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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
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50 Zwei Piraten der Steppe

Am Anfang dieser Erzählung ist schon erwähnt worden, wie sich durch das Suchen nach Pelzwerk und kostbaren Metallen in den Wäldern und Steppen Amerikas von Kanada bis an die Küste des Stillen Ozeans – d. h. bis zu dem von Nordamerika eroberten unermeßlichen Gebiet Oregons – eine neue und seltsame Klasse von Menschen gebildet hatte. Wir haben nach unseren besten Kräften die Waldläufer und die Gambusinos zu schildern versucht.

Die Vorfahren dieser Abenteurer, deren Sitten und Charaktere sich in dem Kanadier und dem spanischen Jäger ausgeprägt finden, hatten ebenso wie die Väter der Goldsucher ursprünglich nur mit den rechtmäßigen Besitzern der Wälder und Steppen, die sie durchforschten, zu kämpfen. Heutigentags haben ihre Nachkommen noch gegen schrecklichere Feinde als die Indianer zu streiten.

Die Weißen, die das wilde Leben liebgewonnen und sich zu Renegaten der Zivilisation gemacht hatten, schlossen mit den indianischen Rassen häufig vorübergehende Verbindungen, und diese Abenteurer waren die Väter eines Geschlechts, das gemischtes Blut in den Adern hatte. Diese Mestizen erbten, wie es fast immer der Fall ist, die Laster der weißen Rasse und behielten die der indianischen. Unverbesserliche Räuber wie die Indianer, furchtbar wie ihre Väter im Gebrauch der Feuerwaffen, zugleich zivilisiert und wild, verstanden sie die Sprache ihrer Väter und die ihrer Mütter und waren immer bereit, diese Kenntnisse zu mißbrauchen, um Indianer und Weiße zugleich zu betrügen. So sind die Mestizen die Schrecken der Steppen und die furchtbarsten Feinde, denen man darin begegnen kann.

Zu diesen schrecklichen Bundesgenossen der Indianer muß man noch die Weißen zählen, die ihrer Verbrechen halber aus den Städten verbannt sind und die mit der Straflosigkeit in den Steppen zugleich die Gelegenheit finden, ihren schrecklichen Leidenschaften nachzugehen. Das sind die neuen Feinde, die von den Jägern, den Trappern und den Goldsuchern heutigentags bekämpft werden müssen. –

Ein träumender Dichter, der sich in eine lachende und ruhige Einöde verirrt hat und die flüchtige Wolke am Himmel, den Windhauch beobachtet, der die Oberfläche eines Sees kräuselt; der auf die Stimme der Natur rings um ihn lauscht und deren Harmonien in sich aufzunehmen sucht, wird nicht rauher aus seinen Betrachtungen herausgerissen, wenn er plötzlich im Dickicht die blutigen Augen eines wilden Tieres blitzen sieht, als Bois-Rosé aus seinen Träumen vom Glück. Diaz' Warnung überraschte den Waldläufer mitten in seinen Zukunftsplänen wie eine traurige Vorhersage, daß seine Pläne sich niemals verwirklichen sollten. Er schwieg wie Fabian und Pepe, welch letzterer einen kriegerischen Marsch pfiff.

Gewiß wären die Ahnungen des Kanadiers womöglich noch viel düsterer gewesen, und Pepe hätte die Nachricht von einer bevorstehenden Gefahr nicht so gleichgültig aufgenommen, wenn Diaz ihnen hätte sagen können, daß sich unter den herankommenden Feinden zwei von jenen schrecklichen Gegnern befanden, die wir eben erwähnt haben.

Schon hatten die beiden Freibeuter, die Baraja bewachten, ohne daß sie es geahnt hatten, ihr Rindenkanu vor aller Nachstellung sicher im unterirdischen Kanal verborgen, der aus dem See des Val d'Or in die Nebelberge führt.

Diese beiden Piraten der Steppe waren Vater und Sohn. Wir haben den letzteren unter dem Namen El Mestizo eingeführt. So bezeichneten ihn nämlich die Mexikaner und die Apachen. Die Jäger von französischem Ursprung – mochten sie nun aus Kanada oder aus der Ebene des Mississippi sein – gaben ihm den Namen Sang-Mêlé, und die Amerikaner sagten Half-Breed; denn so groß war der Ruf dieses Mannes, daß er in den von allen diesen verschiedenen Rassen besuchten Steppen bekannt war.

Was den ersteren anlangt, der nach den verschiedenen Sprachen der in diesen Einöden umherstreifenden Abenteurer Main-Rouge, Red Hand und Mari Sangriento genannt wurde, so konnte sein schrecklicher Ruf nur von dem seines Sohnes verdunkelt werden.

Mit einem mitleidlosen Herzen und einer unzähmbaren Wildheit, einer teuflischen Geschicklichkeit, einem Mut, den nichts einschüchterte, vereinigten Vater und Sohn noch den Vorteil, daß sie Englisch, Französisch, Spanisch und den größten Teil der an den Grenzen gebräuchlichen indianischen Dialekte geläufig sprachen. Im Verlauf der Erzählung werden wir übrigens diese beiden Persönlichkeiten, die bald Feinde, bald Freunde der Weißen und Indianer waren, die beide ihren zügellosen Leidenschaften dienen mußten, genauer kennenlernen. Sie waren der Verbindungen halber, die sie mit beiden Rassen unterhielten, ebenso gefürchtet von den Indianern als von den Weißen.

Obgleich die Aufnahme beim Schwarzen Falken und bei seinen Kriegern ziemlich kalt war, so können doch schon die stolze Haltung des Mestizen und das Opfer eines Kriegsgefangenen, das der rote Häuptling ihm gebracht hatte, keine Idee von dem verborgenen und mächtigen Einfluß geben, den dieser Mann auf die indianischen Stämme ausübte.

