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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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56 Die Stimme Rahels

In dem Augenblick, wo Fabian mit aufmerksamen Augen die geringste Bewegung seiner Gefährten überwachte, schlich sich der letzte von den Indianern, die durch das Los bestimmt waren, das Feuer der Belagerten auszuhalten, vorsichtig an der Einfassung des Val d'Or entlang. Es war Lufthauch. Sein Verhalten war ihm vom Mestizen bestimmt vorgeschrieben. Da das Mißtrauen der drei Jäger wach geworden sein mußte, so hatte der Indianer, um nicht die Kriegslist, die bisher so gut geglückt war, merken zu lassen, Befehl erhalten, anscheinend seine Vorsicht zu verdoppeln, um den Gipfel der Pyramide zu erreichen. Auf seinem Weg im Schutz des Gürtels von Weiden und Baumwollstauden sollte Lufthauch jedoch eine gewisse Grenze nicht überschreiten; er sollte an dem Ort stehenbleiben, wo die Büchse eines Jägers ihn nur noch treffen konnte, wenn der Schütze seine Arme oder seinen Kopf über die Zinnen hervorstreckte. Sang-Mêlé begann seine Toten mit einer gewissen Unruhe zu zählen; ohne Baraja und die drei Indianer zu rechnen, die Pepe und der Kanadier außer Gefecht gesetzt hatten, waren von elf Kriegern, die er hergeführt hatte, sechs gefallen. Lufthauch sollte der siebente sein, und der wilde Mestize wollte wenigstens, daß er der letzte und sein Tod ihm von Nutzen sei. Sang-Mêlé ahnte nicht im entferntesten, daß nur ein einziger von den Belagerten auf dem Gipfel des Hügels zurückgeblieben war; er wußte aber recht gut, daß keiner von den Jägern die Unvorsichtigkeit begangen hatte, seine Glieder dem Feuer des Feindes auszusetzen.

In der Tat ist die Vorsicht das einfachste Element der Kriegskunst in den Steppen. In diesen Kriegen an der Grenze muß man kriechen wie ein Tiger, sich winden wie eine Schlange, den Tod senden, ohne daß man auch nur das Gewehrfeuer sieht, das ihn aussprüht; man darf sich keine Blöße geben, so verführerisch auch die Gelegenheit zu einem guten Schuß sein mag.

Lufthauch staunte nicht wenig, daß er schon seit einigen Augenblicken frisch und gesund an dem Ort stand, wo die beiden Krieger, seine Vorgänger, den Tod gefunden hatten. Er blieb stehen, wie er den Befehl dazu erhalten hatte.

Obgleich es infolge der dichten Bewölkung des Himmels düster geworden war, so unterschieden die stets wachsamen Augen des Indianers doch vollständig selbst die geringsten Felsenspalten, und er konnte leicht sehen, daß diesmal nicht – wie die beiden vorhergehenden Male – der Lauf einer Büchse seinen leichtesten Bewegungen folgte. Der Grund davon war einfach der, daß Fabian, anderswo in Anspruch genommen, die Gegenwart von Lufthauch nicht ahnte, während dieser das Schweigen und diese Untätigkeit dem Feind gegenüber irgendeiner Kriegslist zuschrieb, die er nicht begriff. Er war darum auch nicht weniger darauf gefaßt, jeden Augenblick von einer unsichtbaren Waffe getroffen zu werden.

Für einen roten Krieger war dies ein langer und schrecklicher Augenblick, und er hatte Zeit, eine ganze Welt von Gedanken den beiden Wesen zuzusenden, die er ohne Hilfe in seiner Hütte zurücklassen sollte: sein junges Weib und das Kind, das erst so wenige Sonnen zählte. Während das Schweigen auf dem Gipfel der Pyramide herrschte, kämpfte der todesmutige Indianer, unbeweglich an die verhängnisvolle Grenze gefesselt, die er nicht überschreiten durfte, gegen die gebieterische Pflicht, die ihn an seinen Platz band, und gegen den ebenso gebieterischen Instinkt der eigenen Rettung, der ihm zurief, vorwärts zu gehen, da er ja der Gefahr getrotzt hatte, ohne daß die Gefahr anscheinend mit ihm zu tun haben wollte.

