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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
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59 Der Weiße Renner der Prärien

Zur großen Zufriedenheit des angehenden Vaqueros ließen sich die Büffeljäger, die im Begriff standen aufzubrechen, durch die Neugierde zurückhalten; er hoffte, daß Encinas bis zur Ankunft der Reisenden noch irgendeine Geschichte von Indianern aus den Erinnerungen seines abenteuerlichen Lebens für ihn hervorholen würde. Vielleicht wollte aber dieser nicht mehr von der Vergangenheit reden; vielleicht war auch das Gedächtnis des Büffeljägers auf dem trockenen – kurz, Encinas, der durch eine mühevolle Nacht schläfrig geworden war, schloß bald die Augen und schlief fest ein. –

Wir wollen diesen Augenblick benützen, um über die Jagd auf wilde Pferde im Nordwesten Mexikos einige noch unbekannte Einzelheiten mitzuteilen, die durch ihre Neuheit vielleicht nicht ohne Interesse sind und ganz passend ihre Stelle in einer Erzählung finden, deren Zweck die Schilderung der fremdartigen Sitten an den amerikanischen Grenzen ist.

Diese Jagden gehören zu den merkwürdigsten und anziehendsten Schauspielen in diesen fernen Gegenden, und auch die feurigste Schilderung ist nicht imstande, ein vollständiges Bild davon zu geben. Sie finden gewöhnlich in den Monaten November oder Dezember statt, das heißt zu der Zeit, wo die strömenden Regengüsse und das Schmelzen des Schnees auf den Bergen die Tränken wieder gefüllt haben und in den Ebenen und am Fuß der Mesquite wächst, eine Grasart, die die Pferde sehr gern fressen.

List, Geduld und jene Art wilden Instinkts, die man die Wissenschaft der Steppe nennen könnte, sind drei unentbehrliche Eigenschaften für die Jäger, wenn sie nicht nutzlos Zeit und Mühe verlieren wollen. Sechzig bis hundert entschlossene, gut berittene, mit gezähmten Pferden versehene Männer mit hinreichenden Lebensmitteln für zwanzig Tage oder einen Monat vereinigen sich für diese Art von Expeditionen, deren Schauplatz notwendigerweise von bewohnten Gegenden fern sein muß. Die Jäger brechen in kleinen Abteilungen auf – etwa sieben bis acht – und durchstreifen zehn bis zwölf Tage hindurch die unermeßlichen Ebenen und Einöden der Steppe, bis sie die Spuren einer Cavalcada mestena gefunden haben, Spuren, die übrigens leicht an der Verwüstung zu erkennen sind, die die Flucht dieser Tiere in den Wäldern anrichtet. Nachdem man einmal die Querencia – so heißt die Gegend, wo die Pferde sich am liebsten aufhalten – ausgewittert hat, suchen die Jäger nach der Tränke, die sich natürlich in der Umgebung befinden muß, denn die wilde Herde kann nicht lange Zeit in Gegenden verweilen, wo das Wasser fehlt; nicht nur, um ihren Durst zu löschen, sondern auch zur Heilung einer Anzahl von Krankheiten, gegen die diese Gewässer für sie ein Hauptheilmittel sind. Das Auffinden der Tränke ist noch eine Schwierigkeit, und der Europäer könnte mitten in diesen dürren Ebenen und undurchdringlichen Wäldern vielleicht vor Durst sterben, ehe er eine solche entdeckte. Die Pferde werden hierbei von dem wunderbaren Instinkt geleitet, mit dem sie begabt sind, und wählen gewöhnlich irgendeinen fast unzugänglichen Teich; aber eine ständige Beobachtung der Natur gibt den Bewohnern der Grenzen einen ebenso wunderbaren Instinkt, wie ihn die Tiere, auf die sie Jagd machen, besitzen.

Sobald eine Jägerabteilung die Stelle gefunden hat, wo die Pferde ihren Durst löschen, so werden schon vorher verabredete Zeichen an gewissen Orten gegeben, und die verschiedenen Abteilungen treffen sich in der Nähe der Tränke. Man weiß, daß die Pferde jeden Tag bei Sonnenuntergang hierherkommen, und die Vorbereitungen zur Jagd nehmen ihren Anfang.