»Wohlan«, sagte Pepe, indem er aufhörte zu pfeifen, während seine beiden Gefährten keine Zeit verloren, die Verschanzungen, die sie beim Einbruch der Dämmerung zu bauen angefangen hatten, ganz zu vollenden, »hatte ich nun recht mit der Behauptung, daß es eine gefährliche Laune sei, hier die Nacht zuzubringen? Da haben wir jetzt eine mißliche Sache auf dem Hals.«

»Bah!« antwortete Fabian mit der männlichen Ergebung, die der Ungewißheit gefolgt war. »Muß unser Leben nicht eine fast ununterbrochene Folge von Kämpfen sein? Und was liegt daran, ob wir uns hier oder anderswo schlagen?«

»Das war gut für Pepe und für mich«, sagte der Kanadier traurig; »aber um deinetwegen, mein Kind, möchte ich, ohne auf das Leben in der Steppe zu verzichten, doch diesem einsamen Dasein entsagen, das deren Gefahren verdoppelt. Mein Plan war der, uns den Reisenden meiner Nation anzuschließen, die auf den oberen Gewässern des Missouri schiffen, oder alle drei unter den Trappern und Gebirgsjägern Oregons Dienste zu nehmen. Dort ist man immer in einer Anzahl von Hunderten zusammen, und wenn auch fern von den Städten, so hat man doch nichts zu fürchten, weil man unter einem wachsamen und fähigen Chef dient, wie es deren so viele in den westlichen Staaten gibt.«

»Ich fürchte«, fügte Pepe nach einem kurzen Schweigen seiner Begleiter hinzu, »daß dieser Ort sich weniger zu einer guten Verteidigung eignet, als ich anfangs geglaubt hatte. Vom Gipfel des Kammes, wo der Wasserfall herabstürzt, kann man uns nach Gefallen beschießen.«

»Der Wasserfall stürzt mitten durch den Nebel«, sagte Bois-Rosé, »und Schelme, die sich im Hinterhalt an der Stelle befänden, wo er in diesen Abgrund hinabstürzt, würden unsichtbar für uns sein, wie wir es für sie sein würden. Seht, wir sind hier sogar von einem dichten Nebel eingehüllt; die Sonne wird ihn sogleich zerstreuen, aber sie hat nicht den Nebel auf jenen Bergen zerstreuen können.«

»Das ist wahr«, erwiderte Pepe auf den Einwurf des Kanadiers; »aber wenn es nur einige Minuten lang hell ist, so schießt man auf uns wie auf eine Scheibe.«

»Wir stehen unter dem Schutz Gottes«, sagte Fabian, »und unter dem der Apachen, sonst auch rote Teufel genannt.«

Die drei Jäger konnten sich nicht verhehlen, daß ihr Leben von einem Windhauch abhängen könnte, der einen Augenblick die Nebelhülle verscheuchte, die die Höhen bedeckte; aber bei der Möglichkeit eines nahen Angriffs konnten sie keinen anderen Ort wählen.

»Ah«, sagte Pepe, »ich habe einen Gedanken und gehe ... Aber still – ich glaube Schritte dort oben zu hören!«

Ein von den Höhen losgerissener Stein fiel in diesem Augenblick tosend in den Abgrund.

»Die Hunde sind dort oben, das ist sicher!« sagte der Kanadier. »Horchen wir!«

Das überwältigend wirkende Rauschen des Wasserfalls ließ sich nur allein in der Tiefe des Abgrunds hören, der ihn verschlang.

»Die Teufel sind auf den Höhen und auf der Ebene«, sagte Pepe; »aber ich muß hinabsteigen, um meinen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Ich gehe unter dem Schutz eures Feuers; also aufgepaßt!«

Der Kanadier war gewöhnt, sich ohne Widerspruch auf den so oftmals erprobten Mut und auf die Geschicklichkeit seines Gefährten in der Gefahr zu verlassen – ebenso wie dieser sich auf Bois-Rosé verließ – und verlangte darum auch keine Erklärung von ihm. Bois-Rosé und Fabian knieten nieder, die Büchse im Anschlag, und hielten sich bereit, im Notfall Feuer zu geben.

Der Spanier ließ sich, mit seiner Büchse quer über den Knien, auf seinen Hacken am steilen Abhang des Hügels hinabgleiten und verschwand einen Augenblick in der Dunkelheit. Bois-Rosé und Fabian waren nur kurze Zeit besorgt und sahen bald, wie der frühere Grenzjäger zum Fuß der Pyramide zurückkehrte und sie erstieg, um wieder mit ihnen zusammenzutreffen. Pepe hatte die dicke wollene Zarapa in der Hand, die Cuchillo als Mantel gebraucht hatte.

»Ach, das ist ein guter Gedanke«, sagte Bois-Rosé, dem Pepes Absicht nicht entging. »Ja, ja, hinter diesem mit der Decke Don Fabians doppelt starken Wall geborgen, kenne ich kein Gewehr, das uns erreichen könnte.«

Die oberen Ecken der beiden Zarapes wurden schnell in Mannshöhe an die Stämme der Tannen gebunden, die die Plattform überwachten, und ihre dicken wallenden Falten bildeten eine Wand, an der die Kugel einer Büchse unfehlbar matt werden mußte.

»Von dieser Seite haben wir nichts zu fürchten«, sagte Pepe, indem er sich freudig die Hände rieb; »und auf jener decken uns die flachen Steine hinreichend, die wir heraufgetragen haben. Wir können also den Feind festen Fußes erwarten und, wenn er es für wünschenswert hält, mit ihm in Unterhandlung treten. Ach, mein Gott, ich könnte euch ihren ganzen Angriffsplan entwickeln«, fügte der Spanier mit der ganzen Sicherheit eines großen Feldherrn hinzu, der die strategischen Bewegungen des Feindes, den er schlagen will, im voraus errät.

