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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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51 Main-Rouge und Sang-Mêlé

Die drei Belagerten verloren keine Zeit, ihre letzten Vorbereitungen zum Kampf zu treffen. Jeden Gedanken an eine Kapitulation ließen sie von nun an für immer fallen.

»Sieg oder Tod! Du weißt ebensogut wie ich, Bois-Rosé«, sagte Pepe, indem er frisches Pulver auf die Pfanne seiner Büchse schüttete – und seine Freunde wandten dieselbe Vorsicht an –, »daß eine Kapitulation mit diesen unreinen Banditen um ein gutes Teil gefährlicher ist als ein Kampf gegen sie. Man verläßt im Glauben auf die Heiligkeit der Verträge eine ausgezeichnete Stellung – wir etwa würden in die Ebene hinabsteigen –, und da könnten wir gerade in dem Augenblick, in dem wir es am wenigsten erwarten, im Nu umringt, ermordet und skalpiert werden.«

»Für den Fall, daß der Mangel an Lebensmitteln uns dazu zwingen sollte, machen wir einen Ausfall!« rief der Kanadier. »Es darf aber erst geschehen, wenn wir ihre Zahl so weit gelichtet haben, daß es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn ihrer noch genug sind, um uns zu umringen.«

»Es ist wahr, wir haben wenig Lebensmittel«, sagte Pepe mit stoischem Stirnrunzeln; »und ich muß gestehen, daß ich es immer hart gefunden habe, mich einen ganzen Tag lang zu schlagen, ohne am Abend einen Mundvoll Speise zum Nachtmahl zu haben. Jedenfalls habe ich im Dienste Seiner katholischen Majestät rauhe Lehrjahre im Hungern durchgemacht, und seitdem habe ich meine Studien in diesem Punkt fortgesetzt – und du ebenfalls; Don Fabian allein ist nicht daran gewöhnt.«

»Ich gebe es zu«, sagte Bois-Rosé lebhaft, der immer noch seinem System treu blieb, dieses schreckliche Leben in der Steppe seinem Fabian trotz der damit verbundenen vielseitigen Gefahren als ein überaus beneidenswertes darzustellen; »aber es gibt auch Tage des Überflusses, in denen die Tafel der Mächtigen auf der Erde nicht wie die unsrige besetzt ist. Ist es uns nicht hundertmal vorgekommen, daß wir von der kleinen Brut in den Bächen der Ebene bis zu den gewaltigen Salmen der Wasserfälle des Gebirges; von der Feldlerche bis zum großen Truthahn; vom kleinsten vierfüßigen Tier, das für den Tisch des Menschen bestimmt ist, bis zum kolossalsten Büffel der Prärien die Auswahl gehabt haben? Du wirst es sehen, du wirst es sehen, wenn ...« – der Kanadier wurde plötzlich in der Höhe seines Enthusiasmus an die Wirklichkeit und ihre bedrängte Lage erinnert –, »wenn Gott diese neue Gefahr von uns abgewandt haben wird!« schloß er mit bewegter Stimme.

Fabian erwiderte darauf: »Der letzte Mediana, der jetzt noch einen so reichen Teil dieser Erfahrungen mitnehmen konnte, hat mehr als einmal im Schoß des Elends, in das man ihn gestoßen hatte, das Wühlen des Hungers in seinen Eingeweiden vernommen. Ich habe keine angenehmeren Lehrjahre in meinem Leben gehabt als ihr.«

»Armes Kind«, sagte Bois-Rosé.

»Und Gayferos?« rief Pepe. »Was soll während dieser ganzen Zeit aus ihm werden?«

»Er steht wie wir unter Gottes Schutz«, sagte der Kanadier ruhig; »jetzt dürfen wir nur an uns denken. Sobald sich nur unter diesen Indianern irgendein Freund oder ganz einfach nur einige Krieger des Schwarzen Falken befinden, so wird der Kampf ein Kampf auf Leben und Tod sein. Nach hundert Jahren würden deren Nachkommen noch von den unsrigen Rechenschaft für das indianische Blut fordern, das wir an den Ufern des Rio Gila vergossen haben; es ist also gut, keine Vorsichtsmaßnahmen zu unterlassen.« Die drei Jäger legten nun hinter den nach der Seite des Wasserfalls hin zu ihrem Schutz ausgespannten Decken ihre Pulverhörner nieder, da sie fürchteten, daß eine Kugel ihnen das einzige Verteidigungsmittel rauben könnte. Ihre Ledertaschen, die die Kugeln und die Lebensmittel enthielten, wurden am selben Ort niedergelegt und mit Steinen bedeckt, um sie noch mehr vor dem Feuer des Feindes in Sicherheit zu bringen.

