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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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47 Die inneren Stimmen

Unterdessen wurden die von den Höhen gebildeten Schatten nach Osten zu unmerklich immer länger und ragten nach und nach in die Ebene hinein. Unter diesen Schatten, die in dem Maße größer wurden, als die Sonne, ihren ewigen Kreislauf beschreibend, sich dem Westen näherte, erloschen die Streiflichter des Val d'Or wie eine trügerische Luftspiegelung. Noch einige Stunden, und dieselbe Dunkelheit, dieselbe Ruhe hüllte abermals die Einöden ein, wo all diese Ereignisse sich zugetragen hatten.

Eine Pflicht blieb noch zu erfüllen übrig: nämlich Don Antonio ein seiner würdiges Begräbnis zu geben. Pepe und der kanadische Jäger übernahmen diese Sorge, und seine Leiche wurde von ihren Armen bis auf den Gipfel der Pyramide getragen, wo sie ihre letzte Ruhestätte im Grab des indianischen Häuptlings fand. Die abergläubische Verehrung, die diesen Ort beschützte, sicherte sie vor der Entweihung der Menschen; der Wind, der über die Höhen hinstreicht, mußte den Leichengeruch weithin verwehen und den Toten der Witterung der wilden Tiere entziehen. Die Steine, die ihn deckten, schützten ihn hinlänglich gegen die Raubvögel.

Wie oft«, sagte der Jäger melancholisch, »bin ich nicht seit der Zeit, wo ich alt genug bin, ein Gewehr oder eine Büchse zu führen, in diesen feierlichen Augenblicken zugegen gewesen, wo man seine Toten zählt! Ach, was man auch dagegen sagen mag – der blutdürstige Sinn des Menschen wird niemals vergehen; mag er nun seinesgleichen auf dem unermeßlichen Ozean oder in den Einöden des festen Landes begegnen – immer ist es dasselbe Resultat: Blut, das das Meer rötet oder das der Sand trinkt! Und doch scheint Gott Erde und Meer nur so unendlich groß geschaffen zu haben, damit jedermann Platz darauf hat.«

»Ist das ein halber Vorwurf, den du mir machst?« fragte Fabian in schmerzlichem Ton. »Ich hatte den Mörder meiner Mutter verurteilt, und die Hand eines anderen ist nur meiner Gerechtigkeit zuvorgekommen, wirst du sagen. Ich hatte auch den Mörder meines Adoptivvaters verurteilt, wie ich deinen Mörder verurteilt haben würde; ein anderer hat ebenfalls die Vollstreckung des Spruchs auf sich genommen. Was ich getan habe, würde ich noch einmal tun«, fügte er mit Festigkeit hinzu. »Hätte ich wohl das Recht gehabt, dem einen wie dem anderen Verzeihung zu gewähren?«

»Deine Seele ist voll Bitterkeit, mein Kind«, sagte Bois-Rosé. »Nein, nein, ich würde ungerecht und unvernünftig sein. Wenn ich auch nicht selbst eine der deinigen gleiche Ansicht in dieser schrecklichen Sache ausgesprochen hätte, so würde ich doch nicht das Recht haben, dich anzuklagen. Gott bewahre mich davor, dein Verfahren zu tadeln! Es ist freilich wahr: Ich habe irgendwo in der Bibel gelesen: ›Die Rache ist mein, spricht der Herr.‹ Ich habe auch darin gelesen: ›Wehe dem, der in meiner Hand der Stab meiner Gerechtigkeit und die Rute meines Zorns sein wird!‹ Aber ... wir haben uns mit Unrecht die Rache des Herrn angemaßt.«

»Wir sind der Stab seiner Gerechtigkeit gewesen«, unterbrach ihn Fabian mit düsterem Ton; »heißt es darum auch: Wehe über uns?«

