und sein schwarzer Schnurrbart sträubte sich auf seiner Oberlippe.

Cuchillo beendete seinen Satz nicht; er hatte vielmehr begriffen, daß er das, was er wissen konnte, verschweigen mußte, und diese Art von Mitschuld gab ihm seine natürliche Sicherheit wieder. »Ein Name ist in meinen Augen wie ein Schlachtpferd«, sagte er unverschämt; »man wechselt, sobald es unter einem getötet ist.«

Cuchillo gehörte wirklich zu jenen Leuten, die den unglückbringenden Vorzug haben, den Namen, die sie tragen, eine schnelle und traurige Berühmtheit zu geben; und Cuchillo wechselte oft damit.

»Herr Senator«, sagte Arechiza, indem er sich an seinen Reisegefährten wandte, »scheint Euch diese Stelle nicht günstig, um hier haltzumachen und Siesta zu halten, bis die größte Hitze des Tages vorüber ist?«

»Señor Tragaduros y Despilfarro wird Schatten in einer Hütte finden, die er nur zu wählen braucht, um dort Mittagsruhe zu halten«, sagte Cuchillo, der den Senator von Arizpe schon kannte. Er wußte, daß dieser sich dem Glück Don Estévans aus dem verzweifelten Grund angeschlossen hatte, um durch einen neuen Glückswurf sein Vermögen wiederherzustellen, das er schon längst durchgebracht hatte. Trotz des schlechten Zustands seiner Finanzen hatte doch der Senator nichtsdestoweniger im Kongreß der Provinz Sonora einen bedeutenden Einfluß, den Don Estévan schon genützt hatte.

»Ich stimme von ganzem Herzen Euren Wünschen bei«, antwortete Tragaduros; »um so mehr, als wir schon den Ritt von fünf Stunden Wegs in den Beinen fühlen.«

Zwei Diener stiegen ab, um die Zügel der Pferde ihrer Herren in Empfang zu nehmen; die beiden anderen luden die Maultiere ab. Darauf bereiteten sie in denjenigen Hütten des Dorfes, die die reinlichsten schienen, ein Lager für den Senator und eines für Don Estévan.

Wir wollen den Senator, der sich ganz angekleidet auf seine Matratze geworfen hatte, dem tiefen Schlaf überlassen, den nur die Gerechten und Reisenden besitzen, um Arechiza in die Hütte zu begleiten, die er in einiger Entfernung von der Tragaduros gewählt hatte.

Cuchillo trat auf eine Einladung Don Estévans gleich nach ihm ein und verschloß sorgfältig ein Flechtwerk von Bambus, das die Stelle der Tür vertrat, als ob er das geringste Geräusch, das nach draußen dringen könnte, gefürchtet hätte; dann wartete er, bis der Spanier das Wort an ihn richtete.

Dieser setzte sich auf das eiserne Feldbett, das man eben aufgeschlagen hatte; Cuchillo nahm Platz auf einem Ochsenschädel, der sich dort statt eines Fußschemels fand, ganz nach der Sitte dieser Landstriche, wo der Luxus der Stühle – wenigstens für die armen Klassen – beinahe bei dieser Erfindung stehengeblieben ist.

»Ich setze voraus«, sagte Arechiza, indem er das Schweigen unterbrach, »daß Ihr tausend Ursachen habt, um zu wünschen, ich möchte Euch nur unter Eurem jetzigen Namen Cuchillo kennen. Ich selbst – ohne Zweifel aus anderen Beweggründen als Ihr – will hier nur Don Estévan Arechiza sein und nichts weiter. Wohlan denn, Señor Cuchillo«, fuhr er mit einer gewissen spöttischen Geziertheit fort, »laßt Ihr uns nun dieses wichtige Geheimnis wissen, das Euer und mein Glück gründen soll?«

»Einen Augenblick Geduld noch, und Ihr sollt es erfahren, Don Estévan de Arechiza«, antwortete Cuchillo fast in demselben Ton.

