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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
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52 Das Gold ist eine Chimäre

Eine Nebeldecke umhüllte immer noch den Gipfel der Berge, obgleich die Sonne schon hoch am Himmel stand und die Steppe mit ihren Feuerstrahlen durchglühte. Das Feuer, das während der Nacht auf dem Gipfel der Felsen angezündet worden war, strahlte noch durch den Dunst, ohne daß die Belagerten hätten wissen können, ob einige von ihren Feinden sich dort befänden, um es zu unterhalten.

»Mein Gott, du siehst es – ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, um den Kampf zu vermeiden«, sagte der Kanadier, der mit leiser Stimme betete, indem er jetzt wieder durch die Anwesenheit Fabians daran erinnert wurde, daß alle Kraft und aller Schutz von oben komme; »aber dein Wille geschehe!« Dann wandte er sich an Pepe mit mehr Ruhe, als er bis jetzt gefühlt hatte, und sagte: »Da du die klaren und entschiedenen Stellungen liebst, so mußt du zufrieden sein. Es ist klar, daß die Schelme außer dem Schatz auch uns selbst noch haben wollen, und du weißt wahrscheinlich, zu welchem Zweck.«

»Ja, um die Freundschaft des Häuptlings mit dem schwarzen Gefieder, das Beste von seinen Jagden und die schönsten von seinen Frauen zu erhalten; anders ausgedrückt heißt das, um lebendig skalpiert, ermordet und verbrannt zu werden. Es ist wahr, das Schicksal ist gar nicht zweifelhaft.«

»Der Kampf wird lang und erbittert sein; Fabian, mein Sohn, der Haß des Feindes, der seinen Feind lebendig haben will, ist viel schrecklicher als der, der ihn zu töten sucht; wir haben es erprobt.«

In der Tat schlief wie eine traurige Vorbedeutung der Zukunft ein Mann neben ihnen in seinem Grab, den sie auch nur lebendig hatten gefangennehmen wollen. Jetzt drohte den Jägern dasselbe Schicksal, das Don Antonio von ihnen bereitet worden war und das ihnen zwei Tage zuvor auf dem Eiland gedroht hatte.

»Wir müssen also unsere Vorsicht und unsere Kaltblütigkeit verdoppeln«, fuhr der Kanadier fort; »jeder von uns darf nur dann schießen, wenn er seiner Sache sicher ist; und besonders mußt du, Fabian, um so weniger dein Leben aufs Spiel setzen, als du es ganz und gar einem Greis gewidmet hast, der sich deiner Gegenwart freut und dir für die Zukunft seinen Segen gibt. Dein Leben gehört dir nicht mehr; das ist mein Eigentum! Versprichst du es mir?«

»Aber unser Leben ist ja für den Augenblick nicht bedroht, da du sagst, daß man uns nur lebendig haben will!« erwiderte Fabian.

»Lebendig? Darüber mache ich mir keine Sorge«, sagte Bois-Rosé. »Wären wir auch alle drei tödlich verwundet, so würde uns doch noch Kraft genug übrigbleiben, uns in diesen Abgrund zu stürzen, um dort ein Los zu finden, das im Vergleich mit dem, das uns als Gefangene erwartet, sehr süß sein würde. Die Schelme haben daran nicht gedacht.«

»Es ist dabei noch etwas anderes zu bedenken«, fügte Pepe hinzu: »Diese Räuber der Prärien haben nicht dasselbe Interesse als ihre Verbündeten. Sie wollen vor allem Gold, und sobald die Ungeduld sie ergreift, haben sie nur noch einen Gedanken, nämlich uns so schnell wie möglich zu töten, um der Sache ein Ende zu machen. Gott gebe übrigens, daß ich mich nicht täusche, denn beim Versuch, uns zu töten, müssen sie sich bloßstellen; sonst könnte, wenn sie bei der Absicht, die sie kundgeben, beharren, ein so schrecklicher Umstand eintreten, wo wir trotz der gesicherten Zuflucht, die uns dieser Abgrund bietet, doch mit den Waffen in der Hand gefangengenommen würden, ohne daß uns die Möglichkeit bliebe, uns in die Tiefe zu stürzen oder uns gegenseitig zu erdolchen.«