Gewiß, der Krieger der Steppe hatte genug für sein Gewissen getan; der Instinkt der Selbsterhaltung trug den Sieg davon, und er überschritt die durch die Befehle Sang-Mêlés gesetzte Grenze. Dasselbe Schweigen dauerte noch über seinem Haupt, und der Apache hatte schon den Fuß der Pyramide erreicht, ohne daß ihn irgend etwas beunruhigt hätte. Ermutigt durch diesen unerwarteten Erfolg wagte der Indianer die Hoffnung zu fassen, mit seinen eigenen Händen den Feinden die letzte Waffe, die ihnen noch blieb, zu entreißen, ohne diese Heldentat mit seinem Leben zu bezahlen. Übrigens war dieses ja zum voraus schon als Opfer bestimmt, und sein Los konnte nicht schlimmer ausfallen als das, zu dem er bestimmt war.

Er wußte, daß die Augen der beiden Häuptlinge seinen Bewegungen folgten, und nachdem er einen Augenblick stehengeblieben war, machte er den beiden hinter der Masse von Büffelhäuten im Hinterhalt liegenden Freibeutern, die ebenso wie er über die unerklärliche Bewegungslosigkeit der Belagerten erstaunt waren, ein Zeichen mit der Hand und begann langsam den steilen Abhang des abgestumpften Hügels zu erklimmen. Er stieg so vorsichtig und leicht hinauf, daß auch nicht ein losgerissener Stein, auch nicht ein von seinen Füßen abgetretenes Stückchen Erde herabrollend die Gegenwart eines Feindes verriet.

In dem Augenblick, als er den Kopf über die Fläche der Plattform hinausstrecken wollte, lauschte der Indianer unbeweglich. Nicht ein Hauch, nicht ein Wort ließ sich vernehmen. Nun wagte es der Indianer, einen Blick über einen von den Steinen zu werfen, die die Belagerten deckten.

Das war der Augenblick, wo Fabian, auf dem Gipfel der Pyramide liegend, mit aufmerksamen Augen die Bewegungen seiner beiden Gefährten verfolgte und sie vom Schilf des Sees bedeckt verschwinden sah.

Bevor der junge Mann, der durch das gewaltige Interesse, das er am Gelingen des kühnen Plans des Spaniers und des Kanadiers nahm, sich umwandte, um nun auch die Feinde auf der entgegengesetzten Seite zu überwachen, hätte der Indianer Zeit gehabt, ihm den Kopf mit einem Axthieb zu zerschmettern. Aber es war einer von denen, die bestimmt waren, der Rache des großen Häuptlings lebendig überliefert zu werden, und sein Leben war darum geheiligt für den Apachen. Nur die Büchse des weißen Jägers wollte er haben, und anstatt den Arm auszustrecken und ihm einen Hieb zu versetzen, näherte sich der Indianer kriechend, um ihm die Waffe, nach der er so gierig war, zu entreißen.

Beim Anblick dieses bemalten Gesichtes, in dem zwei Augen wie die einer wilden Katze funkelten, fühlte Fabian, der nicht wußte, ob dies der einzige Feind auf der Plattform sei, ein Schaudern des Schreckens; das dauerte jedoch nur eine Sekunde lang. Er unterdrückte einen Hilferuf an seine Gefährten, wodurch diese hätten verraten oder ihnen der Rückzug hätte abgeschnitten werden können, und da er sich seiner Büchse nicht bedienen konnte, die der Indianer eben beim Lauf ergriffen hatte, so umschlang der unerschrockene junge Mann schweigend mit seinen Armen den Leib des roten Kriegers.

Ein erbitterter Kampf begann.

Bei der Verteilung ihrer Gaben zwischen den verschiedenen menschlichen Rassen hat die Natur dem Indianer so geschmeidige und nervige Fersen gegeben, daß sehr wenige Weiße mit ihm an Schnelligkeit wetteifern können, aber sie hat bei weitem nicht die Arme des Indianers mit einer Kraft begabt, die der des Weißen gleichkäme. Lufthauch machte eine rauhe Erfahrung darin. Zweimal rollten die beiden eng miteinander verschlungenen Gegner auf der Plattform mit zweifelhaftem Vorteil herum, und in der Hitze des Kampfes ging die heftig gestoßene Büchse los, ohne daß die Kugel einen von den Kämpfern traf.

Das war der Schuß, der bis zu den Ohren der beiden Jäger gelangte, die selbst in einen nicht weniger schrecklichen Kampf verwickelt waren.

