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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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58 Der Büffeljäger

Wenn der Gila die Kette der Nebelberge durchbrochen hat, so vereinigt sich einer seiner Arme mit dem Red River, der sich, nachdem er Texas und das Jagdgebiet der Cayugas und der Komantschen durchströmt hat, nach einem Lauf von ungefähr 120 Meilen in den Golf von Mexiko ergießt.

Sechzig Meilen von der Hacienda del Venado – man erstaune nicht über solche Entfernungen in einer Gegend, wo man sich auf zwanzig und dreißig Meilen als Nachbarn behandelt – und beinahe eine halbe Meile von dem Ort, der die Red Fork genannt wird, breitet sich ein ungeheurer Wald von Zedern, Korkeichen, Eichen, Sumachs und Wurzelträgern aus.

Vom Saum dieses Waldes bis zur Gabel des Flusses bietet die Gegend nur eine Ebene mit so langem und dichtem Gras dar, daß ein Reiter auf seinem Pferd kaum mit dem Kopf über dieses wogende Meer von Grün hervorragt. An einer der geheimsten Stellen des Waldes, unter den dunkelsten, von den Gipfeln seiner großen Bäume gebildeten Laubgängen, an den Ufern eines so großen Teiches, daß man ihn wohl einen See nennen konnte, lagerten ein Dutzend Männer; die einen lehnten mit dem Rücken an den Stämmen vielhundertjähriger Eichen, die anderen schliefen ausgestreckt in dem dichten Gras, das die Ufer des Teiches bedeckte. Es war eine große, durchsichtige Wasserfläche von regelloser Form, etwa eine Art unregelmäßiger Vierecke. Dem Ufer gegenüber, wo sich diese Personen befanden, unter einem durch verschlungene Zweige gebildeten Gewölbe, verlor sich ein enger Kanal mitten unter einem Netz von Grün.

Die Sonne war noch im Anfang ihres Laufes und warf Strahlen durch die dichte Decke dieses Kanals, deren Purpur sich schnell in ein bleicheres Goldgelb verwandelte. Das Morgenlicht schien strahlenweise auf die Oberfläche des Sees herab, auf der sich das Grün der Bäume und das Blau des Himmels gemeinsam widerspiegelten.

Wasserpflanzen mit breiten Blättern und Seerosen entfalteten ihre glänzende Fläche und ihre einsamen Blumen mit goldenen und silbernen Kelchen, lange Girlanden von grünem Moos schwankten an den Zweigen der großen Zedern und hingen bis in das Wasser hinab, dessen kristallene Oberfläche sie spalteten. Das alles verlieh dem Teich den wildesten und malerischsten Anblick. Das war der Büffelsee. Diesen Namen hat er von den Tieren erhalten, deren Lieblingstränke er einst war. Die Büffel jedoch waren nach und nach von der Nähe der Menschen vertrieben worden; sie hatten ihn verlassen, um sich in einsamere Gegenden zurückzuziehen. Die vereinzelte Lage dieses Sees zog nichtsdestoweniger noch Herden wilder Pferde an seine Ufer, die seine unter tiefem Schatten verborgenen Gewässer dem offenen Ufer des benachbarten Flusses vorzogen, um ihren Durst zu löschen.

Die Vaqueros Don Agustins hatten die Spuren einer zahlreichen Cavalcada bis hierher verfolgt, und sie erwarteten nur noch die für den Abend des Tages, wo wir sie am Ufer des Büffelsees finden, angezeigte Ankunft ihres Herrn, um die Jagd zu beginnen.