Diese entsetzliche Wahrscheinlichkeit, neben der eine nicht minder schreckliche bestand – daß nämlich einer von ihnen allein den mitleidlosen Feinden in die Hände fallen könnte –, erschütterte die Jäger einen Augenblick. Eine heilige, unauflösliche Freundschaft, zehn Jahre gemeinschaftlich durchlebter Gefahren und Kämpfe verknüpften Bois-Rosé und Pepe. Vom Atlantischen Ozean bis an die Küsten des Stillen Ozeans hatten die Büchsen der beiden Jäger zusammen geknallt; sie hatten einander die Hände in vielen verzweifelten Kämpfen gedrückt, die Freuden des einen waren die Freuden des anderen gewesen. Hunger und Durst, die Vater und Sohn entzweien, hatten das Band, das sie zusammenfesselte, nicht zerreißen können; sie hatten ihren letzten Tropfen Wasser, ihren letzten Bissen Nahrung miteinander geteilt. Mit einem Wort: es war eine Freundschaft, wie man sie in der Steppe schließt, wo Haß, Rache, Liebe – kurz, alle Leidenschaften so groß werden wie die Unermeßlichkeit, der sie ihre Entstehung verdanken.

Nachdem sie einen Augenblick dieser Schwäche nachgegeben hatten, die auch die stärksten Gemüter ergreift, ermannten sich die drei Gefahren gewohnten, unerschrockenen Abenteurer – wenn auch nicht ganz ohne Tadel, doch ganz ohne Furcht – und richteten sich ähnlich den geschmeidigen, kräftigen Toledoklingen bald wieder von selbst gerade auf. Sobald dieser kurze Augenblick vorüber war, suchte jeder mit ruhigen, aufmerksamen Augen die Gefahr zu ermessen, die sie bedrohte.

Das Feuer funkelte immer noch mitten im Nebel der Berge und zog zuerst die Blicke des Kanadiers auf sich. »Ich liebe diesen Schein dort oben nicht«, sagte er. »Obgleich die Decken uns hinreichend von dieser Seite schützen, so ist doch das Gefühl beunruhigend, von hinten beschossen zu werden. Die Schelme werden es bei ihren feindlichen Absichten gewiß bald versuchen, unsere Aufmerksamkeit vom Hauptpunkt ihres Angriffs uns gegenüber abzuziehen. Der Nebel, der die Höhen bedeckt, hindert die Indianer nicht daran, nach Gutdünken auf uns zu schießen.«

»Du hast recht«, sagte Pepe. »Ich glaube nicht, daß der alte Bandit und sein würdiger Sohn sich durch ihren Kontrakt mit dem Schwarzen Falken verbindlich gemacht haben, uns mit allen unseren Gliedern abzuliefern, und wenn wir, durch das Feuer dort oben verführt, in unserer Aufmerksamkeit nachlassen, so werden sie bei ihrer teuflischen Geschicklichkeit jedem von uns eine Schulter oder zwei auszurenken oder einen Arm oder einen Schenkel zu zerschmettern suchen.«

»Hier, Fabian«, fuhr der Kanadier fort, »ist dein Posten. Du mußt immer das Feuer beobachten und den Lauf deiner Büchse darauf gerichtet halten. Sobald du durch den Nebel hindurch den Blitz eines Gewehrs siehst, so gib kühn und ohne zu zittern Feuer auf das Licht, das von der Zündpfanne aufblitzt.«

Fabian legte sich nach Bois-Roés Anweisung hinter der Verschanzung auf die Lauer, den Lauf seiner Büchse auf die Felsen gerichtet. Die anderen Jäger lagen mit dem Gesicht zu ihren Feinden, ohne daß die Mündung ihrer Büchse eine Linie weit die Plattform der Pyramide überragte, und lauerten so mit den Augen auf die Bewegungen der Belagerer.