Bois-Rosé hörte auf, unbewußt mit dem Schloß seiner Büchse zu spielen, und warf auf Fabian einen Blick zärtlicher Liebe. Man konnte leicht sehen, daß der junge Mann eine der geheimsten und schmerzlichsten Befürchtungen seines Herzens laut ausgesprochen hatte. »Das habe ich nicht damit sagen wollen«, erwiderte der Kanadier, der sich selbst durch den prophetischen Sinn seiner eigenen Worte traurig getroffen fühlte; »dieses Verbot und diese Drohung finden nicht auf die gewöhnliche Gerechtigkeitspflege der Menschen ihre Anwendung, und wir haben heute den Gerichtshof der Städte vertreten, der die Stelle Gottes selbst vertritt. Es war eine von den traurigen Notwendigkeiten, die uns die Vorsehung auferlegt und denen wir uns nicht entziehen können. Du hast dich dieser unterworfen, wie nur ein edelmütiges Herz es tun kann. Hast du nicht edel genug die Größe dieser Welt von dir gewiesen, die der Mörder deiner Mutter dir anbot? Anders zu handeln, wäre Feigheit gewesen. Ich bin stolz auf dich, mein vielgeliebtes Kind; erblicke darum in meinen Bemerkungen über die Wut der Menschen, sich gegenseitig zu zerstören, nur einen schmerzlichen Gedanken, der mich unwillkürlich überfiel. Die Zeit kommt immer näher, wo ich allein sein werde, und ich habe mich des Gedankens nicht erwehren können, daß ich vielleicht, wenn eines Tages auch an mich die Reihe kommt, keinen Feind finden werde, der meine Leiche den wilden Tieren oder den Entweihungen der Menschen entzieht.«

Fabian antwortete nicht, und der Jäger fuhr, einen Seufzer erstickend, fort: »Ehe ich dich wiedergefunden hatte, Fabian, wagte ich nicht an die Vergangenheit zu denken; heute wage ich es nicht, in die Zukunft zu blicken.« Er seufzte abermals. »Doch was nützt es, sich mit dem zu beschäftigen, was nicht mehr ist, oder mit dem, was noch nicht ist? ... Was kann ich gegenwärtig mehr wünschen? Bist du nicht bei mir, und habe ich nicht noch einmal das Kind zu beschützen, das der Himmel mich hat wiederfinden lassen? Wohlan denn! Wenn du nicht mehr bei mir sein wirst, werde ich zu mir sagen: ›Wenn Gott, der ihn zweimal zu mir gesandt hat, ihn mir nicht abermals zurückgibt, so ist mir das ein Beweis, daß er reich und glücklich ist und daß keine Gefahr ihn bedroht‹, und dieser Gedanke wird meine Einsamkeit mit Freude füllen.«

Der Jäger wandte sich ab, um die Bewegung zu verbergen, die sich auf seinem Gesicht ausdrückte und seine Stimme überwältigte; er schien eine Antwort Fabians zu erwarten, aber Fabian blieb stumm.

»Alles Gold hier gehört dir, mein Kind«, fuhr Bois-Rosé fort; »es ist das Erbe, das dein Adoptivvater dir hinterlassen hat; Pepe und ich werden soviel davon mitnehmen, als unsere Kräfte es nur gestatten. Wir haben schon viel Zeit verloren. – Auf, Pepe, ans Werk!« wandte sich der Kanadier an den Spanier, der, sein Gesicht auf die Hand gestützt, ebenfalls melancholische Blicke auf die Steppe warf, denn die Befriedigung einer Leidenschaft läßt im Herzen immer die Stelle leer, die von ihr eingenommen wurde.

»Noch nicht«, sagte der durch den zärtlichen Ton Bois-Rosés beruhigte junge Mann sanft. »Wenn ihr es für gut befindet, so wollen wir die Nacht hier zubringen. Ich bin der Ruhe bedürftig; ein schrecklicher Schlag hat meinen Geist erschüttert; ich werde mich in der Stille der Nacht und der Steppe mit mir selbst darüber beraten, worüber ich einen Entschluß fassen muß, und morgen will ich euch diesen mitteilen.«

»Worüber du einen Entschluß fassen mußt?« fragte Bois-Rosé mit erstaunter Miene.

»Es ist jetzt zu spät, um sich auf den Weg zu machen«, sagte Fabian, ohne sich weiter zu erklären.

