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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
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57 Erinnerungen und Klagen

Es gibt zuweilen scheinbar bedeutungslose Ereignisse, die dennoch den raschen Gang der Tatsachen zu hemmen scheinen und den Wolken unter den Wendekreisen in gewissen Breiten gleichen. Diese Wolken schweben in der Luft über dem Ozean, weiß und leicht wie eine dem Flügel einer Möwe entfallene Feder; das Auge des Reisenden hält es nicht der Mühe wert, sich mit ihr zu beschäftigen; aber aufmerksam folgt ihnen das Auge des Seemanns, denn oft wächst die verachtete Wolke, dehnt sich aus und bedeckt den blauen Himmel mit einem dunklen Schleier. Und diese schrecklichen Stürme, die das Meer bis zum Grund aufwühlen, den Schiffen Takelwerk und Segel zerstören, haben ihren Ursprung nur in diesen anfangs unmerklichen Dünsten.

Die Geschichte dieser Stürme ist auch die Geschichte des Lebens.

Wie viele bedeutungslose Umstände gibt es doch, die so furchtbar und folgenschwer für uns sind! Der Mensch hält es nur nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern, oder beschäftigt sich nur einen Augenblick mit ihnen, um sie sogleich zu vergessen; gerade wie die drei Jäger es mit dem Rindenkanu gemacht hatten, das für sie die sturmbringende Wolke der Wendekreise geworden war.

In dem Augenblick, wo wir die Szenen, die die Entwicklung unserer Erzählung bezeichnen werden, auf einen entfernten Schauplatz verlegen, bitten wir den Leser, sich an einige Ereignisse zu erinnern, weil sie die Vergangenheit eng mit der Zukunft verbinden.

Man wird vielleicht nicht vergessen haben, daß in der Unterhaltung des Mestizen mit dem Schwarzen Falken der Pirat einige Worte in das Ohr des indianischen Häuptlings geflüstert hatte und daß die Augen des Apachenkriegers bei diesen Worten Blitze des Zorns sprühten. Der Mestize hatte damit geschlossen, daß er den Schwarzen Falken hoffen ließ, er werde seinen Händen für seinen Gefangenen Baraja einen Indianer mit starkem Herzen und stählernen Fersen überliefern; er werde seine im Kampf getöteten Pferde wieder ersetzen; und er hatte ihm endlich den dritten Tag bezeichnet, an dem er mit ihm bei der Vereinigung des Red River am Büffelsee zusammentreffen wolle.

Nachdem wir dies in Erinnerung gebracht haben, wollen wir kurz auf die Ereignisse zurückkommen, die sich in der Hacienda del Venado zugetragen hatten. Dieser Rückblick ist für das Verständnis der Tatsachen, deren Erzählung folgen wird, durchaus notwendig; er ist außerdem auch noch notwendig, um der Einheit des Ganzen willen. Vielleicht haben wir uns auch zu lange und zu gern bei den wilden Szenen des Steppenlebens aufgehalten, das auch wir zuweilen geführt haben.

Eine Landschaft wird nach unserer Meinung nur durch gewisse Kontraste vervollständigt. Die Einbildungskraft ermüdet bald bei der Betrachtung von Gegenden, die nur zerrissene Felsen, senkrechte Berge und düstere Wälder darstellen. Das Auge fühlt bald ebenso wie die Einbildungskraft das Bedürfnis, sich in fernen Horizonten, im Nebel unabsehbarer Ebenen zu verlieren. Der Blick ruht gern auf einer mitten in die Landschaft hinein versetzten Wasserfläche, die den Himmel widerstrahlt, wo die Sonne Wolkengruppen, die das Luftreich über den Gegenständen auf der Erde durchschiffen, goldig besäumt. Der Mensch läßt sich gern an den Himmel erinnern. Ist die Frau nicht in der Schilderung der gewalttätigen Sitten der Steppen gerade dasselbe, was in der rauhen Landschaft das schattige Tal und der Horizont sind, die uns Träume ins Herz schicken; dasselbe, was unter Felsen und Wäldern der durchsichtige Wasserspiegel ist, der die Harmonie dort oben hier unten widerstrahlt?