Die Taktik der Indianer ist nicht so ungestüm wie die der Europäer. So zahlreich sie auch sein mögen, so werden sie doch niemals das Leben ihrer Krieger beim Sturm auf eine wohlverteidigte Stellung opfern. Die Wilden haben mit der Grausamkeit des Tigers auch seine unermüdliche Geduld. Ganze Tage gehen, wenn es sein muß, damit vorüber, daß sie ihren Feind bis zu dem Augenblick belauern, wo Müdigkeit, Hunger, Mangel an Munition oder irgendeine Unbesonnenheit ihnen diesen überliefert. Es sind Vertilgungskriege im kleinen; wenn aber von beiden Seiten dieselbe Geduld, dieselbe Schlauheit, mit einem Wort derselbe Kriegsplan befolgt wird, so begreift man, daß diese Kriege lange Zeit dauern müssen.

Unglücklicherweise hatten die Belagerten kaum für mehr als vierundzwanzig Stunden Lebensmittel, und die Taktik der Belagerer mußte ihnen darum verderbenbringend werden, während diese ihrerseits leicht einen von ihren Jägern absenden konnten, um Wild in der Ebene oder in den Bergen zu schießen.

»Wie wird das alles enden?« fragte der Kanadier Pepe mit leiser Stimme.

»Ich weiß es wirklich nicht; nicht einmal, wann es anfangen wird. Ich kann dir jedoch sagen, daß ich mich viel wohler fühle, wenn ich eine oder zwei Patronen abgeschossen habe und wenn ich die Schüsse und das Kriegsgeschrei rings um mich widerhallen höre.«

»In der Tat – so angenehm das Schweigen der Einöden ist, sobald man weiß, daß man sich allein darin befindet, so beunruhigend ist es, wenn man sich von Feinden umgeben fühlt.«

Pepes Wünsche wurden bald erhört. Zwei Schüsse hintereinander störten die Ruhe der Luft. Der eine kam von den Bergen, der andere von der Plattform, wo Fabian – aber vergeblich – Feuer auf einen Feind gegeben hatte, der auf der Höhe des Wasserfalls stand.

Dreimal hintereinander wiederholten sich diese Doppelschüsse ohne Erfolg auf beiden Seiten. Stücke von Baumrinde und ein Regen von Tannennadeln fielen auf die drei Jäger nieder, und Fabians Kugeln hatten dem Feind ohne Zweifel nicht mehr Schaden zugefügt.

»Tritt mir deinen Platz ab, Fabian«, sagte Bois-Rosé, »und nimm den meinigen ein. Pepe, zeig ihm doch, wie er den Lauf seiner Büchse legen muß, um sich ihrer zu bedienen, ohne sie sehen zu lassen.«

Mit diesen Worten zog sich der Kanadier kriechend zurück und tauschte den Platz mit dem jungen Mann, der sich zu Pepe verfügte. Bois-Rosé durchforschte auf seinem neuen Posten mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit Höhen und Ebenen zugleich mit raschem Blick. Er wunderte sich, jenseits des Sees, der sich am Fuß der Pyramide, auf der entgegengesetzten Seite der Bergkette, ausdehnte und dessen Wasser den steilen Abhang der Nebelberge bespülte, einige flache Steine auf die hohe Kante gerichtet zu sehen, und zwar in nicht großer Entfernung voneinander. Der Waldläufer zählte vier solcher aufgerichteter platter Steine und zweifelte nicht, daß hinter dieser Deckung ebenso viele Feinde im Hinterhalt lägen, um ihre Flucht nach dieser Seite hin zu verhindern.

Von da wandte der Kanadier wieder seine ganze Aufmerksamkeit den Höhen zu, wo das Feuer immer noch mit schwachem Schein durch den Nebel glänzte; dann wartete er geduldig wie ein Indianer.

Während dieser Zeit lagen Pepe und Fabian nach dem Beispiel Bois-Rosés bewegungslos nebeneinander und wechselten einige Worte mit leiser Stimme.