»Gut. Ich will dir nicht widersprechen; ein Tag mehr mit dir verlebt wird mir immer kostbar sein. Du hörst es, Pepe; mein Rat ist also, unser Lager dort oben auf dem Hügel aufzuschlagen. Diese Höhe wird uns vor einem Überfall Sicherheit gewähren.«

»Ja«, sagte Fabian; »vielleicht bringt die Nähe des Mannes, der seit einer Stunde neben dem indianischen Häuptling ruht, irgendeine Lehre für mich, die ich benützen werde.«

Die Sonne neigte sich immer mehr gegen den Horizont hinab, und die drei Freunde erklommen abermals die Höhe. Vom Gipfel aus beherrschte das Auge weithin das Land, und die feierliche Stille versprach eine ruhige Nacht. Einen Schwarm von Geiern ausgenommen, der über dem Pferd Don Estévans schwebte, das wie sein Herr in seinem Grab leblos auf der Ebene zurückgeblieben war und die Erinnerung an eine blutige Begebenheit weckte, hatte alles wieder dasselbe Bild düsterer Ruhe angenommen.

Diese ruhigen Abendstunden wecken auf dem Land die Träumerei; aber in der Steppe mischt sich unter die Gedanken, die sie hervorrufen, immer ein Gefühl von Furcht. Pepe war weniger in Nachdenken versunken als seine beiden Gefährten und warf allein von Zeit zu Zeit besorgte Blicke auf den Horizont. »Meine Ansicht ist«, sagte er endlich, »daß wir eine große Unklugheit begehen, wenn wir diese Nacht hierbleiben.«

»Warum denn? Wo könnten wir eine stärkere und vorteilhaftere Stellung finden als auf dieser Höhe?« erwiderte der Kanadier.

»Wir haben zwei Schelme entkommen lassen, deren Groll uns einen schlechten Streich spielen wird.«

»Was? Dieses Geschmeiß? Erinnerst du dich nicht, daß wir den einen dieser Taugenichtse in denselben Abgrund fallen gesehen haben, wohin du Cuchillo gesandt hast, ihm Gesellschaft zu leisten?«

»Das ist wahr, und ich werde noch lange an das herzzerreißende Geschrei dieses Unglücklichen denken!« erwiderte Pepe, schaudernd bei dieser furchtbaren Erinnerung. »Aber der andere wird zum Lager zurückkehren, und vielleicht noch heute abend werden wir sechzig Männer auf dem Nacken haben.«

»Ich glaube nicht daran. Derjenige, der vor unseren Augen in den Abgrund des Wasserfalls stürzte, ist ohne Zweifel nicht zufällig hineingefallen. Ich möchte wetten, daß sein Gefährte ihn hinuntergestoßen hat. Warum? Um allein Besitzer der Geheimnisse zu bleiben; und wenn er es nicht mit seinem Freund hat teilen wollen, wird er dann wohl sechzig heißhungrige Goldsucher zu einem Mahl einladen, das er für sich in Anspruch nimmt? Weit davon entfernt, zum Lager zurückzukehren, muß der Schelm vielmehr zu dieser Stunde in irgendeiner Schlucht versteckt liegen, um die Nacht zu erwarten. Wenn die Finsternis die Steppe bedeckt, werden wir ihn um den Schatz herumschweifen sehen, wie wir die Wölfe nach dem Leichnam des Pferdes dort unten werden heulen hören.«

Der Kanadier täuschte sich nicht in seinen Schlüssen; wenigstens was Oroches Schicksal betraf.

»Alles, was du da sagst, klingt sehr wahrscheinlich«, antwortete Pepe, ohne überzeugt zu sein; »nichtsdestoweniger bleibe ich bei meiner Ansicht. Wir haben noch zwei Stunden Tag vor uns und sollten jeder dreißig bis vierzig Pfund von diesem Gold mitnehmen. Das ist ein leichtes und macht, wenn ich mich nicht täusche, eine ziemlich runde Summe aus. Wir würden dann die ganze Nacht in der Richtung zum Presidio von Tubac marschieren und irgendwo ein Versteck suchen; wir würden unseren Schatz vergraben, dann zurückkommen und neuen Vorrat holen. Der Schelm, der dadurch freies Feld bekommt, würde uns, sollte er auch soviel Gold mitnehmen, als er selbst schwer ist, doch noch mehr zurücklassen, als Don Fabian braucht. Seht doch, ist eine solche Anhäufung von Reichtümern in diesem Tal nicht ein Wunder Gottes?«