Nachdem diese Vorsichtsmaßnahmen getroffen waren, legten sich der Kanadier und Fabian, indem sie stets die Augen auf den Gipfel der der Plattform der Pyramide gegenüberliegenden Felsen richteten, hinter die breiten Steine, die sie vor sich aufgerichtet hatten, die Büchse zur Seite, und Pepe kniete hinter den Stämmen der beiden Tannen nieder. Dann erwarteten alle drei den Beginn der Feindseligkeiten.

Dieser Augenblick war um so feierlicher, als die Belagerten noch nicht wissen konnten, mit welchen Feinden sie zu tun hatten, noch wie groß ihre Anzahl war. Alles, was sie – aber nur undeutlich durch die Felsenschießscharten, hinter denen sie gedeckt lagen – unterscheiden konnten, war eine fast unaufhörliche Bewegung der Gebüsche, die auf dem gegenüberliegenden, einer Verschanzung ähnlichen Gipfel hin und her wogten. Man errät wohl, daß es den Mestizen keine Mühe gekostet hatte, diesen für den Angriff so vorteilhaften Posten zu finden, obgleich er nicht so hoch lag als die Pyramide. Er hatte darauf zum großen Schrecken Barajas, dessen unruhige Sorge für seinen Schatz immer wach blieb, noch vor Tagesanbruch seine Stellung über dem Val d'Or eingenommen. Der Abenteurer hatte sich beeilt, einen bestürzten Blick hinabzuwerfen. Aber wie groß war sein Erstaunen, als er sah, daß eine unbekannte Hand – die Hand eines eifersüchtigen Liebhabers, der allen Augen den Gegenstand seiner Liebe verbirgt – unter einem Schleier von Zweigen den berauschenden Glanz des Goldes, den das Tal widerstrahlte, verborgen hatte! Baraja dankte abermals seinem Schutzengel für diese ganz besondere Gunst und suchte in seinem Geist nach einem Mittel, in das Val d'Or hinabzuschleichen, um dem Mestizen den für seine Befreiung bedungenen Preis heraufzuholen, ohne die fast unerschöpfliche Quelle zu verraten.

Main-Rouge und Sang-Mêlé hatten im Vertrauen auf ihre Kraft und Geschicklichkeit mit Ungeduld und Verachtung all die umständlichen Vorbereitungen eines indianischen Angriffs mit angesehen. Als endlich diejenigen der Apachen, die aus den bisherigen Kämpfen die Kaltblütigkeit und den Mut ihrer furchtbaren Gegner kannten, sich hinter den Reisigbündeln, die sie aufgehäuft hatten, und hinter dem dichten Gebüsch, mit dem die Felsen auf dem Gipfel bedeckt waren, in Sicherheit glaubten, um das Feuer zu eröffnen, stieß Main-Rouge den Kolben seiner Büchse heftig auf den Boden.

»Ach was«, sagte er mit einem schrecklichen Fluch, »es ist Zeit, dem ein Ende zu machen. Ohne diese Hunde – ohne diese Indianer, wollt' ich sagen – mit ihrer lächerlichen Liebe für die Skalpe, die nichts einbringen, würden wir diese Räuber dort oben auffordern, uns ihren Schatz auszuliefern; mit der Nennung unserer Namen würde alles beendet sein. Wir würden sehen, daß sie sich aus dem Staub machten wie Präriehunde, deren Bau man aufgräbt.«