»Ihr habt unrecht daran getan, Pepe«, sagte Fabian, »diese beiden Männer durch nutzlose und vielleicht unverdiente Beleidigung zu reizen.«

»Sie waren ebensowenig nutzlos als unverdient, Don Fabian; zuerst, weil sie mich von einer großen Last befreit haben, und dann, weil diese beiden Männer die größten Schelme sind, die jemals die Prärien, in denen es doch eine große Anzahl von ihnen gibt, betreten haben. Ihr kennt noch nicht diese lasterhafte Rasse von weißen Renegaten und roten Mestizen. Diese beiden Räuber haben nur die Laster der Weißen und der Wilden in sich vereinigt. Bois-Rosé und ich sind schon Gefangene dieser Taugenichtse gewesen, und ich habe bei ihnen gesehen, was ich niemals vergessen werde. Ich habe den Vater und den Sohn, trunken vom Feuerwasser, mit der Streitaxt in der Hand und jeder begierig nach dem Blut des anderen aufeinander losstürzen gesehen.«

Fabian schauderte bei dieser schrecklichen Erzählung. »Ich habe gesehen«, fuhr der ehemalige Grenzjäger fort, »wie diese beiden Ungeheuer wie Löwen miteinander kämpften, deren Stärke sie beinahe besitzen; wie sie sich zusammen im Staub wälzten und einander zu zerreißen suchten ... Ich habe gesehen ... Ach«, sagte Pepe, sich unterbrechend, »seht den Schelm dort, der mir Gelegenheit geben wird, meine Hand wieder zu üben ... Er tut sehr unrecht daran, sich einzubilden, daß ich die stolze Malerei seines Gesichts für Blätter halten würde, die der Herbst rot gefärbt hat, und seine Augen ...«

Pepe sprach noch, als seine Büchse plötzlich vor Fabians Ohren knallte. Ein wilder Schrei antwortete dem Schuß.

»Der ist es nicht, der schreit, das versichere ich Euch; ich wette darauf, daß die Kugel ihm durch die Augenhöhle in den Schädel gedrungen ist, in welchem Fall man keinen Atemzug mehr tut. Ja, Don Fabian«, fuhr der Jäger fort, indem er seine Büchse wieder lud, »ich habe gesehen, wie Vater und Sohn einander das Leben zu entreißen suchten; der eine dem, von dem er es bekommen hat, der andere dem, dem er es gegeben hat!

Ich habe gesehen, wie der Sohn seine Knie auf die Brust seines um Erbarmen flehenden Vaters gesetzt hatte; wie er sein Skalpiermesser zog, um den Skalp seines Vaters zu nehmen, als ein Indianer hinzutrat und mit Gefahr seines Lebens diese verabscheuenswürdige Schandtat verhinderte. Puh«, fügte der Jäger energisch hinzu; »was könnt Ihr von solchem Ungeheuer erwarten? Heda, Bois-Rosé, wir haben einen Feind weniger!«

»Ich weiß es, da du eben geschossen hast«, erwiderte der Kanadier, ohne sich umzuwenden, um den Feind, den er belauerte, nicht aus den Augen zu verlieren.

Ein tiefes Schweigen folgte der grauenvollen Erzählung Pepes, während die drei auf der Plattform Liegenden ebenso unbeweglich blieben als das Skelett des Tieres, das auf dem Gipfel thronte, und die Toten, die unter ihnen ruhten.

So verflossen zwei Stunden; zwei lange Stunden. Die Sonne stand beinahe senkrecht am Himmel und warf auf die Höhe der Pyramide feurige Strahlen, deren Glut der Schatten der beiden Tannen nicht vermindern konnte. Der Wind wehte aus der Steppe gleich den Ausdünstungen eines Glutofens, und Durst und Hunger machten sich bei den drei Jägern fühlbar.

»He, Bois-Rosé, du machtest ja vor einigen Stunden so schöne Beschreibungen von unseren Tagen des Überflusses – was meinst du von dem niedrigsten Gericht, womit deine Erinnerung unsere Tafel belud?«

»Bah, Pepe, sind wir nicht schon vierundzwanzig Stunden ohne Speise und Trank geblieben und haben von einem Morgen bis zum anderen gekämpft? Wenn du hungrig bist, so kau einige Tannennadeln, die die Kugel des Indianers auf uns hat niederregnen lassen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der bittere Geschmack des Harzes dir nicht den Appetit auf vierzehn Tage raubte.«