Auf der einen Seite der Wasserfläche war ein breiter Raum erst kürzlich durch die Axt von den Bäumen gesäubert worden, die ihn bedeckten, und mit einer dicken, festen Umpfählung aus umgehauenen Baumstämmen versehen. Diese Stämme waren tief genug in die Erde gerammt, um eine unerschütterliche Einfriedung zu bilden; außerdem waren sie noch festgehalten und miteinander mittels lederner Büffelriemen verbunden, die man aus den noch frischen Häuten geschnitten hatte, die, durch die Sonne getrocknet und zusammengezogen, ebenso fest zusammenhielten wie eiserne Nägel oder Klammern. Dieses Pfahlwerk war beinahe eiförmig wie der römische Zirkus und bot nur an dem einen Ufer des Sees eine einzige schmale Öffnung dar. Um die wilden Pferde nicht durch den Anblick des Menschen zu erschrecken, hatten die jagenden Vaqueros die Umpfählung mit Hilfe von Gras und grünen Zweigen so gut wie möglich verdeckt. Man begreift leicht, daß solche Vorbereitungen den Vaqueros Don Agustins die vierzehn Tage weggenommen hatten, die seit der gezwungenen Verschiebung dieser Jagdpartie verflossen waren.

Unter den zwölf Männern, die am Ufer oder in der Umgebung des Büffelsees lagerten, waren vier, die nicht zur Hacienda del Venado gehörten, was man schon beim ersten Blick behaupten konnte. Statt des volkstümlichen Anzugs, den die Vaqueros Don Agustins trugen, hatten die vier Personen nach der Gewohnheit der Leute, die ihr Leben an den zwischen der indianischen und der weißen Rasse streitigen Grenzen zubringen, ihre Kleider von diesen beiden einander feindseligen Rassen entnommen. Die Sonne hatte die Gesichtsfarbe so gebräunt und dadurch die Mischung so vollständig gemacht, daß es nicht möglich gewesen wäre, zu bestimmen, ob diese mit Mokassins und ledernen Gewändern bedeckten Männer zivilisierte Indianer waren oder Weiße mit wilden Gewohnheiten.

Jedenfalls aber war die Sonderbarkeit ihres Anzuges bald nicht mehr spaßhaft, denn nur wenige Teile davon waren nicht mit Spuren getrockneten Bluts besudelt. Man hätte sie für Metzger halten können, die eben aus dem Schlachthaus kommen, wenn der verwegene Ausdruck ihrer Haltung und die ernsten Züge ihres sonnenverbrannten Gesichts nicht etwas Schlimmeres als Metzger angedeutet hätten.

Wir wollen uns jedoch beeilen zu sagen, daß ein mit den Sitten der Steppen bekannter Reisender sie trotz dieser unheimlichen äußeren Erscheinung auf den ersten Blick als das erkannt hätte, was sie wirklich waren: nämlich Büffeljäger, die sich von den Beschwerden ihres Gewerbes am Ufer des Teiches ausruhten, an dem einst diese Tiere gewöhnlich zur Tränke kamen und von denen er den Namen erhalten hat.

Noch ganz frische Büffelhäute trockneten, von Pfählen festgehalten, auf einer kleinen Lichtung in einiger Entfernung vom Teich und bewiesen, daß die Tiere, die sie jagten, sich noch von Zeit zu Zeit in der Gegend sehen ließen. Was die Jäger selbst anlangt, so sahen sie ganz aus, als ob sie sich sehr wenig um die stinkenden Dünste kümmerten, die diese Felle ausströmten, die nach und nach in der Morgensonne hart wurden.

Das tiefe Schweigen, das in der Umgebung und unter den düsteren Gewölben des Waldes herrschte, wurde nur von Zeit zu Zeit durch das klagende Geheul einer großen Dogge unterbrochen, die fast unter dichtem Gras vergraben lag und die zuweilen den Kopf emporhob, um ein schmerzliches Bellen hören zu lassen.