»Ach, du alter Schelm«, sagte der Mestize mit einem Lieblingsfluch, der an Energie dem seines schrecklichen Vaters nichts nachgab, und spielte damit auf ein Gerücht an, das über Main-Rouge von den indianischen Stämmen erzählt wurde, »du mußt gewinnbringendere Skalpe haben wie diejenigen, die die Befehlshaber an den Grenzen dir, wie man sagt, einst mit Gold aufwogen. Diese Indianer wollen drei Skalpe, und sie sollen sie erhalten, verstehst du?«

Vater und Sohn warfen einen jener unheilverkündenden Blicke aufeinander, die zwischen diesen zügel- und gesetzlosen Schelmen so oft in blutigen Streit ausgeartet waren; für diesmal jedoch blieb es ohne Folge. Jeder von ihnen fühlte, daß der Augenblick, ihren abscheulichen Leidenschaften freien Spielraum zu lassen, schlecht gewählt war; der Vater verschluckte darum seinen Zorn und nahm wieder das Wort: »Nun denn! Was ist jetzt zu tun?«

»Was ist jetzt zu tun?« wiederholte Sang-Mêlé, indem er sich an denjenigen unter den Indianern wandte, der am einflußreichsten unter ihnen zu sein schien. »Der Schwarze Falke will seine Feinde lebendig haben; der Wunsch eines solchen Häuptlings wie er ist Gesetz für seine Krieger!«

»Gut«, sagte Main-Rouge; »das ist noch viel schwieriger, als drei Leichen den Skalp zu entreißen.« Dann warf er auf Baraja einen Blick, der diesen erzittern ließ. »Hund!« sagte er zu ihm. »Hast du uns nur darum hierher geführt?«

»Habe ich es Euer Gnaden nicht gesagt«, antwortete Baraja, »daß der Schatz von drei furchtbaren Jägern bewacht würde?«

»Was liegt daran?« sagte Sang-Mêlé. »Der Mexikaner wird sein Gold hergeben oder, wenn er uns betrogen hat, seine Haut bis auf den kleinsten Fetzen; Main-Rouge und Sang-Mêlé werden die drei Weißen den Indianern lebendig überliefern oder selbst das Leben dabei verlieren. Sie haben es versprochen, und sie werden ihr Wort einlösen.«

Der treulose Mestize hatte diese Worte halb spanisch – damit Baraja sie verstünde – und halb indianisch gesprochen, um vom Festhalten an seinem Wort eine Idee zu geben. Seine Verbündeten schenkten ihm kein Vertrauen.

»Ist der Name meines Bruders«, wandte er sich an den Indianer, »nicht die Gemse?« »Ja; er springt wie diese auf den Felsen.« »Wohlan; ist die Gemse entschlossen, ihr Leben und das ihrer Krieger zu opfern, um die Weißen gefangenzunehmen?«

»So sei es! Vorausgesetzt, daß drei von ihnen übrigbleiben, um die Gefangenen zur Hütte des Schwarzen Falken zu führen, willigt die Gemse ein, sich unter der Zahl derer zu befinden, die ihr Dorf nicht wiedersehen werden.«

»Gut«, sagte der Mestize. Dann wandte er sich an Baraja und sagte: »Und du, Schelm; welche Rolle wirst du spielen, um dein Versprechen zu halten?«

Baraja war wegen der Antwort sehr verlegen. Er wußte nur, daß er die Rolle des Schakals spielte, der sich zur Jagd einer Bande von Jaguaren angeschlossen hat. Er hielt sich deshalb im Hintergrund, da er sich erinnerte, daß in den Augen des wilden Amerikaners wie in denen des Mestizen sein Leben wenigstens bis zu dem Augenblick einigen Wert haben mußte, wo er sein Lösegeld bezahlt haben würde. »Euer Gnaden«, sagte er, »sollten in Betracht ziehen, daß ich allein weiß, wo der Schatz vergraben ist und darum mein Leben nicht leicht aufs Spiel setzen darf.«

»Bleibt darum hinter diesen Felsen versteckt!« sagte der Mestize und wandte Baraja verächtlich den Rücken.