Endlich behielt Fabian, der viel kräftiger war als der Indianer, die Oberhand und hielt seinen Feind unter sich nieder; dann vergrub der junge Spanier mit einer Hand, deren Stoß Lufthauch nicht schnell genug ausweichen konnte, da er entschlossen war, die Büchse, die er ergriffen hatte, nicht wieder loszulassen, sein Messer in der Brust des Apachen. Der Weiße und der Indianer waren durch das heftige Ringen bis zum äußersten Rand der Plattform gekommen. Unter ihnen grollte dumpf der Abgrund; der Sprühregen des in der Tiefe der Schlucht gebrochenen Wasserfalls mischte sich mit ihrem Atem, und der sterbende Indianer setzte alle Kraft daran, Fabian mit sich hinabzureißen. Dieser strebte vergebens, sich von der verzweifelten Umschlingung des roten Kriegers frei zu machen.

Einen Augenblick fühlte der junge Mann, wie seine erstarrten Muskeln nachgaben und ihm den Dienst versagten; aber die Furcht vor einem schrecklichen Tod rief bald seine schwindende Kraft zurück, und er konnte den Abgrund zwar vermeiden, aber nicht den Indianer daran hindern, ihn mit sich nicht weit von der Tiefe des Wassersturzes hinabzuziehen. Fabian, der Indianer und die Büchse, die von dessen Hand nicht losgelassen worden war, rollten übereinander den fast senkrechten Abhang der Pyramide hinunter. Ein schrecklicher Stoß traf die beiden immer noch verschlungenen Feinde, als sie den Grund der Schlucht erreichten; Fabian fühlte, wie die Arme des Indianers, vom Tod gelähmt, losließen; dann fühlte er nichts weiter. Er war mit dem Kopf auf die spitze Ecke eines Steines geschlagen, wie solche die Ebene bedeckten, und der junge Graf wurde ohnmächtig und blieb ebenso unbeweglich liegen wie der Indianer.

Lange Minuten waren seit dem Büchsenschuß Fabians bis zu dem Augenblick verflossen, wo der Kanadier, ohne auf seinen Ruf eine andere Antwort als das Pfeifen des Windes in den Tannen zu erhalten, mit dem Kopf die Plattform erreichte. Ein herzzerreißender Ausdruck der Angst entstellte die Züge des alten Jägers. Als sein Gesicht den Gipfel der Pyramide überragte, als seine Augen auf dem noch frischen Grab Don Antonios die tiefen Spuren eines verzweifelten Kampfes, die Verschanzungen zerstört und deren Steine auf dem Boden zerstreut sah, stieß er einen schrecklichen Schrei aus: Fabian befand sich nicht mehr auf der Plattform.

In diesem Augenblick brach der Sturm in seiner ganzen Heftigkeit los. Der grollende Donner ertönte in lautem Echo, rasch und dicht wie der Hagel folgten die Blitze ohne Unterbrechung aufeinander. Die Erde erbebte unter dem den Blitzen folgenden Donner, die an dem schwarzen, mit Elektrizität geschwellten Gewölk aufzuckten. Dann ließen diese dunklen Wolkenmassen den Regen stromweise hervorbrechen, als ob alle Wasserfälle des Himmels sich mit einem Mal geöffnet hätten. Bois-Rosé rief Fabian mit donnernder, zuweilen gebrochener Stimme, indem er mit verstörten Augen mitten im dichtesten Regenguß alle Ecken der Plattform durchsuchte. Sie war verlassen.

»Bück dich, Bois-Rosé! Bück dich!« schrie Pepe, der ebenfalls endlich die Pyramide erstiegen hatte.

Der Kanadier hörte ihn nicht, und doch richtete sich eben plötzlich auf dem Felsen ihnen gegenüber der Mestize empor wie ein böser Geist, den die krampfhaften Bewegungen der Elemente aus der Erde hatten heraufsteigen lassen.

»Aber um Gottes willen, so bück dich doch!« wiederholte Pepe. »Bist du denn des Lebens müde?«

Ohne die Gegenwart Sang-Mêlés zu ahnen, dessen Büchse gegen ihn gerichtet war, neigte sich Bois-Rosé vornüber und suchte mit den Augen sein Kind am Fuß der Pyramide. Selbst der Leichnam des Indianers war nicht mehr da.

Als der Kanadier den Kopf wieder emporhob, bemerkte er zum erstenmal den Mestizen. Beim Anblick des Mannes, den er mit Fug und Recht als den Urheber allen Unglücks, das ihn eben getroffen hatte, ansah, fühlte der Waldläufer, wie eine Flut von Haß sich gegen ihn wälzte; aber er fühlte auch, daß das Schicksal Fabians in seinen Händen lag, und er befahl der Wut, die in seinem Inneren grollte, zu schweigen.