Um nun endlich noch ein Gemälde zu beenden, dessen malerischen Gesamteindruck der Pinsel besser als die Feder hervorbringen könnte, stand in dem vom Alter ausgehöhlten Stamm einer dicken Eiche, deren kräftige Zweige noch über den See hinragten, eine kleine hölzerne Statue einer Madonna. Die kleine Statue war mit frischen Blumen geschmückt, die eine fromme Hand jeden Tag zu erneuern schien. Einer der Jäger kniete davor und sprach andächtig sein Morgengebet. Er war ein Mann von hohem Wuchs und besaß dem Anschein nach dieselbe Kraft wie die Tiere, deren Jagd sein Gewerbe war. Er schien mit größerer Inbrunst zu beten, als man es gewöhnlich bei dieser täglichen Handlung zu tun pflegt. Es war dies in der Tat von seiten des Büffeljägers nur die Erfüllung eines Gelübdes, das er in einer großen Gefahr getan hatte.

In dem Augenblick, wo der kräftige, wilde Jäger sein inbrünstiges Gebet beendete, ließ die große, auf dem Gras liegende Dogge ein neues schmerzliches Geheul vernehmen.

»Der Teufel soll mich holen!« sagte der Jäger, indem er seine andächtige Stellung verließ und zu seiner gewöhnlichen Sprache zurückkehrte. »Ich glaube beinahe, Oho« – das war der Name der Dogge – »hat durch sein langes Leben unter den Indianern auch ihre Gewohnheiten angenommen. Sollte man nicht meinen, eine von diesen Rothäuten heulte auf dem Grab eines Toten?«

»Bei Gott, Encinas«, sagte ein anderer Jäger, der sich im Teich wusch, »Ihr redet von den Hunden nicht in schmeichelhaften Ausdrücken. Ich möchte zu ihrer Ehre lieber glauben, daß im Gegenteil die Indianer dieses Geheul von den Hunden entlehnt haben.« »Laßt es gut sein«, erwiderte Encinas. »Oho beweint seinen Gefährten, den einer von diesen Apachenschelmen mit einem Lanzenstoß an den Boden genagelt hat. Freilich hatte er auch schon zwei von ihnen niedergemacht. Ach, mein armer Pasqual, damals glaubte ich gewiß, daß ich in meinem Leben keine Büffel wieder – weder mit Euch noch mit anderen – jagen würde.«

Der Büffeljäger, den man Encinas nannte, wurde von seinem Gefährten unterbrochen, der eine Erzählung, von der er schon die geringsten Umstände von Grund aus kannte, noch einmal zu hören fürchtete.

»Auf, Encinas!« sagte er. »Da Ihr nun Euer Gelübde, barfuß zur Madonna am See zu wallen und zu ihren Füßen zu beten, erfüllt habt und diese Vaqueros unsere Dienste nicht mehr brauchen, so dächte ich, es wäre Zeit, uns wieder auf die Jagd zu begeben; wir haben schon drei Tage verloren, und unsere blutigen Häute werden die wilden Pferde hindern, sich ihrer Tränke zu nähern – ein doppelter Grund, um uns nicht länger hier aufzuhalten.«

»Wir haben bis zum Sonnenuntergang nichts zu tun!« antwortete Encinas. »Laßt uns nur hier bleiben.«

»Oh, Ihr seid uns durchaus nicht im Weg!« rief der jüngste Vaquero der Hacienda, der die durch Pasqual bewirkte Unterbrechung der Erzählung nicht gern zu sehen schien.

Es war dies ein junger Mann, aus dem Presidio gebürtig, den sein Vater mitschickte, um eine rauhe Lehrzeit im abenteuerlichen Leben mit seinen alten Gefährten durchzumachen. Er war erst vor einigen Wochen zu denen gekommen, die seine Lehrmeister sein sollten, und wie alle Neulinge in einem Gewerbe – welcher Art es auch sein mag – war er begierig, die Erzählungen von Leuten zu hören, die das Gewerbe, dem er sich auch widmete, schon länger betrieben hatten.

»Señor Encinas«, sagte er und näherte sich den beiden Jägern in der Hoffnung, durch Fragen die Ereignisse des letzten Zuges kennenzulernen, auf dem Encinas beinahe das Leben verloren hatte, »ich höre es nicht gern, wenn Euer Hund so heult, ich ...«

Ein neues Geheul der Dogge unterbrach den jungen Mann, der nicht ohne einige Besorgnis fragte, ob Oho nicht etwa zufällig einen Indianer wittere und darum so seine Stimme erhebe.