»Danke schön; ich habe ein einfaches Stück von einem Rehbraten oder einem Büffelrücken lieber«, antwortete Pepe, der wieder guter Laune geworden war. »Aber du liegst dort hinten so ruhig wie ein Heiliger aus Stein in seiner Nische; ist denn auf deiner Seite irgendein Individuum in der Ebene im Bereich deiner Büchse?«

»Es sind vier da; aber sie liegen in Löchern hinter platten Steinen, wodurch auch wir uns decken«, erwiderte der Kanadier, indem er einen raschen Blick nach der Stelle warf, wo er die auf die Kanten gesetzten Platten gesehen hatte; aber diese hatten ihre horizontale Lage wieder angenommen. »Ach«, fuhr Bois-Rosé fort, »die Schelme haben die Steine auf ihren Schlupfwinkel niederfallen lassen. Merk dir das, und wenn die Nacht hereingebrochen ist und die Füchse ihren Bau nicht verlassen haben, so können wir beide hingehen und dieses Gezücht zertreten.«

Der Kanadier verlor während dieser Unterredung keineswegs die Stelle aus den Augen, wo das Feuer auf der Höhe angezündet war. Nur ein etwas dunklerer Streifen, den der Rauch des ausgehenden Feuers durch den Nebelschleier zog, machte es sichtbar. Seinerseits konnte Pepe durch die schmale Schießscharte der sie beschützenden Steine seine Blicke, ohne die Stellung zu ändern, auf das Val d'Or fallen lassen.

Gewiß zum erstenmal seit Jahrhunderten mischte die Sonne nicht ihre goldenen Strahlen mit dem Gold in dem engen Tal, das unter den schon verwelkten Zweigen verborgen lag.

»Ich hatte mich nicht getäuscht, wie Ihr seht«, sagte Pepe zu Fabian, »wenn ich behauptete, daß dieser erbärmliche Schuft Baraja seinen Verbündeten das wirkliche Lager des Schatzes nicht entdeckt hätte; sonst würden wir diesen Mestizen und den Renegaten einen Versuch machen sehen, sich in das Tal hinabzuschleichen oder wenigstens neugierige Blicke hineinzuwerfen. Das wäre eine herrliche Gelegenheit, ihnen etwas Blei in den Kopf zu schicken. Ich kann wohl sagen, daß ehrlichere Leute als sie diesem Zauber des Goldes, das dort haufenweise ausgebreitet liegt, nicht entgangen sind. Ich habe ganz entschieden unrecht daran getan, es ihren Blicken zu entziehen. Was zum Teufel aber können denn diese Dämonen der Hölle so lange vorhaben?

»Ich möchte es wohl erraten können«, fuhr der Spanier nicht ohne Unruhe fort.

»Vielleicht entschließen sie sich, zu stürmen, und warten die Nacht dazu ab.«

»Obgleich wir ihre Zahl nicht kennen, so wäre es doch zu wünschen.«

Ein Ereignis unterbrach die Betrachtung Pepes. Zwei Feuerstrahlen durchfurchten die vor den Augen des alten Jägers ausgebreitete Nebelhülle, und der doppelte Knall hatte seine Ohren noch nicht erreicht, als auch seine Büchse einen gleichen Blitz schleuderte. Die drei Schüsse wurden fast zu einem einzigen, aber mit verschiedenem Erfolg. Durch die beiden zugleich abgeschossenen Kugeln von ihren Stricken abgerissen, fielen die Wolldecken auf die Plattform nieder, während das Blei Bois-Rosés, der nach dem Licht, das dem Schuß vorausgegangen war, gezielt hatte, einen von den Schützen traf.

»Ach, Don Fabian«, rief Pepe, »welch einen köstlichen Anblick verliert Ihr da! Nur Bois-Rosé kann Euch ähnliche Überraschungen bereiten.«

Ein Indianer stürzte von der Höhe des Berges herab und machte vergebliche Anstrengungen, sich an den scharfen Felsenspitzen festzuhalten, an denen er in seinem Sturz zerschmetterte; nachdem er grauenerregende Sprünge im Fall gemacht hatte, fiel seine Leiche neben dem Schlund des Wasserfalls in den See, der unter seiner grünen Decke rauschte.