»Ich höre Euch – aber vor allem keinen Rückfall, keine Treulosigkeiten; wir sind hier in einem Land, wo es nicht an Bäumen fehlt!« sagte der Spanier ernst. »Und Ihr wißt, wie ich die Verräter bestrafe.«

Bei dieser Anspielung auf eine Vergangenheit, die sich ohne Zweifel wieder an irgendeine geheimnisvolle Erinnerung knüpfte, bedeckte sich das Antlitz des Banditen mit einer bleiernen Farbe. »Ja, ich erinnere mich«, sagte er, »daß es nicht Euer Fehler ist, wenn ich nicht an einen Baum gehängt bin. Vielleicht würde es viel klüger sein, mich nicht an eine alte Beleidigung denken zu lassen und Euch zu erinnern, daß Ihr nicht mehr in einem eroberten Land seid und daß, wie Ihr sagtet, wir von Wäldern, aber von düsteren ... und besonders von stummen Wäldern umgeben sind.«

In dieser Antwort Cuchillos, verbunden mit seinem Anblick und seiner unheilschwangeren Vergangenheit, lag ein so drohender Ton, daß es einer gewissen Festigkeit des Herzens bedurfte, um nicht zu bedauern, eine Erinnerung solcher Art hervorgerufen zu haben.

Don Estévan hatte nur ein kaltes Lächeln für den Banditen. »Ich würde diesmal auch niemand mit der Hinrichtung eines Verräters beauftragen«, sagte er und schleuderte Cuchillo einen Blick zu, der dessen Auge sich zu Boden senken ließ. »Was Eure Drohungen betrifft, so spart sie für Leute Eurer Art, und vergeßt nicht, daß zwischen meiner Brust und Eurem Dolch immer ein unüberschreitbarer Raum bleiben wird!«

»Wer weiß?« murmelte Cuchillo, indem er jedoch den Zorn, der sich in ihm regte, unterdrückte. Darauf nahm er wieder in besänftigtem Ton das Wort. »Aber ich bin kein Verräter, Don Estévan, und was ich Euch vorschlagen will, ist durchaus ehrlich.«

»Sehen wir denn!«

»Ihr wißt«, begann Cuchillo, »daß ich schon vor einigen Jahren das Gewerbe eines Gambusino betrieben habe; ich habe darum auch viele Landstriche zwischen den vier Hauptpunkten durchlaufen, und ich habe gesehen, gnädiger Herr, was vielleicht noch kein menschliches Auge von einem Goldlager gesehen hat.«

»Ihr habt gesehen und nichts mitgenommen?« fragte der Spanier mit spöttischer Miene.

»Spottet nicht, Don Estévan«, erwiderte feierlich Cuchillo; »ich habe eine Goldader gesehen, reich genug, um ihren Besitzer über alle Zufälle des Glücks zu heben, reich genug, um den unersättlichsten Ehrgeiz zu befriedigen, endlich reich genug, um ein ganzes Königreich zu kaufen.«

Don Estévan konnte bei diesen Worten, die vielleicht irgendeinem Wunsch entsprachen, den er tief in seinem Herzen verbergen mußte, eine gewisse Bewegung nicht unterdrücken.

»So reich«, fuhr der Bandit mit aufgeregter Miene fort, »daß ich keinen Anstand genommen hätte, meine Seele dafür dem Teufel zu verschreiben ...«

»Der Teufel wird nicht so dumm sein, eine Seele so hoch anzuschlagen, die er immer umsonst bekommen wird; aber wie habt Ihr diese Goldstelle entdeckt?«

»Es gab einen in der ganzen Provinz Sonora berühmten Gambusino. Er nannte sich bei seinen Lebzeiten Marcos Arellanos. Er hatte diese Bonanza mit noch einem anderen Gambusino wie er zusammen entdeckt. Aber in dem Augenblick, wo sie diese ausbeuten wollten – einem Teil nach wenigstens –, griffen die Indianer sie an; der Gefährte Arellanos wurde getötet, Marcos entkam unter tausend Gefahren. Er kehrte gerade wieder von seiner Heimat zurück, als der Zufall uns Bekanntschaft in Tubac machen ließ. Dort schlug er mir eine zweite Unternehmung vor; ich nahm an, und wir brachen auf. Wir kamen zum Val d'Or, wie er es nannte. Hilf Himmel!« schrie Cuchillo plötzlich. »Man mußte diese Goldblöcke in der Sonne funkeln sehen und sich tausend glänzende Gestalten vor das Auge zaubern lassen! Unglücklicherweise konnten wir nur unsere Augen sättigen; wir mußten ebenfalls fliehen; ich kam allein zurück ... Armer Arellanos, ich habe ihn ... sehr bedauert! Wohlan – dieses Geheimnis des Val d'Or will ich Euch verkaufen.«