»Nein, mein Junge«, antwortete Encinas, »er spricht nach seiner Weise nur seinen Kummer aus. Wenn irgendein Indianer hier herumstreifte, so würdet Ihr sehen, daß sein Haar sich sträubte und seine Augen rot würden wie glühende Kohlen; er wäre dann nicht ruhig und unbeweglich wie jetzt. Also beruhigt Euch.«

»Gut!« sagte der junge Mann und streckte sich aufs Gras neben Encinas nieder. »Ich habe nur noch eine Frage an Euch zu richten: Habt Ihr auf Euren Streifzügen jenseits Tubacs nichts vom Schicksal einer Expedition gehört, die heute vor vierzehn Tagen aufgebrochen ist? Ich hatte einen Onkel dabei, Don Manuel Baraja, um den wir sehr besorgt sind.«

»Den wenigen Worten nach, die ich von drei Biberjägern vernommen habe, die der Expedition in der Nähe folgten, muß ich glauben, daß die Spuren einer größeren Abteilung Indianer, die Pasqual und ich bei unserer Trennung von den drei Jägern, die auf einer kleinen Insel Posten fassen wollten, wohl erkannt haben, dieser Expedition nichts Gutes prophezeiten. Ich fürchte, daß Ihr in diesen Tagen werdet sagen können: Mein seliger Onkel.«

»Ach, glaubt Ihr, daß er – selig ist?« antwortete der Neuling mit der naivsten und vollständigsten Kaltblütigkeit.

»Es war nicht lange her«, erwiderte Encinas, »daß der junge Komantsche ...«

Der angehende Vaquero unterbrach abermals den Büffeljäger: »Wißt Ihr wohl, Señor Encinas, daß Ihr viel besser daran tun würdet, mir dies alles gehörig von Anfang an zu erzählen, als mit dem Ende zu beginnen? Was wolltet Ihr denn im Land der Wilden?«

»Was ich dort wollte?« antwortete Encinas, der wie alle Veteranen der Steppe nichts lieber sah als einen aufmerksamen, stets fragenden Zuhörer wie diesen Vaquero und wie wir es selbst gelegentlich so oft gewesen sind. »Ich will es Euch sagen. Während ich mich im Presidio befand, war ein Abgesandter der Komantschen, die, wie Ihr wißt, die Todfeinde der Apachen sind, dort angekommen. Der Indianer schlug uns im Namen des Häuptlings des Stammes einen Handel mit Büffelhäuten gegen Glaswaren, Messer und Wolldecken vor; und es befand sich gerade in Tubac ein reisender Handelsmann aus Arizpe, der ein Bündel von den Gegenständen mitgebracht hatte, die der Indianer suchte.«

»Und er machte Euch den Vorschlag, ihn zu begleiten?«

»Indem er mich an seinem Gewinn teilnehmen ließ. Anderseits war auch mein Gevatter Don Mariano dabei, dem die Apachen eine Herde prächtiger Pferde geraubt hatten und der neun von seinen Vaqueros mit sich nahm, um einen Versuch zu machen, mit Hilfe der Komantschen einen Teil der Beute den Apachen wieder abzunehmen. Zusammen waren wir zwölf entschlossene Männer, ohne den von Seiten des Stammes zum Presidio geschickten Abgesandten mitzurechnen.«

»Dreizehn?« unterbrach ihn der Anfänger. »Das war eine böse Zahl!«

»Wir hatten nur acht oder zehn Meilen zu machen, um das Lager der Komantschen zu erreichen«, fuhr Encinas fort, »und waren darum nicht sehr besorgt; erst später dachte ich an die unheilvolle Zahl. Wir zogen also ruhig unseres Weges und begleiteten die Lasttiere des reisenden Handelsmanns; der Komantsche ritt voraus ...«