Bei diesen Worten warfen die beiden Jäger einen Blick hinunter. Die Schatten verlängerten sich langsam, und der magische Glanz verschwand nach und nach. »Ich sagte dir, daß der Mann nicht zum Lager zurückkehren wird; es liegt nicht in seinem Interesse«, fuhr Bois-Rosé fort. »Und außerdem werden wir auch in einigen Stunden aufbrechen.« »Und der arme Teufel, den wir dort unten zurückgelassen haben? Sollen wir bis morgen warten, ihn abzuholen?«

»Müßten wir nicht noch länger warten, wenn wir deinem Rat folgten? Ich stehe dafür, daß ihn das Fieber den ganzen Tag wie ein Murmeltier hat schlafen lassen«, erwiderte Bois-Rosé. »Er ist in Sicherheit; er hat Wasser; wir könnten doch bis morgen nichts für ihn tun. Meine Ansicht ist, ihn zu lassen, wo er ist. Das ist vielleicht hart«, sagte er ganz leise, »aber du begreifst, daß er die genaue örtliche Lage des Schatzes nicht wissen darf, wenn auch, daß es hier irgendwo einen solchen gibt. Wir werden ihn für die gezwungene Einsamkeit, in der wir ihn zurücklassen, dadurch entschädigen, daß wir ihm einige Goldkiesel geben, denn ... Ach, das bringt mich in Verlegenheit: Was werden wir dann mit ihm anfangen?«

»Wir werden es überlegen; aber ich vermute, sobald er einige Pfund Gold in seiner Tasche fühlt, so wird er nichts Eiligeres zu tun haben, als uns zu danken und seine Flucht nach menschlichen Wohnungen zu nehmen.«

Diese Unterhaltung zwischen den beiden Jägern fand in der Zeit statt, als Fabian einen Augenblick in die Ebene hinabgestiegen war, um freier nachdenken zu können.

»Das Klarste von alledem ist«, schloß Pepe, »daß du meiner Ansicht bist, aber daß Don Fabian den gefährlichen Einfall hat, die Nacht hier zuzubringen, und daß dies höchstes Gesetz für dich ist.«

Der Kanadier lächelte und antwortete nicht. In diesem Augenblick fand sich Fabian bei seinen beiden Gefährten auf dem Gipfel des Hügels wieder ein.

»Die Reihe ist an mir«, sagte der Grenzjäger, »einen Blick hinter diese Felsen zu werfen.«

Pepe entfernte sich, die Büchse auf der Schulter. Eine halbe Stunde später kam er zurück. Er hatte die Spuren Barajas und Oroches in der Richtung nach den Bergen hin wiedergefunden, es aber nicht für angemessen gehalten, diesen weiter als einige hundert Schritte zu folgen. Dann hatte er noch einmal die kleine Felsenkette erstiegen, unter deren Schutz die beiden Abenteurer ihren Büchsen entkommen waren.

»Die Gipfel dieser Felsen«, fügte der ehemalige Soldat hinzu, indem er seinen Bericht schloß, »– und ihr könnt es beide von hier aus sehen – sind mit so dichtem Gebüsch bedeckt, daß fünf oder sechs Männer uns auf dieser Plattform viel Schaden zufügen könnten, und ich möchte fast raten, diesen Posten zu verlassen und uns dort oben niederzulassen.«

Ein örtlicher Umstand allein ließ den Kanadier Pepes Ansicht nicht teilen: Im Fall einer Belagerung nämlich war ihnen der Wasserfall nahe genug, um sich mit Hilfe einer an das Ende eines Baumzweigs gebundenen Kürbisflasche mit Wasser zu versorgen. Das war eine kostbare Hilfsquelle, denn unter einer glühenden Sonne war Wasser fast notwendiger als Lebensmittel. Die drei Jäger beschlossen also nach gemeinsamer Verabredung, auf der Plattform zu bleiben und etwa um vier Uhr morgens aufzubrechen.