Er unterhielt sich nun einige Minuten mit seinem Vater in einem Dialekt, den niemand von den Zuhörern verstehen konnte. Die kurze Besprechung fand auf einem von den Felsen gebildeten, sanft abfallenden Abhang statt. Auf diesem Abhang, der mit einer Art terrassenförmiger und mit Gebüsch bedeckter Anhöhe schloß, standen die Indianer fast aufrecht; ihr Kopf war in gleicher Höhe mit den ersten Schößlingen, und obgleich sie eine weniger hohe Stellung einnahmen als ihre Gegner, so konnten sie doch, selbst gedeckt, die leichteste Bewegung benützen, die etwas von ihnen erblicken ließ.

»Wenn wir ihnen das Leben versprechen würden, so würden sie sich ergeben«, sagte der Mestize zum Schluß.

»Und wir werden unser Wort halten, da wir sie den Indianern lebendig überliefern sollen«, fügte der Vater mit wildem Lächeln hinzu.

Zu gleicher Zeit stiegen Vater und Sohn die Böschung halb hinauf und hoben die Hand empor, ohne sich selbst oberhalb der Gebüsche zu zeigen.

»Aufgepaßt!« sagte Pepe, der hinter den beiden Tannen auf den Knien lag. »Die Feindseligkeiten oder die Unterhandlungen werden ihren Anfang nehmen; ich sehe zwei Hände, die den Felsenkamm überragen und das Zeichen des Friedens geben. Aber ... diese Hände halten nicht das Kalumet ... und die Kleider, die die Arme bedecken, sind nicht diejenigen der Apachen ... Mit wem haben wir es denn zu tun?«

Pepe hatte mit außerordentlicher Schnelligkeit diese Worte gesprochen und diese Beobachtungen angestellt, als eine starke Stimme sie unterbrach: »Wer ist derjenige«, sagte die Stimme, »den die Indianer den Adler der Schneegebirge nennen?«

»Was ist das?« murmelte Bois-Rosé bestürzt. »Wer von diesen Schelmen spricht englisch?«

Und da Bois-Rosé nicht antwortete, fuhr die Stimme fort: »Vielleicht versteht der Adler der Schneeberge nur die Sprache, die man im Land redet?« Und die Stimme wiederholte ihre Frage französisch.

Bois-Rosé erbebte. »Das ist noch schlimmer, als ich dachte«, sagte er so leise, daß nur Pepe ihn verstehen konnte. »Es ist irgendein Renegat unserer Farbe dabei!«

»Ein von den Weißen zu den Roten übergelaufener Schelm«, sagte Pepe in spruchreichen Worten; »das sind die Wütendsten.«

»Was will man vom Adler?« fragte nun auch Bois-Rosé französisch, da er sich des Namens erinnerte, den ihm der Schwarze Falke gegeben hatte.

»Er möge sich zeigen; oder wenn er Furcht hat, sich sehen zu lassen, so möge er hören!«

»Und wenn ich mich zeige – wer bürgt mir dafür, daß ich es nicht zu bereuen habe?«

»Wir werden ihm mit Vertrauen vorangehen«, antwortete die Stimme.

»Was sagt er?« fragte Pepe.

»Ich soll mich zeigen und ...«

Bois-Rosé blieb stumm vor Bestürzung beim Anblick der beiden seltsamen Gestalten, die plötzlich über der Brüstung ihm gegenüber auftauchten. Er hatte zwei Männer erkannt, deren Ruf als hinterlistige Mordgesellen nicht bloß bis zu seinen Ohren gelangt war, sondern die der Zufall zum zweitenmal ihm in den Weg führte. Schon das erstemal war ihm die Begegnung verderbenbringend genug gewesen.

Beim Anblick dieser beiden Männer, mit denen er hier wieder zusammentraf, durchzuckte ein fremdartiges, schmerzliches, bis dahin unbekanntes Gefühl das Herz des unerschrockenen Waldläufers: Fabian war bei ihm, und zum erstenmal in seinem Leben fürchtete sich Bois-Rosé beinahe! Seine stählernen Muskeln spannten sich wie die starken Lianen der amerikanischen Wälder.

»Main-Rouge und Sang-Mêlé! Erkennst du sie?« sagte er zu Pepe.