»Laßt hören!« sagte Fabian, über die Kaltblütigkeit des früheren Grenzjägers lächelnd, der sich eben unter dem Schutz des Walls von Decken auf den Rücken gelegt hatte und ruhig die im Nebel funkelnden Sterne betrachtete.

»Sehr gern, aber legt Euch erst nieder wie ich; und du auch, Bois-Rosé, denn du bietest ein Ziel dar wie der Stamm dieser Tannen.«

Beide gehorchten schweigend dem Rat ihres Gefährten, und bald konnte man von der Ebene aus nur noch den phantastischen Schattenriß des durchsichtigen Pferdeskeletts, die menschlichen Skalpe an der Spitze der Stangen und die langen Zweige der Tannen mit ihren dunkelgrünen Nadeln bemerken, die diese grauenhaften Sinnbilder beschatteten.

Zuerst nahm der spanische Jäger das Wort: »Da die mexikanischen Abenteurer, von denen gewiß mehr als einer da ist, und diese herumstreifenden Indianer durch den Schelm, den Ihr Baraja nennt, geführt sind, so ist es natürlich, daß er sie denselben Weg nehmen ließ, den er eingeschlagen hat, um uns zu entwischen; und das ist der Grund, warum sie die Höhen erstiegen haben. Aber der Taugenichts, der sie führt, hat außerdem gewiß noch einen zweiten Grund gehabt, um sie nicht durch die Ebene hierher zu bringen. Wenn es wahr ist, daß er seinen Busenfreund vom Gipfel dieses Felsens hinabgestürzt hat, um einen reicheren Anteil bei der Plünderung des Val d'Or zu erhalten, so ist das nicht geschehen, um seinen neuen Verbündeten sein Geheimnis zu entdecken. Er hatte also, wenn er den Weg durch die Ebene nahm, Furcht, daß sie seinen Schatz entdecken möchten. Man sollte fast glauben«, fügte Pepe nach kurzer Unterbrechung hinzu, »daß die Vorsehung mir den Gedanken, die Oberfläche des Tals mit Zweigen und Gras zu bedecken, eingeflößt hat.

Aber ich komme auf den Angriffsplan zurück. Die Schelme werden also die Felsen gegenüber zu ersteigen und uns von dort, einen nach dem anderen, zu töten suchen; später werden sie sich gegenseitig ermorden, um unsere Erbschaft zu teilen. Halt! Seht ihr?« schloß Pepe lebhaft. »Im Fall, daß die Feindseligkeiten beginnen, muß diesem Hund Baraja der Kopf zuerst zerschmettert werden.«

Es war unter den drei Jägern einer, der weit davon entfernt war, die Ruhe und das Vertrauen des ehemaligen Grenzjägers zu teilen. Das war Bois-Rosé. Seitdem der Augenblick vorüber war, wo der kanadische Waldläufer sich einen schönen Lebensabend mitten in den Steppen und mit dem Sohn geträumt hatte, der das Versprechen gegeben hatte, ihn nicht mehr zu verlassen, hatte eine plötzliche Umwälzung ohne sein Wissen in seiner Seele stattgefunden. Die Gefahren jeglicher Art, die die Steppen denjenigen bieten, die aus ihnen ihr Vaterland gemacht haben, hatten bis jetzt nach Pepes Worten auf Bois-Rosé einen gewaltigen Einfluß gehabt; aber jetzt bemächtigte sich seiner zum erstenmal ein unbestimmter Schrecken.

Auf dem Eiland des Rio Gila hatte sein Mut nicht gewankt, obgleich sein Herz bei dem Gedanken an die Gefahr, die Fabian bedrohte, schmerzlich bewegt gewesen war. Auf der Plattform der Pyramide bemächtigte sich seiner ein geheimes Unbehagen. Seine Augen schienen nicht mehr den blitzschnellen Blick zu haben, der ihm in der Not immer einen Ausweg zeigte, der Gefahr zu entgehen; seine Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln schien eine plötzlich vertrocknete Quelle geworden zu sein.

Während Pepe seine Freude darin fand, den Feldzugsplan ihrer Feinde zu entschleiern, hatte der Kanadier mehrmals den Mund geöffnet und ebensooft – selbst verwundert über die Gefühle, die sein Mund aussprechen sollte – seine Worte verschluckt. Pepes Schlußfolgerung machte ihn kühner.

»Aber von zwei Dingen eines«, warf Bois-Rosé ein, der einen tröstlichen Gedanken in den Worten seines Gefährten aufgriff: »Diese Banditen, die über uns herfallen wollen, wissen mit Ausnahme eines einzigen unter ihnen entweder gar nichts von dieser Goldmine oder kennen allesamt das Geheimnis; und da Fabian ebensowenig wie wir noch etwas davon haben will, so wollen wir ihnen das Dasein dieser Mine entdecken. In diesem Fall wie in dem, wo wir ihnen nichts zu entdecken hätten, wollen wir ihnen das Feld überlassen und uns, ohne einen Schuß zu wechseln, davonmachen.«

Pepe bewahrte ein eisiges Schweigen.

»Das ist das einzige Mittel, das wir anwenden können!« sagte der Kanadier, der sich trotz des Schweigens seines ruhigen Gefährten, dessen Ursache er selbst recht gut an der Röte erkannte, von der er seine Stirn bedeckt fühlte, in seinen Entschluß hineinzureden suchte.

Pepe fing wieder an, den Marsch zu pfeifen, den er unterbrochen hatte.

Fabian schwieg ebenfalls, und der unerschrockene Kanadier, dem seine Liebe zu Fabian zu einer Feigheit riet, wandte sich seufzend ab, um trotz der Nacht die Scham zu verbergen, die das Blut in seine Wangen trieb.