»Sang-Mêlé«, rief der Kanadier, dessen Angst den Stolz zum Schweigen gebracht hatte, mit flehentlicher Stimme, »ich demütige mich vor Euch bis zur Bitte! Wenn Ihr noch irgend Mitleid im Herzen habt, so gebt Ihr mir das Kind zurück, das Ihr mir genommen habt!« Bei diesen Worten blieb Bois-Rosé, den Schüssen des Banditen ausgesetzt, aufrecht stehen, während Pepe, hinter dem Stamm der Tannen in Sicherheit, ihm vergeblich zurief, sich in acht zu nehmen.

Ein schallendes, verächtliches Gelächter war die einzige Antwort des Piraten der Prärie. »Du Sohn einer tollen Hündin«, schrie Pepe, der sich nun ebenfalls mit entblößter Stirn dem Mestizen näherte, voller Wut über die Demütigung und den Schmerz seines alten Gefährten. »Willst du wohl antworten, wenn ein Weißer mit ungemischtem Blut dir die Ehre erzeigt, mit dir zu sprechen?«

»Sei ruhig, ich bitte dich darum, Pepe!« unterbrach ihn Bois-Rosé. »Erzürne den Menschen nicht, der das Leben meines Fabian in seiner Hand hat. – Hört nicht auf ihn, Sang-Mêlé; der Schmerz hat meinen Gefährten erbittert.«

»Aufs Knie!« rief der Bandit. »Vielleicht willige ich dann ein, Euch anzuhören.«

Das Blut färbte die entblößte Stirn Bois-Rosés noch dunkler; diese unverschämte Sprache ließ ihn erbeben wie eine von den Tannen, deren mächtige Zweige der Sturm über ihm beugte.

»Der Löwe wird sich nicht vor dem Schakal neigen«, flüsterte Pepe lebhaft ins Ohr des Kanadiers, »denn der Schakal würde über den kriechenden Löwen spotten.«

»Was schadet es?« antwortete Bois-Rosé schmerzerfüllt.

Der Stolz des Kriegers, der die Hand nicht erhoben haben würde, um sein Leben zu retten, wurde von der Liebe des Vaters besiegt, und der rauhe Waldläufer kniete nieder!

»Ach, das ist zuviel, du Bastard von einem Räuber und einer indianischen Herumstreicherin!« brüllte Pepe mit glühendem Gesicht, während seine Augen feucht wurden, als er den Kanadier mit gebeugtem Haupt und gebogenem Knie vor dem Piraten der Steppe sah. »Das heißt sich zu sehr demütigen vor einem Banditen ohne Wort und Herz. Komm, Bois-Rosé, wir werden uns Genugtuung dafür verschaffen; sollten auch hunderttausend Teufel ...«

Bei diesen Worten sprang der ungestüme Jäger, von der Liebe zu Fabian, besonders aber von der glühenden Freundschaft für den Kanadier fortgerissen, wie eine Gemse auf den Abhang der Höhe.

»Ah, ist es so gemeint?« rief der Mestize und gab Feuer auf Bois-Rosé, der für seinen Sohn um Erbarmen flehte. Aber der Regen stürzte immer noch in so dichten Strömen vom Himmel, daß der Hahn des Gewehres zweimal vergeblich gegen die Pfanne schlug, ohne das Pulver zu entflammen. Zweimal sprühte der Stein nutzlos Funken.

Bois-Rosé war durch diesen grausamen und mörderischen Versuch gegen einen bittenden und waffenlosen Feind ganz empört. Er hoffte nichts mehr von seinem Mitleid und folgte der Spur Pepes, ohne mehr als er die Zahl der Feinde, die die Felsen noch verbergen konnten, zu berechnen; Bois-Rosé stieg noch den Hügel hinunter, als Pepe schon mit dem Dolch in der Hand um die Einfassung des Val d'Or bog.

»Rasch herbei, Bois-Rosé!« rief die Stimme des Spaniers, der eben hinter der Felsenkette verschwunden war. »Die Schelme haben den Platz geräumt und sind entflohen!«

So war es auch; aber in demselben Augenblick begann der Mestize, der allein zurückgeblieben war, sich nach dem Gipfel der Nebelberge zurückzuziehen.

»Steh, wenn du nicht ebenso feig als grausam bist!« rief der Kanadier, der schaudernd den Räuber Fabians entschlüpfen sah.