»Das ist unser Ende!« fuhr der Spanier philosophierend fort und heftete seine Augen auf die Wasserfläche. Die Kreise auf dieser wurden immer größer und verschwanden endlich am Ufer; dann wurde das Wasser wieder so ruhig wie vorher und spiegelte wieder friedlich den Himmel und die Felsen ab. Bald hörten die Jäger nur noch die von den Seiten des Berges losgerissenen Steine langsam in den See gleiten; es klang wie der Sand einer Totenuhr, wie die Schaufel voll Erde, die man in die Gruft wirft, um sie zu füllen, sobald sie in sich aufgenommen hat, was sie nicht zurückgeben soll.

»Jetzt sind es schon zwei Schelme weniger und ein Einschnitt auf unserer Büchse mehr«, sagte Pepe in der Art einer Leichenrede; »es war ein teurer Schuß!«

Aber Bois-Rosé dachte an alles andere als daran, ein Siegeszeichen mehr in einen Kolben einzugraben, wo es bald an Platz zu fehlen drohte. Er dachte zuerst, daß sie durch das Herabstürzen der beiden Decken nach der Seite des Wasserfalls hin ohne Schutz blieben; daß die Tannenstämme sie nicht mehr so wirksam deckten und es unmöglich war, auch nur daran zu denken, ihre herabgeworfene Verschanzung wieder aufzurichten.

Ein Umstand, aus dem er einen Vorteil zu ziehen suchte, nahm ebenfalls seine Augen und seine Gedanken ganz in Anspruch. Der Indianer, der von der Höhe des Felsens in den See hinabgestürzt war, hatte in seinem Fallen Büschel langen Grases, die an seinen Vorsprüngen fast in gleicher Höhe mit dem Wasser wuchsen, herausgerissen und das dichte Schilf geknickt, dessen schwärzliche Kronen und grüne Stengel sich mit dem herabhängenden Gras mischten. Das zerknitterte und auseinandergerissene Schilf ließ einen gähnenden Schlund wie die Öffnung eines Kellergewölbes erblicken. Dieses Gewölbe schien der Eingang zu einem ziemlich breiten, jedoch sehr dunklen Kanal zu sein.

Man erinnert sich vielleicht, daß dies die Öffnung des unterirdischen Kanals war, in den Baraja am Tag vorher Main-Rouge und Sang-Mêlé auf ihrem Rindenkanu hatte hineinfahren sehen. Der Kanadier wußte diesen Umstand nicht; aber er dachte mit dem Scharfsinn, den seine lange Erfahrung bei ihm entwickelt hatte, an den Vorteil, den er daraus ziehen könnte, wenn der Hunger mehr als der Feind ihn zur Flucht zwingen würde. Beim Nachdenken über diese Entdeckung verlor jedoch Bois-Rosé den Verbindungspunkt nicht aus den Augen, wo die Felsenkette, die die Festung der Belagerer bildete, sich mit den Nebelbergen vereinigte, deren Verlängerung sie durch eine Laune der Natur zu sein schien.

Allem Anschein nach mußte der Gefährte des Indianers, den seine Büchse niedergestreckt hatte, überzeugt, daß es wegen der Gefahr unmöglich sei, den von ihm eingenommenen hohen Posten zu behaupten, sich zu den übrigen Belagerern zurückziehen. Der enge Pfad, der die Felsen mit den Bergen verband, war nicht so geschützt, daß nicht noch Raum genug dagewesen wäre, um den Mann aufs Korn zu nehmen, der ihn verfolgte.