»Es würde vielleicht auch passend sein«, sagte endlich der frühere Grenzjäger mit einem Spott, den der Veteran der Steppen wie einen Dolchstoß fühlte, »wenn wir ihnen das Anerbieten machten, ihre Lasttiere zu werden, um ihnen die Mühe zu ersparen, ihre Beute selbst fortzutragen. Nicht wahr, das wird hübsch aussehen, wenn zwei weiße Krieger, die sonst ganz allein ihr Kriegsgeschrei, ohne zu erbleichen, einem ganzen Indianerstamm gegenüber ausgestoßen haben, die Stirn vor dem Abschaum der Steppen neigen? Ach, Don Fabian«, fügte der spanische Jäger in der Bitterkeit seines Herzens hinzu, »was habt Ihr aus meinem starken, ritterlichen Bois-Rosé gemacht?«

»O mein Fabian, du bist der strahlende Stern, der am Abend meiner Tage aufgegangen ist; du hast mir das Leben so teuer, seine Last so süß gemacht; höre nicht auf diesen Mann mit dem Felsenherzen – er hat niemals geliebt!« Bei diesen Worten bewegte sich der auf dem Boden ausgestreckte Riese wie Enceladus unter dem Vulkan Ätna; seine wachsende Liebe im Herzen kämpfte mit seinem unzähmbaren Mut, den er immer schwächer werden fühlte.

»Bois-Rosé«, sagte Pepe mit schmerzlichem Ton, »wir haben einen Tag zuviel miteinander verlebt, da du schon vergessen hast, daß ...«

»Ich habe nichts vergessen, Pepe, ich schwöre es dir!« unterbrach ihn der Kanadier. »Ich habe nicht vergessen, wie das Skalpiermesser schon eine blutige Furche um meinen Kopf gezogen hatte, als du mich mit Gefahr deines Lebens gerettet hast; es gibt keine Stunde der Angst oder der Freude, die wir zusammen seit zehn Jahren durchlebt haben, die nicht meinem Gedächtnis gegenwärtig wäre! Entschuldige die Bitterkeit meiner Sprache; du kannst nicht wissen, was die Liebe eines Vaters bedeutet, denn ich ... ich ... der alte Waldläufer ... ich wollte, um meinem Alter eine Stütze zu bewahren ... Flieht nicht selbst der Löwe des Atlas mit seinen Jungen?« schloß der alte Jäger mutig, ohne einen Versuch zu machen, noch länger seine heldenmütige Schwäche zu verbergen.

Fabian ergriff die Hand dessen, der ihn mehr als seine Ehre liebte, obgleich er ein alter Veteran auf dem Kriegspfad war. »Bois-Rosé, mein Vater«, rief er aus, »habe ich dir gestern nicht gesagt, daß wir zusammen sterben würden, wenn es sein müßte? Aber Pepe und ich, wir werden tun, was dir gut scheint!«

»Hm«, sagte Pepe, den Fabians und des Kanadiers Aufregung ebenfalls ergriff, »die Sache ... hm ... könnte sich machen lassen ... hm ... Bei allen Teufeln! Das ist hart... doch ... da, wie du sagst, die Löwen des Atlas ... Caramba! Sie machen da ein trauriges Gesicht, sofern sie nicht etwa vor der Flucht ein halbes Dutzend Jäger zerrissen haben. Nun denn! Beenden wir die Sache; rufen wir dieses Geschmeiß, und kapitulieren wir!« Und der frühere Grenzjäger erhob sich bei diesen Worten von der Plattform mit jener Schnelligkeit des Entschlusses, die ihn charakterisierte und aus ihm einen so trefflichen Gefährten in der Gefahr machte.

Bois-Rosé dachte nicht daran, sich diesem plötzlichen Entschluß zu widersetzen, als Fabian ihn zurückhielt. »Ihr könnt beide ohne Schande fliehen oder kapitulieren, das ist meine Ansicht«, nahm der junge Mann das Wort; »in jedem Fall aber ist es nötig, daß man zuerst die Kapitulation anbietet, wenn sie ehrenvoller und leichter sein soll. Wollen wir nicht warten, bis es Tag wird, um zu sehen, mit wie vielen und mit welcher Art von Feinden wir zu tun haben?«

»Mit einigen mexikanischen Banditen und einigen indianischen Räubern ohne Zweifel, die ebenso erstaunt darüber sein werden, daß sie uns zur Flucht genötigt haben, als wir, daß wir vor ihnen geflohen sind«, sagte Pepe mit verächtlicher Miene. »Aber die Schelme brauchen sehr lange, wie es mir scheint, um die Vorbereitungen zum Angriff zu treffen.« Er näherte sich kriechend dem Rand der Plattform, um einen raschen Blick in die Ebene und auf den Gipfel der Felsen zu werfen.

Die ersten unbestimmten Strahlen der Morgendämmerung erleuchteten eine anscheinend ebenso tiefe Einsamkeit wie vierundzwanzig Stunden zuvor, als die drei Jäger das Val d`Or betreten hatten. Die Steppe war ebenso öde und ebenso düster wie am vorhergehenden Tag, und nichts hätte in den Augen der Bewohner der Plattform den Anschein einer Veränderung an sich getragen, ohne den Erdhügel, der sich über der Leiche des Herzogs von Armada wölbte; ohne das ferne, aber von der Leiche des Pferdes entfernte Geheul der Wölfe und wenn nicht die Erinnerung an das herzzerreißende Geschrei der beiden Banditen, die vom Wasserfall verschlungen worden waren, lebhaft vor die Seele getreten wäre.

»Die Ebene ist öde«, sagte der Grenzjäger, »und wenn ihr mir Glauben schenkt, so bin ich jetzt, da wir uns einmal entschieden haben, es wie die Löwen des Atlas zu machen, der Ansicht, den Rückzug anzutreten, solange wir es noch können. Noch länger den guten Willen dieser Schelme abzuwarten, scheint mir gefährlich. Eine Kapitulation ist in der Steppe nicht Brauch, wie du weißt.«

Der Kanadier näherte sich, ehe er auf den Vorschlag Pepes antwortete, ebenfalls dem äußersten Rand der Plattform, um einen Versuch zu machen, den grauen Schleier, der auf der Ebene lag, zu durchdringen. Die Unebenheit des Bodens und die Steine, mit denen er besät war, ließen das Auge jetzt nur langgestreckte Linien und ungewisse Umrisse erblicken; aber es konnten sich an der Seite dieser Steine und in den Erdspalten unbemerkt Feinde hinschleichen und in Sicherheit die Bewegungen der drei Jäger belauern.