Der Kanadier hatte das Erscheinen des geheimnisvollen Bootes in der Ferne, das seinen Augen im Lauf des Morgens aufgefallen war, nicht vergessen. Er verhehlte sich ebensowenig, daß es nach Pepes Ausdruck ein gefährlicher Einfall Fabians war, hartnäckig die Nacht an einem Ort zubringen zu wollen, dessen Geheimnis sich auf die eine oder andere Weise in das Lager der Goldsucher hatte verbreiten können. Aber es war dem würdigen Kanadier genug, daß sein Kind diesen Wunsch so förmlich ausgedrückt hatte, um sich willig darein zu fügen. Alles in allem war die Plattform des indianischen Begräbnisses höher als die Felsenkette. Zwei von jenen großen, flachen Steinen, die so zahlreich in der Ebene lagen und sich ganz in ihrer Nähe befanden, wurden auf die hohe Kante gestellt, und dieser Schutz bildete bald – in Verbindung mit den natürlichen Zinnen des abgestumpften Hügels – eine Deckung, hinter der die drei Jäger im Notfall vor den Kugeln sicher waren.

Nachdem diese Vorkehrung getroffen war, warf der Kanadier einen Blick ruhiger Befriedigung um sich her. Ihr Vorrat an Pulver und Blei war mehr als hinreichend, und der Jäger verließ sich im übrigen auf sein unerschrockenes Herz, auf seinen richtigen Blick und auf jene Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln, die ihn schon aus so vielen gefährlichen Lagen und dem Anschein nach unüberwindlichen Schwierigkeiten gerettet hatte.

»Nun«, sagte Pepe, »wollen wir vor dem ersten Viertel der Nacht erst etwas essen. Hast du noch ein wenig trockenes Fleisch in deiner Jagdtasche, Bois-Rosé? Was mich betrifft, so habe ich kaum noch einige Brocken, die hintereinander herlaufen, ohne zusammenzutreffen.«

Nach der Untersuchung der Mundvorräte fand es sich, daß mit Ausnahme einer Quantität Pinole,Pinole ist grobes Mehl aus gestoßenem Mais, gemischt mit einem Teil Zucker und gestoßenem Zimt. die noch für zwei Tage ausreichte, in der Sonne getrocknetes Fleisch gerade noch für ein kärgliches Mahl vorhanden war. Da aber Fabian erklärte, er wäre mit einer Handvoll Maismehl, in Wasser gerührt, zufrieden, so beschlossen die beiden Jäger, sich mit ihrer Cecina, wie sie sich in Bois-Rosés Jagdtasche fand, zu begnügen.

»Weißt du wohl«, sagte Pepe, indem er sich ans Werk machte, »daß wir seit unserem Aufbruch von der Hacienda – jenes Reh ausgenommen, dessen Überreste du in der Sonne trocknen ließest – nur sehr magere Mahlzeiten gehalten haben?«

»Was willst du mehr?« antwortete der Kanadier. »Drei Männer, allein in der Steppe, wagen es nicht, ein Feuer anzuzünden oder einen Büchsenschuß nach einem Damhirsch zu tun, aus Furcht, sich zu verraten.«

»Das ist wohl wahr; aber was auch daraus folgen mag – wehe dem ersten Reh, das sich im Bereich meiner Büchse findet!«

Während der Jäger und Pepe ihre frugale Mahlzeit beendeten, war die Sonne verschwunden; die Sterne gingen einer nach dem anderen auf, und der Nebel fiel dichter und kälter auf dem Gipfel der Nebelberge.

»Wer wird die Wache während des ersten Viertels der Nacht übernehmen?« fragte Pepe.

»Ich werde es sein«, erwiderte Fabian; »Ihr und Bois-Rosé werdet schlafen. Ich werde für euch wachen, denn der Schlaf ist meinen Augen fern.«

Vergeblich bestand der Jäger darauf, daß Fabian als der Jüngste zuerst einige Augenblicke ruhen solle; dieser bestand auf seinem Entschluß. Bois-Rosé streckte sich also an der Seite des Grenzjägers nieder, und alle beide hatten bald die Ereignisse des Tages vergessen.

Fabian war allein wach geblieben; er wickelte sich in seinen Mantel, kauerte sich, das Auge nach Westen gerichtet, nieder, da von da her besonders die Gefahr kommen konnte, und hielt sich ebenso unbeweglich wie diejenigen, die an seiner Seite schliefen.