Pepe machte eine bejahende Gebärde. Eine ähnliche Erschütterung wie die, die Bois-Rosé gefühlt hatte, hatte sein Herz getroffen. »Zeige dich nicht!« sagte er. »Für alle, die mit ihnen zusammentreffen, ist der Tag ein Tag der Trauer.«

»Ich werde mich zeigen«, erwiderte Bois-Rosé; »es würde sonst scheinen, als ob ich Furcht hätte. Beobachte nur genau jedes Blatt an den Gesträuchen, und verliere keine einzige Gebärde dieser beiden Teufel, die es mit beiden Parteien halten, aus den Augen.« Bei diesen Worten richtete der Kanadier auf der Plattform seine hohe Gestalt gerade und fest wie der Lauf seiner Büchse empor, und sein klarer, offener und ruhiger Blick bewies, daß die Furcht im Herzen des Kanadiers keine Stätte hatte.

Main-Rouges Anblick war abstoßend. Er war ein großer, dürrer alter Mann mit lohbrauner, backsteinfarbiger Haut und wildem Blick; seine Augensterne von ungleicher Größe und stechendem Blick und seine sich auf einem eckigen Gesicht schief erhebende Nase bezeichneten ihn als vollendeten Bösewicht. Seine langen weißen, früher brandroten Haare waren auf dem Scheitel des Kopfes nach indianischer Sitte aufgebunden und wurden von Riemen aus Otternhaut zusammengehalten. Eine Art Jagdkittel aus Hirschleder, mit Stickereien von verschiedener Farbe verziert, reichte ihm bis ans Knie und ließ lederne Gamaschen erblicken, die verschwenderisch mit Fransen und Troddeln besetzt waren. Seine Füße waren mit olivengrünen Mokassins bekleidet und mit Glasperlen jeder Art geschmückt. Eine buntfarbige Decke war über die Schulter geworfen, während ein lediger Gurt eng seine hageren Seiten umschloß. An einem roten Wehrgehänge befanden sich eine Streitaxt, ein langes Messer ohne Scheide und das Futteral einer indianischen Pfeife.

In einem solchen Aufzug hätte niemand in dem amerikanischen Renegaten Züge der weißen Rasse zu erkennen vermocht.

Sang-Mêlé hatte einige Ähnlichkeit mit seinem Vater, und wenn seine Augen auch von ebenso großer Wildheit zeugten, so deutete das indianische Gepräge seines Gesichts doch wenigstens nicht auf die bei Main-Rouge so sichtbare Gemeinheit der Seele. Der Mestize war ebenso groß, aber viel kräftiger gebaut als sein Vater. Er hatte die wunderbare Stärke geerbt, die das Alter bei dem alten Renegaten noch nicht verringert hatte. Mit einem Wort: der Mestize hatte zugleich etwas vom Tiger und vom Löwen an sich. Der Weiße jedoch war wie der bengalische Tiger, der die Natur des amerikanischen Schakals angenommen hat. Die dicken schwarzen Haare El Mestizos waren ebenso aufgebunden wie die seines Vaters, jedoch nicht durch Lederriemen, sondern durch scharlachrote Bänder, wie man sie zuweilen in die Mähne der Pferde geflochten findet. Seine Jagdkleidung, vom selben Schnitt wie die des Amerikaners, bestand aus rotem Tuch und unterschied sich übrigens von der seines Vaters nur durch die reichliche Verwendung von Zierat, mit dem ein junger indianischer Fant so gern seine Person herausputzt. Auf seiner Schulter ruhte eine lange Büchse, deren Kolben und Schaft mit Messingnägeln übersät waren, deren Köpfe wie Gold glänzten; außerdem war sie noch sorgfältig mit Verzierungen von Zinnober bemalt.

Obgleich diese beiden Banditen die feierliche Haltung der Indianer anzunehmen suchten, so fand sich doch ein großer Unterschied zwischen ihrer abstoßenden Gesichtsbildung und dem Antlitz und der Haltung Bois-Rosé, dessen athletische Gestalt ebenso wie die Züge seines Gesichtes das schönste Bild eines ehrenfesten Mannes darboten, der sich seines Wertes bewußt ist.

»Was will man vom Adler der Schneeberge, da dies doch einmal der Name ist, mit dem man mich bezeichnet hat?« fragte der Kanadier mit ruhiger Stimme.