Bois-Rosé wurde von der anscheinenden Ruhe, die weithin herrschte, getäuscht und hätte vielleicht die Ansicht seines Gefährten, sogleich zu fliehen, angenommen, wenn nicht sein Gehör das Urteil seiner Augen berichtigt hätte. Wölfe heulten noch nach dem Leichnam des Pferdes, als ein mehr klagender Ton sich in das Kläffen mischte, das sich hören ließ. Dieses Zeichen wurde vom Waldläufer verstanden. Er kam zurück und setzte sich wieder an seinen Platz.

»Es ist eine Tollheit, zu denken, daß die Ebene frei ist«, nahm Bois-Rosé das Wort. »Hört, ich vernehme von hier aus das Knurren der Wölfe nach einer Leiche, der sie sich nicht zu nähern wagen. Ich erkenne das an ihrem besonderen Kläffen; ich wette, daß zwei oder drei Indianer sich hinter diesem Aas befinden.«

Als der Kanadier seine Ansicht ausgesprochen hatte, kehrte Pepe zum Beobachtungspunkt zurück, den er vorher verlassen hatte. »Du hast recht«, sagte er, noch einmal hinblickend. »Ja, ich sehe sie platt auf der Erde liegen. Ach, wenn wir nur meinem Rat gefolgt wären ... Aber am Ende ist es doch einerlei; ich bin immer noch der Meinung, die ich ausgesprochen habe«, fuhr der Spanier fort, »nämlich, daß wir für den Fall, daß Feindseligkeiten eintreten, uns zuerst Barajas entledigen.«

»Feindseligkeiten können nicht stattfinden!« warf der Kanadier abermals ein. »Ganz gewiß will man nicht an unser Leben, sondern an den Schatz.«

»Ich sage nicht nein; und doch haben die Weißen überall, wo es Indianer gibt, Feinde, die durstiger nach Blut als nach Gold sind.«

Da es nichtsdestoweniger wahrscheinlich war, daß Baraja, dessen unvorhergesehenes Bündnis mit den Apachen er sich nicht erklären konnte, diese nur dadurch, daß er ihnen den Schatz in Aussicht stellte, zum Angriff bewogen hätte, so dachte Bois-Rosé, daß ihre Habgier befriedigt werden würde, wenn eine Kapitulation sie zu Herren des Goldlagers machte. Der ehrliche Kanadier erwartete also ziemlich ruhig, daß ihre Feinde endlich auf andere Weise als durch Heulen ihre Gegenwart kundtun würden.

Es entstand eine lange Stille, in der Bois-Rosé endlich auf den Punkt gelangte, die letzten Bedenken seines nach unserer Meinung zu weit gehenden Ehrgefühls zu ersticken. Pepe seinerseits suchte sich über das Zugeständnis, das er seinem alten Gefährten machte, resigniert hinwegzusetzen, und Fabian sehnte sich sehr nach einer Gefahr, um den stürmischen Gedanken, die sich dicht am Grab Medianas und so fern von der Hacienda del Venado in seinem Herzen bewegten, für den Augenblick Stillstand zu gebieten. Machten diese beiden Namen nicht sein ganzes Leben aus? –

Wir wollen diese Frist benützen, um an die Stelle von Pepes Schlüssen die tatsächlichen Vorgänge treten zu lassen oder vielmehr, um sie teilweise zu bestätigen, denn sein Scharfsinn hatte beinahe das Wahre getroffen. Wir wollen auch den Beweggrund zum Zögern der Angreifenden anführen, die bald nicht mehr zögern werden, zu erscheinen.

Barajas erste Absicht bei dem Gedanken, sein Leben zu retten, war gewesen, den Mestizen offen in das Val d'Or zu führen und ihm alle Reichtümer zu überliefern; er war glücklich, für einen so hohen Preis die Freiheit wiederzuerlangen. Als sich aber der erste Freudenrausch, den er über seine Befreiung von einer schrecklichen Todesmarter fühlte, ein wenig gelegt hatte, stieg der Wunsch in Baraja auf, seinen Anteil am Schatz zu bekommen, so klein er auch sein möchte. Dann hatte sich während des Marsches bis zum geheimnisvollen Tal die Gier des Abenteurers unverhältnismäßig vergrößert; da es unmöglich war, alles für sich zu behalten, so war er wenigstens bedacht, sich den größten Teil aufzubewahren. Es blieb nur noch übrig, ein Mittel zu finden, die furchtbaren Verbündeten, denen er sich angeschlossen hatte, zu täuschen.

El Mestizo war anfänglich ungläubig gewesen, hatte dann jedoch nur auf die Stimme seiner Habgier gehört, und bald war volle, gänzliche Überzeugung dem Mißtrauen gefolgt. Wenn man sich einmal auf diesem Weg befindet, so wird das Vertrauen unerschütterlich.

Baraja fühlte das und beschloß, es zu nützen. Baraja versetzte daher in den Erklärungen, die er dem Mestizen gab, den Schatz auf eine andere Stelle und brachte ihn auf den Gipfel der Pyramide. Er versicherte, daß die Jäger, die man aus ihrer Stellung vertreiben müsse, die Goldhaufen im Grab des indianischen Häuptlings verscharrt hätten. Übrigens genügten Sang-Mêlé diese Mitteilungen, und er verlangte keine weiteren. Für Baraja jedoch war es notwendig, mit List zu verfahren, um nicht das Val d'Or den profanen Blicken und unreinen Händen derer zu überliefern, die er führte.