Die Jäger fällen, wie wir im vorhergehenden Kapitel erwähnt haben, zuerst dicke Baumstämme, aus denen sie eine feste Einfriedung machen, die man Corral nennt, worin eine Öffnung, dem Estero oder der Lagune gegenüber, die die Tränke bildet, gelassen wird. Die Vollendung eines solchen Werkes dauert, je nach der Zahl und der Tätigkeit der Jäger, zehn bis zwölf Tage, in welcher Zeit sie unter dem dichten Blätterdach der Bäume lagern.

Glücklich ist dann der durch die Erzählungen aus der Steppe neugierige Reisende, den sein guter Stern zu diesen wilden Jägern in ein solches Lager führt. Der Reisende teilt ihre Mahlzeiten von Pinole und Cecina und wird immer die Abende, die er an dem flammenden Feuer zubringt, zu kurz finden; denn man wird nicht müde, aus dem Mund dieser Jäger die aufregenden Erzählungen von ihren Jagden, ihren Kämpfen und ihre abergläubischen Ansichten zu hören.

Wir schließen diese Einzelheiten über den Bau eines Corrals, um durch die folgenden Tatsachen eine vollkommene Idee von einer Reihe von Szenen zu geben, die an Zauber und Wahrheit nichts von der Dichtkunst zu entlehnen brauchen. Wir wollen nur noch sagen, daß die Pferde nach Entdeckung ihrer Tränke bald die Gegenwart des Menschen am ungewohnten Aussehen der Landschaft merken, wo er seine Spuren zurückgelassen hat. Die Jäger teilen sich nun, nach Errichtung der Einfriedung, abermals in kleine getrennte Trupps, durchstreifen auf mehrere Meilen hin die Gegend und zwingen die erschreckten Tiere, sich nach ihrer Querencia zurückzuziehen.–

Außer den acht Vaqueros, die die Ankunft Don Agustins erwarteten, waren zwanzig andere – je fünf an den vier Hauptpunkten – aufgestellt, so daß sie einen weiten Kreisbogen bildeten, dessen Sehne der Red River war. Zu dieser Aufstellung gehörten ebenfalls noch einige Tage; die zurückgebliebenen Vaqueros hielten sich während dieser Zeit in der Nähe des Corrals versteckt und lauerten Tag für Tag auf die Stunde, wo die Manadas zur Tränke kommen würden.

Während Encinas zum großen Mißvergnügen des Neulings schlief, hatten die Diener Don Agustins die Lagerzelte unter den dichten Eichenzweigen am dunkelsten Ort aufgeschlagen, um die Pferde weniger zu erschrecken, und kaum war dieses ganze Werk beendet, als einer von den zwei Dienern im Gefolge des Hacenderos im Galopp heransprengte und die Ankunft der Herrschaft meldete.

Einige Minuten nachher kam der Reiterzug in der Richtung an, die den See vom dichten Saum des Waldes trennte. Es war ungefähr ein Uhr, und die Sonne warf Garben glühenden Lichtes senkrecht auf die Wasserfläche herab. Es war die Stunde, wo nur die Grillen – ebenso zahlreich als die Grashalme – die Luft mit ihrem Zirpen erfüllen; sonst schwieg alles unter der Glut des Tages; alles schlummerte in Wäldern und Ebenen.

Der Senator beeilte sich trotz seiner Müdigkeit, vom Pferd zu steigen, um Doña Rosarita die Hand zu reichen, deren Wangen – sei es wegen der heißen Luft des Mittags oder aus irgendeiner anderen Ursache – wie Purpur strahlten. Sie glitt halb traurig, halb lächelnd aus dem Sattel in Tragaduros Arme und sprang von dort leicht auf die Erde.

Während sie sich, auf den Arm des Senators gestützt, zu dem für sie aufgeschlagenen seidenen Zelt begab, sprach der Hacendero mit den Vaqueros. Er musterte das Pfahlwerk und die Lage des Sees mit Kennerblicken; dann ging er, befriedigt von den Antworten, die er erhalten hatte, ebenfalls in sein Zelt, um Siesta zu halten.