Nach der plötzlichen Abreise Don Estévans de Arechiza und seines Gefolges und nach der Flucht Tiburcios war die Hacienda del Venado, noch so lärmend am Abend vorher, in ihre gewöhnliche Ruhe zurückgesunken. Wie an dem Tag, wo der Spanier und seine Gefährten, die nun schon im ewigen Schlaf bei den Nebelbergen ruhten, bei Sonnenuntergang angekommen waren, so bot die Hacienda beim Sonnenaufgang in dem Augenblick, wo wir zu ihr zurückkehren, einen Anblick ruhigen Glücks dar. Die Herden sprangen wie gewöhnlich in der weiten Ebene umher, in deren Mitte sich die Wohnung Don Agustins erhob. Nur grünten auf diesem fruchtbaren Boden neue Ernten anstelle der alten, und der Wind schüttelte von den Olivenbäumen neue Blüten herab. Die Arbeiter verließen ihre Hütten, um die Tätigkeit des vergangenen Tages wiederaufzunehmen; im Hof der Hacienda jedoch deuteten gesattelte Pferde und beladene Maultiere auf die Vorbereitung zu einer Reise.

Man hat vielleicht die Jagd auf wilde Pferde noch nicht vergessen, mit der der Eigentümer der Hacienda seine Gäste belustigen wollte; sie hatten die Einladung dazu wie Leute angenommen, die glauben, daß der folgende Tag ihnen gehört.

Die so rasch einander folgenden Ereignisse hatten ihnen das Gegenteil bewiesen. Don Agustin jedoch war voll Vertrauen auf das Gelingen der Pläne Don Estévans, und wenn auch seine plötzliche Abreise ihn betrübte, so hatte er doch für den Senator, seinen künftigen Schwiegersohn, und auch für sich nicht auf die Vergnügungen, die er sich vorgenommen hatte, verzichten wollen. Alles war bereit, und er beschloß, daß die Jagd stattfinden solle.

Die Pferde warteten auf ihre Reiter; das Pferd Doña Rosaritas ebenso wie die der anderen. Der Senator strahlte vor Lust, da er von der Gegenwart eines gefürchteten Nebenbuhlers und auch von der Don Estévans befreit war, dessen scheinbare Bevormundung ihm Zwang auferlegte.

Die Tochter des Hacenderos jedoch befand sich nicht im gleichen Zustand. Ihr bleiches Gesicht trug noch die Spuren ihrer Tränen und einer schlaflosen Nacht. Vergebens zwang sie sich zu einer Heiterkeit wie die Sonne, die den im Osten vom Sturm des vergangenen Tages zurückgebliebenen feuchten Nebel zu durchdringen suchte; aber ihre Augen hatten wie die vom Nebel überwältigte Sonne nicht mehr den Glanz des vorigen Tages.

In dem Augenblick, als man auf die Pferde stieg und Don Agustin das Zeichen zum Aufbruch gab, klagte Rosarita auf einmal über ein plötzliches Unwohlsein das von ihrer Blässe nur zu sehr bestätigt wurde, und bat ihren Vater um die Erlaubnis, allein zurückbleiben zu dürfen. Dieses neue Hindernis kreuzte die Pläne des Hacenderos; er wollte jedoch, innerlich die Krankheiten der Frauen verwünschend, nichtsdestoweniger in Tragaduros Begleitung zur Jagd aufbrechen, als ein anderes Ereignis seine schlechte Laune noch verdoppelte.

In dem Augenblick, wo er aufs Pferd steigen wollte, sprengte ein Vaquero mit verhängtem Zügel herbei, um Don Agustin zu benachrichtigen, daß die Treiber die Tränke ausgetrocknet gefunden hätten; daß es darum nötig wäre, eine andere zu suchen, und die Jagd erst acht Tage später beginnen könne.

Don Agustin fühlte, daß er seine Tochter nicht den Beschwerden einer solchen Suche aussetzen könne; er schickte den Vaquero mit dem Befehl zurück, ihn zu benachrichtigen, sobald sie irgendeinen Teich gefunden haben würden, wo die wilden Pferde ihren Durst zu löschen pflegten, und somit war die Partie verschoben.