»Sang-Mêlé ist kein Feigling«, antwortete der Mestize, seine indianischen Gewohnheiten wieder annehmend. »Der Adler der Schneegebirge und der Spottvogel werden ihm zum drittenmal begegnen, und dann werden sie das Schicksal des jungen Kriegers aus dem Süden teilen, um den die Indianer tanzen und dessen Fleisch sie den herumstreifenden Hunden der Prärien vorwerfen werden.«

Der Kanadier setzte seinen verzweifelten Lauf fort; er holte den Spanier bald wieder ein. Die beiden Jäger schienen auf ihrer hoffnungslosen Verfolgung gar nicht auf die Schwierigkeiten des Terrains und auf die schlüpfrigen Felsen zu achten, die sie ersteigen mußten. Sang-Mêlé war immer noch durch den dichten Regen hindurch sichtbar. Aber bald sahen sie ihn den Kamm der Berge überschreiten, und er verschwand bald unter dem ewigen Nebel, der sie bedeckte.

»Ach, kein Gewehr zu haben!« rief Pepe, indem er mit dem Fuß wütend auf den vom Regen aufgeweichten Boden stampfte.

»Die Hoffnung meines Lebens ist erloschen!« sagte der alte Waldläufer mit gebrochener Stimme, indem er einen Augenblick Atem schöpfte, während der Regen des Himmels seine Stirn näßte, auf der sich ein düsterer, heftiger Schmerz ausprägte.

Beide begannen wieder die Felsen zu ersteigen und überall die Spuren ihrer Feinde zu suchen; aber der strömende Regen traf heftig auf die Erde und verwischte den kaum hinterlassenen Eindruck ihrer Schritte; die Dunkelheit verdoppelte sich, denn die Nacht brach schnell herein, und die Felsen verrieten keine menschlichen Spuren. Der Spanier und der Kanadier verschwanden bald selbst unter der Nebeldecke der Berge; unter ihnen brüllte der Orkan in der Ebene; die Erde schien von den plötzlich entfesselten Geistern der Finsternis bedeckt zu sein. Bald rollte der Donner mit entsetzlichem Krachen, bald sprühte der Blitz wie die Funken ausbrennenden Holzes; er traf den Gipfel der Felsen, der in Staub zusammenfiel, und lange Blitze umhüllten mit ihren blendenden Strahlen das verlassene Goldtal und die Pyramide des Grabmals. Bei diesem Schein sah man, wie das Pferdeskelett erbebte, als ob Leben in ihm sei; wie die beiden Tannen unter der Gewalt des Windes wie anmutsvolle Veilchen in der Felsenspalte zitterten.

Bei einem solchen leuchtenden Blitz hätte man die beiden Jäger traurig auf der Spitze des Felsens sitzen sehen können; der eine von ihnen versuchte vergeblich den anderen zu trösten. Beide warfen einen trostlosen Blick auf die tiefen Abgründe, in die der Wind stürmisch hineinwehte, oder auf die altersgrauen Felsspitzen, die wie die Pfeifen einer gigantischen Orgel unter dem Hauch des Ewigen zu brausen schienen.

Wenn nach dem Einbruch der Nacht irgendein Reisender sich in die Nebelberge verirrt hätte, so würde er gehört haben, wie sich mit dem Rauschen des Sturms bald ein Gebrüll vermischte wie das des Löwen, dem man sein Junges geraubt hat; bald klagendes Geschrei wie das der Rahel, die in den Einöden Ramas weinte und sich nicht mehr trösten lassen wollte, weil ihre Söhne nicht mehr waren.

Als endlich der Sturm zu brüllen aufhörte, gingen Pepe und Bois-Rosé immer noch auf gut Glück in den Bergen umher – ohne ihren jungen tapferen Gefährten, ohne Waffen, ohne Lebensmittel – und begannen nun einen von jenen schrecklichen Abschnitten des Lebens in der Steppe, wo der Jäger kein Mittel mehr hat, gegen den Hunger zu kämpfen, und ebensowenig imstande ist, sich gegen herumstreifende Indianer oder gegen die Raubgier der wilden Tiere zu schützen.

Diese beiden unerschrockenen Männer hatten sich indessen entschieden, ihre Verfolgung fortzusetzen, denn die Sonne mußte bald noch einmal diese traurige Einöde erleuchten, und schon erloschen wie die sterbenden Kerzen eines nächtlichen Festes die Sterne am erleuchteten Himmelsgewölbe im Nebel des sich ankündigenden Morgens.

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