»Ei«, sagte der Räuber von Illinois mit häßlichem Lächeln; »wir haben uns schon gesehen, wie mir scheint, und wenn ich mich recht erinnere, so hätte der kanadische Waldläufer seinen Skalp nicht behalten, ohne ...«

»... einen Kolbenschlag, an den Euer ausgezeichnetes Gedächtnis Euren Schädel erinnern sollte!« fügte Pepe hinzu, der nun auch an der Besprechung teilnahm, die in englischer Sprache stattfand.

»Ah, da seid Ihr ja ebenfalls!« fuhr der Amerikaner fort.

»Wie Ihr seht«, antwortete der Spanier mit einer Kaltblütigkeit, die seine vor Haß glühenden Augen Lügen straften.

»Derjenige, den meine indianischen Brüder den Spottvogel nennen«, sagte Sang-Mêlé. Die Augen des Spaniers, dessen glühende, fast wilde Leidenschaften gewaltsam durchzubrechen drohten, schleuderten einen blitzartigen Blick auf den Mestizen; er öffnete den Mund, um eine jener Antworten zu erteilen, nach denen die friedlichen Unterhandlungen sich gewöhnlich in erbitterte Kriegserklärung verwandeln, als Bois-Rosé ihn bat, doch ruhig zu sein.

Bois-Rosé fühlte ebenfalls schnell seine Geduld verfliegen, und der furchtbare Indianertöter vermochte kaum noch die Flut des aufsteigenden Hasses länger zurückzuhalten; er wollte jedoch noch ruhig genug bleiben, um die Vorschläge, zu denen er nicht die Hand zuerst geboten hatte, für den zweifelhaften Fall anzuhören, daß sein leicht erregtes Ehrgefühl ihm erlauben würde, sie zugunsten Fabians anzunehmen.

»Ich bin gekommen, um Worte des Friedens zu vernehmen, und da verirrt sich nun die Sprache von Main-Rouge und Sang-Mêlé sehr weit vom Ziel«, sagte er ernst.

»Es wird nicht lange dauern«, erwiderte der Amerikaner. »Sprich, Sang-Mêlé!«

»Ihr steht mit den Füßen auf einem reichen Schatz«. sagte der Mestize; »ihr seid nur zu dritt – wir sind fünfmal zahlreicher als ihr und müssen diesen Schatz haben. Das ist es.«

Bestimmt, klar und unverschämt, dachte Pepe. Ich will doch sehen, wie Bois-Rosé das verdauen wird. Ein Mann, der weniger Vertrauen auf die Überlegenheit, die ihm die Zahl seiner Verbündeten gab, auf seine Geschicklichkeit und Körperkraft gesetzt hätte, wäre vor dem augenblicklichen Ausdruck des Gesichtes des athletischen Waldläufers zurückgebebt. Trotz seiner zärtlichen Liebe für Fabian fühlte doch Bois-Rosé nur noch das glühende Verlangen, die Unverschämtheit des Banditen zu bestrafen.

»Hm«, machte der Kanadier mit einer Anstrengung, die ihm beim Anblick des anmaßend auf den Lauf seiner Büchse gestützten Mestizen schwer genug werden mußte; »und unter welchen Bedingungen müßt ihr diesen Schatz haben?«

»Unter der Bedingung, daß ihr euch alle drei so schnell wie möglich aus dem Staub macht.«

»Mit Waffen und Gepäck?«

»Mit Gepäck, aber ohne Waffen!« erwiderte El Mestizo, der wohl wußte, daß es ihm dann ein leichtes sein würde, trotz seines Eides die drei Jäger seinen wilden Verbündeten zu überliefern.

»Wenn die beiden Bösewichter nicht an unser Leben wollten, so würde ihnen so zahlreich, wie sie sein müssen – wenig daran liegen, ob wir unsere Waffen behielten«, flüsterte Pepe dem Kanadier ins Ohr.