Als Doña Rosarita den Raum bis zu ihrem Zelt durchschritt, konnte sie sich nicht enthalten, einen erstaunten, fast erschrockenen Blick auf den sonderbaren Anzug und das wilde Aussehen der Büffeljäger zu werfen; aber die Tochter der Steppe war mit den Sitten und den verschiedenen Bewohnern der Gegend zu vertraut, um nicht sogleich das Gewerbe Encinas' und seiner rauhen Begleiter zu erkennen; sie lächelte über ihren Schrecken, hob den blauen Vorhang ihres Zeltes auf und verschwand vor den Augen aller wie der Vogel, der sich im Azur des Himmels verliert.

»Nun, was meint Ihr zu unserer jungen Gebieterin, Señor Encinas?« fragte der angehende Vaquero den Büffeljäger, der die Tochter Don Agustins zum erstenmal sah.

»Eine wahre Steppenblume«, antwortete Encinas. »Alle, die die Prärie durchstreifen, werden sich mit mehr Eifer bemühen, sie zu pflücken, als irgendeine Blume der Städte; sie ist eine Blume, die der Indianer gern in seine Hütte, der Jäger gern in sein Zelt verpflanzen möchte.«

»Nun, dieser junge Señor wird sie ohne Zweifel in seinen Palast führen«, sagte der Anfänger lachend und deutete auf den Senator Tragaduros.

»Wer weiß?« erwiderte Encinas. »Ich habe schon mehr als einen Büffel, den ich sicher zu haben glaubte, tödlich verwundet, und doch haben ihn Indianer und Wölfe fern von mir zerrissen.«

In diesem Augenblick ließ Oho ein ganz besonderes Knurren vernehmen. Es war nicht mehr jenes klagende Geheul, das, nach dem Ausdruck des Jägers, eine Erinnerung an den abwesenden Gefährten bedeutete. In dem Anschlagen der Dogge lag etwas wie ein dumpfer Zorn.

»Was soll das bedeuten, Meister Encinas?« fragte der beunruhigte Anfänger.

»Nichts«, antwortete der Jäger, nachdem er einen Blick auf Oho geworfen hatte, dessen Auge einen Augenblick funkelte und dann wieder erlosch. »Oho wird wohl von irgendeinem Indianer geträumt haben und sendet ihm eine Verwünschung in seiner Sprache zu.« –

Es war ungefähr fünf Uhr nachmittags, als die Reisenden nach ihrer Siesta aus dem Zelt traten. Der Büffelsee bot jetzt einen nicht so wilden, aber nicht weniger malerischen Anblick dar. An seinen Ufern erhob sich das seidene Zelt Rosaritas in einiger Entfernung von dem des Senators und des Hacenderos. Seine himmelblauen Falten strahlten von der durchsichtigen Oberfläche des Sees zurück, mitten unter den Wasserpflanzen und den zurückgeworfenen Bildern der Eichen mit knorrigen Stämmen und einer Ecke des blauen Himmels.

Die zum Wechseln bestimmt gewesenen Pferde schweiften frei unter dem dichten Gewölbe des Waldes umher; die Tiere der so sonderbar gekleideten Büffeljäger streckten die Köpfe über die Palisaden, in denen sie eingeschlossen waren; endlich hatte auch Doña Rosarita ihren Reitanzug durch ein weißes Kleid ersetzt und glich darin einer weißen Blüte der Seerose. Alles bildete an den Ufern ein Gemälde, das ein Maler mit Vergnügen gezeichnet hätte.

Die Büffeljäger standen im Begriff, ihr mühevolles Tagwerk in dem Augenblick zu beginnen, wo die Reisenden damit zu Ende waren; sie wollten ihre Pferde satteln, um weit vom Büffelsee die Ufer des Flusses nach ihrem gewaltigen Wild abzutreiben.