»Mir wollt Ihr es verkaufen? Und wer bürgt mir für Eure Treue?«

»Mein eigener Vorteil. Ich verkaufe Euch das Geheimnis, aber ich veräußere meine Rechte auf diese Goldgrube nicht. Ich habe vergeblich versucht, eine Expedition wie die Eure zustande zu bringen – es ist mir nicht gelungen; aber Eure achtzig Mann – und das ist der Grund, warum ich mich an Euch allein gewandt habe – sichern Euch den Erfolg. Wenn wir Euren Anteil, das Fünftel, das Euch von Rechts wegen als Chef zukommt, abziehen, so wird ein Teil des Schatzes dazu nötig sein; wenn wir aber den Anteil berechnen, den die Überlebenden von denen, die wir verlieren werden, erben, so wird für jeden von uns noch genug übrigbleiben, um den Rest seiner Tage im Überfluß zuzubringen. Ich verlange also außer dem Preis für mein Geheimnis zu meinem Anteil als Führer der Expedition den zehnten Teil der Beute, denn ich werde für Euch zugleich Führer und Bürge sein.«

»So verstehe ich es auch. Und wie hoch stellt Ihr den Preis Eurer Entdeckung?«

»Eine Kleinigkeit. Das Zehntel, das Ihr mir bewilligen wollt, soll mir genug sein, da ich mich einmal nicht allein dieser unnahbaren Schätze bemächtigen kann. Eure Herrlichkeit wird mich außerdem, sobald meine Tätigkeit beginnt, freihalten, was ich auf etwa fünfhundert Piaster anschlage.«

»Ihr seid vernünftiger, als ich dachte, Cuchillo«, antwortete Arechiza. »Es gilt: fünfhundert Piaster und der zehnte Teil der Beute.«

»So groß er auch sein mag?«

»So groß er auch sei. Jetzt habt Ihr mein Wort, und nun bleibt mir nur noch übrig, einige Fragen an Euch zu richten. Befindet sich dieses Val d'Or auf dem Weg, den – wie ich gerechnet habe – die Expedition einschlagen soll?«

»Die Goldgrube ist jenseits des Presidio von Tubac, und da die Expedition von diesem letzteren Ort aus aufbricht, so werdet Ihr an Eurem Marschplan nichts zu ändern haben.«

»Gut. Und Ihr habt das Val d'Or mit eigenen Augen gesehen, sagt Ihr?«

»Ich habe es gesehen, ohne es anrühren zu können; ich habe es gesehen und mit den Zähnen geknirscht wie der Verdammte, der mitten durch die Flammen der Hölle eine Landschaft des Paradieses erblickt«, sagte Cuchillo, dessen ganze Haltung unzweifelhaft den Schmerz der getäuschten Habgier verriet.

Arechiza konnte zu gut auf dem menschlichen Antlitz die geheimen Gefühle des Herzens lesen, um länger an der Wahrhaftigkeit Cuchillos zu zweifeln; dann waren auch fünfhundert Piaster für ihn nur eine unbedeutende Summe. Und ist nicht überdies der Ehrgeizige gezwungen, etwas dem Zufall zu opfern? Er erhob sich, nahm aus einer elfenbeinernen Schatulle von geringem Umfang, die aber sehr schwer und am Kopfende seines Lagers niedergesetzt war, einen Beutel aus Damhirschfell, der sich darin befand, und holte eine Handvoll Quadrupel heraus. Er zählte zweiunddreißig davon Cuchillo hin, der sie selbst sorgsam wiederzählte, ehe er sie in seine Tasche steckte.

Der Bandit hatte etwas mehr empfangen, als ihm zukam, aber er beklagte sich deshalb nicht, kreuzte nach spanischer Sitte den Daumen mit dem Zeigefinger der rechten Hand und sagte: »Ich schwöre aufs Kreuz, daß ich die Wahrheit sagen will – nichts als die Wahrheit. Nach zehn Tagesmärschen jenseits Tubac, nordwestlich, werden wir an den Fuß einer Bergkette gelangen. Sie ist leicht wiederzuerkennen, denn ein dicker Nebel umhüllt sie Tag und Nacht. Ein kleiner Bach fließt längs dieser aufeinanderfolgenden Hügel; man muß ihn aufwärts verfolgen bis zum Zusammenfluß mit einem anderen Bach. An dem Punkt, wo die beiden Flüsse sich vereinigen und eine Landzunge bilden, erhebt sich ein abschüssiger Hügel, auf dessen Gipfel sich das Grabmal eines Apachenhäuptlings erhebt. Wenn ich nicht mehr dabeisein sollte, so werdet Ihr ihn leicht an den sonderbaren Verzierungen erkennen, wodurch er sich von allen anderen unterscheidet. Am Fuß des Hügels breitet sich ein See aus, zur Seite ein enges Tal. Das ist das Val d'Or; da ist es, wo das Regenwasser unermeßliche Schätze hingespült hat.«

»Die Marschroute ist leicht zu begreifen«, sagte Arechiza.