Der Abenteurer war gerade mit diesen Gedanken beschäftigt, als die Abteilung, die mit ihm marschierte, einen neuen Zuwachs erhielt. Das war der wilde weiße Jäger Main-Rouge, der Vater des Mestizen, der das Ende der Unterredung seines Sohnes mit dem Indianer abwartete.

Wir wollen nun, ohne die Leser länger hinzuhalten, sogleich erklären, was deren geheimer Zweck war. Der Zug hatte einen Augenblick haltgemacht, um sich unter einem dichten Hain von Steineichen auszuruhen, hinter dem Diaz ebenfalls hatte anhalten müssen, um seinem leicht verwundeten Pferd einen Augenblick der Erholung zu gönnen. Es war der einzige Ort, wo man mit einiger Sicherheit mitten in diesen offenen Ebenen haltmachen konnte. Obgleich die Piraten der Steppe mitten in ihrem unbestrittenen Reich ohne Mißtrauen waren, so wählten sie doch gerade diesen Ort zu ihrem Haltepunkt.

Diaz also, der an den Grenzen wohnte und zu lange mit den Amerikanern zusammengelebt hatte, um das Englische nicht zu verstehen, befand sich sehr gegen seinen Willen in ihrer Nähe und erriet die folgende Unterhaltung mehr, als daß er sie hörte:

»Wohlan«, sagte eine Stimme, »warum hast du nicht dem indianischen Häuptling unmittelbar die Gabel des Red River zum Ort der Zusammenkunft bestimmt, da diese doch in der Nähe der Gegend liegt, wo das weiße Mädchen ist, das du zu deiner Frau machen willst?«

»Meine Frau für einen Monat, willst du sagen. Warum ich dem Apachen erst nach drei Tagen eine Zusammenkunft bewilligt habe? Weil der weiße Hund, der uns führt, mir einen Schatz hier in der Nähe versprochen hat, am Fuß des indianischen Grabmals; und weil ich zuerst das Gold haben will und nachher das Mädchen vom Büffelsee. Bist du damit zufrieden?«

Diaz verstand nicht, was Main-Rouge seinem Sohn antwortete.

Dieser letztere fuhr fort: »Geh doch, alter Mann; ich sage dir, daß es ein glücklicher Feldzug ist, den wir eben eröffnet haben! Und wem verdanken wir das? Willst du mir das nicht sagen? Du, der du, bevor ich in dem Alter war, dir beistehen zu können, nur auf ganz gewöhnliche Weise irgendeinen einzelnen Trapper ermorden konntest, um ihm elende Häute und noch elendere Fallen zu stehlen?«

Main-Rouge knurrte einige Worte wie ein Tiger, den sein Wächter gezähmt hat.

»Ja«, fuhr der Mestize fort, indem er seine schrecklichen Taten weiter besang, »diese zehn Pferde, dieses Gepäck und die Waren dieses Handelsmannes aus dem Presidio; dieses schöne junge Mädchen, das wir zufällig auf unserer Rückkehr angetroffen haben und dessen Vater zu glücklich sein wird, das Lösegeld zu bezahlen, nachdem ...«

»Ja«, unterbrach ihn der Renegat hohnlachend, »zwei ehrliche und friedliche Papagos, die ihre Spur bis zum Büffelsee verfolgt haben ...«

Hier ließen sich die Stimmen nicht mehr deutlich verstehen.

»Und wie hast du den indianischen Häuptling bewogen, an deinem Entführungsplan teilzunehmen?« fragte Main-Rouge. »Hast du ihm vielleicht gesagt, daß sich zweiunddreißig Jäger an den Ufern des Sees befinden?«

»Ganz gewiß! Und ich habe ihm die Pferde versprochen, die die Weißen für ihn fangen werden.« »Und er hat eingewilligt?«

»Noch unter einer anderen Bedingung: daß ich ihm nämlich den Komantschen, der in der Umgebung des Red River umherstreift, ausliefere.« Diaz verstand weiter nichts mehr als noch einige zusammenhanglose Worte wie »Rayon-Brûlant«, das Versteck auf der Büffelinsel. Dann setzten die Indianer und die beiden Piraten der Steppe ihren Weg zum Val d`Or fort.

Nun hatte der Abenteurer, der genug von ihrem Plan gehört hatte, um ihn ganz zu erraten, sich beeilt, zu jenen von den Banditen bedrohten Männern zu stoßen, die wilde Pferde jagten; er hatte aber geglaubt, im Vorbeireiten den drei Jägern eine Warnung vor der Gefahr, die ihnen drohte, zurufen zu müssen.

Was Baraja anlangt, so hatte er seinen Plan gefaßt. Nach einem vierstündigen Marsch gelangte man an eine Stelle, die dem Val d`Or nahe genug lag, um die Pyramide des Grabmals in der Dunkelheit sehen zu können. Diesen Ort hatte er als Haltepunkt bezeichnet. Er hütete sich wohl, seine Begleiter auf der Felsenkette aufzustellen, die auf einer Seite das Val d`Or umgrenzte. Er fürchtete mit Recht, daß ein rasch herabgeworfener Blick dem Mestizen die wirkliche Lage des Schatzes zeigen möchte. »Kommt nach dieser Seite hin«, sagte er zu Sang-Mêlé; »von der Höhe dieser Berge aus werden wir die Pyramide bestreichen, wo die Jäger das Gold, das ich Euch als Lösegeld versprach, vergraben haben.« Er zeigte auf einen engen Pfad, auf dem er selbst von den Nebelbergen in die Ebene herabgestiegen war.