»Das ist klar wie der Tag; aber laß mich nur diese Schelme entlarven«, erwiderte Bois-Rosé ganz leise. Dann sagte er laut zum Mestizen: »Sind die Schätze, die wir zurücklassen, nicht hinreichend? Was sollten euch drei Büchsen unter fünfzehn Kriegern nützen?«

»Um euch außerstande zu setzen, uns zu schaden.«

Der Kanadier zuckte die Schultern. »Das ist keine Antwort!« sagte er. »Ihr habt es hier mit Männern zu tun, die alles hören können, ohne sich durch Drohung beunruhigen, durch trügerische Redensarten täuschen zu lassen. Wir müssen bestimmt wissen, woran wir uns zu halten haben«, fuhr er fort, sich an Pepe wendend.

Der alte Renegat nahm hierauf das Wort. »Wohlan«, sagte er höhnisch lachend, »Sang-Mêlé vergißt in seiner Gnade für euch eine Bedingung.«

»Welche?«

»Daß ihr euch auf Gnade und Ungnade ergeben müßt«, begann der Mestize.

»Laß mich doch diesem Vipernpaar mit weißem Schwanz und indianischem Kopf antworten!« sagte Pepe, indem er Bois-Rosé mit dem Ellbogen stieß.

»Pepe«, sagte der Kanadier ernst, »seitdem mir die Sorge für das Leben eines Sohnes obliegt, habe ich eine heilige Pflicht zu erfüllen und will im Fall eines Unglücks ohne Vorwürfe vor Gott erscheinen. Laß es uns also bis zu Ende abwarten.«

Und Bois-Rosé warf auf Fabian, der aufmerksam alles, was sich ereignete, beobachtete, einen Blick, der seine ganze väterliche Liebe zeigte. Ein ruhiges Lächeln des jungen Mannes war der Lohn für seine heroische Geduld.

»Wohlan, Sang-Mêlé«, nahm er wieder das Wort, »sucht einen Augenblick die Einflüsterungen des indianischen Blutes zu vergessen, und sprecht offen, wie es einem furchtlosen Krieger und einem Christen zukommt! Was wollt ihr von uns? Was werdet ihr mit euren Gefangenen beginnen?«

Aber die Ehrlichkeit appellierte vergeblich an die Treulosigkeit. Sang-Mêlé wollte nur die Hälfte seiner Gedanken enthüllen. Obgleich er gewiß war, seinen Zweck zu erreichen, so wollte er doch nicht gerade Blut, wohl aber Zeit sparen, und schmeichelte sich törichterweise mit dem Gedanken, daß die drei Jäger das ungewisse Los der Gefangenschaft einem Tod vorziehen würden, vor dem nichts sie retten konnte. »Ich würde sehr in Verlegenheit mit euch dreien kommen«, sagte er; »aber da ist ein gewisser Schwarzer Falke, dessen Krieger mich begleiten und euch durchaus haben wollen, und – wahrhaftig! – ich habe es ihnen versprochen.«

Der Mestize hatte sich bei seiner Antwort des indianischen und spanischen Dialektes bedient, und die Jäger sahen bei diesen Worten, wie hinter den niederen Zweigen der Gebüsche blitzende Augen wie die eines lauernden Tigers auftauchten und ein Antlitz sich blicken ließ, das durch die Kriegsmalerei noch schrecklicher und abscheulicher war als der Tiger selbst.

»Aha; ich ahnte es!« sagte Bois-Rosé. »Nun, was wird denn der Schwarze Falke mit uns machen?«

»Ich will es euch sagen«, antwortete der Mestize, der sich nach den schrecklichen Bundesgenossen umwandte. »Was wird der Schwarze Falke mit dem Adler, dem Spottvogel und dem Krieger aus dem Süden machen?

Mein Bruder möge leise antworten!«

»Dreierlei«, antwortete der Apache mit schrecklicher Bestimmtheit: »Sie werden zuerst die Hunde in seiner Hütte sein, dann wird er ihren Skalp an seinem Feuer trocknen, und zuletzt wird er ihr Herz seinen Kriegern zu essen geben, denn es sind drei Tapfere, und ihr Mut wird in die Herzen derer übergehen, die von den ihrigen gekostet haben.«