»Aber schwer zu verfolgen«, antwortete Cuchillo. »Dürre Steppen, durch die wir reiten müssen, sind nicht das kleinste Hindernis; Indianerhorden durchstreifen zu jeder Zeit diese Steppen. Das Grab eines ihrer Häuptlinge, das sie mit abergläubischer Verehrung bewachen, ist das ständige Ziel ihrer Streifzüge, und eben auf einer solchen Wallfahrt haben sie Arellanos und mich überrascht.«

»Und hat dieser Arellanos«, nahm der Spanier das Wort, »sein Geheimnis niemand sonst als Euch allein entdeckt?«

»Ihr wißt«, antwortete Cuchillo, »daß die Gambusinos, ehe sie eine Expedition unternehmen, sich durch einen Eid auf das Evangelium verbindlich machen, die Bonanzas, die sie etwa finden würden, nur mit Zustimmung ihres Gefährten zu entdecken. Arellanos hatte diesen Eid geleistet, und der Tod hat ihn verhindert, ihn zu brechen.«

»Habt Ihr mir nicht gesagt, daß er nach seiner ersten Expedition nach Hause zurückgekehrt ist und daß Ihr in Tubac zufällig Bekanntschaft gemacht habt? Hatte er keine Frau, der er seine wunderbare Entdeckung hätte anvertrauen können? Das Gegenteil wäre nicht sehr wahrscheinlich!«

»Gestern kam ein Vaquero hier durch, der mir gesagt hat, daß die Frau Arellanos' eben gestorben sei; und wäre sie auch im Besitz dieses Geheimnisses, hätte sie es selbst ihrem Sohn offenbart ...«

»Arellanos hat einen Sohn hinterlassen?«

»Einen Adoptivsohn«, erwiderte Cuchillo, »denn der junge Mann kennt weder seinen Vater noch seine Mutter.«

Don Estévan machte, ohne es zu wollen, eine sogleich unterdrückte Gebärde der Überraschung. »Der junge Mann wird ohne Zweifel der Sohn irgendeines armen Teufels in dieser Provinz sein«, sagte er nachlässig.

»Keineswegs; er ist in Europa geboren und wahrscheinlich in Spanien«, murmelte Cuchillo; er schien in eine flüchtige Träumerei zu verfallen. Sein Haupt neigte sich auf seine Brust wie das eines Mannes, der in seinem Geist zerstreute Data miteinander in Verbindung zu bringen sucht. »So hat wenigstens«, fuhr der dann fort, »der Kommandant einer englischen Kriegsbrigg, die im Jahre 1811 nach Guaymas kam, gesagt. Dieses Kind, das französisch und spanisch zugleich sprach, war nach einem blutigen Kampf gegen einen französischen Kutter gefangengenommen worden. Ein Matrose – sein Vater ohne Zweifel –, den das Kind stets beweinte, war getötet oder gefangengenommen worden. Der Kommandant wußte nicht, was er mit dem Knaben anfangen sollte, als Arellanos ihn zu sich nahm, ihn Tiburcio nannte und daraus einen Mann machte, bei Gott! So jung er auch noch ist, so hat er doch schon den Ruf eines untrüglichen Rastreadors und eines unerschrockenen Pferdebändigers.«

Der Spanier schien auf Cuchillo nicht mehr zu hören, und doch verlor er nicht ein Wort von dem, was er eben gesagt hatte; aber vielleicht hatte er genug davon gehört, oder der Gegenstand der Unterhaltung war ihm peinlich, denn er unterbrach plötzlich den Banditen. »Und Ihr glaubt, daß, wenn dieser untrügliche Rastreador, dieser unerschrockene Pferdebändiger das Geheimnis seines Adoptivvaters weiß, er für Euch nicht ein gefährlicher Mitbewerber werden könnte?«

Cuchillo richtete sich stolz empor. »Ich kenne einen Mann«, sagte er, »der in keiner Beziehung Tiburcio Arellanos nachsteht, eine Spur zu verfolgen und ein wildes Pferd zu bändigen; und ist dessenungeachtet dieses Geheimnis in seinen Händen nicht fast unnütz, da er es Euch eben für ein Zehntel des Wertes verkauft hat?«

Dieser letzte Beweis Cuchillos war genug, um Don Estévan von einer unbestreitbaren Wahrheit zu überzeugen, nämlich daß das Val d'Or von indianischen Stämmen, wie es der mexikanische Bandit beschrieben hatte, umschwärmt werde und nur für eine ziemlich beträchtliche Streitkraft zugänglich sei und daß er allein nur über eine Anzahl von Männern verfügte, die zu dieser Besitznahme durchaus notwendig war.