»Nun, was gibt es, Oho?« sagte Encinas zu seiner Dogge, die abermals heulte. »Ist irgendein Indianer in der Nähe?«

»Indianer?« rief Rosarita erschrocken. »Sind sie denn bis in diese Gegend gekommen?«

»Nein, Señorita«, sagte Encinas, »es gibt keine Spur von ihnen in der Nähe, sofern sie nicht wie die Eichhörnchen oder die wilden Katzen von einem Gipfel eines Baumes auf den anderen gesprungen sind; aber dieser Hund ...« Und der Büffeljäger verfolgte mit den Augen die Bewegungen Ohos, dessen Augen einen Augenblick rot wurden und dessen Haare sich sträubten; er machte wütend zwei oder drei Sprünge vorwärts, kehrte dann ruhiger zurück und legte sich immer noch knurrend ins Gras.

Die Dogge heulte also nicht ohne Grund. Encinas beeilte sich nichtsdestoweniger, seine Zuhörer zu beruhigen. »Dieser Hund«, sagte er, »ist abgerichtet, mit den wilden Indianern zu kämpfen, und er wittert sie von weitem; er ist aber ruhig geworden, und das ist ein Zeichen, daß er einen Augenblick von seinem Instinkt getäuscht worden ist. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, von Euer Gnaden Abschied zu nehmen und Ihnen eine gute, glückliche Jagd zu wünschen.«

Encinas schüttelte dem angehenden Vaquero die Hand, der ganz stolz darauf war, eine für die Indianer so unheilbringende Hand zu drücken, gürtete sein Pferd und war im Begriff, sich ebenso wie seine drei Gefährten in den Sattel zu schwingen. Unterdessen flüsterte Rosarita lebhaft ihrem Vater ins Ohr. Don Agustin zuckte anfänglich mit den Schultern; dann warf er auf das bittende Antlitz seiner Tochter einen zärtlichen Blick, lächelte und schien überzeugt.

»Sagt mir, mein Freund«, sprach er laut zu Encinas als dem angesehensten Büffeljäger, »ich denke, Ihr habt schon manchen Kampf mit den wilden Indianern bestanden und kennt ihre Kriegslisten.«

Der angehende Vaquero machte einen Sprung, der eine Menge von Dingen bezeichnete; unter anderem auch die Tatsache, daß sein Herr sich an niemand besser wenden könnte.

»Es sind kaum fünf Tage her«, antwortete Encinas, »daß ich einen Kampf auf Leben und Tod mit diesen unversöhnlichen Feinden der Weißen bestanden habe.«

»Du siehst, lieber Vater!« sagte Rosarita.

»Und wo war das?« fragte Don Agustin.

»Nicht weit vom Presidio von Tubac.«

»Kaum zwanzig Meilen von hier!« fiel das erschrockene junge Mädchen ein.

»Hier ist ein Kind«, sagte der Hacendero, dabei auf Doña Rosarita zeigend, »das seit acht Tagen, wo es im Wald zwei Indianern vom Stamm der Papagos begegnet ist ...«

»Oh, mein Vater«, unterbrach ihn das junge Mädchen, »zwei Papagos hätten niemals ein so unheimliches Gesicht gehabt; es war gewiß irgendeine Verkleidung; es waren Wölfe im Schafspelz, wie Don Vicente sagt.«

»Don Vicente ist eine Memme wie du«, sagte der Hacendero lächelnd.

»Wenn man den kostbarsten Schatz der Welt bei sich hat«, erwiderte der Senator galant, »so kann man wohl nie zu vorsichtig sein.«

»Nun, meinetwegen«, sagte Don Agustin. Dann wandte er sich an den kräftigen Büffeljäger und sagte: »Wieviel verdient Ihr, alles in allem gerechnet, täglich bei Eurem gefährlichen Gewerbe?«

»Das kommt darauf an«, antwortete Encinas. »Wir verdienen zuweilen viel an einem Tag; geht es schlecht, so gewinnen wir aber auch lange Tage hindurch gar nichts.«

»So daß Ihr zuletzt ...?«

»Wir können täglich zwei Piaster verdienen, wenn wir eine Büffelhaut mit tadellosem Fell fünf Piaster rechnen.«

»Wohlan! Wenn ich nun Euch und Euren drei Begleitern drei Piaster täglich gäbe, würdet Ihr dann einwilligen, die ganze Zeit über, die wir hier zubringen werden, bis zur Beendigung der Jagd bei uns zu bleiben?«

Alle von Encinas' Gefährten waren dafür, den Vorschlag des Hacenderos anzunehmen.