Der Senator wurde durchaus nicht unangenehm von diesem Zufall berührt, der, so einfach er auch war, doch folgenschwer für die Zukunft werden sollte. Die Ermahnungen Don Estévans, sich durch irgendeine glänzende Tat vor Doña Rosaritas Augen auszuzeichnen, hatten es in der Tat dahin gebracht, daß er einen sehr kriegerischen Schlaf gehabt hatte. Der Senator, der nach der Abreise des spanischen Señors wieder eingeschlafen war, hatte im Traum die Zentauren in allen Reiterkünsten verdunkelt; aber sein Erwachen hatte ihm die unangenehme Wirklichkeit gezeigt, und er war entschlossen, sich mit der Rolle des zu den Füßen der Omphale spinnenden Herkules als weniger bloßstellend und leichter ausführbar zu begnügen.

Was Rosarita anlangt, so war ihr Unwohlsein nur das gebieterische Bedürfnis, in träumerischer Einsamkeit allein zu bleiben, und sie hatte sich erst im Augenblick der Abreise nur darum so plötzlich unwohl gefühlt, damit eine Partie nicht verschoben würde, die ihr die so ersehnte Einsamkeit verschaffen sollte.

Wenn sich im Herzen einer Frau eine plötzliche Liebe Bahn bricht, die sie schon lange Zeit, ohne ihre Macht zu ahnen, gefühlt hat, so liegt im ungestümen Klopfen ihres Herzens etwas von der Bestürzung, die ein Gott empfinden würde, der die Strahlen seiner Göttlichkeit von sich abfallen sähe; es liegt etwas von jenem Neuen darin, das man beim Anblick der Blitze an einem heiteren Himmel oder beim Anblick der Flamme fühlt, die der Vulkan unter dem blendendweißen Schnee hervorsprüht, den bis jetzt die untergehende Sonne allein mit Purpur bedeckte. Hat das Herz der Jungfrau, die sich selbst noch nicht kennt, nicht den Glanz der göttlichen Strahlen? Ist es nicht wie der Azur des Himmels und wie der weiße und unbefleckte Schnee auf den hohen Bergen?

Rosarita befragte sich abermals im Schweigen der Einsamkeit; Stimmen, die sie bis jetzt nicht gekannt hatte, sangen ihr die keuschen Melodien der keimenden Liebe ins Ohr; dann fühlte sie in der Seele eine unermeßliche Leere, denn der, dessen Name von diesen Stimmen genannt wurde, war nicht mehr da. Wo war er? Und die Tage verflossen, ohne daß es ihr jemand hätte sagen können.

Während dieser ganzen Zeit hatte der Senator geschickt genug – man muß es anerkennen – den Platz bestürmt, den er zur Übergabe bringen sollte. Dank des ausgedehnten Kredits, den ihm Don Estévan auf die Kasse des Hacenderos eröffnet hatte und den Tragaduros nicht mehr schonte, als ob er sich niemals hätte erschöpfen können, war es gelungen, den tiefen Kummer des jungen Mädchens durch Zerstreuungen nach und nach ein wenig zu lindern.

Geschenke, Überraschungen, die von einer stets bereiten Artigkeit und von einem sehr verliebten Herzen zeugen, üben immer auf die Frauen einen mächtigen Reiz aus, der ihre Eigenliebe kitzelt und endlich nach und nach den Weg zu ihrem Herzen bahnt. Der Senator besaß außerdem ein unerschütterliches Vertrauen auf seine eigenen Verdienste. Es ist gerade keine schlechte Taktik bei den Frauen, sich unaufhörlich selbst zu rühmen. Sie kommen endlich dadurch, daß ein Mann Loblieder auf seine eigenen Vorzüge singt, zu dem Punkt, etwas davon zu glauben – denn jede Überzeugung ist ansteckend.

Tragaduros besaß also die Kunst, sich selbst Lobreden zu halten, indem er die außergewöhnlichen Eigenschaften, die er sich wohlgefällig beilegte, der Liebe zuschrieb, die er für Rosarita fühlte. Für eine Tochter Evas ist aber die Weigerung, sich davon überzeugen zu lassen, soviel wie eine Verkennung ihrer Gewalt, und wenige unter ihnen sind gegen sich selbst bis zu diesem Punkt ungerecht. Dann ist man auch immer etwas parteiisch für die Frucht seiner Werke, und die Frau, die anfängt, sich in ihrem Werk zu gefallen, ist zuletzt nahe dran, es anderen nicht abtreten zu wollen. Wohin gelangt man nicht Schritt für Schritt?