Der Spanier träumte und schwieg; die Entdeckungen Cuchillos in betreff des Sohnes Marcos Arellanos' hatten seinem Geist eine Gedankenreihe eröffnet, in die alle übrigen sich verloren. Wir wollen nur sogleich sagen, daß er aus Gründen, deren Erklärung noch nicht hierher gehört, zu erraten suchte, ob nicht etwa Tiburcio Arellanos der junge Fabian de Mediana sei.

Cuchillo dachte seinerseits an gewisse Umstände in der Vergangenheit, die den Gambusino Arellanos und seinen Adoptivsohn betrafen und die er aus wichtigen Gründen nicht erwähnte. Damit wir aber diese Erzählung von Anfang an soviel wie möglich ungehindert verfolgen können, ohne auf die Vergangenheit zurückweisen zu müssen, so wollen wir diese früheren Ereignisse hier erwähnen.

Wie wir schon gesagt haben, änderte Cuchillo oft seinen Namen. Unter einem dieser angenommenen Namen, die er so schnell verbrauchte, befand sich der Bandit gerade in Tubac, als er den unglücklichen Arellanos kennengelernt und sich mit ihm verbunden hatte. Als der erstere vor dem Beginn eines neuen und gefährlichen Streifzugs vom Presidio zurückgekehrt war, um seine Frau und den jungen Mann, den er wie einen Sohn liebte, wiederzusehen, vertraute er seiner Frau allein den Zweck seiner Unternehmung an und ließ ihr sogar eine genaue Beschreibung des Weges zurück, den man verfolgen mußte.

Cuchillo wußte übrigens diesen besonderen Umstand nicht. Aber eine Tat, die er sorgfältig verschwieg, war, daß er selbst, nachdem er das Val d'Or nur flüchtig gesehen, Arellanos ermordet hatte, um sich allein die Schätze anzueignen, die es enthielt. Wir haben gesehen, wie er seinerseits gezwungen war zu fliehen, ohne jedoch die Frucht seines Verbrechens zu verlieren, da er allein Vorteil aus dem Verkauf seines Geheimnisses zog. Wir wollen nun den Banditen selbst eine kleine Lücke ausfüllen lassen durch die Erklärung, wie er Bekanntschaft mit dem Sohn Arellanos' gemacht hatte.

»Nichtsdestoweniger«, sagte Cuchillo, das Schweigen unterbrechend, »habe ich mein Herz von jeder Besorgnis befreien wollen. Als ich nach Arizpe zurückgekehrt war, erkundigte ich mich nach der Wohnung Arellanos' und fand seine Witwe, um sie vom Tod des armen Marcos zu benachrichtigen. Doch den Schmerz ausgenommen, mit dem meine Botschaft aufgenommen wurde, habe ich nichts gesehen und nichts geargwöhnt, was mich hätte glauben lassen, ich sei nicht der alleinige Besitzer des Geheimnisses, das ich Euch eben entdeckt habe.«

»Man glaubt leicht, was man hofft«, sagte Arechiza.

»Hört, Don Estévan«, erwiderte er, »es gibt zwei Dinge, worauf ich mir etwas einbilde: nämlich auf ein Gewissen, das leicht zu beunruhigen, und auf einen Scharfblick, der schwer zu täuschen ist.«

Der Spanier machte keine Einwürfe mehr – er war überzeugt; ohne Zweifel nicht vom Gewissen, sondern vom Scharfblick des Banditen.

Was Tiburcio Arellanos selbst betrifft, so halten wir es für überflüssig zu sagen, was der Leser schon begriffen hat: nämlich, daß dieser junge Mann kein anderer war als Fabian, der letzte Sprößling der Grafen von Mediana. Cuchillo hat eben erklärt, wie die englische Brigg, die den französischen Kutter genommen hatte, ihn nach der Gefangennahme des kanadischen Matrosen in ein fremdes Land brachte. Dort besaß er von nun an – ohne Führer, um seine Familie wiederzufinden, der Güter seines Hauses beraubt, verwaist zurückgelassen von denen, die seine Kindheit und seine Jugend beschützt hatten – nichts weiter, als was der Ärmste in diesem Land besitzt: ein Pferd und eine Bambushütte.

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