Bois-Rosé hatte sich nicht getäuscht. Sein durchdringender Blick unterschied bald den flatternden Kopfschmuck eines indianischen Kriegers, der sich bald hob, bald senkte, dann verschwand und bald wieder erschien. Einen Augenblick blieb der Busch von Adlerfedern unbeweglich. Da der Kanadier gewiß wußte, daß sein Feind ihn beobachtete, so rührte er sich nicht und schien den Kopf nach einer anderen Richtung zu wenden. Der wilde Krieger wollte vielleicht bequemer auf seinen Feind zielen, der nicht auf der Hut zu sein schien; vielleicht wollte er auch – was noch wahrscheinlicher war – eine von den albernen Prahlereien begehen, die die Indianer trotz ihres scheinbar unerschütterlichen Ernstes zuweilen gern ausüben, da sie ihrem Mut schmeicheln – kurz, er zeigte sich ganz und gar auf dem Gipfel des Felsens. In der Tat schwenkte der Apache seine Büchse, ohne zu zielen, und stieß ein beleidigendes und herausforderndes Geheul aus.

Das Geheul hatte aber kaum begonnen, als es schon mit einem Schrei des Todeskampfes endigte. Die Kugel des Jägers hatte den Indianer erreicht. Seine Büchse entschlüpfte seinen Händen, und der Indianer selbst gehorchte einem jener seltsamen Antriebe des menschlichen Körpers, wenn der Tod ihn mitten in seiner Kraft überrascht: Er machte zwei Sprünge vorwärts und rollte dann in das Val d'Or hinab, wo er sich nicht mehr rührte.

»Frischauf«, sagte Pepe; »das geht gut! Bois-Rosé vergeudet sein Pulver nicht.«

Während der Zeit hatte sich Bois-Rosé kriechend seinen beiden Gefährten genähert, und jeder drückte ihm die Hand als Zeichen schweigenden Triumphes und stummer Freundschaft.

»Der Steppenräuber da unten«, sagte Bois-Rosé, »ahnt nicht, daß er auf Goldhaufen ruht.«

»Ach, Bois-Rosé«, erwiderte Pepe, »es ist sehr schmerzlich, zu denken, daß dieses Gold uns ebensowenig als ihm dienen kann und daß es uns nicht einmal einen Bissen zwischen die Zähne zu bringen vermag. Es ist auch betrübend, mitten in einer so kritischen Lage, wie die unsrige ist, noch einen Appetit zu haben, den man nicht befriedigen kann.«

»Laß uns zuerst daran denken, unser Leben zu retten«. sagte Bois-Rosé ernst. »Was schadet der Hunger, solange er nicht unsere Augen trübt und unsere Arme zittern macht? Vielleicht ist unsere Lage doch nicht ohne Ausweg.«

Der Kanadier teilte nun in einigen Worten seinen beiden Gefährten die Umstände vom Fall des Indianers mit; er sagte ihnen, wie die Öffnung eines unterirdischen Ganges, der wahrscheinlich eine Verbindung zwischen dem See und dem Innern der Nebelberge bilde, plötzlich vor seinen Augen erschienen sei. Bois-Rosé verhehlte sich ebensowenig als seine Zuhörer, daß diese Entdeckung, so glücklich sie auch sein könnte, doch nur erst unter ganz verzweifelten Umständen benützt werden dürfe. Der See war tief, und wenn sie schwimmend den Ausgang des unterirdischen Kanals erreichen wollten – in der Voraussetzung, daß es weiterhin noch einen Ausgang gebe und daß auch die Indianer, die die Ebene auf der anderen Seite der Wasserfläche überwachten, sie nicht bemerkten –, so setzten sie sich doch der Gefahr aus, ihr Pulver zu durchnässen und so sich jedes Verteidigungsmittels zu berauben.

Jäger ohne Waffen sind in der Steppe nicht nur der unbarmherzigen Willkür umherstreifender Indianer preisgegeben, sondern auch im voraus zu einem schrecklichen Tod, nämlich zum Hungertod verdammt. Das tiefe Schweigen, das immer noch auf der Seite der Belagerer herrschte, schien anzudeuten, daß Sang-Mêlé nicht länger das Leben seiner wilden Bundesgenossen, von denen schon drei gefallen waren, aufs Spiel setzen, sondern sich wie der Schwarze Falke vor ihm darauf beschränken wollte, die Belagerung fortzusetzen und sie auszuhungern.

Was diesen Felsen mit unerschütterlicher Grundlage anbelangte, so war nicht zu hoffen, daß er jemals wie die schwimmende Insel aus dem Grund herausgerissen werden könnte.

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