Mitten in der Stille der Nacht, bei dem Grab, dessen Erde noch frisch war, treu – ohne es zu wissen – dem Wahlspruch seines Hauses: »Ich werde wachen!«, befragte er nacheinander drei Ratgeber, die niemals täuschen: die Einöde, den Tod und Gott. Sein Nachdenken währte lange und war tief, denn der Mond war schon aufgegangen und beschien weithin die Ebene mit seinem bleichen Licht, als er den Ort verließ, wo er so lange unbeweglich sitzen geblieben war, und sich dem Rand der Plattform näherte. Der Mond entlockte den in dem engen Tal verstreut liegenden Goldblöcken bläuliche Blitze. Ein ziemlich umfangreicher Gegenstand zeichnete sich noch unter allen funkelnden Steinen aus, die den Boden bedeckten. Es war der Schatz, den Cuchillo in den Falten seiner Zarapa zusammenzuhäufen begonnen hatte und der jetzt keinen Herrn mehr besaß.

Fabian betrachtete lange diese wunderbaren Reichtümer, an denen soviel Ehrgeiz gescheitert war. Unter den Füßen des jungen Mannes mit den abgenutzten, ärmlichen Kleidern lag hier ein ganzes Leben voll Macht und Luxus, um die Reichsten davor erbleichen zu machen. Mit einem Teil dieser Goldkiesel konnten alle Wünsche befriedigt werden, die im Menschen nur entstehen können, alle Pläne mit Erfolg gekrönt werden, deren Ausführung überhaupt möglich ist.

Das Gold ist fast immer ein ebenso schlechter Ratgeber als der Hunger. Ein schreckliches, schon vergessenes Wort seiner Adoptivmutter auf ihrem Totenbett fing plötzlich wieder an, in Fabians Ohren zu klingen: »Versprich mir, Arellanos zu rächen«, hatte die Sterbende gesagt, »und ich will dir ein Geheimnis mitteilen, das dich so reich machen wird, daß du den Gegenstand deiner tollen Leidenschaft für eine Stunde, einen Tag, einen Monat – wenn es dir beliebt, bis zu dem Augenblick wirst erkaufen können, wo du, ihrer überdrüssig, sie von dir in die Arme eines Mannes wirfst, der zu glücklich ist, sie mit dem Schatz zu nehmen, mit dem du ihren Besitz bezahlt hast.«

Einen Augenblick blieb Fabian, erschüttert über seine verschmähte Liebe, bei diesem abscheulichen Gedanken stehen; ein blendender Schwindel umhüllte seine Augen, dann hörte sein Herz auf, heftig zu klopfen, und bald war es beim Anblick dieser Goldmasse von einem unendlichen Ekel erfüllt; eine bittere Traurigkeit bemächtigte sich seiner, als ob das Leben für ihn nichts Verlockendes mehr gehabt hätte. Er fühlte eine traurige Enttäuschung, ähnlich wie bei den Mächtigen der Erde, denen Gott zu ihrem Unglück die Mittel gegeben hat, die Lichter, die das menschliche Leben wie ein Leuchtturm erhellen – nämlich die Furcht, den Wunsch, die Hoffnung auszulöschen –, und denen nur noch das Unmögliche zu träumen übrigbleibt. Fabian schien plötzlich zu fühlen, daß die kalte Hand des Alters das glühende Herz, das bis jetzt in seiner Brust geschlagen hatte, zu Eis erstarrte.

Und doch bezauberten die bleichen Lichter, die über dem zu seinen Füßen ausgebreiteten Gold tanzten, das Auge des jungen Grafen wie die Irrwische, die nachts in den Abgrund führen. Einen Augenblick belebte sich sein finsteres Auge von neuem, das Blut strömte heftiger in seine Wangen – aber es war nur ein Augenblick. Dann war es ihm, als ob sich die weißen Schattenbilder seiner Jugendtäuschungen, erstickt durch die unheilbare Verzweiflung, die aus der Übersättigung entspringt, in Tränen schwimmend auf diese bleichen Lichter herabneigten.