Das sind heute noch, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die indianischen Sitten in den Prärien, und das war auch das Los, das den drei Jägern bevorstand, wenn sie dem Wort des Mestizen Vertrauen geschenkt hätten. Und dennoch sind heute noch, wo wir diese Geschichte wiedererzählen, die Prärien voll von nach Abenteuern lüsternen Jägern, die, nachdem sie dieses gefahrvolle Leben einmal gekostet haben, nicht wieder darauf verzichten können. Wir begreifen es sehr wohl. Was sind die kleinlichen Aufregungen des zivilisierten Lebens gegen diese mächtigen Gemütsbewegungen des Lebens in der Wildnis? Wir dürfen das wohl sagen – wir, die wir oft eingeschlummert sind, ohne zu wissen, ob wir wieder aufwachen würden. Sie verhalten sich gerade wie die kostbaren flammenden Gewürze der Antillen und Indiens zu den zarten Kastanien und der schaumigen Milch der Hirten Virgils.

»Gut«, sagte der Mestize, nachdem er aufmerksam auf die Worte seines Bundesgenossen gehört hatte; »El Mestizo wird die Vorschriften seines Bruders getreu übersetzen.« Er wandte sich wieder an Bois-Rosé und suchte seinem wilden Gesicht durch ein trügerisches Lächeln einen sanfteren Ausdruck zu geben. »Der große indianische Häuptling«, sagte er, indem er diesmal sich der englischen Sprache bediente, die nur Fabian nicht verstand, »verspricht seinen Gefangenen die Freundschaft, die er für die drei Tapferen hegt, das Beste von seinen Jagden und die schönsten von seinen Weibern.«

»Und das ewige Leben. Amen«, erwiderte Pepe, der nicht mehr an sich zu halten vermochte. »Pfui, Bois-Rosé«, fuhr er fort; »es ist eine Schande, noch länger dieses Ungeheuer, diesen Auswurf der Weißen und Roten anzuhören. Siehst du denn nicht, daß er sich über deine Ehrlichkeit lustig macht?«

»Was sagt der Spottvogel?« fragte der alte Renegat unverschämt.

»Er sagt«, antwortete Pepe, dessen Wut keine Grenzen mehr kannte, »er sagt, daß er nicht weniger edelmütig sein will als ihr beide und daß er euch dreierlei verspricht: Euch einen zweiten Kolbenschlag auf den Schädel, Eurem Sohn einen Messerstoß mitten ins Herz und seine lügnerische Zunge den Raben vorgeworfen ... wenn sie nicht fürchten, sich daran zu vergiften!«

»Ah!« rief Sang-Mêlé und legte, mit den Zähnen knirschend, mit der Schnelligkeit des Gedankens seine schon im voraus gespannte Büchse an.

Der Spanier und der Kanadier hatten sich nicht zu rechter Zeit niederbücken können, und es wäre, da sie die Büchsen außer dem Bereich ihrer Hand niedergelegt hatten, um einen von ihnen geschehen gewesen, wenn nicht nach einem hinter ihnen fallenden Schuß der Mestize auf dem Gipfel der Böschung gewankt hätte. Fabian kannte Pepes Heftigkeit, die Unzähmbarkeit seiner Zunge in gewissen Augenblicken, und er wachte deshalb, platt auf der Erde liegend, die Büchse im Anschlag. Dieser glückliche Umstand konnte allein den einen von den Jägern retten.

Unglücklicherweise hatte Fabians Büchse nicht die weite Tragkraft derjenigen der beiden Waldläufer, und die Kugel wurde durch die wollene Decke, die die Schulter des Mestizen umwallte, und durch seinen ledernen Beutel aufgehalten und matt. Nichtsdestoweniger verlor Sang-Mêlé durch den Aufschlag der Kugel den Atem, und obgleich er stark war wie eine Eiche, die ein einziger Axthieb nicht zu fällen vermag, so wankte er doch und wäre in das Val d'Or hinabgestürzt, wenn der Vater nicht seinen Sohn aufgehalten hätte. Mit kräftigem Arm hob er ihn von der Böschung herab.

Der Indianer hinter seinem Gesträuch und die beiden Piraten der Steppe, die bis jetzt aufrecht gestanden hatten, verschwanden zu gleicher Zeit; dann folgte dem Gespräch das tiefste Schweigen, das nur durch das Tosen des Wasserfalls und das Rauschen des grünen Vorhangs unterbrochen wurde, den der Wind an Seite der Felsen bewegte.

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