»Wahrlich«, unterbrach ihn abermals der Neuling trotz seiner Neugierde, die Erzählung weiter zu hören, »das Vertrauen dieses Kaufmanns, sich mit seinen Waren auf das Wort eines Indianers fortzuwagen, war doch zu groß!«

»Bei Euch, mein Junge, darf man, wie es scheint, auch den Punkt über dem ›i‹ nicht vergessen. Ich vergaß aber, Euch zu sagen, daß der oberste Häuptling zwei Krieger als Bürgschaft gesandt hatte. Wir waren also über diesen Punkt beruhigt, denn die Komantschen sind eine redliche Nation; der Abgesandte selbst flößte uns großes Vertrauen ein. Es war ein junger, ebenso schöner wie tapferer Krieger, wie Ihr es sogleich sehen werdet; ein erbitterter Feind der Apachen, obgleich selbst Apache von Geburt.«

»Nun, wahrhaftig, ich hätte mich ihm nicht anvertraut!«

»Weil Ihr seine Geschichte nicht kennt. Es scheint, daß ein Häuptling seiner Nation ihm ein junges Weib, das er liebte, geraubt hatte ...«

»Wie? Diese Wilden lieben also auch?«

»Wie Ihr und ich, mein Junge, und oft noch inniger. Kurz und gut, er entfloh eines schönen Tages mit seiner Geliebten, die gezwungen die Frau des Häuptlings geworden war, und flüchtete zu den Komantschen, die ihn adoptierten. Er hatte also dem Stamm, der ihn adoptierte, einen kräftigen Arm und ein Herz mitgebracht, das ebenso unerschrocken als voll Haß gegen die Apachen war, wovon er auch oft schon den Beweis geliefert hat.

Nachdem man einige Zeit – der Führer an der Spitze – marschiert war, hörte ich ihn zu meinem Gevatter sagen: ›Ich habe die Spuren von El Mestizo und Main-Rouge in der Ebene gesehen; aufgepaßt!‹

Wer waren Main-Rouge und El Mestizo? Ich wußte es nicht. Der Komantsche ritt also auf einem Pferd von großer Schönheit vorwärts und durchforschte die Ebene mit Nase und Augen.

Ich war genötigt gewesen, mit meinen beiden Hunden Oho und Tiger, denen ich einen Koppelriemen und einen Maulkorb angelegt hatte, etwas hinter ihm zurückzubleiben, denn diese Tiere waren von mir zum Kampf mit Indianern abgerichtet und wollten jeden Augenblick über unseren Bundesgenossen herfallen. Wir zogen durch die große Ebene von Baumwollstauden, wo diese Bäume fast einen Wald bilden, als ich plötzlich den Indianer ein schreckliches Geheul ausstoßen hörte und sah, wie er, mit dem Fuß an den Sattelknopf geklammert, zur Seite seines Pferdes niederglitt und dieses in Galopp setzte. Im selben Augenblick hörte ich auch ein Zischen wie von hundert Schlangen ...«

»Es war also alles voll Klapperschlangen?« rief der Neuling mit weit aufgerissenen Augen.

Der kräftige Büffeljäger brach bei dieser Frage des Anfängers in ein schallendes Gelächter aus. »Es war eine Wolke von Pfeilen!« erwiderte er. »Einige Büchsenschüsse mischten sich dazwischen wie der Donner in den Hagel, und ich sah, wie mein Gevatter Don Mariano, der reisende Handelsmann und die neun Vaqueros von den Pferden sanken.«

»Das läßt sich begreifen«, sagte der Anfänger.