»Nein«, sagte er zu sich selbst; »zu hoffen, wenn man leidet; zu genießen, wenn man gelitten und gearbeitet hat; das Gute zu schätzen in der Vergleichung mit dem Bösen; sich in lockende Träumereien, die sich nicht verwirklichen lassen, zu verirren – das ist das Leben, das Gott dem Menschen vorgezeichnet hat. Vielleicht sind die Reichsten die Söhne, denen er seine Liebe entzogen hat. Weiche von mir«, sagte er, »versuchender Dämon des Reichtums!«

Und der junge Mann schloß die Augen; dann kehrte er zurück und setzte sich wieder auf seinen Platz. Er hatte seinen Entschluß unwiderruflich gefaßt. Unterdessen hatte Bois-Rosé das erste Bedürfnis nach Schlaf befriedigt und öffnete die Augen, als Fabian noch in seinen Gedanken versunken dasaß. Die Stimme des Jägers entriß ihn diesen.

»Nichts Neues?« fragte Bois-Rosé.

»Nichts«, antwortete Fabian; »aber warum unterbrichst du so bald deinen Schlaf?«

»So bald? Die Sterne haben nicht weniger als vier Stunden für den Weg gebraucht, den sie zurückgelegt haben; es ist wenigstens Mitternacht.«

»Schon? Ich dachte nicht, daß die Nacht so weit vorgerückt wäre.«

»Schlafe nun ebenfalls, mein Kind«, sagte Bois-Rosé; »es ist nicht gut, daß die Jugend so lange wie das Alter wacht.«

»Schlafen?« erwiderte Fabian, indem er den Finger auf den Arm des alten Jägers legte. »Ist es klug zu schlafen, wenn man solchen Lärm um sich herum hört?«

Klagendes Geheul ertönte aus der Ebene von der Stelle, wo das Pferd Don Estévans durch die Kugel des Kanadiers gestürzt war und sich nicht wieder erhoben hatte. Schwarze Gestalten zeigten sich bei dem diffusen Licht des Mondes in undeutlichen Umrissen.

»Diese Wölfe klagen um eine Beute, die sie in Gegenwart der Menschen nicht zu zerreißen wagen«, fuhr Fabian fort. »Vielleicht sind wir nicht die einzigen hier, sie abzuschrecken.«

Ferne Schüsse schienen plötzlich Fabians Befürchtungen zu bestätigen. Der Jäger war ein Mann, der sich angewöhnt hatte, die sichersten Schlüsse aus den geringsten Anzeichen wie aus dem leisesten Geräusch in der Einöde zu ziehen, und brauchte darum nur eine Minute, um zu wissen, was los war. »Die Mexikaner«, sagte er, »sind zum zweitenmal mit den Apachen aneinandergeraten, und zwar sehr weit von hier. Was diese Wölfe betrifft, so schreckt sie unser Anblick allein zurück; schlafe also, mein Kind, und schlafe immer ohne Furcht, wenn ich für dich wache; du mußt den Schlaf benötigen.«

»Ach«, sagte Fabian, »seit einiger Zeit sind meine Tage Jahre gewesen; heute habe ich wie das Alter das Vorrecht der Schlaflosigkeit. Könnte ich außerdem wohl Ruhe nach dem Tag erwarten, der eben verflossen ist?«

»Wie schrecklich er auch gewesen sein mag – noch niemals hat der Schlaf gefehlt, wenn man mutig seine Pflicht erfüllt hat«, antwortete Bois-Rosé. »Verlaß dich auf die Erfahrung eines, dessen Urteil in der Einöde gereift ist.«

»Ich will es versuchen«, erwiderte Fabian. Und mehr, um Bois-Rosé einen Gefallen zu tun, als um ein Bedürfnis, das er nicht fühlte, zu befriedigen, streckte er sich ebenfalls auf die Erde nieder.

Bald aber wurden unter dem Rückschlag der schrecklichen Erschütterungen des Tages seine gebrochenen Muskeln schlaff, seine Augen schlossen sich wider seinen Willen, und ein tiefer Schlaf – ein Schlaf, wie ihn nur die Jugend kennt – hemmte plötzlich den Strom seiner Gedanken. Wie in der Kindheit Fabians beugte sich der kanadische Riese über sein Gesicht, das vom bleichen Mondlicht beleuchtet wurde.