»Ich werde außerdem noch«, fügte er hinzu, »jedem von euch ein prächtiges Pferd unter denen auswählen lassen, die wir fangen werden.«

»Bei Gott! Es ist ein Vergnügen, einem so freigebigen Señor, wie Ihr seid, zu dienen«, sagte Encinas.

»Ich hoffe, mein Kind«, sagte Peña, »daß die Furcht dir nun die Freude nicht mehr vergiften wird, da wir achtundzwanzig Vaqueros und vier Jäger wie diese braven Männer hier, im ganzen also zweiunddreißig Verteidiger bei uns haben.«

Statt aller Antwort umarmte Rosarita ihren Vater, und der Handel war zu jedermanns Zufriedenheit geschlossen. Da die Sonne jedoch nur noch eine kurze Strecke zu durchlaufen hatte, um hinter den hohen Wipfeln der Bäume zu verschwinden, so beschäftigte man sich mit den Vorbereitungen zur Jagd. Sie waren für diesen Tag noch sehr einfach und bestanden einzig und allein darin, die Pferde der Büffeljäger abzusatteln, die zum Wechseln bestimmten Pferde zusammenzuholen, sie im Corral einzupferchen und – mit Ausnahme der beiden Zelte – alles von den Zugängen zum See zu entfernen, was die wilden Pferde erschrecken konnte. Die Stunde rückte immer näher heran, wo die seit langer Zeit von ihrer Tränke und auch soviel wie möglich vom Ufer des Flusses zurückgehaltenen Tiere den Teich wahrscheinlich wieder aufsuchen würden.

Don Agustin erkundigte sich bei seinen Vaqueros, ob seit den drei Tagen, wo die Umpfählung vollendet war, schon einige Pferde zur Tränke gekommen wären.

»Nein, Señor«, antwortete einer von ihnen; »und doch durchstreift Jimenez mit fünf Mann schon die Ufer des Flusses, um sie von diesem fernzuhalten.«

»Dann ist es wahrscheinlich«, sagte der Hacendero. »daß sich einige von diesen Tieren heute abend an ihre Tränke wagen werden.«

Die halbgetrockneten Büffelhäute wurden von den Pfählen, auf denen sie hingen, herabgenommen; Zügel und Sättel, Packsättel und Flaschenfutter wurden an einen abgelegenen Ort getragen; dann wurden frische Zweige abgehauen, um mit ihrem saftigen Laub diejenigen zu bedecken, die die Sonne schon verwelkt hatte. Nur zwei Pferde wurden gesattelt; es waren die schnellsten, und sie wurden von denjenigen Vaqueros Don Agustins geritten, die durch ihre Geschicklichkeit im Werfen des Lassos mit dem fliegenden Knoten den größten Ruf hatten.

Nun setzten sich der Senator, Don Agustin und seine Tochter auf die Schwelle des Zeltes, dessen Vorhang so niedergelassen wurde, daß sie von den unruhigen Augen der wilden Pferde nicht gesehen wurden, ohne doch selbst den See aus den Blicken zu verlieren. Die Vaqueros und die Büffeljäger stellten sich der Seite gegenüber, wo die Tiere, den zurückgelassenen Spuren nach zu urteilen, gewöhnlich zur Tränke gingen. Nur die beiden anderen Vaqueros bargen sich mit ihren Pferden im Corral in der Nähe der frei gebliebenen Öffnung, die nötigenfalls durch lange bewegliche Querstangen verschlossen werden konnte; so warteten die Jäger.