»Ah, Ihr begreift das. Nun gut! Ich stand eine Sekunde lang da und begriff nichts; ich glaubte, in einem bösen Traum zu liegen, doch befreite ich auf alle Fälle meine beiden Doggen, die vor Wut heulten, von ihrem Maulkorb! Aber ich behielt sie am Koppelriemen, und als das geschehen war, sah ich geradeaus. Mit Ausnahme der Pferde, die in der Ebene wild durch die Baumwollstauden galoppierten, befand sich niemand auf der Straße; keine Spur von denen, die von den Pferden gestürzt waren. Ich schloß daraus, daß die im Dickicht verborgenen Indianer sie sogleich hineingezogen hatten.«

»War es so?«

»Ich habe sie nicht wiedergesehen. Was mich betrifft, so blieb ich unbeweglich stehen, ungewiß, ob ich vorwärts gehen oder zurückweichen sollte; ich fühlte, daß ich von unsichtbaren Feinden umgeben war, die überall zugleich sein konnten. Aber meine Ungewißheit dauerte nicht lange. Sieben oder acht Indianer brachen aus dem Dickicht am Weg und kamen im Galopp auf mich zu. Nun – Ihr, der Ihr so gut begreift, werdet es vielleicht nicht begreifen, aber ich fühlte mitten im Schweigen des Todes, das in der Ebene herrschte, eine so heftige Angst, daß ich fast glücklich war, endlich meine Feinde zählen zu können.«

»Ich glaube jedoch, daß ich lieber nichts zu zählen gehabt hätte«, sagte der Anfänger zögernd.

»Ich ließ meine beiden Doggen los, die wie Löwen gegen die Indianer ansprangen, und – wahrhaftig! – ich entschloß mich, es ebenso zu machen. In jenem Augenblick schien mir das viel leichter als die Flucht. Ich zog also rasch den Degen, und während Oho und Tiger die ersten angriffen, drückte ich meinem Pferd die Sporen in die Weichen und hielt es fest am Zügel, um ganz gewiß zu sein, daß es nicht kehrtmachen würde, denn der Anblick dieser Indianer ist schrecklich; ich versetzte ihm auch außerdem noch zwei oder drei Hiebe mit meiner Reitpeitsche, worin sich Blei befand, über den Kopf. Wiehernd unter den scharfen Spitzen, die seine Weichen stachelten, wütend von den Schlägen, die es fühlte, stürzte sich denn auch das Tier, dem ich den Zügel schießen ließ, wie toll vorwärts, auf die Gefahr hin, uns beide gegen die Indianer zu zerschmettern. Ich weiß nicht genau, was sich zutrug: alles, was ich sagen kann, ist, daß sich etwas wie eine rote Wolke vor meinen Augen befand, in der ich wilde Gesichter neben dem meinigen erblickte; daß Tiger von einem Lanzenstoß über den Leichen zweier Indianer, die er erdrosselt hatte, auf den Boden genagelt war, daß ich sah, wie Oho mit blutigem Rachen einen anderen zu Boden warf – und nach einigen Minuten war ich befreit.«

»Demonio!« rief der Anfänger ganz verblüfft. »Ihr hattet sie alle getötet, Meister Encinas?«

»Caramba! Man sieht, daß Euch das keine Mühe macht«, sagte der Büffeljäger lächelnd. »Wahrhaftig nein. Meine beiden Doggen hatten mehr ausgerichtet als ich, und die Wahrheit ist, daß ich meine Streifzüge an diesem Tag beendet haben würde, wenn sich nicht, während ich mit den Indianern im Handgemenge war, ein wenig weiter andere Dinge zugetragen hätten, die ich erst in dem Augenblick sehen konnte, wo ich allein blieb.

Ich warf nun einen Blick um mich her: Zwei Apachen lagen auf dem Boden bei meinem armen Tiger, und einen dritten würgte Oho. Ihr fühlt wohl, mein Junge, daß ich meine Zeit nicht damit verlor, ihn zu fragen, wie er sich befände; ich hatte wahrlich ganz andere Dinge zu tun.