Die Abwesenheit hat gewiß ihre Vorteile. Sie verleiht dem Abwesenden wie das ferne, tiefe Blau des Himmels der Landschaft einen unendlichen Reiz; aber das ist nur unter der Bedingung der Fall, daß sie nicht zu lange dauert; und die Abwesenheit des armen Fabian drohte sich maßlos zu verlängern. Wir wollen jedoch für diejenigen, die sich etwa für den Abwesenden interessieren, sagen, daß er noch mit Vorteil gegen die Bewerbungen seines zurückgebliebenen Nebenbuhlers kämpfte.

Das war die Lage der Dinge in der Hacienda del Venado ungefähr vierzehn Tage nach der Abreise Don Estévans, das heißt, kurz vor dem Zeitpunkt, wo wir die Expedition, die der spanische Señor befehligte, beim Aufschlagen ihres Lagers in der Steppe wiedergefunden haben.

Don Agustin hatte nur der Einsamkeit, in der seine Tochter lebte, die Schwermut zugeschrieben, die sich auf ihrem Gesicht ausdrückte. Er fühlte selbst das ganze Gewicht einer mit einem glühenden Charakter unvereinbaren Untätigkeit. Die Rückkehr eines Vaqueros mit der Nachricht, daß eine Tränke und eine zahlreiche Schar von wilden Pferden entdeckt worden sei, war demnach eine Gelegenheit, die er eifrig ergriff, um Dona Rosarita Zerstreuung zu verschaffen und seine Jagdlust zu befriedigen. Die Gelegenheit war um so günstiger, als die Tränke sich entfernter von der Hacienda befand. Es war kein Ausflug in die Umgebung mehr – es war eine Reise von vier Tagen.

Seit Jahren hatte man in dieser Gegend keine Spur von Indianern bemerkt. Man hatte also nur einige ermüdende Tagemärsche zu bestehen, die reichlich durch das aufregende Schauspiel vergolten wurden, das sich die Mexikaner dieser entfernten Landstriche mit ebenso großer Begier zu verschaffen suchen wie das eines Stierkampfes.

Wir befinden uns also am Morgen dieses Aufbruchs zur Jagd in der Hacienda del Venado. Die Pferde sind gesattelt und paradieren auf dem Hof neben der Freitreppe. Die mit Matratzen, Gepäck und Flaschen beladenen Maultiere waren ebenso wie die zum Wechseln bestimmten Pferde vorausgegangen. Die beiden Diener, die allein für den persönlichen Dienst bei ihren Herren zurückgeblieben waren, warteten auf diese, um aufzubrechen.

Die Sonne warf kaum ihre ersten Strahlen auf die Erde, als der Hacendero, der Senator und Dona Rosarita in Reitkleidern oben auf der Freitreppe im Hof erschienen.

Das junge Mädchen hatte nicht mehr jene frischen Farben, die mit dem Glanz der halbgeöffneten Granate wetteiferten; aber die Blässe ihres Gesichts, in dem sich die Schwermut ihres Herzens abspiegelte, war ein süßer Anblick wie der erste Lichtschimmer des Morgens, der der nächtlichen Finsternis folgt und dem glänzenden Azur des amerikanischen Himmels zur Mittagsstunde vorausgeht.

Der Reiterzug setzte sich in Bewegung. Als er bei der Öffnung der Ringmauer vorüberkam, die derjenige überstiegen hatte, den Rosarita immer noch Tiburcio Arellanos nannte und der nicht mehr der Gast ihres Vaters sein wollte, zog sie ihren Schleier vor das Gesicht, um eine Träne, die aus ihren Augen perlte, zu verbergen. Sehr oft jedoch hatte die Nacht sie in ihren Träumen an diesem Ort überrascht; als sie aber die Hacienda verließ, schien es ihr, als ob sie ihrer teuersten und schmerzlichsten Erinnerung auf ewig Lebewohl sagte. War es nicht hier, wo sie eines Abends, ohne daß sie es ahnte, plötzlich die Liebe hatte durch ihre Adern strömen fühlen? War es nicht diese Erinnerung, von der sich sozusagen ihr Leben erst datierte? Weiterhin sollte sie nichts mehr an Tiburcio erinnern. Sie ritt durch den dichten Wald und über die roh gemachte Brücke des Waldstroms, ohne die Gefahr zu kennen, der derjenige in diesem Wald und im Salto de Agua ausgesetzt war, der ihre Tränen fließen machte.