Mit Ausnahme der Zelte der drei Reisenden schienen der See und seine Umgebung öde. Die Sonne war eben hinter den Bäumen verschwunden; lange purpurne Strahlen glänzten schon durch ihr Laub und röteten das Wasser des Sees. Die weißen Kelche der Seelilien färbten sich rosig, und die Vögel des Waldes begannen, als ob jede menschliche Spur verwischt wäre, überall ihre Abendlieder zu singen.

Während solchen Wartens färbte die Ungeduld die bleichen Wangen Rosaritas wie die untergehende Sonne die Wasserlilien; plötzlich ließ sich fern im Wald ein dumpfes Krachen vernehmen. Anstatt aber wie der Donner der Lawine immer lauter zu werden – wie es der Fall ist, wenn zwei- bis dreihundert durstige Pferde zu ihrer Tränke stürzen, die jungen Bäume zertreten und die Erde unter ihren Hufen erzittern lassen –, hörte das ferne Geräusch plötzlich auf. Die wilde Herde hatte ohne Zweifel den fremdartigen Anblick der vom Fuß des Menschen betretenen Gegend bemerkt und stand von Schrecken ergriffen still. Nur einige wiehernde Laute klangen wie Trompetenstöße herüber in die Ohren der im Hinterhalt liegenden Jäger.

Bald jedoch krachten die Gebüsche abermals, und ein halbes Dutzend Pferde zeigte kühner als die anderen am Saum der Lichtung die emporgerichteten Köpfe, die roten, offenen Nüstern und die blitzenden Augen. Die Mähnen wallten einen Augenblick unter den ungestümen Bewegungen hin und her, dann stürzten im Nu fünf von ihnen wieder zurück und verschwanden wie Blitze mitten im grünen Gürtel des Waldes.

Ein einziger von den Rennern war, auf seinen Füßen zitternd, den Hals nach dem See hin ausgestreckt, stehengeblieben. Das Pferd war weiß wie der Schnee, mit glänzendem Schwanenhals; sein Rücken war rund, seine Brust breit. Ein Büschel von weißen Haaren lag auf seiner Stirn zwischen zwei wilden Augen; der Schweif fegte seine nervigen Fersen. Der Ausdruck wilder Majestät lag in seiner ganzen zugleich furchtsamen und stolzen Haltung.

»Gott verzeihe mir«, sagte Encinas ganz leise dem Neuling ins Ohr, der seine Gründe gehabt hatte, seinen Beobachtungsposten an der Seite des Büffeljägers einzunehmen; »das ist der Weiße Renner der Prärien!«

»Der Weiße Renner der Prärien?« wiederholte der angehende Vaquero. »Was ist das?«

»Ein weißes Pferd wie das da«, antwortete Encinas, »dem man sich nur selten nähern kann; von dem diejenigen, die es zu weit verfolgen, nicht mehr reden können und das man noch niemals zu fangen vermocht hat.«

»Bah, Ihr werdet mir doch das erzählen?«

»Still! Erschreckt es nicht, aber schaut es mit Euren beiden Augen an; Ihr werdet niemals ein solches Tier wiedersehen.«

Es war in der Tat schwer, ein schöneres Muster jener prächtigen, wilden Rasse zu sehen, die in gewissen Gegenden Mexikos so allgemein verbreitet ist. Kraft und eleganter Bau vereinigten sich bei ihm so vollständig, daß das Herz eines Reiters vor wilder Lust, es zu besitzen, klopfte.

Einige Sätze brachten es in die Nähe des Sees, und diese Sprünge waren so geschmeidig, so leichtfüßig, daß es über das Gras wie eine weiße Nebelwolke hinzuschweben schien. Mit einem weiteren Satz sprang das edle Tier auf das steile Ufer und blieb hier in dem Augenblick bebend stehen, als der kristallene See wie ein Spiegel seinen stolzen, feinen Kopf und seine kleinen vorgestreckten Ohren zurückstrahlte; dann verlängerte es mit der ganzen Koketterie einer Nymphe, die sich allein glaubt, seinen Hals, um sich besser sehen zu können, und setzte vorsichtig seine beiden Vorderfüße ins Wasser. Diese Bewegung war noch so leicht, daß kein Schlamm die Durchsichtigkeit der Wasserfläche trübte, die ganz die stolze und wilde Schönheit seiner Formen zurückwarf.