»Nimm dich in acht, uns zu betrügen«, sagte der alte Main-Rouge mit einer Miene finsterer Drohung, »denn ich würde dir keinen einzigen Streifen Haut auf deinem Körper lassen!«

»Seid ohne Furcht!« antwortete der Mexikaner. »Aber von welcher Seite wollt Ihr die Wächter des Schatzes angreifen, wenn nicht vom Gipfel dieser Hügel?«

»In der Tat«, sagte Sang-Mêlé; »wenn der Tag anbrechen und diese Nebel zerstreuen wird, dann werden wir über ihnen schweben wie der Adler über seinem Raub.«

Die ganze Schar wollte eben den engen, von Baraja bezeichneten Weg einschlagen, als einer der Apachen, der sich auf die Erde gebückt hatte, um Spuren im Sand zu untersuchen, einen Ausruf ausstieß und zwei von seinen Gefährten zu sich rief. »Was ist das für eine Spur?« sagte er.

»Die des Adlers der Schneegebirge«, antworteten zu gleicher Zeit die beiden Indianer, indem sie damit den kanadischen Jäger bezeichneten.

»Und diese hier?«

»Die des Spottvogels und die des jüngeren Kriegers aus dem Süden!«

Dies waren die Namen, die während der Belagerung der Insel Fabian und Pepe gegeben worden waren. »Gut«, sagte der Apache, »ich war dessen ebenfalls gewiß!« Dann wandte er sich an Sang-Mêlé: »El Mestizo«, fuhr der Apache fort, »wird die Goldkiesel für sich behalten; die Apachen werden kämpfen, um sie ihm zu erobern, und er wird ebenfalls für seine Brüder kämpfen. Das Blut unserer Krieger schreit um Rache. Ihre Mörder sind dort oben, und wir müssen ihren Skalp haben. Elf Krieger werden sich nur unter dieser Bedingung schlagen.«

»Ist es nur das?« antwortete Main-Rouge mit schrecklichem Lächeln. »Die Apachen werden die Skalpe bekommen, die sie verlangen!«

Nachdem dieser Handel abgeschlossen war, gaben die beiden Steppenräuber Baraja ein Zeichen, ihnen voranzugehen, und begannen den Fußsteig emporzuklimmen, während die Indianer sich in der Ebene zerstreuten, um die Jäger zu überraschen, wenn sie die Unklugheit begehen sollten, ihre Festung zu verlassen.

»Wir befinden uns jetzt der Pyramide gegenüber«, sagte Baraja, als sie nach ungefähr einem halbstündigen Marsch an eine Art von Öffnung gekommen waren, aus der der Wasserfall hervorstürzte; aber Wellen dicken Nebels verbargen den Zufluchtsort der drei Jäger, und die Augen der Indianer strengten sich ebenso wie die des Vaters und seines Sohnes vergebens an, diese Wolke zu durchdringen.

»Der Nebel, der diese Berge einhüllt, zerstreut sich niemals – selbst nicht bei Tag –, und du weißt es ebensogut wie ich«, sagte Main-Rouge zu Sang-Mêlé. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir nach einer Stunde dort klarer sehen. Da jedoch diese Hunde von Indianern Skalpe haben müssen ...«

»Greis«, unterbrach ihn der Mestize mit drohendem Ton, »vergiß nicht, daß ich indianisches Blut in den Adern habe, oder ich werde dich daran erinnern!«

»Es ist gut«, antwortete der Vater rauh, ohne sonst am Ton seines Sohnes, an den er gewöhnt war, ein Ärgernis zu nehmen. »Ich meinte, da diese Indianer Skalpe haben müssen, so ist es nötig, daß wir eine andere Stelle aufsuchen, um sie ihnen zu geben.«

Diese Unterredung fand in englischer Sprache statt – der Muttersprache des Jägers, der aus Illinois gebürtig war, wo seine Verbrechen ihn zur Flucht genötigt hatten –, und weder die Indianer noch Baraja hatten ein Wort davon verstanden.

»Ich werde einen finden«, nahm Sang-Mêlé das Wort; »habe nur ein Auge auf diesen Schelm!« fügte er, mit der Hand auf den Mexikaner zeigend, hinzu. Hierauf erstieg er das Gewölbe des Wasserfalls.

»Der Sohn einer indianischen Wölfin wird ohne Zweifel einen passenderen Ort als diesen hier finden, um uns das Gold zu verschaffen, das Ihr uns versprecht, Freund«, sagte der Amerikaner in schlechtem Spanisch und ließ seine schwere Hand auf die Schulter Barajas fallen, als der Mestize sich entfernt hatte. »Bis dahin wollen wir Feuer auf dieser Höhe anzünden; auf diese Weise werden die drei Füchse, die wir umzingeln wollen, sobald sie den Glanz des Feuers mitten im Nebel bemerken, glauben, daß da noch eine andere Abteilung zu ihrer Überwachung aufgestellt ist.«

Ohne den Mexikaner, dem er nicht traute, aus dem Gesicht zu verlieren, entfernte er sich einen Augenblick von ihm, um in der Nähe des Wasserfalls ein Feuer anzuzünden, und ließ Baraja sehr von dem Gedanken beunruhigt zurück, daß der Mestize, um den Angriff zu beginnen, die Felsen wählen könnte, die das Val d`Or beherrschten.

Das war die Ursache der Verzögerung, worüber sich die drei unbeweglichen und schweigenden Jäger auf dem Gipfel ihrer Festung wunderten.

Gerade als die Gefahr rings um ihn und seine beiden Gefährten größer wurde, schmeichelte sich Bois-Rosé, wie es beinahe immer der Fall ist, am meisten mit der Hoffnung, seine Vorahnung, die ihn einen Augenblick erschreckt hatte, beschwichtigen zu können.