Trotz der Bemühungen des Senators verfloß doch der erste Tag der Reise traurig bis zum Abend.

Ein oder zwei Meilen, bevor man an den Ort gekommen war, wo der Reiterzug übernachten sollte, war der Schatten größer geworden, und die Reisenden versanken in tiefes Schweigen, denn der Einbruch der Nacht in der Steppe ist feierlich und ruft immer Träumereien hervor.

Plötzlich begegneten ihnen zwei Reiter.

Der Anblick dieser beiden Reiter war ebenso fremdartig als unheimlich. Der eine war ein Greis, der andere ein junger Mann. Der erstere hatte weißes Haar, das wie das schwarze Haar des anderen hinter dem Kopf durch Riemen von weißlichem Leder so zusammengebunden war, daß es einen dicken Zopf bildete. Eine Art enger Kappe von grobem Netz, mit einer Quaste von Federn geschmückt, bedeckte ihren Kopf und wurde durch ein ledernes Kinnband festgehalten. Beide hatten nackte Füße, aber der obere Teil ihres Körpers war in eine wollene Decke von gröbstem Schlag gehüllt.

Das war der Anzug der Papago-Indianer mit einem einzigen Unterschied: Die beiden Reiter trugen statt der Bogen und Pfeile quer über ihren Sätteln je eine lange, schwere Büchse, deren Kolben und Schaft mit messingenen Nägeln besät waren; auch war der wilde Ausdruck ihres Gesichts weit von dem sanftmütigen Aussehen entfernt, durch das sich die friedliche Indianerrasse auszeichnet, deren Kleidung sie trugen.

Insofern hatte dieses Zusammentreffen nichts Beunruhigendes dargeboten: die Indianer vom Stamm der Papagos sind durch ihre Sanftmut und ihren geraden Sinn bekannt; aber diese beiden Gesichter gehörten zu denen, die man nicht anblicken kann, ohne von ihnen abgestoßen zu werden.

Doña Rosarita lenkte ihr Pferd nach dem ihres Vaters, während der jüngste der beiden Reiter das seinige anhielt, um einen Flammenblick auf das Antlitz des jungen Mädchens zu werfen, von dessen Schönheit er lebhaft betroffen schien.

Die beiden Reiter wechselten einige Worte in einer Sprache, die die Mexikaner nicht verstanden, und ritten vorüber, jedoch nicht, ohne daß sich der jüngere mehrmals umwandte, um mit den Augen dem wallenden Schleier und der geschmeidigen Gestalt der Tochter Don Agustins zu folgen; dann verschwanden sie beide im Schatten des Abends.

»Ich habe niemals zwei Papagos gesehen«, sagte Rosarita mit einem Gefühl der Unruhe, »die ein solches Gesicht gehabt hätten.«

»Oder die auf solche Art bewaffnet gewesen wären.« fügte der Senator hinzu: »Sie sehen aus wie zwei Wölfe in Schafskleidern.«

»Bah«, erwiderte Don Agustin, »es gibt überall Schelmengesichter; selbst unter den Papagos. Was liegt uns zuletzt daran, zu wissen, was diese beiden Indianer sein könnten? Wir sind hier zahlreich genug und ebensogut bewaffnet wie sie.«

Die Reisenden setzten ihren Weg fort; nichtsdestoweniger aber schienen diese beiden Unbekannten einen Hauch von unheilverkündender Vorbedeutung in der Luft zurückgelassen zu haben. Während der Zeit, in der man das Nachtlager erreichte, mischte sich der abgemessene Schritt der Pferde auf dem trockenen, dröhnenden Boden mit dem letzten Zirpen der Grillen, die erst mit der Dunkelheit schwiegen.

Bald kündigte ein im Feld brennendes Feuer den Reisenden den Ort an, den die vorausgegangenen Diener gewählt hatten, um dort bis zum folgenden Tag haltzumachen.