»Ah, Señor Encinas«, sagte der Neuling ganz leise, »jetzt oder niemals ist der Augenblick da, den Lasso nach ihm zu werfen.«

»Ich bezweifle es, ich bezweifle es; demjenigen, der das Präriepferd fangen will, begegnet immer ein Unglück; denn, seht Ihr, es ist ganz gewiß, nur dieses allein ist so schön unter allen Pferden der Wälder.«

Der Renner mit dem weißen Schwanenhals kniete im Wasser nieder, schnaubte dumpf über die Oberfläche hin und begann zu trinken, indem er von Zeit zu Zeit den Kopf emporhob und mit ängstlichen Augen die Tiefen des Waldes durchforschte.

Die Jäger konnten bemerken, wie sich der Körper eines Vaqueros über die Palisaden erhob und dann auf den Hals seines Pferdes niederbog. Sein Gefährte machte es ebenso.

Plötzlich machte das scheue Tier einen Sprung des Schreckens, wodurch eine Schaumwolke in die Luft geschleudert wurde; es schien aus dieser herauszuspringen und stürzte dann zum Ufer. Im selben Augenblick sprengte einer der Vaqueros darauf zu und ließ seinen Lasso um den Kopf kreisen. Der geflochtene Riemen pfiff durch die Luft– aber nicht, ohne daß das Pferd des Reiters bei einem zu raschen Sprung längs des steilen Abhangs ausgeglitten wäre. Reiter und Pferd überschlugen sich und rollten in den See.

»Ich hatte es Euch gesagt!« rief der Büffeljäger, den dieses unvorhergesehene Ereignis in seinen abergläubischen Ansichten bestärkte. »Seht nur, wie der unnahbare Renner sich von der Schlinge losmacht.«

Das Pferd schüttelte in der Tat seinen edlen Kopf und ließ seine lange Mähne auf der Flucht herabwallen. Der wilde Stolz des kühnen Tieres empörte sich bei der unreinen Berührung des durch die Hand des Menschen auf ihn geschleuderten Lassos, und bald hatte es ihn weit von sich geworfen und verließ den See auf dem entgegengesetzten Ufer.

Aber schon war der zweite Vaquero ebenfalls den Spuren des Flüchtlings nachgesprengt. Einige Augenblicke hindurch fand ein wunderbarer Kampf an Gewandtheit und Geschicklichkeit zwischen dem wilden Pferd und dem ungestümen Reiter statt, der es mit dem Lasso in der Hand verfolgte. Nichts schien ihn aufhalten zu können; weder Baumstämme, an denen er sich scheinbar zerschmettern mußte, noch niedere Zweige, die ihm den Schädel zu spalten drohten. Wie ein gewandter Zentaur beseitigte der Vaquero alle diese anscheinend unüberwindlichen Hindernisse. Der Reiter legte sich bald ganz auf seinen Sattel, bald schwebte er an den Flanken seines Pferdes, bald hing er ganz unter dessen Bauch, während seine langen Sporen ihm wieder in Sattel halfen und er sich wie eine Schlange unter den Zweigen und durch die Baumstämme hindurchwand. Bald verschwanden das weiße Pferd und der Vaquero aus aller Augen.

Alle Jäger sprangen mit einem Mal aus ihrem Hinterhalt hervor und stießen ermutigende und freudige Hurrarufe aus. Das Schauspiel, dem sie eben beigewohnt hatten, war für sich allein beinahe ebensoviel wert als der Fang von zwanzig wilden Pferden.

Als der Vaquero, vom Wasser triefend und mit schlammbesudelten Kleidern, aus dem See herauskam, näherte sich ihm Encinas, um ihn zu trösten. »Ihr seid noch glücklich genug«, sagte er, »so wohlfeilen Kaufes davongekommen zu sein. Ich wollte, ich könnte das auch von Eurem Gefährten sagen; denn man sieht diejenigen nicht wieder zurückkommen, die den Weißen Renner der Prärien zu eifrig verfolgen.«

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