»Du Kind mit den blonden Haaren, das ich einst so oft bewacht habe«, sagte er zu sich, indem er sich nach der wohlgefälligen Weise des Alters in die Zeit seiner Jugend zurückversetzte; »du, der du jetzt in deiner Kraft einschlummerst, dessen Gesicht die Sonne gebräunt, dessen Haar die Zeit geschwärzt hat; du, der du mir wie der Anfang und das Ende eines ununterbrochenen Traumes erscheinst, schlafe noch einmal ruhig unter dem Auge des Jägers, der dich reich gemacht hat, wie du einst schliefst unter dem Schutz des Matrosen, der dein Leben gerettet hatte. Der Augenblick kommt heran, wo sich unsere Pfade abermals trennen werden, um sich nie wieder zu treffen; der Weg zu den Städten ist nicht der, der in die Steppe führt; die Eiche und der Palmbaum könnten nicht unter demselben Himmel gedeihen.«

Während Bois-Rosé diese Worte mit tiefer Schwermut sprach, hob er leise das Haupt des jungen Mannes, den diese Berührung nicht aufweckte, empor, legte es auf seinen Schoß und stellte sich zwischen die Strahlen des Mondes und die geschlossenen Augen Fabians. Über ihnen strahlte der Himmel von Sternen.

In den dreißig Jahren seines Matrosen- und Jägerlebens hatte der Kanadier niemals ohne Rührung die sich bewegende Unermeßlichkeit betrachtet, wo jeder Funke eine Welt ist und wo so viele Millionen Welten sich bewegen, ohne aneinanderzustoßen. Eine unbestimmte, melancholische Träumerei bemächtigte sich des alten Mannes, der den Harmonien der Erde, verbunden mit den stummen Harmonien der höheren Regionen, lauschte. Der Wasserfall rauschte dumpf in der Tiefe des Abgrunds, in den seine Gewässer sich stürzten; die Nadeln der Tannen rauschten zuweilen im Wind, und von den Nebelbergen schien ein geheimnisvolles Getöse herabzukommen und in der Ebene ein Echo zu finden.

»Wie sehr«, sagte Bois-Rosé zu sich, indem er dem Strom seiner Gedanken folgte, »wie sehr gleicht doch der Ozean der Steppe! Ich höre von hier, wie das Meer sich bricht, ich höre, wie der Kanonendonner weithin widerhallt. Wie oft hat mich nicht das Krachen der Masten an das Rauschen dieser großen Bäume erinnert! Wie oft habe ich nicht geträumt, wenn ich die Bäume vom Wind erschüttert sah, daß ich das Stöhnen der Masten des ›Albatros‹ hörte! Der Ozean, die Steppe und Fabian – das sind die drei Gegenstände der Liebe in meinem Leben. Die Steppe allein hat mich das Meer vergessen lassen. Wer wird mir die Steppe ersetzen? Fabian ohne Zweifel. Wohlan, ich will es versuchen«, fuhr der Jäger seufzend fort. »Auch ist der Mensch nicht geschaffen, sein ganzes Leben in den Wäldern, fern von seinesgleichen, zuzubringen. Ja, ich will auf mein umherschweifendes Leben verzichten, und Fabian wird dieses Opfer mit Dank vergelten.«

Nun ließ der Jäger seinen Geist sich nach einer längst vergessenen Welt verirren. Plötzlich durchzuckte ein schmerzlicher Argwohn sein Herz.

»Damit aber Fabian mir für ein Opfer Dank weiß, das ohne Zweifel mein Leben verkürzen wird, wäre es nötig, daß er es von mir verlangte. Zweimal habe ich auf unsere bevorstehende Trennung angespielt, und zweimal hat sein Schweigen mir das Herz gebrochen. O Gott, welche letzte Prüfung sparst du mir noch auf?«

Dann erhob der Jäger wie alle diejenigen, die die Zukunft zu ergründen suchen, seine feuchten Augen zum Firmament, wo das natürliche Gefühl den Menschen immer die Beschlüsse Gottes hat suchen lassen. Der »Wagen« neigte sich nach Norden und war im Begriff, hinter den Hügeln zu verschwinden, und wie eine traurige Vorbedeutung erstarben fallende Sterne – ähnlich der Hoffnung, die einen Augenblick glänzt und dann erlischt –, indem sie den Himmel mit feurigen Linien durchfurchten.

Fabians Haupt ruhte immer noch auf dem Schoß des Kanadiers.

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