Zehn Schritte von mir fand ein schrecklicher Kampf statt; eine Staubwolke erhob sich über einer Pyramide von durchbohrten Pferden und ineinander verschlungenen menschlichen Körpern. Mitten in diesem Gemetzel unterschied ich wallende Federbüsche, funkelnde Lanzen, Gesichter, die mit Ocker, Zinnober und Blut besudelt waren, und flammensprühende Augen. Dann sah ich bald darauf, wie diese Pyramide sich auflöste und ein Krieger sich wie ein Löwe schüttelte, der einen Haufen Wölfe zerschmettert hat. In dem Augenblick, wo dieser Mann sich befreit sah, machte er nur einen Sprung rückwärts, um den Kampf wieder zu beginnen, und ich stürzte an seine Seite.«

»Aber wie?« unterbrach ihn noch einmal der angehende Vaquero. »Mußte Euch da nicht jener Indianer, den Ihr im Kampf mit Eurer Dogge zurückgelassen hattet, sehr hinderlich sein?«

»Teufel! Ihr seid spitzfindig, mein Freund!« antwortete der Jäger. »Aber habe ich denn noch nötig, Euch zu sagen, daß ich ihn gleich anfangs getötet hatte? Ich stürzte also mit dem Krieger vorwärts; aber diesmal dauerte der Kampf nicht mehr lange, alle Indianer flohen wie eine Wolke von Fledermäusen vor einem Sonnenstrahl – wohl verstanden, die Toten ausgenommen; denn bei Euch muß man sich genau ausdrücken. Ich kann Euch übrigens versichern, daß mehr zurückblieben, als sich retteten. Nun sah ich denjenigen vor mir, dem ich es verdankte, Euch eines Tages diese Geschichte erzählen zu können, mein Junge.«

»Das war also wohl der Teufel?«

»Es war der Komantsche, der nach Beendigung des Kampfes unbeweglich vor mir stand und vergeblich den indianischen Stolz zu unterdrücken suchte, der seine Nasenflügel schwellte und seine Augen wider seinen Willen funkeln ließ.

›Main-Rouge und Sang-Mêlê haben den Streich ausgeübt, um mit den Apachen, ihren Verbündeten, die Waren der Weißen wegzunehmen‹, sagte der Indianer endlich.

›Wer sind Main-Rouge und Sang-Mêlê?‹ fragte ich den Komantschen.

›Zwei Piraten der Steppe; der eine weiß, ohne Mischung, der andere der Sohn des Weißen und einer roten Hündin aus den Prärien des Westens. Heute abend wird Rayon-Brûlant‹ – der Zündende Strahl, das war sein wahrhaftig wohlverdienter Name«, fügte Encinas hinzu –, »›wenn Ihr im Presidio gesagt haben werdet, was er für die Weißen getan hat, die sich seinem Wort anvertraut hatten, mit den beiden Komantschen, die er wieder mitnehmen will, auf der Spur der Piraten sein.‹

›Gewiß‹, sagte ich, ›werde ich Eurer Ehrlichkeit wie Eurem Mut Gerechtigkeit widerfahren lassen.‹

Nachdem ich Oho, der immer noch knurrte, den Maulkorb angelegt hatte«, schloß der Büffeljäger, »kehrten wir zum Presidio zurück, da ich daran dachte, das Gelübde, das ich getan hatte, zu erfüllen; der Indianer war stumm wie ein Fisch. Ich ließ seinem Verhalten Gerechtigkeit widerfahren; die beiden Geiseln wurden ihm zurückgegeben, und ich ging meinem Versprechen gemäß hierher und habe Rayon-Brûlant nicht wiedergesehen.«

»Das ist schade«, sagte der Neuling; »ich hätte wohl zu wissen gewünscht, was aus diesem jungen, kecken Mann geworden ist. Und wie viele Tage sind seit Eurem Abenteuer verflossen?«

»Fünf«, antwortete Encinas.

In diesem Augenblick kamen die Diener des Hacenderos und seines Gefolges an, um das Nachtlager für die Reisenden zu bereiten; sie meldeten zugleich, daß sie ihrem Herrn nur eine halbe Meile voraus seien.

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