»Anstatt uns für eine Kapitulation zu entscheiden«, sagte Pepe, indem er zuerst das Schweigen brach, »wäre es besser gewesen, sogleich die Flucht zu ergreifen oder eine Kugel in das Gehirn eines jeden der beiden Indianer zu senden, die hinter dem Gerippe des Pferdes verborgen liegen. Dies hätte den Knoten zerhauen; denn die Mittelwege sind immer gefährlich!«

»Kann man denn einen Posten wie den unsrigen verlassen, um sich aufs Geratewohl mitten in der Finsternis an einen Ort zu werfen, wo jede Erdfalte, jedes Gesträuch einen Feind verbergen kann; wohin die Indianer auf den Flügeln des Windes getragen zu sein scheinen?« antwortete Bois-Rosé. »Das hätte geheißen, einem gewissen Tod entgegenzulaufen! Unsere Stellung ist dadurch nur noch klarer geworden. Entweder wir kapitulieren ehrenvoll, oder wir verteidigen uns bis auf den Tod. Wir werden jedoch bald wissen, woran wir sind; die Schelme denken nicht mehr daran, ihre Gegenwart zu verbergen. Sieh nur das Feuer dort oben!« Pepe folgte dem Finger des Kanadiers – auf dem Gipfel des Wasserfalls funkelte im Nebel ein bleiches Licht: Es war das Feuer, das Main-Rouge mit Barajas Hilfe eben auf dem Felsenkamm angezündet hatte.

»Oh«, rief Pepe verächtlich aus, »was diejenigen anlangt, die sich dort oben festsetzen, so kümmere ich mich gerade soviel darum als über eine Schar Seemöwen auf einem Felsen am Strand; ihre Pfeile werden so wenig wie ihre Kugeln die wallende Befestigung durchdringen, die ich ihnen entgegengestellt habe. Was jene dort betrifft«, fuhr der Spanier fort, indem seine Blicke nach der Ebene zurückkehrten, »so sind das ausdauernde Schelme, die sich nach und nach immer mehr und mehr nähern.«

Bei diesen Worten brachte Pepe den Lauf seiner Büchse in Richtung des toten Pferdes und zeigte Bois-Rosé in einiger Entfernung diesseits vom Pferd zwei schwarze, kugelartig zusammengerollte Körper, die unbeweglich wie indianische Götzenbilder dalagen.

»Diese Leute verachten uns, und sie haben recht! Ach, Bois-Rosé, warum mußt du ...« Pepe vollendete nicht; ein bitterer Blick seines alten Gefährten ließen den Vorwurf auf seinen Lippen ersterben.

»Möchte ich doch für ihn oder für dich sterben müssen, und du wirst es sehen, Pepe!« rief Bois-Rosé aus. »Ich weiß es, wahrhaftig, ich weiß es!« murmelte Pepe. »Das verhindert jedoch nicht, daß die beiden Körper, die wir zusammengerollt sahen, eben noch hinter dem Pferd lagen und daß sie jetzt vor ihm sind. Ich kann sie jedoch nicht so vergeblich sich anstrengen lassen; aber sei ruhig, ich will mit ihnen freundlich reden, um sie nicht zu erzürnen.«

»Du würdest vielleicht besser daran tun, zu schweigen«, sagte der Kanadier; »ich traue deiner Zunge nicht, wenn sie sich gegen irgendeinen Feind wendet, namentlich wenn dies ein Indianer ist.« Pepe nahm den versöhnlichsten Ton an, der ihm möglich war, und rief mit einer Stimme, die das Brausen des Wasserfalls übertönte: »Das Auge eines weißen Kriegers wünschte nur ein Aas in der Ebene zu sehen, und er sieht deren drei – das sind zwei zuviel!«

Die versöhnlichen Worte des Spaniers machten auf die beiden Indianer den Eindruck eines Pfeils mit scharfer Spitze. Alle beide erhoben sich mit einem Sprung auf ihre Füße, richteten sich in ihrer ganzen Höhe empor und stießen zusammen das Geheul eines wilden Tieres aus. Dann verschwanden sie in zwei anderen Sprüngen hinter der Felsenkette.

»Das sind Teufel, die ich mit Weihwasser besprengt habe«, sagte der frühere Grenzjäger mit einem schallenden Gelächter, in dem sich Verachtung und Wut mischten.

»Im ganzen hast du recht getan«, sagte Bois-Rosé, bei dem der Anblick seiner verhaßten Feinde das Blut durch die Adern peitschte und der durch die Nähe des Kampfes jenen Mut wiedererhielt, den seine Liebe für Fabian allein dämpfen konnte.

»Hurra, ich finde endlich meinen alten Waldläufer wieder!« rief Pepe mit Begeisterung und streckte eine Hand dem Kanadier hin, die andere Fabian. »Frischauf denn! Wir haben zwar weder Hörn noch Trompete; so wollen wir denn unser Kriegsgeschrei wie sonst ausstoßen, wie es drei furchtlosen Kriegern diesen Hunden gegenüber geziemt! Macht es wie wir, Fabian, Ihr habt ja schon die Feuertaufe empfangen.«

Und diese drei unerschrockenen Männer stießen, ebenfalls aufrecht stehend und Hand in Hand, ein dreifaches Geheul aus, das weder an wilder Energie noch an ohrenzerreißendem Klang in irgendeiner Weise dem der Söhne der Steppe nachstand.

Ähnliches Geheul erscholl von der Höhe des Wasserfalls herab und tönte vom Gipfel der Felsen über dem Val d'Or in die Ohren der Freunde auf der Pyramide. Die in der Ebene umherschweifenden Wölfe ergriffen beim Ertönen der menschlichen Stimmen die Flucht, und die ganze weite Steppe versank wieder nach dem letzten Donner des Echos in tiefes Schweigen– der Tag war angebrochen.

Die ersten roten Strahlen der Sonne erloschen im Dunst der Nebelberge wie das glühende Eisen im Wasser; aber der Sand der Ebenen funkelte von goldigem Schimmer, purpurner Widerschein erstrahlte an den Seiten der Felsen, und wie die Taucher ihr triefendes Haar schütteln, so schüttelten die Gipfel der Tannen im Morgenwind die letzten Flocken des nächtlichen Nebels ab.

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