Ein kleines seidenes Zelt, das Tragaduros' Galanterie gerade für diese Reise von Arizpe hatte kommen lassen, wurde für Doña Rosarita unter einer Baumgruppe aufgeschlagen. Als die Abendmahlzeit eingenommen war, zog sie sich unter ihr Zelt zurück, aber sie suchte vergebens den Schlaf auf ihrem mit Spitzen besetzten Kissen. Sie dachte an die Nacht, wo Tiburcio, als sie ihn zum erstenmal sah, nicht weit von ihr schlief, und sie lauschte – wie es Tiburcio selbst in jener Nacht getan hatte – mit einer Träne und einem Lächeln dem Bach, der neben ihr murmelte, dem Glöckchen der Capitana-Stute, dem fernen Geheul des Schakals, dem Geschrei des Nachtvogels – mit allen jenen unbestimmten Klängen der Steppe, die so viele Echos in einem zwanzigjährigen Herzen erwecken.

Was hätte Fabian wohl gegeben, um am folgenden Tag, als die Tochter Don Agustins des Morgens aus ihrer seidenen Wohnung trat, um aufs Pferd zu steigen, die bezaubernde Blässe ihres Gesichts zu sehen, die die Schlaflosigkeit, deren Ursache er gewesen war, darauf zurückgelassen hatte.

Der Reiterzug setzte sich in Marsch wie am vorhergehenden Tag; Rosarita war heute noch zerstreuter als gestern. Jene Erinnerungen, die sie in der Hacienda zurückgelassen glaubte, tauchten überall auf, rings um sie her; denn die Liebe ist erfinderisch, in jedem Augenblick überraschende Ähnlichkeiten – auch in den fernsten Anklängen – zu finden. Was auch gewisse mürrische Geister sagen mögen – die menschliche Einbildungskraft ist ebenso geschickt, sich süße Traumbilder zu schaffen, als sich mit trostlosen Trugbildern zu beschäftigen.

Auf der ganzen Reise von der Hacienda bis zum Büffelsee – denn so hieß der Ort, wohin sich der Reiterzug begab – schien die Wirklichkeit Fabian zu begünstigen und der Einbildungskraft nur wenig übrigzulassen.

Nachdem man mehrere Stunden auf dem Marsch gewesen war, blieb der Senator einige Augenblicke zurück und holte dann den Zug wieder ein. Tragaduros brachte Rosarita im Triumph einen Strauß von Lianenblüten, den er schnell gepflückt hatte. Der Anblick dieser Glockenblumen mit prächtigen Farben entriß dem jungen Mädchen einen leisen Schrei der Überraschung, der als eine Belohnung für den galanten Senator gelten konnte; in dem Augenblick aber, wo ihm Rosarita danken wollte, fühlte sie, wie die Stimme ihr versagte, und sie wandte sich plötzlich um, damit man nicht auf ihrem Antlitz eine schmerzliche Bewegung lesen könne, während ihre Hand die vom Senator überreichten Blumen einzeln zur Erde fallen ließ.

»Großer Gott – was fehlt Ihnen?« fragte Tragaduros überrascht und zugleich schmerzlich von dieser unerwarteten Bewegung berührt.

»Nichts, nichts«, erwiderte das junge Mädchen und machte eine Anstrengung, um den so plötzlich verschmähten Strauß festzuhalten.

Rosarita gab bei diesen Worten ihrem Pferd die Reitpeitsche, das wie ein Pfeil davonflog. Sie mußte dem durch ihr Haar sausenden Wind einen schmerzlichen Seufzer anvertrauen, der sie fast erstickte. Rosarita hatte sich eben erinnert, daß auch Tiburcio einst Lianenblüten auf ihrem Weg für sie pflückte, und darum erschienen ihr diese hassenswert; sie zerknickte sie krampfhaft und warf sie weit weg.

»Es war wohl irgendein giftiges Insekt in diesen Blüten?« fragte sie der Senator, als er wieder mit ihr zusammentraf.

»Ja«, sagte Rosarita mit Aufregung und fühlte, daß ihre Wangen sich purpurn färbten wie die Blumen, die sie eben weggeworfen hatte. –

Wir wissen jetzt genug von den geheimen Gefühlen Doña Rosaritas, so daß wir ihr nicht mehr Schritt für Schritt auf ihrer Reise folgen müssen. Wir lassen also den Reiterzug am Morgen des vierten Tages dicht beim Büffelsee anlangen, wohin wir ihm jedoch vorausgehen müssen.

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